Iwan der Grausame
Teils in Reih und Glied, teils einander überholend, voreinander ausweichend und ungestüm vorwärtsdrängend, laufen wir durch die Marossejka zum Roten Platz. Wir eilen alle zur Richtstätte, um die Ankündigung anzuhören, deren bevorstehende Verlesung heute an allen Straßenecken
und in allen Sackgassen bekanntgegeben worden war.
Die Uhr am Spaski-Turm hatte schon zwölf geschlagen, und das Volk strömte noch immer zusammen. Die Richtstätte selbst blieb aber noch frei; einigen Gassenjungen gelang es ab und zu, sich ihrer zu bemächtigen, sie flogen aber zum allgemeinen Vergnügen sofort wieder hinaus.
Mit Hilfe eines mir befreundeten Parkettbohners von der Sazepa kletterte ich auf das Dach der Basiliuskathedrale, von wo aus ich auch das kleinste Detail verfolgen konnte.
Die Menge räusperte sich plötzlich wie ein Mann, wich etwas zurück und entblößte die Köpfe, und auf der Richtstätte erschien ein kleiner Mann in hohem Stehkragen und Smoking; sein Kopf war aber nach Weiberart mit einem Tuch umbunden.
»Es ist der Narr in Christo«, brauste es über den Platz von Mund zu Mund, »das ist er selbst!«
Die Uhr am Spaski-Turm begann wieder zu singen und sang sehr lange: dreizehn.
»Nehmen Sie Platz, meine Damen und Herren«, sagte der Narr, nachdem er sich nach allen vier Himmelsrichtungen verneigte: vor dem Kreml, vor der Moskwa-Vorstadt, vor dem Historischen Museum und vor dem Großen Kaufhause.
Da ich schon saß, aber gegen die Aufforderung nicht verstoßen wollte, rückte ich ein wenig auf
meinem Platz hin und her, als ob ich mich gerade setzte. Alle andern, die unten standen, folgten der Aufforderung bedingungslos und ließen sich, wenn es auch nicht ganz bequem war, augenblicklich auf den Boden nieder.
»Meine Damen und Herren«, begann der Narr nach der Weise des Kirchenliedes, das am Feste der Erscheinung der Heiligen Jungfrau gesungen wird: »Wir alle haben in der Schule die Gebote gelernt, und jedermann weiß, daß es ihrer zehn gibt. Nicht wahr, zehn?«
Die Menge antwortete wie aus einem Munde, wie man bei der Ostermesse in den Kirchen ›Christ ist erstanden‹ ruft.
»Nun sehen Sie es, meine Damen und Herren«, fuhr der Narr in der gleichen Weise fort. »In Wirklichkeit sind ihrer aber nicht zehn, sondern vierzehn. Unsere Väter haben sie vor uns verheimlicht; aber wir haben sie ebenso wie die weisen Väter seit jeher befolgt.«
»Wir haben sie befolgt«, blökte die Menge.
»Nun sehen Sie es selbst!« sang der Narr. »Nach den Berechnungen des Kugelheim von Gustav ist nun die Zeit gekommen, sie vollständig zu verkünden und nicht mehr heimlich, sondern öffentlich zu befolgen. Vernehmt also und schreibt euch in eure Herzen diese neuen Gebote:
Das elfte: Du sollst nicht Maulaffen feilhalten.
Das zwölfte: Du sollst deine Zunge im Zaum halten.
Das dreizehnte: Du sollst ehebrechen.
Das vierzehnte: Du sollst stehlen.«
Der Narr schüttelte sich so vor Lachen, daß das Tuch in den Nacken rutschte; vor dem verdutzten und irre gemachten Volke leuchtete blitzschnell ein Augenpaar auf und erschien das grausame Antlitz des Zaren Iwan.
Die Uhr am Spaski-Turme begann wieder zu singen und sang sehr lange: vierzehn.