4. Der Ätzprozeß.

a) Die Bereitung des Ätzwassers.

Es gibt viele gute Rezepte zur Bereitung von Ätzwässern, doch will ich auch hier meinem Vorsatz treu bleiben und einfach nur ein, allerdings wohlerprobtes, Rezept anführen, mit dem der Anfänger, wie auch der Fortgeschrittene für alle Fälle auskommen wird.

Den Hauptbestandteil des Ätzwassers bildet die Salpetersäure. Sie ist in jeder feineren Drogerie in einwandfreier Reinheit erhältlich und gewöhnlich 40 – seltener 42 – prozentig. Diese konzentrierte (rauchende) Salpetersäure sowie auch das aus ihr bereitete Ätzwasser muß unbedingt in Flaschen mit eingeschliffenem Glasstöpsel (sogenannten Säureflaschen) aufbewahrt werden. Aufschriften mit Vermerk des Prozentgehaltes des Flascheninhalts sind zum bequemen, sicheren Arbeiten sehr wünschenswert. Eine in Kubikzentimeter eingeteilte zylindrische Glasmensur dient zu den verschiedenen Messungen, welche zum richtigen Mischen notwendig sind.

Einen zweiten Bestandteil bildet chlorsaures Kali; zum Lösen beider dient abgekochtes oder destilliertes kaltes Wasser. Das Ätzwasser soll nicht mehr als 17 bis 18% Salpetersäure enthalten; ein blankes Kupferblech (unsere Probeplatte) darf bei Berührung mit der Lösung nicht sofort aufschäumen, sondern soll sich bei mittlerer Zimmertemperatur nach etwa 30 bis 60 Sekunden langsam mit Bläschen belegen.

Recht bequem ist folgender Vorgang:

In 100 cm³ reinem (destill.) Wasser werden 2 Gramm chlorsaures Kali vollständig gelöst. In diese Lösung gießt man sehr langsam nach und nach im ganzen 100 cm³ konzentrierte Säure. Hierbei tritt eine Erwärmung des Gemisches ein. Nach dessen Erkalten schüttelt man bei geschlossener Flasche tüchtig um, damit eine recht gleichmäßige Mischung erfolgt. (Die Säure ist schwerer als Wasser und sinkt vor der gänzlichen Lösung darin unter.) Diese Lösung ist jetzt (genau kennt der Händler den Prozentgehalt seiner Säure meistens nicht, und die Anschaffung eines Aräometers ist durchaus nicht notwendig) ungefähr 20prozentig, also wahrscheinlich zu stark. Wir gießen nun in die Glasmensur genau 10 cm³ unseres Ätzwassers und heben mittelst eines Glasröhrchens einen Tropfen Ätzwasser daraus auf die blank gescheuerte und entfettete Probeplatte. Erfolgt nun die Blasenbildung zu bald und zu heftig, dann ist das Ätzwasser zu stark. Wir gießen nun etwa 1 cm³ (destill.) Wasser in die Mensur nach, müssen aber vorerst die Probe wieder mit dem zu prüfenden Ätzwasser auf 10 cm³ ergänzen. Eine zweite Probe auf Kupfer an einer andern Stelle wird schon ein Abnehmen der Energie bekunden. Dies setzt man fort, bis die Flüssigkeit in der Mensur den gewünschten Grad erreicht hat. Wäre dies z. B. nach Zugießen des 3. cm³ erfolgt, so heißt das: 3 cm³ Wasser zu 10 cm³ Lösung gibt den gewünschten Grad oder: 3 Zehntel vom Volumen des Ätzwassers muß noch Wasser zugegossen werden. Hat man nun 200 cm³ Lösung angesetzt, so bedarf sie noch 60 cm³ Wasser, um den erwünschten Grad zu erreichen.

Derselbe Vorgang, nur entsprechend verändert, ist auch angezeigt, wenn man ein zu schwach geratenes Ätzwasser, bei dem es fast gar nicht zu Blasen kommen will, durch Zugießen von konzentrierter Säure verstärken will.

Statt der Probeplatte kann man sich auch eines blanken Probestreifens aus Kupferblech bedienen. Man senkt ihn in die mit dem fraglichen Ätzwasser gefüllte Mensur.

