Das Krokodil

Unter der ungeheuren Aracee lag Julie wie ein blauer feistgefressener Drache. Sie wühlte sich im schattigen Klee, an der Allee, die sich grell in der Hitze hinwand. Die prallen, lederartigen Blätter des Gewächses deckten sich gleich Ziegeln und aus rosa Blattscheiden züngelten die purpurroten fingerlangen Fruchtknoten, weißgesprenkelt, schleimglänzend, an den Spitzen wurmartig gewunden. Sie zog die Äste zu einem Vorhang vor ihre lauernden, gelbbraunen Augen; sie blinzelte tückisch, machte mit zwei dünnen Fingerchen einen Spalt, sobald Schritte die Chaussee heraufklapperten. Trollte ein Kind vorbei, ächzte ein Weibchen unter seiner Kiepe, Julie schaukelte ein Blatt vor die weiße Nase, leckte über die breit glührotgesäumte Oberlippe, auf der schwarze Härchen standen, wie Grasspitzen auf einer Wiese, leckte das Blattende herunter, um daran zu saugen. Beim harten gleichmäßigen Trampeln stemmte sie den Oberleib auf den Ellbogen hoch; der Männerstock klirrte, schnellend schaukelte der Vorhang auseinander und wiegte sich, durch die schwankende Blätterlücke fuhr auf den gelben Blicken ein giftiger Haß hinter den Wanderer, geschient wie ein Eisenbahnzug. Einen Augenblick, dann spuckte sie die angekaute Pflanzenfaser auf die weißen Kleeköpfe zwischen ihren Händen, wölbte den Mund

breit und „Öh“, ein dickes kehlgequetschtes „Öh, öh“ höhnisch und langgetrieben, wobei sie ihren kleinen Körper verkürzte und den Bauch hervortrieb, blökte hinter dem Gartengitter über den stummen Weg; wer sich umdrehte, sah die beglänzte gummiblättrige Aracee.

Weiß lag auf dem Wiesenhügel hinter der Aracee die zweistöckige Villa mit den grünen Fensterläden, dem geschnitzten schmalen Balkon; Glasveranda rechts und links. Juliens grauer stiller Vater, der Ostindienfahrer und Seelord, der zwanzig Jahre an asiatischen Küsten gefochten hatte, spazierte oben im gelben Khakikleid mit seiner schönen weißhaarigen Schwester; aus grünem Samt war ihr Kleid und ihre fürstlich lange Schleppe, die über den chinesischen Mosaikboden strich. Er hob schwer an seinen langen Knochen und Knien; steif als wenn er einen Türrahmen um sich trug, ging er; die beiden grübelten zusammen in den Gewächshäusern, vor den bläulichen ungeheuren Glasfenstern, stopften Vogelbälge aus, putzten Orden.

Sonntags sprang das kleine eiserne, mit Lotosblumen besetzte Gartentor auf. Zwischen der steinernen Doppelreihe grauer Löwen, die mit riesigen Lappohren wedelten, bewegte sich Julie, um in die Dorfkirche über die steinige Allee zu gehen. Die üppige sanfte Tante wallte träumend unter der warmen

Sonne, Julie neben ihr; schwer wackelte ihr draller seidenverhängter Körper, nach rechts stieg er herunter, pumpte hoch, nach links fiel er und raffte sich. Wie ein Kalb an der Stange, das der Schlächter den Rumpf abwärts auf dem Rücken trägt, die eine Schulter senkend, die andere senkend, so trottete sie, stampfte den Sand. Die schwarzhaarige wilde Julie trug ein blaues Barett mit einer silbernen Feder fest über der quergefalteten Stirn, eine lange breit gebundene Schleife aus dem grünen Samt der Tante fiel hinten über das dunkelblaue Seidenkleid, weiß ihre Schuhchen, weiß die hohe Halsrüsche und die wehenden Spitzen der Ärmel. Aber ein Korsett hatte man nicht um den kleinen Leib gespannt. Es war ihr ganz früh um Weichen und Hüften herumgesprossen, kleine Plättchen in der Haut, Einlagen, die wie Perlmutter glänzten und die man salbte und rieb. Um den weißen, festen, üppigen Leib wuchs es schauerlich mit dicken dunklen Lederschalen, die manchmal blätterten. Gell hatte Julie gelacht, als sie einmal aus dem Bad stieg und ihr einfiel, sie sähe aus wie das Krokodil des Vaters im Gewächshaus. Zu der weißhaarigen Tante, die längst tote Jugendlieben pflegte, watschelte sie, zeigte im blauen Bademantel halbnackt ihre Hüften, jauchzte: „Ich bin ein Krokodil. Ich werde ganz ein Krokodil und freß euch alle auf.“ Die Dame weinte, deckte das Fräulein zu, sie mochte es nicht hören; erinnerte

