Einleitung.

Unsere Geschlechts- oder Familien-Namen erscheinen uns, wenn wir genauer nach ihrem eigentlichen Sinne fragen, in der weitaus größten Zahl rätselhaft und unverständlich. Denn was bedeuten Namen wie z. B.: Hildebrand, Gundlach, Odebrecht, Rüdiger, Amelung? Ist das nicht, wie wenn eine Reihe von Rittern vor uns aufmarschierte, aber alle mit geschlossenem Visier? Oder kürzere Namen wie: Renz, Wenz, Benz, Bopp, Dapp, Rapp, Rupp, Dromtra, Krumtum, Zumtrum! Wird uns da nicht zu Mut, als ob wir einen Chor wunderlicher Kobolde sähen, die uns neckend umhüpfen?

Nun, wir wollen es einmal versuchen, ob wir den Rittern ihr Visier nicht öffnen, ob wir die neckischen Kobolde nicht zwingen können, daß sie uns standhalten und Namen und Abkunft sagen.

Denn ein merkwürdig und wunderlich Ding ist es im Grunde doch, daß der Mensch in seinem Namen so einen Begleiter durch das Leben erhält, der ihm stets mit geschlossenem Visier zur Seite geht, einen Gefährten, der ihn von der Wiege bis zur Bahre geleitet, siebenzig, achtzig Jahre lang, und dennoch in seinem Wesen nicht erkannt wird, stets nur sein Äußeres, nie sein Inneres aufweist — dessen wahre Gestalt also verborgen bleibt. Und doch bewahren wir den unerkannten Begleiter so sorgsam, wir dulden es nicht, daß er in irgend etwas verkürzt werde, daß ihm ein Buchstab, sollte er auch für die Aussprache nichts verschlagen, genommen oder zugesetzt werde, wir bewahren den Namen mit allen unorthographischen ck und tz und dt.

So wachen wir sorglich über die äußere Gestalt und Hülle, und um den inneren Gehalt und Kern sollten wir uns nicht bekümmern, nie danach fragen?

Etwas Bedeutungsloses ist ein solcher Name jedenfalls nicht, so sinnlos und bedeutungsleer er auch vielfach scheinen mag. Es ist kein leerer Schall, welcher rein der Willkür und der Laune des Zufalls sein Dasein zu verdanken hätte. Etwas — das kann hier im voraus versichert werden — etwas bedeutet von Hause aus ein jeder Name, und dieser Satz behält seine Wahrheit auch gegenüber den tausenden unserer Familiennamen, die uns so dunkel und unverständlich klingen.

Aber wie hat denn Sinn und Bedeutung der Namen so sehr entschwinden können? — Das hat mehr als einen Grund. Vor allen Dingen liegt es am Alter der Familiennamen. Dieselben sind fest geworden in der zweiten Hälfte des Mittelalters, also vor mindestens 500–600 Jahren. Damals sind sie fest geworden, d. h. während bisher der Name vom Vater auf den Sohn wechselte, wie noch jetzt bei uns die Vornamen, so befestigte sich nunmehr allmählich in der Familie ein Name, der vom Vater auf den Sohn überging und an dem ganzen Geschlechte haften blieb. Diese Entwickelung trat allerdings erst vor etwa einem halben Jahrtausend ein; die Namen aber, welche sich damals als Familiennamen festsetzten, sind nicht erst damals auch entstanden, sondern gehen, als Personennamen, meist weit höher hinauf, bis in die Zeiten der Völkerwanderung — es braucht hier nur an die hervorragendsten Gestalten des Nibelungenliedes erinnert zu werden, an Siegfried, Hagen, Gunther, Dietrich, Rüdiger, Namen, die wir sämtlich, wenn auch vielleicht ein wenig verändert, in der Gegenwart als Familiennamen, zum Teil auch als Vornamen häufig finden. Einzelne reichen noch höher hinauf, bis zu den Anfängen der germanischen Geschichte, wie sie uns in freilich lückenhafter Kunde Griechen und Römer überliefert haben, ja über Armin und Marbod hinauf in Zeiten, da wohl noch kein Germane Fuß und Speer auf den Boden des nachmaligen Deutschland gesetzt hatte.

Nun haben aber die Eigennamen mit der stetigen Weiterentwicklung der Sprache nicht gleichen Schritt gehalten, sie sind je länger je weniger mitgegangen, zumal seit sie als Familiennamen festgeworden. Die Veränderungen, welche die Sprache zu erleiden gehabt, haben sie als das geheiligte Eigentum des einzelnen nicht gleichmäßig mitgemacht, sie sind stehen geblieben; die Stürme der Zeiten, welche die alten Sitten und Weisen hinweggefegt, haben sie nur wenig berührt. So stehen die Namen da gleich den Ruinen der Ritterburgen, als Zeugen einer vergangenen Zeit. Die alten Wortformen sind untergegangen in dem sonstigen Gebrauch der Sprache, manche Stämme und Wurzelwörter ganz abhanden gekommen, wie Zweige eines Baumes, ganze Stämme verdorren; doch in den Namen sind sie noch da, wenn auch dem Verständnis entrückt. So verstehen wir von dem Namen Hildebrand die letzte Silbe wohl noch, was heißt aber hilde? Hier gibt uns unser Neuhochdeutsch nicht mehr Aufschluß, wir müssen weiter hinaufsteigen, zum Altdeutschen, um den Schlüssel für diesen noch jetzt gar nicht seltenen Namen zu holen. Hild heißt Kampf, Schlacht, also Hildebrand: Kampfesbrand, Schlachtenbrand — gewiß ein trefflicher Name für einen Helden, der wie verzehrendes Feuer um sich her wütet in der Schlacht! Ähnlich ist es mit der Silbe mar, berühmt, in Waldemar (berühmt im Walten), Germar (speerberühmt), sowie mit rud, welches gleichfalls berühmt bedeutet, in Rudolf, Rüdiger. So könnten der verschollenen Stämme noch gar manche aufgeführt werden; andere haben wenigstens ihre Bedeutung geändert, wie schalk (ursprünglich „Knecht“), und wir als geborene Deutsche müssen bei den Gelehrten Rat suchen, um uns diese urdeutschen Namen wie fremde erklären zu lassen. Es ist Moos darum gewachsen, Rost hat sich auf das Metall gelegt und will mit behutsamer Hand entfernt sein, ehe uns wieder der edle, reine Metallglanz entgegenstrahlt.

So nehmen denn die Eigennamen eine besondere, eine Ausnahmestellung in der Sprache vor allen anderen Wörterklassen ein; sie gehen nicht mit der Zeit mit, sie kümmern sich nicht darum, ob man sie versteht, sie haben ihre eigenen Formen, die nicht angetastet werden dürfen, ja ihre eigene Rechtschreibung.

Aber es ist nicht allein das hohe Alter der Namen und ihre von daher großenteils bewahrte Form, wodurch sie so dunkel und rätselhaft, fast hieroglyphengleich geworden sind — auch die mannigfachen Mundarten, in welche sich das Deutsche spaltet, tragen dazu bei, die Bedeutung der Familiennamen zu verhüllen. Als diese sich bildeten, waren die verschiedenen Mundarten Deutschlands noch in vollerer Blüte, eine allgemein herrschende Schriftsprache war noch nicht vorhanden. So setzten sich denn auch die Familiennamen für jede Landschaft zunächst in der dort verbreiteten Mundart fest. Sieht man sich z. B. die lange Reihe pommerischer Namen aus der Zeit Herzog Bogislaws X. an, wie sie Klempin in seinen „Diplomatischen Beiträgen zur Geschichte Pommerns“ aufstellt, so wird man alles, was darin an Namen deutsch ist, eben als niederdeutsch erfinden: Apenborch, Benekendorp, van deme Berghe, Bilrebeke, Blome, Boddeker, Bokholt usw. Als nun nach Luther das Hochdeutsche auch im Norden allmählich als Schriftsprache durchdrang, wurden diese „plattdeutschen“ Namen allerdings zum größten Teile dem neuen Lautsystem angepaßt, aber doch nicht ausnahmslos: viel Niederdeutsches blieb und bleibt stehen. So schimmert die ursprüngliche mundartliche Grundlage für ganz Niederdeutschland in den Familiennamen noch überall durch in Formen wie: Schulte, Möller, Flashaar, Niebuhr (neben Neubauer), Voß, Utermöhlen („aus der Mühle“), Cassebaum (halbniederd. = Kirschbaum) usw. Dahin gehört besonders auch die große Zahl von Verkleinerungsformen auf ke, die meist von einheimischen oder auch ausländischen Vornamen herrühren, z. B. Gerike von Gerhard, Jahnke von Johannes. Im Oberdeutschen finden wir statt dessen die Endung el, auch z, z. B. Dietel, Dietz für Dietrich. Diese und viele andere Verkleinerungswörter, oder wenn man will „Schmeichelformen“, die sich vorzugsweis als Familiennamen festgesetzt haben, erfordern zu ihrer Entzifferung, wenn dieselbe mehr als ein bloßes Raten sein soll, Kenntnis der Dialekte und ihrer oft höchst eigentümlichen Formen. Wer möchte z. B. durch bloßes Vermuten darauf kommen, daß Hiesel aus Matthias, Gilles aus Ägidius, Grolms aus Hieronymus entstanden ist! Nicht minder macht sich dies geltend bei der zahlreichen Klasse der von Beschäftigungen, von Amt und Gewerbe entlehnten Familiennamen, da die Bezeichnungen gerade auf diesem Gebiete landschaftlich oft sehr verschieden sind.

Nicht genug, daß die Mundarten ihre Einflüsse geltend gemacht haben — alles das ist immer doch noch deutsch — aber auch von außerhalb der Grenzen unserer Sprache sind bedeutende Einströmungen erfolgt. So wenig das jetzige deutsche Volk ein ganz ungemischtes ist, so wenig sind die Familiennamen durchweg deutsch. Vor allem ist die Beimischung der Slawen hervorzuheben. Diese erfüllten bekanntlich, von den Zeiten der Völkerwanderung her, den ganzen Osten Deutschlands bis zur Elbe und Saale. Als sie endlich wieder zurückgedrängt wurden, blieben doch viele in ihrer seit so langer Zeit eingenommenen westlichen Heimat sitzen und wurden erst allmählich und nicht überall germanisiert. Diese Grundlage des Slawischen auch in längst wieder deutsch gewordenen Strichen tritt wie in den Ortsnamen, so auch in den Familiennamen hervor, ein bedeutender Bruchteil ist slawisch: wendisch, polnisch — selbst Tschechen dringen aus Böhmen herauf. Vor allen kenntlich sind die polnischen Namen auf ski, wie Lichnowski, Kosinsky; nicht minder aber sind slawisch, meist eben von den entsprechenden Ortsnamen entlehnt, die Namen auf ow (mit stummem w): Passow; die auf itz: Miltitz, vergröbert itsch: Delitzsch; die auf in: Schwerin — nicht zu vergessen die mit slawa (Ruhm) selbst zusammengesetzten Personennamen: Bogislaw, Bugslaff, zuletzt Butzlaff (mit lang zu sprechendem u, „Gottesruhm“).

Dann ist ein, wenn auch lange nicht so starker, doch immerhin in Anschlag zu bringender Bruchteil romanischen Blutes aufgenommen worden, hauptsächlich aus Frankreich, in den Auswanderern, welche unter Ludwig XIV. ihres protestantischen Glaubens wegen ihr Vaterland als „Réfugiés“ verlassen mußten und in Deutschland liebevolle Aufnahme und eine neue Heimat fanden. Daher nun französische Familiennamen, wie Palmier, du Mesnil, de Convenant.

Zum Schluß verdient noch Erwähnung, daß selbst das Littauische, so entlegen es dem Völkerverkehr ist, sein Fähnlein gestellt hat, z. B. Kaprolatis, Adomeit. In Berlin sind littauische Namen nicht selten, und in Königsberg gar wimmelt es von ihnen.

So sind denn slawische Elemente von Ost und Südost, littauische von Nordost, romanische von West und Südwest eingedrungen und zwar in bedeutendem Maße. Man mache die Probe an irgend einer Namenreihe — eines Regierungskollegiums, eines Stadtverordneten- oder Lehrerkollegiums — in dem östlichen Deutschland, und man wird selten die Namen rein deutsch finden.

Wir haben es also in der Welt der Familiennamen, wie sie gegenwärtig in Deutschland ist, mit einem Gemisch nicht bloß aus verschiedenen Zeitaltern und Mundarten, sondern sogar aus ganz verschiedenen Sprachen zu tun. Dadurch wird begreiflicherweise die Erforschung der Namen außerordentlich erschwert. Denn wer vollkommen gerüstet ans Werk gehen wollte, um die in Deutschland jetzt vorkommenden Familiennamen zu erklären, müßte eine sehr umfassende Sprachkenntnis besitzen, nicht allein des Deutschen nach seinen Verzweigungen und des Romanischen, sondern vor allen Dingen auch des Slawischen, und zwar in seinen verschiedenen Mundarten.

Aber selbst wer diese umfassende Sprachkenntnis besäße, würde doch noch genug Hindernisse zu überwinden haben und oft mutlos das kritische Messer sinken lassen. Ja, wenn die Namen in reiner, unverfälschter und unentstellter Form vorlägen! Aber wieviel Entstellungen, Verstümmelungen und besonders Umdeutungen haben sie sich müssen gefallen lassen trotz aller beanspruchten Unantastbarkeit, die fremden zumal, die man nicht verstand! Butzlaff statt Bogislaw (Bugslaff) ist noch nicht arg; wenn aber Warneking (Verkleinerungsform von Werner) sich in Warnkönig, wenn Christian sich einerseits in Kirschstein, anderseits in Kasten, Bley gar sich in Pflaumbaum wandeln konnte, so sieht man, daß hier Dinge möglich und häufig sind, die bei den Gemeinnamen (Appellativen) glücklicherweise zu den größten Seltenheiten gehören.

Das alles sind unabsichtliche Entstellungen; es kommt aber auch vor, daß der Träger eines Namens in bewußter Weise diesen Namen, weil er ihm nicht zusagt, umändert und entstellt, z. B. ein Faßbinder nennt sich Vasbender, ein Knieriem schreibt sich wenigstens Cnyrim. Das ist ein harmloses Vergnügen; ganz anders ist es, wenn jemand seinen ehrlichen deutschen Namen verachtet, weil er eben nur deutsch ist, und ihn in ein fremdartiges Gewand hüllt, damit er vornehmer klinge. In der Art versündigten sich besonders die Gelehrten im 16. und 17. Jahrhundert, indem sie ihre untadeligen deutschen Namen latinisierten, ihnen eine zuweilen recht schlotterige Toga umwarfen. Weil man dabei ziemlich willkürlich und gewaltsam verfuhr, so ist die Rückübersetzung häufig schwierig. Olearius z. B. kann die Übersetzung von drei Namen sein: Öhlmann, Öhler, Öhlenschläger. Andere sind gar nicht mehr nach ihrer Bedeutung zu entziffern.

So haben denn gar mannigfache Einflüsse verschleiernd und verdunkelnd auf die Familiennamen eingewirkt. Dieselben sind, um es nochmals zusammenzufassen: 1. das Alter der Namen, das nach Jahrhunderten, zum Teil nach Jahrtausenden zu berechnen ist, und in Verbindung damit die verschiedenen Entwickelungsstufen der Sprache; 2. der trübende Einfluß der Mundarten; 3. die Mischung mit fremden Sprachelementen; 4. Mißverständnisse und willkürliche Entstellungen. Daher ist es denn auch kein Wunder, wenn die große Mehrheit der Familienbezeichnungen uns so unverständlich ist, wenn die tausende und aber tausende von Namen, die unter diesen Einflüssen zusammengekommen sind, das Bild eines dichtverschlungenen Urwaldes darbieten, in welchem man fast bei jedem Schritt auf Schwierigkeiten und Hindernisse stößt.

Aber diese Schwierigkeiten, so groß sie zum Teil sind, dürfen von der Betrachtung der Familiennamen und ihrer Erforschung nicht zurückschrecken. Das verbietet — abgesehen von dem Interesse, welches es doch für den einzelnen haben muß, die Bedeutung seines Namens zu wissen — die Wichtigkeit des Gegenstandes überhaupt. Die Eigennamen (Personen- und Ortsnamen) bilden einen Teil der Sprache, und zwar in den altdeutschen Namen den ältesten, den unsere Sprache überhaupt als erhalten aufzuweisen hat. Wenn man nun die übrigen Wörterklassen betrachtet, ihre Bildungsgesetze erforscht und darstellt, so sind die Eigennamen dabei nicht zu übergehen, ihnen gebührt dieselbe Aufmerksamkeit. Auch in ihnen webt und wirkt der Geist der Sprache. Wollte man sie beiseite lassen, so würde die Kenntnis der Sprache an einer bedeutenden Lücke leiden, ein großes Gebiet wäre unerhellt.

Das ist die Bedeutung, welche die Namenkunde nach der sprachlichen Seite hat. Aber in der Sprache spiegelt sich der Geist des Volkes, und in ganz besonderem Maße gerade in den Namen. Ihren Stolz und ihre Sehnsucht, ihren Glauben und ihren Aberglauben, ihre ganze Lebensanschauung haben ursprüngliche Völker, wie das germanische, in ihre Namen gelegt. Und weiter, auch die späteren Entwickelungen im Leben des Volkes, in Sitten und Einrichtungen, Zuständen und Anschauungen lassen hier ihren Niederschlag zurück, so daß wir ein gutes Stück unserer Kulturgeschichte an den Familiennamen herabbuchstabieren können. Dieselben gleichen den Versteinerungen der Urzeit: aus den Umwälzungen früherer Perioden sind sie übrig geblieben als Zeugen von dem, was einstmals war. Freilich ist es schwer und oft gar nicht mehr möglich, die Bedeutung mancher Namen zu ergründen; aber wo es möglich ist, da erschließen sich uns ganz neue, unverfälschte Quellen für die Erkenntnis der Denk- und Sinnesart unseres Volkes in längst vergangener Zeit. So ist es denn keine undankbare Mühe, es ist eine schöne und nach mehr als einer Seite hin lohnende und fruchtbringende Beschäftigung, in diese reiche Welt der Namen zu gehen, das nur schlummernde Leben in den scheinbar kalten und toten Zeichen wieder zu erwecken, der stillen Sprache zu lauschen, die sie, die unsere Vorfahren durch sie zu uns reden.

„Vergangenheit entsteigt dem dunklen Grab

Und gibt uns manche wundersame Kunde.“

1.
Die Elemente der deutschen Familiennamen (dreifache Schicht).

Die deutschen Familien- oder Geschlechtsnamen sind als solche, wie schon in der Einleitung hervorgehoben ist, verhältnismäßig jung; erst im Ausgange des Mittelalters, im 12. bis 14. Jahrhundert, haben diese vom Vater auf den Sohn vererbenden Bezeichnungen sich allmählich festgesetzt. Die Elemente jedoch, aus welchen sich damals die Familiennamen gebildet, gehen meist viel weiter zurück; es lassen sich darin drei Schichten unterscheiden, die sich wie Geschiebe eines Gebirges auf- und ineinander gelagert haben. Diese sind:

1. alteinheimische, ursprünglich heidnische Personennamen, d. h. nicht forterbende Benennungen einzelner Personen (z. B. Albrecht und Arnold);

2. später dazugekommene fremde Personennamen aus christlicher Zeit (z. B. Peter und Paul).

Beide Klassen haben das gemein, daß sie von Hause aus Personen- oder Einzelnamen gewesen sind und auch nach ihrem Festwerden (als Familiennamen) großenteils noch daneben als Personen-, d. h. nunmehr Vornamen, verwendet werden. Zu ihnen gesellt sich nun aber

3. eine dritte Klasse von Bezeichnungen, ursprünglich nur unterscheidende Zusätze zu den Personennamen der beiden ersten Schichten: Namen jüngster Periode (z. B. Weber und Wittenberg).[1]

Betrachten wir zunächst die beiden ersten Schichten genauer, um ein möglichst anschauliches Bild von den Grundlagen zu gewinnen, auf denen die Bildung unserer Familiennamen beruht.

2.
Die Personennamen überhaupt — ein Spiegel des Volksgeistes.
Namen der Griechen, Römer, Israeliten.

Daß in den Eigennamen eines Volkes sich der Geist dieses Volkes, der Charakter desselben in seiner Eigentümlichkeit abspiegele, nicht minder als in seinen Sitten und Taten, dieser Satz gilt in besonderem Maße von den ältesten Namen, welche sich bildeten, da das Volk noch unberührt von fremden Einflüssen, in voller Selbständigkeit sich entwickelte. So redet eben durch die Namen die uralte Vergangenheit zu der Gegenwart, die Vorfahren reden durch sie zu den nachkommenden Geschlechtern und enthüllen ihnen ihren Geist und Sinn.

Werfen wir zum Beweise einen vergleichenden Blick auf die drei Völker, welche für uns die Hauptvölker des Altertums sind, die Griechen, die Römer und die Israeliten, so treten uns hier die allerbezeichnendsten Verschiedenheiten entgegen.

Das edle, hochbegabte Volk der Griechen zeigt auch in seinen Personennamen eine reiche Phantasie, einen idealen Schwung. Die Namen gehen überwiegend auf das Geistige, auf edle Eigenschaften und Beschäftigungen. Das beweist die Fülle der Namen, die auf kles (Ruhm) endigen: Perikles (sehr berühmt), Sophokles (durch Weisheit berühmt), Themistokles (durch Gerechtigkeit berühmt), Kallikles (durch Schönheit berühmt) — oder die mit der Silbe kle anfangen: Kleophanes (ruhmstrahlend). Viele beziehen sich auf das Vorangehen und Erster sein, gleichsam Bezeichnungen für Männer, die jenen homerischen Wahlspruch: „Stets der Beste zu sein und vorzustreben den andern“ in sich zur Verkörperung gebracht haben. So die mannigfachen Bildungen von Aristos (der Beste), ferner Namen wie Poliarchos (Stadtherrscher), Agesilaos (Volksführer), Eurysthenes (weit gewaltig) — auch Thrasybulos (kühn im Rat), Megistophron (das Größte denkend). Auf Kampf und Sieg gehen Nausimachos (zu Schiffe kämpfend), Nikophanes (siegprangend). Wie jedoch jene homerischen Helden das Wort ebenso trefflich zu handhaben wissen wie das Schwert, so stellt sich neben die kriegerischen Namen eine fast ebenso lange Reibe von Namen, welche die Beredsamkeit feiern, z. B. Aglaophon (herrlich redend), Anaxagoras, Protagoras — letztere zum Beweise, wie hoch der Grieche seine Agora, die Volksversammlung, hielt. Aber in der Reihe dieser edlen und ruhmwürdigen Eigenschaften ist auch die Götterfurcht unvergessen; den Beweis geben die vielen mit Theos (Gott) zusammengesetzten Namen, wie Theodotos (gottgegeben), Timotheos (Ehregott), dazu mannigfache Ableitungen von den Namen einzelner Gottheiten, von Dionysos (Bacchus): Dionysios, von Hera (Juno): Herodotos, von Apollon: Apollonios. Im Einklange damit stechen unter den Tieren in der Namengebung hervor der Löwe, das königliche Tier, in vorgeschichtlicher Zeit in Griechenland einheimisch: Leon, Timoleon, das edle Roß, dem Poseidon heilig, in besonders zahlreichen Namen: Hippias und Hipparchos, Hippokrates, Philippos, Aristippos.

Während so die griechischen Personennamen ein ideales, poetisches Gepräge haben, indem edle, meistens geistige Eigenschaften in ihnen anklingen, bilden dazu den allerschroffsten Gegensatz die Römer. Hier ist von Poesie und Idealität wenig zu finden; die römischen Namen haben ein durchaus prosaisches Gepräge und bewegen sich meist in einer sehr niederen Region. Zunächst halten sie sich an die erste und hauptsächlichste Beschäftigung der alten Römer, den Ackerbau: Agricola (Landbauer), Fabius, Cicero, Piso (Bohnen-, Erbsen-, Wickenmann),[2] und in Zusammenhang damit an die Viehzucht: Porcius (Schweinezüchter), Asinius (Eselzüchter). Schon hierbei kann es befremden, daß die großen Römerhelden keine edleren Namen führten als Bohnenmann, Erbsenmann, Schweinemann. Doch mögen wir diese Namen trotz ihrem Erdgeruche noch gelten lassen, da der Ackerbau die Grundlage des römischen und überhaupt jedes italischen Gemeinwesens war und derselbe allewege eine hochehrenwerte Beschäftigung ist. Es ist freilich etwas Hausbackenes und Massives,[3] aber doch immer etwas sehr Praktisches und Solides in den Namen dieses Schlages. Aber was soll man zu der langen Reihe der Namen sagen, die von äußerlichen Zufälligkeiten und Gebrechen hergenommen sind, wie Niger, Rufus, Flavius, Livius (der Schwarze, der Rote, der Gelbliche, der Bläuliche), Longus, Paullus, Crassus, Macer (der Lange, der Kleine, der Dicke, der Magere), Calvus (der Kahlkopf), Capito (der Großkopf), Naso (der Nasenkönig), Paetus (der Schieler), Caecus (der Blinde), Balbus (der Stammler), Claudius (der Lahme), Plautus (der Plattfuß), Scaurus (der Klumpfuß) — die Reihe ist fast endlos, ich breche ab, um nicht durch fernere Aufzählung zu ermüden. Ist es doch, als käme man in ein Lazarett oder eine orthopädische Anstalt! Das Äußerste jedoch in nüchterner Prosa und Armut an Erfindungsgabe leisten die Zahlnamen: Secundus, Tertius, Quintus, Sextus (mit mehrfachen Ableitungen wie Sextius, Octavianus), die bloß herzählen, daß jemand der zweite, dritte usw. Sohn seines Vaters sei. Welche geistige Armut, wenn ein Vater seinem Kinde nichts weiter im Namen mitzugeben weiß, als daß es Nr. 2, Nr. 3 ist!

Diese Namen, welche eben die römische Namengebung beherrschen, verraten einen großen Mangel des römischen Geistes, eine starke Einseitigkeit der Anschauungs- und Auffassungsweise. Fürwahr, man braucht nur diese Namenliste anzusehen, um kühnlich zu prophezeien, daß ein solches Volk auch auf geistigem Gebiete, besonders in der Dichtung, wenig leisten werde. Auf solchem Boden können die goldenen Hesperidenäpfel der Poesie schwerlich gedeihen. Dagegen bekundet eine derartige Namengebung eine hervorstechende Anlage und Neigung zum Auffassen menschlicher Schwächen, d. h. zur Satire. In der Tat ist auch die Satire der einzige Zweig der poetischen Literatur, worin die Römer etwas Bedeutendes, Ureigenes geschaffen haben.

Ein Element, welches schon in der griechischen Namengebung, doch nur in zweiter Reihe hervortrat, der fromme Sinn, die alles auf die Gottheit beziehende Lebensanschauung, kommt zur vollen Entfaltung bei den Orientalen, namentlich dem Volke der Israeliten. Dies wird durch das Vorwiegen der Namen bezeugt, die mit der Silbe ja (jo, je) — Abkürzungen von Jehova (Jahve) — oder mit el anfangen oder auch schließen. Beides bedeutet „Gott“, also[4] Josua (dessen Hülfe Jehova ist), Johannes (den Jehova geschenkt hat), mit ähnlichem Sinne Jonathan (den Jehova gegeben), Josaphat (dem Jehova Recht schafft); — Obadja (Knecht Gottes, vgl. arabisch Abdallah), Sacharja, Zacharias (dessen Jehova gedenkt); — Elimelech (dem Gott König ist), Elieser (dem Gott Hülfe ist), in derselben Bedeutung Eleasar (Lazarus); — Nathanael (den Gott gegeben), Joel (die beiden Gottesnamen verbunden: dem Jehova Gott ist). Hieran reihen sich noch mehrere, bei welchen diese Beziehung nicht ausdrücklich ausgesprochen, aber doch leicht zu ergänzen ist, z. B. Nathan, abgekürzt aus Jonathan, Saul (der Erbetene, nämlich von Gott).

3.
Die altgermanische Namenwelt.

Wenden wir uns, nachdem wir dies vorausgeschickt, zu unserm Volke in seiner ungetrübten Ursprünglichkeit und fragen: Was ist das Eigentümliche der altgermanischen Namengebung?

Der Geist und Sinn, die ganze Anschauungsweise eines ursprünglichen Volkes spricht sich bezeichnend aus in den Vorstellungen, die es sich vom Übersinnlichen, von der Gottheit macht. Wie Gott die Menschen schuf nach seinem Ebenbilde, so denkt sich umgekehrt der Naturmensch die Gottheit gern nach seinem menschlichen Bilde. Was ihm als das Höchste erscheint, das überträgt er auf jene und stellt somit einen Spiegel auf seines eigenen Selbst. Wie hat nun der Germane sich die Gottheit gedacht? Hören wir darüber den beredten Mund eines neueren Forschers, der sich in der Hauptsache folgendermaßen ausspricht: „Während andere Völker die stille, starre Ordnung der Himmelskörper, der Gestirne, über alles andere gefeiert und das Leben der Menschen zu einem Abbilde dieser stillen, starren Ordnung zu machen gesucht haben; während wieder andere das in den Entwickelungen der Dinge bemerkbare Ebenmaß und die Schönheit des lebendigen, organischen Maßes, die Harmonie gefeiert haben — hat die germanische Glaubenslehre an die Spitze aller Götterfiguren eine Personifikation gestellt des ungebrochenen, rastlos jagenden, todverachtenden Heldengeistes, den Wuotan.[5] Damit ist der ungebrochene, gottbewegte, persönliche Heldensinn über alles andere gesetzt und zum höchsten Gegenstande der Verehrung und des sittlichen Strebens gemacht.“ (H. Leo, Vorlesungen I, 109).

Diesen stürmischen Heldengeist zeigt unser Volk von seinem ersten Auftreten in der Geschichte an. Heftig und ungestüm war die Kampfesart der Germanen, zumal ihre ersten Angriffe zu Beginn der Schlacht, und nur der überlegenen Kriegskunst der Römer gelang es, die furchtbare Kraft derselben zu brechen.[6] So in dem Kriege der Cimbern und Teutonen, welche fünf Jahre hindurch alle gegen sie ausgesandten Heere der Römer schlugen und vernichteten, bis es endlich dem großen Feldherrn Marius gelang, den Sturm zu beschwören und das drohende Verderben von Rom abzuwenden; so in dem Kampfe Cäsars mit Ariovist, so in allen nachfolgenden Kämpfen, bis zu dem gewaltigen Gewittersturm der Völkerwanderung.

Bekannt sind die Zeugnisse des Tacitus für die Tapferkeit der Germanen (nullus mortalium armis aut fide ante Germanos). Krieg und gefahrvolle Unternehmungen waren ihre Lust — daher jene nie gesättigte Begier nach Abenteuern, die Gier, Gefahrvolles aufzusuchen und mit dem Furchtbaren zu kämpfen; daher auch im Frieden die Lust, auf ungemessenen, ungebahnten Pfaden das Wild zu jagen. „Wer hat mehr Mut“, ruft der Römer Seneca, „als die Germanen? Wer stürmt mit größerer Gewalt? Wer liebt leidenschaftlicher die Waffen, mit denen sie gleichsam geboren, in denen sie aufgezogen werden? Die allein sind ihre Sorge, alles andere kümmert sie wenig.“ (Sen. de ira I, 11.) Im Einklang damit läßt der jüdische Schriftsteller Josephus den König Agrippa zu den Juden sagen: „Ihr habt ohne Zweifel von den Germanen gehört. Ihr habt ihre Stärke gesehen und die Größe ihrer Gestalt. Sie haben aber einen Geist, der größer ist als ihre Leiber, eine Seele, die den Tod verachtet, und einen grimmigern Zorn als die wilden Tiere.“

Dieser wilde Kriegsmut ist der „furor Teutonicus“, der im Altertume wie zum Sprichwort geworden noch von viel späteren Schriftstellern oftmals erwähnt wird.

So war der Geist unserer Ahnen, und diese todesverachtende Kühnheit, dieser wuotanische Heldensinn spiegelt sich ab auch in der Namengebung jener Zeit, des Heroenalters unseres Volkes. Und wenn uns keine Geschichte und keine Sage Kunde gäbe, so würden diese zahlreichen männlichen und auch weiblichen Namen vernehmlich genug sprechen, die da wiederklingen von Waffen und Krieg und Kampf und Sieg.

Hild, Gund, Had, Bad und Wig sind lauter Ausdrücke für Kampf, Schlacht, Krieg, Wortstämme, die, sonst in unserer Sprache längst erstorben, nur noch in den Namen und zwar hier um so häufiger fortleben. Es ist hier nicht der Raum, alle die Ableitungen und Zusammensetzungen aufzuzählen, von denen die Sprache damals eine staunenswerte Menge und Mannigfaltigkeit besaß. Nur zur Probe wollen wir, um an einem Worte diesen Reichtum zu zeigen, die von dem Stamme hild gebildeten Namen vollständiger hersetzen:[7]

Hildibald, Hildibern, Hildiberht, Hildibodo, HildibrandHildidagHildifrid, HildifunsHildigang, Hildigar, Hiltigast, Hildegaud, Hildegern, Hildigis, HildigrimHildehocHildelaic, Hiltilant, Hiltileip, HiltiloucHildiman, Hildimar, Hildimod, HiltimundHildinandHildirad, Hiltiram, Hildiric, HiltirochHiltiscalh, HiltistainHildulfHildowald, Hildiwar, Hildiward, Hildiwerc, Hiltiwic, Hildiwin.

Dabei sind die weiblichen Namen, wie Hildigunda, Hildiburg (von denen späterhin!) noch gar nicht berücksichtigt.

Von dem Stamme Gund kommen, um nur wenige Namen herauszugreifen, Gundachar (Kriegskämpfer), Gundobert (kampfprangend), Gundemar (kampfberühmt);

von Wig: Wigand (Kämpfer), Wiglef (Kampfessohn), Chlodowech (Ruhmeskampf), der Frankenkönig des 5. Jahrhunderts.

Zu Kampf und Schlacht gehören Waffen. Auch diese sind zahlreich vertreten. Haben sich doch ganze Völkerschaften danach genannt, wie z. B. die Sachsen nach ihren langen Kriegsmessern, althochdeutsch sahs, angelsächsisch seax, nach welchen selbst ein Gott, der Kriegsgott der Germanen, Saxnot (Schwertgenoß) benannt ist.[8]

Die deutsche Nationalwaffe, die Frame (bei Tacitus), ein Spieß mit schmalem, kurzem Eisen, geschickt für den Nahkampf wie für den Fernkampf, für Stoß und Wurf, begegnet in Framhard (speerkräftig) — das althochdeutsche ger, Wurfspeer, in Gairebald (gerkühn), Garibert (gerprangend), Ansigar, altsächsisch Osgar (Asenspeer d. i. Götterspeer); — das Schwert, ecka (Schwertecke = Schneide, Stamm ag) in Agabert (schwertglänzend), Agihard, Ekkihart (schwertstark).