Das chlorsaure Kali ist zur Bereitung des Ätzwassers nicht unumgänglich notwendig, jedoch als Zusatz sehr anzuempfehlen, da das Arbeiten mit einem solchen Ätzwasser infolge der ausgleichenden Wirkung dieser Substanz sehr angenehm und der Ätzeffekt viel harmonischer ist. Die Konzentration des Ätzwassers hat auf den Charakter der Ätzung erheblichen Einfluß, was bei Arbeiten ernsterer Art berücksichtigt werden muß. Für besonders tiefe sammetartige Töne erhöhen wir den Säuregehalt, soweit dies mit Rücksicht auf die Widerstandsfähigkeit des Ätzgrundes zulässig erscheint. Zarte und duftige Partien bedürfen hinwiederum eines stark verdünnten Ätzwassers; selbstverständlich muß mit größerem Prozentgehalt die Ätzdauer bedeutend verkürzt werden, wie sie bei dünnerem Agens entsprechend verlängert werden muß.

Daß Salpetersäure sowie auch ihre Lösungen für Stoffe und dergl. sehr verderblich werden können, daß die Hände vor Berührung mit ihr sorgfältig zu hüten, im andern Falle aber durch sofortiges gründliches Waschen vor schmerzhaften Verätzungen zu retten sind, ist wohl allbekannt. Fällt ein Tropfen Säure auf ein Tuch, so kann unverzügliches Übergießen oder reichliches Betupfen mit gesättigter Sodalösung (Waschsoda) unter sonst günstigen Umständen vor Schaden bewahren.

b) Die Ausrüstung der Platte zum Ätzen.

Es handelt sich nun darum, die radierte Platte für die Ätzung derart auszurüsten, daß zuverlässig nur die Zeichnung der Wirkung der Säure ausgesetzt werde, alles übrige, bloßliegende Kupfer aber, namentlich die Rückseite davor geschützt sei. Der Mittel hierzu gibt es einige, sie seien hier der Vollständigkeit wegen alle behandelt.

1. Das älteste Verfahren, von vielen Meistern noch heute angewendet, besteht darin, daß man um die Zeichnung herum auf der Platte einen etwa daumenbreiten Damm aus Ätzwachs aufmodelliert, welcher mit der Platte zusammen eine Art rechteckiger Schale bildet, in der das Ätzwasser etwa 10–15 Millimeter hoch stehen kann. Selbstverständlich muß vor dem Eingießen der Säure die Wasserdichtheit dieser improvisierten Schale erst sorgfältig mit gewöhnlichem Wasser erprobt werden.

2. Ein anderes Verfahren besteht darin, daß man die ganze Platte (mit Ausnahme des zu ätzenden Bildes) mit säurefestem Asphaltlack bestreicht. Nachdem dieser Anstrich vollkommen trocken geworden, kann die Ätzung in einer photographischen Schale aus Porzellan oder Glas geschehen.

Das unter 1. beschriebene Verfahren hat fast nur Schattenseiten: Ist schon das Aufmodellieren des Wachsdammes keine angenehme Arbeit, so ist das Ätzen selbst äußerst unbehaglich, das Zurückgießen des Ätzwassers in die Flasche aber trotz einer in die Wachsmasse eingedrückten Ausflußdille geradezu problematisch. Ferner ist zu bedenken, daß die Platte (wie später beschrieben), nach der ersten Ätzung mit Nadel und Pinsel weiter bearbeitet werden soll, daß hierauf abermaliges Ätzen und abermaliges Arbeiten am Bilde erfolgen kann. Soll man da mit der Nadel und dem Pinsel vielleicht über den weichen klebrigen Wachsrand hinweg arbeiten, oder gar nach jedesmaliger Ätzung denselben abräumen und nach erfolgter Arbeit behufs neuerlicher Ätzung ihn wieder aufmodellieren?

Gegen das 2. Verfahren ist in der Theorie nichts einzuwenden. In der Praxis zeigt sich jedoch, daß der Asphaltlack an den Kanten und Ecken durch Anfassen mit den Händen weggewischt wird, selbst wenn der Anstrich noch so dick wäre. Auf der Rückseite ist derselbe fortwährend Beschädigungen infolge Aufliegens ausgesetzt, welche zu unerwünschten »Schadenätzungen« Anlaß geben.

