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Gorik und Buba lernten gut und absolvierten die Schule mit Auszeichnung. Gorik kam auf die Universität und Buba auf die Frauenhochschule.

Der letzte Sommer, den sie in Krutowrag verbrachten, war ganz besonders lustig.

Die Bauernjungen von Krutowrag, die schüchternen: Fischbein, Roßhaar und Schaufel, und auch die frechen: Igonka, Igoschka, Jenka, Jeschka und Jermoschka spielten unter Goriks Anführung ›Expropriationen‹; ein Überfall, den sie veranstalteten, war so täuschend echt, daß die tscherkessischen Flurwächter des Generals Belojarow den Anführer um ein Haar erschossen hätten.

Raketen und persische Blitze stiegen über dem Hause auf im Garten qualmten Reisigfeuer, in der ganzen Umgegend loderten Feuersbrünste, und die Nächte waren stets von unheimlichem rotem Feuerschein erhellt.

Als die Kinder endlich nach Petersburg abreisen mußten, begann auch Jelisaweta Nikolajewna zu packen.

Die Kinder reisten mit ihrer Mutter ab und kehrten niemals nach Krutowrag zurück.

Jelisaweta Nikolajewna erklärte ihrem Mann, daß sie nie wieder nach Krutowrag zurückkommen wolle und daß auch die Kinder niemals zurückkehren würden.

Als sie das sagte, hatte sie nicht mehr ihren

kindlich-schelmischen Ausdruck. Ihr Entschluß war offenbar fest und unumstößlich.

Sergej Sergejewitsch begriff anfangs gar nichts; er wollte nichts begreifen; es war ihm zu peinlich, er wollte sich nicht von seiner Familie trennen, es fiel ihm schwer, ein neues Leben zu beginnen, sich das gewohnte Leben abzugewöhnen und sich in neue Verhältnisse zu schicken; er konnte sich ein anderes Leben gar nicht vorstellen. Die Wersenews hatten ja achtzehn Jahre zusammengelebt!

Er wollte seiner Frau widersprechen, brachte aber kein einziges Wort hervor: statt aller Einwände drang aus seiner Kehle nur ein Röcheln und Pfeifen, und dann folgte sein obligates ›Teufel!‹

Er konnte einfach nichts dagegen tun.

Schließlich wurde er still wie ein Kind, dem man das Hautjucken, das es plagte, besprochen hat, erklärte sich mit allem einverstanden und unterschrieb alles, was man von ihm verlangte.

Auch die Geldfrage wurde leicht und einfach gelöst.

Der Gutsverwalter erstattete einen klaren und erschöpfenden Bericht über die Wersenewschen Verhältnisse und übernahm es, Jelisaweta Nikolajewna auch in Zukunft auf dem laufenden zu halten.

In Krutowrag wurde es auf einmal leer.

Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete sich über die Felder von Krutowrag und lief dann

die Landstraße entlang, bald nach rechts, bald nach links abschwenkend und in jeden Gutshof einkehrend.

Niemand wunderte sich, niemand regte sich darüber auf; es war, als ob alle das Ereignis vorausgeahnt und nur aus Feingefühl geschwiegen hätten, ebenso wie man in Gegenwart eines Schwerkranken von seinem nahen Tode zu sprechen sich scheut.

Das eheliche Zerwürfnis (General Belojarow gebrauchte übrigens einen andern, nicht wiederzugebenden Ausdruck), mit dem man sich den plötzlichen Entschluß Jelisaweta Nikolajewnas erklärte, beschäftigte eigentlich nur ihre ehemaligen Freundinnen, die nun mit ihren heimlichen Verdachtsgründen triumphierten.

»Jetzt ist es klar, daß sie in einen Roman verwickelt ist; natürlich ist es ein Roman, obwohl niemand den Auserwählten ihres Herzens kennt; aber dieser Auserwählte muß doch irgendwo vorhanden sein! Wo käme denn sonst das Zerwürfnis her?«

So urteilten die Damen.

