B. Die Leipziger Turnerfeuerwehr.

Die Leipziger Turnerfeuerwehr bildete sich im Jahre 1846, kurz nach Gründung des Allgemeinen Turnvereins, und erlebte zehn Jahre später, nachdem sie bis dahin ein kümmerliches Dasein gefristet, eine Reorganisation, durch die ihr die Stellung angewiesen wurde, die sie bis zu ihrer Auflösung einnahm. Ihre Stärke betrug im Jahre 1863 zur Zeit des Turnfestes 170 Mann und wurde später auf 200 Mann erhöht.

Die Organisation unserer Leipziger Turnerfeuerwehr beruhte in jeder Beziehung auf sehr rationellen Principien; denn nicht nur, daß sie direct den Hauptmann, die Zugführer und die betreffende Anzahl Mitglieder zum Ehrengerichte wählte, hatten nur diejenigen Beschlüsse Geltung, welche von der Compagnie sanctioniert waren; hiervon waren jedoch selbstverständlich alle diejenigen Verfügungen und Maßnahmen ausgeschlossen, die unmittelbar zur Verwaltung oder zum Commando gehörten. Hinsichtlich ihrer Thätigkeit beruhte sie auf dem Principe der Vielseitigkeit, denn nach § 1 des Grundgesetzes konnte sie auch auf Anordnung des Feuerlösch-Commandos zu anderen Functionen als zur Spritzenbedienung und Rettung von Menschen und Sachen verwendet werden, so daß sie bei ausgebrochenen Schadenfeuern stets hinreichende Beschäftigung fand. Sie war in Folge dessen mit der nöthigen Ausrüstung versehen, wie dieselbe zu Ausübungen ihrer Funktionen nach den Principien der Neuzeit erforderlich war und wie wir sie noch jetzt bei den größeren freiwilligen Feuerwehren des Landes finden; dasselbe galt bezüglich ihrer Bekleidung. Nach den Grundgesetzen des Corps mußte jedes Mitglied gleichzeitig auch Mitglied des damals allein in Leipzig existirenden allgemeinen Turnvereins sein und wurde vor seiner Aufnahme wegen gehöriger Pflichterfüllung vom Rathe der Stadt vereidet.

Außerdem waren Bestimmungen über die zu erfüllenden Pflichten des Einzelnen vorhanden. Die Compagnie wählte direct den Hauptmann, die betreffende Anzahl Zugführer und zwei Ehrenrichter. Zwei der letzteren wurden vom Turnrathe aus dessen Mitte ernannt, während der fünfte Richter der jedesmalige Hauptmann war, der auch den Vorsitz im Ehrengerichte führte. Die Anführer bedurften der Bestätigung des Stadtrathes und waren demselben verantwortlich. Die Wahl der Rottmeister, Rohrführer etc. etc. war dem Hauptmann anheimgegeben. Aus dem Disciplinargesetze heben wir nur § 1 hervor. Derselbe lautete: »Jedes Mitglied der Turner-Lösch- und Rettungscompagnie hat in und außer dem Dienste ein ehrenhaftes männliches Betragen, insbesondere im Dienste Nüchternheit, Pünktlichkeit, Ruhe, Ausdauer, Gehorsam und, wo es gilt, Muth mit Besonnenheit zu zeigen«.

Fast alle Mitglieder waren eifrige, und ein großer Teil tüchtige Turner, so daß, abgesehen von der körperlichen Kraft und Gewandtheit der Einzelnen, durch das fast tägliche Zusammensein auf dem Turnplatze ein reger kameradschaftlicher Geist die Gesammtheit belebte, ein Geist, der nicht allein bei den Uebungen oder sonstigen Zusammenkünften, auch in der Praxis sich bewährt und seine guten Folgen gezeigt hat.

