Sechszehntes Kapitel.
Dadurch, daß unsre Freunde jetzt hinlänglich mit Jagdgeräth versehen waren – denn Kolbi hatte für William auch einen trefflichen Bogen gemacht und Pfeile schnitzte er stets in Menge – konnten sie bereits darauf denken, auch den vierfüßigen Thieren der Insel den Krieg zu erklären. Es gab deren nicht viele auf derselben, wie Australien überhaupt nicht eben reich an vierfüßigen Thieren ist; dafür aber waren sie desto seltsamer, und unser William, dem sie bisher völlig unbekannt geblieben waren, konnte oft vor Erstaunen kein Wort hervorbringen, wenn er ihnen auf seinen Streifereien begegnete.
Da war zuerst das Kängeruh, wovon es wohl fünf bis sechs verschiedene Arten gab, und das größte einheimische Thier Australiens ist, und, obschon es oft an 200 Pfund wiegt, zum Mäusegeschlecht gehört.
– »Zum Mäusegeschlecht sollte ein so großes Thier gehören?« fragt wohl der Eine oder Andere voll Verwunderung.
– Zu keinem andern, ist meine Antwort, und wenn Ihr eine Naturgeschichte zur Hand nehmt, die mit Abbildungen versehen ist, werdet Ihr finden, daß dieses große und seltsam gebildete Thier in seinem Bau, bis auf die langen Hinter- und sehr kurzen Vorderfüße, eine große Aehnlichkeit mit unsern Mäusen hat. Es gibt graue, röthliche und schwarzbraune Kängeruhs, und fast von allen Größen, bis zur Kängeruhratte hinab, die gern in hohlen Bäumen wohnt.
Kaum kann ein Anblick seltsamer sein, als der dieser Thiere. Der Körper derselben ist, wie schon gesagt, wie der einer großen Maus gestaltet, sie haben aber wohl dreimal so lange Hinter- als Vorderfüße und gehen fast beständig auf den ersteren, folglich in aufrechter Stellung.
Der sehr kurzen Vorderfüße bedienen sie sich fast nur, um ihre Nahrung zu erfassen, die in Gras und Kräutern besteht. Ihres überaus langen, starken und dicken Schwanzes bedienen sie sich zum Stützpunkte, er vertritt also gleichsam die Stelle eines dritten Beins. Ihr Gang ist eine Art von beständigem Hüpfen, wobei sie sehr schnell von der Stelle kommen. Sie haben nur ein Junges zur Zeit, das sie, bis es gehörig ausgewachsen, in einem unter ihrem Leibe befindlichen Beutel tragen, weshalb man sie auch zu den Beutelthieren zählt. Sie sind durchaus harmlos und, wo man nicht häufig Jagd auf sie macht, auch wenig scheu. Wenn sie verfolgt werden, machen sie ungeheure Sprünge und setzen oft sogar über breite Bäche und Hecken weg, wobei ihnen ihr starker Schwanz gleichsam als Springstock dient. Man jagt sie, da ihr Fleisch sehr schmackhaft und beliebt ist, mit Hunden, die sie in die Beine beißen, umwerfen und durch Bisse in die Kehle tödten.
Ein anderes seltsames Thier, dem unsere Freunde zuweilen in den Wäldern begegneten, war der Koala oder australische Bär. Er hat die Größe eines erwachsenen Pudels und ist hellgrau von Farbe. Ihm fehlt der Schwanz gänzlich. Die Ohren stehen unten sehr weit und breit, oben spitzig hoch über dem Kopf empor und geben ihm ein seltsames Ansehen. Als Kolbi einst ein solches Thier erblickte, und dieses, um sich durch die Flucht vor ihm zu retten, einen sehr hohen Gummibaum erklomm, was sie, trotz ihres etwas plumpen Körpers mit großer Gewandtheit thun, war auch er nicht träge und ehe zwei Minuten verstrichen waren, hatte er es im höchsten Gipfel des Baumes erreicht, nahm es in seine Arme, drückte ihm die Kehle zu und warf es, da er es todt glaubte, hinunter; denn der Koala gilt bei den Wilden für einen großen Leckerbissen, und man war eben um einen guten Braten verlegen. Dieses Thier vermittelst Pfeilschüsse zu erlegen, wäre nicht gut möglich gewesen, da es ein sehr dickes, zottiges Fell hat.
