5.

Als sie ihn ans Kreuz geschlagen hatten, strömte das Blut aus seinen Wunden.

Und der Boden unter dem Kreuz wurde rot.

Trostlos stand die heilige Jungfrau unter dem Kreuz und neben ihr Johannes, des Meisters Lieblingsjünger.

Schwer litt der Heiland. Sie sah es und konnte ihm nicht helfen.

Er bat zu trinken. Sein Herz verging in bittrer Pein.

Und sie konnte ihn nicht tränken, denn sie wagte nicht von dem Kreuze fortzugehn. Sie fürchtete, er könnte in ihrer Abwesenheit sterben.

Und der Himmel verfinsterte sich.

Gewitterwolken türmten und ballten sich am Himmel. Eine tiefschwarze Wolke hing über der Stadt. Und Funken sprühten über der Stadt, als brenne oben in den Wolken ein mächtiger Feuerherd.

Das Gesicht des Heilands am Kreuz verzerrte sich. Es war ganz bleich.

Die Haare klebten an der Stirn.

Und seine Stimme ertönte vom Kreuze:

„Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“

Und das Blut rann über sein Antlitz und verschloß ihm den Mund.

Und sein Haupt senkte sich auf die Brust.

Und am andern Ende der Stadt Jerusalem, im Garten der Magdalena, hing an seinem Ledergürtel bis tief zur Erde herab Judas, der den Herrn verraten hatte. Die verzweifelten weißen Augen ohne Lider blickten aus ihren dunkeln Höhlen auf die schwere Erde und sein Mund war voll Erde.

Das Herz der unglücklichen Mutter ward entzweigerissen. Es schmolz, wie rote Kohlen, es glühte und brannte.

Schon schwebte ein Rabe über dem Kreuz.

Wie schmelzendes Pech glänzten die Rabenfedern, wie helle Wachskerzen brannten die starren Rabenaugen.

Dumpf und traurig sprach die heilige Jungfrau:

„War es denn eine Unglücksnacht, in der du geboren wardst, du mein Herr und mein Sohn, Jesus?! Du Unsterblicher, der die Toten auferweckte! Und nun sehe ich, daß der unerbittliche Tod auch dich rauben will! Du konntest ihm nicht entgehn! O mein geliebter Sohn, o mein Jesus, um wen mußt du leiden, für wen nimmst du den Tod auf dich? An das Holz sind deine Hände geschlagen, deine Zunge ist stumm!“

Jesus hob sein heiliges Haupt und sprach zu seiner Mutter:

„Weine nicht um mich, Maria, meine Mutter, habe Geduld. Die Seele verläßt den Leib, ich will meinen Geist dem Vater befehlen. Ich gebe dir den Johannes an meiner Statt, sei du ihm Mutter, er wird dein Sohn sein.“

Bitter sprach die heilige Jungfrau:

„Kann ich den Schöpfer für das Geschöpf hingeben? Wo gehst du hin? Und wie soll ich leben ohne dich? Wem lässest du mich? Nimm mich mit! Laß auch mich sterben! Ich leide bittre Pein! Mein Herz bricht.“

Und einer weißen Birke gleich beugte sich die heilige Jungfrau auf die Steine vor dem Kreuz hernieder und bat und flehte um den Tod.

Sie mochte die Menschen nicht sehn, mochte das Licht nicht schauen, sie wollte sich nicht wieder erheben.

Entzweigerissen war das Herz der unglücklichen Mutter. Es schmolz wie rote Kohlen, es glühte und brannte.