Erste Szene.
Der Koch und mehrere Diener mit Schüsseln treten ein.
DER KOCH: Überallhin Früchte … He! Gyges! Du gehst?… Nein, nicht hierher den Salat!… Gyges, bleib doch bei uns. Der König lädt' heut' Alles, was vorbeikommt in sein Haus. Ich lade Dich im Namen der ganzen Küche. Der König will, daß heute so viel Wein vergossen werde, daß er bis auf unsere Tische fließt und daß der kleinste Küchenjunge betrunken darunter liegt.
GYGES (der mit seinen Netzen beladen zurückkommt): Ich bin kein Diener des Königs.
DER KOCH: Was macht das? – Wenn des Königs Tisch zu voll ist und überläuft: mach' Dir's zu Nutzen.
GYGES: Es gefällt mir nicht, den König zu nutzen. (Er geht ab nach links.)
DER KOCH: Was für ein Tölpel! – Ein Glück, daß sein Weib es leichter nimmt. (Zu den Dienern): Eilt Euch, eilt Euch!
(Sebas und Archelaos sind eingetreten und gehen umher.)
SEBAS (nimmt eine Feige und ißt sie): Haben wir gute Plätze?
DER KOCH (zeigt ihm einen Platz):
SEBAS: Nah bei den Flötenspielerinnen, hoff' ich.
DER KOCH: 's gibt heut' keine.
SEBAS und ARCHELAOS: Oh!
DER KOCH: Die Königin will keine.
ARCHELAOS: Da werden wir uns mit dem Anblick der Königin trösten.
SEBAS: Sie wird also beim Fest sein?
DER KOCH: Das erste Mal, daß sie sich öffentlich zeigt.
SEBAS: Weshalb verbirgt sie sich? – Hält sie sich für zu häßlich?
ARCHELAOS: Im Gegenteil: für zu schön.
SEBAS: Stolz also?
(Beide lachen.)
SEBAS (nimmt wieder Feigen, ißt und reicht dem Archelaos davon): Das macht Appetit! – Ich bin verzweifelt, mein teurer Archelaos: Sie geht wieder!
ARCHELAOS: Wer denn?
SEBAS: Die Köchin!
ARCHELAOS: Dein Schatz von gestern Abend?
SEBAS: Ihr Mann holt sie nach dem Essen.
ARCHELAOS: Das tut mir leid für Dich.
SEBAS: Es tut mir leid für sie, das arme Kind … (Sie entfernen sich.) Also Flötenspielerinnen …
(Man hört):
ARCHELAOS: … Was ein Narr!!
(Nicomedes, Syphax, Pharnaces treten auf.)
NICOMEDES: Das kleine Fest kündet sich nicht übel an, mein lieber Syphax. Was denkst Du?
SYPHAX: Bess'res vom Fest als von Candaules.
PHARNACES: Und doch ist er besser als das Fest.
NICOMEDES: Glaubst Du?
PHARNACES: Gewiß – denn dieses Fest läßt uns nur einen Candaules sehn, während Candaules uns viele Feste sehen läßt.
DER KOCH (zu den Dienern): Feigen hierher.
SYPHAX (kommt mit Nicomedes vor): Ich fange wirklich an zu glauben, daß es weder Politik noch Dummheit ist, was den König veranlaßt, uns mit Festen und Geschenken zu überschütten, es ist vielmehr, wie Du es sagtest, so eine Art unentschiedener Gnädigkeit.
NICOMEDES (bestätigt): Das ist es.
DER KOCH: Da fehlen noch zwei Becher.
SYPHAX (fortfahrend): Und das ist gerade, was mich geniert. So lang ich auch den König schon verachte, ich nahm seine Geschenke gern; aber wenn er wirklich der ist, den ich ihn zu glauben anfange, so bin ich es, den ich nun verachten will.
NICOMEDES: Ach laß doch! Du nimmst doch nichts sonst, als was er Dir anbietet. Komme das Gute nun vom Himmel oder vom Menschen – die Wohltat freudig hinnehmen, das ist das Geheimnis des Glücks.
DER KOCH: Nun ist wohl alles fertig.
(Er zieht sich mit den Dienern zurück. – Die Herren entfernen sich.)
Phedros und Simmias, freundschaftlich verschlungen, Philebos.
PHEDROS: Nein, glaub' mir, Lieber: Der König Candaules ist weiser als Du zugibst. Es ist eine große Weisheit, sich für glücklich zu halten.
SIMMIAS: Ist er denn wirklich glücklich, oder scheint er es bloß?
PHEDROS: Noch mehr Weisheit braucht es dazu, glücklich zu scheinen.
PHILEBOS: Sich glücklich glauben, ist mehr wert, als es zu sein suchen.
PHEDROS: Trotz aller seiner Schätze, weiß er doch den Wert der Freundschaft. Er weiß, sie ist nicht mit Gold zu kaufen. So macht er sich wenig aus der Freundschaft seiner Schmeichler und schätzt nach ihrem Preis ihre Worte, und bezahlt er sie, so tut er's ohne Glauben. Mehr noch – ich sah ihn gegen nichts sonst aufgebracht, als gegen diese süßen Worte.
PHILEBOS: Wenn eines noch sein Glück beunruhigt, ist es dies, um sich und eben wegen seines Reichtums nur Höflinge zu spüren – und nicht einen Freund.
SIMMIAS: Er hat seine Frau.
PHILEBOS: Die Frau – der Freund ist nicht dasselbe.
SIMMIAS: Man sagt, er liebe sie leidenschaftlich.
PHEDROS: Da tut er recht.
SIMMIAS: Man sagt, sie sei ganz wunderbar schön.
PHILEBOS: Nur hat sie noch niemand sehen können.
SIMMIAS: Man sagt, sie würde heut' Abend beim Fest erscheinen.
PHILEBOS und PHEDROS: Wer sagt das?
(Währenddem ist Candaules mit einigen der Herren nähergekommen. Er hört die letzten Worte, und)
SIMMIAS (wendet sich zu ihm und sagt): Aber Candaules selbst.
Zweite Szene.
CANDAULES: Ja, Candaules sagt es. Ja, die Königin Nyssia wird an diesem Abend das Fest schmücken. – Ein köstlicher Abend … die Schönheit dieses Tages wuchs bis zu dieser Stunde, wie eine Freudenhymne, die bis zum höchsten Klingen stieg, daß sie die Sinne kaum mehr noch vernehmen. Nun ruhigt alles und verklingt … doch draußen da, auf der kleinen Terrasse, kaum eine Stunde ists her, da war's ein Schwelgen, Wollust … Ihr hättet mit uns kommen sollen, süßer Philebos. Der Lorbeer unten steht in Blüten und ist im Schatten ein Duft davon …
SYPHAX, NICOMEDES und PHARNACES: … köstlich.