Die Schutzwaffen treten zurück; waren doch die alten Germanen damit kärglich ausgerüstet: fast mit nacktem Leibe, nur mit einem langen, schmalen Schilde aus Holz und Leder traten sie furchtlos den wohlausgerüsteten römischen Legionären entgegen.

Der Schild heißt Rand, daher Rantowic (Schildkämpfer), Bertrand (leuchtender Schild).

Panzer besaßen die Germanen auch zu Armins Zeiten noch nicht, selbst nicht einmal eigentliche Helme. Statt dessen setzten sie die Kopfhaut von erlegten Tieren auf, deren Fell zugleich als Mantel die Schultern bedeckte. Daher die Namen Bernhelm, Ebarhelm, Wolfhalm. Doch später, als sie in der Kunst des Schmiedens sich vervollkommnet, traten eherne Helme an die Stelle, und somit gewannen Namen wie Helmperht (helmglänzend) eine Berechtigung.[9]

Die kriegerische Eigenschaft der Kraft und Stärke klingt an in magan, megin: Maganhard (machtstark), Magnobod (mächtig gebietend); in ellan, got. aljan: Ellanperht (kraftglänzend), Aljanmot (kraftmutig) — die Kühnheit in besonders vielen Namen; dahin gehören vor allem die zahlreichen Bildungen mit bald: Baldawin (kühner Freund), Liutbald und Theudobald (sehr kühn), Hunibald (riesenkühn); ferner die Zusammensetzungen mit nand: Nandulf (kühner Wolf), Siginand (siegeskühn).

Die Gesamtheit der freien, waffenfähigen Männer bildete bei den Germanen das Heer, althochd. hari, heri, altfränkisch chari. Hierher gehört, um den ältesten überlieferten Namen voranzustellen, wahrscheinlich das im römischen Munde wohl etwas entstellte Ariovist, sicher aber Hariman (Heeresmann),[10] Hariberaht (heerglänzend), Cariovalda (der heerwaltende), Bataverfürst des 1. Jahrh. (Tac. Ann. II, 11); dann besonders die vielen Namen, deren zweiter Teil aus diesem Worte besteht, wie Raganhar, Werinheri.

Aber die Tapferkeit der Germanen, so stürmisch sie war, war doch kein bloßes Dreinschlagen, das des klugen Rates entbehrt hätte. Wuotan ist nicht allein der Gott des Sturmwindes, sondern auch der der Weisheit, und neben den stürmenden, alles vor sich niederwerfenden Wate des Gudrunliedes stellt sich der kluge Frute. Welchen Wert die Germanen auf einsichtsvollen Rat gelegt haben, lehren nun auch lange Reihen von Namen. Da sind die mit rat: Adalrad, Chuonrat; da ist ragan (Rat): Raganfrid, Raginmund; mathal (Versammlungs-, Beratungs- und Gerichtsort des Volkes): Mathalwin; hugu (denkender Geist): Hugubert.

Solchem mit Kraft und klugem Rate zugleich geführten Kampfe kann der Sieg nicht fehlen: Sigifrith, Sigiberht, Sigimund und mit erweitertem Stamme Sigismund (Siegschutz, durch Sieg schützend).

So hören wir alles von Schwertergeklirr und Waffenklang wiederhallen, wir hören die Tapferkeit der Germanen heraus, ihren Schlachtenmut, ihre Siegesfreude; wir begreifen, daß Leute, die Krieg und Jagd für die einzigen eines freien Mannes recht würdigen Beschäftigungen hielten, die sich am liebsten nach ihren Waffen, nach Schwert und Lanze nannten, daß diese wohl ihren Nachbarn furchtbar sein mußten, ja den bis dahin unbezwinglichen Römern ein „bis hierher und nicht weiter!“ zurufen konnten.

Das mächtige Walten nach Kampf und Sieg liegt in Waldomar (im Walten berühmt), Sigiwalt, Chraftolt; — ferner in rich (mächtig): Ricohard, Frithuric, Ermanarich (der Gotenkönig aus dem 4. Jahrhundert, welcher sich in dem Schmerz über die Zurückdrängung seines Volkes durch die Hunnen im 110. Lebensjahre selbst den Tod gab).

Der mit solchem Siegen und Walten verbundene Ruhm wird, abgesehen von dem überaus häufigen beraht, bert, besonders durch die Stämme hlod, hrod und hrom dargestellt: Chlodowald (ruhmwaltend); Hrodegang (Ruhmesgänger), Romuald (ruhmwaltend); ferner durch mar, schon seit dem 1. Jahrhundert in Namen wie Catumer, Inguiomer (Armins Oheim, Tacit. Ann. I, 60).

Im vollen Einklang hiermit werden auch in den aus der Tierwelt entlehnten Benennungen starke, kampflustige, herrschende Tiere entschieden bevorzugt, solche, deren Schönheit, Kraft, Schnelligkeit der Germane bewunderte, wenn er auch mit ihnen als Jäger oder Hirt in Fehde lag.

Der Herrscher von Wald und Heide, der grimmige Bär, nahm einst in der Anschauung des Nordens die Stelle ein, aus welcher ihn später der fremdländische Löwe verdrängt hat: er war König der Tiere. Daher die Namen: Berinhard, Beringar, Isanpero.

Nicht minder passend, als Sinnbild der Größe und Stärke, ist der Ur, das gewaltigste einheimische Tier, oft im Kampfe mit dem Bären: Urold, Uremar. Beiden schließt sich der Eber an, ebenfalls durch wilde Stärke ausgezeichnet. Einfach Ibor (Eber) hieß der älteste, uns überlieferte Anführer der Langobarden aus dem 4. Jahrhundert; am bekanntesten ist Ebarhard.

Herrscher im Reiche der Lüfte ist der Aar: Arnoald (waltend wie ein Aar).

Doch die beiden königlichen Tiere Bär und Adler treten zurück gegen zwei andere von scheinbar geringerer Bedeutung: Wolf und Rabe. Dies rührt daher, weil letztere heilige Tiere sind. Freilich war auch der Eber schon ein geheiligtes Tier, doch nur des Gottes Fro, während Wolf und Rabe Diener des höchsten Gottes Wuotan sind. Zwei Wölfe, Geri und Freki (gierig und frech d. i. kühn), und zwei Raben, Huginn und Muninn (Gedanke und Erinnerung), sind Wuotans ständige Begleiter. Jene begleiten ihn als seine Hunde, wenn er in seinen Wolkenmantel gehüllt auf windschnellem Rosse auszieht. Der Wolf ist daher ein heil- und siegverkündendes Tier. Nach ihm hat der älteste Schriftsteller unserer Literatur den Namen: Vulfila (Ulfila, Wölflein), der westgotische Bischof und Bibelübersetzer aus dem 4. Jahrhundert. Ganz besonders häufig ist der Name des Wolfes als zweiter Teil der Zusammensetzung in der abgeschliffenen Form ulf (olf): Athaulf, Maginulf, Ebarolf.

Die Raben sind die beutegierigen Tiere des Schlachtfeldes, die Kriegs- und Siegesvögel und so dem Wuotan als dem obersten Schlachtenlenker heilig, der auch von ihnen den Beinamen „Rabengott“ führt. Einen Raben hatte der schreckliche Normannenhäuptling Ragnar Lodbrokr auf seiner Schlachtenfahne; je nachdem er auf derselben munter in den Lüften flatterte oder seine Flügel hängen ließ, schloß man auf Sieg oder Niederlage. So haben wir nun unter anderen die Namen: Hiltiram und Gundhram (Kriegsrabe), Sigihram, Walahram (Rabe des Wal d. i. der Gefallenen), Wolfhraban, die beiden heiligen Tiere verbunden.

Bei den von Wolf und Rabe hergeleiteten Namen stehen wir mit einem Fuße schon auf einem anderen Gebiete, welches dicht daran grenzt, auf dem Gebiete religiöser (mythologischer), von den Göttern entlehnter Benennungen. Die ungeheuchelte Ehrfurcht vor dem Heiligen, den sieg- und segenspendenden Göttern, liegt in zahlreichen Namen zu Tage.

Unser uraltes und ureigenes Wort Gott ist in Godolef (gotisch Gudilaibs, althochd. Cotleip), gottgeboren, enthalten; ferner in Godefrid, Godascalc (Gottesknecht), Godowin (Gottesfreund), Gotahard u. a.

Die Namen der obersten Götter: Wuotan, Donar, Ziu, Fro werden, wohl aus religiöser Scheu, nicht zu Personennamen verwendet (nur ausnahmsweise findet sich ein Thunerulf oder Donarperht) — desto häufiger die allgemeinen Götternamen und die Benennungen der untergeordneten Götterwesen. So die Ansen (Asen, Götter) in Anshalm (der mit dem Asenhelm, Götterhelm), Ansoin, Ansowald, die uns geläufiger sind in der altsächsischen und angelsächsischen Form, wo ans in ôs zusammengezogen wird, also: Osvine, Osvald.

In das geheimnisvolle Reich der Naturgeister, der Albe oder Elfen, von denen Sage und Märchen so viel zu erzählen wissen, führen uns Namen wie Albirich (Elfengebieter), Albarad, angels. Älfred (Elfenrat), Alfwin, Alboin (Elfenfreund).

Den Gegensatz zu dem kleinen, bald gutmütig helfenden, bald boshaft schadenden Elfenvolke mit ihrem Anhange der Zwerge und Wichtelmänner bildet das ungeschlachte, sinnlich rohe, naturkräftige Geschlecht der Riesen (Hünen und Thursen): Hunibald, Thurismund.

Es wird dies genügen, um mindestens in den Grundzügen ein Bild von der Namengebung jenes Zeitalters zu gewinnen. Kampf und Sieg tönen uns allerorten aus ihr entgegen mit hellem Waffenklang; daran schließt sich der kluge Rat und das ruhmvolle Walten — nicht ohne den Aufblick zu den sieg- und segenspendenden Göttern. Weiter ins einzelne zu gehen ist für unseren Zweck nicht erforderlich und alles gar zu erschöpfen hier ganz unmöglich, wegen der außerordentlichen Menge der Namen. Wie zur Frühlingszeit in Wald und Flur tausend und abertausend grüne Sprossen aufschießen, so ist auch in diesem Frühling deutscher Namengebung eine fast zahllose Menge von Namen erwachsen. Die oben angeführten sind nur beispielsweise genannt, sind nur geringe Proben aus der Fülle, derart, daß die einzelnen ganze Reihen vertreten. So sind der Namen, die auf bald auslauten, in Förstemanns großem Werke 199, der auf ric über 200, der auf beraht (bert) weit über 300, der auf wolf (olf) gar nahezu 500. Mehr als 12000 (männliche und weibliche) Namen hat Förstemann aus gedruckten Schriften und Urkunden gesammelt, eine Zahl, die durch spätere Forscher noch sehr vermehrt worden ist; wie viele mögen sich nicht noch in ungedruckten Quellen finden, wie viele nie zur Aufzeichnung gelangt sein!

Es ist eine hochgemute, eine ideale, eine poetische Namengebung, in der uns nichts Unedles stört. Sie ist einheitlich, wie aus einem Geist und Guß, gleich dem Germanenvolke selber, das ein einheitliches an Abstammung und Aussehen war, „ein eigenes, reines, nur sich selbst ähnliches Geschlecht“. Das Heldenhafte, Kühne, Gewaltige, Hohe finden wir in dieser Namenwelt ausgeprägt, das Liebliche, Sanfte, Milde tritt zurück — selbst in den weiblichen Namen. Auch diese sind wesentlich von demselben Gepräge, Kampf und Schlacht tönen aus ihnen fast ebenso wieder wie aus den männlichen. Die Walküre, die Schlachtenjungfrau Wuotans, erscheint als das Ideal des urgermanischen Weibes. War doch in jenen Tagen auch das schwächere Geschlecht dem Kriege, seinen Ehren und Gefahren nicht fern. Was uns griechische und römische Schriftsteller erzählen, spricht laut genug. Es wird uns da geschildert, wie die Frauen mit in den Krieg zogen, um in der Nähe ihrer Anverwandten hinter der Schlachtreihe sich aufzustellen, wie sie die Kämpfenden durch ihren Zuruf anfeuerten, die Verwundeten verbanden, die Weichenden wohl wieder zum Stehen brachten, die Sieger begrüßten und belohnten, aber auch mit den Unterliegenden zu sterben wußten und lieber sich selbst und ihre Kinder töteten, als daß sie sich in Gefangenschaft begaben.

Bei solcher Sinnesart der germanischen Frauen darf es uns nicht wunder nehmen, wenn auch ihre Namen dieses Gepräge haben und sich eng an die männliche Benennungsweise anschließen.[11]

4.
Übereinstimmung der deutschen Namengebung mit der griechischen.

Werfen wir, ehe wir weitergehen, einen vergleichenden Rückblick auf die Namengebung der alten Völker, so läßt sich wohl kaum ein schrofferer Gegensatz denken, als zwischen der römischen und der germanischen Namengebung. Dort körperliche Schwächen und Mängel, hier edle Eigenschaften und Vorzüge, leiblicher und ganz besonders geistiger Art! Dort niedrige Prosa — hier erhabene Poesie!

Dagegen tritt eine auffallende Übereinstimmung mit der griechischen Namengebung hervor, zunächst darin, daß die Namen auf beiden Seiten der großen Mehrzahl nach zusammengesetzte sind.[12] Namen dieser Art sind an sich schon poetischer, schwungvoller als einfache, und so tritt bereits hier in erfreulicher Weise übereinstimmend eine edle Anlage beider Völker hervor. Dann aber entsprechen sich auch die Zusammensetzungselemente in beiden Sprachen großenteils: so das griechische phanes (glänzend, prangend) und das deutsche beraht (bert), das griechische kles (berühmt) und das deutsche mar, das griechische krates (kräftig, gewaltig) und das deutsche rich; so ferner medon (waltend) und walt (old), stratos (Heer) und heri, demos (Volk) und theod (diet), theos (Gott) und got u. s. f.

Demnach kann man eine Menge griechischer Namen geradezu mit deutschen übersetzen, da sie sich wörtlich decken, z. B.:

Nikophanes (siegprangend) — Sigibert,
Kleophanes (ruhmstrahlend) — Hrodebert (Ruprecht, Robert),
Kleoptolemos (ruhmkämpfend) — Chlodowich (Ludwig),
Perikles (vielberühmt) — Vilmar,
Demosthenes (volksgewaltig) — Dieterich,
Thrasybulos (kühn im Rat) — Chuonrat (Konrad),
Laomedon (volkswaltend) — Leutold,
Demophilos (Volksfreund) — Volkwin,
Theodulos (Gottesknecht) — Gotschalk u. a. m.

Genug, die Anlage unseres Volkes ist, gleich der des griechischen, eine treffliche und edle; ein nach dem Hohen gerichteter Sinn tritt uns überall in dieser Namengebung entgegen, aus welcher der Geist unserer Ahnen mit beredten Lauten zu uns spricht. Unser Volk war berufen von der Vorsehung, die Ketten zu zersprengen, in welche römische Tyrannei die Welt geschlagen hatte, und als ein edles Reis in die Fäulnis des Römertums eingesenkt zu werden, um von jetzt an Hauptträger der Entwickelung des Menschengeschlechtes zu sein.

5.
Weiterentwickelung der altdeutschen Personennamen. Ihre Lebenskraft.

Wie sehr diese Namengebung aus dem innersten Leben und Wesen des deutschen Volkes hervorgewachsen, das erweist sich durch die Zähigkeit, mit welcher lange Jahrhunderte hindurch an ihr festgehalten wird. Die Stürme der Völkerwanderung brausen dahin, die verschiedenen Stämme der Germanen lassen sich in den Provinzen des ehemaligen römischen Reiches nieder und bauen die Erde sich neu. Die staatlichen Verhältnisse ändern sich, das Christentum stürzt den alten Götterhimmel — doch die Namen bleiben und blühen ohne wesentliche Veränderung weiter auf einem vielfach umgestalteten Felde.

Die Beweise liegen zu Tage. Man werfe nur einen Blick auf die Namen der deutschen Könige und Kaiser! Ihre Reihe ist von Karl dem Großen an sechs Jahrhunderte lang rein deutsch: Karl, Ludwig, Konrad, Heinrich, Otto, Friedrich sind die herrschenden Namen. Unterbrochen wird diese Reihe erst durch Wenzel aus dem lützelburgisch-böhmischen Hause 1378 und später durch Maximilian den „letzten Ritter“ 1493. Ebenso ist es im Kreise der Reichsfürsten. Albrecht der Bär hatte sieben Söhne: Otto, Hermann, Sigfrid, Heinrich, Adelbert, Dietrich, Bernhard — kein undeutscher Name findet sich darunter, ein Fall, der sich jetzt schwerlich wiederholen würde.

Selbst im Stande der Geistlichen, wo das Eindringen fremder Namen am ersten zu erwarten wäre, behauptet sich die deutsche Namengebung überraschend lange. Bischöfe und Erzbischöfe, Klosteräbte und Mönche erscheinen fort und fort als Träger der altgermanischen Krieges-, Sieges- und Ruhmesnamen. Man denke an Adalbert von Prag, den Apostel der Preußen, an Otto von Bamberg, den Pommern-Apostel, an Willegis von Mainz, Adalbert von Bremen.

Ähnliches gilt von den romanischen Ländern. Trotz der fortwährenden Berührung mit der römischen Welt und dem teilweisen Aufgehen in dieselbe behaupten sich die alten Namen nicht bloß im eigentlichen Deutschland, sondern auch in Frankreich, Spanien, ja selbst in Italien. Nachdem die Sprachen längst romanisch geworden, erhalten sich noch die fränkischen, gotischen, langobardischen Namen in überraschender Weise. Man braucht sich nur die Führer des ersten Kreuzzuges zu vergegenwärtigen: Gottfried von Bouillon, Robert von der Normandie, Raimund von Toulouse, Boemund von Tarent usw., um dies bestätigt zu finden. Fügen wir noch ein Beispiel aus Frankreich, eins unter vielen, hinzu! Im Jahre 991 versammelten sich zu Reims die Bischöfe der Diözese: Guido von Soissons, Adalbero von Laon, Heriveus von Beauvais, Godesmann von Amiens, Ratbod von Noyon, Odo von Senlis; außerdem Erzbischof Daibert (Dagobert) von Bourges, aus der Lyoner Synode die Bischöfe Walter von Autun, Bruno von Langres, Milo von Maçon; endlich der Erzbischof Siguin von Sens mit den Bischöfen seines Sprengels Arnulf von Orleans und Herbert von Auxerre. Unter diesen dreizehn geistlichen Würdenträgern findet sich keiner mit nichtdeutschem Namen; nur sind einzelne dieser Namen oberflächlich romanisiert, wie Guido aus altdeutsch Wido, oder latinisiert, wie Heriveus aus Heriwic.[13]

Geschichtliche Erinnerungen und mehr noch Familienüberlieferungen kamen der Erhaltung der Namen zu Hülfe. Im karlingischen Geschlechte waren Karl, Ludwig, Lothar zu Hause, bei den Württembergern Ulrich und Eberhard, bei den Schwarzburgern Günther usw. Aber auch Stammesüberlieferungen machten ihren Einfluß geltend; noch jetzt läßt sich erkennen, wie einzelne Namen bei gewissen Stämmen besonders gebräuchlich waren. So kommen Friedrich, Rudolf, Albert vorwiegend in Schwaben, Luitpold, Dietpold bei den Bayern, Heinrich, Ludwig, Konrad bei den Rheinfranken vor. Wie beliebt der Name Wilhelm noch im 12. Jahrhundert bei den Normannen war, davon zeugt die Erzählung eines Zeitgenossen. Als nämlich Weihnachten 1171 der junge König Heinrich (Sohn Heinrichs II. von England) bei Bayeux ein großes Fest gab, kamen zwei Wilhelme, der Seneschall von der Bretagne und der Verwalter von der Normandie, auf den Einfall, es sollten in ihrem Saale nur Wilhelme sein dürfen. Wer einen anderen Namen führte, mußte hinaus, und als man zählte, waren noch 117 Ritter da, die alle Wilhelm hießen, ungerechnet die vielen andern, welche in des Königs Halle speisten.[14]

So behaupteten sich die Namen, nur daß sie mit der Entwickelung der Sprache im wesentlichen Schritt hielten und daher mancherlei Abschleifungen und Zusammenziehungen erfuhren. Aus Raganhar, wie es im 6. Jahrhundert gelautet hatte, entwickelte sich Reginher, Reginer und schließlich (im 10. Jahrh.) Reiner; ferner aus

Nun liegt es aber in der Natur der Sache, daß Eltern ihre Kinder mit abgekürzten Namen rufen. Solche Kürzungen, zunächst für den Hausgebrauch und vertraulichen Verkehr, kannte die alte Zeit auch schon, und sie waren regelmäßiger gebildet als die jetzt üblichen. Da nach deutscher Grundregel der erste Teil der Zusammensetzung betont ist, so behielt man diesen bei und ließ den zweiten fort, an dessen Stelle ein o trat, erwachsen aus dem im Gotischen und Altsächsischen noch haftenden a, z. B. [God-beraht]: [Godo]; Kuon-rat: Kuono; Sig-bert: Sigo.[15] Dies sind die einstämmigen gekürzten Formen. Häufig wurde jedoch der zweite Teil nicht ganz abgeworfen, sondern sein Anfangskonsonant blieb erhalten, und so entstand eine zweistämmige gekürzte Form, z. B. Rat-poto: Ratpo; Sig-bert (Sibert): Sibo; Thiet-mar: Thiemo.

Natürlich ist Godo Abkürzung nicht bloß für Godberaht, sondern für alle Vollnamen, d. i. unverkürzte Namen, deren erster Teil God ist, wie Godebald, Godofrid, Godomar usw., ebenso Sigo auch für Sigibrand, Sigifrid, Sigimar usw., Sibo wenigstens für Sigibert und Sigibrand.

Diese verkürzten Formen erlitten nun noch weitere Veränderungen, indem man Verkleinerungssilben an sie hängte. Die einfachste Art der Verkleinerung wird durch i bewirkt: Sigi, Kuni. Wichtiger jedoch sind die konsonantischen Suffixe k, l, z in den Endungen iko, ilo, izo. So entstanden Bildungen wie: [Godiko], [Godilo], [Godizo] (von Godo); Sigiko, Sigilo, Sigizo (von Sigo) — ebenso zweistämmig: Sibiko; Oppilo, Oppizo (von Oppo = Otbert).

Aber damit war man noch nicht zufrieden. Kann doch die elterliche, besonders die mütterliche Liebe sich in zärtlichen Benennungen nimmer Genüge tun. Man verband die Verkleinerungssilben, so daß dann doppelt verkleinerte Formen entstanden: ikiloilikoiziko, izilo und mit Zuhülfenahme des dem l so naheverwandten Suffixes n: ikînilînizîn.[16]

Dies sind die Verkleinerungsformen, die liebkosenden Deminutiva oder Schmeichelformen[17], mit welchen wir aus dem Hochwald der altgermanischen Namengebung (s. [Kap. 3]) nunmehr in den Niederwald eingetreten sind, der, was ihm an Mächtigkeit der einzelnen Stämme abgeht, durch ihre Menge und dichtes Wachstum zu ersetzen sucht.

Staunenswert ist die Vermehrungskraft, die in diesen alten deutschen Personennamen liegt. Einem einzigen können tausende entkeimen. Sie können es — denn freilich sind nicht alle Keime fruchtbar geworden, wie nicht aus jeder Eichel im Walde ein Baum entsteht; aber die Möglichkeit ist vorhanden. Dies weist sehr anschaulich Pauli an einem Beispiele nach, wozu er den Namen Godeberaht wählt.[18]

Aus ihm entstehen zunächst die einstämmige gekürzte Form Godo und die zweistämmige [Godbo] mit ihren Nebenformen [Gobbo] und [Gobo]. Daraus entstehen an einfach verkleinerten Formen mittels der Endungen ilo, izo und iko 21 Namen; hieraus durch doppelte Verkleinerung 49 Formen (s. [Beilage 1]).

Das sind 75 Grundformen, deren weitere Entwickelung Pauli mit Rücksicht auf das Neuhochdeutsche folgendermaßen berechnet. Jede dieser 75 Formen hat zunächst mindestens eine mundartliche Nebenform, indem für d auch t, für b auch p, für z niederdeutsch t, für k hochdeutsch ch eintreten kann. Das gibt also 75 neue Formen, zusammen 150. Nun wechseln ferner g und j häufig in Namen, und dadurch erhalten wir 150 weitere Nebenformen, zusammen 300. Der althochdeutsche Vokal o erscheint neuhochdeutsch bald als o, bald als ö, verdumpft auch als u und ü. Es ist demnach jede der 300 Formen in vier Variationen möglich — zusammen also 1200. Doch wir sind noch nicht zu Ende! Jede der obigen 1200 Formen kann die drei Arten Patronymika bilden, auf -ing, auf -sen und rein genetivische. Das gibt 3600 Formen, also zusammen bis jetzt 4800. Fast wie eine Laune der Sprache erscheint es, wenn sie an den Namen, der ja schon die Personen als solche bezeichnet, noch ein -mann anhängt. Dadurch ergeben sich schließlich noch 1200 Namen, in Summa also alles in allem 6000 Namen, die auf die eine alte Form Godeberaht zurückgehen.

So zeigt auch die Sprache, was wir an der Natur so sehr bewundern, eine unendlich reiche Entfaltung eines einzigen Keimes, und zwar mit verhältnismäßig geringen Mitteln.

6.
Fremdsprachige (kirchliche) Namen.[19]

Trotz der eben geschilderten Lebenskraft und Zähigkeit der altdeutschen Personennamen war es unausbleiblich, daß bei der andauernden Einwirkung der fremden Gelehrsamkeit, die ja schon im Zeitalter der Ottonen (10. Jahrh.) zu einer deutschen Literatur in lateinischer Sprache führte, und bei der zunehmenden Macht der Kirche endlich auch fremde Namen Eingang gewannen. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts ist die Anzahl dieser in Deutschland auftauchenden kirchlichen, also hebräischen und griechisch-lateinischen Taufnamen verschwindend klein; seit der Hohenstaufenzeit aber und dem gesteigerten Verkehr mit Italien nimmt ihre Zahl sehr zu. Die ersten sind die Namen der hervorragendsten Apostel Johannes, Petrus, Paulus, Jacobus, auch Philippus (so unter den Hohenstaufen selbst ein Philipp von Schwaben); daran schließt sich eine Reihe Heiliger, als: Martin, Michael (der Erzengel), Christoph, Georg. Letztere jedoch, so unverdächtig kirchlich ihre Namen klingen, wurzeln im tiefsten Grunde noch in altheidnischem Boden. Wie sonst vielfältig, haben sich auch hier volkstümlich-heidnische Vorstellungen unter einem nur leicht darüber geworfenen christlichen Gewande erhalten. Bekannt ist die Legende vom h. Christophorus, der das Christuskind durch das tiefe Wasser trägt und daher eben seinen Namen (Christusträger) empfängt. Ebenso trägt nach der nordischen Mythe der Gott Thor (Donar) durch gewaltige Ströme gehend den Oervandil auf seinen Schultern, und wie Thor hat auch der h. Christoph rotes Haar und wurde vom Volke zum Schutzpatron gegen Blitz und Wetterschaden gemacht.

In St. Georg dem Drachentöter haben wir unverkennbar den alten deutschen Nationalhelden Siegfried vor uns, der selbst wieder nur die verjüngte und vermenschlichte Wuotansgestalt ist.

Am merkwürdigsten aber ist es, wie der h. Michael in die Stelle Wuotans getreten ist. Warum haben neben ihm die beiden andern Erzengel Raphael und Gabriel keinen Platz gefunden? Zunächst war ihm schon sein Name günstig, der an das altdeutsche michel (groß) anklang; dann aber erinnerte der Erzengel die jungen Christen dadurch an ihren Gott, daß er der Führer der himmlischen Heerscharen (caelestis militiae signifer) und der Vorsteher des Paradieses ist. Wie Wuotan die Seelen der gefallenen Helden empfängt und nach Walhalla führt, so wird von Michael gelehrt, daß er der Fürst der Engel und von Gott mit dem Amte betraut sei, die Seelen der abgeschiedenen Christen in Empfang zu nehmen und ins Paradies einzuführen.

So lehnen auch diese Heiligen sich noch an das altgermanische Heidentum, dessen Anschauungen und Gestalten unter der durchsichtigen Hülle christlicher Benennungen fortleben.

Ferner setzte sich eine Reihe von Ortsheiligen fest, die besonders in einzelnen Landschaften, Städten usw. als Heilige und Schutzpatrone verehrt wurden. So Gallus und Columban im Bereiche von St. Gallen, Stephanus in Österreich, Kilian der Franken-Apostel in Würzburg, Martin in Mainz, Florentius in Holland. Ihre Namen wurden Täuflingen beigelegt und wurden sehr natürlich Lieblingsnamen des Volkes in dem jedesmaligen Bereich.

Verwandt mit diesen Lokalheiligen sind die Schutzheiligen einzelner Stände. St. Georg, der Drachensieger im ritterlichen Harnisch, war der Patron der Ritterschaft. Ähnlich wurde der h. Nicolaus, ursprünglich Bischof von Myra in Syrien (Kleinasien), als Patron der Kaufleute und Seefahrer angesehen, seitdem im 11. Jahrh. italienische Kaufleute seine Gebeine glücklich nach Bari in Unteritalien entführt hatten. Daher nun unter anderem die vielen Nikolaikirchen, besonders auch im Norden Deutschlands, z. B. in Berlin, Stettin, Hamburg, daher die Beliebtheit des Namens als Taufname in früherer Zeit.[20]

So drang allerdings ein immer breiter werdender Strom neuer, fremdsprachiger Namen ein; aber eine eigentliche Hochflut brachte erst das 16. Jahrhundert, das Zeitalter der Reformation. Mit Eifer wandte sich das Volk dem neu erschlossenen Buch der Bücher zu und holte sich dort nicht nur seine Glaubenslehren, sondern auch seine Namen. Aus dem alten und neuen Testamente, von Adam und Eva bis zur Offenbarung Johannis herab, entlehnte man sie. Im Gegensatze zu dem Protestantismus betonte der Katholizismus die Heiligenverehrung noch stärker und fügte den schon früher eingeführten Heiligennamen eine große Zahl neuer hinzu; man kann sie eben daran erkennen, daß sie ziemlich ausschließliches Eigentum der Katholiken sind, z. B. Ignatius, Vincenz, Aloys, Xaver, Seraphin.

Als nun vollends durch den dreißigjährigen Krieg das nationale Leben in seinem Kern angegriffen und auf ein Jahrhundert fast erstickt wurde, da riß wie in Sprache und Literatur, so auch in der Namengebung eine vollständige Verwilderung ein. Doch ist das hier glücklicherweise von geringerem Belang, weil längst der große Wendepunkt eingetreten war, da die Personennamen fest wurden und sich die Familiennamen bildeten. Auf diesen schon im 13. und 14. Jahrhundert in der Hauptsache zum Abschluß gekommenen Prozeß hat die spätere Überschwemmung mit fremden Namen wenig mehr einwirken können, daher wir uns hier mit diesen kurzen Hindeutungen begnügen.

7.
Das Festwerden der Namen: Bildung der Familiennamen.

Bei den einfachen Verhältnissen der früheren Jahrhunderte, solange eben das Leben auf engere Kreise beschränkt war, hatte ein Name zur Bezeichnung einer Person genügt. So noch während der Herrschaft der sächsischen, der fränkischen Kaiser. Die Bevölkerung war verhältnismäßig dünn und dazu der Hauptmasse nach bodenständig; jeder, vom Grafen bis zum letzten Hörigen, war ein mehr oder weniger abhängiges Zubehör der Scholle, die ihn nährte, des Gaues, der Grafschaft. Jeder kannte seine Nachbarn, Aus- und Einwanderung fand, die slawischen Marken abgerechnet, nur in geringem Maße statt. Handel und Verkehr war nicht bedeutend, da die abendländischen Völker wenig Bedürfnisse hatten und was sie brauchten, meist selbst erzeugten. Da bedurfte es der Geschlechtsnamen so wenig, als noch heutzutage im Innern der Familie. Aber allmählich änderte sich die Sache. Die Bevölkerung wurde dichter. Es kamen die Kreuzzüge und bewirkten mannigfachen Wechsel im Besitztum; das Land wanderte in die Stadt, Fremde siedelten sich hier neben Fremden an; Handel und Wandel nahm zu und mit ihm die Zahl der gerichtlichen Verträge und Urkunden. So genügte die alte Bezeichnungsweise nicht mehr. Da überdies viele der alten Namen erloschen waren, andere, ursprünglich verschiedene, in der im gewöhnlichen Leben gebrauchten Form zusammenfielen (z. B. Baldhard, Baldram, Baldewin in der Form Baldo, vgl. [S. 23]), so war es unausbleiblich, daß besonders an den Brennpunkten des Verkehrs, in den Städten, derselbe Name sich bei vielen Personen wiederholte. Wie häufig der Name Wilhelm bei den Normannen gewesen, ist vorhin schon erwähnt ([S. 22]). So finden wir ferner in Köln unter den Ministerialen in den Jahren 1141 bis 1159 nicht weniger als zwölf verschiedene Hermann. Ähnlich war in Basel der Name Burkhard, in Zürich Heinrich verbreitet. Endlose Verwechselungen und Verwirrungen mußten daraus im täglichen Leben entstehen. Und wie unvollkommen war eine Unterschrift in dieser Art, wie eine Urkunde des Bistums Basel aus dem Jahre 1095 von 19 Personen bezeugt wird, die außer dem dux Bertholdus (nämlich von Zähringen) und comes Erimannus nur mit ihrem einfachen Personennamen unterschrieben sind: Arnolt, Sigebolt, Ruodolfus usw., zweimal Burchardus und zweimal Cuono, wo es dann höchst einfach heißt: Cuono, item Cuono!

