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Alle diese Ereignisse, die sich innerhalb nur eines Monats abgespielt hatten, wurden natürlich in der ganzen Gegend viel besprochen, und das alte Gerede lebte wieder auf »Da geht es nicht mit rechten Dingen zu!« — erklärte man sofort nicht nur auf dem nahen Gute Kostomarowka und dem etwas weiter entfernten Britany, sondern auch in Motowilowka und selbstverständlich auch in der Stadt. Was? Wieso? Warum? Und es ging los. Die ganze Geschichte von ›Gottessegen‹ und das ganze Leben der Suchotins wurden haarklein untersucht und kommentiert, alle Großmütter und Großtanten wurden zitiert, und selbst solche Ereignisse, die sich entweder gar nicht, oder jedenfalls nicht bei den Suchotins, sondern, sagen wir, bei den Muromzews zugetragen hatten, wurden erörtert. Und alle Geschichten, jeder Klatsch kam wieder ans Licht: seht nur, meine Herrschaften, urteilt selbst! Uns war ja alles schon früher bekannt!

Aus irgendeinem Grunde klammerte man sich an jenen geheimnisvollen General, den Jugendfreund

Pjotr Nikolajewitschs, der seinerzeit, Gott weiß warum, aus ›Gottessegen‹ geflohen war. Und alle waren darin einig, daß der General alles wisse und jede Aufklärung geben könne. Wie soll man ihn aber finden? Jemand sagte: den Perewerdejew kennt ja ganz Petersburg. Folglich ist er in Petersburg? Gewiß! Der Gouverneur fragte also dringend in Petersburg an. Die Antwort traf, wie ich glaube, noch am gleichen Tage ein: in Petersburg gebe es General, soviel man wolle, und selbst mit solchen Familiennamen, die man in Damengesellschaft gar nicht aussprechen könne; ein Perewerdejew sei aber unbekannt. Sollte vielleicht ein General Perewersew gemeint sein?

Und während man Nachforschungen nach einem General Perewersew anstellte, verrichtete ein eiserner Jemand gelassen und sicher sein sicheres Werk, ohne jemandem Rechenschaft darüber abzulegen; ein gnadenloser jemand näherte sich in Siebenmeilenstiefeln aus weiter Ferne, um Gericht zu halten.

Ohne Alexandra Pawlownas Leitung mußte die Wirtschaft in Unordnung geraten; sie spannte ihre letzten Kräfte an, um die alte Ordnung aufrechtzuerhalten und für den Mann und die Tochter zu sorgen: für den Mann, dem zuliebe sie das große Opfer gebracht hatte, und für die Tochter — der sie jetzt ihre ganze Ruhe zu opfern bereit war.

Hatte sie sich nicht verrechnet, als sie in ihrem Gebet die drei älteren Kinder opferte und Sonja

vergaß oder vielmehr absichtlich verschwieg? Warum verschwieg sie Sonja? Hätte sie das nicht getan, so wären vielleicht alle vier verschont geblieben. Und wenn alle vier gestorben wären? Nein, das könnte nicht sein: sie hätte ja alles geopfert, und wer alles opfert . . . Warum hatte sie dennoch nicht alle geopfert? Diese Frage zermarterte ihr Hirn und ließ sie nicht mehr los.

Und wenn jetzt auch Sonja stirbt? Sie sagte ja eben, daß sie alles opfern möchte; also auch Sonja? — diese Frage machte sie erschaudern. Sie war wie von Sinnen.

»Sonja, Sonja! Wo bist du?« Jeden Augenblick sah sie sich unruhig nach ihrer Tochter um, obwohl diese nicht von ihrer Seite wich.

Zu den quälenden Gewissensbissen und der Sorge um die einzige Tochter gesellte sich noch die Sorge um den geliebten Mann, dessen Leben mit dem Leben dreier teurer Kinder erkauft war. Pjotr Nikolajewitsch war ganz heruntergekommen und verließ sein Zimmer nicht mehr; er konnte nur mit Mühe seine Beine schleppen, sein Gesicht war blau angelaufen, seine Haare klebten am Schädel, und seine welke, blasse Haut schien ganz lose am Körper zu hängen.

In allen Zimmern verbreitete sich plötzlich ein übler, dumpfer Geruch.

Das Haus war alt und beherbergte eine Menge Ratten, — ganze Generationen hausten unter den Dielen. Es kam vor, daß irgendeine uralte Ratte verendete; der unerträgliche Geruch rührte wohl

von einer solchen toten Ratte her. Zu einer andern Zeit hätte Pjotr Nikolajewitsch sicher die Stelle gefunden, man hätte ein Dielenbrett aufgebrochen und den Kadaver entfernt; er kümmerte sich aber nicht mehr darum.

Allen, die jetzt noch nach ›Gottessegen‹ kamen, war es klar, daß es unmöglich so weitergehen könne, daß früher oder später irgendein Ende, ganz gleich was für eines, kommen müsse. Und alle warteten gespannt auf das Ende. Drei Tage und drei Nächte wollte man noch warten. Zwei Tage und zwei Nächte waren aber schon abgelaufen.