CANDAULES (immer zu Philebos, der sich noch zu Phedros und Simmias hält): Ihr geniert Phedros und Simmias.
SIMMIAS (lächelnd): Oh … nicht …
CANDAULES: Die Beiden – ja, von denen verlange ich nicht, daß sie mit mir kommen. Ihre Freundschaft sucht die Einsamkeit und füllt sie aus. Ich bin eifersüchtig auf Deine Freundschaft, schöner Simmias. Sie ist kostbarer als all mein Gut, und ich will, daß all mein Gut sie schütze. Sebas, für Dich ließ ich von weit her weiße Feigen pflücken, ich mag es gern, daß Dein guter Geschmack sie den andern vorzieht – Du findest sie wie ich süßer und duftender. Pharnaces, Dein Witz hat mich unterhalten, morgen mußt Du mir die Geschichte weitererzählen. Die Verse, die Du mir lasest, lieber Syphax, sind hübsch, ich werde sie in Musik setzen lassen. – Armer Archelaos, diesen Abend gibt es keine Flötenspielerinnen … die Königin wird da sein … Siehst Du sie wieder an wie gestern, wird ihre Scham es ungern merken. Werte Herren, – verzeiht, ich schäme mich des Verlangens: daß Ihr bedacht in Euren Reden seid: die Königin wird hier sein. Gleich komme ich mit ihr. (Er entfernt sich, kommt indes ein Weniges zurück.) Was für ein köstlicher Abend!… Wir hatten, süßer Philebos, auf der Terrasse, die süßesten Sorbetts, die Du träumen kannst … – O Fülle meines Glückes! Wie hätte ich an meinen Sinnen allein genug, es zu erschöpfen! So sei Euch, Ihr Herren, Dank dafür, daß Ihr mir helft, das Ende dieses Tages auszupressen, wie den Saft der Traube, alles, was der Tag an Trunkenheit und Glück enthält. Eine Freude, mit Euch geteilt, ist zwiefach. – Und morgen wiederholen wir diesen schönen Tag … (Er geht.)
SYPHAX: Candaules ist doch wundervoll!
ARCHELAOS: Er ist schön.
SEBAS: Er ist groß.
NICOMEDES: Seine Art, uns zu empfangen, ist einfach glänzend.
PHARNACES: Ja, wahrhaftig, das ist sie.
SYPHAX: Wir müssen dann gleich auf das Glück des Candaules trinken.
PHARNACES: Das ist gefährlich, Syphax.
SYPHAX: Für wen? – Für mich?
PHARNACES: Für ihn.
SYPHAX: Ah! Woher könnte ihm das Unglück kommen?
NICOMEDES: Vielleicht von seiner Frau.
PHEDROS: Es gibt keine, die treuer wäre.
PHILEBOS: Oder … von ihm selbst …
SIMMIAS: Still! Schweig – da sind sie.
Dritte Szene.
CANDAULES (zur Königin): Schlage den Schleier zurück: Alle sind meine Freunde.
DIE KÖNIGIN: So viele Freunde, hoher Herr! Ich wußt Euch reich, doch dacht' ich Euch es nicht so sehr. Und seien Alle mir willkommen, da Ihr mich neben ihnen an diesem Tische wollt.
(Alle setzen sich. Eine gewisse Verlegenheit folgt den Worten der Königin.)
ARCHELAOS (zu Pharnaces): So sprich doch was!
PHARNACES (halblaut): Ich weiß nicht, was sagen, als daß die Königin sehr schön ist.
ARCHELAOS (zu Philebos): Sprich Du …
PHILEBOS (macht eine stumme Geste).
DIE KÖNIGIN: Wie das? Ihr schweigt – ist's meinetwegen? Wie groß auch mein Vergnügen sei, dem, was Candaules will, zu dienen und ich mich, wie ich's tat, an diese Tafel setzte – könnt' ich denken, daß ich die Festfreude nur in Etwas störte, so stünde ich wohl gleich auf und ginge wieder, denn die laute Freude ist besser hier am Platze als die Königin.
NICOMEDES: Nichts wag' ich sonst der Königin zu sagen, als dieses, daß es die ungewohnte Schönheit ihres Angesichts, die jeden von uns so sehr in Staunen setzt, daß unser Schweigen nichts anderes ist als stumm schauende Bewunderung.
CANDAULES: Laß, Nicomedes! Das ists gerade, was die Königin nicht wollte und fürchtete: daß man sie preist. – Nyssia, ich bitt' Euch, antwortet ihnen. Wacht Ihr mir darüber nicht, passiert's den Herren, daß sie dem Feste nichts sonst bieten als ein langweiliges Hin und Her von wohlgesetzten Komplimenten und Worten ohne Witz und Laune. Wohl macht das Ungewohnte Eurer Gegenwart so sie leicht gezwungen, ängstlich. Doch glaubt mir, sonst wissen sie wohl bessere Worte, leichtere Rede. Mög' Euer Witz ihnen gnädig zuhülfe kommen, das Übel heilen, das Eure Schönheit ihnen antat … wir wollen ein Fest begehen.
DIE KÖNIGIN: Ist wirklich mein Gesicht die Schuld daran, mein hoher Herr, ist's leicht zu machen, daß es nicht mehr schade. Erlaubt, daß ich vor seiner Röte einen Schleier lege, den ich nur gezwungen hob, vor Andern als vor Euch.
CANDAULES (erregt): Nein, Nyssia, nein … noch solche Worte mehr und unser Fest ist ohne Freude. Schlag' den Schleier zurück, Nyssia. Und wir, Ihr Herren, wir trinken den ersten Becher auf die Freude! Die Freude dieses Festes schläft noch, auf! Der Lärm der Stimmen soll sie wecken! – (Bewegung.) Nyssia! – trink auch, Nyssia!
SYPHAX: Sprech ich im Namen Aller?
EINIGE: Sprich, Syphax, sprich zu!
CANDAULES: Füll' erst Deinen Becher wieder.
SYPHAX: Im Namen von Candaules' Freunden bringe ich dies der vollendeten Schönheit von Nyssia, Candaules Weib …
CANDAULES: Laß, Syphax!…
SYPHAX: Und dem Candaules, der ein so seltenes Gut sein Eigen nennt und, statt es zu verbergen und für sich allein zu halten, erlaubt, daß unsere ehrfurchtsvollen und entzückten Blicke sich dran berauschen.