Diese Mißlichkeiten haben mich zu folgendem Ausweg geführt. Hierzu ist bloß eine stärkere Glastafel nötig, deren Kanten um etwa 3 cm größer sein müssen als die der Kupferplatte. In unserem Falle wäre die Platte 13 × 18; dann müßte die Glastafel 16 × 21 cm messen.

Auf der Rückseite der Kupferplatte wird unter jede Ecke ein erbsengroßes Stück Ätzwachs geklebt und die Platte mittelst dieser Klümpchen an der Glastafel derart durch Drücken und Schieben befestigt, daß erstens die Klümpchen ganz flach gequetscht werden, zweitens, daß die Kupferplatte in der Glastafel konzentrisch liegt; d. h. daß ein 1½ cm breiter Rand freien Glases um die Platte herumläuft. Mit einem geeigneten Modellierholz werden nun die Fugen zwischen Kupfer und Glas mit Ätzwachs wasserdicht verschmiert, damit ja kein Ätzwasser an die Hinterfläche der Kupferplatte gelangen kann. Das gelingt nur, wenn Kupfer und Glas vollkommen trocken sind. Zur Sicherheit kann jetzt Glasrand, Wachsrand und Platte (diese bis an die Bildgrenze) mit Asphaltlack bestrichen werden. ([Abb. 6.]) Eine also ausgerüstete Platte bietet die Bequemlichkeit, nicht nur zum Ätzen, sondern auch zu etwaiger Handbearbeitung auf dem Tisch immer bereit zu sein; ein Zerstören des Schutzüberzuges an den Kanten ist hier ausgeschlossen. Hat man es bei einer Arbeit überhaupt mit nur einer einzigen Ätzung zu tun, so genügt das unter P. 2 beschriebene Verfahren.

Abb. 6. Die Ausrüstung der Platte zum Ätzen.

c) Die Bereitung von Ätzwachs.

Man schmilzt in einem Topfe ein ausgiebiges Quantum schwarzen Ätzgrund (siehe Bereitung [Seite 7]) bei gelinder Hitze und setzt soviel Wachs und Unschlitt hinzu, bis die Masse beim Erkalten nicht mehr ganz erstarrt, sondern die Konsistenz von Modellierton behält. Ein Zusatz von Brennöl ist vorteilhaft aber nicht unbedingt notwendig; er macht eben das Wachs recht geschmeidig. Bei Benutzung der Methode mit der Glastafel braucht man übrigens nicht viel von dieser Masse zu bereiten. Am besten schützt man sich vor der lästigen Klebrigkeit des Ätzwachses, wenn man es in eine hölzerne oder blecherne Salbendose eingießt und darin erstarren läßt. Zum Gebrauch sticht man seinen Bedarf mit dem Modellierholz heraus. Sollte das Wachs, namentlich im Sommer, gar zu weich und klebrig sein, so setze man ihm, indem man es wieder einschmilzt, noch etwas Asphalt zu. Dieser muß aber wieder allein geschmolzen und dann erst mit der andern Masse gemischt werden.

d) Die erste Ätzung.

Wir legen nun unsre auf eine Glastafel aufgemachte Platte, Bildseite nach oben, in eine der Größe entsprechende photographische Schale aus Glas oder Porzellan. Diese Schale darf nicht zu knapp sein, da sonst das Herausnehmen der Platte aus dem Ätzbade schwierig ist. Auf das radierte Bild gießen wir das Ätzwasser, bis es wenigstens 1 cm hoch über der Kupferplatte steht. Wegen des sich entwickelnden gesundheitsschädigenden Gases soll das Ätzen nicht in einem Wohnraum vorgenommen werden. Kann man nicht im Freien arbeiten, so wähle man ein offenes, im Schatten liegendes Fenster dazu.