sich entsetzt, daß Juliens Mutter immer geklagt hatte über den kühlen Seehelden, der Kinder nicht mochte und dem ein Alligator lieber war als eine Tochter. Und als das übermütige Fräulein sich von der grün samtenen Dame losmachte und nacktfüßig auf der Veranda dem Vater, der die Pfeife im Mund sich ein Messerchen zum Präparieren schliff, zustammelte, kichernd: „Ein Krokodil, sieh nur, ich bin ein Krokodil,“ da betastete der gelbe Herr ungläubig die Hüfte, schlug sich vor Vergnügen den Schenkel, umarmte die Tochter, während er das Messerchen aus der linken Hand fallen ließ; er fluchte englisch, küßte sie, sie lachten sich, Hand in Hand gegenüberstehend, an. Der Kapitän bestellte Sekt für den Abend, als wäre ihm heute ein Kind geboren; allein pokulierte er über dem dunklen Dorf, für die Tochter ließ er einen Perlenschmuck kommen. Den Arzt, dazu die zwei Masseusen und die Badefrau schickte Julie, den Perlenschmuck am Hals, an diesem Tage weg. Mit funkelnden Blicken und Gebärden vertrieb sie den behäbigen Hausarzt, der gelehrte Warnungen über den Fortschritt der Krankheit murmelte; er stolzierte hinüber zum Vater; aber als der zwischen dem Rühren und Schäumen seiner Bowle hörte, was Julie gesagt hatte, kratzte er sich dicht vor dem Gesicht des Sanitätsrats den grauen Kinnbart und knarrte ironisch: „Da wird sich wohl nichts machen lassen,“ worauf der Mediziner

heftig mit dem Ebenholzstock aufstampfte und abwanderte über den Hügel.

Wie ein blauer feistgefressener Drache lag Julie unter der Aracee. Eines Tages vor Pfingsten ritt Herr von Wetzling, der Dragoner, mit zwei fremden Kürassieren und vier Damen aus den Nachbarvillen die versengte Allee herauf. Auf seinem schweren braunen Gaul saß er in der lichtblauen Uniform; rosa sein Halskragen; der lange schwarze Degen schleppte zur Linken des Pferdes herunter, verheißend blickte der Dragoner seitwärts und zu den Damen. Die lächelten alle und die Kürassiere schoben ihre blanken Prunkhelme rückwärts, um gut sehen zu können. Zierlich beugte sich der Dragoner seitwärts, sein Pferd sprengte der Kavalkade voraus, durch die rechte hohle Hand, durch den rotbraunen Handschuh sang er leise vor dem exotischen Gebüsch das Lied von Sankt Nikolaus, und seine warmen Augen schimmerten verführerisch. Die Blätter drüben schwankten, der Baum zitterte allgemein, die purpurroten Fruchtknoten schraubten sich höher. Zwei Fingerchen, fünf Fingerchen, zwei Hände, zwei Arme breiteten einen Spalt; ein weißes Kinn, eine weiße Nase, rußschwarze Haarmassen; die Stirn verdeckt und die Augen verdeckt in der grünen Höhle.

Ein frommer Mann war Nikolaus, er führte zwei Reiter auf die Brücke hinaus, breit war das Brückengeländer, schmal war der Weg.

Das Fräulein verschlafen; seufzend und vertrauensselig schwammen ihre Blicke auf den blauen singenden Mann, sie hob das schwere Blatt von der Stirn, durch die Blattlücke zwischen ihren haltenden Armen steckte sie den feinen schwarzüberwolkten Kopf, die gelbe Sonne lag über dem weißen freudigen Gesicht.

Aber als die zwei Reiter über die Brücke trabten, da kniete eine Bettlerin, das schwarze Lumpentuch über den Schultern.

Der Dragoner sah das strenge adlige Gesicht des Fräuleins vor die Blätter sich schieben, hörte zu singen auf; er winkte ihr zu mit seinen Reithandschuhen, denn er kannte sie und sie kannte ihn, und er bat sie, doch herauszutreten, mit ihm im Schatten zu plaudern. Sie lachte entzückt; leise klirrte das Gitter, einem Löwenhund trat sie auf die Schnauze, zerknittert näherte sie sich über den Rasen, tauchte rechts, pumpte links, beide Arme balancierend und grüßend in der Luft vor ihrer Brust. Ob sie ein Drache sei oder eine Schlange, wolle er wissen, und sprang vom Pferd, aber es hieße, daß sie unter der Aracee die Menschen wie ein Teufel belaure, ängstige. Julie, die kleine, stand mit ihm vor dem mächtigen Brunnen, sie stützte sich an dem Zügel des schwitzenden Tieres, strahlte die braunen Wangen des falschen Mannes an, seinen atmenden Brustkorb,

seine langen graden Beine in den schwarzen Schaftstiefeln.

„Ach,“ sagte sie und hörte kaum, was sie sagte, was sie sei, Drache oder Schlange, wisse sie selbst nicht, aber es sei egal, sie belle nur hinter den schlechten Menschen her, damit jeder höre, wer da komme. Der Dragoner löste ihre Hand vom Riemen, drängte das Fräulein gegen das Gitter, so daß es aussah, als suchten sie das Versteck der Aracee; ungerufen klapperte das Pferd neben ihnen.