Niemand hatte aber Lust, sich mit der Sache eingehender abzugeben; niemand hatte Lust, seine Nase in ein fremdes Malheur zu stecken; denn man kommt immer besser weg, wenn man sich in solche Angelegenheiten nicht einmischt.

Unruhig rauschte das Korn auf den Feldern, unruhig brauste es im Walde; auch die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag,

flimmerten unruhig über dem Wersenewschen Hause.

Krutowrag war nun leer. Niemand hatte Lust, Wersenew in seiner Einsamkeit zu besuchen.

In den ersten Tagen kamen allerdings einmal drei Damen, die mit Jelisaweta Nikolajewna befreundet waren, zu Besuch. Sie kamen nach Krutowrag, um, wie sie später selbst erklärten, zu riechen, welch ein Wind jetzt dort wehte.

Die Damen fielen über Wersenew her und redeten ihm die Ohren voll, so daß er nicht einmal die Möglichkeit hatte, seinen ›Teufel‹ loszulassen.

Obwohl Solomowna, die diese letzten Gäste hinausbegleitete, ihnen klipp und klar erklärte, daß die gnädige Frau nur die Krankheit des gnädigen Herrn nicht hätte vertragen können und daß sie nur aus diesem einen Grunde abgereist sei, wollten es die Damen doch nicht glauben und hielten hartnäckig an ihrer Ansicht, daß auch ein Auserwählter des Herzens mit im Spiele sein müsse, fest.

Bald darauf ließ General Belojarow, als er bei einer der drei Damen anläßlich einer Geburtstagsfeier zu Besuch war, den bekannten pittoresken, doch nicht wiederzugebenden Ausdruck fallen. Er fügte übrigens beschwichtigend hinzu:

»Alles hat sein Gewicht und Maß.«

Damit war die Sache erledigt.

Von den Nachbarn kam nur der Landrat Pustoroslew

einmal zu Besuch, Er brachte den Agronomen Ratzejew mit, den er aus irgendeinem Grunde als einen berühmten politischen Redner aus Petersburg vorstellte, der Fischleim statt Knochen im Leibe habe.

Ratzejew wand sich tatsächlich wie ein Sterlet, sprach aber während des ganzen Abends kein Wort. Pustoroslew schwatzte dafür ununterbrochen und führte verschiedene Beispiele seiner sprichwörtlich gewordenen Vergeßlichkeit an.

Die Geschichte von seiner Auslandsreise in wichtiger amtlicher Mission erzählte er sogar zweimal: einmal vor und einmal nach dem Abendessen.

Sergej Sergejewitsch hatte diese Geschichte mehr als einmal gehört. Das Ministerium schickte Pustoroslew zu irgendeinem Zweck nach Frankreich: er reiste aber aus Frankreich nach Spanien, aus Spanien nach Italien, aus Italien nach Algier: er ließ sich immer wieder Geld schicken, verbrauchte eine Riesensumme, besann sich aber auf den eigentlichen Zweck seiner Reise erst dann, als er nach Rußland zurückgekehrt war.

»Vergessen können ist eine Gabe der Götter!« sagte Pustoroslew, indem er sein obligates ›gewissermaßen‹ bedeutungsvoll dehnte und mit seinen farblosen Augen, die keine Wimpern hatten und blind zu sein schienen, zwinkerte; er spielte offenbar auf das eheliche Zerwürfnis an.

Ein einziges Mal kam der Krämer Charin zum Tee.

Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über diesen Gast.

Charin saß in dem niedern länglichen Eßzimmer sehr lange am Teetisch. Er sprach von furchtbar gleichgültigen Dingen und blieb, obwohl er sich zum tausendsten Male das Versprechen gegeben hatte, von seiner gefährlichen Angewohnheit zu lassen, immer wieder in seinem ›gewissermaßen‹ stecken, während Sergej Sergejewitsch den bestürzten Gast anstarrte, ab und zu mit der Hand winkte und seine Gedanken in dem Wort ›Teufel‹ zusammenfaßte.

