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Das alte Wersenewsche Haus ist in aller Munde. In Krutowrag ist es nicht geheuer.

Viel Interessantes und natürlich auch viel Gruseliges erzählte man sich über das alte Haus.

Sergej Sergejewitsch Wersenew selbst ist allerdings nicht sehr gesprächig: auch kümmert er sich wenig um solche Dinge. Aber seine Frau Jelisaweta Nikolajewna und die beiden Kinder — der Gymnasiast Gorik und die Gymnasiastin Buba — lieben es, von den alten Zeiten zu sprechen. Mit Genuß sprechen sie davon, wie auch das Hausgesinde, die alte Kinderfrau Solomowna, der Koch Prokofi Konstantinowitsch und der Lakai Sinowi, in der Küche beim Teetrinken gern über die gleichen Dinge sprechen; doch im Flüsterton!

Im Garten, am Sandhügel, den noch in den Tagen der Leibeigenschaft Kinder und Greise aufgeschüttet hatten, zeigte man einen kleinen schlammigen Weiher, der selbst beim stärksten Frost nur am Rande, um die kalte Quelle herum, die in seiner Mitte sprudelte, zufror und, wie es hieß, gar keinen Grund hatte.

Jede Nacht kam aus dem Weiher eine Troika

heraus; sie fuhr lautlos durch die Lindenallee und hielt vor der Veranda des Herrenhauses; ein uralter Greis, Wersenews Großvater, sprang aus dem Wagen, ging auf die Veranda hinauf, spazierte dort auf und ab und roch an den Blumen; dann begab er sich in den großen Saal, stieg in den Keller hinab und kehrte schließlich mit seiner Troika in den grundlosen Weiher zurück.

Unter dem Hause befanden sich zwei sehenswerte gewölbte Keller: ein großer, der jetzt leer war, und ein kleiner, der als Weinkeller benutzt wurde. Aus dem leeren Keller, wo man vor Zeiten die Leibeigenen, die sich etwas zuschulden hatten kommen lassen, zu züchtigen pflegte, hörte man nachts ein Stöhnen; und im kleinen Keller, wo einst die Wersenewschen Schätze verwahrt wurden, klirrte es oft, wie wenn jemand Dukaten zählte.

Einen neuen Gast pflegte man vor allen Dingen in das Eckzimmer im Obergeschoß zu führen, aus dessen Fenster man die Landstraße sehen konnte. In diesem Zimmer standen mit altmodischen Kleidern und merkwürdigem Schuhwerk angefüllte Schränke: es war Großmutters Garderobe.

Man erzählte sich, daß Sergej Sergejewitschs Mutter, Fedossja Alexejewna, von ihrem Mann in Krutowrag verlassen, Tag und Nacht vor diesem Fenster gesessen habe; sie sei auch, so vor dem Fenster sitzend und auf die Straße schauend, gestorben.

Sehr traurig war es in diesem hellen, traurigen Zimmer und sehr unheimlich; viel unheimlicher und öder als im großen Keller, an dessen Wänden man noch die braunen Blutspritzer sehen konnte. Das Zimmer, das an Fedossja Alexejewnas Zimmer anstieß, war unbewohnt; man bewahrte die alten Spielsachen der Kinder dort auf.

Durch eine Galerie, die das Haus in zwei Hälften teilte, gelangte man in das geräumige Vestibül im Erdgeschoß und von da aus in einen großen Saal mit zwei übereinanderliegenden Reihen Fenster; zwischen den Fenstern, die auf die Veranda hinausgingen, standen schmale Spiegel.

In ihnen spiegelte sich der Kronleuchter, und sie begleiteten jeden, der vorbeiging, mit ihrem schweren Spiegelblick.

Rechts folgten die innern Wohnräume, an die sich eine in späterer Zeit angebaute Küche anschloß, und links — die Paradezimmer.

Im Salon standen unter den Familienbildnissen L’hombretische, die schon manches wahnwitzige Hasardspiel gesehen hatten.