Bald nach Aufgießen des Ätzwassers wird man bemerken, daß die bis dahin rotgoldschimmernden Striche der Zeichnung an Glanz verlieren und weiß werden; ein Zeichen, daß die Bläschenbildung begonnen hat. Am reichlichsten zeigt sich diese Erscheinung zuerst an den kräftig radierten Stellen, also meistens in den Schattenpartien. Allmählich steht das ganze Bild bis in die zartesten Partien in Bläschen. Bis zu diesem Zeitpunkt muß die Platte unbedingt im Ätzbade verweilen. Mit einer Gänsefeder werden von Zeit zu Zeit die Bläschen von der Zeichnung weggestrichen, damit die Ätzung von denselben nicht aufgehalten werde. Hat man eine recht tiefe Schale, so neigt man sie derart, daß die Platte ganz vom Ätzwasser befreit wird; wenn dann nach einigen Augenblicken die Bläschen von den radierten Strichen gänzlich verschwunden sind, läßt man durch Wagrechtstellen der Schale das Ätzwasser wieder über die Platte. Das sich entwickelnde Gas ist – eingeatmet – gesundheitsschädlich; längeres Verweilen mit dem Gesicht über der Schale ist streng zu vermeiden. Angezeigt ist es deshalb, die Schale mit einer größeren Glastafel während der Ätzungen bedeckt zu halten.

J. Roller empfiehlt in seinem Buche »Technik der Radierung« (Wien, Hartleben) u. a. das Dr. Böttcher’sche Ätzwasser, da damit der Ätzprozeß ohne schädliche Gasentwicklung vor sich geht: 10 Gewichtsteile rauchende Salzsäure + 70 Gw.-T. dest. Wasser + 2 Gw.-T. 10% siedende Lösung chlorsaures Kali. Mir kommt jedoch dieses Ätzwasser ein wenig zu schwach, also langsam wirkend und minder energisch vor. Für zarte Partien und für Tonätzungen jedoch ist es wegen seiner milden Wirkung zu empfehlen.

Die erste Ätzung kann in 5–10 Minuten beendet sein. Ihre Wirkung soll für die lichtesten und zartesten Partien des Bildes berechnet sein. Mit einem meißelartig zugeschnittenen, reinen Holzstäbchen hebt man nun die Platte, bei der Glaskante fassend, empor, nimmt sie vollends heraus und spült sie sofort in reinem Wasser, indem man sie in einem großen Gefäß mit Wasser hin- und herbewegt oder sie unter der Wasserleitung abbraust. Ausgiebiges Spülen der Platte ist unerläßlich, da in den feinen Vertiefungen der Striche leicht Säure sitzen bleiben und sich schädlich bemerkbar machen kann. Das Trocknen der Platte beschleunigt man durch Andrücken, (nicht Wischen!) reiner trockener Leinwand oder eines Filtrierpapiers. Man kann jetzt an einer minder wichtigen Stelle, am besten an einer Ecke, zur Probe mit Terpentin den Ätzgrund entfernen, um nachzusehen, ob die Ätzung genügend tief gegriffen hat. Soll weitergeätzt werden, so wird die Probestelle mit Pinselfirnis wieder sorgfältig gedeckt (siehe [Seite 40]). Die Striche werden mit sehr spitziger Nadel nachradiert.

e) Abgestuftes Ätzen (Pinselfirnis.)

Die im Ätzbade entstandenen Furchen sind alle gleich tief. Da nun die Dunkelheit des Striches im Abdruck von der Tiefe seiner Ätzung abhängt, so ergibt sich bei unsrer Platte der Schluß, daß alle Striche der Zeichnung im fertigen Druck die gleiche Intensität haben werden. Das ist aber nicht immer unsre Absicht, denn ein Abdruck von unsrer Platte, in ihrem jetzigen Zustand, würde ein eintöniges, flaues und mageres Aussehen haben, Tondifferenzen dürften wir von ihm nicht erwarten.

Hätten wir, um ein Beispiel anzuführen, eine Landschaft mit geschlossen im Ton wirkenden Laubmassen, Gelände im Vordergrunde, weißem Gemäuer und bewölktem Himmel, so ergeben sich für uns drei Tonwerte: Die dunkle Laubmasse (und vielleicht einige Kraftstellen sonstwo), der Mittelton des Geländes und die Helligkeit des Himmels mit den Flecken weißen Gemäuers. Die erste Ätzung geschieht wie vorhin beschrieben; sie muß der Helligkeit des Gewölkes und des Gemäuers angemessen sein. Zur weiteren Behandlung der trockenen Platte bereiten wir uns »Deckfirnis« auf folgende Weise: Harter Ätzgrund wird bei mäßiger Hitze geschmolzen. Sodann wird ihm soviel Terpentinessenz zugesetzt, daß dieser Firnis in kaltem Zustand nicht mehr stockt, sondern dickflüssig bleibt. Ein geringer Zusatz von braunem Siccativ bewirkt ein rasches Trocknen auf der Platte. Dieser honigdicke »Pinselfirnis« oder »Deckfirnis« wird in einem Fläschchen, gut verkorkt, an einem kühlen Orte in Vorrat gehalten. Sollte bei großer Kälte eine Stockung eintreten, so stellt man das Fläschchen eine Weile in warmes Wasser. Der Firnis hält sich im warmen Zimmer dann lange flüssig. Bei dieser Gelegenheit kann man auch noch Terpentin unter kräftigem Schütteln zusetzen.