Kolbi war nicht wenig froh, daß die Expedition ihm so gut gelungen war; er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht: der Koala war nicht völlig in seinen Armen erstickt und so glücklich gefallen, daß er, nachdem er einige Augenblicke wie betäubt unter dem Baume gelegen, sich plötzlich aufrichtete und davon lief. Dies rettete ihn jedoch nicht, denn kaum hatte er sich auf die Beine gemacht, so war Waldmann, der Dingo, sein natürlicher Feind, schon hinter ihm, erreichte ihn bald und erwürgte ihn. Auch die Koalas oder Beutel-Bären gehören zu den Thieren, die ihre Jungen in einem Beutel unter ihrem Leibe tragen. Sie sind völlig harmlos wie die Kängeruh's[2] und nähren sich nur von Pflanzenkost, am liebsten von den jungen Sprossen der Gummi-Bäume. Wenn nun gleich unser William bisher schon über die vielen ungewohnten Erscheinungen in der Thierwelt erstaunt gewesen war, so sollte er es durch ein in seiner Art einziges Thier noch mehr werden.
[2]: Der große Naturforscher Oken schreibt den Namen dieses Thieres in seiner Naturgeschichte Känge-Ruh.
Als er mit seinem Kolbi an einem Abende an dem herrlichen Bache entlang spaziren ging, sah er in der kristallhellen Fluth ein Thier sich bewegen, von dem er nicht zu sagen wußte, ob es ein Fisch, ein Vogel oder ein Säugethier sei. Es war ungefähr 1½ Fuß lang, hatte einen mit kurzen braunen Haaren bewachsenen Körper, der in einer Art von Fischschwanz endete, hinten zwei längere, vorn zwei sehr kurze Füße, deren Klauen mit Schwimmhäuten versehen waren, und, was das Wunderbare der Erscheinung vermehrte, ein Maul, das vollkommen einem breiten Eulenschnabel glich, was ihm ein vogelartiges Ansehen gab.
Diese Erscheinung war so auffallend, daß William beim unerwarteten Anblick dieses seltsamen Thieres einen Ruf der Verwunderung erschallen ließ, auf den Kolbi zu ihm trat, um zu sehen, was es gäbe. William zeigte mit der Hand nach der Gegend, wo das Thier sich im Wasser bewegte und sah seinen Freund fragend an, als wolle er von ihm Aufschluß über diese seltsamste aller Erscheinungen verlangen. Kolbi zeigte aber kein Erstaunen in seinen Mienen, denn für ihn war das Thier kein Fremdling und mit gleichgültigem Tone sprach er das Wort Mouflengong aus, mit welchem Namen die Eingeborenen es benennen. Es war aber das sogenannte Schnabelthier (Ornithorhynchus paradoxus), über das von den Naturforschern schon so viel geschrieben worden ist. Nach langem Streiten, ob das Thier ein Fisch, ein Vogel oder ein Säugethier sei, ist ausgemacht worden, daß es zu den Säugethieren gehört, denn es bringt lebendige Junge zur Welt und säugt sie.
Gern hätte William dieses seltsame Geschöpf noch länger beobachtet, allein Kolbi warf aus Muthwillen mit einem Steine darnach, und alsobald tauchte es unter, kam auch nicht wieder zum Vorschein, was William sehr leid that, denn er konnte sich nicht satt daran sehen.
Das Schnabelthier wird nur in den Flüssen und Seen Australiens gefunden, wo es sich von Insecten und deren Eiern nährt, die es unter den Wurzeln der Wasserpflanzen sucht. Ein Naturforscher, Herr Bennett, ein Engländer, reiste eigends in der Absicht nach Australien, die Natur dieses seltsamen Geschöpfes zu erforschen, und ihm verdanken wir größtentheils, was wir darüber wissen.
Außer den Euch bereits genannten und zum Theil beschriebenen Thieren, sah unser William auch noch die sogenannten fliegenden Füchse, harmlose Thiere, die aber ein gar häßliches Ansehen und Aehnlichkeit mit unsern Fledermäusen haben, fliegende Eichhörnchen, Opossums, Bandikuts, die viermal so groß wie unsere Ratten und den Wilden eine angenehme Speise sind. Auch an Stachelschweinen fehlte es nicht; sie hatten Aehnlichkeit mit den europäischen.
