15. Geburtshilflich-gynækologische Klinik.
Bis zum Sommersemester 1868 fehlte jeder praktische Unterricht in Geburtshilfe und Gynækologie.
Theoretischer Unterricht wurde in verdankenswerther Weise von dem Privatdocenten Herrn Dr. Achilles Burckhardt ertheilt.
Am 3. Juni 1868 wurde die geburtshilflich-gynækologische Klinik im Neubau des Bürgerspitals eröffnet. Als Leiter der Klinik war im April 1868 der bisherige Privatdocent Dr. J.J. Bischoff berufen worden im Einverständnisse mit löbl. Spitalpflegamte, welches demselben die Leitung der Abtheilung übertrug, deren Belegraum ohne Privatzimmer etwa 22 Betten betrug, welche Zahl später auf 44 stieg. Im Anfang hatte der Vorsteher die Leitung von Abtheilung und Klinik allein zu besorgen und erst mit Januar 1875 wurde hauptsächlich aus klinischen Rücksichten ein Assistenzarzt angestellt, welcher im Spitale Station hat.
In den ersten Semestern wurde die Klinik regelmässig viermal wöchentlich von 8-9 Uhr gehalten, später dreimal; dagegen wurde vom Wintersemester 1877/78 an wöchentlich einstündig ein diagnostischer geburtshilflicher Kurs gehalten und zwar bis zum Sommersemester 1885 von dem jeweiligen Assistenzarzte und von da vom Vorsteher. Ausser den regelmässigen Stunden wurde den Klinicisten Gelegenheit gegeben, den Geburten bei Tag und bei Nacht beizuwohnen, indem dieselben jeweilen durch einen Bediensteten des Spitals herbeigerufen wurden.
Anfänglich wurden in der Klinik fast ausschliesslich geburtshilfliche Fälle vorgestellt; von Jahr zu Jahr mehrten sich aber die Aufnahmen Frauenkranker, so dass die Klinik jetzt beiden Disciplinen der Gynækologie im weitern Sinne gerecht wird.
Um die Aufnahme auch auswärtiger klinisch interessanter Krankheitsfälle zu ermöglichen, war die Klinik von Anfang mit vier klinischen Freibetten ausgestattet worden, welche Zahl dem Bedürfnisse aber lange nicht genügte. Später wurde die Zahl auf zehn erhöht, wobei wie in den andern Kliniken ein Theil unentgeltlich, ein anderer gegen die übliche Taxe aufgenommen wird.
In den ersten Jahren ihres Bestehens litt die Klinik (und dies steht in Zusammenhang mit der Anzahl der Freibetten einerseits und mit der anfänglichen Scheu der Bevölkerung vor Aufnahme in Spitalabtheilungen, an welchen Klinik gehalten wurde, andrerseits, eine Scheu, die seit Jahren nur zu vollständig abgelegt worden ist) einigermaassen Mangel an für die Klinik verfügbaren Krankheitsfällen; ziemlich bald aber mehrten sich diese so, dass gegenwärtig immer genügend für den klinischen Unterricht gesorgt ist. Es geht dies am besten aus folgenden Zahlen hervor.
Im Jahre 1868 betrug die Zahl sämtlicher verpflegten Frauen 88 (wovon 83 Schwangere, 2 Wöchnerinnen mit 67 Geburten und 3 Frauenkranke) und die Zahl der Kinder 74; im Jahre 1884 dagegen betrug die Zahl der Frauen 644 (wovon 442 Schwangere und Wöchnerinnen mit 420 Geburten und 202 Frauenkranke), die der Kinder 421. — Hiezu kommen noch 102 weitere gynækologische Fälle, welche nur ambulatorisch behandelt wurden.
Einer wissenschaftlichen Verwerthung des klinischen Materiales stand bis jetzt der vollständige Mangel an dazu nöthigen Räumlichkeiten im Wege, so dass sowohl die vom Vorsteher und dessen Assistenzärzten zum Drucke gelangten Arbeiten, als auch die aus der Klinik entstandenen Dissertationen von Schülern derselben nur praktische Gebiete beschlagen konnten, während von experimentellen Arbeiten nie die Rede sein konnte. Die Klinik besitzt denn auch, ausser den für Operationen nöthigen Instrumenten, nur ganz wenige Apparate, dagegen eine schon ziemlich ansehnliche Anzahl dem Unterrichte dienlicher Präparate.
J.J. Bischoff.