Die Notwendigkeit einer genaueren Bezeichnung und Unterscheidung machte sich gebieterisch geltend, im täglichen Leben wie bei Ausstellung von Urkunden. Um zu wissen, welcher Hermann oder Heinrich oder Johannes unter den vielen dieses Namens denn gemeint sei, mußten allerhand Zusätze gemacht werden, wodurch die einzelnen genauer gekennzeichnet wurden. Dieselben bestanden in dem Personennamen des Vaters oder in der Angabe des Amtes und der Beschäftigung, oder sie waren von besonderen, an einer Persönlichkeit hervortretenden Eigenschaften oder endlich von dem Wohnsitz entlehnt. So finden wir unter jenen zwölf Hermann in Köln einen Razo’s, einen Sohn Ditwigs, einen Vogt, einen Schultheiß (Amt), einen roten, einen weißen, einen mit dem Bart (Eigenschaften), einen vom Neumarkt (Wohnung).

Diese Zusätze nun gingen auf die Nachkommen über, sie befestigten sich in der Familie und wurden so allmählich zu Familiennamen, wie dies bei den einzelnen Klassen derselben näher nachgewiesen werden soll. Erst dies, daß solche Zusätze nicht bloß eine bestimmte einzelne Person näher kennzeichnen, sondern auch auf die Nachkommen forterben, macht ja das Wesen der Familien- oder Geschlechtsnamen aus.

Doch vorher ist der Zeitpunkt, wann diese große Wendung eingetreten (daß sich aus den alten Personennamen, unter Hinzutritt ganz neuer Elemente, die Familiennamen bildeten), genauer ins Auge zu fassen und festzustellen. Dieser Zeitpunkt ist durchaus nicht überall derselbe, sondern ein sehr verschiedener, zum Teil um Jahrhunderte auseinanderliegender, eben in genauem Anschluß an die soziale Entwickelung der einzelnen Länder und Landschaften. Wo bürgerlicher Verkehr aufkommt, da wird auch das Vorhandensein fester, erblicher Namen notwendig, und es bilden sich Familiennamen, als natürliches Erzeugnis der Verhältnisse. Umgekehrt ist demnach das frühere oder spätere Emporkommen der Familiennamen ein Gradmesser für die frühere oder spätere Entwickelung des Bürgerstandes in den Städten. Von den Städten wird der neue Brauch dann auf das Land und andere Stände übertragen.

Am frühsten treten die Geschlechtsnamen in Süddeutschland und am Rheine auf; so (nach Becker)

in Köln 1106, in Zürich 1145,
in Basel 1168 —

etwas später in Mitteldeutschland, so

in Nordhausen im 13. Jahrhundert[21]

noch später in Norddeutschland; wenigstens weisen für Pommern die Verzeichnisse der Kamminer Prälaten[22] auf die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts hin.

Anfänglich tauchen einzelne Familiennamen auf, die sich aber schnell vermehren, und sehr bald, nach einer verhältnismäßig kurzen Übergangsperiode, hat der neue Brauch gesiegt und die Umwandlung ist allgemein. Zunächst finden sich die Geschlechtsnamen, nach Beckers Beobachtungen, bei den vornehmeren Bürgern der größeren Städte, nämlich bei den reicheren Ministerialen oder ritterbürtigen Dienstmannen der Bischöfe und bei den an Rang und Geltung ihnen nahestehenden Freibürgern oder Patriziern. Was an Rang über oder unter diesem Stande ist, der hohe Adel und die Geistlichkeit einerseits, der Handwerker und der hörige Bauer anderseits, das hält noch lange an dem alten Brauche der einfachen Namengebung fest. — Der hohe Adel nennt sich bekanntlich nach dem Stammsitz. Bei der Geistlichkeit setzen zuerst die Stiftsherrn aus städtischen Geschlechtern ihren Geschlechtsnamen der sonstigen Bezeichnung bei, z. B. 1230 in Zürich R. Manezo subdiaconus; bei ihnen mochte das bürgerliche Selbstgefühl dem geistlichen die Wage halten. Dagegen nannten Bischöfe und Äbte sich, wie meist noch jetzt, mit dem Taufnamen oder dem angenommenen Kirchennamen, unter Beifügung der Würde, der Diözese, des Klosters.

Die Handwerker in den Städten ahmten zwar bald den Brauch des städtischen Adels und der Patrizier nach; da sie sich aber stets aus der Landbevölkerung ergänzten und deren älteren Brauch in die Stadt hineinbrachten, so konnte es vorkommen, daß z. B. in Basel noch 1438 bei der Zunft „zu Brotbecken“ ein sonst namenloser „Hans des jebsmolers (Gipsmüllers) tochtermann“ aufgenommen wurde.

Bei dem Landvolke endlich hängt die Benennung mit dem Grade der errungenen Freiheit zusammen. Während die freien Landleute von Uri schon 1291 eine große Anzahl wirklicher Geschlechtsnamen bieten, entbehren die Leibeigenen in manchen Gegenden derselben bis ins 14., ja 16. Jahrhundert.

Doch ist hervorzuheben, daß an den Küsten der Nordsee, in Friesland, Holstein, Schleswig, wie auch in Dänemark eigentliche Familiennamen sich am spätesten festgesetzt haben, indem die alte Sitte, sich nach dem Vater zu nennen (z. B. Großvater Clas Petersen, Vater Peter Classen, Sohn Clas Petersen, Enkel Peter Classen) erst im vorigen Jahrhundert polizeilichen Verordnungen gewichen ist.[23] Es ergibt sich aus allem, daß der Gebrauch der Geschlechts- oder Familiennamen in den Städten und mit der Blüte der Städte entstanden ist; daß dieser Brauch in den einzelnen Städten um so eher aufkommt, je früher sich dieselben entwickeln, und daß er sich von der Stadt und ihren Bürgern auf das Land und auf andere Stände verbreitet hat.

Wie wenig befestigt anfangs die einzelnen Familiennamen waren, ergibt der leichte und häufige Wechsel. So wurde Lucas Cranach, also benannt von seinem Geburtsort im Hochstifte Bamberg, auch genannt „Lucas Maler“. Sein eigentlicher Familienname war wahrscheinlich Sunders (Pott, Personennamen, S. 43). Im Quedlinburger Urkundenbuche wird aus dem Jahre 1407 ein Ludeke Hugholdes, „andere geheten Ludeke Smet,“ erwähnt, aus dem Jahre 1429 ein Clauwes Hartwiges, „anders geheten Clauwes Groper.“

8.
Altdeutsche Vollnamen als Familiennamen.

Um eine Person genauer zu bezeichnen und von „den Genamen“, den Namensvettern, zu unterscheiden, war es das Nächstliegende, die Abkunft anzugeben, also den Namen des Vaters hinzuzufügen, besonders wenn dies eine hervorragende Persönlichkeit war. Nennen sich doch schon in der deutschen Heldensage die Helden nach ihren Vätern: Hiltibrant Heribrantes sunu, Sigfrid Sigmundes sun — Zusätze, die jedoch damals noch nicht erblich geworden. Wurde nun der Name des Vaters beigefügt, so geschah dies in der Form „Sohn Arnolds“ oder auch bloß Arnolds, in den Bürgerrollen und Urkunden, die meist lateinisch abgefaßt wurden: filius Arnoldi oder mit Auslassung von filius bloß Arnoldi. Man würde demnach hier lauter genetivische Familiennamen als Patronymika erwarten, wie Arnolds, Friedrichs, Otten. Auffällig ist nun, daß die weit überwiegende Mehrzahl der Namen dieser Art nicht im Genetiv, sondern im Nominativ auftritt: Arnold, Friedrich, Otto (Otte) usw. Woher diese auf den ersten Blick überraschende Erscheinung? Sie ist wohl so zu erklären, daß man statt des genaueren Genetivs oder einer sonstigen patronymischen Bildung den Namen des Vaters einfach und unverändert im Nominativ hinzusetzte — infolge einer schon damals eintretenden Erstarrung der Sprache, vielleicht auch, weil man den Namen des Vaters deutlicher wollte hervortreten lassen. So finden wir bereits im 8. Jahrhundert in Urkunden unter andern einen Sigifridus filius Sigimundus, und im 11. Jahrhundert erscheint der Vatername schon oft dem des Sohnes im Nominativ als Beiname hinzugefügt, z. B. Uguo Folcaldus (im J. 1030.)[24] Ein besonders belehrendes Beispiel führt Becker aus Köln an. Dort finden wir unter den Dienstmannen der Abtei zu St. Pantaleon im Jahre 1128 einen Razo; dann unterzeichnet 1185 unter den Bürgern ein Henricus Razonis, derselbe 1195 Henricus Razo, und 1272 ist Theodoricus dictus Razo Bürgermeister. Ebenso erscheint im Göttinger Urkundenbuch im Jahre 1245 der Ritter Johannes Cusen (Genetiv), 1270 der Ritter Johannes Cuso.[25] Gewiß war dies, die einfache Beifügung des Vaternamens im Nominativ, im gewöhnlichen Leben noch häufiger.

So erscheint denn nun eine Menge jener altdeutschen Personennamen nunmehr als Familiennamen, teils wenig verändert, z. B. Hildebrand, Siegfried, Amelung, teils mannigfach abgeschliffen, wie Kiesel und Geröll des Meeres im Wogenschlag der Jahrhunderte, teils sogar verstümmelt und entstellt bis zur Unkenntlichkeit.

Am deutlichsten treten hervor die zusammengesetzten Namen, von denen hier eine Übersicht der gewöhnlicheren Bildungen folgen möge, nach dem zweiten Teile der Zusammensetzung geordnet:

Durch Abfall der Schlußkonsonanten entwickelte sich aus bald, belt: ball, bel; aus fert: fer; aus old: ohl usw.

Manche dieser urspr. altdeutschen Namen treten infolge mundartlicher und anderer Einflüsse in außerordentlich vielen verschiedenen Formen auf, z. B. altdeutsch Ricohard findet sich als:

Richard, Richert, RiechertRiegertReichhardt, Reichard, ReichertRickert, RitschardRitsert;

ungerechnet die bloß orthographischen Abweichungen. Liutbald tritt gar (freilich gemengt mit Liutwald) in mehr als zwanzig Formen auf:

Liebaldt, Liebold, Liebhold, Libelt, Liebel, LiepeltLippelt, LippelLeopoldLepold, LepelLeppeltLuppoldLuboldLaubholdLeupoldLeybold, Leibel, Leibhold, Leipold, Leipel usw.

9.
Sproßformen der altdeutschen Vollnamen als Familiennamen.

a) Kürzungen und Verkleinerungen.

Sehr zahlreich, mitunter zahlreicher noch als die vollen Formen, sind die verkürzten, sich anschließend an die altdeutschen Kürzungen und Verkleinerungen, die Seite 23 behandelt sind. Das o, welches dort an den Torso gesetzt wurde, hat sich nur in wenigen Familiennamen, wie Otto, Thilo, erhalten; meist ist es in e abgeschwächt: Otte, Thiele, Heine (altd. Heino aus Heinrich), Thieme (Thiemo aus Thiedmar) — oder es ist ganz abgefallen, so daß der Name einsilbig wird: Ott, Thiel, Heyn, Thiem.

Diese Verkürzungen bilden den Übergang zu den eigentlichen Verkleinerungsformen oder Schmeichelformen. Die verschiedensten Bildungen treten hier hervor, und eine wundersam reiche Flora beut sich den erstaunten Blicken. Jede Landschaft hat ihre besonderen Deminutivendungen, nach Maßgabe der Mundart.[27]

Der Kern der oberdeutschen Verkleinerungsendung ist ein l (altd. ilo, s. [S. 23]), welches auch in Appellativen in den mannigfachsten Formen auftritt: ele, el, le, li, la usw., z. B. Mädele, Mädel, Maidle, Maidli, Madla; Vogel, Vogerl.

Der Kern der niederdeutschen Verkleinerungs-Endung ist ein k (altd. iko, [S. 23]): ke, ken, z. B. Mäke, Mäken.

Im Schriftdeutschen sind beide vertreten, und zwar in der Verbindung mit n ([S. 23]): oberd. lein, niederd. chen.

Demnach finden wir im Oberdeutschen folgende Bildungen in den Familiennamen:

gewöhnlich, mit der Weiterentwickelung des Neuhochdeutschen Schritt haltend:

Weniger mannigfaltig sind die entsprechenden Bildungen in Niederdeutschland, wo man im allgemeinen die Verkleinerungsformen auch in den gewöhnlichen Hauptwörtern weniger liebt. Es ist hier besonders nur die Endung

Daneben finden sich

Friesisch lautet die Verkleinerungsform je: Meisje (Mädchen), Pottje (Töpfchen); so auch in Familiennamen

Diese Verkleinerungen bewirken in der Regel, wie aus den obigen Beispielen ersichtlich, den Umlaut, wegen des ursprünglich in der Endung steckenden i (iko, ilo).

Außer diesen beiden Hauptsuffixen, l und k, wird in Mittel- und Süddeutschland noch jenes dritte, nur in Eigennamen vorkommende gebraucht:

So wird aus Dietrich: Dietze, nachher einsilbig Dietz, aus Gottfried: Götze, Götz (vgl. Götz von Berlichingen), aus Ludwig: Lutze, Lutz, aus Heinrich: Heinze, Heinz — aber auch Heinitz (aus urspr. Heinizo, der Grundlage für alle drei Formen).

Diese Kürzungen der Rufnamen, welche als solche in Niederdeutschland, mit alleiniger Ausnahme von Fritz,[29] durchaus nicht üblich sind, haben von Oberdeutschland her als Familiennamen weite Verbreitung gewonnen.

Das z erweichte sich übrigens, der Entwickelung der Sprache folgend, häufig in ss: Diess, Russ, ja in s: Heinse, während es sich anderseits in sch, tsch vergröberte: Gersch statt Gerz, Dietsch.

Da nun aber die Sprache mit einmaliger Verkleinerung noch keineswegs zufrieden ist, so werden diese verschiedenen Endungen verbunden und auf solche Weise doppelt verkleinerte Formen gebildet, z. B. von Dietrich:

Ja es finden sich Formen, in denen alle drei Suffixe (z, l, k) vereinigt sind: Dietzelke.

b) Genetivische Namen.

Wenn (nach [S. 31]) auch die Form, in welcher ein Personenname sich als Familienname festsetzte, in der Regel die des Nominativs war, so war es doch unausbleiblich, daß bisweilen der Genetiv an seine Stelle trat. Entsprach es doch der strengen grammatischen Regel, wenn der Name des Vaters zu näherer Bezeichnung eben im Genetiv hinzugefügt wurde: Heinrich, Sohn Arnolds, lateinisch Henricus, filius Arnoldi, wobei die Bindeglieder „Sohn“ und filius auch wegfallen können.[30] Daher nun eine ziemliche Menge Namen, die sich im Genetiv festgesetzt haben und in dieser Form als Familiennamen erstarrt sind. Die beiden Biegungsarten, welche durch die Deklination der Hauptwörter im Deutschen hindurchgehen, treten nun auch hier hervor:

die starke, die sich durch ein s,

die schwache, die sich durch ein n

im Genetiv kennzeichnet. Erstere tritt an die vollen Namen, wie Diederichs, Hermanns, letztere an die Verkürzungen: Thielen, Otten (welche aber auch häufig das s der starken Biegung annehmen, z. B. Köhns neben Könen).

Dazu tritt als eine dritte Form im Friesischen ena (wie in Hagena, Tydena), die mit Ruprecht[31] als Genetiv Pluralis der schwachen Deklination zu erklären ist (vgl. den alten Wahlspruch „Eala freya Fresena“). Es bedeutet demnach z. B. Focke Uckena („hovetlink Focke U. van Leer“ in einer Urkunde von 1435) den Sohn oder Nachkommen der Uko, weist also nicht bloß auf den Vater, sondern auch auf die Ahnen hin. Da diese Bezeichnung besonders für angesehene Geschlechter Wert hatte, bei welchen der Name auch einen Anteil an dem alten Besitze und dem alten Ruhme der Familie zusicherte, so ist es nicht zufällig, wenn wir unter den klangvollen Namen dieser Bildung vielen alten Häuptlingsnamen begegnen.

Der genetivischen Bildungen sind aber mehr, als es auf den ersten Blick scheint, da sich dieselben nicht selten hinter entstellender Rechtschreibung verstecken; namentlich schmilzt ein t-Laut mit s zu tz zusammen: Seifritz (statt Seifrids, Siegfrids), Gompertz (statt Gomperts von Gundbrecht), Reinartz (Reinhards). Während in dem letzten ein zum Stamm gehöriges h ausgelassen ist, wird ein solches in den Zusammensetzungen mit old (walt) fälschlich eingeschoben, so daß der Schein einer Zusammensetzung mit Holz (niederd. Holt) entsteht. Reinold, schon entstellt und umgedeutet in Reinhold, nimmt so im Genetiv oder durch falsche Verhochdeutschung gar die Form Reinholz an.

Durch Vermittelung des Lateinischen, welches in den Bürgerrollen und öffentlichen Urkunden überwog, entstanden die Zwitterformen Arnoldi, Ruperti, Friederici, auch mit y: Bernhardy und ähnliche, Formen, die sich schon durch das Verschieben der naturgemäßen Betonung als Entstellungen der deutschen Namen kundgeben.

Ganz mit demselben patronymischen Sinne wie die Genetive werden auch Zusammensetzungen mit „Sohn“ gebildet, welches dabei aber fast immer in der abgeschliffenen Form sen erscheint: Wilmsen, Volquardsen. Es ist dies eine alte Bezeichnungsweise; schon in der Edda findet sich „Sigmundr Völsungsson“ (Siegmund, Völsungs Sohn). Dieselbe ist besonders im Norden heimisch,[32] während in einigen süddeutschen Landschaften, z. B. Kärnten, eine patronymische Bildung auf er (ler) hervortritt: Sebolter, Hartler (aus Leonhard).[33]

Auch Metronymika (Ableitungen von dem Namen der Mutter) finden sich, wenngleich nur sehr vereinzelt. Dahin gehören Vernáleken = (Sohn) der „Frau Aleke“ (Adelheid),[34] Nesensohn (der Agnes Sohn), Odiliae, Eisentraut, Liebetrut.

10.
Kirchliche Personennamen als Familiennamen.

Die Personennamen der zweiten Schicht, die kirchlichen, mußten eben als fremde Namen noch stärkere Umwandlungen erfahren wie die einheimischen. Aufgenommen sind sie zunächst in der griechisch-lateinischen Form, wie die Kirchensprache (nach dem Vorgang der lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata) sie bot. In dieser vollen Form jedoch erscheinen sie als Familiennamen, einige kürzere wie Thomas, Lucas ausgenommen, fast nie; — es verbietet das schon ihre Länge, da sie meist 4–5silbig sind.

Es mußte also eine Kürzung erfolgen. Dabei kam alles auf die Betonung an. Im Althochdeutschen wurde bei den Fremdwörtern der Ton zurückgezogen, er strebte noch über die drittletzte Silbe nach vorn hin, auf die erste Silbe, die im Deutschen in der Regel als Stamm den höchsten Ton trägt, z. B. AntichristusÁntichristo, ConstántiaChóstanza, MathaéusMátheus.

Die Sprache hatte sich so gewöhnt, den Hochton auf den Anfang des Wortes zu werfen, daß in den Fällen, wo dies aus irgend einem Anlasse nicht geschehen war, der nun tonlose Anfang wie mit Mißachtung behandelt und durch eilendes Drüberhingehen des einen oder anderen Lautes beraubt, ja gänzlich abgeworfen wurde, z. B. apostolus — althochd. postul, HispanusSpân.

Später freilich wurde durch romanische Einflüsse die echtdeutsche Betonung der Fremdwörter mehr und mehr verdrängt zu Gunsten einer anderen, welche den Ton auf den Ausgang der Wörter wirft. Es ist dies die französisch-neuhochdeutsche Betonung, die, schon im Mittelalter beginnend (s. die zahlreichen Hauptwörter auf îe, jetzt íe oder ei), nunmehr leider zur Herrschaft in unserer Sprache gelangt ist.

Länger als in der Schriftsprache behauptete sich jene ursprüngliche, umdeutschende Betonung im Volksmunde, besonders den fremden Eigennamen gegenüber. Bei denselben wird noch heute der Ton auf die erste Silbe zurückgezogen, was dann Kürzungen am Ende (Apokopen) zur Folge hat: Andres, Béndix, d. i. Benedictus, Chrístian (Chrísten), Níclas[35] usw. Oder falls diese Zurückwerfung des Tones unterblieben ist, treten vorn Verkürzungen (Aphäresen) ein: Joachim — Achim, Erasmus — Rasmus, Asmus. Häufig ist beides, Aphärese und Apokope, vereint, wie Bonifacius — Fazi, Dionysius — Nis, wo von 5 Silben nur eine, die Tonsilbe selbst, übrig geblieben ist.[36]

Hinsichtlich dieser weitgreifenden Aphäresen treten die fremden Namen den deutschen gegenüber, bei welchen Kürzungen zu Anfang des Wortes durch die Betonung gehindert werden.

Aus diesen mannigfach gekürzten und umgewandelten Taufnamen ist nun eine verhältnismäßig bedeutende Zahl Familiennamen erwachsen, teils mit einer Kürzung am Ende: Máthies und Mathes, teils mit einer solchen am Anfang: AlexanderXander. Vielfach treten an demselben Namen wechselnd beide Erscheinungen hervor, wie von demselben Stamm eines Baumes Äste nach entgegengesetzten Richtungen ausgehen, und es entstehen Formen, die keine Ähnlichkeit mehr miteinander haben. So wird

aus Ambrosius einerseits Ambrosch, anderseits Brose,[37]
Andreas  „ Enders,    „ Drewes,
Nicolaus  „ Nickel,    „ Claus, Klaas.

Mitunter haben diese verschiedenen Sproßformen keinen Buchstaben des Stammes gemein, z. B. Barthel und Mewes aus Bartholomäus.

Wie das letzte Beispiel beweist, findet neben der Kürzung bisweilen Zerdehnung statt, indem zwischen zwei Vokale sich ein w oder g einschiebt. Dies ist auch der Fall bei Paul, woraus sich Pawel und Pagel entwickelt hat.

Nicht selten gehen diese Kürzungen, Zusammenziehungen und Umbildungen so weit, daß die ursprüngliche Namensform vollkommen unkenntlich geworden ist. Lex aus Alexius, Xander aus Alexander ist schon ziemlich gewaltsam; doch wird auch dies noch überboten. Wer würde z. B. denken, daß der Familienname Gille aus Aegidius entstanden ist, daß Grolms (der Bauer in der bekannten Fabel), Rohner und Muss ein und derselbe Name und daß alle drei aus Hieronymus entstellt sind?[38] Und doch beweisen dies die Formen, welche in den alten Schriften und Urkunden sich finden, nebst den lebenden der Volksmundarten. Bei fremdsprachigen Namen dürfen solche Erscheinungen nicht überraschen.

In betreff der genetivischen Ableitungen ist Vorsicht vonnöten; namentlich ist das s kein sicheres Kennzeichen, da es vielfach nur von dem Nominativ her stehen geblieben, z. B. Staats (aus Eustathius), Mews; auch Marx, aus Marcus. Das gilt besonders von der Endung ies (zweisilbig zu sprechen), die aus dem lat. Nominativ ius entstanden ist:[39] Borries aus Liborius, Plönnies, Lönnies aus Apollonius. Ganz unzweideutig genetivisch sind fast nur die mit fremden (lateinischen) Genetivendungen auftretenden Namen auf i, ae, is: Pauli, Matthiae, Michaelis.

Zusammensetzungen mit „Sohn“ sind häufig, und dabei ist mehrfach der volle Vokal bewahrt: Andersohn, Matthisson, Petersson, während allerdings in der Mehrzahl auch hier die Abschwächung in sen eingetreten ist.

Verkleinerungsformen dagegen sind im ganzen seltener: Köbke (aus Jakob) und Jahnke (aus Johannes), denen Jäckel und Hensel gegenüberstehen, weisen die Hauptform des niederdeutschen Deminutivs (mit dem Charakterlaute k) und des oberdeutschen (mit l) auf, während z bei den Fremdnamen überhaupt nicht vertreten ist.

Außer dem Genetiv und der Zusammensetzung mit Sohn wird das patronymische Verhältnis auch durch Vorsetzung von Jung oder Klein bezeichnet. Hieß der Vater z. B. Andreas, so wurde der Sohn, welcher denselben Namen in der Taufe erhalten hatte, Jungandres genannt, oder Michel: Kleinmichel, und zu den Zeiten der Söhne trat eben das Festwerden der Familiennamen ein, so daß nun Jungandres und Junghans, Kleinmichel und Kleinpaul auch der ganzen Nachkommenschaft des eigentlichen Jungandres usw. zuteil wurden. Übrigens scheinen es hauptsächlich nur die Fremdnamen Andreas, Johannes, Michael, Nikolaus und Paul, sowie die einheimischen Konrad (Kurt, Kunz) und Heinrich (Heinz) zu sein, welche Patronymika mit Jung und Alt, Klein und Groß bilden.

Aus einigen dieser Namen hat sich solchergestalt durch Kürzung, Ableitung, Zusammensetzung eine Menge Familiennamen gebildet; man sehe das Lexikon unter Andreas, Nikolaus, Matthaeus.

Alle überbietet jedoch der Name Johannes. Wie dieser als Taufname jederzeit einer der beliebtesten gewesen, so hat er auch als Familienname die weiteste Verbreitung und mannigfachste Gestaltung erfahren, so daß sich mehr als 100 Familiennamen aufzählen lassen, die sämtlich aus Johannes gebildet sind (s. das [Lexikon]). Wir haben hier wieder das Bild eines Waldes, der allmählich aus einem einzigen Baum entstanden ist.

Indessen sind es nur einzelne unter den fremdsprachigen Namen, welche eine solche Fruchtbarkeit entwickeln. Im allgemeinen können dieselben, schon als Fremdlinge, nicht eine so vielseitige Bildsamkeit besitzen wie die einheimischen, von vornherein in deutschem Sprachgrunde wurzelnden. Es bleibt daher die Zahl der von kirchlichen Taufnamen stammenden Familiennamen im ganzen eine beschränkte im Vergleich mit den Gebilden altdeutschen Ursprunges.

11.
Familiennamen der dritten Schicht.

a) Stand und Gewerbe.

Den aus den Personennamen gebildeten Familiennamen gesellt sich eine gleich große Zahl solcher Bezeichnungen zu, die niemals Personen- (Tauf-)namen gewesen. Diese wurden zunächst entlehnt von der Beschäftigung. Um unter den vielen Konrad oder Johannes einen bestimmten zu bezeichnen, setzte man das Handwerk, welches er trieb, oder das Amt hinzu. Solchen Zusätzen begegnen wir bereits bei den Goten, indem sich unter zwei sonst lateinisch abgefaßten Verkaufsurkunden, die sich aus der ostgotischen Zeit erhalten haben, als Zeugen neben Römern auch finden: Merila bokareis (M. der Bucherer, d. i. Schreiber), Ufitahari papa (U. der Pfaffe), Sunjaifrithas diakun (S. der Diakon), Viljarith bokareis, Gudilub diakun. Dies sind die ältesten germanischen Zusätze von Stand und Gewerbe zur näheren Bezeichnung einer Persönlichkeit. So finden wir denn auch in spätern Urkunden häufig solcherlei Zusätze, wie „Herman der Perchmayster“ (in einer Marburger Urkunde aus dem Jahre 1290), „Herman der Amman“, „Schechel der Mawter“ (Mautner), „Nicla der Schreiber“ (alle ebenda aus dem 14. Jahrhundert) „Huch de smet“ und „Schrift de kremere“ (im Göttinger Urkundenbuch um 1383) usw.

Eine solche Beifügung konnte nun sehr leicht auf den Sohn übergehen, so sich allmählich in einem Geschlechte befestigen und zum Namen der gesamten Familie werden, besonders wenn der Sohn, wie es doch ohne Frage häufig und häufiger als jetzt geschah, die Beschäftigung seines Vaters fortsetzte. Doch war das kaum einmal nötig: der Name des Familienhauptes wurde ohne weiteres auf die übrigen Glieder der Familie, insbesondere auf die Kinder übertragen.

Erscheinungen dieser Art zeigen sich noch heutzutage, da doch längst die feststehenden Familiennamen durchgedrungen sind, im Volksmunde gar nicht selten. So wird in Fr. Reuters „Reis’ nah Belligen“ der Pastorsohn nie mit dem Geschlechtsnamen, sondern immer „Heindrich Paster“ genannt.[40]

Hier muss doch ein schon vorhandener Familienname verdrängt werden, damit die Amtsbezeichnung an die Stelle trete; wie viel leichter war die Sache, wenn solche Verdrängung noch nicht nötig war!

Bei dem Übergange zum Familiennamen fiel zunächst der Artikel, wenn er nicht etwa schon von vornherein gefehlt hatte, regelmäßig fort. So bietet das Göttinger Urkundenbuch neben den vorhin erwähnten Huch de smet und Schrift de kremere in demselben Schriftstück aus dem J. 1383 Eckel Smet und Herman Kremere. Nur in ganz vereinzelten Fällen ist der Artikel stehen geblieben, z. B. in de Pottere (= Töpfer), de Boer (spr. Bûr).[41]

Eine lange, fast endlose Reihe ehrsamer Meister vom Handwerk zieht an uns in diesen Namen vorüber, die uns einen Blick in die friedliche Tätigkeit unserer Vorfahren während des 12.-16. Jahrhunderts tun lassen. Greifen wir einige Gruppen heraus — solcher Handwerke, die für jene Zeit besonders bezeichnend sind.

Auf das alte Kriegswesen, wie es vor der Erfindung und allgemeinen Anwendung des Schießpulvers war, gehen Namen wie Harnischmacher, Harnischfeger (der den Harnisch fegt, d. i. glänzend macht, poliert); Armbruster, Pfeilschmidt, Bolzer, Pfeilsticker, niederl. Pielsticker (Verfertiger der Stecken für die Pfeile); Lersner (Verfertiger der Lersen d. i. Lederhosen).

Während diese durch ihr meist geräuschvolles Handwerk dem Schwerte dienten, bewegte in stiller Klause der Bücherabschreiber unermüdlich die Feder im Dienste friedlicher Kunst: Bucher, Pucher (der Bücherabschreiber). Ihn unterstützten der Buchfeller (der die Felle zu Büchern bereitet) und der Rothmaler (der die bunten Anfangsbuchstaben malte). Alle drei Namen stammen vorzugsweis aus Oberdeutschland, wo die Kunst des Bücherabschreibens und des Ausmalens der Titel und Anfangsbuchstaben mehr als in Niederdeutschland zu Hause war.

Begeben wir uns aus der Enge der Städte hinaus aufs Land, in die freie Natur, so sprechen uns hier besonders die Namen an, welche der Jagd und Waldwirtschaft entlehnt sind. Ist doch das Jagen im schönen, grünen Walde von jeher eine Lieblingsbeschäftigung der Deutschen gewesen! Und wieviel ausgedehnter war noch im Mittelalter das Jagdgebiet, da die Wälder einen so unvergleichlich größeren Raum einnahmen, derart, daß die bewohnten Stätten in manchen Landschaften fast nur wie Inseln im Waldmeer erschienen!

Der älteste Name des Jägers ist Waider, Weidmann; er bedeutet denjenigen, welcher auf Weide, d. i. Nahrung ausgeht, und weist somit auf jene uralten Zustände in dem Leben unserer Vorväter hin, in welchen die Jagdbeute den vornehmsten Teil der Speise ausmachte. Jünger ist das so häufige Jäger mit den Zusammensetzungen Gambsjäger, Hasenjäger, während ein Name wie Bärenfänger beweist, daß auch die wilden, starken Tiere des Waldes, die einst der Germane bekämpft hatte, noch nicht ausgestorben waren. Auf die Jagd mit Falken („Federspiel“), einen der beliebtesten Zeitvertreibe in der ritterlichen Zeit, gehen Falkner (Felkner), Hachmeister (s. v. a. Habichtmeister, Abrichter der Stoßvögel). Die älteste Bezeichnung des Waldverwalters dauert noch in dem Familiennamen Widemarker fort; derselbe bedeutet den, welcher für die Holzmark (witu Holz) zu sorgen hat. Der Name setzt das Vorhandensein einer gemeinsamen Mark voraus; in der Privatwaldung eines Fürsten oder Adligen dagegen war ein Holzknecht angestellt — nach Vilmars treffender Bemerkung ungefähr das, was jetzt Oberforstkollegium, Oberforstrat, Forstinspektor, Oberförster, Unterförster und Forstläufer zusammengenommen sind. Viel häufiger ist indes der Name Förster (Vorster). Daneben sind Zeugen für die ehemalige verschwenderische Waldwirtschaft die Familiennamen Aschenbrenner und Aschenbrand; dieselben bezeichnen ein eigenes Gewerbe, welches darin bestand, ganze Waldstrecken niederzubrennen, bloß um Asche zu gewinnen, teils für die Glashütten, teils für die Seifensiederei.

Die zuletzt angeführten Namen sind zum Teil nicht mehr reine Handwerksnamen, sondern bezeichnen, wie Hachmeister und Förster, ein Amt. So reihen wir denn hier die Amtsnamen an.

Weltliches Amt und weltliche Würde war im Mittelalter meist erblich geworden. Somit werden wir uns nicht wundern, in unseren Namenverzeichnissen den vollständigen Hofstaat weltlicher und geistlicher Fürsten, vom Kanzler bis zum Schergen, wiederzufinden. Man vergleiche nur folgendes Verzeichnis der Hof-Verwaltungsämter eines Fürsten jener Zeit mit deutschen Familiennamen: Dapifer Truchsess, Droste; Pincerna Schenk; Marescalcus Marschall; Camerarius Kämmerer; Causidicus oder Scultetus Schuldheiß, Schulz; Advocatus Vogt; Minister Ammann; Villicus Meier; Cellarius Keller; Telonarius Zoller, Zöllner; Magister coquinae Küchenmeister; Monetarius Münzer usw. Daran reiht sich eine Menge Namen von städtischen und Klosterämtern, richterlichen, polizeilichen und militärischen Stellen wie Fürbringer (Advokat); Küster, Glöckner, Sigrist (auch Sacristan); Stocker und Sulzer (Gefängniswärter); Venner (Fähnrich).

Während so diese alten Ämter viele Familiennamen geliefert haben, sind die neueren Amtsbenennungen — glücklicherweise — nicht so fruchtbar gewesen. Weder Kammerherr noch Kammerdiener, weder Präsident noch Superintendent, weder Steuerperäquator noch Hauptzollamts-Kassenkontrolleur werden aus naheliegenden Gründen je zu Familiennamen werden.

