3.

Grausame, undurchdringliche Finsternis hüllte die Stadt in banges Schweigen.

Die Toten irrten in den Straßen umher, klopften an die Türen. Und wie in den Tagen des schwarzen Todes wagten die Menschen nicht, ihre Häuser zu verlassen. In den menschenleeren Gassen tauchten Reiter auf: ihre Gesichter konnte man nicht sehen und auch ihre Pferde nicht, man hörte nur die Hufe aufs Pflaster schlagen.

Und durch die schwarze Einsamkeit ertönte von der verödeten Schädelstätte her das Wehklagen der Gottesmutter.

Marias Herz bebt in bangem Entsetzen, ihr Kopf geht in die Runde, ihre Zunge redet irre. Und sie ist nicht imstande, die Augen aufzuschlagen.

„Steh auf, mein Sohn, erwache, hebe deine Augen auf, sag ein Wort! Fest schläfst du, tief ist dein Schlaf, nie wirst du erwachen! Ich trage Leid um dich! Meine Seele ist betrübt! Du hast dein Herz verhärtet, daß es dem Stein gleich ward, und nirgends sehe ich dich mehr! Steh auf, mein Sohn, erwache, nimm mich zu dir! Ich trage Leid um dich! Meine Seele ist tief betrübt!“

Und neben der Mutter Gottes stand auf dem Hügel von Golgatha, das Haupt an den Kreuzesstamm gelehnt, ein schöner Jüngling.

Und bis zum Morgengrauen des dritten Tages, da mit der auferstandenen Sonne der Engel des Herrn kommen sollte und den Stein von des Grabes Tür wälzen, bis zum lichten Ostermorgen ging er nicht fort von dem lebenspendenden Kreuz, der Unersättliche, der schöne Jüngling, der sanfte Tod.

Der Tod Christi ist das ewige Leben, die Gewähr des Heils.

Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!

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Der Hofjuwelier