EINIGE (heben ihren Becher): Gut! Gut gesagt, Syphax! Es lebe Candaules!
CANDAULES: Nicht doch, meine Werten! Ihr sollt mir es nicht danken, daß ich diesem Feste die Schönheit der Königin gewähre. Wahrhaftig: ich litt zu sehr daran, sie nur allein zu kennen. Je mehr mein Staunen vor ihr wuchs, so mehr fühlte ich auch, wie ich Euch Alle darum beraube. Wie ein habsüchtiger Wuch'rer kam ich mir vor, der ohne Recht das Licht zurückhält.
PHARNACES: Ohne Recht, Candaules? Ist es nicht Recht, daß jeder sein Gut verwendet, wie es ihm beliebt?
CANDAULES: Vielleicht, – doch war mir, als täte ich Diebstahl an dem Gut, mit dem ich ganz allein zur Freude war.
SEBAS: Man kann einen sublimen Gedanken nicht schöner ausdrücken.
DIE KÖNIGIN (zu Candaules): Ihr scheint, Gebieter, zu vergessen, daß ich das Gut bin, von dem man spricht.
CANDAULES: Verzeiht, Ihr gebt den Worten falschen Sinn! Ich dachte, Nyssia, an Euch nicht mehr und was ich sagte, sagte ich nur so im allgemeinen.
PHILEBOS: Und Ihr, Frau Königin was denkt Ihr von dem Mitbesitz und Teilen?
SIMMIAS (zu Phedros): Philebos ist sehr kühn.
DIE KÖNIGIN (zu Philebos): Ich denke, man tötet lieber manches Glück, als daß man's teilen könnte.
(Das Fest wird nach und nach belebter. – Die Stimmen drängen sich, und Sebas, Phedros und Candaules antworten fast gleichzeitig.)
CANDAULES (gereizt, als ob er nur die Antwort der Königin gehört hätte): Es kommt d'rauf an, mit wem …
PHEDROS (zu Simmias): Hast Du gehört, wie fein die Königin das gab?
SEBAS: Man kann nicht hübscher auf eine doch so heikle Frage antworten.
CANDAULES: Laß, Sebas! Gieb Dich lieber mit den Feigen ab. (Er wirft ihm eine zu.) Phedros! Du trinkst nicht? Reich' mir Deinen Becher, komm! Ich habe mir vorgenommen, Euch Alle auf die Probe zu stellen.
NICOMEDES: Uns auf die Probe, Candaules? – Und womit?
CANDAULES: Mit dem Rausch.
PHEDROS: Ich bin ein trauriger Trinker, und aller Rausch erschrickt mich. Erlaß es mir, Candaules.
CANDAULES: Was fürchtest Du, Phedros? Der Rausch zeigt nichts sonst, als was wir in uns tragen. Was fürchtest Du ihn, der Du nur Edles in Dir hast? Die Trunkenheit entstellt nicht, übertreibt nur, nein, sie zeigt von jedem, was er sonst aus falscher Scham verborgen hält: Dir Phedros Deine Klugheit; dem Pharnaces und Syphax ihren Witz, dem Archelaos – nichts, dem Sebas die Feigen, mit denen er sich vollstopft.
PHEDROS: Der König fängt an, viel zu sprechen.
CANDAULES (zu den Dienern): Zerlegt den Fisch!
NICOMEDES: Wenn er nur braun genug ist.
CANDAULES: Ich wette, er war dort im Meer daheim, wo sich die Sommersonne zur Ruhe legt. Seht …
DER KOCH (zeigt den Fisch).
ARCHELAOS: Es ist ganz köstlich.
DER KOCH: Es ist ein Goldkarpfen.
CANDAULES: Trinken wir auf die Pracht dieses Fisches! Und Du, Pharnaces, machst uns die Verse auf den Karpfen!
PHARNACES: Der König scheint zu vergessen, daß die Fische stumm sind.
SYPHAX: Nicht alle! Man erzählt von einem der Orakel gab.
PHARNACES: Mach Du die Verse, Syphax!…
EINIGE: Den Spruch! Die Verse!
SYPHAX: Paßt auf … um so schlimmer, wenn sie schlecht sind:
Du Sonne, deren letzten Strahlen
Dich Karpfen durchaus goldig malen,
Laß auch den Dichter ohne Qualen
Dir diesen Spruch als Dank bezahlen.
PHARNACES und CANDAULES: Bravo, Syphax!
NICOMEDES: Hoffen wir, der Fisch ist besser als das Gedicht. (Man reicht den Fisch.)
CANDAULES: Wie findet Ihr ihn, Pharnaces? Archelaos?
PHARNACES: Ausgezeichnet …
ARCHELAOS (mit einem Schrei): Hölle! Was ist das? – Beinahe hätt' ich einen Ring gegessen!
NICOMEDES und ANDERE: Einen Ring? –
ARCHELAOS: Und habe mir zwei Zähne daran ausgebrochen.
SYPHAX (leise): Was ein gefräßiges Tier!
ARCHELAOS: Er war im Fleisch des Fischs versteckt. Ihr lacht dazu?!
SYPHAX und ANDERE (lebhaft widersprechend): Durchaus nicht! Nicht im geringsten!
SEBAS: Du nimmst eben zu große Bissen.
ARCHELAOS: Ich hätte dran ersticken können.
SYPHAX: Mindestens.
NICOMEDES: Zeig' doch den Ring.
PHILEBOS (gibt ihn ihm): Er ist nicht übel.
NICOMEDES (nimmt ihn in der Reihe): Im Fisch, sagst Du?
SYPHAX: Höchst sonderbare Nahrung.
NICOMEDES: Der Stein darin ist hübsch.
CANDAULES: Ein ganz gewöhnlicher Saphir, nichts weiter. Ich hab' mehr solche, größer noch und reiner. Morgen sollst Du sie sehen, Nicomedes.
SYPHAX (zu dem nun der Ring, der die Runde gemacht, gekommen): Wem gehört er nun, der Ring?
ARCHELAOS: Mir gab ihn der Fisch und ich geb ihn dem König.
SYPHAX: Für Archelaos ist das Wort sehr hübsch.
EINIGE: Dem König den Ring, dem Candaules!
PHEDROS (der den Ring genommen, um ihn dem König zu geben): Halt, da ist was eingeschrieben.
