Victor Heil, der Fremdling.
(Vom Lande Würtemberg.)
Ein Jüngling, wie ein Göttersohn
Aus weiland gold'nen Tagen,
In dessen Auge seinen Thron
Gott Amor aufgeschlagen;
Der Kraft und Schönheit Conterfei,
Geschaffen, um zu siegen;
Wie Tanne schlank, wie Ceder frei,
Im Sturme sich zu wiegen:
Ein solcher Jüngling, hehr und mild,
Und frei von allem Fehle:
War Victor Heil, das Musterbild,
Von dem ich nun erzähle.
In Würtemberg, dem Schlosse nah',
Von dessen Blumenhügel
Der Ruhm von Stauffen niedersah,
Und schwang die Weltenflügel:
Da war dem jungen Heil die Zeit
Der Kindheit hingeschwunden;
Da grub in seine Seligkeit
Sein Loos — auch Todes-Wunden!
Im Vaterhause früh gewöhnt
Zu Regelmaas und Fleisse;
Der Schule Vorbild, und gekrönt
Mit manchem Ehrenpreise:
Beschloss er, wach für jeden Keim,
Der Kenntniss zum Gedeihen,
Die volle Kraft dem Musenheim
Von Tübingen zu weihen.
Da — zehrte Brand am Vaterhaus!
Und — Staub war seine Habe! —
Dann starben ihm die Freuden aus,
An seiner Eltern Grabe!
Ein Oheim, der die Gartenkunst
In Meisterschaft betrieben:
War noch, in langbewährter Gunst,
Dem Jüngling hold geblieben.
Sein liebes Thal-Asyl umwand
Ein Garten, sonder Gleichen;
Denn alle Gärten, weit im Land',
Sie mussten diesem weichen.
Und hier, in ländlicher Natur,
Gewiegt auf ihrem Throne;
Vertraut mit Blumen jeder Flur,
Mit Blüthen jeder Zone!
Hier, in der besten Schule war
Die Probe bald gelungen;
Der Jüngling sah, nach Einem Jahr,
Den Meistergrad errungen!
Dann rief es ihn zu Wanderlauf,
Nach aller Deutschen Weise,
Gen Westen wie gen Süden auf,
Zur langersehnten Reise.
Gewandert viel, mit Forscherblick,
Beschloss er, Mehr zu wagen;
Bis Glückesruf und Missgeschick
Nach Norden ihn getragen.
Da hielt Livona's Blumenkranz
Den Jüngling bald gefangen;
Es war ein Stern von Wunderglanz
Am Himmel aufgegangen!
Der holde Stern gefiel sich dort,
Und wollte nimmer scheiden;
Und Zauber trug den Jüngling fort,
Es war — der Stern von Treiden!
Wie Pilger nach dem Gnadenbild',
Zu flehen dort um Segen:
So pilgert Heil, im Thalgefild',
Dem nahen Schloss entgegen.
Der Stern, im Rosa-Farbenspiel,
War sein Geleit' geblieben;
Die Burg umfing sein Wonneziel!
Er kam — und sah — zu lieben!
Das Götterbild der Phantasei,
Es prangt in vollem Leben!
Der Schatten soll, in Rosa Mai,
Zu Wahrheit sich erheben.
Er schien mit ihrem Blick vertraut,
Mit jedem Zug der Mienen;
Es war ihm ja die Todesbraut
In Träumen oft erschienen.
Der Holden klang sein Abendgruss,
Wie Lied von gold'nen Zeiten;
Und Beiden kam ihr Genius,
Mit allen Seligkeiten.
Dem Alten war, gesehen kaum,
Der Jüngling werth erfunden;
Und diesem schwand, wie Engeltraum,
Die seligste der Stunden.
Der Mutter kam ihr Sohn zurück;
Und lautlos horchten Alle:
Da Victor sprach von Jugendglück',
Und von des Glückes Falle.
Darauf im Dichterfluge mass
Der Jüngling noch die Reise;
Und bei dem Abendbrot' vergass
Der Frohe Trank und Speise.
Denn ihm zur Seite strahlte Sie,
Gleich einem Prachtjuwele:
Das Kleinod seiner Phantasie!
Das Leben seiner Seele!
Und zögernd schloss der Sehnsucht Wort
Den Sabbath stiller Pause:
»Mir ist so wöhlig hier am Ort',
Wie fern im Vaterhause!
O, lasset mich ein ödes Land
Auf Eurem Grunde finden!
Dann soll Euch meine Gärtnerhand
Ein Paradies begründen.«
Und Greif, dem jungen Eifer hold,
Entgegnet, ohne Säumen:
»Es fehlt, im nahen Segewold,
Dir nicht an öden Räumen.
Da führen an das off'ne Thor
Noch Reste von Alleen;
Auch war ein reicher Blumenflor,
Dem Schlosse nah', zu sehen.
Doch seit ihr Pfleger sank dahin,
Zu frühen Grabes Frieden:
War auch die Blumenkönigin
Von Segewold geschieden.
Der Schlossherr, dessen hoher Gunst
Die Meinen sich erfreuen:
Will durch Genossen Deiner Kunst
Die alte Pracht erneuen.
Er hält den Mann aus Deinem Land',
Vor Allen, hoch in Ehren;
Und wer die Probe treu bestand,
Kann reichen Lohn begehren.
So pflege denn für diese Nacht
Der Ruhe noch in Treiden!
Der nächste Tag, der uns erwacht,
Soll über Dich entscheiden.«