Einige Schwierigkeit machen Namen wie Kaiser, König, Herzog und ähnliche, bei denen allerdings „gerechte Zweifel sich erheben können, ob solche Familien häufig in den Fall gekommen sind, die durch derlei Namen bezeichnete Würde als wirkliche Lebensbürde zu tragen“ (Pott). Es sind jedenfalls Übernamen, welche die betreffenden Persönlichkeiten in dem sie umgebenden Kreise führten.[42] Ähnlich ist es mit Bischof, Probst, Mönch und anderen geistlichen Würden, die sich freilich auch sehr wohl auf patronymischem Wege als Familiennamen festsetzen konnten — trotz dem Cölibat.

Spottnamen sind: Bratengeiger, Giegengack (Bierfiedler), Pinkepank (Schmied), Gaugengigl (Narr, Geck).[43]

Manche alte Bezeichnungen von Amt und Gewerben sind nur in diesen Familiennamen erhalten, da sie sonst, zugleich mit der bezeichneten Sache, erloschen sind — so Platner, Armbruster. Andere Gewerbe bestehen noch, aber die alten Namen sind erloschen, z. B. Menger = Händler, in Zusammensetzung Eisenmenger, Winkler = Kleinverkäufer, Preiswerk = Posamentier.

Interessant sind auch die mundartlichen und landschaftlichen Verschiedenheiten, die sich hier geltend machen. So ist Müller, Miller die oberdeutsche, Möller die niederdeutsche Form; Beck (Mehrh. Becken) oberdeutsche Form statt des norddeutschen Becker (in Basel Pfister vom lat. pistor). Leiendecker ist (nach Vilmar) am Rhein und nach Oberhessen hinein wohl verständlich, aber schon in Niederhessen ein Fremdling: ein Schieferdecker; denn der Dachschiefer heißt am Mittel- und Niederrhein die Leie. Manches Handwerk hat infolgedessen die verschiedensten Bezeichnungen; so heißen die Schlächter: Fleischhauer, Fleischhacker, Fleischer, Metzger, Knochenhauer, Beinhauer; die Töpfer: Hafner, Potter, Eulner. Ebenso bedeuten Binder, Küfer, Böttcher, Büttner, Scheffler im wesentlichen dasselbe.

Manche dieser Gewerbenamen sind außerordentlich häufig, vor allen die fünf:

Müller, Schulze, Meier, Schmidt, Schneider,

die man deshalb auch die fünf Großmächte in der Namenwelt genannt hat. Den vier ersten wird man diese Stelle nicht bestreiten; doch gegen Schneider als fünften möchten mehrere andere nicht ohne gute Aussichten in die Schranken treten, als da sind: Bauer, Becker, Richter, Weber, Lehmann. Zu Berlin gab es im Jahre 1867 nach Ausweis des Adreßbuches 929 Familien und alleinstehende Personen des Namens Müller und sogar 1267 des Namens Schulze (Schulz); nächstdem waren die Schmidt mit 884, die Meyer mit 509 Nummern vertreten. Die Lehmann und die Krüger brachten es gleichmäßig auf 474, die Richter und die Hoffmann ebenso gleichmäßig auf 354. Alle gehören ausnahmslos in diese Klasse, ihre Häufigkeit erklärt sich aus dem häufigen Vorkommen des betreffenden Gewerbes oder Amtes, besonders auch auf dem Lande. Das trifft bei sämtlichen oben angeführten Namen zu, vor allen bei Müller und Schulze. Da jedes Dorf (in Norddeutschland) seinen Schulzen hatte, fast jedes, wenigstens größere, seinen Müller, so war eine Überfülle daher entspringender, meist gleichlautender Familiennamen unvermeidlich.[44] Obenan steht in dieser Hinsicht unleugbar der Name Schulze (Schulz), den man deshalb versucht wäre kaum noch als Namen gelten zu lassen.

Die hier hervortretende Einförmigkeit wird dadurch noch vermehrt, daß die Namen dieser Klasse an Sproßformen so arm sind. Deminutive Bildungen sowie patronymische fehlen fast ganz, auch genetivische, z. B. Schiffers, Snyders, Zimmermanns sind selten und finden sich nur in einzelnen Landschaften, besonders am Niederrhein.

Eine Ausnahme macht der Name Schmid, der mehrfache Ableitungen, namentlich auch Deminutiva wie Schmiedecke, Schmidel, Schmidtlein bietet. Dies erklärt sich daher, daß der Name schon sehr früh vorkommt, schon im 9. Jahrhundert in den Formen Smithart, Smido, Smidilo; er gehört demnach zu den altdeutschen Personennamen, welche ja eine so große Umbildungsfähigkeit im Bereich der Schmeichelformen entwickeln (s. [SMID]). Nebst Kaufmann (althochd. Caufman) ist Schmid wohl der einzige vom Gewerbe entlehnte Personenname der altdeutschen Zeit. Das Schmiedehandwerk ist eben das älteste Handwerk der Deutschen; zugleich war es das vornehmste, da seine Aufgabe war, Waffen für den Kampf zu liefern. Mit den Namen berühmter Schwerter wurde auch der des kunstreichen Verfertigers fortgepflanzt, so die Namen Wielands (in der nordischen Wilkinasage), Mimes (in der Wölsungensage). In manchen Gegenden hat der Schmied noch einen mythischen oder heidnischen Schimmer behalten; vielleicht versteht er die Schwarzkunst; man zieht ihn zu Rate, wenn man bestohlen ist. Daher die zahlreichen Schmiedesagen (wie von dem Schmied zu Jüterbogk, der selbst den Teufel zu überlisten weiß und ihn auf dem Amboß übel zurichtet). Es liegt einmal etwas Geheimnisvolles in der Beschäftigung mit dem glühenden Stahl und Eisen.

Wenn, von Schmied abgesehen, sich Sproßformen bei dieser Namenklasse selten finden, so sind dagegen Zusammensetzungen häufiger und ersetzen zum Teil den Mangel an eigentlichen Sproßformen. Um manche dieser Handwerksnamen gruppiert sich eine überraschende Zahl solcher Kompositen; dieselben rühren größtenteils daher, daß das betreffende Handwerk früher in weit mehr Spielarten zerfiel als heutzutage. So finden sich in Nürnberg von 1300–1500 neben Beck: Brodbeck, Fladenpeck, Schwarzpeck (Schwarzbrotbäcker), Tachspeck (später Täglichsbeck, der alle Tage backt), Judenpegk (der den Juden Matzen backt), Pfennigspeck (der Pfenniglaibe backt), Wasserbeck (der Wasserwecken backt).

Obenan steht in betreff der Zusammensetzungen ohne Frage der Name Meier (Meyer, Maier), vom lat. major der Ältere, sodann Aufseher (eines Landgutes), Verwalter. Dieser Name, welchen einer der großen Sippe, Franz Meyer in Osnabrück, in einer besonderen Einzelschrift („Der Name Meyer und seine Zusammensetzungen“) behandelt hat, zählt weit über 1000 Zusammensetzungen, so daß schwerlich ein anderer Name dieser Klasse sich darin auch nur entfernt mit ihm messen dürfte.

Werkzeuge und Kleidungsstücke.

Eine nicht unwesentliche Ergänzung erhält diese Klasse durch die von Werkzeugen und Geräten entlehnten Namen. Womit jemand hantierte, danach wurde er benannt. So konnte einen tapfern Krieger der Name Degenkolb, einen Schmid der Name Boßhammer zieren (von boßen = schwer aufschlagen), wie für einen Koch Schaumlöffel sehr bezeichnend war. Pfeffersack ist ein alter Spottname für Kaufleute, während Knieriem und Leimpfann noch heutzutage für jedermann verständlich die betreffenden Handwerke bezeichnen.

Unter den hierher gehörigen Familiennamen nehmen auf dem Gebiete der Hausgerätschaften die der Küche den größten Raum ein: Schaumlöffel, Kessel, Wiegelmesser, Fetthake (ein Hauptgerät der Küche des 15. Jahrhunderts), Feuerhake, Pfannstiel, Ölhafen u. a. — unter den Handwerksgeräten die, welche sich auf grobe Holz- und Eisenarbeit beziehen: Axt, Breitbeil, sowie die Zusammensetzungen mit Hammer.[45]

Geräte der Feldarbeit erscheinen beispielsweis in: Schellpflegel, Pflug (Keil-), Rollwagen, Spannagel.

Doch dieser friedlichen Vereinigung tritt auch hier sofort ein starkes Fähnlein kriegerischer Namen gegenüber: Eisenhut, Stahlhuth, Harnisch, Kempeisen (die Eisenkolbe der Gottesgerichtskämpfe), Bauerneisen, die berüchtigten Kirmeßspieße des 15.-16. Jahrhunderts, „mit denen die Bauern sich leichtlich zur Ader ließen“; einen Reitersmann bezeichnen: Klingspor, Holzsadel, den altertümlichen Pfeilschützen Armborst und Pfeil, während die Feuerwaffen in dem Namen Feuerrohr vertreten sind. Manche dieser Namen gehen zugleich auf die Jagd.

Entsprechend dem Goetheschen „Saure Wochen, frohe Feste“ schließt sich ein heiterer Reigen solcher Namen an, die von Lustbarkeiten und dabei gebrauchten Geräten entlehnt sind.

Danzglock, Schombart (Maske), Glückrad, Kranz, Maikranz und Grünemay, Rosenkranz, Kuttruf (eines der im 15.-16. Jahrhundert äußerst zahlreichen Trinkgefäße). Diese Namen stammen besonders aus Süddeutschland, wo überhaupt mehr leichtlebiger Frohsinn als im Norden herrscht und wo frühzeitig schon im Mittelalter auch ein freier Bauernstand sich bildete. Einen Beleg für die Blüte des letzteren haben wir in der höfischen Dorfpoesie des bayrischen Ritters Neidhart von Reuenthal.

Hierher rechnet Vilmar auch die Münznamen, deren er volle 20 aufzählt. Darunter sind freilich manche zu streichen, wie Dreier, welches die niederdeutsche Form für Dreher, Drechsler ist; auch Schilling und Heller sind zweifelhaft zu nennen. Doch bleiben immer noch einige übrig, wie Weißpfennig, Redepenning (barer Pf.), Wucherpfennig und dessen Gegenteil Schimmelpfennig, Fünfschilling, bei denen eine Beziehung auf die betreffenden Münzen nicht abzuweisen ist.

Den Geräten mögen sich die Kleidungsstücke anreihen, wie denn schon bei Namen wie Eisenhut, Harnisch sich beides nicht scharf trennen ließ.

Eine Benennung nach einem auffälligen Kleidungsstücke, welches jemand trägt, ist auch für uns noch etwas Naheliegendes und Gewöhnliches. So sprechen wir von Grünröcken (Jägern),[46] Rotröcken (roten Husaren — englischen „Rotröcken“), Schwarzröcken, von Weißmänteln und Rotmänteln.[47]

Fangen wir mit der Kopfbedeckung an, so haben wir hier vor allem die Zusammensetzungen mit Hut: Webelhut (d. i. Wackelhut), Weißhut, Grünhut, Spitzhut; vereinzelter Wittkugel (weiße Gogel oder cucullus, eine Kaputze, an einem Kragen desselben Stoffes befestigt, der Schultern und Hals umschloß, so daß vom Kopfe nichts zu sehen blieb als das rings umrahmte Gesicht), Rothkepl u. a.

Das Leibkleid, der Rock, findet sich ebenfalls in mannigfachen Zusammensetzungen: Blaurock, Wittrock (auch Weißkittel), Langrock, Kurzrock; dazu Ärmel in Rothärmel, Weißermel (wohl Spottname für Müller); ferner der Mantel in Wintermantel, Rothmantel.

Die Beinbekleidung haben wir in: Leinhose, Mehlhose (Spottname für Müller), Kurthose.[48] Die scherzhaftesten unter allen sind: Lodderhose, Schlaphose und Lumphose, ein Kleeblatt, in welchem sich die unsinnige, zuerst von renommistischen Landsknechten aufgebrachte Pludertracht des 16. Jahrhunderts verewigt hat, gegen die der Brandenburger Hofprediger Andreas Musculus 1556 in gerechtem Zorn seine „Vermahnung und Warnung vom zuluderten, zucht- und ehrverwegenen Hosenteufel“ schrieb.[49]

Die Fußbekleidung endlich ist vertreten durch Schuh, Knabenschuch, Holtzschue, Rothschuh (Tanzliebhaber), Bundschuh (der von den Bauern getragene Schnürschuh, der nicht nur eine sprichwörtliche Bezeichnung des Bauern überhaupt, sondern auch ein bekanntes Parteizeichen hat abgeben müssen).

Speisen.

Namen von Speisen entlehnt gehören hierher, soweit sie Personen bezeichnen, welche die betreffende Speise bereiteten, sie an Gäste verabreichten, damit handelten; doch ist gewiß auch häufig jemand nach einer Speise benannt worden, die er besonders liebte.

Auf dieser Tafel stehen im Vordergrunde Brot und Fleisch, Bier und Wein, die sich in mannigfachen Zusammensetzungen finden:

Milch- und Mehlspeisen sind vertreten durch: Süßmilch, Schlegelmilch (Buttermilch), Hafermehl, Pfannkuch, Butterweck.

Mehr Vereinzeltes übergehen wir hier; doch zu erwähnen ist noch ein deutsches Nationalessen, die Wurst, wonach der deutsche Lustigmacher den Namen „Hanswurst“ (Hans Wurst) erhalten hat, während der französische als „Jean Potage“ (Suppe) und der englische als „John Plumpudding“ auftritt. Die Wurst kommt in deutschen Familiennamen sowohl einfach vor, als auch in genaueren Zusammensetzungen wie: Blutwurst, Krautwurst, Leberwurst.

Es ist im ganzen eine einfache Küche; man braucht sich besonders nur die häufigen Zusammensetzungen mit sauer vorzuhalten:

um sich mit einem Schlage an die genügsamen Tische des 15. Jahrhunderts zurückversetzt zu sehen. (Vilmar, Namenbüchlein S. 48 ff).

Außerdem zeigen sich in den Familiennamen noch Speisen und Getränke, die bereits im 16. Jahrhundert verschwinden, z. B. Gossenbrod, warmes Brot mit Fett begossen, eine Lieblingsspeise alter Zeit, selbst von Dichtern öfter erwähnt,[51] und Moras, über Maulbeeren abgezogener Wein.

12.
Familiennamen der dritten Schicht.

b) Eigenschaften.

Wie aus der Geschichte bekannt ist, wurden hervorragenden Personen, namentlich fürstlichen Standes, in früheren Zeiten häufig Beinamen gegeben, mit welchen der Deutsche in diesem Falle sehr freigebig war. So finden wir schon im 9. Jahrhundert unter den Karolingern einen Karl den Dicken und einen Karl den Kahlen, später unter den sächsischen Kaisern einen Otto den Roten und einen Heinrich den Heiligen. Was letzteren Namen betrifft, so kennt die Geschichte außerdem noch Heinrich den Stolzen, den Schwarzen, den Zänker. Und wie hieraus ersichtlich, gab man nicht immer ehrende Beinamen, sondern auch tadelnde und spottende, und das Mittelalter war darin durchaus nicht blöde. So hieß Kaiser Wenzel der „Faule“, Landgraf Ludwig von Thüringen der „Unartige“, Eberhard von Württemberg der „Greiner“, d. i. Händelsucher.[52]

Zu diesem Zwecke werden zunächst und am einfachsten verwendet Eigenschaftswörter selbst, die mit dem Artikel dem eigentlichen Namen nachgesetzt werden: Otto der Rote, Friedrich der Lange usw. Aus diesen Zusätzen entwickelten sich dann dauernde Bezeichnungen der Familie, wobei der Umstand zu Hülfe kam, daß eben die Eigenschaften des Vaters vielfach auf die Kinder vererben. Dabei fiel der Artikel vor dem Zusatze fort;[53] doch blieb trotzdem sehr oft die gebogene Form des Eigenschaftswortes stehen: Kluge neben Klug, Weiße neben Weiß, Grote (Große) neben Groth (Groß), und in manchen Fällen ist es sogar die herrschende Form geblieben, wenigstens in Norddeutschland, wie in Krause, Lange.

Die Zahl der einfachen Namen dieser Art vermindert sich übrigens bei näherer Untersuchung sehr. Einmal finden sich viele davon schon im Altdeutschen, gehören demnach — wenn auch vielleicht nicht in allen Fällen — zur ersten Schicht; so die Namen Guth, Fromm, Jung (schon im 6. Jahrhundert ein Goda, im 10. ein Jungo). Dann sind manche auch nur scheinbar Eigenschaftswörter, z. B. ist Voll schwerlich einer, der immer „voll“ ist, sondern es ist das altdeutsche Fulko (vgl. Volkbrecht und Vollbrecht). Auch Rohde kann zwar die niederdeutsche Form des Eigenschaftswortes rot sein — auf das Haar bezüglich, wie schon Krause; gewiß aber mindestens eben so häufig ist es das altdeutsche Hrodo (zu dem Stamme hrod „Schall, Ruhm“).

Sicherer sind Zusammensetzungen, wie

Viel seltener finden sich Hauptwörter zur Bezeichnung einer Eigenschaft oder charakteristischen Tätigkeit, wie Becker aus Köln (12. Jahrhundert) anführt: Fraz (Fresser), Schad (Räuber), Slevere (Schläfer); aus Zürich (13. Jahrhundert): Manesse (Menschenfresser), Boneze (Bohnenesser). Letzteren stellen sich zur Seite von neueren Namen: Fleischfresser nebst Holtfreter (niederd. = Holzfresser) und Speckäter — insbesondere aber gehören hierher manche Zusammensetzungen mit Mann: Biedermann, Großmann; auch Abstrakte wie Frischmuth, Sanftleben, und präpositionelle Zusammensetzungen: Ohnesorge, Woltemate (wohl zu Maß).

In bildlicher Weise wurden auch Namen von Tieren, an denen man bestimmte, stark hervortretende Eigenschaften fand, in diesem Sinne verwendet. Bekannt sind aus der Geschichte Heinrich der Löwe und Albrecht der Bär. Noch häufiger waren wohl spottende Zusätze der Art. So wird in der Lübecker Bürgermatrikel von dem Jahre 1322 der eine von zwei Brüdern Johannes de rode, der andere Richard Vos genannt, offenbar nach derselben Ursache.[54]

Körperteile.

Die bisher angeführten Namen dieser Gattung beziehen sich, wie leicht zu erkennen, teils auf geistige, teils auf leibliche Eigenschaften. Familiennamen der letzteren Art sind nun mit Vorliebe von einem Körperteile hergenommen, der eben von hervorstechender Eigentümlichkeit sein muß, um Anlaß zur Benennung der ganzen Person zu geben. Darum eignen sich allgemeine und einfache Bezeichnungen wie Haar, Hand, Finger, Mund wenig zu Familiennamen, weil sie als solche meist zu nichtssagend wären.

Die Namen dieser Art, die sich dessenungeachtet finden, sind verdächtig und bedeuten offenbar großenteils etwas ganz anderes. So ist Mund sicher meist das altdeutsche Munto (von althochd. munt d. i. Schutz, vgl. Vormund), Haar das altdeutsche Haro (von hari d. i. Heer).[55] Andere bedeuten allerdings Körperteile, sind aber durch Häuserzeichen vermittelt (s. weiterhin).

Mit viel größerer Sicherheit gehören hierher die zusammengesetzten Benennungen, unter denen besonders häufig sind die Komposita mit Haupt und Kopf, mit Haar und Bart, mit Bein und Fuß. Die Beschaffenheit und Form des Kopfes, wie anderseits die des Fußes, die Farbe und Beschaffenheit des Haares und Bartes, weil ja am meisten in die Augen fallend, wurde vorzugsweise bezeichnet.

Haupt: Breithaupt, Rauchhaupt (= Rauh-), Wollenhaupt.
Kopf: Großkopf, Breitkopf, Wittkopf (niederd.).
Haar: Flachshaar, niederd. Flashaar, Geelhaar (= Gelb-), Weißhaar.
Bart: Rothbart, Spitzbart, Weißbart.
Bein: Einbein, Krummbein, Langbein.
Fuß: Leichtfuß, Schmalfuß, Stolterfoth (niederd.).

Wie sehr Bezeichnungen dieses Schlages sich zu Familiennamen eignen, geht daraus hervor, daß manche derselben noch jetzt appellativ gebraucht werden. So reden wir von einem „Flachskopf, Rotkopf“, einem „Großmaul“, nennen einen Invaliden mit hölzernem Bein „Stelzfuß“ usw.[56]

Hier, bei den von körperlichen Eigenschaften entlehnten Namen, verrät sich eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit der Seite 11 geschilderten römischen Namengebung, in der Art, daß die Namen beider Sprachen sich vielfach decken:

Longus: Lange, Capito: Großkopf,
Paullus: Klein, Crispus: Krause,
Niger: Schwarz, Plautus: Platzfuß (= Platt-) usw.

Doch sinkt das Deutsche auch hier nicht zu der geistlosen Einförmigkeit und Äußerlichkeit der lateinischen Namengebung hinab. Das verhindern vor allem die

Satznamen,

eine besonders anziehende und reichhaltige Gruppe.

Die Eigentümlichkeit, kurze Sätze, namentlich befehlender Art, zusammenzuschieben in uneigentlicher Komposition und daraus Hauptwörter zu bilden, erscheint innerhalb der deutschen Sprache zuerst im Mittelhochdeutschen, wo Gebilde wie habedanc (Danksagung), rûmelant (räume das Land, ein Landflüchtiger) und einige andere auftreten. Diese Bildungsweise scheint dann besonders in der volkstümlichen Literatur des 15.-16. Jahrhunderts geblüht zu haben. So finden wir unter anderem im Liederbuch der Klara Hätzlerin, welches zahlreiche lyrische Stücke, größtenteils aus dem 15. Jahrhundert, enthält: „Vergiß mein nit das plümlein, das krautt denck an mich“ — in Sebastian Brants Narrenschiff: Füll den mag, schmirwanst (Namen von Fressern) — bei Fischart: Hebdenmann, ein rechter Jag den Teuffel, Reckdendegen, Streichdenbart (lauter Personennamen); Dörflein Beiteinweil (d. i. Wart ein Weilchen), Trotzdenkaiser (N. einer Burg), Luginsland (N. eines Turmes)[57] — dann besonders in Rollenhagens „Froschmeuseler“ bezeichnende Tiernamen wie Blehebauch, Ruerdendreck, Rufflaut (Frösche); Beißhart, Luginsloch, Spahrkrümlein (Mäuse). Niederdeutsche Bildungen dieser Art bietet Reineke de Vos in den Tiernamen Merkenouwe (Merke genau, die Krähe), nebst dem Krähensohn Slindepier (schlinge den Wurm); Pluckebudel (pflücke den Beutel, die räuberische Natur der Raben bezeichnend).

Diese Fähigkeit ist allerdings im Neuhochdeutschen, je mehr dasselbe Buchsprache wurde und an lebendiger Beweglichkeit einbüßte, desto mehr erloschen; trotzdem läßt sich auch jetzt noch eine ziemliche Reihe solcher Bildungen zusammenbringen: Habenichts, Störenfried (störe den Frieden), Wagehals, ThunichtgutLebewohl, Stelldichein u. a., wozu noch die Blumennamen Vergißmeinnicht und Gedenkemein zu rechnen. Auch die Büchertitel Trösteinsamkeit, Trutznachtigall und Wendunmuth erklären sich hieraus. Manche unter diesen Ausdrücken sind allerdings weniger schriftgemäß als volkstümlich, und begeben wir uns ganz von der einförmigern Landstraße des Schriftdeutschen herunter auf die Nebenpfade volkstümlicher, mundartlicher Rede, so können wir noch manches Blümchen dieser Gattung pflücken.[58]

In ganz besonderem Maße hat diese Zusammensetzungsweise ihren Tummelplatz im Bereiche der Personennamen. Bekannt sind unter den Vornamen Leberecht, Fürchtegott, Traugott — auch wohl Kreuzwendedich (hin und wieder einem Kinde gegeben, wenn schon mehrere vor ihm gestorben). Weit größer aber ist die Zahl unter den Familiennamen. Vilmar hat drittehalbhundert zusammengebracht, eine Zahl, die sich noch erheblich vermehren läßt.[59]

Es finden sich unter diesen Namen, die vorwiegend wohl in den Kreisen lustiger Gesellen, Waffen- und Zechbrüder entstanden sind, die lebendigsten und launigsten Bezeichnungen, Scherz- und Spottnamen.

Betrachten wir nach diesen allgemeinen Vorbemerkungen die Satznamen genauer, und zwar zunächst hinsichtlich der Form, so haben wir unter ihnen

1) Zusammensetzungen aus zwei Wörtern (Zeitwort und Eigenschaftswort oder auch Umstandswort): Bleibtreu, Trinkaus — viel häufiger aber
2) Zusammensetzungen aus drei Wörtern (Zeitwort mit Objekt und davorstehendem Artikel): Haßdenpflug (ein Bauer, der des Pfluges überdrüssig geworden), gewöhnlich abgeschliffen Hassenpflug, Jagenteufel, später verkürzt in Jageteufel, so daß nun der Artikel ganz ausgefallen ist, auch Wieswell (= wie es wolle, geh es wie es wolle, Bezeichnung eines gelassenen Gemütes).
3) Sogar Zusammenschiebungen aus vier Wörtern finden sich, am deutlichsten in Haltanderheide (ein Ritter oder Reisiger, der an der Heide hält, um Vorüberziehende anzugreifen); aber auch Namen wie Fleugimtanz (flotter Tänzer), Griepentrog (niederd. = greif in den Trog, von einem, der unbescheiden zulangt), Springsfeld (spring in das Feld) und der Gegensatz Bleibimhaus gehören hierher; ferner Feuerimdach (ein Jähzorniger).

Dem innern Gehalte nach bezeichnen diese Namen zum Teil gute, rühmliche Eigenschaften, überwiegend aber, wie nicht anders zu erwarten, Schwächen und Untugenden. Unter den ersteren steht auch hier wie bei den altdeutschen Namen obenan die Tapferkeit in Namen wie Hauenschild (Hauschild), Klubeschedel (klöbe d. i. spalte den Schädel), Schüttesper (schüttle den Speer, englisch Shakespeare), Zuckseisen (zücke das Eisen), wohin auch die Zusammensetzungen mit Teufel gehören: Fressenteufel, Jageteuffel, Schlagenteufel, Bitdendüwel (niederd. = beiße den Teufel) — Leute, die sich selbst vor dem Gottseibeiuns nicht fürchten.[60]

Einzelne dieser Namen mögen auch schon ein gewisses Übermaß von Tapferkeit, eine übermäßige Kampfbegier, Streitsucht und Raufsucht bezeichnen. Deutlich tritt letzteres hervor in Namen wie Raufseisen, Haberecht, Hebenstreit (der den Streit anhebt). Unter solchen Spottnamen ragen vor allen diejenigen hervor, welche den übermäßigen Durst, die leidige Trunksucht der Deutschen geißeln: Kehrein, Suchenwirth, Findekeller, (der den Keller zu finden weiß), Schmeckebier und Schluckebier und manche andere, denen nur vereinzelt ein Haßenkrug gegenübersteht.

Kann es nun wohl bezeichnendere Namen geben als diese imperativischen? Kräftigere als Hauenschild und Schüttesper, neckischere als Findekeller und Greifentrog, schwungvollere als Fleugimtanz?

13.
Familiennamen der dritten Schicht.

c) Herkunft und Wohnstätte.

Die von Örtlichkeiten entlehnten Familiennamen gehören zu den ältesten, da diejenigen Personen und Geschlechter, welche Grundbesitz hatten, sich schon sehr früh danach benannten. So finden wir unter den ritterlichen Sängern und Dichtern der Hohenstaufenzeit einen Heinrich von Veldeke, einen Hartmann von Aue (Ouwe), einen Walther von der Vogelweide u. a. Doch war dieser Zuname ursprünglich noch nicht so befestigt, daß bei einem Wechsel des Besitzes die Familie ihn beibehalten hätte; vielmehr wurde in solchem Fall auch der Name vertauscht. So führten z. B. die Freiherren von Attinghausen diesen Namen erst seit ihrer Übersiedelung nach Uri; vorher hießen sie nach ihrer Stammburg im Emmental die Freien von Schweinsberg. So hießen die von Löwenstein früher Bischofshausen, von Bischofshausen, jetzt Bischhausen an der Schwalm; als sie aber im 13. Jahrhundert ihre neue Burg erbauten, nahmen sie ebenfalls die neumodische Benennung an.[61]

Diese Weise wurde aber auch von Leuten nicht ritterlichen Standes frühzeitig befolgt, indem sie sich nach ihrem Stammorte oder ihrem Wohnsitze benannten. So begegnen wir unter den hervorragenden Dichtern des 13. Jahrhunderts einem bürgerlichen „meister“ Konrad, der sich selbst Konrad von Würzburg nennt.[62]

Daß solche Zusätze sich allmählich befestigten, war naturgemäß, ja fast unvermeidlich, sobald eine Familie längere Zeit in demselben Besitze blieb oder an derselben Stelle wohnte.

Die aus dieser Quelle geflossenen zahlreichen Namen zerfallen in zwei Hauptgattungen, je nachdem sie von allgemeinen Ortsbezeichnungen oder von bestimmten Ortsnamen herrühren. Betrachten wir jene zuerst!

Uns klingen jetzt die Namen mancher Landleute in Schillers Tell auffällig und fremdartig: (Hans) auf der Mauer, (Jörg) im Hofe, (Burkhart) am Bühel u. a. Solcher Benennungen aber, wie sie hier Schiller im Anschluß an die Schweizer-Chronik von Tschudi gewählt hat, gab es ursprünglich sehr viele, von den verschiedensten Örtlichkeiten entlehnt und mit den mannigfachsten Verhältniswörtern: von der Au; am Ende (der am Ende des Ortes Wohnende); aus dem Werd (Werder, Insel); beim Born; vor dem Baum; achterm Boil (hinter dem Bühel d. i. Hügel); unter den Weiden; zum Steg u. s. f.[63]

Später fiel dann das Verhältniswort meist ab, eine Familie aus dem Werd nannte sich einfach Werth, ter Varrentrap (zu der Ochsenspur) Varrentrap — oder dasselbe wurde eng an das Hauptwort herangezogen und mit ihm vereinigt. So ist eine Anzahl Familiennamen entstanden, die man nur nach ihren Bestandteilen auseinander zu schneiden braucht, um sie sofort zu verstehen:

Bisweilen sind dabei allerdings Entstellungen eingedrungen: Tremöhlen statt ter Möhlen (hochd. zur Mühlen), Austermühle statt aus der Mühle, Amthauer statt Amthor.

Nur selten hat die ursprüngliche Form, Hauptwort und Verhältniswort getrennt, sich erhalten, wie in: aus der Ohe, aus’m Werth, ten Brink (niederd. = zum Hügel), zum Bild, ganz vereinzelt Zur-Linde.[64]

In entsprechender Weise werden Familiennamen von bestimmten Ortsnamen (Stadt- oder Dorfnamen) abgeleitet. Wer aus einem fremden Orte zuzog, wurde beim Eintragen in die Bürgerrollen am einfachsten nach dem Orte bezeichnet, aus welchem er kam. So ist in den Bürgerrollen von Nordhausen aus dem 13. und 14. Jahrhundert ein Personenname aus von (oder lateinisch de) und einem Ortsnamen gebildet die gewöhnlichste Bezeichnung, z. B. Henricus de Erfordia, Ludovicus de Molhusen. Das von fiel später weg, zumal der Adel es mehr und mehr als sein Kennzeichen und Sonderrecht hinstellte. Dieser allmähliche Wegfall ergibt sich deutlich aus einer Zusammenstellung Förstemanns (Programm S. 11), wonach von 27 Mitgliedern des Rates zu Nordhausen im Jahre 1385 noch 13 das von mit einem Ortsnamen haben, dagegen 1401 nur 7, 1421 nur 2, 1475 noch einer, endlich 1484 keiner, obgleich nicht weniger als sieben einen Ortsnamen als Familiennamen führen.

Daher stammt nun eine außerordentliche Menge von Familiennamen, die einfach aus einem Ortsnamen bestehen. Besonders leicht zu erkennen sind die zusammengesetzten, bei welchen etwa folgende Ausgänge die häufigsten sind:

Dazu die Endung

Diesen schließen sich in der Häufigkeit zunächst an die auf

Im ganzen ist der Ortsnamen, die zugleich als Familiennamen dienen, eine ungezählte Menge, da es kaum einen größeren Ort in Deutschland gibt, dessen Name nicht auch als Familienbezeichnung sich fände. Viele Familiennamen, die sonst fast als unlösbare Rätsel erscheinen, werden ohne weiteres klar, sobald man ein geographisches Wörterbuch zur Hand nimmt.[65]

Freilich wird anderseits auch die sichere Deutung und Heimweisung vieler Familiennamen durch das Hereinspielen der Ortsnamen erschwert, da nicht wenige der letzteren mit Personennamen buchstäblich übereinstimmen. Z. B. ist Seeger eine Weiterbildung des altdeutschen Personennamens Sigher, zugleich aber auch ein Ort in Pommern; Roth, für welches schon eine doppelte Quelle nachgewiesen ([S. 48]), findet sich auch häufig als Ortsbenennung, von rode abzuleiten ([s. oben]). Außerdem tragen viele Orte Namen von Gegenständen der Natur, sei es durch zufälliges Zusammentreffen, wie in Hahn, welches hier doch nur Zusammenziehung aus Hagen ist, oder indem der Name eines Tieres, einer Pflanze ohne weiteres, ohne Anhängung einer Endung, auf einen Ort übertragen wurde. Es tritt an diesem Punkte ein Mangel in der Namengebung hervor, da viele Bezeichnungen unterschiedslos als Personen- wie als Ortsnamen dienen, z. B. Baum, Habicht, Kranz, Nagel, Wohlgemuth. Daher ist hier besondere Vorsicht geboten, und es ist in solchen zweifelhaften Fällen jeder Name möglichst durch Einzeluntersuchung klarzustellen.

Leichter sind diejenigen Familiennamen zu erkennen, welche durch Ableitung von Ortsnamen gebildet sind, und zwar mittels der Endung er wie: Eppinger, Meißner.[66] Diese Bildungsweise hat jedoch geringere Verbreitung und ist hauptsächlich oberdeutsch. So gehören bei Fröhner (Karlsruher Namenbuch) unter etwa 100 von Orten hergeleiteten Familiennamen zwei Drittel hierher, während in Hoffmanns hannöverschen Namenbuche unter etwa 300 derartigen Namen sich (abgesehen von den neueren jüdischen) kaum 10 finden, und diese erklären sich durch oberdeutschen Zuzug.[67]

Die meisten der auf [S. 54] f. aufgeführten Endungen bilden Familiennamen dieser Art, wobei sich durch Hinzutreten des Umlautes aus manchen zwei Formen entwickeln, so aus -dorf: -dorfer und -dörfer, aus -bach: -bacher und -becher. Demnach haben wir

Dagegen erweisen sich -hagen, -leben, -see, -wald u. a. für Bildungen dieser Art wenig fruchtbar, was sich zum Teil daher erklärt, daß die betreffenden Ortsnamen in Süddeutschland nicht üblich sind. So ist -leben auf Thüringen und das nördliche Schleswig beschränkt, -borstel und -bostel auf das nordwestliche Deutschland (Hannover).

