1.
Schon ganz zu Anfang des Semesters hatte man auf dem Newskij-Prospekt einen schwarzhaarigen Studenten bemerkt, der sich von den andern eleganten Studenten in ihren neuen Uniformen scharf unterschied. Die neu immatrikulierten Studiosi, die zum erstenmal nach Petersburg gekommen sind, pflegen scharenweise auf dem Newskij spazieren zu gehen, gucken neugierig nach allen Seiten und stehen lange vor den Schaufenstern.
Der Student, der allen auffiel, war auch ein Neuling und auch elegant gekleidet, aber sein Gesicht und seine Haltung unterschieden ihn von den andern.
Er hatte so feurige schwarze Augen und so schwarzes Haar — es gab keinen zweiten so schwarzen auf dem ganzen Newskij.
Seine Augen behielten, auch wenn er lächelte und sogar sehr schelmisch lächelte, immer denselben Ausdruck: ein alter Schmerz, eine Wehmut, die Jahrhunderte überdauert zu haben schien und immer wieder durch ein verborgenes nie verlöschendes Feuer genährt wurde, sprach aus diesen Augen. Und wenn er, ohne den Kopf zu wenden, nach einer vorübereilenden Dame schielte, dann sah man von den Augen nur das Weiße.
Sein Gang war sehr sicher und solide; er schritt gleichmäßig, ohne hin und her zu wackeln und ohne mit den Armen zu fuchteln. Und doch hatte man das Gefühl, als müßte er von allen Spaziergängern der tollste und phantastischeste sein.
„Abdul Achad,“ sagte der schwarze Student einmal, als er sich einem semmelblonden, ängstlich dreinschauenden Kommilitonen vorstellte.
„Ein Türke,“ zwinkerten die Kellner in den Kaffeehäusern
und die Ladendiener einander zu, wenn sie Abdul Achad zu Gesichte bekamen.
Die Liebhaber arabischer Märchen mußten in große Erregung geraten, wenn sie zufällig mit Abdul Achad zusammen kamen, — dem Türken, wie er nur noch von den Kameraden genannt wurde.
Vom Newskij kam der Türke auf Wasili-Ostrow. In der zwölften Linie mietete er sich ein Zimmer. Und schon im November kannte der ganze Stadtteil den Türken.
Der Türke war reich und freigebig. Der Türke fiel allen auf. Und es gab kaum ein junges Mädel im ganzen Stadtteil, in das der Türke sich nicht verliebt hätte; es gab kein einziges, das nicht für den Türken geschwärmt hätte.
Es gingen die unglaublichsten und lächerlichsten Geschichten über den Türken um.
Allerdings liebte er selbst sehr von sich zu sprechen und allerlei unglaubliche, lächerliche Geschichten zu erzählen, von Reisen und Abenteuern jeder Art, — und immer wollte er alles selbst gesehen und selbst erlebt haben.
Die Liebhaber arabischer Märchen mußten in große Erregung geraten, wenn sie zufällig eine Geschichte des Abdul Achad zu hören bekamen.
Und der semmelblonde ängstliche Studiosus, zu dem der Türke sich besonders hingezogen fühlte und den er protegierte, der semmelblonde ängstliche Studiosus, der stete Begleiter des Türken, berichtete einmal voll herausfordernden Stolzes von seinem Beschützer, dieser sei schon als Quintaner Vater gewesen und hätte sich in dieser Rolle keineswegs wohl gefühlt.
Übrigens hatte auch der Türke selber in einem Augenblick besonderer Offenherzigkeit etwas Ähnliches von sich erzählt, und sogar geschildert, wie peinlich es ihm war, als Vater eines kräftigen Jungen vom Lehrer in den Winkel gestellt zu werden.
Man schenkte der Geschichte nicht eben viel Glauben, aber man amüsierte sich köstlich.
„Nun freilich,“ sagte man, „ein Türke!“
„Der Türke ist da!“ rief man mit frohem, freundlichem Lachen, wenn Abdul Achad in der Kneipe erschien.
Der Türke lebte sich in Petersburg ein, wie die andern Türken, die „Schopftürken“ —so nannte Abdul Achads Zimmerwirtin die Sphinxe an der Nikolaibrücke — sich an die kalte Newa, an den bleichen Himmel, an den Rauhreif und an den Petersburger Wind gewöhnt hatten.
Der Türke fand es immer heiß und knöpfte seinen kostbaren Pelz nie zu.
„Natürlich,“ hieß es, „ein Türke.“
„Der Türke, der Türke!“ wurde Abdul Achad mit frohem, freundlichem Lachen auf der Straße begrüßt.
Aber der Türke war launisch: heute konnte er lustig sein, und tags darauf war er traurig; heute erzählt er die tollsten Geschichten und macht die abenteuerlichsten Pläne, und morgen sieht man nur das Weiße seiner Augen.
Und alle kennen das — sie kennen sein Lachen und seine Tränen und sie liebkosen den Türken, wenn er weint.
„Lieber Türke, laß doch!“ — Und sie streicheln ihn wie eine Katze.
Zu Weihnachten tanzte der Türke auf Maskenbällen und nach Weihnachten setzte er sich an die Kolleghefte.
Aber was ist das Kolleg für den Türken? Und was ist der Türke dem Polizeiwachtmeister?
Ganz unerwarteterweise kam der Türke eines schönen Tages nicht mehr nach seiner zwölften Linie und nicht zu den Schopftürken, den Sphinxen, an denen er sonst so oft vorübergegangen war, sondern an das Arsenal-Ufer in das Gefängnis von Kresty.