Am Samstag wurde im Hause eine Abendmesse gelesen. P. Iwan sparte nicht mit dem Weihrauch, und alle gingen mit Kopfschmerzen zu Bett.

»Nachts ließ mich der gnädige Herr kommen«, berichtete später der alte Michej, »und sagte mir: ›Lieber Michej, hole mir bitte gleich einen jungen Hahn um Christi willen! Ich werde dir diesen Dienst nie vergessen!‹ — ›Gnädiger Herr‹, sage ich ihm, ›was wollen Sie mit dem Hahn um diese Stunde? Es ist ja Nacht!‹ Er sagt darauf nichts, blinzelt mir nur so mit einem Auge zu, als ob er sagen wollte: Rate mal selbst, wozu ich ihn brauche! — Ich ging in den Hühnerstall, suchte einen recht schönen, fetten Hahn aus und brachte ihn ihm. Auch ein Messer brachte ich gleich mit. Der Herr nahm das Messer und begann den Hahn zu schlachten; er hatte aber nicht mehr die Kraft, es

ordentlich zu tun, und der Hahn zappelte lange in seinen Händen. Endlich war er mit dem Hahn doch fertig geworden, — eine große Blutlache war auf dem Boden, auch er selbst war ganz mit Blut beschmiert. Das hatte ihn wohl etwas erleichtert. — ›Weißt du, Michej‹, sagte er mir dann, ›jetzt hätte ich Lust, mir eine Leiche anzusehen!‹ — ›Gott sei mit Ihnen!‹ sage ich ihm. — ›Wo soll man jetzt eine Leiche hernehmen?‹ Es überläuft mich ganz kalt, und ich sehe, daß auch der Herr nur so mit den Zähnen klappert. — ›Und wo ist Sonja?‹ fragt er noch und sieht mich dabei so an . . . Bis an mein Ende werde ich daran denken, wie er mich ansah! — ›Im Schlafzimmer‹, sage ich ihm, ›bei der gnädigen Frau.‹ Da beruhigte er sich ein wenig, und ich ging fort und legte mich hin.«

Die Haushälterin Darja Iwanowna erzählte: »Ich erwachte mitten in der Nacht und höre einen Kater miauen. Und ich denke mir: ›Was mag das für ein Kater sein?‹ Ich rufe ihn an, doch er faucht nur so.«

»Einen Hahn haben wir wirklich krähen hören«, bestätigten die anderen Hausbewohner.

Der Hahn brachte Pjotr Nikolajewitsch keine Erleichterung, und es war doch so ein prächtiger Hahn gewesen! Seine Kräfte gingen zur Neige, es war ihm, als ob er ersticken müßte. Er richtete sich in seinem Bett auf und keuchte:

»Alle waren verlorengegangen — Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja! Sonja fehlt noch!«

Das Verlangen, Sonja sofort zu suchen, trieb ihn aus dem Bett und führte ihn aus dem Zimmer. Das Messer noch immer in der Hand haltend, kroch er auf allen vieren ins Schlafzimmer seiner Frau.

Die Schlafzimmertür war nur angelehnt. Vor dem Heiligenbild glimmte ein Öllämpchen. Sonja schlief bei ihrer Mutter, das Gesicht zur Tür gewandt.

»Mein kleines, liebes Hühnchen!« murmelte Pjotr Nikolajewitsch, an das Bett herankriechend.

Sonja schlug die Augen auf und richtete sich auf. Mit Schrecken sah sie den zitternden, blutbefleckten Vater und reckte ihren Schwanenhals.

»Du liebes, kleines Hühnchen!« flüsterte er und bemühte sich, vom Boden aufzustehen.

Und er richtete sich auf.

Der Schwanenhals reckte sich im Schein des Öllämpchens unter dem blitzenden Messer noch mehr. Einen Augenblick noch — und ein kirschrotes Halsband hätte den Schwan erwürgt. Pjotr Nikolajewitsch hatte aber nicht mehr die Kraft. Es gab keine Rettung mehr für ihn. Das Messer entglitt seiner Hand und fiel zugleich mit der Haut, die sich von seinen Fingern loslöste, zu Boden.

Der Alte fuhr zusammen und setzte sich auf den Teppich. Er begann plötzlich einzuschrumpfen. Die Nase, der Mund, die Ohren, alles Fleisch sammelte sich zu dicken Falten, die sich aufblähten

und zerplatzten, und ein dünner, klebriger Brei löste sich von den weißen Knochen und floß zu Boden.

Das Licht des Lämpchens fiel auf einen ganz nackten, blinden Totenkopf; er war weiß wie Zucker und schien zu grinsen. Im gleichen Augenblick wurde die Tür von einem Flammenmeer aufgerissen. Die Flamme warf der Mutter, der besinnungslosen Tochter und dem Totenkopf einen stechenden Blick zu, reckte sich zur Zimmerdecke empor und flog als roter Hahn knisternd durch die Räume.

Das Haus stand in Flammen.