Von diesem Pinselfirnis nehmen wir etwas in ein Porzellanschälchen und decken mittelst eines elastischen Pinsels (am besten Marder- oder Fischpinsel) alle Flächen, deren Zeichnung wir nicht mehr zu ätzen beabsichtigen. In unsrem Falle wären dies die Luft und das lichte Gemäuer. Es muß dafür Sorge getragen werden, daß der Firnis auch wirklich in die Ritzen eindringt, da sonst unbedeckte Striche weiterätzen und den Gesamtton stören würden. Nachdem dieser Pinselfirnis vollkommen getrocknet ist, kommt die Platte zum zweitenmale in die Schale. In der vorhin beschriebenen Weise wird auch die zweite Ätzung eingeleitet und zu Ende geführt. Dabei muß der Gang des Prozesses sorgfältig überwacht werden, damit nicht die auf [Seite 27] schon erwähnten Stege unterfressen werden. Ist der Ätzgrund gut, das Ätzwasser nicht zu stark und die Zimmertemperatur normal, so wird dies auch nicht zu befürchten sein; sonst ist die Ätzung durch sofortiges Herausnehmen der Platte und Spülen derselben im Wasser zu unterbrechen.

Nach glatt verlaufener Ätzung wird die Platte gespült und getrocknet und die weitere Abdeckung mit Pinselfirnis vorgenommen. Nach der dritten Ätzung waren die kräftigsten Partien am längsten der Säure ausgesetzt und sind somit am tiefsten geätzt. Es versteht sich von selbst, daß die Zahl der Teilätzungen dem freien Ermessen des Radierers anheimgestellt ist; daß man über ein gewisses Maß nicht hinausgehen wird, ist einleuchtend, denn Kontrastwirkungen gehören eben zu den dankbarsten Mitteln, durch welche eine Radierung zu uns spricht. Jedenfalls soll sich der Anfänger, und gewiß zum Wohle seiner Arbeit, nicht über drei Teilätzungen versteigen.

Hat man aus Unvorsicht oder mangelnder Übung beim Abdecken Striche mit Firnis gedeckt, welche noch weiter ätzen sollen, so werden sie nach dem Trocknen des Firnisses mit der Nadel nachradiert; sie sind, da sie infolge der früheren Ätzung schon vertieft sind, unter dem Firnis ganz gut sichtbar. Auch fehlerhafte Striche (welche vor der ersten Ätzung schon richtig gestellt werden müssen) deckt man mit Pinselfirnis, ebenso alle Verletzungen, welche während des Arbeitens im Firnis entstanden sind, sowie die freigelegten Probestellen.

»Das Gehölz«, Original-Radierung von Alois L. Seibold

Zu voll darf der Pinsel nie genommen werden, damit der Firnis sich auf der Platte nicht in unerwünschter Weise ausbreite und Striche verdecke, die weiterätzen sollen. Nach dem Gebrauch wird der Pinsel mit Terpentin oder Seife gründlich gereinigt.

f) Über verschiedene Arbeitsprogramme.

Schon vor dem Aufpausen der Konturen soll sich der Radierer eine klare Disposition für den Verlauf seiner Arbeit zurechtlegen, nach der er seine Aufgabe zu bewältigen gedenkt. Eine solche Disposition ist hauptsächlich abhängig und bestimmt von der beabsichtigten Bildwirkung. Diese verlangt oft nach einem dem Gegenstande eigens angepaßten Arbeitsprogramm, nach welchem allein oft den verschiedentlichen technischen Schwierigkeiten beizukommen ist.

Betrachten wir z. B. einen ästereichen Baum, dessen dunkle Silhouette sich in zerrissenen Konturen von lichtem Hintergrunde abhebt.

