I.
Wie heller Glockenton am stillen Sonntagsmorgen klingt es über die duftigen Gefilde. Goldener Sonnenschein lacht vom blauen Himmel, und aus den Höhen tönt jubelnder Lerchengesang herab. Da weitet sich das Herz, und Lust und Licht und Duft locken hinaus zur Wanderung durchs thüringische Land! Die leicht eingesenkten Mulden, in deren Grunde die klaren Bäche murmeln, sind von frischen Wiesen bedeckt, aus deren Grün die blaßroten Blüten des Schaumkrauts und das bescheidene Vergißmeinnicht, die gelben Dotterblumen, Hahnenfuß und der zart gefiederte Löwenzahn leuchten. Die lilafarbenen Blüten des Salbei, die blauen des Kreuzblümchens und des Ehrenpreis sind mit dem dreifarbigen wilden Stiefmütterchen vereint zum Schmucke des Frühlings. In den lichtblätterigen Hainen prangen heller Weißdorn, die bescheidene Blüte der Erdbeere und Brombeere, das blau schimmernde Sinngrün, und wie helle Teppiche weithin ausgebreitet auf dem dunklen Waldboden die weißrötlichen Sterne des Windröschens. Die Waldränder sind geschmückt mit den verrankten Hecken der wilden Rose, von deren dunkelgrünen Blättern sich hell die zierlichen Blüten abheben.
In üppigem Grün stehen die Felder, die sorgsam abgegrenzt von der Menschen Fleiß Zeugnis geben, in langen Streifen sich hinziehend, selten von Hecken, Buschwerk oder Baumgruppen unterbrochen, als ob die Wärme des Himmelslichts mit ganzer Fülle hereinströmen möge zur Förderung des Wachstums und des Blühens. In sanften Wellen wölbt sich die Landschaft; hier sind die Fluren eingeschlossen von rundlichen Hügeln oder lang gestreckten niedrigen Bodenkämmen, dort weitet sich der Raum, und das Auge schweift in unübersehbare Fernen. Wo der Boden seine größte Fruchtbarkeit zeigt, drängen sich die menschlichen Wohnstätten enger zusammen. Die Erde vermag hier viele ihrer Kinder zu ernähren. Aus dem hellen Grün der Obstbäume, im Mai fast verdeckt vom weißen Blütenschnee, schimmern die roten Ziegeldächer der Dorfhäuser, die sich gesellig um die turmgekrönte Kirche schmiegen. Da und dort grüßt ein stilles träumendes Landstädtchen, das wie vergessen von der lärmenden Straße des Weltverkehrs fern abliegt, deshalb vielleicht um so trauter und getreu die Gewohnheiten und Überlieferungen einer längst entschwundenen Vergangenheit pflegend. Aber in der Nähe des eisernen Schienenweges, vielleicht in der Richtung eines alten Handelszuges oder einer Thalsenke, welche durch ihre Form die Verkehrsrichtung vorschrieb, häufen sich die Häusermassen immer mehr zusammen, und hoch ragende Schornsteine deuten auf die geräuschvollen Arbeitsstätten der Industrie. Weichen die Getreidefelder zurück vor Gemüsepflanzungen und weiten Blumengärten, die in gewaltigem Kreise die werdende Großstadt umgeben, so gelangen wir in den Mittelpunkt der großen Landschaft, wo die Bevölkerung sich in größerer Zahl verdichtet und wo ein reges Leben flutet. Hier erheben sich die mächtigen Steinbogen und Mauern eines Domes, Zeugen der mittelalterlichen Baukunst, mit zahlreichen Türmen zur Höhe weisend und weit hinausgrüßend in die Lande.
Abb. 3. Thüringen nach Mercators Darstellung vom Jahre 1628.
Städte.
Manch andere Stadt entstand unter dem Schutze trotziger Burgmauern, wo Landgrafen und Fürsten saßen und mit gepanzerter Faust Wacht hielten, stets bereit zum blutigen Streit. Blühten doch auch unter ihrem eisernen Schirm und Schutz die Künste und Wissenschaften, so daß durch die Vielheit der Residenzen und durch das Bestehen einer weit verzweigten Kleinstaaterei Bildung in weitere Volksmassen gelangte, wie es in solcher Weise sonst nicht möglich gewesen wäre. Wo aber der Wald am schönsten wuchs, reich belebt von Wild, und wo klare Wässer rannen, da erhoben sich die Klöster mit ihren weithalligen Kirchen. Die Klosterbrüder brachten nicht nur das Christentum, sondern vielfach überhaupt die Anfänge der Kultur, denn sie rodeten den Wald und legten Pflanzungen an, sie bauten Wein, errichteten an den wasserreichen Bächen Mühlen, in denen der Felder Frucht gemahlen wurde, sie legten Teiche an zur Förderung des Fischreichtums, sie entwässerten Sümpfe und machten unbrauchbares Land urbar. Seitdem freilich die Verheerungen kriegerischer Jahre über diese Stätten hinwegbrausten, sind schon seit Jahrhunderten die Klosterbewohner und die Pilger zerstreut in alle Weiten, die Baulichkeiten sind meist verfallen, in ihrem epheuumrankten Resten noch Zeugnis gebend von alter Zeit, als deren letzte Erinnerungen die bildreichen Grabsteine eine stumme Sprache reden.
Abb. 4. Geologische Skizze von Thüringen.
Klöster und Burgen.
