2.
Die Tage und Jahre gingen, wie Gott es bestimmt hatte.
Die Menschen wurden geboren und breiteten sich über die Erde aus; sie hofften und verzweifelten, bangten und freuten
sich ihres Lebens, verlangten nach Macht, nach Reichtum, nach Ruhm, liebten und haßten, halfen einander und töteten einander.
Und der rote Stein lag immer noch am Jordan unter dem Felsen, und die Schlangen hüteten ihn. Und das Reich Satans ward größer mit jedem Jahr, jedem Tag, jeder Stunde, denn immer mehr Söhne Adams kamen hinein.
Und Satan freute sich seiner wachsenden Macht und Größe.
Die Tage und Stunden gingen hin, wie Gott sie festgesetzt hatte. Sie blieben sich immer gleich, heute war wie gestern, und jede Stunde war ein stiller, geheimer Gottesdienst.
Die erste Nachtstunde brach an — die Stunde, da die Dämonen sich vor Gott beugen. Und die Dämonen schadeten dem Menschen nicht, das Böse ruhte, wurde nicht größer, nicht geringer.
Die zweite Stunde kam — die Stunde der Fische. Und es erhob sich der Ozean mit seinem ganzen Reich, und die tiefsten Tiefen des Meeres beugten sich vor dem Herrn. Es kam die dritte Stunde — die Stunde der höllischen Abgründe.
Es kam die vierte Stunde — die Stunde, da die Seraphim den Herrn preisen, und das Rauschen ihrer Flügel füllte die himmlischen Tempel mit süßer Musik.
Es kam die fünfte Stunde — die Stunde der Wasser über dem Himmel.
Es kam die Mitternacht — die sechste Stunde der Nacht —, und es zogen sich die Wolken zusammen und erfüllten die Welt mit einem großen, heiligen Schauer.
Es kam die siebente Stunde — die Stunde der Ruhe für alles Lebende.
Es kam die achte Stunde — und die Erde freute sich des Taus, der auf Saaten und Gräser niederging.
Es kam die neunte Stunde — die Stunde des Dienens für die Engel, die vor dem Throne der ewigen Allmacht stehen.
Es kam die zehnte Stunde — die Stunde des Gebets, und die Himmelstore gingen auf, und die Gebete traten vor Gott, und Gott war gnädig zu den Menschen, und die Seraphim schlugen mit den Flügeln, und Musik tönte durch den Himmelsraum, und unten auf der Erde krähte der Hahn.
Es kam die elfte Stunde — und die Sonne ging auf und brachte der Welt Freude und Licht und Wärme.
Und es kam die zwölfte, die letzte Stunde — die Stunde der Hoffnung und des Schweigens der Engelchöre vor dem Throne Gottes.
Aber der rote Stein lag am Jordan unter dem Felsen. Und die Schlangen hüteten ihn. Und das Reich Satans ward größer mit jedem Jahr, jedem Tag, jeder Stunde, denn immer mehr Söhne Adams kamen hinein.
Und Satan freute sich seiner wachsenden Macht und Größe.
Das währte so fünftausend fünfhundert und acht Jahre.
Nun kam die Stunde, die verheißen war, Christus kam auf die Erde, der Sohn Gottes.
Niemand wußte von ihm, niemand dachte an ihn. Wie bisher aßen und tranken die Menschen, freiten und ließen sich freien, stritten und versöhnten sich, töteten sich selbst aus Liebe und töteten andere aus Haß. Ebenso wie bisher ging die Sonne auf und grünten die Bäume im Frühling. Ebenso wie früher gingen nachts die geheimen Stunden hin.
Einzig Johannes der Täufer harrte des Heilandes am Jordan.
Und als die Zeit erfüllt war, kam Christus aus der Wüste an den Jordan zu Johannes. Und Johannes erkannte den Heiland.
Und Christus trat unter den Felsen auf den roten Stein und ward von Johannes getauft.
Und das Wasser ward unter den Füßen Christi zu Feuer. Das Feuer verbrannte die Schlangenköpfe, das Feuer zerfraß den roten Stein.
Der Heilige Geist stieg auf den Gottessohn herab, und es ward eine Stimme vom Himmel gehört:
„Siehe, das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“