Schlußwort.
Wenn ich mich nun vom Leser verabschiede, so möchte ich mir die Freude nicht versagen, dies Büchlein mit dem Bewußtsein zu beschließen, in so mancher schaffensfrohen Brust angeregt zu haben zu frischer Kunstbetätigung.
Mein Bestreben ging dahin, den Anfänger gleich ins Praktische der Technik einzuführen, damit der erziehliche Wert des Selbsterprobens dem Lernenden so bald als möglich zu gute komme.
Wie schon erwähnt, ist das Inhaltliche dieses Buches die Lehre von etwas bereits Bestehendem und kann, ohne das Wesen des Ganzen anzutasten, nicht abweichen von den bereits bekannten Lehrbüchern aus älterer und neuerer Zeit über dieses Gebiet. Was ich aber als wesentlich bei der Radierung erblicke, das sind in noch viel höherem Maße als Virtuosität in der Technik: rein künstlerische Momente, wert der besonderen Aufmerksamkeit des Lernenden, der nicht nur in technischem Können es zur Meisterschaft bringen sondern auch mit künstlerischem Takte sich der errungenen Ausdrucksweise bedienen will.
Von diesem Standpunkte aus beurteilt wird auch die beabsichtigte Hinweglassung der Aufzählung und Beschreibung der vielen anderen Sticharten dem Buche nicht als Mangel vorzuwerfen sein, da diese entweder mit der Ätzkunst nichts zu tun haben (wie z. B. die Grabsticheltechnik, die Linienmanier, die Schabkunst usw.), da dort das Vertiefen der bilderzeugenden Elemente auf mechanischem Wege geschieht, oder wenn sie auf Ätzung beruhen wie z. B. die verschiedenen Arten der »Aquatinta« (im Absatz »Strich und Ton« ist das Prinzip einer solchen Aquatintatechnik, nämlich derjenigen mittelst Steinsalzpulver, gelegentlich erörtert), die Reservagenmethoden, die Crayon- und Korntechniken doch für den freischaffenden Künstler nicht gerade den Königsweg bedeuten, da bei ihnen meistens feine, minutiöse Ausführung ihren Wert und ihren Selbstzweck bilden.
Von alledem sei bloß die »kalte Nadel« oder »Schneidenadel« erwähnt, da sie ein wertvolles Mittel bei Retouche und Nacharbeit der geätzten Platte ist.
Dieses Werkzeug ist eine Radiernadel, welche jedoch nicht kegelförmig sondern schneidig geschliffen ist. Die photographische Schneidefeder leistet auch hierin vorzügliche Dienste. Sie wird auf der fertigen Ätzung, auf blankem Kupfer verwendet und ermöglicht, in zarten Strichlagen geführt, duftige lasurartige Töne. Zu bedenken ist hierbei, daß die kalte Nadel einen ganz anderen Strich-Charakter ergibt als die Ätzung, daß also ihre Anwendung vorsichtig und sparsam erfolgen muß, damit der Gesamtcharakter der Arbeit dadurch nichts von seiner harmonischen Wirkung einbüße. Die Schneidefeder (kalte Nadel) erzeugt neben den feinen Furchen auf der Kupferplatte auch aufstehende Kanten, die sogenannten »Grate«. Man fühlt sie leicht heraus, wenn man mit der Fingerspitze über die Platte streicht. An diesen Graten würde beim Abziehen die Druckfarbe hängen bleiben und im Abzug klecksartige Stellen verursachen. Deshalb muß man diese Grate vor dem Einschwärzen mit dem Schabstahl abnehmen. Nur darf man diesen nicht senkrecht zur Strichrichtung der Grate führen, da man sie sonst nicht entfernen, sondern nur umlegen und die Furchen dadurch wieder schließen würde.