In die Lücke treten dafür einige andere Endungen, welche Süddeutschland eigentümlich sind, namentlich

Die Namen dieser Gattung zeichnen sich, wie aus den mitgeteilten Beispielen hervorgeht, durch ihre Länge aus, da sie meist dreisilbig, zum Teil sogar viersilbig sind. Doch gibt es auch zweisilbige in Menge, von Ortsnamen, die nur aus einer Silbe oder auch aus zweien bestehen, abgeleitet, wie Ulmer, Wiener, Lindner (vom O. Linden).

So haben wir denn eine dreifache Weise, Familiennamen von Ortsnamen zu bilden; alle diese drei Formen finden sich z. B. in dem berühmten Baseler Drucker- und Gelehrtengeschlechte der Amerbach, welche in den alten Zunftlisten auftreten als von Amorbach, Amerbach, Amerbacher.

Für viele Familiennamen, die offenbar Ortsnamen sind, läßt sich der entsprechende Ort nicht mehr nachweisen. Gar viele Ortschaften sind in den Stürmen der Zeiten untergegangen; so nach Förstemann in der Umgegend von Nordhausen an hundert im Umkreise weniger Stunden, und Hoffmann von Fallersleben bezeichnet in dem „Kasseler Namenbüchlein“ unter 120 hessischen Ortschaften 30, also den vierten Teil, als nicht mehr vorhanden (auf Grund der „Historisch-topographischen Beschreibung der wüsten Ortschaften im Kurfürstentum Hessen“ von Dr. Landau). Die großen Seuchen des Mittelalters, die verheerenden Kriege früherer Zeiten erklären dies zum großen Teile. Doch gingen auch vielfach kleine Ortschaften in eine große Stadtgemeinde auf, die sie mehr zu schützen vermochte.[68]

Wenn aber auch der Ort noch vorhanden ist, so decken sich doch dessen Name und der daher entlehnte Familienname heutzutage keineswegs immer. Das darf nicht überraschen; denn indem beide Jahrhunderte lang selbständig und meist ohne gegenseitigen Zusammenhang fortbestanden und sich entwickelten, konnte es nicht ausbleiben, daß hin und wieder der eine Wandlungen erfuhr, die der andere nicht mitmachte. So weist für die Familiennamen Birkenhagen und Eschenhagen auch Rudolphs „Vollständigstes Ortslexikon“ keine vollkommen entsprechenden Ortsnamen nach, sondern nur Birkenhain und Eschenhahn; beides aber, hain und hahn, sind Zusammenziehungen aus hagen (s. Förstemann, Die deutschen Ortsnamen S. 57). Es hätten somit in diesem Falle die Familiennamen die ältere, ursprüngliche Form bewahrt. Dasselbe gilt von Meixner statt Meißner, von Zollikofer (aus Zollikon am Züricher See, urspr. Zollinc hovun „zu den Höfen des Zollinc“).

Sehr viel Familiennamen, besonders im östlichen Deutschland, sind von slawischen Ortsnamen entlehnt und sollen später eine genauere Darstellung finden (s. [Beilage 3] und das [Namenlexikon]).

Eine besondere Abteilung in dieser Klasse bilden die

Adelsnamen,

die ja, soweit ursprünglich und echt, fast sämtlich von Ortsnamen abgeleitet sind, z. B. von Falkenstein, von der Asseburg. Doch ebenso alt ist die schon erwähnte Ableitung auf er: der Bodensteiner, der Toggenburger. So nennt sich Hartmann (im 13. Jahrhundert) bald „der von Ouwe“, bald „der Ouwaere“. So wird noch im Tell der Freiherr von Attinghausen von dem Hirten in der ersten Szene „der Attinghäuser“ genannt.

Jetzt ist die präpositionale Bezeichnung allgemein durchgedrungen und zwar die mittels des Verhältniswortes von, welche die andern in den Hintergrund gedrängt hat und als Kennzeichen des Adels schlechthin gilt.

Wie aus obiger Darstellung erhellt, hat dieses von einen Sinn nur vor Ortsbezeichnungen, und es ist eine Verirrung, auch Namen anderer Art, ursprünglichen Personennamen, Handwerksnamen usw. es vorzusetzen. Von Hermann, von Schmidt, von Schulz u. dergl. ist sprachlich entschiedener Nonsens, und daß man in hunderten von Fällen ein von so ganz äußerlich anheften konnte, ist ein unleugbarer Beweis von erloschenem Sprachgefühl.

Ein Rest dieses Gefühles hat sich in Österreich erhalten; aber wie hilft man sich dort? Man bildet (wie schon in den Zeiten des alten deutschen Reiches)[69] aus dem bisherigen Familiennamen des zu Adelnden durch Anhängung von -feld, -burg, -thal usw. einen Ortsnamen, unbekümmert darum, ob es einen solchen Ort in der Welt gibt oder nicht, also: Kuhn von Kuhnenfeld, Planck Edler von Planckburg, Braun von Braunthal — lauter Namen, welchen man es sofort ansieht, daß sie nichts als Phantasiegebilde sind.

Besser ist in dieser Hinsicht eine Namengebung wie: Schubert, Edler von dem Kleefelde (wegen seiner Verdienste um den Kleebau geadelt, Pott, Personennamen S. 3), und Escher von der Linth, wie der Staatsrat Escher wegen Regelung des Laufes der Linth und Austrocknung der durch diesen Fluß gebildeten Sümpfe auf Beschluß des kleinen Rates von Zürich genannt wurde. („Die Staatskanzlei sei beauftragt, künftig in allen betreffenden öffentlichen Schriften den verewigten hochverehrten Herrn Staatsrat Hans Konrad Escher und dessen männliche Nachkommen als „Escher von der Linth“ zu benennen, eine Bezeichnung, die jetzt urkundlich um so begründeter festgesetzt wird, da sie schon, während das Vaterland sich noch des lebendigen Wirkens des Vollendeten erfreute, von der öffentlichen Meinung aufgefaßt und von Mitbürgern und Eidgenossen übereinstimmend geübt ward.“)

Häusernamen.

Wenn in manchen Geschlechtsnamen, z. B. Amthor, die Bezeichnung der Lage des Hauses entnommen ist, so entspringt sie auch sehr häufig aus dem Namen des Hauses selbst. Denn jene alte Zeit war, wie Becker S. 20 treffend bemerkt, so jugendfrisch, daß sie allen Dingen, wie Adam im Paradiese, gleich einen lebendigen Namen zu geben wußte, nicht nur Burgen, Höfen und Straßen, sondern auch den Häusern.[70] Wir begnügen uns jetzt mit einer toten Nummer und Littera, während nur die Straßennamen noch fortdauern. An einzelnen Orten sind freilich auch diese wenigstens vorübergehend abgeschafft, z. B. in Mannheim, wo es statt dessen bis vor kurzem armselige Häuserquadrate A, B, C usw. gab, und jenseit des Ozeans bei den nüchternen, poesielosen Yankees, die da bloß zählen 1. 2. 3..... Avenue.

Im Mittelalter dagegen führten auch die Häuser Namen, und zwar benannte der Erbauer oder Besitzer eines Hauses dasselbe entweder nach seiner alten Heimat — so hieß das Haus, in welchem der Dichter Konrad von Würzburg (s. [S. 54]) in Basel wohnte, Würzburg, andere zum Mailand, zum Venedig — oder nach Tieren, Pflanzen, Geräten, namentlich nach Geräten oder Erzeugnissen eines Gewerbes oder Dingen, die mit dem Berufe des Erbauers irgendwie zusammenhingen.

Diese Häusernamen nun wurden nicht angeschrieben, sondern dem lese-unkundigen Volke zu nutz wurde der im Namen enthaltene Gegenstand angemalt oder auch in einem Holz- oder Steinbild am Hause angebracht.[71]

Reste dieser Sitte sind die noch jetzt üblichen besonderen Benennungen und Bezeichnungen der Gasthäuser und Apotheken, auch der Logierhäuser in Bädern. Im übrigen haben sich nur einzelne dieser Namen und Bilder bis in die Gegenwart erhalten. So heißt in Leipzig noch jetzt ein schönes, hohes Haus auf dem Neumarkte „die hohe Lilie“ (Pröhle), ein Haus in Erfurt „zum Rebstocke“, ein anderes in Stettin „die weiße Taube“.

An diese Benennungen knüpfen sich häufig sagenhafte Erzählungen, welche die Veranlassung und Bedeutung derselben zu erklären suchen. Einige teilt Pröhle in seinen „Deutschen Sagen“ mit:

„Zu Erfurt sah einst ein Schäfer in seinem Garten einen Bock und ein Schaf an einem Rosenstocke stehn. Das Schäfchen aber scharrte mit seinem Fuß etwas Geld aus der Erde. Da grub der Schäfer nach und fand so viel Geld, daß er davon drei schöne Häuser bauen konnte. Er nannte aber das erste Haus „zum güldenen Schafe“, und es ist daran auch ein Schaf in Stein zu sehen, das andere „zum Rosenstock“ und das dritte „zum schwarzen Bock“.

Geschichtlicher sind nach allem Anscheine die Angaben über das oben erwähnte Haus „zum Rebstock“, welches von Otto v. Ziegler im 15. Jahrhundert erbaut worden. „Dieser reiste 1447 zum heiligen Grabe und in die 18 Königreiche. Er brachte aus dem heiligen Lande einen großen merkwürdigen Rebstock mit, und als er 1451 zu Erfurt in der Futtergasse ein schönes Haus als Stammhaus erbaute, nannte er es „zum Rebstock“. Oben an dem Hause standen auf steinernen Platten die Wappen der 18 Königreiche gemalt,[72] wodurch der Otto v. Ziegler gereiset. Auch ward der Rebstock, den er mitgebracht hatte, daran abgebildet und außerdem in seiner Familie aufbewahrt“ (Pröhle, Deutsche Sagen neue Ausg. S. 248 ff.).

Ähnlich über ein Haus in Würzburg in der Dominikanergasse, welches den Namen „zum roten Hahn“ führt: Auf das Dach desselben wurde von den Leuten des Wilh. Grumbach nach Überrumpelung der Stadt Würzburg ein roter Hahn gesetzt und das Haus angezündet. Der rote Hahn krähte (d. h. die Flamme prasselte) und flog von einem Dache zum andern. Nach seiner Wiedererbauung erhielt das Haus den Namen „zum roten Hahn“ (Pröhle a. a. O. S. 237).

Aus diesen Hausnamen und -Bildern sind nun eine Menge Familiennamen entstanden. So führt Becker aus älterer Zeit unter andern folgende an: aus Köln 1116 zum Saphir, 1178 Lembechen (Lämmchen), 1219 von Gürzenich, 1256 van me Kranen (vom Kranich), 1262 van me Hane; aus Basel: 1255 Waltherus ad Stellam, zum Sternen, 1262 Anselm zer Tannen; später zer Sonnen, zer Rosen, zem Haupt, zem Tracken (Drachen) usw. Wie hieraus ersichtlich wurden diese Hausnamen vorzugsweis aus der Tier- und Pflanzenwelt gewählt, und daher erklärt sich zum guten Teile der Umstand, daß jetzt so manche Familiennamen nichts anderes als eben Tier- und Pflanzennamen sind. Der Hausname wurde auf den Besitzer übertragen, ursprünglich wie andere Ortsbenennungen mit einem Verhältnisworte: von oder zu, welches später abfiel. Einen Beweis für diese Entwickelung bietet unter anderem der Familienname Molfenter, aus zum Olfenter (Kamel), wo das m von der Vorsetzsilbe noch stehen geblieben ist.

Besonders reichliche Beiträge zur Bezeichnung menschlicher Geschlechter haben unter den vierfüßigen Tieren gegeben: Schaf und Ziege, Rind, Wolf, Fuchs und Hase, nächstdem Hirsch und Reh (Rehbein, Rehfuß) — unter den Vögeln außer dem allgemeinen Vogel nebst seinen Zusammensetzungen (Brachvogel, Schreivogel) die Raubvögel: Adler, Geier, Falk, außerdem Gans und Hahn. Innerhalb des Pflanzenreichs überragt die Königin der Blumen, die Rose, die andern auch hier, zumal in mannigfachen Zusammensetzungen (Rosenblüt, Rosenstiel, Rosenstock, Rosenzweig).

Jedoch ist wiederholt darauf hinzuweisen, daß wir uns hier auf einem sehr trügerischen Gebiete bewegen, in einer Welt, die großenteils eine Welt des Scheines ist. Wie bei den Gerätschaften und Körperteilen ist auch hier ein gut Teil anderen Ursprungs und trifft nur zufällig, oft infolge von Umdeutung und Entstellung, mit neueren Tier- und Pflanzennamen zusammen. So ist der Name Strauß die regelmäßige Weiterentwickelung vom althochd. Struz, der Schmeichelform von Strudolf, Appel ist Zusammenziehung und Verkürzung aus Adalbold, Hering, althochd. Herinc, Patronymikum von Hero, Regen althochd. Regino (s. [Ragan] „klug“), Bock meist wohl aus Bucco, Kürzung von Burkhart. Andere bezeichnen wirklich Tiere, stammen aber meistens schon aus der ersten Periode, wie Bär, Roß, Schwan, oder sie gehen auf Eigenschaften (s. [S. 48]).

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Hiermit schließen wir diese Übersicht. Wie uns die Personennamen unserer germanischen Altvordern das kampfdurchtobte, waffenfreudige Leben und Treiben derselben vor Augen führen, so spiegeln die dem spätern Mittelalter entsprossenen Familiennamen die bunten Erscheinungen mittelalterlichen Lebens wieder. Die Bilder der Raubritter, der „frummen“ Landsknechte, der teils gedrückten, teils übermütigen Bauern, besonders aber der ehrsamen Bürger in Werkstatt und Rat, in Singschule und Trinkstube werden durch diese Namen vor unsere Augen gezaubert.

Wenn die Geduld des freundlichen Lesers uns bis hierher gefolgt ist, so wird derselbe nunmehr wenigstens in den Grundzügen ein Bild der deutschen Familiennamen erhalten haben. Es mag dieses einem buntgewirkten Teppich gleichen, in welchem die altdeutschen und die kirchlichen Namen den Aufzug, die bürgerlichen Bezeichnungen den Einschlag bilden. Damit ist im wesentlichen die Sache abgeschlossen; was später etwa noch hinzukommt, kann den Grundcharakter der deutschen Namengebung nicht ändern, es dient nur dazu, hie und da noch einen neuen Faden in das Gewebe einzufügen, es noch ein wenig bunter zu machen.

14.
Würdigung der deutschen Familiennamen nach Gehalt und Form.

Nach ihrem innern Gehalt ist die deutsche Namengebung alles Lobes würdig.

Die Grundlage bilden die altdeutschen Heldennamen mit ihrem schönen, idealen Gepräge und in ihrer reichen Fülle, mit einer verhältnismäßig nicht bedeutenden Beimischung fremdsprachig kirchlicher Namen, von Glaubenshelden entlehnt. An diese schließt sich dann, entsprechend der gesellschaftlichen Entwickelung, in durchaus gesunder Weise eine fast ebenso große Fülle bürgerlicher Namen, hergenommen von Amt und Handwerk, von Geburts- und Wohnort. Freilich hat sich der Schwung des heroischen Zeitalters ermäßigt, der poetische Blütenstaub ist abgestreift. Dafür tritt zum Ersatz der Witz, die scherzende und spottende Laune ein, die sich am glänzendsten in den Satznamen offenbart.

Ein Mangel allerdings gibt sich hier sehr bald kund: die zu häufige Wiederkehr mancher Namen, besonders der vom Handwerk entlehnten, wogegen anderseits auch ein Fernhalten von leerem Prunk anzuerkennen ist.[73]

Nicht so günstig kann das Urteil in betreff der Form ausfallen.

Hier ist vor allem zu beklagen, daß die klangvollen Namen der ersten Schicht, wie Hildebrand, Rüdiger, Landolf durch spätere Verkürzungen und Verkleinerungen doch sehr gelitten haben, so daß eine Menge überkurzer, einsilbiger, klangloser Namen entstanden ist: Eck, Sietz, Lemm, Thie, Deetz usw. Hierher gehören auch viele zweisilbige, insbesondere die niederdeutschen auf ke: Gefke, Gehrke, Reetzke, Zielke, denen die süddeutschen auf l entsprechen: Dietl, Atzl, Datzl, Hutzl.

Voller tönende Namen finden sich unter den von Ortsbezeichnungen entlehnten: Frankenstein, Reinthaler, Rudinger u. a. — und diese bilden jetzt die Hauptmasse der längeren, mindestens dreisilbigen Familiennamen. Manche, viersilbige, haben sogar zuviel Gewicht und etwas Schleppendes, wie: Albrechtsberger, Koberlechner.

Außerdem fällt eine Härte in den konsonantischen Verbindungen, z. B. in Hitzke, Kratzke, Nitzschke, vielfach unangenehm ins Ohr.

15.
Latinisierungen.

Unter den auf [S. 62] erwähnten späteren Zutaten treten hervor die Latinisierungen.

Im Ausgange des Mittelalters und besonders nach der sonst so erfreulichen Wiederbelebung der klassischen Studien im 15. und 16. Jahrhundert wurde es Sitte bei den Gelehrten und studierten Fürstendienern, auch ihre Namen in das Antike zu übersetzen. Ein Beispiel haben wir unter anderm an dem Dr. juris Olearius in Goethes Götz in der Tafelszene des ersten Aufzuges:

Liebetraut: Ihr seid von Frankfurt? Ich bin da wohlbekannt. — Euer Name ist Olearius? Ich kenne so niemanden.

Olearius: Mein Vater hieß Ölmann. Nur den Mißstand auf dem Titel meiner lateinischen Schriften zu vermeiden, nennt’ ich mich nach dem Beispiel und auf Anraten würdiger Rechtslehrer Olearius.

Liebetraut: Ihr tatet wohl, daß ihr euch übersetztet. Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande; es hätt’ euch in eurer Muttersprache auch so gehen können.

Olearius: Es war nicht darum.

Liebetraut: Alle Dinge haben ein paar Ursachen.

Die Grundursache war eben die leidige Nachahmung oder vielmehr Nachäffung des Fremden. Es sollte das alte Römertum wieder erweckt und alles möglichst auf römischen Fuß gebracht werden. So wurde das heimische Recht durch das römische Corpus juris verdrängt, und auch die deutsche Muttersprache suchte man als eine barbarische, wofür sie den Gelehrten galt, möglichst zu verdrängen und auszurotten, zunächst in den gelehrten Schulen, damit die lateinische ganz an ihre Stelle träte. Man betrachtete es als einen großen Vorzug der römischen Kinder, daß sie von kleinauf Latein sprachen und mit Lateinsprechenden umgingen, und bedauerte die armen deutschen Kinder, die nicht schon von den Ammen und beim Spielen auf den Gassen lauter Latein hörten. Den Lehrern wie den Schülern war darum alles Deutschsprechen untersagt; Spielen ward unter der Bedingung erlaubt, daß auch dabei nur Latein gesprochen würde. So hoffte man die „barbarische“ Muttersprache wenigstens aus den Schulen bald auszutreiben. In diesen traurigen Anschauungen und Bestrebungen kamen der Straßburger Lehrplan des Joh. Sturm, der württembergische des Herzogs Christoph und der der Jesuiten überein. Es war eben allgemeine Zeitrichtung.

Daher darf es nun nicht wundernehmen, wenn im Kreise der Gelehrten die Namen so eifrig verlateint wurden und man sich wenigstens hierin zu Römern zu lügen suchte. Ein Lutz nannte sich Lucius, ein Kurz: Curtius, ein Köpflin: Capito, ein Crachenberger: Pierius Gracchus — ein Fischer übersetzte sich Piscator, ein Habermann: Avenarius — mit Zuhülfenahme des Griechischen ein Holzmann: Xylander, ein Becker: Artopoeus, ein Hausschein: Oecolampadius.

Während die vergriechten Namen, fast ausnahmslos zusammengesetzt, durch ihre Länge ins Ohr fielen, indem sie mindestens dreisilbig, oft aber vier-, fünf-, ja sechssilbig sind: erschienen die einfachen lateinischen Namen in ihrer Kürze noch zu kahl; mindestens mußte den zweisilbigen wie Sartor, Pistor noch eine Endung gleichsam als Schleppe angehängt werden, um die Würde ihrer pedantischen Träger recht zu bezeichnen, also: Sartorius, Pistorius.

In jenen Zeiten bestimmte zuweilen der unreife und phantastische Einfall eines unbärtigen Literaten auf Jahrhunderte den Familiennamen seines Geschlechtes. So war, nach Vilmar, ein gewisser Mosmann der Sohn eines Schmiedes zu Gemünden an der Wohra; da ihm aber einige lateinische Verse gelungen waren, so konnte er nicht mehr Mosmann heißen, sondern nahm den lateinischen Namen für das Gewerbe seines Vaters an: Faber. Indes das drückte doch nicht den poetischen Schwung aus, den der angehende Virgil in sich fühlte, und so nannte er sich denn Fabronius, welches bedeuten sollte Faber Aonius, d. i. Musenschmied, und diesen Namen behielten seine Nachkommen bei. Seine Landsleute waren Helius Eobanus Hessus und Euricius Cordus, von denen bei ihren hochpoetisch klingenden Namen niemand mehr weiß, wie sie recht geheißen haben.

So entstanden die wunderlichsten und abenteuerlichsten Namengebilde, z. B. Osiander aus Hosemann, Chiomusus aus Schneesing, Eucharius aus Eckhard, Chelopoeus aus Kistemaker, Namen, die jetzt schwer zu enträtseln sind oder gar nicht mehr, wie Chesnecophorus. Auch übellautende Mißbildungen, wie Gueinzius, Heineccius, Cocceji[74] setzten sich fest.

Diese Latinisierungen wucherten am meisten da, wo eben die vorhin geschilderte, sog. humanistische Richtung besonders blühte, also namentlich in Sachsen, in der Pfalz, in Basel, vor allem aber am Hofe des hessischen Landgrafen Philipps des Großmütigen.

Manche kehrten von den Pistorius, Episcopius, Melissander ihrer Väter zu den Becker, Bischoff, Bienemann ihrer Großväter zurück; andere aber behielten die bunten lateinischen und griechischen Namen bei, wenn sie sich auch nicht auf der wissenschaftlichen Höhe ihrer Vorfahren behaupten konnten, und so finden wir diese Fremdnamen gegenwärtig noch überall in Deutschland.[75]

Jetzt bekommt diese Namenklasse glücklicherweise keinen Zuwachs mehr. Nur einige Stockphilologen haben es in neuerer Zeit noch nicht lassen können, Namen in dieser Weise für ihre Zwecke zu antikisieren: Öhler in Olearius, Sillig in Siligius. Doch gründlicher verfuhr hierin Reisig. Dieser Gelehrte, der jedesmal, wenn er glaubte eine glückliche Konjektur gemacht zu haben, dies der Welt durch Trompetenstoß von dem Boden seiner Wohnung aus verkündete, leistete auch Entsprechendes auf dem Gebiete der Antikisierung, besser gesagt, Entstellung der Namen. So verwandelte er Wunderlich in Vunderilicus, Poppo ganz unnötigerweise in Pomponius, Mitscherlich gar in Midoscherilix, als wäre dieser Horazerklärer des 19. Jahrhunderts einer von den Keltenhäuptlingen des alten Galliens, gleich den Viridovix und Vercingetorix.

16.
Jüdische Namen.

Am spätesten haben die Juden sich dazu verstanden, Familiennamen anzunehmen; meist wurden sie erst durch die Gesetzgebung, in Österreich unter Joseph II., in Preußen durch Hardenbergs Edikt vom 11. März 1812 dazu genötigt. Sie hatten nun die Wahl und wählten, was auch am nächsten lag, zum großen Teil hebräische, alttestamentliche Namen, indem einfach die bis dahin geführten Personennamen zu Familiennamen gestempelt wurden: Abraham, Jakob, Moses, Simon; auch patronymische Ableitungen hebräischer Namen: Jakoby, Jakobson (entsprechend dem hebräischen ben, welches in Benary „Löwensohn“ erscheint).

Doch in der Mehrzahl wurden neuhochdeutsche Namen gewählt, zunächst Bezeichnungen von Eigenschaften, natürlich guten: Edel, Freundlich, Treu — sodann Tierbenennungen: Hirsch, Wolf, Adler, meist wohl mit Rücksicht auf die Bedeutung, welche denselben im Alten Testamente beigelegt wird[76] — jedoch mit besonderer Vorliebe Ortsbezeichnungen: Cassel, Falkenstein; häufig mit der Ableitungsendung er: Friedländer, Wronker, Exiner, Meseritzer. Diese Namen weisen großenteils nach dem Osten, nach Westpreußen und Posen.

Eigentümlich ist hierbei die Vorliebe für schönklingende Namen, Zusammensetzungen nicht nur mit Gold[77] und Silber — sondern auch mit Löwen, mit Rosen, Lilien und Veilchen: Löwenstamm und Löwenthal, Rosendorf und Rosenberg, Lilienthal, Veilchenfeld u. ähnl. Woher diese prächtig klingenden Namen, welche zu den die jüdische Namengebung beherrschenden gehören? Ist es noch ein Nachklang jenes poetischen Sinnes, der sich einst in den Dichtungen des Alten Testamentes kundgegeben, ein Stück von dem Farbenreichtum des Morgenlandes nach dem Abendlande verpflanzt? Oder ist es nur das Bestreben, wie die Ware so auch den Namen möglichst herauszuputzen, durch schönes Etikett Reklame zu machen?[78]

Dabei wird nun nicht gefragt, ob derlei Ortsbezeichnungen auch in Wirklichkeit vorkommen; diese Lilienthal, Veilchenfeld usw. sind großenteils rein erdachte Namen, wie auch Cohnfeld und Cohnheim, Aronsbach, Lewinthal — denn wo gäbe es in Deutschland Orte dieses Namens? Es gleichen diese scheinbaren Ortsnamen trügerischen Luftspiegelungen, die bei der Annäherung zerrinnen.

Hingegen treten zurück die altdeutschen Namen, die kirchlichen und, was besonders bezeichnend ist, auch die Handwerksnamen.

Im ganzen hat die jüdische Namengebung etwas Gemachtes, Künstliches, was allerdings teilweis mit der Art ihrer Entstehung zusammenhängt.

In Österreich standen zu Ende des 18. Jahrhunderts besonders die Juden Ungarns, Galiziens und der Bukowina auf einer tiefen Stufe, sie kannten das Bedürfnis nach Familiennamen gar nicht und hielten an dem alten orientalischen Brauche fest, nach welchem jeder bloß mit dem eigenen Personennamen (und dem des Vaters) benannt wurde. Rücksichten der Verwaltung, der Steuererhebung und Rechtspflege forderten Beseitigung solcher Zustände. Darum beauftragte Joseph II. seinen Hofkriegsrat, binnen zweier Jahre die nötigen Maßregeln durchzuführen. Zu dem Ende wurden nun Kommissionen von Offizieren ernannt. Ein panischer Schreck fuhr in die Juden, welche besonders vor dem Militärdienste wahre Todesangst empfanden und einen Abscheu vor den „heidnischen“ Namen hatten, die sie neben ihren „heiligen“ hebräischen tragen sollten.

Zunächst konnten die Juden ihre Familiennamen selbst wählen. Da sie sich aber vielfach hartnäckig ablehnend verhielten, so blieb den Kommissionen nichts anderes übrig, als selber ihnen Namen zu erteilen. Dabei war vorgeschrieben, solche Namen zu wählen, die möglichst große Besonderheit hätten; auch sollten die Kommissionen viele Familiengruppen bilden und wiederholte Wahl desselben Namens in ihrem Bezirk vermeiden. Außerdem spielten Soldatenwitz und Schneid, auch wohl der Ärger über mißglückte Erpressungsversuche eine große Rolle. So kamen denn wunderbare Namengebilde zum Vorschein, als da sind: Wohlgeruch, Veilchenduft, Schöndufter; Armenfreund, Wohlthäter, Weisheitsborn; Geldschrank, Smaragd; Singmirwas, KüssemichLadstockschwinger, Pulverbestandtheil, Maschinendraht, Nußknacker, Schulklopfer, Reinwascher; Temperaturwechsel, Maulwurf, Nachtkäfer, RebenwurzelNotleider, Hungerleider; Schnapser; Eselskopf, Ochsenschwanz, Drachenblut; Stinker, Kanalgeruch; Galgenvogel, Galgenstrick, Taschengreifer, Hirschtödter, Wanzenknicker, Saumagen, Groberklotz u. a. m.[79]

17.
Französierungen, Polonisierungen und andere Metamorphosierungen der Neuzeit.

Die in Kap. 16 geschilderten Latinisierungen fanden eine bemerkenswerte Fortsetzung in der neuesten Zeit. Das infolge der traurigen staatlichen Verhältnisse gesunkene Nationalgefühl der Deutschen hatte schon seit dem Dreißigjährigen Kriege eine bei andern Völkern unerhörte Schwäche hervortreten lassen, die sich in Mißachtung des Heimischen und Überschätzung alles Fremden kundgab.[80] Daher in der Literatur die sklavische Nachahmung fremder Muster, in der Sprache die Überschwemmung mit fremden, namentlich französischen Wörtern. Auf einzelnen Gebieten überwunden trat diese einmal vorhandene Schwäche und Krankheit wieder in andern Symptomen hervor — neuerdings in der Unsitte, in fremden Landen seinen deutschen Namen zu entdeutschen, zu französieren, polonisieren, madjarisieren, wie es gerade kommt.

So werden denn in Frankreich die Namen verfranzöselt:[81] ein Solger nennt sich Saulier, ein Nagler — Naguiller, ein Witzel — Ficelle, ein Kleemann — Clément und ein Vogler schämt sich seines schönen deutschen Namens, nicht Vogler mehr — er wohnt ja in Paris — nein, Fouclair! mag auch das Französisch, welches er spricht, noch recht sehr seine Abstammung aus Deutschland, vielleicht speziell aus Thüringen verraten.

Besonders ungerechtfertigt und tadelnswert ist es, wenn dergleichen in Deutschland selbst geschieht, wenn sich z. B. ein Dessauer — Dessoir nennt, um durch diesen aufgehefteten französischen Lappen seinem Namen ein vornehmeres Aussehen zu geben, oder wenn echt deutsche Namen mit französischen Accenten versehen werden: Nägelé, Schultsé (!), Salingré, Ledérer.

Während diese Französelei sich häufig bei Schauspielern findet, veritalienern sich Sänger und Sängerinnen: der Schwabe Stiegele in Stighelli, die Sängerinnen Crüwell in Cruvelli, Röder in Rodani (!) — als ob Deutsche nicht singen könnten und alles, was gut singt, aus Italien herstammen müßte.

Wie im Westen die Namen französiert werden, so werden sie im Osten polonisiert. Ein Feldmann benamset sich klangvoller Feldmanowski, ein Krauthofer zunächst Krauthofski, dann aber, damit doch ja nicht eine Faser einer deutschen Kohlrübe an ihm hängen bleibe: Krótowski. Wird keine polnische Endung angehängt, so muß wenigstens die Schreibung eine polnische sein: Szuman (Schumann), Szrajber (Schreiber), Szulc (Schulz).[82]

Man sollte dergleichen nicht für möglich halten, da die polnische Nation doch in geringerer Achtung steht (s. „polnische Wirtschaft“, „polnischer Reichstag“) und die deutsche sich stets überlegen gezeigt hat, und doch geschieht es. Hieraus erklärt sich zum Teil das erneute Vordringen des Slawischen in manchen östlichen Bezirken Preußens. Es wäre nicht möglich gewesen, wenn die Deutschen in polnischer Umgebung die Fahne ihrer Nationalität immer hochgehalten hätten, wenn sie nicht in jämmerlicher Schwäche ihr Deutschtum verleugnet, ja zum Teil sich den Polen im Kampfe gegen ihr Vaterland, gegen deutsche Sprache und Nationalität angeschlossen hätten. So weigerte sich ein Gutsbesitzer Arndt (!) bei Gnesen, an einer in deutscher Sprache geführten Gerichtsverhandlung teilzunehmen, weil er — ein Pole sei. Entartete Deutsche sind vielfach gerade die Vorkämpfer der Polen und Tschechen.

In Österreich schließen sich an die Slawisierungen deutscher Namen in den slawischen Landstrichen Madjarisierungen in Ungarn. Die öffentlichen Blätter haben in neuerer Zeit häufig lange Listen österreichischer Staatsbürger gebracht, denen auf ihren Antrag Madjarisierung ihres Namens bewilligt worden. Am bekanntesten unter diesen Talmi-Madjaren ist der berühmte Reisende Vambéry, dessen Name nichts weiter ist als eine Verdrehung aus Bamberger. Ähnlich hat sich ein Hundsdörfer in Hunfalvy, ein Benkert in Kertbeny, ein Schedel in Toldy umgewandelt, der dann als Sekretär der ungarischen Akademie der Wissenschaften im ungarischen Unterrichtsrate gegen seine Muttersprache wütete und die nichtmadjarischen Nationalitäten Knall und Fall zu Madjaren zu machen suchte.

In Amerika endlich werden die Namen anglisiert: Schmid in Smith, Grünbaum in Greenbaum.

Diese Umwandlung ist übrigens verhältnismäßig am unschuldigsten, da es mehr nur Umsetzung aus einer Mundart in die andere, aus der hochdeutschen in die angelsächsische ist. Wenn aber auf diesem Wege ein so schöner Name wie Rosenkrantz in Rosecrans entstellt wird, so tritt auch hier wiederum das Widerwärtige dieser Erscheinung hervor.

Alles in allem — es ist eine sehr betrübende Erscheinung. Daß auf diese Weise echtdeutsche Namen verhunzt werden, ist noch das Geringere. Schlimmer ist, was damit unvermeidlich zusammenhängt. Wer sich seines ehrlichen deutschen Namens schämt, der schämt sich auch seiner Sprache, seiner Nationalität, seines Vaterlandes und sucht sie sobald wie möglich abzustreifen, er wird Franzose, Pole, Madjare, Slowene, Slowake, was es sei — nur ja nicht Deutscher bleiben![83] Einem Franzosen, einem Engländer, Italiener würde es nicht einfallen, seinen Namen einer fremden Sprache zuliebe zu entstellen — dem Deutschen war es vorbehalten, sich so wegzuwerfen!