Auf der Brücke stand die Bettlerin; ein Reiter warf ihr einen Heller zu, der andere nahm ihr das Tuch vom Kopf, da saß ein wunderbares Fräulein darunter, das hob er auf das Brückengeländer.

Aber was hatte das Jungfräulein auf dem Kopf? Unter dem Tuche? Einen Hut aus Zittergras, ganz dicht geflochten.

„Den habe ich nicht,“ lächelte Julie und ließ sich über das Haar streicheln.

Was hatte das Jungfräulein um die Hüften?

„Einen Gürtel,“ sagte Julie.

„Einen Gürtel aus gelbem Marmelstein.“

„Aus gelbem Marmelstein.“ Sie wiederholte gedankenlos. Gegen den lichtblauen Waffenrock drückte sie ihren schwarzen glühenden Kopf. Schamhaft fühlte sie seine Hand an ihrer Hüfte. Da war ein Schlitz an der linken Seite und wie an dem Araceenbaum sperrten seine Finger einen Spalt, zwei Finger,

vier Finger, während ihre Augen fragend in seinen falschen suchten. Breit riß er, seinen Kopf herunterbeugend, in den Stoff hinein. Sie versteckte ihr Gesicht in den Händen.

Das Pferd losgerissen galoppierte auf die Chaussee. Lachend, dankend, winkend, sprengten zugleich die beiden Kürassiere und die vier Damen heran, vorüber.

Das Krokodil, das Krokodil des Dorfes, sie sahen es, Herr von Wetzling hatte es ihnen gezeigt. Er rannte seinem Pferde nach, die Mütze flog ihm im Lauf ab, haschend, winkend rief er gegen das Gitter, er werde morgen das Lied vom Nikolaus, morgen zu Ende singen. Zuckend lag Julie und schrie in ihrem geschlossenen Munde.

Da wohnte am Ende des Dorfes ein völliger Narr mitten im Gehölz, hieß van der Meeren, sollte aus Gent stammen. Er wohnte zusammen mit seinem Sohne, der ein Nichtstuer war und sich auf Landstraßen herumtrieb. Diese wurden im Dorfe dazu verwandt, Schafe zu heilen und Hunden die Ohren zu schneiden. In die Villa des Seehelden war der Alte oft geklettert; Schnecken und Blattpflanzen starben viel und van der Meeren verstand es schnüffelnd, greinend, mauzend, das Zimmer von Menschen zu säubern, und liebevoll mit dem Wasser, den Tieren und Gewächsen umzugehen; war er da, so konnte Wasser, Tier, Pflanze wieder eine Zeitlang

leben. Meeren vermochte beinah jedes verkümmerte Pflänzlein wiederzuerkennen, bediente die jungen und alten Blättlein in gemurmeltem Gespräch: das Wasser sprudelte aus seinem Schlauch gebogen in das Becken. Drückte man ihm Geld in die Hand, so schnitt er eine grimmige Miene, er schwang die Fäuste im Herauspoltern, als ob er Steine wiegte.

In seinem Haus draußen lebte eine schwarze Mutterziege und drei gefleckte Geißen; Finken und Zeisige flogen durch die Fenster; unter den Dachsparren klebten Nester, in den Winkeln der beiden Stuben und der Küche wohnten und sprangen Kaninchen.

An regnerischen Tagen nahm der Alte einen Karren, zog in den dunklen Wald; er suchte gefallenes Wild, tote Vögel, war der Totengräber der Tiere.

Zu ihm schlich Julie, zwei Tage nachdem der Dragoner, die Kürassiere mit ihren Damen über die Allee gesprengt waren.

Van der Meeren hobelte vor seiner Tür grade einen Sarg für eine weiße Katze, die er ersäufen wollte für ihr mörderisches Wesen. Da stellte sich Julie hin und sagte, sie wolle sich in Pension geben zu ihm.

„Wo hast du deinen Vater?“

Julie faßte sich an die Brust, weil der Narr es wagte, sie zu duzen, dann meinte sie ängstlich: „Er jagt.“

„Werden wir schon kriegen.“

„Ich will mich bei Ihnen in Pension geben.“

„Sieh mal an, das Krokodil!“

„Nun ja,“ sagte sie furchtsam aber entschlossen, zog das blaugemusterte Umschlagtuch vom Kopf.

„Haben wohl die Doktorsch und die Mamsellchens nichts ausgerichtet? Wie, he? Kommt dann der Meeren dran. Mag dich nicht.“

Die Späne flogen.

Bettelnd verzog Julie den Mund, faltete die Hände vor dem Leib, während ihr das Tuch über dem Arm hing, trat an den Sarg.

„Mag dich nicht,“ brüllte der Alte über sein Brett, „scher dich weg. Wenn der Herr Vater ein großer Jäger ist, soll er wissen wie es ist, wenn die Hunde kommen und sein Kind beißen.“

Sie weinte und rührte sich nicht.

