Die Zwergin
Wir gehen beide über den Platz an der Frauenkirche, ich und mein Freund, der Hofmusiker im himbeerroten Rock. Ich zeige dem Musiker die Stadt Nürnberg, die Türme, die so schwarz sind wie das schwärzeste Gußeisen, und die lilagrauen, wie mit Asche überpuderten Häuser.
Wir gehen und sprechen miteinander. Es ist mir so lustig zumute, das Herz zittert vor Freude. In mildem, goldenem Lichte strahlt der Schöne Brunnen. Plötzlich besinne ich mich, daß ich nach Hause muß: zu Hause habe ich etwas vergessen, weiß aber nicht mehr, was . . . Ich lasse den Musiker stehen und gehe. Ich gehe aber nicht mehr durch Nürnbergs Straßen, sondern durch die Tawritscheskaja zu Petersburg.
Schon im Vorzimmer höre ich Lärm, Nun weiß ich es: es ist die, der ich erlaubte, eine einzige Stunde in meinem Zimmer zu bleiben; nun sitzt sie immer noch da.
Ich sage mir: ›Ich kann ihr doch nicht ins Gesicht sagen, daß sie fortgehen soll. Ich will es ihr freundlich vorhalten, ich verstehe ja auch freundlich zu sprechen!‹
Ich trete in mein Zimmer, es ist auffallend groß, viel größer, als es in Wirklichkeit ist. Es ist mir aber nicht mehr um das Zimmer zu tun — ich fühle, wie sich mir der Magen umdreht. Es ist ja auch wirklich unerhört: ich hatte es ihr allein erlaubt, und nun sitzen ihrer drei da; sie haben sich auch nicht für eine Stunde niedergelassen, sondern für immer.
Die eine, der ich es selbst erlaubt hatte, schreibt auf meinem Papier; die andere, die ich gar nicht kenne, eine alte Zwergin, liegt auf dem Sofa; und die dritte liegt im Bett, und ich kann ihr Gesicht gar nicht sehen.
»Welches Recht haben Sie«, sage ich, »sich in meinem Zimmer niederzulassen? Ich habe es Ihnen nur für eine Stunde erlaubt, und auch nur Ihnen allein!«
»Wo soll ich denn hin?« sagt der zudringliche Gast, ohne vom Papier aufzublicken.
»Das geht mich gar nichts an! Ich kann es nicht dulden, daß Sie in meinem Zimmer bleiben! Verstehen Sie mich?« Die alte Zwergin aber streckt vom Sofa die Hand aus und packt mich plötzlich am Rockschoß.
»Nun weiß ich, um was es sich handelt!« sagt die Zwergin und zieht mich gehässig zu sich heran.
Der Haß versengt mich, ich will mich losreißen, aber ihre Hand hält mich fest.