NICOMEDES (neigt sich schauend zu Phedros): Syphax hat Recht: der Karpfen hat gesprochen.
DIE KÖNIGIN und CANDAULES: Was sagt er?
NICOMEDES: Ich seh' nicht deutlich.
PHEDROS: Pharnaces hat scharfe Augen.
PHARNACES (erhebt sich und geht mit dem Ring zu einer der Fackeln, die die Diener mittlerweile gebracht hatten): Zwei griech'sche Worte.
CANDAULES: Und heißen?
PHARNACES: εὐτυχίαν κρύπτω
PHEDROS: «Ich verberge das Glück.»
EINIGE: «Ich verberge das Glück»? Was für ein Glück?…
NICOMEDES: Das Wort ist dunkel.
PHARNACES (als ob er noch etwas sähe): Wartet! – Da … (Alle in Erwartung.) Nein – es ist alles. König Candaules, ich stecke diesen rätselvollen Ring an Deinen Finger.
CANDAULES (hält mit einer Geste Pharnaces zurück): Koch! – Woher kommt der Fisch?
DER KOCH: Ein Mensch bracht' ihn vorhin. Der Fisch war schön, so kaufte ich ihn.
CANDAULES: Wo ist der Mensch?
DER KOCH: Er ist heim.
CANDAULES: Weshalb hast Du ihn nicht zum Gelage in der Küche zurückgehalten?
DER KOCH: Er wollte nicht.
CANDAULES: Ich seh's nicht gern, daß man zurückweist, was ich biete … Was für ein Mensch?
DER KOCH: Ein armer Fischer, weiter besond'res nichts.
CANDAULES: Und Du, Du gabst ihm für den Fisch?
DER KOCH: Vier Silberstücke.
CANDAULES: Gold verdiente er dafür.
DER KOCH: Er ist so unglücklich, daß Silber ihm genug ist.
CANDAULES: Es gibt nur Glückliche in meinem Reich, – oder es ist, daß ich ihn nicht kenne. Wie heißt er?
DER KOCH: Er hat, zu dienen, den Namen Gyges.
CANDAULES: Man suche ihn. Ich will ihn kennen. Ich schwöre es, kein Finger kommt in diesen Ring, bevor ich nicht den Mann gesehn. Gyges sagst Du?
CANDAULES: Bevor ich nicht mit Gyges, dem Fischer, gesprochen. Geh! Such' ihn!
DER KOCH (gibt einem Mann Befehle): Auf der Stelle.
(Ein ziemlich langes Schweigen begleitet das Schweigen des Königs. Dann hört man):
SEBAS: Es ist luftiger hier als drinnen im Saal.
PHILEBOS: Und diese Stelle hier im Garten ist wundervoll zur Nacht.
NICOMEDES: Was für ein Blick! Ich hab' es gern, wenn man so bis aufs Meer sieht: – wo sich, da seht, der wachsende Mond heraufhebt.
NYSSIA: Was ist das für ein Leuchten?
PHILEBOS: Es ist der Mond, hohe Frau.
NYSSIA: Nein! Da, da unten, ganz am Rand der Küste.
PHARNACES: Man möchte sagen, eine Hütte brennt.
NICOMEDES: Es sieht sehr schön aus, so in der Nacht, das Brennen.
SEBAS: Diese Fasane sind vorzüglich.
ARCHELAOS: Ich habe eine Wachtel genommen.
SYPHAX: Candaules spricht kein Wort und scheint bekümmert.
CANDAULES: Man sieht fast nichts mehr … bringt Fackeln, mehr Fackeln. (Man bringt Fackeln.) – Mein Becher ist leer. Der Eure auch. Philebos! Pharnaces … der Wein verdirbt.
(Philebos, dem man Wein eingießen will, weist zurück.) Und wenn Du schon nicht trinkst, so sprich – ich bin voll Unruh … dies Wort im Ring … was denkst Du davon? Philebos? Ich kann mein Denken nicht davon wenden.
PHILEBOS: Weshalb, Candaules? Ich glaube, nichts weiter ist's als solcher doppelsinniger Worte Spiel, wie sie im Brauche der Orakel. Was sie Geheimnisvolles haben, ist nur der Glaube, den man ihnen gibt. Mit vieler Mühe findet man am Ende nichts weiter in dem Rätsel als eine ganz gemeine Alltagswahrheit.
PHARNACES: Und öfter noch findet man überhaupt nichts.
CANDAULES: So meint Ihr, die Worte wollen fast nichts sagen?
PHILEBOS: «Ich verberge das Glück» –? Nein … nichts.
CANDAULES: So besser so. Ich hätte mich davon beunruhigen lassen.
NICOMEDES: Und dann, wenn Worte dieser Art schon einem nüchternen Menschen widerspenstig scheinen, sind wir, der eine nicht und nicht der andere, glaub' ich, jetzt im Stand, das Rätsel zu lösen.
SYPHAX: Du hast recht, Nicomedes! Trinken wir kurz und gut auf das Glück des Candaules. Er macht es dem Ring nicht nach, er verbirgt sein Glück nicht, im Gegenteil! –
PHARNACES (erhebt sich, um mit den Anderen anzustoßen): Es lebe Candaules, der glücklichste Mensch der Erde!
CANDAULES (schlägt mit der Faust heftig auf den Tisch): Was! Mein Glück! Was wißt ihr von meinem Glück!? Was!
PHEDROS: Nichts, Candaules.
CANDAULES (sich besinnend): Verzeiht, Ihr werten Herren – ich weiß nicht, was mich so bewegen konnte … Und Ihr, Nyssia, die Ihr schweigt, wenn man an Euch nicht ganz besonders das Wort richtet – sagt, was denkt Ihr von meinem Glück?
NYSSIA: Daß es ist wie ich, hoher Herr.
CANDAULES (von Neuem erregt): Rätsel! Wieder Rätsel! – Was meint Ihr damit? Sprecht!
NYSSIA: Ich wollte sagen, das Glück verwelkt, wird es entschleiert.
CANDAULES (in dem der Wein zu wirken beginnt): So bedeckt Euch! Es liegt mir nichts mehr daran nun Jeder Euch gesehen hat.
NYSSIA (macht eine Bewegung traurigen Erstaunens).