»Die Gewohnheit ist gewissermaßen die zweite Natur!« stammelte Charin. Er war ganz rot geworden, in Schweiß gebadet und so aufgeregt, daß er kaum die Tür finden konnte.

Nur der Geistliche P. Astriosow, der noch immer hoffte, das ›eiserne Bindeglied‹ zwischen den Ereignissen zu konstruieren, kam noch öfters zu Wersenew.

P. Astriosow, der von Natur aus schüchtern war, verlor, sobald er mit Sergej Sergejewitsch unter vier Augen war, jeden Mut. Er rauchte eine der berühmten Zigarren, an denen er allmählich Geschmack gefunden hatte, und parierte den Wersenewschen ›Teufel‹ mit seinem ›Bindeglied‹, das ihm wirksamer als das Zeichen des Kreuzes schien.

»Ja, ja, ein Bindeglied«, sprach P. Astriosow,

indem er die Asche von der Zigarre schüttelte; er tat es, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht und ob er eine Zigarre mit mexikanischem oder mit brasilianischem Deckblatt in der Hand hatte.

Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über den Geistlichen.

Sonst war er aber tagelang allein.

Sergej Sergejewitsch hörte sogar auf, die Kirche zu besuchen; selbst während des Gottesdienstes konnte er sich seiner Redensart nicht mehr enthalten, was bei den Betenden großes Ärgernis hervorrief. Einmal führte es sogar zu einem unliebsamen Auftritt: der Kirchenälteste, Goloweschkin, versuchte während eines Festgottesdienstes an Kaisers Geburtstag den ›Freimaurer‹ zu ohrfeigen. Seit diesem Zwischenfall kam Sergej Sergejewitsch nie wieder in die Kirche.

In seinem Schlafrock aus weißem Flanell, mit der Zigarre im Munde, irrte Wersenew tagelang durch die leeren Zimmer. Die glimmende Zigarre beleuchtete seine eingefallenen trüben Augen und den grün angelaufenen grauen Schnurrbart.

Er hatte nichts, um die Zeit totzuschlagen. Was sollte er tun? Doch nicht mit den Kinderspielsachen spielen! Er hatte sich so sehr an den ewigen Lärm und die lustigen Gäste, an seine Frau und seine Kinder gewöhnt: achtzehn Jahre hatten ja die Wersenews zusammen gelebt!

Oft stand er stundenlang vor der Balkontür und zählte die Krähen, die über den nackten Linden

kreisten . . . Wie viele waren es, und warum krächzten sie so? Oder er ging ins Eckzimmer im Obergeschoß, wo einst seine Mutter Fedossja Alexejewna gesessen hatte, setzte sich wie sie ans Fenster und sah auf die Landstraße hinaus . . . Wohin führte die Straße, und hatte sie irgendwo ein Ende? Oder er hörte dem Rauschen der Pappeln vor dem Hause zu . . . Worüber tuschelten sie? Manchmal saß er im Sessel seines Vaters, vor dem Schrank mit dem astronomischen Globus, starrte auf einen Punkt, vielleicht sogar auf denselben Punkt, wo seinem Vater die echten Teufel ohne Hörner und Schweife erschienen waren, und schlief, im Sessel kauernd, ein . . .

»Teufel!« klang es Tag und Nacht, im Wachen und im Schlafen durch das leere Haus.

Als die ersten Fröste kamen und man die Doppelfenster einsetzte, dichtete man auch die Balkontür mit Werg und Kitt ab.

Nun kamen die dunklen Wintertage und die langen Winternächte.

Im Wersenewschen Hause wurde es noch leerer, leer wie in einem großen Keller.

Wenn er doch wenigstens ruhige Träume hätte.