Ein edler Stolz — das ist es, was dem Deutschen in den letzten Jahrhunderten nur zu sehr gefehlt hat. Und doch hätte er wohl Ursache, auf sein Vaterland stolz zu sein! auf das Land der Guttenberg und Luther, der Leibnitz und Humboldt, der Goethe und Schiller, der Scharnhorst, Stein und Bismarck!

18.
Geographische Verbreitung der deutschen Familiennamen.

Nachdem wir die geschichtliche Entwickelung der deutschen Familiennamen in den Grundzügen verfolgt haben, wird es nunmehr an der Zeit sein, auch in geographischer Beziehung einen prüfenden Blick auf dieselben zu werfen.

Stellen wir zu dem Ende vorerst die Grenzen des deutschen Sprachgebietes fest, welche im wesentlichen ja auch die der deutschen Familiennamen sind![84]

Wenn wir im Nordwesten beginnen, so folgt die Grenze zwischen Deutsch und Niederländisch vom Dollart aus im ganzen der politischen Grenze zwischen Deutschland und Holland.

Bei Eupen setzt das Französische ein, und die Grenze zwischen Deutsch und Französisch fällt nun seit Rückgewinnung des Elsasses meist wieder mit der politischen zusammen, indem nur bei Malmedy und Metz das deutsche Sprachgebiet zurückweicht, während es anderseits bei Luxemburg bis nach Arlon in Belgien hinübergreift.

Von der Schweiz ist der Norden und die Mitte deutsch, derart, daß etwa Solothurn, Freiburg, Gsteig (Kanton Bern) und Leuk (Kanton Wallis) die äußersten deutschen Punkte nach Westen sind.

Am Rosaberge bildet Issime den südlichsten Vorsprung in das romanische — westlich französische, östlich italienische Sprachgebiet. Von hier geht die Grenze nordöstlich über den St. Gotthard, Chur, Martinsbruck, die Ortlerspitze, Salurn (Tirol), Brunecken bis Pontafel in Kärnten, wo drei Sprachen: Deutsch, Italienisch, Slawisch zusammenstoßen.

Von Pontafel zieht sich die Grenze zwischen Deutsch und Slawisch, im ganzen der Drau folgend, ostwärts bis Radkersburg an der Mur, von da nordwärts bis zur Mündung der Feistritz in die Raab, wo wir zuerst auf das Madjarische stoßen.

Weiterhin bis Preßburg ist die Sprachgrenze — zwischen Madjarisch und Deutsch — in welche sich überdies slawische Sprachinseln eindrängen, vielfach zerrissen; doch greift das Deutsche bedeutend nach Ungarn hinüber bis Körmönd, Güns, Wieselburg und bildet auch im eigentlichen Ungarn viele Sprachinseln, besonders in der westlichen Hälfte und im Banat.

Bei Preßburg stoßen wir wieder auf das Slawische (Westslawen). Durch das mährische Tor zwischen Olmütz und Znaym haben sich die Tschechen tief hinein ergossen bis Budweis, Pilsen, Leitmeritz, Turnau, Josephstadt, so daß nur die inneren Abhänge der Grenzgebirge Böhmens deutsche Landbevölkerung bewahrt haben.

In Preußen ist der ganze Ostrand von Pleß bis Oletzko überwiegend slawisch (polnisch), also der Südosten von Schlesien etwa bis Ratibor, Zülz, Namslau, die größere östliche Hälfte von Posen, das mittlere Drittel von Westpreußen, nördlich von Bromberg bis zur Ostsee (Kassubei), der Süden von Ostpreußen (Masuren). Doch sind auch diese als überwiegend polnisch bezeichneten Landschaften von vielen deutschen Sprachinseln durchsetzt und zeigen in dieser Hinsicht ein sehr buntes Bild.

Noch ist eine slawische Sprachinsel zu erwähnen: die Sorbenwenden in der Lausitz, zwischen Bautzen, Muskau, Senftenberg, Peitz.

Östlich von Goldap beginnt die Grenze zwischen Deutsch und Littauisch, welche zuerst fast ganz mit der politischen Grenze gegen Rußland übereinstimmt, dann nördlich von Pillkallen sich westwärts wendet und an der Mündung der Gilge ins Kurische Haff die Küste trifft.

Endlich im Norden die Grenze gegen das Dänische! Dieselbe wird ungefähr durch eine Linie von Hoyer an der Nordsee über Tondern nach Gravenstein bezeichnet; aber nördlicher gelegene Orte, namentlich Apenrade, Hadersleben, Christiansfeld sind noch deutsch.

Außerhalb dieses Hauptgebietes finden sich noch mannigfache deutsche Inseln, besonders an dem ganzen Südost- und Ostrande: so Gottschee in Krain, viele Kolonien in Ungarn (Arad, Weißkirchen, die Zips), in Siebenbürgen (Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz), in Russisch-Polen (Lodz), in den russischen Ostsee-Provinzen Kurland, Livland, Estland, an der Wolga, endlich jenseit des Ozeans in Amerika und Australien.

Innerhalb des zusammenhängenden deutschen Gebietes sind nun zwei sich kreuzende Linien zu ziehen: eine von Nord nach Süd, um die Grenze zu bezeichnen, bis zu welcher sich slawische Einflüsse infolge früherer Besiedelung (s. [Beilage 3]) noch heutzutage in der Namengebung bemerklich machen — eine zweite von West nach Ost, um die Scheide zwischen Ober- und Niederdeutsch[85] festzustellen.

Die Scheidelinie zwischen Deutsch und Slawisch (Wendisch) wird im allgemeinen gebildet durch Elbe, Saale, Böhmerwald. Das Genauere ist, daß eine Linie von der Kieler Bucht in einigen Windungen, doch im ganzen nach Südost verlaufend (zwischen dem 28. und 32. Meridian), über Lüneburg, Oschersleben, Naumburg, Koburg, Waldmünchen (im Böhmerwalde), Windisch Garsten (in Österreich ob der Enns), Pontafel die äußerste Westgrenze der slawischen Eroberungen im 6.-9. Jahrhundert bezeichnet.

Die Scheidelinie zwischen Oberdeutsch und Niederdeutsch geht über Bonn, den Harz, die Niederlausitz — genauer: von Eschweiler (an der holländischen Grenze) über Bonn, Siegen, Münden, Aschersleben, Wittenberg, Lübben bis Birnbaum (Posen), wo das Polnische beginnt.

Doch ist diese Linie natürlich nicht haarscharf zu ziehen; denn Übersiedelung, gegenseitiger Verkehr, Unterjochung des einen Stammes durch den andern, Vermischungen aller Art haben beide Mundarten — besonders an der Grenze — oft durcheinander geworfen. Daher finden sich südlich jener Linie noch an manchen Orten niederdeutsche Elemente, nördlich oberdeutsche, ja beträchtliche deutsche Sprachinseln am Oberharz (um Klausthal) und in Ostpreußen (um Wormditt und Guttstadt), letztere wohl durch Einwanderer entstanden, welche im Anfange des 17. Jahrhunderts aus Oberdeutschland in das pestverheerte Littauen zogen.

Durch Ziehung dieser beiden sich kreuzenden Linien wird das ganze Gebiet in vier Viertel zerschnitten: Nordwest, Nordost, Südwest, Südost, die wir nach dem Grundcharakter der Familiennamen bezeichnen als: niederdeutsch, niederdeutsch-wendisch — oberdeutsch, oberdeutsch-wendisch.

Im folgenden soll nun für das deutsche Reich eine genauere Charakteristik der geographischen Verteilung der Familiennamen versucht werden.

19.
Genauere Angabe der Verteilung der Familiennamen.

a) Niederdeutschland.

Nordwest.

An der Nordseeküste sitzen seit Urzeiten in einem schmalen Streifen von der Scheldemündung ostwärts — soweit es Marschen und Inseln gibt — die Friesen, „der deutsche Seestamm, zäh und spröde im Festhalten des Alten, im Verteidigen der Freiheit, ein kerniges Geschlecht.“

Die Sprache ist erst allmählich durch das nahverwandte Niederdeutsche zurückgedrängt worden und behauptet sich gegenwärtig östlich der Ems besonders noch im Saterlande (Oldenburg), in der Gegend von Husum und Tondern und auf den Inseln.[86]

In diesen vom Weltverkehr abgelegenen Gauen bildeten sich, den einfachen bäuerlichen Verhältnissen entsprechend, vorzugsweis patronymische Geschlechtsnamen aus.

Beginnen wir mit Ostfriesland! Hier bilden die genetivischen Namen wie Reiners, Gerdes, Gerjets, DirksFocken, Rippen, Tjaden, Ufken, mit Anschluß der seltneren auf -sen (Bohlsen) in den Kreisen Aurich und Emden die Hälfte aller Namen, in Leer noch ein Drittel. Als ganz besonders charakteristisch, nur hier vorkommend, sind dabei die Namen auf a (Gen. Plur.) hervorzuheben: Wiarda, Ebbinga, Ukena — außerdem die Zusammensetzungen mit ma (mann): Bolema.

Von Gewerben finden sich nur die einfachsten (ländlichen): Smidt, Müller, Fischer, Schipper, Bakker, Kramer.

Die Lautverhältnisse haben manches Eigentümliche: sm (Smidt neben Schmidt), tj (Warntjes), kk (Dekker), ui = ü (Luitjens), ou = au (Wildebouer). Wie hieraus ersichtlich, weisen sie zum Teil auf das Holländische hin, dessen Einfluß sich an der ganzen westlichen Sprachgrenze von Ostfriesland bis zum Niederrhein geltend macht.

Auch im Oldenburgischen treten die patronymischen Namen wie Redlefs, Oltmanns, Rieniets, Taddiken, Knutzen (= Knudsen) am nördlichen Küstenrande stark hervor, am stärksten (mit 80 v. H.) im Kreise Jever. Überhaupt findet große Übereinstimmung mit den ostfriesischen Namen statt, nur daß die auf a und ma fehlen, wie auch die Anklänge an das Holländische.

Kommen wir nach Hannover, so treten hier, selbst in den Marschen zwischen Weser und Elbe, die genetivischen Namen merklich zurück. Ihre Zahl wächst erst wieder in Holstein (Ditmarschen: mindestens 40 v. H.) — und hier, an der schleswig-holsteinischen Küste, treten die bis dahin mehr vereinzelten Zusammensetzungen auf -sen, je weiter nach Norden, desto stärker hervor, namentlich im Herzogtum Schleswig, bis in den Kreisen Husum und Tondern die Hansen, Thomsen und Nissen, Christiansen und Gidionsen, Detlefsen und Hinrichsen alles so überwuchern, daß sie fast 90 v. H. aller Familiennamen füllen. Doch diese Bildungen greifen auch nach der Ostseite des meerumschlungenen Landes hinüber, zum Stamm der Angeln, und bilden dort ebenfalls die Mehrheit, im Kr. Flensburg wiederum 90 v. H., im Kr. Schleswig noch die Hälfte, bis sie im daran grenzenden Kr. Eckernförde plötzlich nahezu verschwinden.

Gehen wir wieder nach unserm Ausgangspunkte, Ostfriesland, zurück, so schließen sich an dieses in der Namengebung die südlicher gelegenen hannöverschen Bezirke, namentlich Papenburg, wo die genetivischen (ungerechnet einige auf ing) wieder die Hälfte aller Namen bilden.

In Lingen machen diese nur noch etwa ein Fünftel aus, und anderseits treten als Namenelemente Bezeichnungen von Örtlichkeiten wie brink, horst, auch hoff, desgleichen Zusammensetzungen mit Meyer hervor — die Vorläufer der eigentümlich westfälischen Namengebung.

Patronymika (auf ing und genet. Bildungen) finden sich durch das ganze preußische Westfalen mit Einschluß Osnabrücks — am stärksten an der holländischen Grenze.

Patronymika und zwar genetivische (Giesen, Otten, Wienands, Ludwigs, Gompertz — selbst Namen der dritten Schicht wie Schippers, Schmitz, Kox) bilden das Charakteristische auch am preußischen Niederrhein, ganz besonders auf der linken Seite des Flusses von Kleve bis Aachen, wo dieselben ungefähr die Hälfte aller Namen ausmachen (Höhenpunkt mit mindestens 60 v. H. im nördlichsten Teile des Regierungsbezirks Aachen).

Dann aber gibt sich das spezifisch Eigentümliche der westfälischen Namengebung in den zahlreichen an die Besonderheiten der Örtlichkeit angelehnten Namen kund. Die Landschaft hat hier nicht mehr die Einförmigkeit des Küstenrandes, der Marschen an der Nordsee; Berge und Hügel (hövel), hochliegende Grasflächen (brink) treten in ihr hervor; anderseits Teiche (diek), Brücher (brok), häufig ein Wald oder Gebüsch (loh, holt, horst), dann das Feld in abgeschlossene, umhegte Kämpe geschieden. Alles dies spiegelt sich auch in den Familiennamen, in welchen demnach brink, brock, horst, kamp, demnächst beck (Bach), diek, holt, loh Hauptelemente sind, in Namen wie: Windhövel, Hasenbrink, Uhlenbrock, Hasselhorst, Lohkamp, Möllenbeck, Buddendieck, Eickholt, und abgeleitet mit der Endung er: Steinbrinker, Hüttebräuker, Behrhörster, Roggenkämper — oder präpositional: auf dem Brauke, Tenberge, Terbeck.

Eine solche Bezeichnungweise konnte um so eher Platz greifen, da die Ansiedelung in diesen Gegenden nach altgermanischer Weise eine zerstreute ist. Münster und die nördlichen Teile von Minden und Arnsberg gehören zu denjenigen Gegenden, wo das Land nicht in geschlossenen Dörfern, sondern durch einzelne Höfe angebaut ist, die erst für staatliche Zwecke zu Bauerschaften zusammengefaßt werden. Dazu stimmen auch die vielen Namen auf hof (Lohoff) und haus (im Münsterschen auch hues: Grothues).

Auf die Abstufung nach dem Grundbesitz gehen Meyer und Kötter, welche in außerordentlich vielen Zusammensetzungen erscheinen. Insbesondere tritt Meyer mit seiner Sippe im Mindenschen hervor, bis zu 25 v. H. aller Namen.

Rechnen wir nun noch dazu, daß auch andere Namen, mit denen man in andern Gegenden an sich zufrieden sein würde, hier gern durch Zusammensetzungen noch näher bestimmt werden (wie Bowenschulte, Brinkschröder, Oberste-Kampmann, Hemkensamkenschnieder), daß ferner in Sproßformen der ersten Schicht das altertümliche o sich häufiger behauptet hat (Danco, Teuto): so werden wir zugeben müssen, daß hier auf echt deutschem Boden, wo deutsche Bevölkerung und Sitte sich verhältnismäßig ungeschwächt erhalten hat, auch die Namengebung eine ureigene und höchst bezeichnende ist, wie sie sich kaum in einem andern Teile Deutschlands findet.

Das oldenburgische Binnenland schließt sich an den Küstenrand an, es bietet bei entschieden niederdeutschem Gepräge (sogar -borg st. burg) wieder eine Fülle genetivischer Namen, in Rastede und Westerstede noch an 50 v. H., doch nach Osten hin stark abnehmend, während der Süden (Vechta) nebst den hannöverschen Kreisen Diepholz und Hoya schon zum westfälischen Charakter überleitet.

Auch im östlichen Hannover zwischen Weser und Elbe, dem alten Ostfalen, finden sich noch bedeutende Anklänge an die westfälische Namengebung, indem die örtlichen Elemente, namentlich brink, brock, horst, kamp noch weithin ausgestreut sind, östlich bis an die ehemalige slawische, südlich bis an die hochdeutsche Sprachgrenze.[87] Indessen sind sie doch entschieden weniger zahlreich, und die Ableitungen brinker, kämper usw., sowie die etwas langatmigen Zusammensetzungen (auch auf kötter) fehlen. Dasselbe tritt bei dem Namen Meyer hervor, der auch hier außerordentlich häufig erscheint, jedoch überwiegend einfach, während in Westfalen die Zusammensetzungen auf -meyer vorherrschen.

So bietet diese Namengebung trotz vielfacher Verwandtschaft doch nur ein sehr abgeblaßtes Bild der westfälischen.

Dagegen gehen die Patronymika in wesentlich unverminderter Häufigkeit hindurch. Als neu treten hinzu eigentümliche Ortsbezeichnungen auf -bostel, -horn, -sen (Abkürzung aus -sheim), z. B. Rodenbostel, Ehrhorn, Bellersen (wie diese schon unter den Kreisstädten durch Fallingbostel, Gifhorn, Wennigsen vertreten sind).

Als Verkleinerungsform begegnet hier zuerst häufiger ke (wofür bisher das friesische je und das genet. ken oder gen), insbesondere nach dem Wendlande und der Altmark hin.

Im Kreise Dannenberg erinnern Ortsnamen wie Lüchow, Liepe daran, daß wir nunmehr die Linie überschritten haben, welche die slawischen Eroberungen vor dem 9. Jahrhundert bezeichnet, daß wir uns in dem hannöverschen Wendlande befinden, wo (in den Ämtern Lüchow und Gartow) bis ins 18. Jahrhundert hinein wendisch gesprochen wurde und in der Volksmundart noch jetzt einzelne dem Wendischen entlehnte Ausdrücke sich erhalten haben.

Hier stoßen nun auch unter den Familiennamen wendische Formen wie Wiebelitz, Glabbatz, Gramüsch auf.

Und so kommen wir zu dem Nordosten Deutschlands, dessen Charakter im allgemeinen als niederdeutsch-wendisch zu bezeichnen ist.

Nordost.

Der Nordost umfaßt die weitausgedehnten Ebenen östlich der Elbe, die seit Gründung der Nordmark in jahrhundertelangem Ringen den Slawen (Wenden) wieder abgewonnen wurden, d. h. das östliche Holstein, Mecklenburg, Brandenburg, Pommern, West- und Ostpreußen, bis zur polnischen beziehungsweise littauischen Sprachgrenze im Osten und Südosten (s. [S. 71]) und bis zur Grenze des Hochdeutschen im Süden.

Hier, in der Heimat Fritz Reuters, wird man auch in den Familiennamen noch den niederdeutschen Charakter ausgeprägt erwarten.

Derselbe zeigt sich in Namen wie Schröder und Schrader, Pieper, Voß, woneben die hochdeutschen Formen (Schröter, Pfeifer, Fuchs) weit seltener vorkommen, ferner in Namen wie Kruse (besonders in Holstein, Mecklenburg, Vorpommern), Niemann, Grote (Groth), Möller, Schütte u. a.,[88] ebenso in den von Ortsnamen entlehnten auf -beck (st. -bach), -husen (st. -hausen). Selbst der ursprüngliche niederdeutsche Name von Salzwedel: Soltwedel, als Ortsbezeichnung längst verhochdeutscht, hat sich noch als Familienname erhalten.

Dazu treten die Verkleinerungen auf -ke (Lüdicke, Lemke, Wilke, Jahnke), welche hier so recht ihre Heimat und Geburtsstätte haben.

Doch überwiegt das Niederdeutsche hier im Osten, von Holstein und Mecklenburg abgesehen, nicht so wie im Westen. Es ist gerade in den Namen nicht mit solcher Entschiedenheit festgehalten worden; der Übergang in das Hochdeutsche ist merklich weiter vorgeschritten. Als ein auffallender Beweis bietet sich der Name Schulz, der in Westfalen meist noch Schulte lautet (auch in Mecklenburg häufig Schult), während dies in Brandenburg und Pommern eine seltene Form ist.

Anderseits sind entschieden hochdeutsche Formen hier nicht selten, namentlich die Deminutivbildungen mit z und l, wie Barz, Kunze, Wetzel, Neitzel, zu denen Zwitterformen wie Neitzke den Übergang bilden.

Solche Namen auch in der Landbevölkerung weisen wohl darauf hin, daß die deutsche Einwanderung in diese dem Slawentum allmählich wieder abgewonnenen Gaue, wenn auch überwiegend aus Niederdeutschland, doch teilweis auch aus oberdeutschem Sprachgebiet erfolgt ist.

Patronymische Bildungen, die in Ostholstein noch beinahe 20 v. H., in Mecklenburg aber nicht mehr 10 v. H. betragen, verschwinden weiterhin fast ganz.

Von der schwedischen Herrschaft sind einige Familien, besonders in Neuvorpommern, welches bis 1815 schwedisch war, sitzen geblieben. Doch sind diese „alten Schweden“ schon sehr dünn geworden; in einem Kataster der Stadt Stralsund vom Jahre 1844 (Verzeichnis der Hauseigentümer) fanden sich nur noch acht unzweifelhaft daher stammende Namen, wie: Sjöborg, Wallengreen, Weström.

Nun aber ist die wendische Beimischung festzustellen. Daß in diesen Landschaften außerordentlich viel wendische Ortsbezeichnungen auch nach der Rückgermanisierung in meist wenig veränderter Form stehen geblieben sind, ist schon in der Einleitung angemerkt worden (Genaueres darüber in [Beilage 3]). Dies beeinflußt nun auch die Familiennamen, welche ja zum guten Teile einfach übertragene Ortsnamen sind. Unter ihnen schlagen vor die auf ow, demnächst die auf in (betont) und witz, wie: Bütow, Grabow; Leppin, Ladenthin, Pentzien; Bublitz, Gerwitz.[89]

Neben diesen halbschlechtigen Namen, die, auf dem linken Elbufer (Altmark), auch noch in Ostholstein vereinzelt, auf dem rechten sich bis zu 10, ja in Pommern in manchen Kreisen fast bis zu 20 v. H. steigern, treten nun, zuerst in der Priegnitz, vollgültige wendische Personennamen auf, als da sind: Noack, Mitzlaff, Petrick, Nimz, Pechek.[90]

Doch bleiben auch hier die deutschen Namen ganz überwiegend in der Mehrheit, derart, daß, alles zusammengerechnet, die wendischen kaum irgendwo ein Drittel der gesamten Zahl erreichen.

Ihre Zahl wächst allerdings überall nach der slawischen Sprachgrenze hin, so in Brandenburg nach der Niederlausitz, in Pommern nach der Kassubei hin. In Pommern bezeichnet der Küstenfluß Lupow etwa die Grenze, hinter welcher erst das Übergewicht der slawischen Namengebung hervortritt. Wunderlich klingende Gebilde wie Gromoll, Pigorsch, Piotraschke, Quardux beherrschen hier das Gebiet, während südöstlich, hinter Bütow, die sich vordrängenden -ski an die Nähe der polnischen Sprachgrenze gemahnen.

Überspringen wir die Kassubei, so kommen wir zu dem schönen deutschen Stücke zwischen den beiden Angelpunkten Danzig und Königsberg. Hier an der nördlichen Ostmark deutschen Wesens, wo drei Sprachen: deutsch, slawisch (in Masuren), littauisch zusammentreffen, zeigt sich eine sehr bunte Mischung auch im Bereiche der Familiennamen. Die Grenze gegen diese beiden Sprachen ist im vorigen Kapitel angegeben; aber auch in den verbleibenden deutschen Teil sind häufig slawische und littauische Namen (s. [Beilage 3]) eingesprengt. Doch können diese weniger auffallen, als eine eigentümliche Klasse unter den deutschen Namen, nämlich die mit entschieden süddeutschem Gepräge wie: Fischöder, Scharfetter, Rohrmoser, Obersperger. Diese Namen, welche auf Österreich (und Bayern) hinweisen, sind durch die 1724 aufgenommenen Salzburger hierher verpflanzt.

b) Oberdeutschland.

Südwest.

Südlich der Linie, die von Bonn am Rhein über den Harz bis zur Nordgrenze der Niederlausitz (Lübben) geht, beginnt das oberdeutsche Gebiet. Dieses kennzeichnet sich im Bereich der Familiennamen zunächst durch den Wegfall des eigentümlich Niederdeutschen in Lautverhältnissen und Wortformen. Namentlich gilt dies auch von den Bildungselementen der Verkleinerungsformen: an Stelle des k (g, j) tritt l in seinen mannigfaltigen Gestaltungen (s. [Seite 33]) und z.[91]

Beginnen wir am Rhein, mit der preußischen Rheinprovinz, so handelt es sich besonders um die Regierungsbezirke Koblenz und Trier.

Die genetivischen Namen, welche in dem nördlichen linksrheinischen Teile dieser Provinz überwogen (Henrichs, Reichartz, Caspers, Eckes, Hoppen), bilden auch hier im Nordwesten (Kr. Daun, Prüm) fast noch die Hälfte der Familiennamen, sie nehmen aber je weiter nach Osten und Süden desto mehr ab, bis sie in den Kreisen Saarbrücken und St. Wendel sowie Altenkirchen (auf dem rechten Ufer) nahezu verschwinden.

Das bisherige Verkleinerungssuffix k (Hünnekes, Wilkens, Klömpges, Nüßgen, Büschgens) weicht den l und z (Eckel, ThielHeinz, Lutz), die hier zum erstenmal im Westen erscheinen.

Was die von Ortsnamen stammenden Familiennamen betrifft, so treten -ich (nich), -rath, -scheid zurück, besonders südlich der Mosel. Statt -rath erscheint auf dem rechten Rheinufer (schon im Regierungsbezirke Köln) -roth (Wilmeroth), welches bis zur Ostgrenze von Thüringen hindurchgeht.

Wichtiger aber ist, daß die Ortsnamen, um Familiennamen zu werden, nunmehr häufig die Endung -er annehmen: -bacher, -burger, -heimer, -inger, z. B. Morschbacher, Straßburger, Weinsheimer, Dillinger — mit Umlaut: -becher, -häuser, -thäler: Dörrenbecher, Oppenhäuser, Lichtenthäler.

Die Nähe der französischen Sprachgrenze (Kr. Malmedy) verrät sich in Namen wie Dieudonné, Dollibois u. a.[92]

Überschreiten wir den Rhein ostwärts, so finden wir in dem Nassauischen (Regb. Wiesbaden) den allgemein oberdeutschen Charakter, ohne stark hervortretende Besonderheiten. Derselbe setzt sich auch in Hessen und Thüringen fort, so daß wir diese Landschaften bis zur Saale hier zusammenfassen können.

Genetivische Namen können hier kaum noch in Betracht kommen; sie bilden schon im Nassauischen nur etwa 2 v. H. und verlieren sich weiter nach Osten so gut wie ganz. Dagegen gehen die Patronymika auf ing, wenn auch in geringem Hundertsatz, durch bis zur Saale.

Verkleinerungsformen werden auf -el gebildet (bisweilen in Thüringen verstärkt durch n: -lein, z. B. Gäbelein) und auf z, für welches letztere mitunter das vergröberte tsch eintritt: Fritsch, Götsch neben Fritze, Götze. Da jedoch die Dialektgrenze nicht fern ist und diese Scheidelinie sogar durch das ehemalige Kurfürstentum geht, somit ein, wenn auch nur kleiner Teil desselben (Kr. Hofgeismar, Wolfhagen) in den Bereich des Niederdeutschen fällt, so ist es nicht verwunderlich, daß auch südlich von dieser Linie niederdeutsche Formen öfters begegnen, besonders in Hessen und Thüringen: Gerke, Hennicke, Meinecke, Fricke.

Von den Handwerksnamen sind am häufigsten Schmidt und Müller nebst einigen Zusammensetzungen und in den Hannover benachbarten Landschaften Meyer, einfach und in Zusammensetzungen, Schulz dagegen findet sich nur sehr vereinzelt. Auch in dieser Klasse zeigen sich niederdeutsche Formen, so auffallend häufig in Hessen Möller neben Müller.

Die Ortsnamen werden überwiegend ohne Ableitungsendung übertragen: Lauterbach (bach hier das häufigste Grundwort), Henneberg, Sonnefeld usw., dabei wird -rode meist in -roth gekürzt (Germeroth), auch in -rott (Ascherott), ähnlich das eigentümlich thüringisch-sächsische -leben (Hallensleben) häufig in -leb: Rinkleb, Witzleb. Viel seltener (in Nassau etwa ⅓ in Hessen und im nördlichen Thüringen noch weit weniger zahlreich) sind die Ableitungen auf -er: Reichenbächer, Dillenburger, Henneberger, Saalfelder, Staudinger, Herchenröder.

Die Annäherung an die ehemals slawische Ostgrenze macht sich bemerklich in Bildungen wie Stiebritz, LöbnitzGölitzer.

Gehen wir wieder zurück an den Rhein, um nach dem eigentlichen Süddeutschland — südlich vom Main — zu gelangen!

Dieser Übergang markiert sich in Hessen-Darmstadt (Starkenburg, Rheinhessen) durch das Auftreten des ai, ay (statt ei): Hainz, Mayer neben Meyer, sodann dadurch, daß die Ableitungen auf -er von Ortsnamen gegenüber den einfach übertragenen Ortsnamen häufiger werden und letzteren nunmehr schon das Gleichgewicht halten.

In Baden tritt auf dem Gebiete der Schmeichelformen das z (vergröbert tsch: Fritz, DietzFritsch, Dietsche, Bertsch) entschieden in den Hintergrund gegen das andere Suffix l. Dieses nimmt hier die eigentümliche Form -le an, welche im Unterrheinkreis (auf fränkischem Boden) noch gegen -el zurückstehend, je weiter nach Süden desto mehr an Zahl wächst, so daß südlich von der Murg (auf alemannischem Boden), namentlich aber im Seekreise die Merkle und Bürkle, die Enderle und Eberle eine fast unbestrittene Alleinherrschaft üben. Selbst Namen der dritten Schicht müssen sich dieser Herrschaft fügen: Kränzle, Drechsle (statt Drechsel = Drechsler), Sütterle (von Sutter, Schuhmacher). Nur im Oberrheinkreise tritt daneben ziemlich häufig -lin auf: Bürklin, Brendlin, Sütterlin, wie dieses auch auf der andern Seite des Rheines, im Elsaß, nicht selten ist, man denke an Oberlin, Köchlin. Nach der Schweiz weisen einige Formen auf i wie Erni, Bläsi, Rudy (bisweilen verstärkt durch n: Lüttin, Wältin, Willin). Unter den Vollnamen sind eigentümlich einzelne Verkürzungen des -hart in -et wie Bernet, Ehret, Werneth.

Unter den von Örtern entlehnten Familiennamen gewinnen die Ableitungen auf -er nunmehr schon im Unterrheinkreis die Oberhand und verdrängen weiter nach Süden die einfache Übertragung der Ortsnamen fast vollständig. Den Reigen führt -inger: Götzinger, Hottinger, Zähringer, demnächst -berger. Beide zusammen bilden ⅔ aller bezüglichen Namen. Während -ingen und -berg abgesehen von Adelsnamen wohl immer umbiegen, verhält sich -bach wie auch sonst auffallend spröde dagegen und bildet nur in der Minderzahl der Fälle weiter: -bacher seltner -becher.

Wie hieraus hervorgeht, schwankt der Umlaut; so auch in -hauser und -häuser, -hofer und -höfer; doch herrschen im allgemeinen in dieser Klasse die nicht umgelauteten Formen vor, wie auch unter den Namen, welche von der Beschäftigung hergenommen sind, Kammerer und Kuster (Kusterer) und Kohler auffallen.

Ähnliche Verhältnisse wie im Badischen herrschen wesentlich in Württemberg mit Einschluß von Hohenzollern. Auch hier überwiegt als Verkleinerungsf. -le. Schon im Nordosten, im Jagstkreise (auf fränkischem Boden) mindestens die Hälfte der Verkleinerungsformen mit dem Kern l bildend, füllt es im südlichen Württemberg (auf schwäbisch-alemannischem Boden) über 75 v. H. Schier endlos ist die Reihe dieser Schmelzle und Schwämmle, Bäuerle und Mayerle, Endele und Bendele, Dägele, Hägele, Nägele, Wegele. Daneben kommt nur noch -el einigermaßen in Betracht (Denzel, Immel), da -lin (Hölderlin), -len (Enßlen) und -lein (Merklein) nur vereinzelt auftreten. Hingegen gehen die Verkleinerungen auf z in mäßiger Zahl durch alle Kreise, ohne die badische Vergröberung in tsch.

Patronymika auf -ing (Schilling, Gehring, Scheuring) sind hier häufiger als im Badischen. Unter den von der Beschäftigung entlehnten Namen sind besonders häufig Müller und Maier (Mayer — immer mit a), beide, namentlich letzterer auch in vielfachen Zusammensetzungen wie: Steinmaier, Burkardsmaier, Katzenmaier, Stegmayer. Ihnen ziemlich gleich an Zahl kommen Schmid[93] und Schneider, die aber die Zusammensetzungen fast ganz entbehren.

Eigentümlich süddeutsche Handwerks- und Amtsbezeichnungen sind: Beck (in Baden meist noch Becker), auch in Zusammensetzungen wie Brodbeck, Pfister, und Pfisterer (aus lat. pistor), Sautter (aus lat. sutor), HafnerForstner, Sigrist.

Was die Lokalia betrifft, so herrschen wie in Baden die Ableitungen auf -er von der Tauber bis zum Bodensee ganz entschieden vor. Unter ihnen stehen, entsprechend der großen Zahl württembergischer Ortsnamen auf -ingen, die -inger obenan: Breitinger, Griesinger, Junginger, Sickinger. Als eigentümlich süddeutsche Formen (auf alemannisch-schwäbischem Boden) schließen sich an: Allgöwer, Ettwanger, Beißwänger, Winterhalter, Dannegger, Moosbrugger, Sonnenmoser, Bogenrieder.

In lautlicher Hinsicht ist anzumerken, daß häufig ai für ei eintritt: Aichele, Sailer, Stainer, Schnaithmann, wie dieses ai sich auch schon in den Ortsnamen bemerklich macht (Waiblingen, Spaichingen, Crailsheim u. a.) — sodann hin und wieder uo statt u: Ruof, Schraishuon. Konsonantisch fällt eine gewisse Einfachheit der Schreibung auf. Ganz entgegen der sonstigen Orthographie der Familiennamen, die mit Vorliebe soviel Buchstaben als möglich setzt, stimmt hier die Schreibung im allgemeinen mit den gewöhnlichen Regeln überein und enthält sich besonders der unnötigen Häufungen ck, tz, dt, ll.[94]

Südost.

Das thüringisch-sächsische Gepräge der Familiennamen setzt sich auch noch östlich der Saale in den dorthin sich erstreckenden Teilen der preußischen Provinz Sachsen (den Kr. Delitzsch, Bitterfeld, Torgau, Schweinitz, Liebenwerda) sowie in dem Königreich Sachsen im allgemeinen fort.