CANDAULES: O, verzeiht, Nyssia!… Was habe ich sagen können? Ach Schmerz … ich will Euch keinen Schmerz antun. Doch weil mein Glück, weil mir mein unverborg'nes Glück im Andern seine Kraft und seine Heftigkeit zu schöpfen scheint, so kommt's mir vor, oft kommt's mir vor, es existierte nur im Wissen, daß die Andern davon haben und daß ich's erst besitze, wenn Andere wissen, daß ich es besitze. Dies schwör' ich Euch, Ihr Freunde, wenig läg' mir daran, die Erde mein zu nennen, wär' ich allein auf ihr und keiner da, der wüßte, daß die Erde mein ist. Glaubt mir dies: ich fühle meinen Reichtum nur, da Ihr ihn nützt. Ich bin so reich …! Kein Rausch ist stark genug, daß er mich dieses übertreiben machte: ich bin sehr reich. Und da ich vorhin unwillig ward, als Ihr mein Wohl, das Wohl des reichsten Menschen dieser Erde tranket, so war es nur, weil Ihr ja gar nicht wißt, wie reich ich bin.
PHEDROS: Nicht auf Deinen Reichtum tranken wir, Candaules, wir tranken auf Dein Glück.
CANDAULES (beugt sich vor, sich ereifernd): Das ist das Schlimm're! Was? Was wißt Ihr von meinem Glück? Weiß ich denn selbst davon? Kann man sein Glück denn ansehn, greifen? Man sieht nur das der Anderen. Das eigene fühlt man nur, wenn man's nicht ansieht. – Die Luft ist schwül heut Nacht und ihre Wollust drückend … Und dieser Gyges! Was ist's mit ihm! (Er erhebt sich und schwankt ein wenig, aber ganz wenig.) Wenn Gyges kommt, so wollen wir ihn betrunken machen. (Man gießt ihm ein. – Er nähert sich Phedros.) Und Du weißt nicht, Phedros, noch nicht weißt Du – ein Geheimnis …
(Er setzt sich zwischen Phedros und Simmias. Die Tafel ist etwas in Unordnung, wie bei unsern Mahlzeiten, wenn der Kaffee gereicht wird. Nicomedes nähert sich der Königin und spricht zu ihr.)
CANDAULES (zu Phedros): Und dann – was liegt mir, mir am Glück? Nicht wahr, 's ist nur des Armen würdig, sich zu beschäftigen mit dem Glücklichsein. Sag, verstehst Du mich, Phedros? Und Deine Weisheit, unterschreibt sie, was ich nur Dir sagen kann? Jedes neue Gut, das man besitzt, es schleppt sein neues Verlangen nach, es zu probieren, es zu wagen … Und Besitzen, das ist für mich Versuchen, Wagen. (Er schlägt mit seinem Becher auf den Tisch und hört auf den Ton.) Warum sagst Du nichts, Phedros? Hast Du nichts getrunken? Phedros, ist Dein Glück denn in der Ruhe? Hab' ich mehr Weisheit, als Du Philosoph, um zu verstehen, daß, nur wo das Leben überfließt, das Glück ist? O Phedros! Für mehr Glück und mehr Leben verbraucht sich der Mensch, wenn er arm ist, im Verlangen – das ist die eine Art, verstehst Du? Aber nichts verlangen, nein: Arbeiten für das, was man verlangt. Und wenn man es hat, es wagen. Verstehst Du. Das Glück auf's Spiel setzen – das ist die andere Art, die Art der Reichen. Das ist die meine. Ich bin so reich, Phedros, und des Lebens so voll …
SIMMIAS: Wäre Dein Glück eine Freundschaft, Du sprächst nicht davon, mit diesem Glück zu spielen, Candaules: aber eine Freundschaft, das ist es, was Dir fehlt.
CANDAULES: Du hast recht. Um wieviel Schätze, schöner Simmias, kaufte ich nicht die Deine!
DER KOCH (kommt mit Gyges, von links.)
DER KOCH: König, hier ist der Fischer.
CANDAULES (von der rechten Seite des Tisches, wo er sich niedergelassen): Also Du bist Gyges?
GYGES: Ja, ich bin Gyges, König Candaules.
CANDAULES: Gyges, der Fischer.
GYGES: Ja, Gyges der Fischer.
CANDAULES: Gyges, der Arme.
GYGES: Gyges, der Arme, König Candaules.
ARCHELAOS: Er ist nicht sehr gesprächig.
SEBAS: Das hat er von den Fischen.
CANDAULES: Laß, Sebas, – Komm näher, Gyges. Warum bist Du nicht beim Gelage in den Küchen?
GYGES (antwortet nicht).
CANDAULES: Man reiche ihm einen Becher. Trinkst Du manchmal Wein?
GYGES: Sozusagen nie.
CANDAULES: Trink! (Er sieht einen Sklaven gewöhnlichen Wein eingießen.) Nein! Nicht von dem! Bessern.
PHARNACES: He! Das schmeckt, Gyges!
CANDAULES: Laß, Pharnaces! Ist es wahr, daß Du so unglücklich bist, Gyges?
GYGES: Nein, nicht unglücklich – elend.
CANDAULES: Bist Du sehr arm?
GYGES: Ich habe, was ich brauche.
SYPHAX: Für einen Fischer ist er gar nicht so dumm.
CANDAULES: Was hast Du denn?
GYGES: Ich hatte ein kleines Haus. Aber mein Weib kam aus Deinen Küchen, König, und hatte sich da ein wenig betrunken. Sie wollte das Herdfeuer aufschüren, mir meine Suppe zu wärmen. Sie brachte Feuer an's Stroh und, ich weiß nicht wie es kam, die Hütte war wohl ausgedörrt – Alles brannte nieder.
CANDAULES: Hattest Du sonst nichts, Gyges?
GYGES: Meine Netze – sie verbrannten in der Hütte.
CANDAULES: Wie kann auf dieser selben Erde, neben einem Glück wie dem meinen, wie kann ein solches Elend sein?… Ich will Dein Weib sehen armer Gyges.
ARCHELAOS: Und ich auch.
GYGES: Sie sehen? – Leicht, Candaules, sie ist nicht weit. Ich wollte sie nicht allein lassen, denn sie ist betrunken, so nahm ich sie mit mir. (Gyges ab.)
SEBAS (stößt Archelaos mit dem Ellenbogen, leise): Archelaos, das gibt zu lachen! S' ist die! Du weißt, mein Schatz von gestern Nacht.
ARCHELAOS: Ich bin gespannt. (Zu Pharnaces.) Candaules hat da wahrhaftig einen wunderbaren Einfall! (Zu Sebas.) Ist sie wenigstens schön?
SEBAS: Was willst Du! Ein Fischerweib!