Einmal träumte ihm, er, Sergej Sergejewitsch Wersenew, Hauptmann a. D., siebenundvierzig Jahre alt, sei gar kein Mensch, sondern krieche als ein böses, rachsüchtiges, giftiges Insekt, eine Art Tausendschwanz, über eine Wiese und klammere sich mit den Beinen an den Grashalmen

fest. Es ist ein kalter Sommermorgen, es beginnt erst zu dämmern, und am Himmel steht ein riesengroßer blasser Mond mit rötlich schimmerndem Rand. Sergej Sergejewitsch Wersenew kriecht als ein Tausendschwanz über das Gras; er weiß, daß es ganz gewöhnliches Krutowrager Gras ist, aber die Halme erscheinen ihm so dick und hoch wie Schilf, das Schilf größer und dicker als jeder Baum und das schwarze Erdreich als ein Haufen von Riesenklumpen. Er hat es so schwer: er muß auf jeden Halm hinaufkriechen, dann wieder hinunter und wieder hinauf. So kriecht er und weiß nicht, wohin er kriecht und warum er dazu verurteilt ist, von Halm zu Halm zu kriechen. Er vergeht vor Bosheit, der Haß vergiftet sein Herz, und er ist so furchtbar müde. Am Himmel steht der riesengroße blasse Mond mit rotglühendem Rand, und es ist so furchtbar kalt.

Er erzählte einmal diesen Traum P. Astriosow. Dieser gab die kurze Deutung: »Das bedeutet, daß ein Witterungsumschlag bevorsteht.« Sergej Sergejewitsch lächelte.

»Mir ist so eigen zumute«, sagte er, »als ob alles nicht echt wäre.«

Ein anderes Mal versuchte er, seinen Traum dem Lakai Sinowi zu erzählen; er blieb aber mitten im Satze stecken und zischte wie der selige Sergej Petrowitsch durch die Zähne:

»Die Seele haben sie mir gestutzt . . . Teufel!« Und er brach in Tränen aus.

Dem kleinen Pjotr soll er aber gesagt haben:

»Wenn ich doch in Armut, auf einem Strohlager sterben könnte, Pjotr!«

Sergej Sergejewitsch langweilte sich furchtbar.

Wie sollte man sich ohne Beschäftigung und ohne Gäste an trüben Wintertagen nicht langweilen?

»Der Herr hat oft Angstzustände«, meldete Solomowna dem P. Astriosow, als er um die Weihnachtszeit mit dem Kreuz ins Haus kam. »Früher hatte er vor nichts Angst, jetzt kommt er aber jeden Abend zu mir in die Mägdekammer gelaufen und zittert vor Furcht: es ist ihm immer, als ob jemand neben ihm stünde. Auch wartet er immer auf Gäste; er glaubt, daß jeden Augenblick Gäste kommen werden! Oder er sitzt da und weint.«

Nach Neujahr beichtete Solomowna dem Geistlichen, daß sie böse Träume gehabt habe: in der Christwoche hätte sie Blei gegossen und sonstigen Zauber getrieben, und darum wären ihr die bösen Träume gekommen.

Träume, die man in der Christwoche hat, sind immer prophetisch.

Bald träumte ihr, sie wischte den Boden auf; es ist aber nicht gut, wenn man im Traume den Boden aufwischt. Bald träumte ihr von einer Feuersbrunst: das Haus brennt, man hat schon alle Balken und Bretter herausgebrochen und nimmt den Ofen auseinander; vom Feuer ist aber nichts zu sehen.

»Zwei Männer machen sich am Ofen zu schaffen,

und ich frage sie: ›Was ist denn los?‹ Und sie antworten: ›Wir wissen nichts, Solomowna!‹«

Den schlimmsten Traum hatte sie aber in der Neujahrsnacht.

Es träumte ihr, sie käme in den Saal herein und aus der Balkontür träte ihr der selige Sergej Petrowitsch entgegen; er war nicht allein, sondern befand sich in Begleitung eines uralten Mannes; sie hätten die Balkontür hinter sich fest zugeschlossen und wären geradeaus ins Arbeitszimmer gegangen, sich wie Blinde an den Wänden entlangtastend.