Welche Arbeit würde hier nach der ersten Ätzung das Decken mit Pinselfirnis in den zahllosen Durchblicken erfordern! In allen solchen Fällen wird man sich die Radierarbeit in zwei, vielleicht gar drei Phasen teilen, zwischen denen immer geätzt wird. Die Aufmachung der Platte auf der Glastafel gestaltet ein solches Abwechseln von Radier- und Ätzarbeit zu einem spielenden. Die dunklen Partien des Vordergrundes werden zuerst radiert und gleich tief – jedoch mit Rücksichtnahme auf die noch folgenden Ätzungen – geätzt. Über die geätzten Striche kann beim Weiterradieren ganz unbesorgt darüber gegangen werden, da solche Striche den ohnehin tiefen Ton der früher geätzten Flächen nicht verändern.

Sobald unsere Kupferplatte auf der Glastafel aufgemacht ist, genügt eine Unterlage aus Pauspapier für die Hand nicht mehr, weil das Papier an den Wachsrändern kleben bliebe. Wir machen uns deshalb ein Bänkchen aus einem Holzbrettchen und zwei kurzen Leisten. Diese werden an die Enden des Brettchens angeleimt. Sie müssen so dick sein, daß der Ätzgrund vom darüberliegenden Brettchen nicht berührt wird. Glasdicke + Plattendicke + etwa 3 mm ergibt die Höhe der Füßchen. Das Bänkchen muß auch genügend lang sein, damit man es in beliebigen Lagen über der Platte verwenden kann. Auch muß das Brettchen so stark sein, daß es nicht vom Gewicht der Hand auf den Ätzgrund niedergedrückt werde. ([Abb. 7.])

Auch die lichte Ferne kann zuerst radiert und geätzt werden; dann muß aber zwecks weiterer Arbeit die Platte neu grundiert werden. Auf dem neuen Grund bereitet dann keine, auch noch so komplizierte Vordergrundpartie erhebliche Schwierigkeiten. Diese kann selbstverständlich für sich wieder in Teilätzungen behandelt werden, nur ist in diesem Falle das Reinigen und Entfetten der Platte nach der ersten Arbeitsphase, das neuerliche wasserdichte Aufmachen auf die Glastafel lästig und gestaltet den Gang der Arbeit etwas schleppend.

Wie aus dem Besprochenen zu entnehmen ist, bietet diese Technik eine Fülle der Mannigfaltigkeit in der Behandlung, wie sie kaum eine andere aufzuweisen hat. Deshalb auch wird sie immer mehr der treue Spiegel der Persönlichkeit des Radierers, denn bei solcher Mannigfaltigkeit der Ausdrucksmittel ist es kein Wunder, wenn diese alte Kunstweise in immer neuer Art aus der Hand des Ringenden wie des Meisters uns entgegentritt.

Abb. 7. Das Handbänkchen über der Platte.

g) Das Reinigen der Platte.

Nach der letzten Ätzung wird die Platte gründlich gespült, getrocknet, und mit dem Modellierholz langsam und vorsichtig von der Glastafel abgehoben, dabei ist jede Gewaltanwendung zu unterlassen, denn das hätte sicher das Zerspringen der Glastafel zur Folge. Das Ätzwachs wird, soweit es angeht, abgenommen und in die Vorratdose zurückgestrichen. Die Platte selbst wird, auf einem Brette liegend, mittelst Terpentin vom Ätzgrunde befreit. Hierzu eignet sich ein Bausch von Zeitungspapier. Terpentin muß reichlich zur Hand sein, damit die Reinigung gründlich erfolge. Zuletzt wird mit einem ganz reinen Lappen (am besten aus Leinwand oder Baumwolle) solange gescheuert, bis die letzte Spur von Ätzgrund von der Platte entfernt erscheint. Solange der weiße Lappen sich noch schwärzt, muß gescheuert werden. Ein Zeichen der gründlich erfolgten Reinigung ist es, wenn die radierten Striche in hellrotem Kupferglanz schimmern.

Von unsrer Glastafel brauchen wir das Ätzwachs nicht zu entfernen; eine zweite Glastafel, darübergelegt, schützt das Wachs vor Staub und uns selbst vor seiner lästigen Klebrigkeit. Beide Tafeln lassen sich in einer niedrigen Schachtel samt dem Modellierholz bequem aufbewahren.