„Soll ich den Hunden pfeifen?“

Nach einer Weile hob sie den Kopf: „Pfeifen Sie.“

Nun fing das mächtige Hämmern an; harte Buchenstifte trieb er durch das junge Holz seiner Bretter; die Katze, die er erschlagen wollte, ging spionierend über den Dachgiebel und sah rotäugig herunter.

„Ich will in Ihr Aquarium,“ flüsterte Julie, „ich schwöre, ich will Ihnen ganz gehorchen.“

„Solch großes Aquarium haben die Lumpen im

Walde nicht. Muß der Herr Vater selber kommen und eins bauen.“

Aber seine Augen waren milder, so blickte er, wenn er ein Blättchen streichelte.

„Ich will, daß Sie mich ins Aquarium setzen. Wenn ich schon ein Krokodil bin, will ichs auch ganz sein.“

„Bist du trotzig. Sie werden dich zurichten, die Eidechsen, die Molche, die Stichlinge.“

So fein sie war, so merkte sie nicht, daß er spaßte.

„Mich stechen sie nicht. Irgendwohin muß ich doch gehören.“

Er spöttelte weiter, öffnete die Haustür, rief hinein und der junge Tunichtsgut kam.

Schlaff und sanft war der, wie ein kleines Mädchen. Verschlafen war sein Gesicht immer; rotes Haar zottelte in seinen Nacken; einen kurzen Stecken zwirbelte er zwischen drei Fingern und verfolgte im Gehen, wie rasch sich der Stecken drehte. Seine Hände waren rußig vom Herd, in nackten Füßen strich er her, denn er kochte und putzte die Wirtschaft für den alten Meeren.

„Bring eine Leiter, Ziwel,“ brummte Meeren, „das gnädige Fräulein will ins Aquarium.“

Der wurde feuerrot, steckte sein Hölzchen in den Mund; an jeder Seite konnte man darauf blasen: „Ich bring einen Lappen, damit sie durch’s Glas sehen kann.“

„Nichts von Durchsehen. Das Fräulein will hinein.“

Ziwel schwieg darauf eine Weile, probierte die Enden des Steckens. Dann huschte er rasch dicht an Julie, streichelte bewundernd ihre beiden Ärmel und blies, während van Meeren lächelnd einen Kieselstein aufhob, ein langes Lied vor ihren Ohren. Der Kiesel, den van Meeren warf, klappte auf den Nagel an seiner großen Zeh, da hörte Ziwel auf.

„Sie ist keine Wachtel. Wo ist das Aquarium für das Fräulein?“

„So groß hab ich keins.“

Traurig schob Ziwel in das Haus; er dachte, Julie wolle vielleicht ein Glas Milch trinken.

„Wir werden dir einen Bottich bauen,“ sagte sanft van Meeren; „wenn du zweimal mit einem Stein in dies Fenster wirfst, wird Ziwel aufmachen. Dann kannst du schwimmen und dich mit den Fischen unterhalten.“

Zaghaft kam nach zwei Wochen Julie daher. Hinter dem Häuschen im Freien, zwischen einem wüsten Scherbenhaufen und einem Erlengebüsch, stand mit riesiger Öffnung der Bottich, hoch wie zwei Männer, mit Holzlatten umschlagen. Weinend zog Julie um den Bau, van der Meeren schleppte hinter sich die Leiter aus der Küche; da sei kein Taschentuch not und sie brauche nicht zu weinen.

Ob sie die Kleider anbehalten könnte und die Stiefel.

Er pfiff durch die Zähne, sah rückwärts, drohte über die Schulter einem jungen Hündchen. Stiefel und Kleider, die brauche sie für die Eidechsen nicht, die liefen auch über den Sand, wie sie unser Herrgott geschaffen habe, und die Frösche haben nur ihre Haut bei sich. Ein wollenes großes Tuch brachte der Alte ihr, dann schwieg er und betrachtete Julie mit wiegendem Kopf, wie sie ganz bloß oben stand. Er schwelgte: „Ein feines Krokodil bist du geworden. Ei.“ Streichelte ihre Hüften und Lenden und sie weinte.

Als sie drin im warmen Sand, zwischen Laub- und Astwerk lag, rief der Alte am Fenster: „Liegst du schön?“ Und ein paar Stunden später: „Scheint auch die Sonne gut?“ Die Vögel flogen zu ihr herunter. Sie hatte zuerst Angst. Eidechsen liefen neben ihr, die Stichlinge schwammen im Tümpel. Dann dachte sie: „Ich bin ein Krokodil und kann euch alle auffressen.“ Da fürchtete sie sich nicht mehr. Nach einer Weile standen Ziwels rote Haare oben am Rand des Bottichs; sie hatte sich unter ihrer Decke versteckt, ihr war bange, er würde mit einem Stein nach ihr werfen. Aber er schlüpfte herunter.