P. Astriosow hatte aber für die Träume der Kinderfrau wenig Interesse: sein eigener Neujahrstraum saß ihm noch im Nacken.

P. Astriosow hatte sieben Kinder: der Älteste war schon Küster, und das jüngste ein Säugling. Im Traum war es aber umgekehrt: der Älteste war ein Säugling und lag in den Windeln, und der jüngste war Küster und hatte einen langen Bart.

»Ja, ja, das Bindeglied!« sagte der Geistliche, indem er von Solomowna den Sack mit den Neujahrsgeschenken entgegennahm.

In den Feiertagen war es gar nicht lustig.

Auch in der Küche herrschte eine gedrückte Stimmung. Man sprach im Flüsterton, als ob ein Schwerkranker im Hause wäre.

Es war noch immer die alte Gesellschaft: der alte Koch Prokofi Konstantinowitsch, der Kutscher Anton, die Wäscherin Matrjona Simanowna,

der Bautischler Terenti, der Schmied ›Truthahn‹, der Lakai Sinowi und sein Gehilfe, der kleine Pjotr. Sie saßen im Kreise um Solomowna und tranken Tee. Nur die Stubenmädchen fehlten: Charitina war mit der gnädigen Frau nach Petersburg gegangen, und Ustja und Sanja hatte man gekündigt.

Beim Teetrinken gedachten sie der alten Zeiten, sprachen von allen Wersenewschen Angelegenheiten und äußerten Bedenken wegen des gnädigen Herrn, mit dem es doch früher oder später ein schlimmes Ende nehmen werde.

»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!« sagte Solomowna gähnend. Sie bekreuzigte sich den Mund und schüttelte den Kopf.

Sergej Sergejewitsch, der den ganzen Abend durch die Zimmer gewandert war, kam plötzlich in die Küche und blieb, schwer mit der Nase schnaufend, vor den bestürzten Dienstboten stehen. Er starrte auf den verwilderten Truthahn und verzog das Gesicht, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. Dann winkte er mit der Hand ab und sagte:

»Teufel!«

»Teufel!« hallte es irgendwo im Korridor wider und irgendwo unter dem Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem dunklen Dachboden; das Wort flog auch in

den Garten hinaus und umkreiste die weißen Säulen.

Den Weihnachtsfrösten folgte plötzliches Tauwetter. Am Vorabend des Dreikönigstages fing es wie im Frühling an zu tröpfeln, und der Weiher im Garten wurde gelb.

Es war wie der Hauch des Frühlings.

Sergej Sergejewitsch sah den ganzen Tag unruhig zum Fenster hinaus. Er machte auch die Balkontür auf, stand lange in der offenen Tür und horchte hinaus. Den ganzen Tag konnte er keinen Augenblick ruhig sitzen und irrte von Zimmer zu Zimmer. Am Abend, als man in allen Zimmern Licht machte, wurde er noch unruhiger.

Draußen taute der Schnee, und die Tropfen prasselten von den Bäumen auf das Dach wie ein Herbstregen gegen die Fensterscheiben.

Nach dem Abendtee ging Wersenew hinauf. Eine Zeitlang hörte man nichts von ihm.

Solomowna ging unten von Zimmer zu Zimmer, flüsterte Gebete und malte Kreidekreuze über die Fenster und Türen.

Sergej Sergejewitsch saß oben im Eckzimmer und blickte hinaus.

Die sternlose Nacht verdeckte die Landstraße; er sah nur die nackten Baumäste vor dem Fenster im Winde beben.

Sergej Sergejewitsch saß lange da und starrte, ohne an etwas zu denken, zum Fenster hinaus.

Und plötzlich hörte er fern auf der Straße ein

Glöcklein tönen. Er sprang auf. Das Glöckchen tönte. Er kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu. Das Glöckchen tönte noch immer. Er wollte hinunterlaufen, Sinowi, Solomowna, den Kutscher und alle Dienstboten zusammenrufen. Und das Glöckchen hörte nicht auf zu läuten.