Kolbi, dem diese Thierwelt schon bekannt war, konnte nicht begreifen, wie William so großes Vergnügen daran finden konnte, diese für ihn so völlig neuen Gegenstände genau in Augenschein zu nehmen, und mehre Male meinte er, es müsse wohl in dem Vaterlande seines Freundes weder Thiere noch Pflanzen geben, da William so oft sein Erstaunen über dieses oder Jenes an den Tag legte. Dieser belehrte ihn zwar eines andern, indem er ihm sagte, daß man zwar in Europa auch Thiere und Pflanzen, aber ganz anderer Art habe.
– »Nun,« versetzte Kolbi, »so begreife ich nicht, weshalb du dich bei den unsrigen so lange aufhältst: Thier ist Thier, und Pflanze, Pflanze!«
Daß es ein großes Vergnügen für einen denkenden Menschen sei, sich zu belehren, davon hatte unser Wilder keinen Begriff. Für ihn hatten nur solche Dinge Bedeutsamkeit, von denen er mehr oder minder Nutzen ziehen konnte. In dieser Zeit machte Kolbi, der die Augen überall hatte, die Entdeckung, daß ein Thier, welches er Wombat nannte, in der Nähe ihrer Hütte sein müsse, und er pries seinem Freunde dasselbe als eine sehr leckere Speise. Er hatte nämlich eine Höhle dieses Thiers entdeckt; denn es gräbt sich solche in die Erde, um während des Tages darin zu schlafen. Der Wombat oder das Beutel-Murmelthier, ist bis jetzt nur in Australien gefunden worden, und gehört zu den Pflanzen fressenden Thieren. Es ist fast so groß, wie eine englische Dogge, grau von Farbe und sehr plump gebaut; in seinen Bewegungen ist es äußerst langsam. Man brachte zwei dieser Thiere nach Paris, um ihre Lebensweise zu erforschen, und sie waren bald so zahm, wie unsre Hunde; allein sie zeigten weder den Verstand noch die Gelehrigkeit derselben, sondern waren dumm und so träge, daß man sie selbst durch Schläge nicht zum schnellerem Fortlaufen zu bewegen vermochte. Sie gehören zu den Beutelthieren, d. h. zu den Thieren, die ihre Jungen in einem an ihrem Leibe befindlichen Beutel bei sich tragen, bis diese selbstständig sind und sich selbst ernähren können.
Die Wilden stellen ihnen besonders ihres Fetts wegen nach, und eben deshalb war unser Kolbi auch so begierig, eins zu fangen und zum leckern Mahle zu bereiten. Lange entzog es sich seinen Bemühungen und der Dingo, der tief in seine Höhle einkroch und es mit dem Maule aus derselben hervorzog, mußte endlich das Beste dabei thun. Kolbi tödtete es jetzt, zog ihm das Fell ab und zertheilte es in kleinere Stücke. Das Fleisch des Wombats war in der That ein Leckerbissen und so fett, daß beim Braten sehr viel Fett in's Feuer trof. Was hätte unser William nicht darum gegeben, dieses auffangen und statt des Oels oder Talgs gebrauchen zu können; es fehlte ihm aber an einer Bratpfanne, um es aufzufangen. Er hätte dieses Fett aus dem Grunde so gern aufgehoben, weil es die bereits sehr langen Abende, die man völlig müßig wegen Mangel an Licht zubringen mußte, ihm verkürzt haben würde; denn der Müßiggang war für unsern Freund eine entsetzliche Plage.
Am Tage gab es freilich Beschäftigung für Beide genug. Man hatte immer noch mit der Hütte zu thun, in der man diese oder jene Bequemlichkeit anbrachte, und deren Ritzen man sorgfältig mit Gras verstopfte, weil Kolbi geäußert hatte, es werde nun bald eine sehr schlimme Zeit kommen, in der »viel, viel Wasser« – so drückte er sich aus, vom Himmel herabfallen würde. Daß er darunter den Regen verstand, werdet Ihr, meine Geliebten, wohl schon begriffen haben.