In ihren Ohren tönte noch grausig das Hufklappern der Kavalkade, Sankt Nikolaus. Wie die Tante in der

Villa sorgfältig alles umstellte, die Türen verhängte, dreifache Vorhänge vor ihrem Bett anlegen ließ, damit niemand ihr Fell sehen sollte. Wie sie sich heimlich gequält in ihr Bett drücken mußte. Sie biß sich auf die Unterlippe, blickte um sich: „Hier wird mich keiner verjagen.“

Sie rief Ziwel. Van der Meeren meldete sich; wenn ihr der Rotkopf lästig würde mit seinem Blasen, sollte sie ihn wegschicken.

Ziwel balancierte mit einem Suppenteller in den Bottich herunter. Der Alte warnte: „Du tust unserem Krokodil nichts.“ Ziwel tauchte die nackten Füße in den Tümpel; die Fische schnappten nach seinen Zehen, als wenn es Köder wäre. Julie lachte. Die Backen blies er auf, hüpfte mit hervorquellenden Augen wie ein Frosch zu ihren Füßen und quakte. Den Teller setzte er sich auf den Kopf, das war ihr Tisch.

Abend um Abend hob sie van der Meeren aus dem Bottich, die Röcke band er ihr im Erlengebüsch. Sanft blies Ziwel oft im Bottich; die Stare und Rotfinken setzten sich im Kreis auf den Bottich und hörten zu. Aber wie es Winter wurde, merkte der Alte, daß das Krokodil schwerer geworden war. Sie seufzte mit, wenn er unter ihrem Gewicht seufzte; zwischen den Erlen fragte er: „Soll dich Ziwel noch bedienen?“ So demütig antwortete sie: „Laß ihn kommen; er soll nur immer kommen.“

Ihr Leib nahm nicht zu an Umfang; sie atmete tief und schwer; nach dem Herzen drängte es ihr herauf. Ziwel kam nicht mehr in den Bottich; der schweigende Alte wälzte ihre hölzerne Wohnung in seine niedrige warme Stube; auch da umschwärmte sie das Getier. Vergeblich rief sie nach dem sanften Rothaar; der mußte immer weg; der Alte brummte, er müsse in den Wald, Tierfallen zerstören, Vögelchen, die aus dem Nest gefallen waren, füttern.

Wie der Seelord den Zobelkragen hochschlug und die Schneeblumen an seinem Fenster mit kleinen Augen bewunderte, knarrte Julie ungeduldig mit ihren roten Schuhen auf dem Teppich, so daß er sich umdrehte. Aber dann fand sie nur den Mut, sich von ihm unter der Drachenampel küssen zu lassen. Der prunkvollen schönen Tante, dieser mochte Julie gern etwas antun; am weißen Winternachmittag saß die Dame großäugig, mit warmen Mienen vor ihrer breiten Kaffeetasse; ein Araceenblatt kaute das Fräulein und erzählte von Ziwel und wie es draußen ginge so schön. Das Fenster mußte Julie bald schließen, laut stöhnte die weiche Dame; in die Tasse, auf das Samtkleid fielen tausend Tränen.

Der Bottich des van der Meeren stand von nun an leer; das eiserne Gittertor öffnete sich nicht mehr für Julie. Sechs und eine halbe Woche vergingen, dann brachte Julie ein totes Kind zur Welt, und niemand wußte davon als die dreifachen schweren

Vorhänge ihres Bettes, die traurige Tante und ein schwarzgekleideter fremder Mann. Als wäre sie sich selbst fremd, lag Julie gewickelt im Bett. Wie sie im neuen Jahr aufgestanden war, schleppte sie sich matt ins Badezimmer, wollte wieder in ein Wasser gehen, Vögel hören, die Frösche springen sehen. Das Fenster öffnete sie. Als sie sich die Strümpfe abstreifen wollte, wurde ihr das Bücken so leicht. Und dann, ach, waren die braunen Schalen um ihren Leib so taubengrau, so dünn geworden; sie konnte sie biegen; sie schilferten wie Fischschuppen. Julie blickte sich um; niemand war da. Das Herz schlug ihr pulsierend in den Hals. Ihre Unruhe, ihre Angst wurde groß. Sie raffte ein unscheinbares Winterkleidchen, zog es an. So schnell stahl sie sich zu Meeren in den verschneiten Wald.

Der Alte schürte sein Feuer am Herd. Als sie mit unsicherer Stimme, zähneschlagend, stammelte, sie wolle wieder zu ihm kommen, in den Bottich steigen, betrachtete er sie aufmerksam. „Warum zitterst du?“ fragte er. Sie nahm sein großes Tuch. Lange stand sie an der Leiter und beobachtete fiebernd sein Gesicht. Ganz bloß stand sie unten. Aber der gütige Blick kam nicht wieder; sie regnete Schälchen auf den Stufen. Hastig, glühend entglitt sie ihm, kletterte höher. Sie war glücklich: Meeren nahm sie nicht für ein Tier: „Werd’ ich ein Mensch, werd, ich ein Mensch?“

In dem stillen Haus lag sie stundenlang. Der Alte hob sie nicht heraus, sprach nicht. Nach drei Tagen lief sie wieder hin. Ob Ziwel kommen würde? Sie fürchtete, Ziwel könnte kommen. Eng wurde es im Bottich, sie gähnte, die Fische rochen; heimlich schlug sie die Finger um den Rand des Bottichs, konnte sich hochziehen; wie der Alte in den Wald stalpte, stand sie horchend auf der Leiter und war fort.