Und plötzlich kam ihm das Eckzimmer verändert vor: an der Stelle, wo der Spiegel hing, gähnte eine offene Tür. Er trat in diese Tür, und sie schloß sich sofort hinter ihm.

Es war ein unendlich langer Korridor. Es kam ihm vor, als habe er das alles schon einmal gesehen, die vielen Marmorplatten mit erhabenem Ornament, den Mosaikboden aus weißen und roten Steinen. Es war heiß, schwül und feucht.

Er ging durch den Korridor und wußte, daß er ihn zu Ende gehen müsse. Und als er das Ende erreicht hatte und eine reichverzierte Tür aus getriebenem Eisenblech öffnete, sah er sich vor einer zweiten Tür. Er machte auch diese Tür auf. Dann kam eine dritte Tür. Und so folgte eine Tür auf die andere: wenn er die eine öffnete, so war gleich eine andere dahinter. Und wie er so immer weiterging und eine Tür nach der andern aufmachte, sagte ihm das Gefühl, daß er wenigstens einen Augenblick stehenbleiben oder sich umschauen müsse, daß er sonst verloren sei. Er konnte aber weder stehenbleiben noch den Kopf heben, noch zurückblicken; es war ihm, als ob ihn jemand führte und ein anderer ihn von hinten vorwärtsstieße.

Und als er endlich ganz bestürzt, sinnlose Worte stammelnd, lachend und schimpfend, die letzte Tür aufmachte — er glaubte, daß es die letzte Tür sei —, hatte er plötzlich das Gefühl, als ob man ihn mit irgendeinem spitzen Gegenstand in den Rücken stieße, und er fiel hin. Im Fallen sah er, wie die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, immer greller leuchtend und wie von einem Sturmwind getrieben, ihm entgegenflogen. Es war aber umgekehrt: die Sterne standen still, und er flog, von einem Sturmwind erfaßt, ihnen entgegen . . .

»Ich malte Kreidekreuze über die Türen und Fenster«, berichtete später Solomowna, »als mich plötzlich Sinowi rief der Viehwärter Nasar sei gekommen, um etwas Weihwasser vom Dreikönigstag zu holen. Wie ich in die Küche hinausgehe, höre ich plötzlich, wie jemand die Balkontür zuschlägt. Und da denke ich mir: wie leicht kann da ein Unglück geschehen! Es sind ja unruhige Zeiten, und es treibt sich genug Gesindel herum. Und dann höre ich die Tür noch einmal krachen. Und ich sage zu Prokofi Konstantinowitsch: ›Prokofi Konstantinowitsch‹, sage ich, ›hören Sie es?‹ — ›Ich höre‹, sagt er, ›wie der Wind die Tür zuschlägt.‹ Und kaum hat er das gesagt, als die Tür zum drittenmal kracht; alle Fensterscheiben zitterten, so laut krachte es! Ich renne in den Saal: die Balkontür steht wirklich offen. Und ich rufe Sinowi: ›Wo ist der Herr?‹ Der Herr ist aber nirgends zu sehen. Der Wind weht so stark

herein, daß wir zu zweit die Tür gar nicht zumachen können. Der Wind reißt sie immer wieder auf, er heult im ganzen Hause und bläst alle Lichter aus. ›Gnädiger Herr!‹ schreie ich. Aber er ist nirgends zu sehen.«

Am Morgen des Dreikönigstages fand man Wersenew im Weiher: die Fußspuren führten von der Balkontür direkt dorthin.

Der Böse hatte ihn wohl verwirrt. Er war nachts zum Weiher gegangen, und das Eis war unter ihm gebrochen. Bis an die Brust war er in den Schlamm eingesunken, und während der Nacht hatte es ihn noch tiefer hereingezogen. So war er in seinem weißen Schlafrock, stehend, den Kopf im Schnee, erfroren.

Natürlich wurde sehr viel darüber geredet; ganz Krutowrag war in Aufruhr. Aber vom Gerede wird man ja nicht satt!