Ferner hatte man angefangen, einen Garten auf dem Abhange des Hügels, worauf die Hütte lag, anzulegen und ihn, zum Schutze gegen die wilden Thiere mit einer steinernen Mauer zu umgeben. An Steinen dazu fehlte es nicht, nur machte es einige Mühe, sie den Hügel hinanzuschleppen. Als die Umzäumung fertig war, machte William von einem Stücke Eichenholz ein Grabscheit, die die gewünschten Dienste beim Umgraben des Bodens leistete; auch einen Rechen oder eine Hacke machte er, um das gegrabene Land zu ebnen, das dann in ordentliche Beete eingetheilt wurde. Auf diese Weise gewann das Plätzchen ganz das Ansehen eines Gartens. Als der Boden bereitet war, dachte man auch daran, ihn zu bepflanzen. Zuerst setzte man neben der Mauer und rund um dieselbe, Himbeersträuche, die, da man sie fleißig begoß, bald fröhlich fortwuchsen. Aber wie mühselig war dieses Begießen, da man kein anderes Gefäß dazu hatte, als die Ledertasche oder die Eierschalen, die William von den Eiern des Emus oder australischen Kasuars gewonnen hatte. Wie viele Male mußte man den Berg hinab und wieder hinaufsteigen, um die vielen Pflanzen zu begießen! Dabei bewies aber Kolbi eine wirklich außerordentliche Ausdauer, die die Williams bei Weitem übertraf.
Auf die bereiteten Beete pflanzte man dann Pataten, diese für unsre Einsiedler so wichtige Frucht. William verfuhr ganz so damit, wie man in Europa mit den Kartoffeln verfährt und sein Fleiß wurde reichlich belohnt.
Ein besonderes Interesse gewährten ihm aber einige Apfelsinen-Körne, die er in einer der Taschen der Kleidungsstücke gefunden hatte, welche ehemals seinem guten Freunde, dem Zimmermann, angehört hatten. Zu welchem Zwecke dieser sie aufgehoben – vielleicht, um sie bei seiner Rückkehr nach Europa selbst zu pflanzen? – wußte er sich nicht zu sagen; genug, er fand zehn bis zwölf Stück davon, die sorgfältig in Papier gewickelt waren, und zugleich mit ihnen einige platte Körner, die er auf den ersten Blick für Gurkenkörner erkannte, die aber, wie sich späterhin auswies, Körner von Melonen waren.
Dieser Fund versetzte unsern William in eine Art von Freudentaumel und es hätte nicht viel gefehlt, daß er die lieben Körner geküßt. Er bereitete für sie eine besondere gute Stelle, reinigte sie von allen Steinchen und legte die Körner, etwa zwei bis drei Fuß von einander entfernt, einen halben Zoll tief in die Erde, was er mit einer Art von heiliger Empfindung that. Damit nicht etwa die Papageyen, deren Genäschigkeit ihm bereits bekannt war, über die Steffens-Stelle – so hatte er sie im Andenken an den guten Zimmermann benannt – kämen, die gelegten Körner hervorwühlten und aufpickten, bedeckte er sie mit den Blättern des Farrenkrautbaumes, die ihnen hinlänglichen Schutz gewährten. Er hatte die Vorsicht gehabt, die vermeinten Gurkenkerne von den Orangenkörnen zu trennen, und dies bekam ihm sehr gut, wie die Folge zeigte. Die sich bald über alle Erwartung ausbreitenden, die Größe unserer Kürbispflanzen erreichenden Melonenpflanzen würden die zarten Orangenstämmchen bald überwuchert und gänzlich unterdrückt haben.
Da die Erde überaus trocken war, begoß er sie jeden Abend; allein trotz dem lagen die Körner viel zu lange für seine Ungeduld in der Erde, ohne sich zu zeigen. Endlich aber zuckte das erste grüne Blättchen, das noch die zersprengte Hülse gleich einem Mützchen auf dem Kopfe hatte, aus dem Boden hervor, und der Jubel der Freunde war kein kleiner. Es waren die Melonen, die sich zuerst hervor gemacht hatten; bald aber zeigten die Orangen gleichfalls ihre zarten Spitzen und wuchsen von nun an fröhlich fort.
Wenn Einer von Euch Lieben auch einmal vom Schicksale zum Robinson bestimmt sein und gerade auf dieses Eiland kommen sollte, so werdet Ihr Euch an den herrlichen Früchten dieser Stämmchen laben und unsers Williams dabei gedenken können, der selbst sie nicht genießen sollte. Auch die Melonen dürften sich selbst fortgepflanzt haben und nicht weniger willkommen sein, als die saftigen und duftigen Orangen.