Rosa Mai.

Luna schien zur Abendfeier,
Und in ihrem Sternenschleier
Kam die thränenfeuchte Nacht;
Tausende, noch unbegraben,
Geierbeute, Spiel der Raben,
Trug das Blutgefild der Schlacht.

Aber Manche, reich an Wunden,
Die das Ende nicht gefunden;
Sah'n aus Leichenschutt hervor!
Der Verzweiflung wilde Töne,
Fluch, Gebet, und Angstgestöhne,
Drangen noch zu Gott empor!

Tochter, Gattin und Matrone,
Fanden hier den Tod zum Lohne,
Treu der Ehre, sonder Schmach!
Ja, der Hekatombenspende
Sandten auch die Würgerhände
Noch das Kind der Wiege nach!

Doch — indess bei Mondenschimmer,
Droben auf dem Burg-Getrümmer,
Noch der Todesengel sass;
Und die ungelad'nen Gäste,
Bei Thoreida's Todtenfeste,
Lärmen, schwelgen, ohne Maass; —

Während dort, wie Feuerdrachen,
Brände durch die Lüfte krachen,
Mit der Hölle Glutgewalt:
Sieh, da wandelt, Gott-berufen,
Einsam auf den Trümmerstufen,
Eines Freundes Huldgestalt!

Greif, der Schreiber auf dem Schlosse,
Waffenlos im Kriegertrosse,
Und dem Sieger unterthan:
Gründet sich, den Muth zum Schilde,
Nieder zu dem Schlachtgefilde,
Mühenvoll die schwere Bahn.

Labsal für die rechte Stunde,
Oel und Balsam für die Wunde,
Und vielleicht das letzte Brot:
Trug er liebend und geschäftig;
Trug der Edle, thatenkräftig,
Für der Nöthen höchste Noth!

Spähend nun im Leichenbette,
Ob die Hand noch Leben rette:
Warf er seinen Blick umher;
Doch, bei allem Muth und Streben,
Fand er keine Spur von Leben,
Keinen Strahl der Hoffnung mehr.


Von des Todtenfeldes Mitte,
Wandt er, klagenvoll, die Schritte,
Wieder heim, an seine Pflicht;
Aber sieh! die Blicke schauen —
Noch ein Bild von Edelfrauen,
Weiss, wie Schnee, von Angesicht!

Liebend folgte sie dem Gatten,
Selber in das Reich der Schatten;
Sein auf ewig, hier und dort!
Denn vermählte Seelen tragen,
Wann die Herzen nicht mehr schlagen,
Ihre Liebe mit sich fort.


Und an ihrem starren Busen
Lag, — zu fernem Lied' der Musen,
Grosser That noch aufbewahrt, —
Von dem Schicksal auserlesen:
Noch ein kleines Engelwesen,
Gleich der Perle rein und zart!

Halb dem Würger hingegeben,
Mehr schon Leiche, kaum noch Leben,
Mit dem Rest von Lebenslust:
Sog das Kind am Nektarbronnen;
Doch — er war zu Eis geronnen!
Marmor blieb die kalte Brust!


Greif, der Edle, Muthbeseelte,
Greif, der von dem Herrn Erwählte:
Nahm das Kind in Vaterarm;
Pflegte sein mit Lust und Bangen,
Küsste Rosen auf die Wangen,
Und die kalte Lippe warm.

Wie von Sturmes Macht getrieben,
Führt ihn Liebe dann zur Lieben,
Hin, zur Gattin, ihm vertraut:
Die, von hohem Söller droben,
Herz und Blick zu Gott erhoben,
Einsam in die Ferne schaut.


Und er kam mit froher Kunde!
Und aus seinem Rettermunde
Klang der Liebe Zauberton:
»Mutter, wirf den Kummer nieder!
Eine Tochter bring' ich wieder,
Nach dem früh verklärten Sohn!« —

Sieh! und Thau in holden Augen,
Liess die Mutter Kindlein saugen,
An der Lebensfülle Born. —
Beifall winken, aus der Ferne,
Myriaden gold'ne Sterne;
Luna mit dem Silberhorn!

»Für den Sohn, von Gott empfangen,
Für den Sohn, zu Gott gegangen:
Sei nun Tochter diesem Haus!« —
Also, nach dem Sturm' der Leiden,
Also sprechen — Eins die Beiden,
Dankbar, ihren Segen aus.


So nun, an des Todes Thoren,
Kaum dem Leben neu geboren,
Nicht zum Opferlamme reif:
Sieht der Säugling, zart umfangen,
Mit der Liebe Kussverlangen,
Auf den lieben Vater Greif.

Diesen führt, am nächsten Tage,
Ringsumher die Sorgenfrage:
Nach der Eltern Stammgeschlecht;
Aber, ach, die Todten schweigen!
Nimmer will sich Kunde zeigen;
Sein wird also Vaterrecht.

Segen wird der Herr verleihen;
Taufe soll die Tochter weihen,
Durch geweihte Priesterhand:
Doch, der Tempel, in Ruinen,
Kann dem Himmel nicht mehr dienen;
Sein Altar und Diener schwand! —

»Gottes Vaterblicke wachen!
Seine Gnade, stark in Schwachen,
Werde Schild und Wanderstab!
Seinen Engel wird er senden;
Unheil von dem Kinde wenden,
Dessen Wiege war — ein Grab!« —

So, gestählt von solchem Worte,
Wandelt Greif zur Eisenpforte,
Mitten durch die Kriegerschaar;
Eilt dann, muthig, mit der Kleinen,
Und im Treugeleit' der Seinen,
Fernhin, zu des Herrn Altar.

Bei der Taufe zu bekunden,
Wann die Tochter aufgefunden,
Und dem Tag' gewonnen sei:
Nannte Greif die Namenlose —
Rosa Mai, die Maienrose,
Nach dem Blüthenmonde Mai.

Dank nach Oben wird gesendet;
Opfergabe dann gespendet,
Wie sie dem Altar' gebührt;
Und so kehren heim die Beiden,
Wieder nach dem Schlosse Treiden,
Und — wohin der Himmel führt.

Dann — wie Vatergüte schalten,
Dann — wie Muttertreue walten,
Und die Liebe pflegen kann:
Soll hinfort das Kind erfahren! —
Monde reifen so zu Jahren,
Bis der Jugend Lenz begann.