Die häufigste Verkleinerungsendung ist -el in Namen wie Göthel, Hähnel, Neydel, Seidel, Siegel, Weigel; Barthel, Jäckel. Den oberdeutschen Formen auf l und z (häufig vergröbert tsch) tritt in den nördlichen Gegenden ziemlich oft das niederdeutsche k zur Seite; so finden sich nebeneinander Heinze und Heinecke, Dietze und Diecke. In den südlichen Landschaften (dem Königreich Sachsen) tritt an Stelle des ke (-icke) das mehr hochdeutsche -ig (-ich): Heinig (Heinich), Theurig, Uhlig, Gerbig.

Ableitungen auf -er von Ortsnamen (Straßberger, Schönfelder, Clausnitzer) treten hier zurück, mit Ausnahme der nicht seltenen zweisilbigen, wie Berger, Langer (von Ortsnamen Berg, Lang), Birkner, Jeßner, Klingner, Ließner, Lindner, Meißner, Ölsner (von Ortsnamen auf -en: Birken, Jessen usw.).

Durch das Zusammentreffen von Oberdeutsch und Slawisch werden in Namensformen (deutschen wie auch slawischen Ursprungs) harte Zischlautverbindungen erzeugt: zsch, tzsch, nicht allein im Auslaut: Fritzsche, Klotzsch, Pietzsch, Roitzsch, sondern (im Königreich Sachsen) auch im Anlaut: Zschweigert, Zschinsky, Tschucke.

Überhaupt blickt der slawische Untergrund, wenn auch die deutschen Namen, von der Lausitz abgesehen, ganz bedeutend überwiegen, doch noch hie und da durch in Namen wie Gaudlitz, Muschwitz (von den entsprechenden Ortsnamen), Nowak, Noack (= Neumann), Schunak, Hannusch.

Die südlichen Kreise des Regierungsbezirks Frankfurt a. d. O., die den größten Teil der Lausitz mit ihrer urspr. sorben-wendischen Bevölkerung in sich schließen, haben zwar ebenfalls die deutschen Verkleinerungsformen auf l und z (tsch), doch häufiger das aus zwei Quellen (niederdeutsch und wendisch) fließende Suffix k: Janke, Paulke, Hannuske, Dammaschk, Scholtka, Hanko. Bisweilen sind l oder z mit k in deutschen Zwitterformen wie Henkel, Kunzke vereinigt.

Ortsnamen werden fast immer unmittelbar übertragen: Goldbach, Hanstein, WollenbergUkrow, Schillow, Matzkow, Dubrau; -ow und daraus verdeutscht -au (wie in den Städtenamen Kalau, Luckau, Sorau usw.) sind hier die gewöhnlichen Endungen slawischer Ortsnamen. Das Wendische tritt natürlich stark hervor, bis zu 40 v. H. und drüber, in Gebilden wie (außer den schon erwähnten): Kuba, Koalick, Mudrak, Woitschach, Natusch, Nawotnik.

Eine ebenfalls starke wendische Beimischung zeigt die Oberlausitz, am stärksten im Kreis Hoyerswerda. Im übrigen leitet die Oberlausitz (wie auch schon Sachsen) durch das Vorschlagen der Verkleinerungsform -el und die Ableitungen auf -er von Ortsnamen, wie Elsner, Wiesner, nach Schlesien hinüber.

Da Schlesien wie eine langgestreckte Halbinsel in das slawische Sprachmeer, zwischen Tschechenland und Polen, hinausragt, so ist es natürlich, daß fast überall slawische Elemente auch in den Familiennamen hervortreten. Im Innern der Provinz ist dies freilich nur in geringem Maße der Fall, in desto größerem aber an den Rändern, besonders im Osten, wo Preußisch-Schlesien unmittelbar an das Polnische (in Posen und Russisch-Polen) und im Südosten, wo es an das sogenannte Wasserpolnische (in Oberschlesien) stößt, während im Westen noch ein Streifen deutscher Bevölkerung (in Österreich) vorgelagert ist. Am stärksten ist diese slawische Beimischung in der Ecke zwischen dem Posenschen (Rawitsch) und Oberschlesien (Kreuzburg), besonders in den Kreisen Namslau und Wartenberg,[95] wo die -ek (Adamek) und -ak (Stepaniak), die -owski und -inski usw. 40–50 v. H. ausmachen. Dagegen ist in den oberschlesischen sprachlichen Grenzkreisen Leobschütz, Neustadt, Falkenberg, Neiße, Grottkau nur etwa ⅕ der Familiennamen slawisch.[96] In der deutschen Namengebung fehlen die Patronymika (Genetiv, Ableitungen auf -ing, Zusammensetzungen auf -sen). Von den Verkleinerungsendungen ist -ke wohl meist dem Slawischen zuzuweisen, z begegnet fast nur in den bekannten „Hinz und Kunz“ (Heinze und Kunze), häufiger in den breiteren Form tsch: Bartsch, Fritsch, Nitsche — bisweilen sch: Kunsch — mit k verbunden: Nitschke. Obenan steht jedoch wie in Sachsen -el: Göbel, Menzel, Riedel, Seydel, Thiel (aus Thiedel) — Hensel, JäckelHentschel.

Ortsnamen werden meist einfach übertragen: Steinberg, Kunzendorf, Süßenbach, Baumgart, wobei -berg, -dorf, -bach voranstehen, während die urspr. slawischen Ortsnamen überwiegend auf -witz und -itz endigen: Plagwitz, Nittritz. Doch wird die Endung -er an Ortsnamen auf -berg häufig gehängt: Grünberger, Riesenberger, Rosenberger, und einsilbige Ortsnamen erfahren gewöhnlich diese Verlängerung: Brieger, Glatzer. Ganz besonders aber sind zweisilbige Ortsnamen auf -en anscheinend immer nur in dieser Weiterbildung verwendet, so daß sich hieraus eine lange Reihe solcher Familiennamen ergibt: Elsner, Ilgner, Kösner, Kutzner, Klingner, Langner, Lindner, Moschner, Wiedner, Wiesner von den Ortsnamen Elsen, Ilgen, Kösen usw.

Unter den von Amt und Handwerk entlehnten Namen sind als eigentümlich schlesisch hervorzuheben: Scholz (vgl. auch „Erbscholtisei“ — slawisch Woita = Vogt) und Kretschmer vom slaw. Kretscham (Dorfkrug).

20.
Stillstand oder Bewegung in der Namenwelt?

Der Prozeß der Festwerdung der Familiennamen ist, nachdem auch die letzten Nachzügler (s. [S. 29] und [66]) sich ihm haben anbequemen müssen, nunmehr seit beinah einem Jahrhundert zum Abschluß gelangt. Es fragt sich aber, ob damit nun ein völliger Stillstand auf diesem Gebiete eingetreten, ob nicht auch hier bei genauerer Betrachtung eine Bewegung zu erkennen ist, gleichwie der Spiegel eines scheinbar still und tot daliegenden Gewässers doch eine leichte Bewegung auf der Oberfläche verrät.

Diese Frage ist entschieden zu bejahen; einen völligen Stillstand gibt es auch auf diesem Gebiete nicht.

1. Es sterben Familien aus und damit auch Familiennamen. Dies läßt sich am leichtesten bei adeligen Geschlechtern verfolgen. So starb, um nur ein Beispiel aus dem vorigen Jahrhundert herauszugreifen, im Jahre 1836 zu Stralsund Graf August Wilhelm von Mellin als letzter eines Geschlechtes, das nach einer Äußerung des geistreichen und gemütvollen Mannes „älter war als die Stubbenkammer“ (Berghaus, Sprachschatz der Sassen).

2. Vorhandene Namen werden geändert. Besonders häufig ist der Übergang aus der mundartlichen in die hochdeutsche Form, namentlich auf niederdeutschem Sprachgebiete: Möller in Müller, Röwenhagen in Rübenhagen u. a. noch in neuester Zeit (s. [Beilage 2]). Davon abgesehen werden vereinzelte Namen aus den mannigfachsten Gründen geändert: Czech in Echt, Kamphaus in Kamphausen, Laabs in Labes.

3. Es bilden sich neue Namen — zunächst durch Zusammensetzung zweier: bei adeligen Geschlechtern infolge Verschmelzung zweier Familien, deren eine bis auf eine Erbtochter erloschen ist: von Kleist-Retzow, Henckel von Donnersmarck — bei Schauspielerinnen, die im Fall einer Verheiratung den Namen, unter welchem sie berühmt geworden, gern beibehalten: Hendel-Schütz, Birchpfeiffer. In einzelnen Fällen ist ein solcher Doppelname gestattet worden, um das Aussterben eines berühmten Namens zu verhindern, so Bessert-Nettelbeck (des Kolberger N. Schwiegersohn).

In einigen Gegenden ist es Sitte, den Vaternamen der Frau mit dem eigenen zu verbinden. Beispielsweise nannte sich Hollweg nach Frankfurter Sitte Bethmann-Hollweg; bei dem Sohne kam dieser Doppelname bald in alleinigen Gebrauch und wurde auch 1840 von Friedrich Wilhelm IV. geadelt. Diese Sitte scheint besonders in der Schweiz verbreitet zu sein.

Endlich entstehen Namen, wenn auch nur ganz vereinzelt, durch völlige Neubildung. Dies wird hauptsächlich der Fall sein bei Findlingen und bei Proselyten. So hat ein dem Verfasser persönlich bekannter Proselyt sich Bußin genannt, von dem Hauptwort „Buße“ mit Anlehnung an die Ortsnamen auf -in.

Beilage 1.
Godeberaht.[{1}]

a) Die im Altdeutschen möglichen Bildungen (s. [S. 22] f.).

Einstämmig gekürzte Form Godo,[{2}] zweistämmig gekürzt Godbo[{3}] mit den Nebenformen Gobbo[{4}] und Gobo.[{5}]

Hieraus als einfach verkleinerte Formen mittels der Endung -ilo: Godilo[{6}] mit den Nebenff. Godlo,{7} Gollo{8} und Golo,{9} sowie Godbilo{10} mit den Nebenff. Gobbilo{11} und Gobilo{12} — mittels der Endung izo: Godizo[{13}] nebst Godzo,{14} Gozzo,{15} Gozo,{16} sowie Godbizo{17} nebst Gobbizo{18} und Gobizo{19} — mittels der Endung iko: Godiko[{20}] nebst Godko,{21} Gokko,{22} Goko,{23} sowie Godbiko{24} nebst Gobbiko{25} und Gobiko.{26}

Daraus wieder als doppelt verkleinerte Formen (l + n) Godilin{27} nebst Godlin,{28} Gollin,{29} Golin,{30} sowie Godbilin{31} nebst Gobbilin{32} und Gobilin{33} — ferner (l + k) Godiliko{34} nebst Godliko,{35} Golliko{36} und Goliko,{37} sowie Godbiliko{38} nebst Gobbiliko{39} und Gobiliko{40} — ferner (z + n) Godizin{41} nebst Godzin,{42} Gozzin,{43} Gozin,{44} sowie Godbizin{45} nebst Gobbizin{46} und Gobizin{47} — ferner (z + l) Godizilo{48} nebst Godzilo,{49} Gozzilo,{50} Gozilo,{51} sowie Godbizilo{52} nebst Gobbizilo{53} und Gobizilo{54} — ferner (z + k) Godiziko{55} nebst Godziko,{56} Gozziko,{57} Goziko,{58} sowie Godbiziko{59} nebst Gobbiziko{60} und Gobiziko{61} — ferner (k + n) Godikin{62} nebst Godkin,{63} Gokkin,{64} Gokin,{65} sowie Godbikin{66} nebst Gobbikin{67} und Gobikin{68} — endlich (k + l) Godikilo{69} nebst Godkilo,{70} Gokkilo,{71} Gokilo,{72} sowie Godbikilo{73} nebst Gobbikilo{74} und Gobikilo.{75}

b) Die wirklich vorhandenen neudeutschen Familiennamen.

 1. a) Gottbrecht.
b) Gottbrath.
c) Gobbert.
d) Joppert.
e) Göppert; Göpper.
f) Juppert.
g) Gobert.
Gen. Goverts.
 2. a) Gohde.
Gen. Gohdes — patr. A. Goding.
b) Göde.
Gen. Göden; Gödens; Göens.
c) Gödde.
d) Gäde.
e) Gude.
f) Gen. Gudden.
g) Gothe; Goth.
h) Goethe; Göth.
i) Köth.
k) Gotte; Gott (Gottmann).
l) Götte; Gött.
Gen. Götten — patr. A. Götting.
m) Kott.
n) Gute (Guthe); Gut (Gutmann).
Patr. A. Guting.
o) Güte; Güth.
Patr. A. Güting.
p) Gutte (Guttmann).
q) Jütte.
 4. a) Gubbe.
b) Kopp.
 5. a) Göb.
Gen. Goeben.
b) Gube.
 6. a) Godel (Godelmann).
b) Gödel.
c) Göthel.
Patr. A. Göthling.
d) Gottel.
e) Göttel (Göttelmann).
f) Güttel; Gütl.
 7. a) Göttle; Göttl.
Patr. A. Göttling.
b) Patr. A. Güthling.
 8. a) Golle; Goll (Gollmann).
Patr. A. Golling.
b) Göll.
c) Kölle.
d) Güll.
 9. a) Gohl.
b) Johl.
c) Göhle; Göhl.
Patr. A. Göhling.
11. a) Gobbel.
b) Göbbel.
c) Köppel.
12. a) Göbel.
b) Göpel.
15. a) Gotz (Gotzmann).
Gen. Gotzens.
b) Kotz.
c) Gotsch.
d) Gosse; Goss (Gossmann).
e) Götze; Götz (Götzmann).
Gen. Götzen.
f) Gödsche; Götsch.
g) Gutz (Gutzmann).
h) Gütz.
i) Gutsch.
16. Göz.
20. a) Gödike; Gödeke.
Gen. Gödeken
Patr. A. Gödeking.
b) Jödike.
c) Göttig; Göttich.
d) Gädeke.
e) Gedicke.
f) Güttich.
21. a) Gödtke.
Gen. Gödkens.
b) Göthge.
Gen. Götjes.
c) Gottke.
d) Gottge.
e) Gädtke.
f) Guthke.
g) Guttke.
h) Güttke.
22. a) Gocke.
Patr. A. Göckingk.
b) Göcke.
Gen. Göcks.
23. Göke.
Gen. Göken.
37. a) Gohlke.
b) Göhlke.
50. a) Gotzel.
b) Götzel.
c) Kötzel.
d) Gossel.
Gen. Gossels.
e) Gössel.
f) Kössel.
g) Götschel; Götschl.
h) Gützel.
57. a) Götzke.
b) Götschke.
c) Göschke.
d) Gottschick.
62. Godeken.
64. Göcken.
71. a) Gockel.
b) Göckel.
c) Göggl; Göggelein.
d) Gückel.

Beilage 2.
Entwickelung einer Namenreihe während der Neuzeit.[97]

1600 1650 1700 1750 1800 1850
Arend Arendt, Arnd Arndt Arndt Arndt Arndt
Bardenflet,
 -fleit
Bardenfleth Barenfleth Barenfleth,
 Bahne-
Bahnfleth Bornfleth
Bellin Bellin Bellin, Bellihn Bellin Bellin Bellin
Boleman Boleman Boleman Bohlmann Bohlmann Bohlmann
Brandt Brandt Brand Brandt Brandt Brandt
Donner Donner Donner Donner Donner Donner
Ertman Ertman Erdmann Erdmann Erdmann Erdmann
Goyer Gojar, Goyar Gojar Gojar Gauger Gauger
Hake Hake Haacke Haack Haak (ck) Haak
Knolle Knolle Knolle Knoll Knoll Knoll
Köne Köne Köhne Köhne, Koine Köhn Köhn
Köpe Köpe Köpe Koipe Keupe Keup
Kröger Kröger Krüger Krüger Krüger Krüger
Krossin Krossin,
 Krössin
Krössihn Krössin Krössin,
 Kressin
Kressin
Labes Labes Labeß Labs,
 Laabs
Labs,
 Laabs
Laabs
Landtbrecht Landtbrecht Landbrecht Landbrecht Lambrecht
Loitzin Loitzin Löyssihn,
 Lössin
Lössin Lössin Lössin
Lubbeke Lübbeke Lübbecke Lübbeke,
 Lübke
Lübke Lübke
Moller,
 Möller
Möller Möller Möller Möller Müller
Nieman Nieman,
 Neu-
Niemann,
 Neu-
Niemann,
 Neu-
Niemann Niemann
Oldehaue,
 -hoff
Oldehave,
 Olhaf
Oldhoff,
 Olhoff
Olhoff Olhof,
 Ollhoff
Ollhoff
Pagenkop Pagenkop Pagenkop,
 -pf
Pagenkop Pagenkop Pagenkopf
Placke Placke Placke,
 Plack
Plack Plack Plack
Rham Rham Rhamm Ramm Ramm Ramm
Ribe Rybe Riebe Riebe Riebe Riebe
Ruchel Ruchel Rüchel Rüchel Rüchel Rüchel
Steffen Steffen Steffen Steffen Steffen Steffen
Stekelinck Stekelinck Steckeling Stekeling Steckling Stekling
Timme Timme Timme Timm Timm Timm
Witte Witte Witte Witte Witt Witt

An diesen hier durch dritthalb Jahrhunderte verfolgten Namen zeigt sich

  1. ein allmähliches Schwinden der Form, besonders durch Wegfall eines e, so daß dreisilbige Namen zweisilbig, zweisilbige einsilbig werden (s. Bardenfleth, Bolemann, Lubbecke, Oldehoff, Stekelinck — Arend, Hake, Knolle, Köne, Köpe, Labes, Placke, Timme, Witte);
  2. ein allmählich stärkeres Hervortreten des Umlautes (s. Krossin, Lubbeke, Moller, Ruchel);
  3. ein zum Teil schon früher, zum Teil aber auch sehr später Übergang aus der niederdeutschen in die hochdeutsche Form: Kröger schon ums Jahr 1700 Krüger, dagegen Möller erst seit 1850 Müller — während andere Namen standhaft die niederdeutsche Form behaupten (s. namentlich Ollhoff, Stekling), oder nach einigem Schwanken wenigstens schließlich bei ihr beharren (s. Niemann).

Im ganzen ist die Entwickelung eine naturgemäße, der sprachlichen Entwickelung gleichlaufend; nur zwei Namen weisen eine Entstellung auf: Kressin (st. des richtigeren Krössin) und Bornfleth (st. Bardenfleth, O. im Oldenburgischen).

Beilage 3.
Fremdsprachige Namen in Deutschland.

a) Slawische.

Schon bei der ersten Festsetzung der Familiennamen mischten sich in bedeutendem Maße fremde Sprachelemente ein, und zwar slawische. Als die Hauptmasse der Germanen in der Völkerwanderung nach Westen und Süden zog, wurde der Osten Deutschlands fast ganz entleert, und die aus dem fernen Osteuropa hervordringenden Slawen rückten über Weichsel und Oder in die Lücke ein. Die wenigen Germanen, welche etwa in der ursprünglichen Heimat geblieben, konnten der herandringenden Slawenflut nicht Widerstand leisten, sie mußten sich unterwerfen und verschmolzen mit den neuen Einwanderern. Erst an der Elbe staute sich die Flut, und so füllten seitdem die Slawen in ihren verschiedenen Stämmen den Osten Deutschlands bis zur Elbe und Saale, ja zum Teil noch darüber hinaus. In Mecklenburg saßen die Obotriten, in Brandenburg die Wilzen, Heveller u. a., in Pommern die Pomoren, im Meißnischen die Dalemincier, in Schlesien die Belochrobaten usw. Jahrhunderte lang sah die Elbe auf ihren beiden Ufern ganz verschiedene Völker: links die Deutschen (Sachsen und Thüringer), rechts die Slawen (Wenden), die sich in unaufhörlichen Fehden und Beutezügen bekämpften. Mit den Karolingern begann der Rückschlag; doch erst seit der Hohenstaufenzeit drang die deutsche Nation wieder mit Stetigkeit vor. Im Süden wurde durch die Stiftung des Bistums Bamberg und im Norden durch die Gründung der Nordmark an der untern Elbe die Grundlage gewonnen zu weiterem Vorschreiten. Von da ab mußten die Wenden immer weiter nach Osten zurückweichen, und in jahrhundertelangen blutigen Kämpfen wurden die ausgedehnten Landschaften zwischen Elbe und Oder, sodann zwischen Oder und Weichsel größtenteils dem Deutschtum wiedergewonnen.

So gewaltsam man auch gegen die Wenden verfuhr, es verblieben doch viele in ihrer seit Jahrhunderten eingenommenen Heimat, mischten sich zum Teil mit den Deutschen und wurden allmählich germanisiert, oder wo sie in größerer Masse zusammensaßen, behaupteten sie sogar ihre Volkstümlichkeit, ihre Sprache. So gab es in Hannover ein Wendland (im Lüneburgischen), ebenso in Altenburg, wo die höchst eigentümliche wendische Tracht sich bis zur Stunde erhalten hat; in Westpreußen bilden die Kassuben, in der Lausitz die Sorben noch jetzt bedeutende, wenn auch immer mehr zusammenschmelzende Inseln im germanischen Sprachmeer; Oberschlesien ist überwiegend slawisch, und von Südost dringen die Tschechen in Böhmen wie eine Halbinsel fast bis in die Mitte Deutschlands vor.[98]

Diese ursprüngliche Grundlage des Slawischen auch in längst rückgermanisierten Landschaften bekunden noch jetzt die Ortsnamen, die entweder slawisch oder neudeutsch sind. Alle Städtenamen auf -gard, z. B. Naugard (Nowgorod = Neuenburg), alle Ortsnamen auf -ow, -itz, -in — und deren ist Legion — sind slawisch. Wie eine Sündflut hat sich das Slawentum auf die Spuren unserer Altvordern gelegt.

Daher nun so vielfache slawische Elemente auch in den Familiennamen, besonders des östlichen Deutschland!

Zunächst sind die von slawischen Ortsnamen abgeleiteten FN. hervorzuheben, unter welchen vorschlagen die auf

Doch sind diese nebst vielen mehr vereinzelten Bildungen, wie Balfanz, Laabs (O. Labes), Roggatz, v. Wobĕser, nur bedingt hierher zu ziehen; denn wenn auch die Ortsnamen, welche hier zu Grunde liegen, slawisch sind, so ist doch die Art, wie dieselben mit Ergänzung eines Verhältniswortes oder auch durch einfache Übertragung (s. [Kap. 13]) zu Familiennamen gestempelt werden, nicht slawisch, sondern deutsch, und sie treten also zu den deutschen Familiennamen. (Näheres über diese ganze Namenklasse in dem Namenlexikon unter den Endungen in, itz (witz), ow.)

Nach slawischer Art wird von den Ortsnamen eine Ableitung gebildet mit der Endung ski (häufig im Deutschen sky geschrieben), z. B. Grabowski, „der Mann aus Grabow“, Kaminsky, „der aus Kammin“. So entsprechen sich ferner Lassan — Lassansky, Loschitz — Loschitzki, Poblotz — Poblotzki usw. Nur diese also sind als wirkliche und vollgültige slawische Bezeichnungen anzusehen (wenn auch vielfach in halbdeutscher Schreibung).

Den adligen Namen ist im Deutschen dann noch das von vorgesetzt, welches streng genommen doch nur zu dem Ortsnamen selber paßt: von Gostkowski (O. Gustkow), von Lisiecki (sprich Lisiëtzki), von Zelasinski.

Zu diesen eigentlichen slawischen Bezeichnungen treten nun, ähnlich wie im Deutschen, Personennamen mit ihren mannigfachen Sproßformen:

a) ursprünglich slawische, z. B. die auf -slaw (Ruhm): Mieczyslaw „Schwertruhm“;
b) kirchliche: Pawelek (von Paulus); Piotr (Petrus) nebst Petrik, Pechatschek, Pjatrask u. a.;
c) Amts- und Handwerksnamen: Woita (Schulze), Pahnke (Panek kleiner Herr, Junker), Koschnik (Mäher), Pigorsch (piekarz Bäcker) usw.

In überwiegend deutschen Gegenden sind diese Namen großenteils so umgewandelt, daß sie ein mehr deutsches Gepräge angenommen haben: Mitzlaff, Pawelke,[99] Woith — in überwiegend slawischen bestehen sie in unveränderter slawischer Fassung fort.

b) Littauische.

Littauisch Redende finden sich unter deutscher Herrschaft hauptsächlich nur noch in den nördlichsten Teilen des preußischen Regierungsbezirkes Gumbinnen, nördlich von Insterburg und Pillkallen, doch auch hier vielfach durch deutsche Ansiedelungen unterbrochen. Erst die Spitze nördlich von Tilsit, die alte Landschaft Schalauen, ist überwiegend littauisch, so daß hier die deutschen Orte als Inseln (auf Böckhs Karte gelb im littauischen Blau) erscheinen.

In den Familiennamen tritt der ursprünglich littauische Bestandteil natürlich noch in größerem Maße hervor, da auch in den deutsch gewordenen Gegenden viele Einwohner littauischen Stammes leben und die alten Namen, wenn auch teilweis entstellt, fortführen. Doch macht sich überall das Eindringen des Deutschen bemerklich, und so überwiegen littauische Familiennamen selbst unter der Landbevölkerung nur noch etwa in den Kreisen Heidekrug und Tilsit, halten den deutschen das Gleichgewicht in Memel, Ragnit, Pillkallen, bleiben aber in allen übrigen Kreisen in der Minderzahl.

Unter den littauischen Familiennamen stehen im Vordergrunde die ursprünglich patronymischen Bildungen auf -atis und -aitis (vgl. griech. -είδης, -ιάδης), welche dann auch verkleinernd gebraucht werden — z. B. Baltratis von Baltras (Balthasar), Obramaitis von Obramas (Abraham). Gewöhnlich haben sie die Endung is abgeworfen und erscheinen in der Form at, eit: Peterat (von Peter), Josupeit (Joseph). Am deutlichsten erkennbar sind nach ihrem Sinne die Ableitungen von Vornamen, wie die obigen; doch gibt es auch vielfache Ableitungen von Appellativen, wie Kaprolatis von Kaprolas (Korporal), selbst von deutschen Stämmen: Schneidereit, Schulmeistrat.

Zu ihnen treten die Namen auf ies (i-es): Stachulies, und auf us: Schimkus, welche mit jenen zusammen gegen 80 v. H. der littauischen Familiennamen ausmachen. Dadurch erhält die Namengebung etwas Eintöniges, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß manche dieser Namen, wie Adomaitis, Rodatis, Laugallies recht vollen Klang haben.

Auf ihrer Wanderung nach Westen erleiden diese fremdartig klingenden Namen, von ihrer Heimat abgetrennt, manche Entstellungen: atis wird abgeschwächt in ates (Norekates), Obromeit abgeschliffen in Obermeit, die Endung at erscheint in schlechter Schreibung als adt, ath, aat.

c) Romanische.

1. Französisch. Hier kommen weniger in Betracht die 10000 Wallonen im rheinpreußischen Kreise Malmedy und die im Reichslande Elsaß-Lothringen verbliebenen Franzosen (gegen 250000), als die Hugenotten, welche Ludwig XIV. durch seine Bedrückungen zur Auswanderung veranlaßte. Als derselbe alternd samt seiner Umgebung von leichtsinniger Sittenlosigkeit zu heuchlerischer Frömmigkeit übergegangen war, begann er die Protestanten in seinem Reiche zu verfolgen, um durch ihre gewaltsame Bekehrung sich ein Verdienst im Himmel zu erwerben. Durch Vertreibung und Hinrichtung ihrer Geistlichen, durch Schließen und Niederreißen ihrer Kirchen und Schulen, durch Wegnahme ihrer Kinder, um sie im Katholizismus erziehen zu lassen, suchte er sie zum Abfall von ihrem Glauben zu bringen, sodann durch Entziehung ihrer Gewerbsrechte und ihrer Sitze in den Gerichtshöfen, endlich durch die berüchtigten Dragonaden oder Einlagerungen von Dragonern und andern Soldaten. Schon jetzt wanderten viele Protestanten aus, und als gar durch den Widerruf des Ediktes von Nantes (1685) der Protestantismus in Frankreich für aufgehoben erklärt und auf die Ausübung dieses Kultus Todesstrafe gesetzt ward, verließen nach und nach, trotz strenger Grenzbewachung und Androhung der Galerenstrafe, viele tausend gewerbfleißige Menschen ihr Vaterland und fanden teils in den Niederlanden und in England, teils in Deutschland Aufnahme. Hier war es besonders Friedrich Wilhelm der große Kurfürst, welcher den Flüchtigen (Réfugiés) bereitwillig eine neue Heimat gewährte. Seit 1672 wurden in Brandenburg an 25000 Hugenotten aufgenommen, vorwiegend in den Städten. Daher noch jetzt die französisch-reformierten Gemeinden an vielen Orten in Preußen, z. B. in Berlin, Magdeburg, Stettin u. a., aber auch in Süddeutschland, z. B. Erlangen.

Zu Ende des 18. Jahrhunderts sind in den Stürmen der Revolution auch viele geflüchtet (Emigranten), und wenngleich die meisten später wieder nach Frankreich zurückgekehrt sind, so haben doch auch manche es vorgezogen, in der inzwischen liebgewonnenen neuen Heimat zu verbleiben, wie der Dichter Adalbert von Chamisso (mit vollständigem Namen: Louis Charles Adelaïde de Chamisso de Boncourt, von dem Schlosse B. in der Champagne).

Daher nun häufig französische Namen in Deutschland, wie Palmier, Bétac, du Mesnil, besonders im Heere: Loucadou, de Courbière (der „König von Graudenz“ 1806), Forcade, de la Motte-Fouqué und viele andere, darunter manche berühmte Namen auch von Gelehrten: Savigny, Michelet, Carrière, du Bois-Reymond.

Fast immer sind diese Namen unverändert erhalten, wenn sie auch im Volksmunde manchmal wunderlich entstellt werden: Boitelet in Budlee, Généola in Schellack. Nur in vereinzelten Fällen ist eine Verdeutschung erfolgt; so hat sich Buttmann, der bekannte griechische Grammatiker, aus franz. Boudemont germanisiert.

2. Italienisch. Italiener sind über die Alpen gezogen besonders als Kunsthändler und Konditoren.

Die italienischen Familiennamen enden auf a: Sala, Bonewendura (entstellt aus Bonaventura) — auf o: Delmanzo — meist aber und in großer Einförmigkeit auf i: Bentivegni, Marsegli, Sparagnapani, Bertinetti. Dieses i erklärt sich als Pluralform, „einer aus der Familie so und so“, z. B. der Cittadini, während das Appellativ im Sing. cittadino lautet. —

Ganz vereinzelt erscheinen, damit doch alle Nationalitäten Europas in Deutschland vertreten seien, selbst im Norden, am Gestade der Ostsee madjarische Familiennamen: Böszörmeny, Kedesdy. Ja dem Verf. ist ein Nachkomme eines Kosaken bekannt, mit dem klangvollen Namen Nawitainuk, dessen Nachkommen sich freilich Iwan (russisch = Johann) nennen.

Fußnoten:

[1] Diese werden nicht als Vornamen verwendet. Wenn also ein Name sich auch als Vorname findet (z. B. Kasten), so liegt darin ein Beweis, daß er einer der beiden ersten Schichten angehört.

[2] Ut quisque aliquod optumum genus sereret. Plin. hist. nat. XVIII, 3.

[3] Diesen Charakter des Derb-Massiven, das nicht selten selbst in ästhetische Roheit übergeht, hat man auch sonst in der lateinischen Sprache, zumal in der Dichtersprache, gefunden. Vgl. Frommanns fesselnd geschriebene Studie über die „Verschiedenheit des Geschmackes im poetischen Ausdruck bei lateinischen und deutschen Klassikern“ 1866.

[4] Die nachfolgenden Namen sind hier in der uns geläufigen Form der deutschen Bibel gegeben, von welcher die ursprüngliche hebräische allerdings mitunter stark abweicht, z. B. Jochânân (Johannes), Scha-ûl (Saul).

[5] Wuotan, niederdeutsch Wodan, nordisch Odin, der alles durchdringende Geist, der Gott des überallhin dringenden Sonnenlichtes und des in den Wolken jagenden Sturmwindes, welchem deshalb das windesgleich dahinbrausende Roß heilig ist. Er ist der Kriegs- und Schlachtengott, der die gefallenen Helden um sich sammelt in Walhalla. Auf ihn als Kriegsgott bezieht sich noch jetzt der Auszug des wütenden Heeres, das sturmesgleich hoch durch die Lüfte dahinzieht („wilder Jäger“).

[6] Ein solcher Angriff wird z. B. geschildert im Nibelungenliede Str. 2210 f.:

„Den Schild rückte Wolfhart, ein schneller Degen gut;

Gleich einem wilden Leuen lief er auf ihn an,

Die Schar seiner Freunde ihm jäh zu folgen begann.

Mit weiten Sprüngen setzt’ er bis vor des Saales Wand.“

[7] In der nachfolgenden Übersicht sind die einzelnen Namen in der, soweit erreichbar, ältesten und ursprünglichsten Form aufgeführt, ohne weitere Scheidung der Mundarten, worauf es hier nicht ankommt. Vgl. Abel, Die deutschen Personennamen. Förstemann, Altdeutsches Namenbuch I. Bd.: Personennamen. 1856. Zweite Auflage. 1900.

[8] Nimith eure saxas! ruft bei Nennius hist. Brit. cap. 46 Hengist den Seinen zu. ‚Von den mezzerin also wahsin Wurden sie geheizen Sahsin‘ (Annolied).

[9] Zusammensetzungen mit brunja (Brünne d. h. Panzer) und helm treten erst spät auf, im 6. Jahrh., meist erst seit dem 8. Jahrh.

[10] Lange verwechselt mit Arminius, welches wohl abzuleiten von dem Halbgott Irmino, dem kriegerisch dargestellten Wuotan, vgl. Irmingard und Armengardis; Irminfrid und Armenfred u. a.