PHARNACES: Na weißt Du, ich hab' schon Bäuerinnen gesehen, die nicht …
PHEDROS (sieht Gyges mit seinem Weibe kommen; die ist wie eine Wilde, das Haar wirr und schlecht gekleidet): O König, was Du tust, ist gefährlich!
GYGES: Hier, werte Herren, ist das Weib des Gyges.
ARCHELAOS (lacht).
CANDAULES: Wie heißt sie?
GYGES: Ich ruf' sie Trydo.
SEBAS: Haha, hätt ich das gewußt! Trydo! Trydo!
CANDAULES: Gebt Frieden! (Leise.) Laßt mich gut zu diesem Menschen sprechen. Nun, armer Gyges, das ist alles, was Du hast?
GYGES: Besser das Wenige, aber das für mich allein.
SEBAS (platzt heraus, zu Archelaos): Paß auf!
GYGES: Vier Dinge waren mein Eigen, ich hab' nur mehr zwei. Man hält zwei Dinge besser in den Händen als vier.
CANDAULES: Was sind das für zwei Dinge, tapfrer Gyges?
GYGES: Das eine ist mein Weib.
SEBAS (kann sich nicht mehr halten): Ach, mein lieber Gyges, was das Weib betrifft, da kannst Du sicher sein, daß Du es nicht allein besitzest.
CANDAULES (entrüstet): Sebas!
SEBAS: Nein. Aber es darf doch dieses Schwein nicht kommen und sich stolz vor mir machen und sagen, daß er das Weib da allein hat …
CANDAULES: Sebas!
SEBAS: Wenn sie, während er seinen gehörnten Fisch fängt, (Archelaos krümmt sich vor Lachen) nicht, Trydo, he? Gestern in der Küche …
NYSSIA (zu Candaules): Aber, mein Gebieter, das ist ja fürchterlich …
CANDAULES: Ich bitt' Euch, Nyssia. Ich werde es nicht dulden, daß man diesen Mann beschimpft.
GYGES: Danke, Candaules. – Und Du, Herr, dessen Namen ich gar nicht kenne und den zu kennen mich wahrhaftig nicht verlangt – Du vermagst viel über mich, ich über Dich – nichts. Aber ich vermag alles über die da. Sie gehört mir, sag ich Dir. (Er reißt ein Messer vom Tisch und sticht auf Trydo.) Sie gehört mir! – (Bewegung.) Sie gehört mir!
NYSSIA: Haltet ihn doch!
NICOMEDES: Archelaos! Sebas! Haltet ihn doch!
SEBAS (der sich erhoben, verwickelt sich mit seinen Beinen in seine Kleider und rollt, völlig betrunken, unter den Tisch).
NYSSIA (erhebt sich und will gehen).
NICOMEDES (versucht, sie zurückzuhalten.)
PHARNACES: Dieser Mensch ist scheußlich!…
CANDAULES: Nein, Pharnaces, wunderbar ist er! Und vornehmer als Du, Sebas. – Sebas! Wo ist er denn?
NICOMEDES: Er ist unter den Tisch geflüchtet.
CANDAULES: Laß ihn, Pharnaces, er ist besser dort, als anderswo. Nyssia! Ihr geht?
NYSSIA (ab).
GYGES (der eine Weile neben seinem toten Weibe steht, will fort.)
CANDAULES: Bleib! Bleib! Gyges! Gyges!
GYGES: Nein, Herr.
CANDAULES: Gyges!
GYGES: Nein. – Nichts hab' ich mehr als eines – das kann mir keiner rauben. (Fragende Geste des Candaules) Mein Elend!
CANDAULES: Ja, Gyges; und der es von Dir nimmt, bin ich, Dein Herr.
GYGES: Ich bin nicht Dein Knecht, o König.
CANDAULES: Das sagst Du gut. Ihr hörtet es, Philebos und Phedros. Nein, Du bist mein Knecht nicht, Gyges, und ich bin nicht Dein Herr; Dein Freund! (Zu den Dienern) Man richte im Palast ein Gemach für ihn. – Die Tafel ist aufgehoben, meine Herren. Heute wird wohl keiner mehr trinken wollen.
Vorhang schnell.
ZWEITER AKT
Die Szene ist ein Gemach im Palaste, offen nach links und da von einer Terrasse abgeschlossen, auf der Musikanten ihren Platz haben. CANDAULES und GYGES sitzen noch beim Schluß eines Mahles, fast ausgestreckt auf niedrigen Stühlen. GYGES ist glänzend gekleidet. Die Musikanten spielen.
Erste Szene.
CANDAULES: Nun quält mich die Musik. Hört auf! Gyges weiß nun, was ihr könnt. Jede Regung hat nichts sonst Köstliches als ihre Überraschung. Unsere Freude gleicht dem beweglichen Wasser des Stromes – es dankt die Frische seiner währenden Flucht. (Zu den Musikanten.) Geht und zerstreut die Gäste in den Gärten. Entschuldigt mich bei ihnen. Und daß ich später in der Nacht noch komme. Versucht mit Eurem leichten Spiel, sie wach zu halten. (Die Musikanten ab.) Deckt ab! (Die Diener beeilen sich damit.) Den süßen Wein laßt da … Vielleicht trinkt Gyges noch davon … Gib Deinen Becher, Gyges. – Er kommt von Cypern. – Liebst Du ihn? (Zu den Dienern, die abseits stehen.) Bringt uns bald Licht. Der Abend schließt sich. Geht! (Die Diener ab. Candaules rückt Gyges näher.) Freund Gyges! So mußtest Du, wenn Dir das Meer nicht gnädig war, hungrig zu Bett.
GYGES: Ja, Candaules. Es gibt in Deinen Ländern mehr als einen Armen, der öfter als an einem Abend ohne Mahl sein Lager aufsucht.
CANDAULES: Das hätt' ich früher wissen mögen.
GYGES: Wozu?
CANDAULES: Vielleicht – um mich darum zu kümmern.
GYGES: Um Dein Glück Dir zu verderben?…
CANDAULES: Nein, nein – mein Glück hätte das Elend besiegt … Ich glaubte es so groß, so strahlend groß, daß neben ihm nichts Armes möglich wäre.
GYGES: Was Du für mich getan, das hättest Du so auch getan, so ohne mich zu kennen?
CANDAULES: Selbst ohne Dich zu kennen, ja, wahrhaftig.
GYGES (wendet sich traurig ab): So siehst Du, daß Freundschaft zwischen uns nicht sein kann.
CANDAULES: Weshalb denn? Sag!