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Manchen meiner lieben Leser wird es vielleicht willkommen sein, die Radierung, wenigstens die Anfänger-Arbeiten mit billigeren Mitteln betreiben zu können. Einen solchen wirklich guten Ersatz bietet die im Vergleich zur Kupferplatte viel billigere Zinkplatte. Ihre Bearbeitung unterscheidet sich nicht von der der Kupferplatte. Nur das Ätzwasser muß für Zink bedeutend schwächer sein als für Kupfer. Ein sehr gutes Ätzwasser für Zinkplatten stellt man sich wie folgt her: In eine gesättigte Kochsalzlösung gießt man gewöhnliche Salzsäure, schüttelt gut durch und nimmt davon in die Eprouvette. Der blanke Probestreifen aus Zinkblech wird hineingesenkt. Er soll sich nach etwa einer Minute mit sehr kleinen Bläschen belegen. Das rasche Entstehen von großen Blasen ist ein Zeichen eines zu starken Ätzwassers. Verdünnt wird dann grundsätzlich mit gesättigter Kochsalzlösung, nicht mit reinem Wasser. Diese Kochsalzlösung hält man in einer großen Flasche auf Vorrat. (Man schüttet soviel Kochsalz in die Flasche, daß sich stets ein ungelöster Rest davon im Wasser unten befindet).
Der heilige Franziskus
Original-Radierung von Alois Seibold
Wenn man bemerkt, daß sich von den Kanten des Probestreifens feine glitzernde Fäden in der Eprouvette niedersenken, dann ist das Ätzwasser bereits stark genug, auch wenn noch keine deutliche Blasenbildung auftritt. Man vermeide es, Ätzwässer für Zink und solche für Kupfer in Mischung zu bringen. Die blaue Färbung des Kupferätzwassers läßt ja nicht leicht Verwechslungen zu. Das Zinkätzwasser wird gelb und soll doch durch eine Aufschrift gekennzeichnet werden, da es sich von neuen, ungebrauchten Ätzwässern nicht merklich unterscheidet.
Ungemein wichtig erschien mir, die Erörterung des Abdruckens mit einfachen Mitteln meinen lieben Lesern vorzuführen, denn, wenn wir das Drucken mit dem Beinstab beherrschen, dann haben wir in diesen Produkten zuverlässige, nimmerversagende Ratgeber gefunden, Ratgeber, die stets zur Hand sind, wenn man ihrer bedarf und eine Arbeit begleiten bis zu ihrer Vollendung. Schon das fortwährende Hin- und Widerlaufen zum Kupferdrucker, das Warten auf die Abzüge usw. ist nicht besonders angenehm; hat aber jeder Ort einen Kupferdrucker? wenn nicht, dann spielt sich die Sache obendrein auch noch per Post ab, – vom Kostenpunkt ganz abgesehen! Und dann muß erwogen werden: Es sind Probedrucke, für welche all die Müh’, Zeit und Kosten verwendet werden soll!
Allerdings sehr empfehlenswert ist die Anschaffung einer nicht gar zu kleinen Handwalzenpresse; namentlich dann, wenn man beabsichtigt, selbst auch eine kleine Auflage von Abzügen für den engeren Verkehr zu drucken. Man ist durchaus nicht an große Firmen gebunden, ein vertrauenswürdiger, intelligenter Maschinenschlosser wird eine solche Walzenpresse mit Bessemerwalzen samt Gestell und den zwei Tischblättern mit gewiß geringeren Kosten und ganz exakter Leistung herzustellen wissen; nur darf die Federung und die Verstellbarkeit der oberen Achsenlager nicht vergessen werden.
Handwalzenpressen von sehr hoher Leistungsfähigkeit erzeugt die Pressenfabrik Gärdtner & Knopp in Wien.
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Am Ende meiner Ausführungen angelangt erübrigt mir nur noch dem Wunsche Ausdruck zu geben, daß das Büchlein, so anspruchslos es auch sei, allen denen, die sich ihm anvertrauen, ein treuer Ratgeber bei ihren ersten Versuchen werde, sowie, daß es auch nicht sobald aus der Hand des Fortgeschrittenen gelegt werde. Seine Knappheit möge ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden, denn nicht umfassen soll es und erschöpfen, nur anregen, nur die Wege zeigen will es den Lernenden, die ihren Fleiß dieser edlen Technik widmen und im Lernen, im Fortschreiten deren berufene Pfleger, ihre eifrigen Schätzer werden wollen.