Die Compagnie war 1863 in zwei Züge eingetheilt (später drei), unter je einem Zugführer, einer entsprechenden Anzahl Rottmeister, Rohrführer und Steiger, und bediente, nebst verschiedenen anderen Geräthen, zwei Spritzen. Die Steiger einige dreißig Mann stark, einschließlich der Zug- und Rohrführer, hatten bei einem ausgebrochenen Schadenfeuer zuvörderst die Verpflichtung, die nicht zur Spritze gehörigen Gegenstände herbeizuschaffen beziehentlich zu bedienen, die Verbindung zwischen dem Hauptmann, den Zug- und Rohrführern zu unterhalten und sich hinsichtlich der Rettung von Menschen und Sachen zur Verfügung des Feuerlösch-Commandos zu stellen, wozu sie die nöthige Ausrüstung besaßen. Sobald diese Verrichtungen ausgeführt waren oder sonst keine weitere Verwendung für sie vorlag, mußten sie zur Bedienung der Spritzen zurückkehren. Da jedoch sämmtliche Mannschaften auf die genannten Verrichtungen mit eingeübt wurden, so waren dieselben, auch ohne Steiger zu sein, sehr häufig zu den speciellen Dienstleistungen derselben zu verwenden.

Die Steiger wurden durch eine Commission, vor welcher die Aspiranten eine Prüfung abzulegen hatten, ernannt, wurden aber, nachdem sie diese bestanden, erst nach sechs Monaten und wenn sie sich während dieser Zeit unausgesetzt als tüchtig bewiesen hatten, definitiv als solche bestätigt. Die Commission, bei welcher der Hauptmann den Vorsitz führte, wurde ebenfalls auf die Dauer eines Jahres aus der Mitte der Steiger ernannt. Die Uebungen fanden meist auf dem Turnplatz statt. Die Spritzen der Compagnie waren größere Pariser Karrenspritzen, davon einer mit Zubringer aus der Jauck’schen Fabrik zu Leipzig. Als Rettungsleiter wurde die Copenhagener angewendet. Die übrige Ausrüstung correspondirte mit der der jetzigen Feuerwehren.

Zur ersten Neu-Organisation der städtischen Feuerwehr, wie dieselbe 1868/69 eintrat, wo die Turnerfeuerwehr bereits 3 Züge stark war, sei Folgendes erwähnt:

Die besoldete Feuerwehr betrug von da ab, bis zu ihrer jetzigen, neuesten Organisation an festbesoldeten Mannschaften:

6Oberfeuerwehrmänner,
1Fourier,
36Feuerwehrmänner,
18Spritzenmänner,
81 do. Tag- und Nachtabtheilung
Sa.142Mann,

hierzu kamen noch 20 Chaisenträger und 25 Laternenwächter, also zusammen 187 Mann, von denen am Tage 103, in der Nacht 184 Mann präsent waren.[1]

Dieselben vertheilten sich auf 7 Wachen. Eine 8. Wache bezog die Turnerfeuerwehr und Rettungskompagnie abwechselnd, aber nur täglich auf die Zeit von Abends 8 Uhr bis Morgens 5 Uhr.

Hierzu kamen an Reserve-Mannschaften: 670 Mann mit 13 Viertelsspritzen; 120 Mann freiwillige Rettungskompagnie.

Demnach, unter Nichtrechnung der Turnerfeuerwehr, welche sich bereits 1871 auflöste, zusammen 977 Mann mit 47 Spritzen und den sonstigen erforderlichen Geräthen. (Hierbei eine Landspritze (Omnibusspritze) von Jauck in Leipzig.)