16. Psychiatrische Klinik.
Es wurden zwar von Herrn Professor Brenner sel. in früheren Jahren öfters Kranke der Irrenabtheilung vor einzelnen Medicin-Studierenden demonstriert, doch begann der eigentliche regelmässige und methodische, theoretische und klinische Unterricht im Gebiete der Geisteskrankheiten erst im Herbste 1875. Es war dies eine Folge des Beschlusses E.E. Grossen Raths von Baselstadt vom 1. Februar 1875, wonach für das Fach der Psychiatrie an der medicinischen Fakultät ein ordentlicher Professor angestellt wurde. Als solcher wurde Dr.med. Ludwig Wille, damals Direktor der Irrenanstalt St. Urban, ernannt, welcher Ende Oktober 1875 seine Wirksamkeit mit der Eröffnung der psychiatrischen Klinik im städtischen Spital begann und bis jetzt fortsetzte. Durch die Genehmigung der Anstellung eines Assistenzarztes, der Anschaffung geeigneter Lehrmittel und zu klinischen Zwecken dienender Apparate, der Verwendung von klinischen Freibetten im Verlaufe der nächsten Jahre erhielt die psychiatrische Klinik allmählig auch die nothwendige Unterstützung zu ihrem ferneren Bestande und zu weiterer Entwicklung. Die im Verlaufe der letzten zehn Jahre geradezu verdoppelte Zahl der Aufnahmen von Kranken in die Abtheilung ergab auch das genügende Material für Beobachtung und Untersuchung. Leider sind die für die psychiatrische Klinik verwendeten zwei wöchentlichen Stunden wenig zur Erfüllung der Aufgabe, was jedoch durch den regelmässigen Besuch der theoretischen Vorlesungen über Psychiatrie während zwei Semestern von Seite der Studierenden wieder einigermaassen ausgeglichen wird.
Die Zahl der die psychiatrische Klinik besuchenden Studierenden während der vergangenen zehn Jahre betrug 199, wovon 104 auf die Winter- und 95 Studierende auf die Sommersemester treffen. Das Maximum derselben in den Wintersemestern war 16, das Minimum 4, der mittlere Durchschnitt 10,4; das Maximum in den Sommersemestern 15, das Minimum 5, der Durchschnitt 9,5 Studierende. Es konnten in den einzelnen Wintern durchschnittlich 41, in den Sommern durchschnittlich 26 Kranke demonstriert werden. Es machte sich hiebei weniger das mangelnde Interesse der Studierenden an dem Spezialfach, als vielmehr die oft ungenügende Vorbildung in den Thatsachen und Lehren der Nervenanatomie, -Physiologie und -Pathologie störend geltend. Immerhin wird das Spezialfach, das bei der Schlussprüfung nicht verwerthet wird, stets nur bei den Strebsamsten das volle Interesse dauernd wach halten.
Von gröster Bedeutung für die Zukunft der psychiatrischen Klinik ist der durch das rühmens- und dankenswerthe Entgegenkommen unsrer Tit. hohen staatlichen und städtischen Behörden, dann durch den hohen Bürgersinn der Frau Merian ermöglichte Beschluss E.E. Grossen Rathes vom 23. April 1883 der Errichtung einer neuen, zur Aufnahme von 210 Kranken bestimmten kantonalen Irrenanstalt an Stelle der bisherigen in jeder Beziehung ungenügenden Irrenabtheilung des Spitals. Es wird nach dem gegenwärtigen Stande der baulichen Verhältnisse möglich sein, die Anstalt im Laufe des Sommers 1886 zu beziehen. Wenn auch einerseits, besonders im Anfang, die etwas weite Entfernung der neuen Anstalt von der Stadt störend auf den Besuch der Klinik einwirken dürfte, so ist andrerseits zu hoffen, dass durch das reichere und mannigfaltigere Krankenmaterial, durch die dem Standpunkt der modernen Wissenschaft entsprechende Ausrüstung, durch die korrekte, den Lehrzweck berücksichtigende Eintheilung und Ausführung der neuen Anstalt diese Störung wieder ihre Ausgleichung finden wird. Es wird dann die psychiatrische Klinik würdig den übrigen grossartigen Schöpfungen des medicinischen Unterrichts während der letzten zwei Jahrzehnte dastehen und hoffentlich in gleicher Weise durch die passende Verpflegung und Behandlung der Kranken, wie durch die Verbreitung der für die Praxis so nöthigen psychiatrischen Kenntnisse, die grossen vom Staate und von Privaten geleisteten finanziellen Opfer rechtfertigen. Möge die neue Anstalt für ferne Zeiten den Bewohnern Basels zum Segen gereichen, wie sie stets als ein herrliches Denkmal bürgerlichen Edel- und Opfersinns anerkannt werden wird!
Ludwig Wille.