Hier erschien jede Nacht, so berichteten die Augenzeugen, Sergej Sergejewitschs Vater, Sergej Petrowitsch, ein leidenschaftlicher Spieler, der im Auslande das ganze Riesenvermögen seiner von ihm verlassenen Frau verspielt hatte; er ging von Tisch zu Tisch, klappte sie auf und stöberte unter dem Tuch herum, als hoffe er, noch einen vergessenen Dukaten zu finden.

Aus dem Salon führte man den Gast in die Bibliothek und ins Arbeitszimmer.

Hier in diesem Arbeitszimmer, in die Ecke neben dem Schrank mit dem dunklen astronomischen Globus gekauert, war Sergej Petrowitsch gestorben; vor seinem Tode soll er echte Teufel, das heißt Teufel ohne Schweif und Hörner, gesehen haben.

Obwohl niemand außer Sergej Sergejewitsch etwas Sicheres darüber wissen konnte — der Vater ließ in seiner Sterbestunde nur ihn allein zu sich kommen —, konnte man die Geschichte von den echten Teufeln ohne Schweif und Hörner in ganz Krutowrag hören, in allen Winkeln und von allen Kreaturen: von dem alten tauben Gemüsegärtner Gordej bis zu der allmächtigen Näherin Anna Fjodorowna Raphael. Der selige Sergej Petrowitsch pflegte nämlich alle einfachen Leute ohne Ausnahme Kreaturen zu nennen.

Nachdem der Gast die Paradezimmer, die zu beiden Seiten eines dunklen Korridors gelegenen Wohnräume in der rechten Hälfte des Hauses und die beiden Keller besichtigt hatte, führte man ihn in das Speisezimmer, wo vor verhältnismäßig kurzer Zeit der Wein in Strömen floß; zu der gleichen Zeit, als im Salon klirrendes Gold mit beiden Händen ausgestreut wurde.

Im länglichen niedern Speisezimmer fanden die Wersenewschen Gespräche und überhaupt alle Erinnerungen ihren Abschluß.

Noch manches andere Interessante und natürlich auch Gruselige erzählte man sich über das Haus.

Darum brannten in allen Zimmern bis spät in die Nacht hinein Kerzen. Das nächtliche Knistern der Parkettböden verbannte aber jeden Schlaf aus dem Hause.

Weiße Säulen, schwer und massiv wie Elefantenbeine, stützten das im Winde klirrende feste Eisendach. Sie allein schienen Tag und Nacht ruhig zu schlafen, ohne sich um all diese Geschichten, um das Grauen, das nachts in den Zimmern herrschte, und um die Fledermäuse, die an ihnen klebten wie die Fliegen an der Kinderfrau Solomowna, zu kümmern. Die alten Pappeln aber, die das Haus überragten, rauschten ständig, ganz gleich ob der Tag windstill oder stürmisch war.

Die Türen stehen bei den Wersenews immer weit offen: jedermann kann zur beliebigen Stunde kommen. Die Wersenews haben ständig Besuch; das ganze Jahr ist wie ein Geburtstag.

Verwandte und Bekannte, Nachbarn und Leute aus der Stadt kommen sehr oft und sehr gern nach Krutowrag. Sie kommen nicht einzeln und nicht in Paaren, sondern mit der ganzen Familie, wie in Großvaters Tagen.

Selbst in Zeiten, wo alle miteinander verzankt waren, verstanden es die Wersenews, sich mit allen gut zu vertragen. Sie freuten sich über jeden Gast.

Gar lustig ging es in Krutowrag zu!

Warum sollte es dort auch nicht lustig zugehen! Die Nacht mit ihren Schmerzen währte ja nicht ewig; es gab ja auch einen Tag! Und was hatte auch schließlich so eine Wersenewsche Nacht mit all ihren dummen Ängsten zu bedeuten?

Jelisaweta Nikolajewna verstand es meisterhaft, ihren Gästen Unterhaltungen und Zerstreuungen zu bieten. Sie war die Anstifterin aller lustigen Streiche und ließ auch ihren Kindern darin volle Freiheit.

Gorik und Buba hatten viele Altersgenossen. Man veranstaltete Liebhabervorstellungen und lebende Bilder, man spielte Scharaden; immer gab es Feuerwerk, Picknicks, Ausflüge zu Wagen und zu Pferde und Bootfahrten.