GYGES: Was Du für mich getan, das tatest Du aus Mitleid. Man hat nicht Freundschaft, man hat nur Mitleid mit den Armen.
CANDAULES: Arm! Bist Du's denn noch? Steh' auf und sieh Dich an! Dein Kleid ist doch ein anderes. Glänzender Gyges, wer wollte Dir jetzt wohl sein Mitleid schenken? (Gyges hat sich erhoben, er betrachtet sein kostbares Gewand, doch sieht bekümmert und wendet sich von Candaules.) Nimm diese Kette … (Er nimmt eine seiner Halsketten ab und will sie Gyges umhängen, der abwehrt.) Ich will es. (Gyges trägt nun die Kette und setzt sich wieder. Candaules neben ihm, eindringlich): Glaubst Du mich reich?
GYGES: Ja.
CANDAULES: Sehr reich?
GYGES: Ja, sehr reich.
CANDAULES: Dann sag mir noch, … wie … wie reich?
GYGES: Ich weiß, so weit mein Blick reicht, ist Dein Land.
CANDAULES: O größer, Gyges, viel größer!
GYGES: Man sagt, Du habest Inseln auf dem Meer.
CANDAULES: Meine schwerbeladenen Schiffe kommen her von dort … Doch, das ist nur ein kleiner Teil … Kannst Du Dir denken, wie viel Gold in meinen Kellern liegt?
GYGES: Fast so viel, denk' ich, als den Armen fehlt.
CANDAULES: Sprich mir nicht von den Armen, Gyges, ich kann sie reich machen wie Könige und würd' es doch kaum spüren in meinem Schatzhause. Morgen sollst Du es sehen. Deine Hütte war eng, Gyges, nicht wahr?
GYGES: Eng und niedrig, ja, Candaules.
CANDAULES: Und Geschmeide, glaubst Du, daß ich Geschmeide habe?
GYGES: Du zeigtest mir sehr schöne …
CANDAULES: Ich habe noch schönere, Du wirst sehen. Was trinkst Du für gewöhnlich?
GYGES: Wasser.
CANDAULES: Schmeckt Dir der Wein?
GYGES: Er mag nicht schlecht sein.
CANDAULES: Ich habe besseren.
GYGES (zieht seinen Kopf aus seinen Händen): König Candaules, weshalb hältst Du so viel darauf, daß ich Deinen Reichtum kenne?
CANDAULES: Damit Dich die Freundschaft freut, die Dich von all den Schätzen genießen läßt.
GYGES: Ich dachte, die Freundschaft, die Du wolltest, war nicht die Deines Reichtumes, aber Deiner selbst …
CANDAULES: Laß Deinen Spott, Gyges. Und wehr' Dich nicht gegen das Glück. Was liegt daran, daß Einer gibt, der Andere nimmt, wo Beide sich desselben Gutes freuen? Hör': Unmut und Kummer ist in mir, so lang' Du nicht die ganze Fülle meines Reichtums kennst.
GYGES: Viel besitzt Du, dessen Namen nichts für mich bedeutet. Was nanntest Du mir alle Deine Schätze? Wie sie schmecken, läßt sich das denken? Was man nicht haben kann, ist besser, nicht daran zu denken.
CANDAULES: Aber ich geb' Dir alles das … Alles … Alles … O Gyges, zu lang unglücklicher Gyges. Ich möchte heut' Dein Glück größer als je Dein Unglück groß war und Dein Schmerz. (Die Diener bringen Fackeln und gehen ab. Schweigen.) An was denkt mein Freund?… Um diese Stunde, was tat er gestern? Müde von der bittern Welle, trauriger Fischer
GYGES (unterbrechend): Kam er in seine Hütte, wo Trydo ihn erwartete.
CANDAULES: Trydo … ja – Du trauerst um sie! Armer Gyges … Komm zu mir, sag – Du liebtest sie? (Gyges schweigt.) Hast Du für mich nur eine Freundschaft, die kein Vertrauen kennt? – Mein Freund Gyges, sag, sprich doch … Du liebtest sie? – Gyges?
GYGES (legt den Kopf in die Hände und bebt): Die Winternächte war sie warm in meinem Bett … Ich sagte zu ihr: Trydo; und sie sprach: Meister. – Ich glaubte, sie liebte mich, und ich war glücklich.
CANDAULES: Armer Gyges! (Er hat sich erhoben, geht langsam den Saal nach rückwärts, leise.) Was flüsterst Du mir da zu, unruhiger Gedanke? (Er löscht entschlossen einige Fackeln; dann wendet er sich, noch immer rückwärts, zu Gyges.) Gyges – weißt Du, weshalb mich die Liebe zu Dir faßte? – Du allein hast die Schönheit der Königin verstanden … Bevor Du sie sahest, konntest Du glauben, Dein Weib sei schön … Aber ich weiß es, kaum daß Du Nyssia sahest, da schien Dir auch Trydo nicht mehr schön. (Er kommt Gyges näher.) Deshalb … hast Du sie getötet, nicht wahr, Gyges?
GYGES: Wie kannst Du das denken, o König!
CANDAULES: Fing ich Dich, Gyges?
GYGES: So wahr ich an Gott glaube, dies ist nicht so.
CANDAULES (nimmt wieder sein Gehen auf): Du glaubst an Gott?
GYGES: Ich glaube.
CANDAULES: Ich nicht viel. – Einfach Du selber kannst Du auch nur Einfaches denken, ich aber … (leise) lauter, sprich lauter, mein jüngster Gedanke! Wohin willst Du mich führen? Herrlicher Candaules … (Er schreitet im Gemach, löscht wieder eine Fackel, dann zu Gyges gewandt.) Also wirklich deshalb, weil … So war es Dir so arg, zu wissen, daß Dein Weib nicht Dir allein gehörte?
GYGES: Dafür hab' ich sie getötet – und weil ich den Andern nicht töten konnte.
CANDAULES: Stolzer Gyges!… Sonderbar … muß man so wenig sein Eigen nennen, um es so für sich allein zu wollen?… Aber – wenn der Andere Dein Freund gewesen wäre?
GYGES: O König, wie könnte ein Freund daran denken, mich zu betrügen?
CANDAULES: Ja … aber, wenn er es täte, ohne Dich zu betrügen?
GYGES: Ich verstehe Dich nicht mehr, Candaules.
CANDAULES: … Also Du hast die Königin nicht gesehen?
GYGES: Ein wenig, ja … doch hab' ich sie nicht angesehen.