Nachdem die Turnerfeuerwehr mit der Neuorganisation der städtischen Berufsfeuerwehr auf 3 Züge gebracht worden war, erhielt dieselbe ihr Wachlokal, welches sie abwechselnd mit der Rettungskompagnie zu beziehen hatte, in der Fleischhalle (jetzt interimistisches Reichsgericht) Ecke des Brühls und der Goethestraße und zwar in einem Gewölbe nach dem Brühl heraus. Die Wachtmannschaften bestanden je aus 10 Mann unter dem Commando eines Zugführers, Rottmeisters oder Steigers und war so eingetheilt, daß jede Abtheilung im Jahre 16 Wachen zu thun hatte. Wir kommen auf diese Wachen noch speziell weiter hinten in einem besonderen Artikel zurück. Der Dienst bei der Turnerfeuerwehr sowohl, als bei der Rettungskompagnie waren unentgeltlich zu leisten, und für den Wachtdienst und bei dem Ausbruch von Schadenfeuern wurde vom Rath der Stadt Leipzig eine kleine Entschädigung gewährt. Bei der Dämpfung aller Brände, welche unsre Stadt, von der Errichtung der Turnerfeuerwehr bis zu deren Auflösung betraf, nahm die Turnerfeuerwehr hervorragenden Antheil, indeß konnte es bei dem immer weiter fortschreitenden Ausbau des Feuerlöschwesens in Leipzig allmälig nicht an Anfangs nur kleinen Differenzen zwischen Berufs- und Turnerfeuerwehr fehlen. Thatsache ist, daß man von Seiten der ersteren die letztere, trotzdem sie es eigentlich war, welche zum Ausbau des städtischen Feuerlöschwesens nicht nur in vielen Fällen die ersten Direktiven und nothwendigen Fingerzeige gegeben hatte und deren exakte Organisation und Eingreifen bei Bränden sich jederzeit auf das Vortrefflichste bewährt hatte, nach und nach über die Achsel anzusehen und als etwas Entbehrliches zu betrachten begann. Diese bedauerlichen Zustände spitzten sich im Laufe der Jahre immer mehr und mehr zu. Selbst von untergeordneten Mitgliedern der Berufsfeuerwehr mußten solche der Turnerfeuerwehr manche Nichtachtung ertragen, obwohl sich die Mitglieder der letzteren aus den besten Ständen zusammensetzten. Auf Beschwerden erfolgten laue Verweise, die in keiner Weise das gekränkte Ehrgefühl des Corps zu beruhigen vermochten, ja dasselbe mußte schließlich selbst einsehen, daß man den offenbaren Wunsch, sie los zu sein, selbst höheren Ortes hegte und so kam es denn allmälig so weit, daß das Corps, obwohl mit Leib und Seele für ihren freiwillig übernommenen Beruf begeistert und thätig, mit bittren Gefühlen und schweren Herzen seine freiwillige Auflösung selbst beschloß und diese im Juni 1871 erfolgte. Wie manches früher mit Begeisterung aufgenommene Gute und Vortreffliche später bei Seite geschoben wird, so erging es auch der Turnerfeuerwehr und nach ihr der freiwilligen Rettungskompagnie; aber es ist die Pflicht des Chronisten, derartige gemeinnützige Einrichtungen auch für spätere Generationen in der Geschichte der Stadt zu verzeichnen und dadurch die Anerkennung und den Dank, den unsre Vaterstadt denselben schuldet, zum dauernden Ausdruck zu bringen.

Oswald Faber,

Führer des zweiten Zuges der ehemaligen Leipziger Turner-Feuerwehr.

Die Commandanten der Turnerfeuerwehr waren: Advocat Max Rose (später Stadtrath), Staatsanwalt Löwe.

Wird aber in Leipzigs Geschichte überhaupt der edlen Turnerei und speciell der freiwilligen Feuerwehren gedacht, so kann dies unmöglich geschehen, ohne dabei auch eines Mannes zu gedenken, der — jetzt ein Veteran derselben — doch noch immer geistig und frisch in Mitten derselben steht, dessen Verdienste um das Turn- und Feuerlöschwesen — in welch Letzterem er eine ganze Reihe noch jetzt als praktisch bewährte Einrichtungen erfand — bedeutende sind und der unzählige Male mit Wort und Schrift für dasselbe begeistert und viele Andere begeisternd eintrat und wahrhaft unermüdlich wirkte. Es ist dies der Kaufmann und Turngeräthefabrikant Herr Oswald Faber in Leipzig,[2] dessen Bild als Zugführer der Turnerfeuerwehr wir auf dem Titelblatt und im Text unsres Heftes VI bringen. In wahrhafter Bescheidenheit hat er sich stets allen Ovationen für seine Thätigkeit entzogen, ihm gebührt ein Ehrenplatz in dieser Chronik unsres Leipzigs.

[1] Nach Oswald Fabers »Die freiwilligen Feuerwehren,« 3. Auflage.

[2] Mit seiner Concurrenzarbeit »Ueber Organisation von Dorf-Feuerwehren« mit der großen silbernen Medaille der k. k. österreich. Regierung prämirt im Juli 1870 auf dem 8. deutschen Feuerwehrtag zu Linz.