1.

Auf Golgatha, über dem Grabe Adams, richtete man den Baum der Erkenntnis auf und der Schädel des ersten Menschen ward zur Stütze des Kreuzes, an dem der Menschensohn hing.

Der Baum der Erkenntnis, den einst Satan gepflanzt, da Gott den Garten des Paradieses schuf, dessen Frucht den Menschen die Augen öffnete über Gut und Böse, dessen Zweig die tote Stirn Adams bekränzte, — er ward jetzt zum Baum des Heils, zum Kreuz des Erlösers.

Man schlug ihn mit Händen und Füßen an das Kreuz mit eisernen Nägeln, man kleidete ihn in ein grünes Hemd aus grünen Nesseln, man gürtete ihn mit Weißdorn, band ihn mit Hopfen und Binsen, durchstach seine Seite mit einem Speer, stieß ihm Weidenruten unter die Nägel und legte ihm eine Dornenkrone auf das Haupt.

Wo die Nägel eingeschlagen wurden, da floß das Blut. Wo man ihn gürtete, da floß Schweiß. Wo die Krone sein Haupt berührte, da flossen blutige Tränen aus seinen Augen.

Die am Kreuze vorübergingen, schüttelten die Köpfe und spotteten.

„Der du den Tempel zerbrichst und in drei Tagen wieder aufbaust! Hilf dir selber! Wenn du der Sohn Gottes bist, so steig herab vom Kreuz!“

„Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht helfen! Wenn du der König von Israel bist, so steig herab vom Kreuz, dann wollen wir an dich glauben!“

„Er hat auf Gott gehofft, so mag Gott ihm helfen, wenn Gott ihn lieb hat! Hat er nicht gesagt: Ich bin Gottes Sohn!?“

„Freue dich, König der Juden!“

Unzählige Scharen von Dämonen und dunkeln Teufeln

kamen von Mittag und Mitternacht, von Ost und West nach der Schädelstätte geflogen, zum gekreuzigten Christus.

Wie weißer Schnee schmolz der weiße Mond, und Tränen verdunkelten das lichte Antlitz der Sonne, bis es sich endlich ganz verbarg.

Und es war Finsternis auf der ganzen Erde von der sechsten bis zur neunten Stunde.

Aus blutunterlaufenen Augen sahen die Dämonen in das gemarterte Antlitz des Erlösers, mächtige Pergamente rollten sie vor ihm auf, — da waren alle Sünden der Menschen vom ersten Tage bis zum letzten verzeichnet. Und kein Ende nahmen die Rollen, kein Ende die Sünden der Menschen.

Und alle diese Sünden wollte er auf sich nehmen.

Und es kamen von allen Enden, da sie von den schweren, blutigen Sünden hörten, schreckliche, erbarmungslose Engel: ihre Gesichter waren wutverzerrt, die Zähne ragten weit aus dem Munde heraus, die Augen waren wie Sterne, und ihr Atem war flammendes Feuer. Das waren die Engel, die nach den Seelen der Sünder kommen, um sie ins Reich der ewigen Qual zu führen. Unendlich war die Zahl dieser Engel, denn nicht zu zählen war die Menge der Sünden, — aller Sünden vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende.

Kein Ende nahmen die Sünden der Menschen.

Und alle diese Sünden wollte er auf sich nehmen.

Die Schächer, die rechts und links vom Heiland an ihren Kreuzen hingen, konnten die Qual nicht länger ertragen, und weil sie auf keine Rettung mehr hofften, machten sie sich in Schmähreden Luft und schalten den Gottessohn einen Betrüger.

Am Fuße des Kreuzes aber, vor dem mit Christi Blut besprengten Haupt Adams, klirrten schon die Folterwerkzeuge: Schwerter, Messer, Sägen, Sicheln, Pfeile, Äxte. Die furchtbaren, unbarmherzigen Engel rissen die Glieder des gemarterten Leibes auseinander, hackten die Beine ab, dann die

Arme, machten sie wieder lebendig, um sie von neuem ans Kreuz zu nageln, rissen das festgeklebte geronnene Blut von den Wunden und leckten die blutigen Schwären mit salzigen Zungen.

Die Dämonen rollten die schwarzen Pergamente zusammen. Und einer von ihnen, ein Teufel mit Gänsefüßen und einem Schweinsleib ohne Borsten, kletterte am Kreuzesstamm hinauf bis dicht vor das Antlitz Christi und hielt ihm eine große Schale hin, gefüllt mit Bitternis bis zum Rand.

Und Christus trank die Schale leer bis auf den letzten Tropfen und schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“

Da erhob sich auf den Ruf des Verlassenen, der der Welt Sünde auf sich genommen hatte, von seinem Wolkenthron im Norden um die neunte Stunde Satan, der Fürst der Finsternis. Und sein schwarzmähniges Roß trug ihn, wie ein Falke, wie der Sturm, wie der Donner, wie der Blitz, zum Kreuz des Gottessohnes.

Auf flogen die Winde, wie Adler, hoch wirbelten sie den Staub auf den Straßen empor. Die Berge erbebten. Aufgewühlt wurden die Tiefen der Erde. Gewaltig wogte und brauste das Meer. Weit aus ihren Ufern traten die Ströme. Und in der Glut der Höllenflamme rollte der Himmel sich zusammen, wie ein Pergamentblatt. Und die Erde wallte und brannte, wie Eisen im Schmelzkessel.

„Freue dich, König der Juden!“ sprach Satan und trat vor das Kreuz hin.

Satan stand vor dem Kreuz und sah Christus an, und vom Kreuz, die schweren Lider mühsam hebend, blickte Christus auf Satan.

So blickten sie sich an, wie König und Sklave, wie Bruder und Feind, wie König und König, wie Bruder und Bruder, wie Feind und Feind, wie der Retter und der Verlassene. Und alle Kreatur sank nieder in bebendem Entsetzen in dieser Stunde des Grauens.

Und mit schnellen Schritten kam vom blauen Meer, aus unbekanntem Land, über weite Felder, über grünes Gras, über verwehende Spuren, über wogende Saaten ein schöner Jüngling — der sanfte Tod.

Ohne viel zu fragen, schob er das Eisengitter auseinander. Festen Schrittes stieg er den Hügel von Golgatha hinauf und trat vor den Gekreuzigten.

Leise nahm er das Haupt Christi in seine Arme.

Und Christus neigte das Haupt und verschied.