Weit im Westen erhebt sich eine Bergmasse als ein kleines Tafelland, wegen seiner alten Eichen schon frühe das Eichsfeld geheißen. In riesigem Kranze erstrecken sich gen Mitternacht bis nach der Morgenseite hinüber eine Reihe von Bergwällen, einsam und still, bewachsen von herrlichen Buchen, aus deren grünen Wölbungen hier und da eine Burgruine emporlugt. Mitten in diesem Kranze erhebt sich der Kyffhäuser, um dessen geborstenes Gemäuer Sagen und Lieder klangen in Sehnsucht nach der deutschen Einheit. Aus dem Herzen des Landes rauschen die Wässer der Unstrut, die den Bergkranz durchbricht und dann durch ein Thal fließt, über dessen Fluren und Burgen die Geschichte mit ehernem Fuß hinwegschritt. Jetzt grüßen aber freundliche Städtchen und helle Schlösser herunter ins Thal, und an den sonnigen Hängen, wo sich die Unstrut mit der Saale eint, grünen Rebenhügel in üppiger Fülle.
Saale und Rennsteig.
In großen Schlangenwindungen zieht die Saale ihren Weg durch ein breites schönheitgesegnetes Thal. Schiller widmete ihr die Verse:
»Kurz ist mein Lauf und begrüßt der Fürsten, der Völker so viele;
Aber die Fürsten sind gut, aber die Völker sind frei.«
Abb. 5. Merseburger Schloß, von der Saale gesehen.
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)
Ihre Wellen ziehen vorüber an manch alter Stadt, an Weinbergen und alten Trutzburgen und tragen zu Flößen verbunden zahllose Stämme des Gebirgswaldes. In ihrem Oberlaufe rücken die Thalränder enger zusammen, bis zuletzt selbst für eine menschliche Ansiedelung kein Raum übrigbleibt und der Fels in glatten Wänden bis ins Wasser heruntersteigt. Zahlreiche Bäche rauschen von den Höhen herab aus dem Schatten dunkler Tannen und Fichten, die den mächtigen Gebirgsbuckel mit grünem Mantel umhüllen. In den Seitenthälern weiten sich da und dort kleine Wiesenmulden und tragen betriebsame Ortschaften, die mit dem Fels ihrer Nachbarschaft bekleidet sind: vom Dachfirst bis zur Sohle sind die Häuser mit Schieferplatten bedeckt und bringen in das Tannendunkel eine noch ernstere Färbung.
Droben aber auf dem Gebirge läuft ein geheimnisvoller verschwiegener Bergpfad durch die Waldeinsamkeit, der alte Rennsteig auf der Scheidelinie, von der die Gewässer nach beiden Seiten abrinnen. Durch vieler Herren Länder, von denen uns alte Wappensteine Kunde geben, zieht der Pfad, teils im dichten rauschenden Hochwald, zwischen dessen silbergrauen Stämmen zierliche hellgrüne Farne emporwachsen, teils Ausblicke gewährend nach fernen duftumflossenen Höhenzügen und in grüne Thäler, in denen friedliche Ortschaften eingebettet sind. Nicht ein Laut dringt herauf von den belebten Arbeitsstätten, wo die Säge kreischt und die Drehbank klappert oder wo Schmiedefeuer glühen und die Hämmer den Takt schlagen. Außer dem Schrei des Wildvogels oder dem Gesang der Waldvögel schallt nur der Axtschlag durch den Wald, der manchen jahrhundertealten Baum trifft, um ihn dem heimatlichen Boden zu entreißen; oder es tönt ein metallischer Klang herauf, der von Männern herrührt, die das Schiefergestein absprengen und es zu Tafeln oder Griffeln verarbeiten.
Wo aber der Bergpfad dem Kamme folgt, der immer schmaler wird und von dessen Flanken sich tiefe Thäler einschluchten, deren obere Mulden fast bis zum Rennsteig selbst reichen, da nimmt der Wald eine freundlichere Färbung an, Tannen und Fichten bleiben zurück, und über dem Dickicht der Beerensträucher streben leuchtende Buchen empor. Ihre Baumkronen wölben sich wie gotische Dome, durch deren Maßwerk die Sonne goldene Lichter sendet, und aus dem grünen Laube singt und jubelt es in vielstimmigem Gesange. Malerischer und bewegter sind hier die Formen des Gebirges, und es erschließt sich hier der anmutigste und gepriesenste Teil des Thüringerwalds: in den Waldthälern trauliche Ortschaften, auf den Höhen so manche zerborstene Burg. Am herrlichsten von allen aber grüßt die Wartburg herab, von deren wunderbarer Vergangenheit Sagen und Lieder erzählen. In dichterischem Glanze erscheinen Ritter und Edelfrauen, die Säle hallen von Waffenklang und Sängerstreit wieder, es erklingen Eisenspeere und Minnelieder, und wenn der Abendsonne Gold hinter den Höhen des Ringgaus verglüht, des Mondes Silberstrahlen über die rauschenden Buchenwipfel fluten, dann singt und klingt es dem kundigen Wanderer wie Erinnerung aus blühendem Mittelalter.
Wo die Gewässer des Gebirges südwärts fließen, breitet sich in hellem Duft das Werrathal aus, geziert von mancher lebensfrohen Stadt. Auch hier grüßen von den Vorbergen altersgraue Rittersitze, und am glänzenden Flusse ragen verlassene Klosterhallen empor, bekränzt vom dunklen Epheu oder vom wilden Wein, aber vom verfallenen Turme läutet frommen Wallfahrern keine Glocke mehr. Dort dehnen sich die geschichtsreichen und doch heute so stillen Gelände des alten Grabfeldgaues. Im Südosten aber ragt die schöne kleine Hauptstadt aus üppigen Gärten mit ihrem Kranze von Bergen und Burgen, die hinüberschauen in die blühenden Gefilde des Mainthals.
Abb. 6. Dom zu Merseburg.
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)