2.

Am Vorabend jenes großen Tages, der die neue Freiheit zu bringen und die ganze Welt umzugestalten versprach, wurde der alte Juwelier in aller Frühe geweckt, in eine schwarze, wappengeschmückte Kutsche gesetzt, wie sie nur den hohen Würdenträgern des Staates zustand, und unter militärischer Bewachung nach dem königlichen Schlosse gebracht.

Durch die zugezogenen Vorhänge vor den Wagenfenstern fühlte der Alte das Bohren von hundert und aberhundert haßgeschärften Blicken. Es war ihm, als würde von diesen stechenden Blicken das Glas glühend heiß, als klirrte und surrte etwas unter den Rädern, was den Wagen in Stücke zu reißen drohte.

Da in den letzten Tagen von den allmächtigen Günstlingen des Herrschers, in deren Gewalt Städte und Provinzen, Leben und Tod des Volkes waren, zahllose Schandtaten begangen waren, so wurden derartige vornehme Geleitzüge stets von bösen Blicken verfolgt, und nicht immer nahm die Fahrt ein gutes Ende.

Aber der Juwelier war ein schlichter Mann. Ihm hatte niemand das Recht zu strafen und zu begnadigen verliehen; ihm war nur der Befehl geworden, die goldene Krone zu putzen, in der nach der Sitte des Landes die Könige vor das Volk traten, wenn sie, was selten genug geschah, dem Volke Regierungsbeschlüsse von außerordentlicher Wichtigkeit zu verkündigen hatten.

Wem anders als ihm, dem alten erfahrenen Manne, der es so gut verstand, seine scharfe Zunge im Zaum zu halten, konnte man die furchtbare, durch ihren Glanz blendende Krone anvertrauen?

Scherzend und kichernd stieg der Juwelier die goldene

Schloßtreppe empor, schloß sich in dem Saal ein, den man ihm angewiesen, und machte sich an die Arbeit.

Hier bot sich eine seltene Gelegenheit, Dinge zu sehen, die der Alte bisher höchstens hatte ahnen können.

So manchen Wunders Zeuge war er gewesen, mehr als einmal hatte das rasende Volk seine angestammten Herrscher gleich Taschendieben und Einbrechern davongejagt, aber immer war in solchen Fällen eine neue Krone für einen neuen Herrscher aufgetaucht, und der Alte wurde gerufen, sie in Stand zu setzen und zu flicken. Noch nie aber war aus den verstaubten Speichern des königlichen Schlosses ein so wunderbares Kunstwerk in seine Hände gekommen, von dem man kaum glauben konnte, daß es von Menschen geschaffen sei.

Wahrlich, der morgende große Tag barg Unerhörtes in seinem Schoße.

Mit größter Sorgfalt, zitternd, wie über einem Heiligtum, dem jeden Augenblick der eifersüchtige böse Feind etwas antun kann, nahm er die Steine aus der goldenen, mit Schmutz- und Lehmflecken bedeckten Krone, und, kaum sichtbar in dem Riesensaale, die dürren Schultern in ein zerfetztes wollenes Umschlagtuch gehüllt, wie es die Weiber tragen, fuhr er mit den langen dünnen Fingern über die Juwelen.

Er spielte mit dem Schatze — mit den märchenhaften Achaten, mit leuchtend blauen und blutroten und schwarzen Steinen, mit Frühling atmenden Türkisen; er drehte sie hin und her, er warf sie hin, er sog ihren Duft ein, als wären sie lebende Gewächse, er legte sie auf die gewandte Schlangenzunge, ließ sie über seine feinfühlende Handfläche rollen, stellte sie in Reihen auf, häufte sie aufeinander und bebte wollüstig im grünen, roten, blauen und schwarzen Schimmer.

Unzählige Menschengesichter tauchten vor ihm auf, unzählige Hände reckten sich nach ihm, Scharen von Menschen aller Art gingen nacheinander an ihm vorüber, sie füllten den ganzen Saal, sie bedeckten alle Wände von oben bis unten,

und hoch unter der Sternenkuppel des Saales hingen sie und schwankten hin und her, ohne Arme, ohne Beine, und aus allen Ecken und Winkeln starrten ihn staunende Augen an . . .

Dem Alten verging der Atem, er ließ die Steine fallen. Sie klebten an seinen Lumpen, rollten über die Teppiche, den Brokat, den Marmor, und es war, als ob sie tönten wie dumpfe Glocken.

Dieser Glanz und diese dumpfen Töne ließen ihn die Augen weit aufreißen. Die winzigen Äuglein wurden groß wie Teller.

Er sah zugleich den ersten und den letzten Tag des menschlichen Daseins.

Er putzte die Steine in größter Hast, legte sie in der verschiedensten Weise zusammen, bis er die Verbindung gefunden hatte, die ihm für die Königskrone die schönste dünkte.

Er hatte sie erkannt, die alte Königskrone, die keine Gewalt auf Erden anzutasten wagt, die den Menschen unwiderstehlich zu sich lockt und Leichen auf Leichen häuft.

In der Dämmerung, als die Kronleuchter aufflammten und der Alte sich von seinem Platze erhob und, die Krone auf dem Kopfe, einem König gleich, mitten in den Saal trat, da strömte die Krone einen solchen Glanz aus, daß die unerschütterlichen Wände des Palastes erbebten.

So würde auch die morgende Freiheit, die die Welt von Grund aus umgestalten sollte, gleich am ersten Tage an diesem Glanz zugrunde gehen; zusammenknicken würden die Sklavenknie, und nur ganz im geheimen würde die dunkle Rache schwören, den Thron zu zerschmettern und die leuchtenden Steine der unzerstörbaren Königskrone über die Erde zu verstreuen.

„Sie wissen selber nicht, was sie wollen!“

Der Alte ging die goldene Treppe hinab, durch die Reihen dienernder Hofleute, begleitet von einem schmeichlerischen Lächeln, hinter dem sich schamlose Roheit verbarg und das bange Zittern kleinlicher Sklavenseelen.