Wie sollte man sich da fürchten: es war ja zu lustig!

Nur eines fehlte ihnen: ein Aeroplan. Die Wersenews träumten von einem Aeroplan mit der gleichen Sehnsucht, mit der die Gymnasiasten der guten alten Zeit von Amerika träumten. Hätten sie aber wirklich solch einen Aeroplan bekommen, so wäre es wohl um sie geschehen: sie wären dann in solche Höhen, in solche Wolkenmeere emporgeflogen, daß ihnen nur das eine übriggeblieben wäre: ein Ende mit Schrecken!

Sie betrieben alle Zerstreuungen und Belustigungen mit viel zuviel Eifer und Leidenschaft; die Spiele erschienen als wichtige und bedeutsame

Angelegenheiten, ohne die man gar nicht leben könnte, ohne die nur das eine übrigblieb: ein Ende mit Schrecken!

Die Erwachsenen wurden von dieser Lustigkeit angesteckt und waren stets mit den Kindern zusammen. Sie ließen ihnen einfach keine Ruhe. Ganze Tage gingen im Spiel hin.

Gar lustig ging es in Krutowrag zu!

Alle diese Belustigungen kosteten eine Menge Geld und erforderten große Mühe und viele Arbeitshände. Manchmal nahmen sie auch ein schlechtes Ende. Aber jede vernünftige Sache kann zu einem schlechten Ende führen!

Der Gärtner Eduard, den man sich nach Krutowrag aus Riga verschrieben hatte, ein arbeitsamer, zu philosophischen Betrachtungen neigender und kunstfertiger Mann, mußte einen ganzen Sommer lang, statt sein Gärtnerhandwerk auszuüben — die Blumen zu pflegen und Kunstgärtnerei zu treiben —, Abend für Abend Raketen steigen lassen. Er erlangte darin eine große Fertigkeit, aber die Blumen gingen zugrunde. Und was waren das für Blumen!

Es ist noch manches Ähnliche passiert; die Belustigungen kamen gar nicht billig zu stehen!

Nur wenige Abende liefen ohne Feuersbrunst ab.

In den letzten Jahren hatte es so oft gebrannt, daß selbst die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, die scheu über dem Wersenewschen Hause flimmerten, die emporlodernden Flammen

der Feuersbrünste nicht mehr fürchteten. Auch in den Nachbardörfern brannte es in einem fort. Das wurde aber weniger der Unvorsichtigkeit der Wersenews als Brandstiftungen zugeschrieben: es gab ja genug Gesindel in der Gegend und viele reiche Besitzungen.

Man könnte doch meinen, die Wersenews müßten etwas vorsichtiger werden! Wie leicht konnte ein Unglück passieren! Und doch kannten sie kein größeres Vergnügen als Brennen.

Man brannte Raketen und Feuerwerk ab; man legte im Walde Feuer an, um Kartoffeln zu braten oder auch ohne jeden Zweck; in Sommernächten brannten diese Feuer bis zum Morgengrauen; im Garten gab es immer Feuerwerk oder brennende Reisighaufen. Ohne Feuer gab es bei ihnen kein Vergnügen; man vergaß viel eher das Abendbrot als irgendeinen qualmenden und über die ganze Gegend Funken werfenden ›Persischen Blitz‹. Den Blitz vergaß man niemals!

Die Wersenews brannten, wo man nur brennen konnte, und auch dort, wo man es gar nicht durfte. Sie steckten an, was ihnen gerade in die Hände fiel.

Jelisaweta Nikolajewna begnügte sich nicht damit, ihre Kinder zu solchen gefährlichen Spielen zu ermuntern: nein, sie erfand selbst neue Variationen und war die eigentliche Rädelsführerin. Sie benahm sich bei diesen gefährlichen Unternehmungen so kindlich und schelmisch, als ob sie nicht Bubas Mutter, sondern ihre Schwester

wäre; sie stand ihren Kindern in nichts nach und betrieb alles mit dem gleichen verrückten Eifer und komischen Ernst wie sie.