Und nun kam sie nicht wieder. Sie fürchtete sich vor dem Erlenbusch, daß er sie holen könnte; eine Kette ließ sie am Gartengitter anschmieden, einen bissigen Hund anlegen, daß niemand hinübersteige. Und bald blies Ziwel aus der dichten Aracee; eines Abends kletterte er vor ihr Fenster und blickte traurig durch die Scheiben. Sie stand dahinter. Sie wies ihm beide Fäuste und schüttelte den Kopf. Als er stumm auf dem Sims kauerte, riß sie den Flügel auf. „Ich bin eine Herrin,“ schrie sie; böse war ihr Gesicht. „Du ein Strolch. Dein Vater ein Bettler. Ich werde euch bezahlen. Was willst du?“ Als er wehmütig eine Hand nach ihrer Schulter bog, stieß sie ihn vor die Brust, daß er in den Kies stürzte. Die Dogge schlug vor ihm kurz an, kuschte vor Ziwels Hand.

Nun kutschierten die feinen Kaufleute mit ihren Stoffen täglich vor die Villa des Seelords. Französische Tänzerinnen kamen aus der Stadt und schwebten mit Julie durch leere Säle; man hörte

ihre Füße und Julies Füße nicht auf dem Boden. Weit offen stand das Gartentor; das Gitter breit durchbrochen zur mächtigen Auffahrt zwischen Beeten, Bäumen und chinesischen Fabeltieren. Und niemand von allen Villenbewohnerinnen trug sich bei den Festen so hochmütig wie Julie, stieg so kühl in den Wagen zu Ausflügen, drehte sich so unberührbar im Tanze. Ein rehbraunes Kleid mit Gold gestickt hatte das zierliche Fräulein eines lauen Frühjahrabends an, die pfaugraue Schärpe fiel seitlich bis an den Käferschuh. Herr Wetzling, der Dragoner in lichtblauer Uniform, wickelte die Schleife um seinen Arm, damit er nicht darüber stolpere; unter der Aracee setzte er ihren Schuh vor seinen Mund, damit er den Käfer nicht zerträte. Dann hielt sie der Dragoner unter den Gummiblättern in den Armen und sie knisterte darin und dachte an nichts, er war so fröhlich. So glühend wie Pechfackeln brannte es aus ihren Augen gegen ihn; Julie lohte, wie eine Flamme, die trockenes Gebälk ergriffen hat und durch die der singende Wind streicht; ihr Leben lang, kam ihr vor, war sie nichts bis zu diesem Augenblick.

Die Felder, Wiesen und Berge nahmen Tag um Tag an ihrem Übermut teil. Sie hatte einen Schimmel und ritt auf die Jagd. Der Seelord trabte ihnen voran. Hand in Hand, eine rote klingelnde Schnur zwischen sich, ritten der Dragoner und Julie durch

die dämmrige, knackende Schonung; dahinter fremde Herren und Damen. Die Damen zwitscherten und jauchzten von ihren hochbeinigen Pferden.

Als sie einmal über eine sumpfige Wiese setzten, kreischte eine Männerstimme hinten. Der rotverknüpfte Schimmel und Rappen hielten und machten kehrt; es trabten langsam zwei Damen näher, trieben zwischen sich etwas Menschenähnliches, das sich wand und oft auf den Rasen schlüpfte, ein Peitschenband um den nackten verbrannten Hals. „Der Rotkopf, der Rotkopf,“ lachten sie und verdrehten falsch die sanften Augen zueinander und zu Wetzling, „wir haben ihn gefangen, den Wilderer, den Fallensteller.“ Wie die Pferdepaare Kopf an Kopf rieben, kroch der Rothaarige am Boden, so daß sich die Reiterin ihm nach krümmen mußte; sie rief, schräg liegend: „Was wollen wir mit ihm machen? Julie!“

Das kleine Fräulein im schwarzen Jagdkleid schwankte blutlos auf dem Pferde, plötzlich zuckte ihr Tier hoch mit dem Kopf, schlug mit den Hinterbeinen aus, die rote Leine zu dem Rappen riß; der Schimmel galoppierte mit Julie tobend, graswerfend in den Wald. Am Rand des Waldes hörte sie den verwehten jauchzenden Aufschrei; Ziwel hatte die Dame vom Pferd gerissen; mit der Peitsche auf dem Rücken rannte, kroch, sprang er über das Gras, in ein Kohlfeld; die Damen standen vergnügt um das strampelnde Fräulein.

