Der Turm
Es ist ungemein schwierig, fast unmöglich, diesen sonderbaren turmähnlichen, innen vollkommen hohlen Bau zu besteigen. Die Stufen sind so abgenagt, daß man stellenweise Schritte von anderthalb Klaftern machen muß. Wir steigen in großer Gesellschaft hinauf, kennen aber einander nicht, wenn wir auch so tun, als ob wir einander durch und durch kennten. Hinunterschauen ist verboten; wer es trotzdem tut — es gab auch solche Helden unter uns —, der ist erledigt: der fliegt kopfüber in den Keller. Niemand hat den Keller gesehen, aber alle wissen, daß er tatsächlich existiert und sehr kalt und finster ist. Endlich erreichen wir die obere Plattform; sie ist fest gebaut, ganz aus Eisen und wird von eisernen Balken gestützt.
Eine Lehrerin — oder Nonne, die früher einmal Lehrerin gewesen ist — steht oben und zeigt jedem von uns durch das offene Fenster die Welt. Sie sagt ausdrücklich:
»Schaut, Kinder, da ist die Welt.«
Wir sehen den Sonnenuntergang, kolossale Häuser, riesenhafte Ziehbrunnen, Feuerwehrdepots und eine Kirche mit hohem Glockenturm; oben am Kreuze der Kirche kleben andere Menschen und betrachten gleich uns die Welt. Die Gefahr ist dort wohl viel größer als bei uns; es ist ganz unverständlich, wie sie sich da überhaupt festhalten können und nicht herunterfallen!
Es ist aber verboten, allzulange auf die Welt zu schauen. Die Lehrerin gibt einem jeden von uns ein Stück Talg. Wir schmieren uns damit die rechten Hüften ein, die Frauen binden ihre Röcke hoch, und nun beginnt der Abstieg: wenn man richtig eingefettet ist, gleitet man ganz leicht den Strick hinab.
»Hier unten gibt es doch sicher alte Fresken?« frage ich meinen Nachbarn, einen alten Mann in Aluminiumstiefeln.
»Ja, der Bau ist alt, sehr alt, stammt noch aus Kains Zeiten!«
Ein altes Mütterchen mit Mäusepfoten bekreuzigt sich.
»Es gibt hier allerlei Heiligenbilder«, sagt sie, mit ihrem einzigen Finger auf die Mauer zeigend, »geweihte und ungeweihte: das ›Waisenkind Jesus‹, die ›Vier Festtage‹ . . .«
Es hängen tatsächlich viele Heiligenbilder an den Wänden, und durch die kleinen, vergitterten Fenster, an denen wir vorbeigleiten, sind Mönche zu sehen.
Am Keller schleichen wir mit größter Vorsicht vorbei, denn wir fürchten hinunterzufallen.
»Wenn aber jemand zu Gott beten will?« fragt die Alte mit den Mäusepfoten.
»Alles hängt von Mirax Miraxowitsch ab«, sagt ein gehörnter junger Mann.
Wir drängen uns zusammen und geben uns Mühe, eine einzige kompakte Masse zu bilden, denn die Rothäute, die in den um den Keller
herum gelegenen Zimmern wohnen, sind erwacht. Da haben sie eben einen Jungen gepackt und weggeschleppt. Die Hühnerfedern, die ihre roten Hüften verdecken, flimmern nur so. Wir werden unser immer weniger, sie aber bilden eine ganze Armee.
»Jetzt sind Sie an der Reihe!« sagt mir halb im Scherz eine kranke Frau mit einer Markttasche in der Hand. Auf der Markttasche ist ein Löwe gemalt.
Ich aber habe nur den einen Wunsch, möglichst tief in die Mitte zu kommen, und beginne schnell zu zählen: ich glaube, daß es mir helfen könnte. Aber meine Beine sind zu einem Stück Holz erstarrt . . .
Sie haben mich schon, ich bin verloren!