Jelisaweta Nikolajewna konnte niemals ruhig auf einem Platze sitzen: im Sommer gab es jeden Augenblick Liebhaberaufführungen und Feuerwerk, im Winter Abendunterhaltungen und Besuche bei den Nachbarn. Sie machte überhaupt den Eindruck eines höchst leichtsinnigen Menschen. Wenn man aber mit ihr sprach, so konnte man hören, daß sie das alles nur den Kindern zuliebe tat; auch das viele Geld reute sie nicht, wenn sie ihnen damit eine Freude machen konnte.

Sie sprach von ihren Mutterpflichten mit solcher Überzeugung und zeigte darin einen so unerschütterlichen Glauben, daß der sonst allzu auffällige schelmische Ausdruck in solchen Momenten spurlos in der Tiefe ihrer erschrockenen Augen verschwand.

Die Damen aus der Nachbarschaft, die die erstaunliche Gabe besaßen, jeden Unsinn mit den unsinnigsten Einzelheiten aufzustöbern und zu verbreiten und so flink wie die Flöhe in die verborgensten Winkel einzudringen, selbst die bedeutendsten Spezialistinnen auf dem Gebiete des Klatsches und der Intrige, wußten mit ihr nichts anzufangen: man konnte ihr beim besten Willen nichts nachweisen und keinen Roman, in dem sie eine handelnde Person wäre, konstruieren.

Die Kinder waren von Natur aus schwächlich, sie wären wohl dauernd krank gewesen, wenn die

Mutter sie nicht immer zu den ausgelassensten Spielen angehalten hätte. Sie waren wahre Räuber, die Mutter aber eine noch größere Räuberin als sie. Ohne sie würde keine einzige Belustigung zustande kommen und kein Feuerwerk brennen; von ihr ging diese ausgelassene Freude aus, und ihretwegen wäre man am liebsten immer in Krutowrag geblieben; alles war das Werk ihrer Hände, die so klein und flink waren, sich aber auch an ein Ding wie mit Krallen festzuklammern verstanden . . .

Man kann nicht behaupten, daß Sergej Sergejewitsch ungastlich gewesen wäre; im Gegenteil: er freute sich aufrichtig über jeden Gast und bot einem jeden von seinen vorzüglichen Havannazigarren an, mit brasilianischem oder mit mexikanischem Deckblatt — ganz nach Wunsch! Es war aber einmal so eingeführt und konnte anscheinend gar nicht anders sein, als daß die Gäste, die so gern zu den Wersenews kamen, den Herrn des Hauses nach Möglichkeit mieden.

Der Grund war sehr einfach: in Wersenews Gesellschaft war es immer furchtbar langweilig.

Von außen gesehen, waren seine Erscheinung, seine Manieren und Gewohnheiten durchaus normal und in keiner Weise sonderbar oder auffallend; er war ein Mensch wie alle Menschen und schnaufte sogar wie mancher andere mit der Nase: wenn auch etwas lauter als der Krutowrager Adelsmarschall Turbejew, aber doch nicht so laut wie der General a. D. Belojarow. Er hielt viel

auf gute Kleidung und trug sich nicht weniger elegant als der Landrat Pustoroslew, dessen beispiellose Vergeßlichkeit in seinen privaten wie auch öffentlichen Angelegenheiten sprichwörtlich geworden war. Was konnte man von ihm noch mehr verlangen? Aber trotz all seiner Liebenswürdigkeit und Aufmerksamkeit und trotz der berühmten Havannazigarren würde es jedermann vorziehen, vierundzwanzig Stunden lang auf irgendeiner gottverlassenen Eisenbahnstation zu sitzen, als eine Minute unter vier Augen mit Sergej Sergejewitsch zu verbringen.

Er unterbrach seinen Gesprächspartner mitten in einem Satze und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wolle oder nach einem Wort suche, das präziser als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könne, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. Nachdem er den bestürzten Gesprächspartner eine Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in dem einzigen Worte zusammen:

»Teufel!«

›Teufel!‹ klang es zu allen Tages- und Nachtstunden im Hause, im Garten, im Felde, auf dem Flusse, kurz überall, wo Wersenew nur auftauchte.