Als am Abend Wetzling sporenklirrend in die Villa kam, stellte sich ihm Julie mit finsterem Mund auf der Treppe entgegen; er strich ihr bedauernd das schlaffe Händchen. „Einen Spaß,“ sagte er, „haben sich die Damen gemacht. Sie haben den Sohn deines Wunderarztes ausfindig gemacht, den Strolch. Er soll dich verehren. Sie wollten dich damit necken; nichts als necken, Julie.“

„Er soll mich verehren.“

„Du weißt es nicht. Er trägt ein Beutelchen auf der Brust. Sie haben es gesehen. Aber ich sage dir nicht, womit das Beutelchen gefüllt ist.“

Sie antwortete nichts. Mit ihren Schuppen war das Beutelchen gefüllt. Er legte einen Arm um ihren Leib, sie duldete es; als sie nach oben stiegen, fühlte sie staunend, erschreckt, wie er ihr mitleidig eine Wange strich.

Wetzling war ein Sammler von Perlen; die bleichen Ketten seiner Mutter hängte er um Julie. Wetzling hatte englische und französische Pferde; die leichtesten führte er in Juliens Stall. Julie war wie Eisen heiß; die Kühle von Wasser schenkte sie Wetzling; sie konnte bei Tag und Nacht wispern vor Verlangen, Stummheit; die unfaßbare Leere einer Sandwüste: damit kleidete sie sich für ihn. Die schöne prunkvolle Tante wandelte hoheitsvoll neben dem Fräulein durch die Villa. Ohne zu reden trug sie nach und nach jede Erinnerung an

Juliens Jugend aus den Zimmern; kehrte Julie zurück vom Ritt, dem Spaziergang, dem Kirchweg, immer fehlte etwas, eine Decke, ein Bild, ein Kasten, ein Teppich, war ersetzt durch ein Neues. Die Dame nagte an dem Haus.

In den Vorgarten an den exotischen Baum zerrte der Dragoner einmal seine Geliebte; auch er war ernster geworden; er seufzte: „So still und fremd bist du; warum? Was tu’ ich dir?“

Sie fragte zurück: „Hast du Auftrag gegeben, die Bäder, die Wannen und Salben aus meinem Zimmer zu schaffen?“

„Nein, nein. Aber du brauchst die Bäder und die Salben nicht mehr.“

„Ich kann so springen. Aber sie stören mich nicht. Sie können da stehen.“

„Du bist schön, die schönste von allen. Ich will dich nicht erinnern lassen an die Zeit, wo du leidend warst.“

„Wo ich nicht schön war. Herr Nikolaus, meine Hüfte ist nicht mehr aus Marmelstein.“

„Wir wollen gut zueinander sein.“

„Willst du aufhören zu sprechen. Glaubst du, daß ich ein Wort davon höre. Du kannst noch eine halbe Stunde sprechen.“

„Julie, ich will gut zu dir sein.“

„Willst du etwa sagen, daß du mich gesucht hast.“

„Ja.“

„Mach deine Brust auf, zeig deine Brust. Was trägst du da, zeig es mir.“

„Nichts, Julie.“

„Nichts, kein Beutelchen! Nein, wahrhaftig nicht, kein Beutelchen!“

Julie sperrte ihre Tür ab. Sehnsüchtig sah sie zum Fenster herunter auf den Araceenbaum. Voll Angst erwartete sie den Bräutigam: „Was werdet ihr mir heute tun? Was wirst du mir heute tun?“ Sie hängte sich an seinen Hals: „Laß mich bleiben wie ich bin. Laß mich nicht werden wie früher.“

Sie weinte und küßte ihn. Er fragte: „Was fürchtest du, Julie?“

Sie strömte Tränen: „Ich muß wieder unter die Aracee.“

Und nach zehn Tagen zog sie in das stockdunkle Haus die Tante auf ihr Zimmer; eine Kerze trug Julie, ein kleines brennendes Licht vor sich. Der Bräutigam stieg hinter ihnen. Von dem Bett waren die dreifachen schweren Vorhänge gerissen, blütenweiße neue, mit Bändern geziert hingen an ihrer Statt. Die Kerze fiel Julie aus der Hand und zersprang. Sie schrie und schrie, daß die Tante davon lief im Finstern.

„Meine Vorhänge, meine Vorhänge? Herr Wetzling, wo stehen Sie?“

Die Tante erschien mit einem Licht.

„Sie fürchten sich vor meinen Vorhängen, vor

meinen Salben, Herr Wetzling. Und meine Bäder mögen Sie auch nicht leiden. Dann will ich Ihnen etwas anderes melden. Hebe das Licht höher, Tante, damit er mir auch gut ins Gesicht sehen kann.“

Sie drehte sich um und zerrte die Bänder aus dem Bettvorhang und zerkrallte sie. Sie biß wie eine Rasende in die weißen Betttücher: „Ich schäme mich nicht, nein ich schäme mich nicht. Ich will mich nicht schämen brauchen.“

Sie brüllte, über dem Bett liegend; ein Schuh fiel ihr ab.

„Wo ist mein Kind? Wer hat mein Kind begraben?“

Der Freiherr zitterte mit den Lippen, die Tante drehte sich gegen die Tür.

„Wissen Sie nichts von meinem Kind? Man hat es ihnen nicht gesagt? Ich bin ein Krokodil und habe eins geboren. Mein Mann ist Ziwel, der rote, das ist mein Gemahl. Wissen Sie’s nicht? Wissen Sie’s jetzt?“

Die Tür schlug ein; man ließ sie im Finstern arbeiten.

