6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum Gesetz und zum Staat.

Jesus hat sich weder für noch gegen das Gesetz ausgesprochen. Er erkannte es einfach als etwas Bestehendes an, ohne sich daran zu binden. Zu einer prinzipiellen Stellungnahme, ob es verbindlich oder nicht verbindlich sei, fühlte er keine Nötigung. Diese Frage war für ihn gegenstandslos. Auf die neue Sittlichkeit, nicht auf das Gesetz kam es an. Heilig und unverletzlich war ihm dieses Gesetz, sofern es den Weg zur neuen Sittlichkeit wies. Aber damit hob es sich selbst auf; denn in dem Reich, das auf Grund der neuen Sittlichkeit in Erscheinung trat, war es abgethan, da der Vollendungszustand übergesetzlich und überethisch war. Bis dahin bestand es zu Recht. Ob das Gesetz auch für seine Anhänger in Zukunft gelten sollte, diese Frage existierte für ihn nicht, sondern erst die Geschichte hat sie der ersten Gemeinde gestellt.

Mit dem Staat verhielt es sich ebenso. Die Frage, die man ihm in den jerusalemitischen Tagen stellte, war für ihn gegenstandslos. Als er den Pharisäern auf ihre Frage antwortete, ob man dem Kaiser den Zins geben sollte, dachte er nicht daran, seine und seiner Anhänger Stellung zum Staat festzulegen. Wie konnte man sich nur mit solchen Dingen aufhalten! Der Staat war ja irdisches, also ungöttliches Herrschen. Sein Bestand reichte also nur bis zur anbrechenden Gottesherrschaft. Da diese nahe bevorstand, was brauchte man sich entscheiden, ob man der Weltmacht tributpflichtig sein wollte oder nicht? Man liess sie eben über sich ergehen; ihr Ende war ja da. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist (Mk 12 17) — dieses Wort ist mit einer souveränen Ironie gesprochen gegen die Pharisäer, die so wenig die Zeichen der Zeit verstehen, dass das noch eine Frage für sie bildet. Sie sind gerade so thöricht in den Sachen des Reiches Gottes, wie die Sadducäer mit ihrer Vexierfrage, welchem Gatten das siebenmal verheiratete Weib bei der Auferstehung gehören wird, denn auch sie lassen eines ausser Berechnung: die Macht Gottes (Mk 12 24).