Wersenew blieb aber niemals der lustigen Gesellschaft fern; es zog ihn immer zu seinen Gästen,

und er folgte ihnen, laut mit der Nase schnaufend, überallhin wie ein Schatten. Von allen vernachlässigt und in den Schatten gedrängt, wiederholte er zu den Klängen der Tanzmusik, zu dem lustigen Lachen und Schreien, zu dem Knistern des Feuerwerks und dem Krachen der Raketen sein einziges, seinen Ärger und seine Ohnmacht zusammenfassendes schwarzes Wort:

»Teufel!«

Alle hatten sich so sehr an diesen Wersenewschen ›Teufel‹ gewöhnt, daß es niemand mehr merkte.

Nur die alte Kinderfrau Solomowna, eigentlich Jefimija Awessalomowna, die den Sergej Sergejewitsch großgezogen hatte, schlug das Kreuz und schüttelte den Kopf.

Wenn in der Küche oder in der Mägdekammer von den Herrschaften gesprochen wurde, tadelten sie weder deren Verschwendungssucht noch die Lotterwirtschaft, sondern nur das eine: daß der gnädige Herr immer den ›Teufel‹ im Munde habe.

Man wußte ja sehr gut, von Solomowna wußte man es, wohin das führen konnte.

»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!« sagte die Kinderfrau, indem sie sich den Mund bekreuzigte und den Kopf schüttelte.

Und alle waren ihrer Meinung; niemand widersprach

ihr, besonders wenn abends davon die Rede war. Der Koch Prokofi Konstantinowitsch spottete nicht, der Kutscher Anton wußte nichts dagegen einzuwenden, die drei Zimmermädchen: Charitina, Ustja und Sanja waren ganz ihrer Meinung, ebenso wie die Wäscherin Matrjona Simanowna und der Bautischler Terenti; selbst der verwilderte Schmied, den man ›Truthahn‹ nannte, der an keine übernatürliche Macht glaubte und selbst eine Art Hexenmeister oder Gott weiß was war, sagte kein Wort dagegen; der schweigsame Lakai Sinowi lächelte nicht, und sein Gehilfe, der kleine Pjotr, wagte nicht zu grinsen; dieser Pjotr glaubte nur an den schrecklichen Wels mit dem langen Schnurrbart, der einmal vor grauen Jahren ein Kalb verschlungen hatte und sich alle zwölf Jahre im Flusse zeigte; beim bloßen Gedanken an diesen Wels zitterte er am ganzen Leibe.

»Auch der selige Herr Sergej Petrowitsch hatte so eine Angewohnheit«, pflegte Solomowna zu sagen, »alle Leute nannte er ›Kreaturen‹. ›Kreatur‹, pflegte er zu sagen, ›komm einmal her!‹ Selbst den Dorfgeistlichen nannte er Kreatur. Die Sünde ist zwar groß, aber doch lange nicht so groß wie die von Sergej Sergejewitsch.«

Sergej Sergejewitsch, dem es unter den Gästen langweilig wurde, kam plötzlich in die Küche oder in die Mägdekammer und stand, schwer mit der Nase schnaufend, da.

Die Dienstboten sprangen erschrocken auf

und erwarteten von ihm irgendeinen Befehl oder auch ein ordentliches Donnerwetter.

Sergej Sergejewitsch stand aber regungslos da, starrte unverwandt auf den verwilderten ›Truthahn‹, der selbst eine Art Hexenmeister oder Gott weiß was war, und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wollte, oder nach einem Wort suchte, das präziser als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könnte, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff.

Nachdem er die bestürzten Dienstboten eine Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in das eine Wort zusammen:

»Teufel!«

»Teufel!« — hallte es irgendwo im Korridor wider, und irgendwo unter dem Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem dunklen Dachboden; das Wort übertönte die Musik, den Tanz, das Lachen, Schreien, das Krachen der Raketen und das Knistern des Feuers.

Die Sterne am Himmel, die trüben Sterne von Krutowrag, die sich an die emporlodernden Flammen längst gewöhnt hatten, blickten unruhig auf das Wersenewsche Haus hernieder.