Im Garten kroch am regnerischen Morgen eine große Weinbergschnecke über den Kies. Das Fräulein sagte, über die Schnecke gebeugt, auf den Knien: „Wenn man mich sticht, geh ich in mein Haus zurück; sonst krieche ich wie du. Man kann meine

Spur sehen; jeder, der will, kann sie sehen. Schneckchen, wir dürfen uns nicht beschämen lassen. Wir sind keine Diener.“ „Ach,“ flüsterte sie nach einer Weile, streichelte an sich herum; sie war vom Wasser begossen, „mein süßer süßer Leib, ich bin froh, daß ich dich habe. Ich laß dich von keinem beschmutzen, und wenn ich auch noch Schuppen hätte. Es geht keinen was an. Wo kriechen wir hin, wir beide, mein süßes Schneckchen, mein feines Herrchen, mein schnupperndes Tierchen. Wohin, wohin.“

Die Schnecke kroch unter den Baum, die Aracee, blieb da. Julie glühte und jammerte, warf sich in den Klee, zog die Gummiblätter über das Gesicht.

Am Mittag hörte der Regen auf. Den steinigen Weg herauf ratterte ein kleiner tropfender Wagen. Vor dem Baum hielt er; eine tiefe Stimme: „Hier stinkt es. Ziwel, halt an.“

Eisen klapperte, Meeren nahm seine Schippe über die Schulter, stieß ohne zu klingeln das Gartentor auf. Mit dem Fuß klopfte er an das Knie des Fräuleins am Boden: „Wer fault hier bei lebendigem Leibe. Ziwel, komm greif zu.“

Zwei Hände faßten Julie unter den Kopf und die Schulter, zwei an den Beinen. „Wir wollen sie begraben.“ Sie schleppten Julie auf den harten Wagen. Julie blinzelte, ob die Dogge die Männer beißen werde; aber das gelbe Tier sprang vor die Deichsel und ließ sich anspannen. Im Wald, wo sie die Blätter

beiseite schippten, winselte sie: „Ich will nicht. Ich will nicht begraben werden.“

„Was willst du denn,“ schrie Meeren grimmig „glaubst du, du hältst uns zum Narren.“

„Ich will leben,“ flehte sie, „bitte, bitte.“

Er schleuderte ihr die Schippe vor den Leib. Er schimpfte in seinen Bart. „Das weiß ich nicht, ob sich sowas wie du noch brauchen läßt zum Leben.“

Ziwel verkroch sich unter einem Haufen von Laub. Klein lag Julie neben dem angestochenen Grab. Der Alte schrie, ihr die Faust ins Gesicht steckend: „Wenn du nicht Mist schlucken kannst, können wir dich nicht brauchen.“

Sie warf sich und heulte. Er krümmte sich nach der Schippe. Sie bettelte: „Ich kann Mist schlucken.“

„Wenn du rohe Kartoffeln und rohe Rüben essen kannst, kannst du bleiben.“

„Ich kann essen.“

Sie warfen Julie auf den Wagen, fuhren nach Hause vor das Erlengebüsch. Sie half den Bottich zerschlagen, machte Feuer für Ziwel und den Alten.

Sie schluckte, was man ihr gab, brach, hungerte, aber wehrte sich nicht. Es war genug, daß sie leben blieb. Dann nähte sie aus alten Fellen und Säcken ein Kleid; ihr eigenes, aus rosa Seide, steckte sie in den Herd.

Die Tage gingen vorbei, die Wochen.

Sie diente den Männern und Tieren. Ziwel blieb

gut zu ihr, sie verlangte nur den sanften Blick des alten Meeren wieder.

Die Kastanienblüte war zu Ende, überall lagen die weißen Blättchen auf den Wegen, bald mußte der Flieder kommen. Da ritt der alte Seelord auf schwerer brauner Stute hinüber in den Wald, ein Junge barfuß neben ihm mit einem Zobelpelz. Vier Tage wohnte der steife Mann in dem Häuschen des Meeren, bis ihn die Gicht in der Schulter und den Zehen zu heftig stach. Als am Morgen der Regen über den trüben Tümpel strich und Rauschen, Tropfen und Plätschern unter den Bäumen nah und fern zu hören war, half ihm Julie, mager, sonnengebräunt, klein und barfuß in den Steigbügel, küßte demütig seine geschwollene Hand am Hals der Stute. „Du bist so stolz, Julie, du bist zu stolz,“ sagte er vom Pferderücken herab. „Du bist von meiner Art. Ich hätte es nicht gedacht.“

Er lobte sie und Meeren und den treuen Ziwel. Julie legte den Pelz vor ihm auf den Sattel. Sie winkte hinter ihm her; ihre gelben Augen und ihr gespitzter Mund waren freudig. Die hohe Dogge tanzte um sie. „Hui-ih,“ machte der Wind.

In das Haus, in das Haus.