[11] Es finden sich wohl Namen, die mit lieb zusammengesetzt sind: Liubgard, mit blid (freundlich, heiter): Bliddrud, mit flat (schön): Albofledis (Elfenschön) — aber sie sind mehr vereinzelt in der Menge. Dagegen kommt nach andern Seiten hin das eigentümlich Weibliche zu entschiedenem Ausdruck. So in den auf Rat hinzielenden Namen. Wie sehr Frauenrat bei den Germanen geehrt und beachtet wurde, beweist die Sitte, daß man erst dann in den Kampf ging, wenn die Weiber durch Los oder Weissagung erklärt hatten, daß eine Schlacht ratsam sei. Man glaubte eben in Priesterinnen und anderen geistig hervorragenden Frauen eine geheimnisvolle, weissagerische Kraft. Daher nun, abgesehen von den Zusammensetzungen mit Rat, die zahlreichen Namen, die von dem Worte run (Geheimnis, Zauber) gebildet sind: Runhild, Friderun (Friedenszauberin), Sigirun (Siegzauberin). Das Schaffen des Weibes im geschlossenen häuslichen Kreise heben die Namen auf gard hervor, wie Adalgard, Irmingard, das Bergen (schützen, bewahren) die auf birga (berga) und burg, die sämtlich weiblich sind: Amalabirga, Dietberga, Sigiburg, Waltburgis.

[12] Im Deutschen sind sie es fast ausnahmslos, da auch die einfach scheinenden Namen meist Kürzungen aus zusammengesetzten sind. Eine ganz sichere Ausnahme bilden nur einige partizipiale Formen, wie Wigand, Heiland.

[13] Es sind diese altdeutschen Personennamen eine Saat, die über die ganze europäische Welt ausgestreut ist. Denn den romanischen Völkern haben sich später auch die Slawen und die Madjaren angeschlossen, so daß jetzt bei allen christlichen Nationen Europas und Amerikas diese altdeutschen Namen, wenn auch mannigfach umgewandelt und zum Teil entstellt, sich wiederfinden, zunächst als Vornamen (s. die reichhaltige Zusammenstellung von Michaelis: Vergleichendes Wörterbuch der gebräuchlichsten Taufnamen. Berlin 1856) — aber auch, wenigstens bei den Romanen, als Familiennamen, z. B. bei den Franzosen: Bertrand (Berhtrand), Arnaud (Arnold), Gautier (Walter), Guéroult (Gerold), Regnier (Reginher, Reiner), Baudouin (Balduin), Thibaut (Theobald); bei den Italienern Gualtieri (Walter), Garibaldi (Garibald), Ruggiero (Rüdiger), Sismondi (Sigismund).

[14] Abel, Personennamen, S. 44 f.

[15] Strackerjan, Die jeverländischen Personennamen. Dergleichen Kürzungen finden sich noch jetzt in Mundarten häufig, mit der vollen Endung o besonders im Friesischen: Edo, Ecko, Luddo, Willo, s. Allmers, Marschenbuch, Land- und Volksbilder aus den Marschen der Weser und Elbe 1861, S. 139, wo ein Verzeichnis von 30 solcher Vornamen gegeben wird, bei denen freilich o jetzt auch schon meist in das klanglose e abgeschwächt ist, wie in den norddeutschen Formen Ede (Eduard), Lude (Ludwig). — Der umgekehrte Fall, daß nämlich eine Kürzung im Anlaut eintritt, ist selten und dann wohl durch besondere Einflüsse, namentlich fremder Sprachen, zu erklären. So Prandus aus Rotprandus (Stark, Die Kosenamen der Germanen, S. 13), Role für Karl aus der latinisierten Form Carôlus.

[16] Nach Starks Beobachtungen (S. 52 ff.) sind die ältesten Verkleinerungsformen die auf i, demnächst die mit l (nachweislich aus dem 1. Jahrh. nach Christo), während solche mit k erst seit dem 4. Jahrh. auftreten. Alle drei Formen waren bei den gotischen Stämmen sehr beliebt; Sachsen und Friesen dagegen verwendeten vorzugsweise k, selten t (entsprechend dem ahd. z). Bei den oberdeutschen Stämmen erscheinen Deminutiva mit l in überwiegender Zahl, seltener solche mit z (in sicheren Belegen erst seit dem 8. Jahrh.). Nur sparsam, und zwar erst vom 7. Jahrh. an, finden sich Deminutiva mit ch; sie sind wahrscheinlich niederdeutschem Einfluß zuzuschreiben, der z. T. durch Kolonisation hervorgerufen ist. L und k können jede Stelle einnehmen, z scheint auf die erste beschränkt zu sein.

[17] Gewöhnl. „Koseformen“, eine Benennung, die Steub in seinen „Oberdeutschen Familiennamen“ S. 34 mit Recht als etwas „budoirmäßig“ klingend tadelt und für die er „Schmeichelform“ vorschlägt. Im Gegensatze zu ihnen werden die unverkürzten Namen wie Godberaht, Sigbert Vollnamen genannt.

[18] Pauli, Über Familiennamen, insbes. die von Münden. Progr. I, S. 8 f.

[19] Abel S. 45–48. — Becker, Die deutschen Geschlechtsnamen, ihre Entstehung und Bildung. Programm der Gewerbeschule zu Basel. S. 17 f.

[20] Übrigens wurden auch Träger alter deutscher Namen zu Heiligen gestempelt, und dadurch wurde der Erhaltung dieser Namen selbst Vorschub getan. Solche Heiligennamen weisen die Kalender in großer Zahl nach, z. B. Alfons, Gottschalk, Hildebrand, Hubert (Patron der Jäger), Otto, Wilibald u. a. m.

[21] Förstemann, Über die Bildung der Familiennamen in Nordhausen im 13. und 14. Jahrhundert, Progr. S. 4.

[22] Klempin, Diplomatische Beiträge zur Geschichte Pommerns aus der Zeit Bogislaws X. 1859. Zur Veranschaulichung setzen wir ein Verzeichnis der „Praepositi, Dhumpraueste“ des Bistums Kammin her:

So ist im allgemeinen der Gang. Genaueres über einzelne Landschaften findet man unter anderen bei Kleemann, Die Familiennamen Quedlinburgs und der Umgegend, S. 3. — Wenn wir die Alpen übersteigen, finden wir Familiennamen allerdings viel früher in den italienischen Städten, in denen sie sich, während sie bei uns im 12. Jahrhundert erst im Entstehen sind, bereits seit langen Jahren ganz verbreitet zeigen. Die ersten Spuren finden sich in Venedig, wo schon im 9. Jahrhundert eine Familie Particiaco begegnet: 809 Angelo P., 829 Justiniano P., 864 Urso P., 881 Johannes Particiaco. Hier erbt also der Name Particiaco, ursprünglich der Beiname einer einzigen Person, in dem Geschlechte fort.

[23] Allmers in seinem „Marschenbuch“ bemerkt auf Seite 140 f.: „Eigentliche Familiennamen waren bei den Friesen selbst noch bis ins vorige Jahrhundert selten. Der Sohn erhielt zu dem Vornamen seines Vaters nur noch einen eigenen Taufnamen, wie es noch jetzt auf vielen friesischen Inseln Gebrauch ist. Hieß z. B. der Vater Eke Lübs und man taufte seinen Sohn Siade, so hieß dieser Siade Eks, und der Enkel, wenn er nach dem Großvater Lübbe genannt wurde, Lübbe Siads oder Eke Lübbe Siads. Das angehängte s ist nichts weiter als Bezeichnung des Genetivs. — Man kann leicht ermessen, welche bunte Verwirrung solche Sitte zur Folge haben mußte, und wie ganz besonders, wo es wichtige Erbschaftsangelegenheiten betraf, bei denen oft weitläuftige Namenregister in betracht gezogen werden mußten, die unlösbarsten Verwickelungen oft endlose Prozesse herbeiführten. Früher oder später machte daher in den verschiedenen Marschen ein Gesetz, wonach jede Familie einen festen Namen annehmen mußte, diesem Unwesen ein Ende, welches in manchen Gegenden bis ins letzte Jahrhundert fortdauerte und auf den Inseln sogar heute noch angetroffen wird. Denn wenn auch alle Friesen nunmehr Familiennamen angenommen haben, so betrachten sie, wenigstens die Landbevölkerung, dieselben als unnütze Anhängsel, die nur vor Gericht und bei ähnlichen Gelegenheiten erforderlich sind.“

Im Osnabrückischen haftet noch jetzt der Name in den Bauerschaften weniger an der Person als am Hofe. Wenn z. B. Müller zu B. auf den Hof Meyer zu N. heiratet, heißt er selbst Meyer zu N., nicht mehr Müller, höchstens Meyer geb. Müller. Wenn Kinder oder Kindeskinder vom Hofe ziehen, werden sie sich in der Regel Meyer, selten Müller nennen. (Fr. Meyer, Der Name Meyer, S. 8.) Ähnliches bezeugt für die lippischen Familiennamen O. Preuß. 1864.

[24] Stark, Kosenamen, S. 154. 156.

[25] Bemerkenswert ist, daß ja auch Luther vielfältig in der Bibelübersetzung die Eigennamen unverändert, statt im Gen., beifügt, z. B. Kinder Korah, Tochter Zion, Sohn Isai.

[26] Infolge des häufigen Gebrauches ist aber die ursprüngliche Bedeutung dieser Zusammensetzungselemente allmählich sehr verblaßt, so daß sie teilweise zu bloßen fast bedeutungsleeren Endungen herabgesunken sind.

[27] Die rein vokalische Verkleinerungsform i ([S. 23]) findet sich jetzt nur noch in der Schweiz: Burcki, Fritschi, Hochuli, Welti.

[28] Wie Luther „Wörtlin“ u. a. und noch Fischart in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts: „Er hat ein hölzins Röcklin an.“ Daß übrigens die Endung hier in den Eigennamen nicht den Ton hat, ist selbstverständlich, also Rümelin (–́ ᴗ –).

[29] Daß „Fritz“ als Rufname für Friedrich auch in Niederdeutschland so allgemein verbreitet ist, erklärt sich durch die Verpflanzung der Hohenzollern nach Brandenburg, deren Ahnherr, der Burggraf Friedrich von Nürnberg, im Jahre 1411 von dem Kaiser Sigismund in die Marken eingesetzt wurde. Jedoch finden sich einzelne Formen mit z auch schon früh in niederdeutschen Urkunden: Hence (= Henze) und Hinze mehrfach in Urkunden der Stadt Lübeck 13. Jahrh., Thiezo, Winizo, Reinzo und einige andere in der Frekenhorster Heberolle, so daß man mit Lübben, Die Thiernamen im Reineke Vos S. 48, wohl hochdeutschen Einfluß hier einräumen muß; ebenso bei der Verbindung des z mit k, wie in Tieziko, Meinziko, Raziko, die eigentlich Zwitter sind.

[30] Henricus dictus Arnoltz (= Arnolds), Berchtoldus Marchwardi u. a. in Urkunden; deutsch Henning Markwardes (wie Darius Hystaspis).

[31] Ruprecht, Die deutschen Patronymica, nachgewiesen an der ostfries. Mundart. Programm S. 14.

[32] Wir finden sie auch bei den Schweden (Torstenson), Norwegern (Björnson), Dänen (Thorwaldsen), Isländern (Sturluson), Engländern (Wilson, Robinson, Thomson). Im Schottischen entsprechen die Namen mit Mac (M’): Mac Gregor (Sohn des Gr.), Macdonald; im Irischen die mit O: O’Connel.

[33] Becker S. 15. Reichel, Die deutschen Geschlechtsnamen. Marburg (Steiermark). Programm. Auch in den Lippischen Familiennamen erscheint als häufig gebrauchte Patronymikalform neben -ing die Silbe -er, vermittelt durch die Kolonatsnamen, die, vom ersten Besitzer entlehnt, an dem Grundstück haften blieben und auf die Nachfolger übergingen, z. B. in Hakedahl: 1488 Henke Druden, 1523 Henke Druding, 1538 de (= der) Drudener — jetzt Drüner. Während man aber bei „Henke Druding“ noch eher an den Sohn der Drude dachte, hat „der Drudener“ schon mehr den Begriff des Inhabers des Hofes der Drudings und damit den eines Repräsentanten der Familie angenommen. (O. Preuß, Die Lippischen Familiennamen S. 15 f.)

[34] Vgl. Johannes Vorn Hesen 1530 (d. i. Frauen Hedwig Sohn); Gisilbertus, filius Odilie 1036; Rudolf et Ulrich filii Adelheidis 1149.

[35] Auf süddeutschen Schulen sogar Hómer, Hóraz, Vírgil.

[36] Vgl. W. Wackernagel, Die Umdeutschung fremder Wörter. 2. Ausg. 1863. S. 32 ff., 36 f.

[37] Die Scheidung nach den Mundarten ist hier schwierig und nicht immer streng durchzuführen. So findet sich Nickel, welches Vilmar, Namenbüchlein S. 6 als hochdeutsch bezeichnet, auch im Niederdeutschen, hinwieder Klas (wovon Klasl) auch im Oberdeutschen (Bayrischen). Jochen, wie nach Vilmar der Hochdeutsche den Namen Joachim abkürzen soll, ist dem pommerschen Landmann die gewohnte Form.

[38] Hieronymus: in Sachsen Gruner, in Holstein Harms, in der Schweiz Ronus, Rones, Roni, Muss, Müssi, in Hessen Grolmann (nach Becker S. 19). Am wenigsten hat sich von der ursprünglichen Form entfernt der Name Kronymus, den Fröhner aus Karlsruhe anführt.

[39] Vgl. das Mittelhochdeutsche, wo die lateinische Endung us bei Namen regelmäßig in es abgeschwächt wird: Philippes; auch Liborius und Liborghes als Vornamen bei Klempin.

[40] Pauli I. S. 11: „In meiner Vaterstadt wurden die Kinder des Konrektors sowie die des Kantors nicht mit ihren Familiennamen Richter, Müller bezeichnet, sondern fast ausschließlich als Minna Konrektorn, Julius Kantor usw.“

[41] Diese Namen, die Pauli aus Hannover und Ostfriesland beibringt, beruhen auf der Einwirkung des Holländischen, wo noch häufig das de erscheint; man denke an de Ruyter, de Vrient (Devrient) u. a.

[42] Zum Teil mögen sie auch von Wirtshausschildern entlehnt sein.

[43] Aus älterer Zeit (niederdeutsch): Musekensteker (Mäuschenstecher), Duvendriver (Taubentreiber).

[44] An Scherzen über diese Namen, insbesondere über Schulze und Müller, hat es nicht gefehlt. Angeblich lebten im Jahre 1880 30000 Schulzes innerhalb des Zollvereins. Lustspiele sind auf der Häufigkeit dieses Namens erbaut worden, ebenso wie auf der Verwechselung von Müller und Miller. — Um diese vielen Namensvettern zu unterscheiden, hat der Volksmund zu allerhand Zusammensetzungen seine Zuflucht genommen: Sünden-Müller (bedeutender Theolog, dessen Hauptschrift „Die Lehre von der Sünde“ ist), Linden-Müller (ein Berliner Volksredner aus dem J. 1848, der seine Vorträge „Unter den Linden“ hielt). Flausch-Müller (ein nach seinem Rocke benannter Student); Blut-Schulze (der Physiolog), Graupen-Schulze (ein Berliner Kaufmann), Theater-Schulze usw.

[45] Von diesen ist jedoch ein guter Teil als nicht hergehörig auszuscheiden, da sie (nach Steub, Oberd. Familiennamen S. 148) Ableitungen von Ortsnamen sind auf heim, oberbayr. ham: Mooshammer = Moosheimer, Forchhammer. Überhaupt ist bei dieser Klasse Vorsicht vonnöten, insofern viele Namen nur scheinbar hierher gehören, in Wahrheit aber auf andere Quellen, namentlich auf Personennamen zurückgehen, z. B. Rost (auch althochd. Rusto, der Gerüstete), Kasten (st. Karsten) auf Christian.

[46] Johann Rickweg, Zimmermann und kühner Schmuggler, der 1813 im Lande Wursten durch seine feurige Beredsamkeit einen Aufstand gegen die Franzosen zu stande brachte, wurde nach seiner beständigen grünen Kleidung im Volke nur Jan Grön genannt (Allmers, Marschenbuch S. 228).

[47] Bekannt ist aus Coopers amerikanischen Romanen der „Lederstrumpf“, so benannt von den Moccasins, die dieser alte Jäger nach indianischer Sitte zu tragen pflegte. Wie leicht sich solche Benennungen noch jetzt bilden, möge das Beispiel jenes Kapitäns Dilger beweisen, der, ursprünglich preußischer Artillerieoffizier, 1864 nach Amerika ging und als Befehlshaber einer Batterie in das Heer der Nordstaaten trat, wo er sich durch Kühnheit und Ausdauer hervortat und unter dem Spitznamen „Lederhose“ jedem Offizier und Soldaten bekannt war. „Während des Kampfes stand er immer da in Hemdärmeln und seinen glatt anliegenden Hosen von Hirschleder.“

[48] Schon im J. 905 in Verona ein „Johannes, qui alio nomine Braccacurta vocitabatur“.

[49] Rud. Schultze, Die Modenarrheiten. Ein Spiegelbild der Zeiten und Sitten für das deutsche Volk. 1868.

[50] Nicht aber Reichwein, Trautwein u. a., die mit dem alten win (nicht wîn) „Freund“ zusammengesetzt sind. Auch Altwein und Gutwein sind schon zweifelhaft wegen altdeutsch Aldwin und Godwin.

[51] Z. B. wird im „Renner“ des Hugo v. Trimberg „ein wol begozzen wecke“ als Leckerbissen genannt.

[52] Wie sehr das Mittelalter zu Spott und Satire aufgelegt war, geht unter anderem daraus hervor, daß fast jede Landschaft ihr Schöppenstedt oder Schilda hatte und daß die Bewohner gar mancher Landschaft oder Stadt Beinamen führten. So hießen (und heißen) beispielsweise die Illzacher im Elsaß „Mondfänger“, die zwischen Ill und Rhein Wohnenden „Rheinschnaken“, die Schlesier „Eselsfresser“ — in Pommern die Wolliner „Stintköppe“ und die Kamminer „Flunnerköppe“ (nicht „Plunderköppe“, wie Riehl angibt), wegen der vielen dort gefangenen Stinte und Flundern.

[53] Den Übergang stellen unter anderem in friesischen Urkunden dar die Namenformen Kersten rike neben K. de rike, Floreke witte neben F. de witte. Im Holländischen ist der Artikel geblieben: de Grote, de Jonghe, de Wit; ähnlich im Französischen: Lebeau, Legrand, Lejeune.

[54] Ferner in Urkunden: Marquart der Hunt, 12. Jahrh. Gislebertus pro sua proceritate cognominatus Grus (Kranich); Hugo de Wenden dictus Aries (Widder); Hugo Coturnix (Wachtel).

[55] Doch ist bei Bacmeister, Germanistische Kleinigkeiten S. 36 aus alten Urkunden angeführt: Heneke mit dem dumen 1373 Braunschw., Liebhard mit der Hand 1383 Augsb., auch Fridericus Mittemmunde 1190; bei Trötscher (Die ältesten Egerer FN.): Chunrat mit der prust, Endres mit dem part — Zusätze, die doch wohl so zu verstehen sind, daß die genannten Körperteile wegen irgend einer Eigentümlichkeit auffallend waren. Auch ist zu vergleichen aus der Sage: Bertha mit dem Fuße = B. mit dem großen F., altfranz. Berthe as grands piés.

[56] Aus Urkunden des 11.-15. Jahrh. führt Stark S. 153 an: Everhardus der Spizebart, Jacobus langenase, Hartwig Churzhals — desgl. Reichel aus Marburger Urkunden: Jacob de Chrafuez (Krähenfuß), Heinrich Krumnas. — Becker aus Köln 13. Jahrh.: Buntebart, Gobelin dictus Hardevust; Hans Schweinerüssel (16. Jahrh.).

[57] In Pasewalk heißt ein alter Wartturm noch jetzt Kiekindemark, desgl. ein Hof in Mecklenburg.

[58] Wendehals, Streckfuß und ähnliche Bezeichnungen bedeuteten ursprünglich so viel als ein Hals zum Wenden, ein Fuß zum Strecken (wie Lockvogel „ein Vogel zum Locken“, Gießkanne „eine Kanne zum Gießen“). Diese wurden später umgedeutet, man sah in dem ersten Gliede einen Imperativ, und so entstanden die imperativischen Namen. Wie kann man aber dazu aufgefordert werden, den Frieden zu stören, nicht gut zu tun usw.? Die imperativische Bedeutung rechtfertigt sich dadurch, daß dem, an welchem eine Eigenschaft oder Gewohnheit haftet, gleichsam zugerufen wird, das zu tun, was er ohnehin und immer tut, und was man an ihm wahrzunehmen gewohnt ist. Ein Friedensstörer, einer der nicht gut tut, wird ironisch aufgefordert zu tun, was er doch nicht läßt, und so erhält er den Namen Störenfried, Tunichtgut. Findet eine solche Aufforderung doch auch in Wirklichkeit öfters statt. Unvorsichtigen und Leichtsinnigen hört man im täglichen Leben zurufen: Schneide dich! Fall herunter und brich den Hals! Trotzigen: Ja trotze noch! (S. Andresen, Imperativnamen. Archiv für neuere Sprachen, Bd. XLIII, S. 296).

[59] Anderseits sind freilich auch manche in Vilmars Verzeichnis als nicht hierher gehörig zu streichen, wie Baldauf, Gangauf, die richtiger als Ableitungen altdeutscher Personennamen (Baldolf, Gangolf) gefaßt werden; Richzenhain, Rollenhagen, Stemshorn, die ursprünglich Ortsnamen sind und daher in die folgende Klasse c) gehören. Auch Andresen beachtet das Hereinspielen der Ortsnamen nicht immer genügend.

[60] Eine hübsche Illustration zu den letztaufgeführten Namen bietet jene höchst bezeichnende plattdeutsche Grabschrift eines mecklenburgischen Junkers in der Kirche zu Dobberan:

Wiek, Düwel, wiek wiet van my!

Ick scher my nich en Haar um dy;

Ick bin en Meckelbörgsch Edelmann,

Wat geit dy, Düwel, min Supen an?

Ick sup mit mim Herrn Jesu Christ,

Wenn du Düwel ewig dösten müst;

Ick sup mit em ne söte Kolleschal,

Wenn du sittst in de Höllenqual.

Drum rad ick: wiek, lop, renn un gah,

Eh, by dem Düwel! ick toschlah!

[61] Becker, Geschlechtsnamen S. 6. — Vilmar, Namenbüchlein S. 15.

[62] „Von Würzeburc ich Kuonrât“ im „Otto mit dem Barte“, Z. 760.

[63] Becker stellt mehrere Reihen alter Namen dieser Art zusammen, aus Köln (12. Jahrh.) die Geschlechter: vom Neumarkt, de Monticulo (vom Bühel); aus Zürich: zer Linden, im Hof, am Thor; vom Lande aus der Umgegend des Vierwaldstätter Sees: in der Ouwe (Aue), in der Matta, bim Schechen, ze dem Brunnen u. a. — Pott führt aus Ehrentrauts friesischem Archive Bd. I H. 3 an: Wilken thom dyke, Oltman bi der muren, eylerd mank den schuren u. a.; aber auch schon ohne Verhältniswort: Robeke bakhus, borcherd netelhorst, Godeke stengrauen. — Aus der Kölner Universitätsmatrikel (15. Jahrh.) füge ich hinzu: Henricus in der sunnen, Henricus super lapidem, Everhardus uff dem Velde, Conradus van der Lynden.

[64] Anderer Art, wenn auch ähnlichen Sinnes sind die Zusammensetzungen mit Mann: Grundmann, Lehmann, Buschmann, Horstmann, Gampmann.

[65] Das Verhältnis der Familiennamen zu den Ortsnamen und das bedeutende Hereinspielen der letzteren ist von manchen nicht genügend in Betracht gezogen worden, namentlich nicht von Vilmar, der, zu sehr nach dem äußeren Schein und Klang urteilend, viele Namen falsch einreiht. So stellt er Schönaich, Staudach unter die Pflanzen, berücksichtigt bei Baum und Horn nicht, daß diese einfach oder als zweiter Teil der Zusammensetzung häufig als Ortsnamen vorkommen usw.

[66] Stark S. 156: Rudolfus Strubingar (Straubinger) 12. Jahrh.; Heinrich der Wiener 14. Jahrh. — Henricus dictus Mijssener (Meißner) Köln. Univ.-Matrikel 1390.

[67] In Klempins Pommerschen Namenverzeichnissen aus dem Ende des 15. Jahrh. findet sich kein einziger Name dieser Art, immer ist die Ortsbenennung unverändert, mit verhältniswörtlicher Ellipse, verwendet: Arnstorp, Paswalck, Rosendal, Schenkenbergh usw.

[68] Kleemann (Die Familiennamen Quedlinburgs und der Umgegend S. 167) zählt in der großen Feldmark von Quedlinburg 15 ehemalige, jetzt verschwundene Dörfer auf.

[69] Z. B. Opitz von Boberfeld, Hoffmann von Hoffmannswaldau. Auch Abstrakta wurden und werden verwendet wie: Löllhöfel von Löwensprung, Adler von Adlerskampf, Riebel von Festertreu, Tengg von Lanzensieg.

[70] Daß in noch früherer Zeit auch die Waffen der Helden, namentlich die Schwerter Namen hatten (Altekläre = hoher Glanz, Preciosa, Angurwadel), ist aus den Epen des Mittelalters bekannt.

[71] Ähnlich war es in England noch zu Ende des 17. Jahrhunderts: „Die Häuser (in London) waren nicht numeriert. Es würde in der Tat von geringem Nutzen gewesen sein sie zu numerieren; denn von den Kutschern, Sänftenträgern, Lastträgern und Laufburschen Londons konnte nur ein sehr kleiner Teil lesen. Es war nötig, Zeichen zu gebrauchen, die der Unwissendste verstehen konnte. Die Läden unterschieden sich daher durch gemalte Zeichen, welche der Straße ein heiteres und groteskes Ansehen gaben. Der Weg von Charingcross nach Whitechapel ging durch eine unendliche Folge von Sarazenenköpfen, Königseichen, blauen Bären und goldenen Lämmern, welche verschwanden, wie sie nicht mehr als Leitfaden der gemeinen Leute nötig waren.“ (Macaulay, Gesch. Englands seit dem Regierungsantritt Jakobs II., Bd. 2 in dem Kapitel: Zustand Englands im Jahre 1685.)

[72] Schiller im Tell I, 2 von Stauffachers Hause:

„Mit bunten Wappenschildern ist’s bemalt

Und weisen Sprüchen.“

[73] Man vergleiche schwedische Namen wie von Tigerström (ein Strom, an dem Tiger hausen, in Skandinavien!), Gyllenstorm (goldner Sturm) u. a. — auch die jüdischen Familiennamen (s. weiterhin).

[74] Urspr. bloßer Koch, aber anmaßlicherweise eingedrungen in die römische Gens Cocceja (Pott).

[75] Friedrich der Große hat gelegentlich darüber seinen Spott ausgegossen, siehe den Bericht über seinen Besuch im Rhin- und Dossebruch (1779), verfaßt vom Oberamtmann Fromme, welcher den König durch den Fehrbelliner Amtsbezirk begleiten mußte und alles aufgezeichnet hat, was er an diesem denkwürdigen Tage erlebt und aus des Königs Munde vernommen.

König: Wie heißt Ihr?

Amtsrat (des Amtes Neustadt): Klausius.

König: Klau-si-us. — — Was ist das für ein Mensch, der da rechts?

Fromme: Der Bauinspektor Menzelius, der hier die Bauten in Aufsicht gehabt hat.

König: Bin ich hier in Rom? Es sind ja lauter lateinische Namen! — — Wie heißt die Kolonie?

Fromme: Klausiushof.

Amtsrat: Ihre Majestät, sie kann auch Klaushof heißen.

König: Sie heißt Klau-si-ushof. Wie heißt da die andere Kolonie?

Fromme: Brenkenhof.

König: So heißt sie nicht.

Fromme: Ja, Ihro Majestät! Ich weiß es nicht anders!

König: Sie heißt Brenkenhofi-ushof.

[76] Im Segen Jakobs (1. Mos. 49) wird Juda ein junger Löwe, Naphthali ein Hirsch, Benjamin ein Wolf genannt. Der Adler ist ein Bild sich erneuender Jugend (Ps. 103,5 u. a.).

[77] Gold, Golde, Feingold, Goldader, Goldbach, Goldbaum, Goldberger, Goldenberg, Goldenkranz, Goldfaden, Goldfarb, Goldfinger, Goldmann, Goldmark, Goldreich, Goldstein, Goldstrom, Goldtreu, Goldziher usw.

[78] Bemerkenswert ist es, daß die Frau auch wohl den Vornamen des Mannes mit annimmt: Esther Salomon Gottschalk, Bertha Philipp Freundlich — es ist eben die Firma, die so selbst noch auf den Grabsteinen prangt.

[79] Andree, Zur Volkskunde der Juden. S. 125 ff.

[80] Früher beseelte die Deutschen ein stolzes Selbstgefühl, über welches als die „Teutonicis innata superbia“ Schriftsteller anderer Nationen klagen. „Seit jenem unseligen Kriege,“ ruft Gfrörer bitter aus, „sind die Deutschen ein Volk von Bedienten geworden!“

„Ich bin Franzos!“ „Engländer!“ „Ich Russe!“ — Und Sie, mein Verehrter?

„Schulze aus Meiningen, Herr! Dero ergebener Knecht!“ (Xenien der Gegenwart.)

[81] Schon lange vor dem letzten Kriege.

[82] Diese lächerlichen Schreibungen finden ein Gegenstück nur in den Entstellungen deutscher Namen auf Häuserschildern in Metz (vor 1870): Chemit (Schmidt), Quoinze (Kuntz), Choultse (Schulze) u. a. — Über die Polonisierungen früherer Jahrhunderte spricht Winckler, „Die Nationalitäten Pommerellens“ S. 4 f., welcher dort ein Verzeichnis der während der polnischen Herrschaft polonisierten Adelsgeschlechter gibt. So wurde aus Ahlebeck gemacht Alebitzki, aus Behme — Bem, aus Hutten — Ozapski, aus Kochenstein Kochanski, aus Schönborn — Szumborski usw. Noch häufiger jedoch wurde den deutschen ein polnischer, vom Besitz entlehnter Name hinzugefügt, so daß nun diese merkwürdigen Zwitter entstanden wie Stein von Kaminski, Otterfeld-Rybinski. Doch diese Maskierungen werden durch den Druck der mehr als dreihundertjährigen polnischen Gewaltherrschaft in Westpreußen einigermaßen entschuldigt. Welche Entschuldigung aber haben diejenigen, die in der Gegenwart unter einer deutschen Regierung ihre Nationalität verleugnen und mit den Feinden des Vaterlandes gemeinsame Sache machen?

[83] Rüstow in seinen „Erinnerungen aus dem italienischen Feldzuge von 1860“: „Die ungarische Legion bestand aus allen Nationen; besonders waren auch viele Norddeutsche darin. Die deutschen Offiziere in derselben hatten sich ungarische Namen gegeben“ — wozu das Magazin für Literatur des Auslandes (1862, Nr. 7) bemerkt: „Es ist wirklich rührend und für jeden echten Deutschen erhebend. Man möchte glauben, wenn einmal ein Freiheitskrieg der Kongoneger ausbricht, und deutsche Landsknechte dahin kommen, so lassen sie sich, abgesehen von den schwarzen Namen, die sie natürlich annehmen, mit echtem Kienruß färben, um den Negern ihre Farbe und Nationalität nicht mißliebig zu machen.“

[84] Bernhardi, Sprachkarte von Deutschland. — Kiepert, Völker- und Sprachenkarte von Deutschland und den Nachbarländern. — Ders. Völker- und Sprachenkarte von Österreich. — Perthes’ Alldeutscher Atlas. Bearbeitet von Langhans 1900.

[85] Nach der üblichen geographischen Zweiteilung des deutschen Landes.

[86] Ein Beispiel dieser sehr abweichenden Mundart ist das saterländische „Skippers sankje“ (Schiffers Gesang), mitgeteilt von Poppe, Globus 1872 Nr. 12. Daß übrigens in diesem ganzen Kapitel nur die Landbevölkerung in Betracht kommen konnte, ist wohl selbstverständlich.

[87] Westlich durch die niederrheinische Landschaft (besonders Reg.-Bez. Düsseldorf) wenn auch in stark verminderter Menge.

[88] In Mecklenburg auch Kröger, Köster, Schriewer.

[89] Damit sind die Familien noch nicht als urspr. wendisch gekennzeichnet. Der Name besagt ja nur, daß der Ahnherr des Geschlechtes aus dem bezügl. Orte stammte; er kann also sehr wohl und wird in Wirklichkeit meistens deutscher Abkunft gewesen sein.

[90] Aus -ek entwickelte sich -ke, wie in Pawelke aus Pawelek, Mardschinke aus Marcinek. In andern Fällen wurden volle Vokale (a, i) abgeschwächt, wie in Jütersonke aus Jutrzenka, Palbitzke aus -ki. Dadurch haben die Namen auf ke, aus mehreren Quellen fließend, solchen Zuwachs erhalten, daß sie in Hinterpommern (etwa 15 v. H.) dreimal so zahlreich als in Vorpommern sind.

[91] Die altdeutschen Vollnamen und ihre ein- oder zweistämmigen Kürzungen ohne Verkleinerungssuffix, welche die allgemeine Grundlage auch hier bilden, werden nicht weiter hervorgehoben. Nur die Eigentümlichkeiten der einzelnen Landschaften sollen hier möglichst ins Licht gestellt werden.

[92] Im Luxemburgischen bisweilen in französischer Schreibung: Bouchholzer, Bourggraff, BrandenbourgNitschké.

[93] Fast immer in dieser einfachsten Schreibung.

[94] Für Bayern fehlten mir leider die ausreichenden Unterlagen — ebenso wie für Elsaß-Lothringen, die deutschen Teile von Österreich-Ungarn und der Schweiz.

[95] Hier ragt ja auch das Polnische in die Provinz herein.

[96] Anderseits begegnen auch viele deutsche Namen (bis zu 25 v. H.) in den überwiegend polnischen Kreisen.

[97] Zusammengestellt nach den Kirchenbüchern der Gemeinde Wachholzhagen (Kreis Greifenberg, Pommern), die in den Konfirmanden-Verzeichnissen bis 1586, im übrigen bis 1619 zurückgehen.

[98] Kiepert, Völker- und Sprachenkarte von Deutschland und den Nachbarländern. — Rich. Böckh, Sprachkarte vom preußischen Staate nach den Zählungsaufnahmen vom Jahre 1861, im Auftrage des Königl. statistischen Bureaus bearbeitet.

[99] An dieser Stelle fließen Slawisch und Deutsch teilweis zusammen und es ist keine strenge Grenze zu ziehen, da manche Namen auf ke sowohl deutschen als slawischen Ursprunges sein können, z. B. Janke deutsche Verkleinerungsform von Johannes und auch slawische, durch Janek vermittelt.

II.
Namen-Lexikon.