CANDAULES: Dann sahst Du sie nicht. – Man kann den Blick nicht von ihr wenden, sieht man sie. (Leiser.) Sie weiß das. Sie will nicht mehr, daß man sie sieht. – Sie sagte zu mir: Dies erste Mal, daß ich mich zeige, sei auch das letzte Mal. (Noch näher zu Gyges und noch leiser.) Gyges … willst Du sie sehn, die Königin?
GYGES (erhebt sich, wie ermüdet): Nun bin ich müde, laß mich gehn.
CANDAULES (hält ihn am Gewand zurück): Gyges … verlangt es Dich, die Königin zu sehn?
GYGES (macht sich los): Nein.
CANDAULES: Gyges, ich will Dir Nyssia zeigen.
GYGES (wendet sich heftig zu Candaules): Aber ich will sie nicht sehn.
CANDAULES (leise): Ach! Wenn Du sie angesehen hättest …!
GYGES: Liebst Du sie denn nicht?
CANDAULES: Oh – mehr als mich selbst! Sie dürfte es auch nicht wissen … Und wie sie mich liebt …! Das soll Dir ihre Schönheit sagen – doch hör's ganz leise: (Er neigt sich Gyges ans Ohr.) Niemals, niemals hab' ich nach anderen Frauen begehrt … Ihr Antlitz, was ist ihr Antlitz … Wenn Du wüßtest, Gyges!… Und ihre Wollust … Und wenn Du sie da hörtest … Ich leide, hör' ich ein andres Weib loben und sag' zu mir: das ist nur, weil sie Nyssia nicht kennen. – Gyges … willst Du Nyssia kennen?
GYGES: Du willst mich auf die Probe stellen? – Ich versteh' Dich nicht.
CANDAULES: So schlimmer. Lassen wir's. Das Kleinod, das ich Dir um den Nacken legte, – alle meine Diener kennen es und gehorchen dem, der es trägt. Es ist des Königs Halsband und ich schenk' es Dir. Zweifelst Du noch an meiner Freundschaft?
GYGES: So lange Du es bist, der immer gibt: ja … Entlaß mich nun, ich möchte schlafen.
CANDAULES (ein wenig erregt): Später, später! – Bleib, Gyges. Hör: – Du hast mir auch etwas gegeben.
GYGES: Ich?
CANDAULES: So setz' Dich doch!… Bleib noch ein wenig. (Gyges setzt sich halb.) Siehst Du den Ring? Gestern noch, da machte ich nicht viel daraus. Nur, weil ich seinen Wert nicht kannte. Doch waren da zwei Worte eingegraben, die machten mich, wie auch die sonderbare Herkunft unruhig. Er war im Fleisch des Fisches, den Du gestern fingst. Einer fand ihn in einem Bissen und gab ihn mir. Ich aber war erstaunt, verwirrt, und tat den Schwur, nicht früher den Ring an meine Hand zu stecken, bevor ich nicht den Fischer sprach, dem wir den Fisch auf unserer Tafel dankten. – Du kamst. Wir sprachen. Und des Mahles blutiges Ende ließ mich den Ring vergessen, bis heute Morgen – ich war mit meinen Gästen – da steckt' ich ihn gedankenlos an meinen Finger. Auf einmal: «Wohin entfloh Candaules?» sprach einer. Ein anderer: «Er war im Augenblick noch unter uns», «Wo ist er? Wo steckt er denn? Er ist verschwunden, fort!» Und doch hatt' ich mich nicht vom Fleck gerührt. Ich sah die Herren neben mir, ganz nah, wie ich bei Dir … doch sie, sie sahn mich nicht. Und voll Entzücken ward ich betäubend so gewahr, daß mich der Ring unsichtbar machte. Stark genug, kein Wort zu sagen, schlich ich mich leise aus ihrer Mitte, und dachte gleich: der Ring, der ist von Gyges, meinem Freund, dem ich ihn schulde. – Da ist er!
GYGES: Wär' ich so Dein Freund, Candaules?
CANDAULES: Da – sieh mich an. (Er steckt sehr deutlich auffallend den Ring an den Finger.)
GYGES: Oh! Wie ein Körnchen Salz, so schmilzst Du weg. – Die Luft, sie schließt sich über Dich – – Du verschwandest … Candaules? Bist Du da? – Wo bist Du denn?… Candaules … (Sehr deutlich auffallend zieht Candaules den Ring vom Finger. – Es ist völlig unnütz, daß Candaules durch irgendwelche Maschinerie auch immer aus dem Blick der Zuschauer verschwindet. Worte und Gesten des Gyges genügen, anzuzeigen, daß er Candaules nicht mehr sieht. – Da Candaules seinen Ring wieder abgezogen hat, wirft sich Gyges vor dem König zu Füßen und zeigt so, daß er ihn wieder sieht.) Ah! meine Augen!… Da bist Du! – Du verschwandest und erschienest wieder wie ein Gott, Candaules.
CANDAULES: Nicht wie ein Gott, Gyges – wie Du selber, wenn Du diesen Ring an Deinen Finger steckst … da …
GYGES (besieht furchtsam den Ring und wagt es, ihn an den Finger zu stecken.)
CANDAULES: Wunder! Ein Traum entflieht nicht schneller den Augen des aufgewachten Schläfers … Geheimnisvoller Ring, verschwunden mit dem, den Du verschwinden läßt, schütze das Glück meines Freundes Gyges und verbirg es! – Bleib verborgen, Gyges!… Still! – Ich höre Nyssia! (Er wendet sich auf ungefähr gegen den Platz, auf dem er Gyges gelassen und der leer ist, da Gyges, wie erfüllt von Entsetzen, zurückgewichen) Bleib verborgen, Gyges. – Halt fest den Ring an Deinem Finger. Sei still! Sei wie die Luft unsichtbar. (Er löscht noch eine Fackel. Der Saal ist nur noch ganz schwach erleuchtet von einer Fackel und dem Dämmer der Nacht, der von der Terrasse kommt.) Seid Ihr es, Nyssia?
NYSSIA (draußen:) Geliebter?
CANDAULES: Kommt Ihr?
NYSSIA: Langsam. – Die Nacht ist schön … Komm, Candaules, sieh, was eine Süßigkeit hier draußen …
CANDAULES (horcht auf die Worte, bleibt unbeweglich, wie bebend in trauriger Lust … Wie zu sich spricht er und wie in Tränen): Nyssia? Meine Liebe – Nyssia, meine Geliebte! – Halte Dich, halte Dich, schwankender Gedanke!… Wein! Ist noch genug?… (Er trinkt.) Ich wurde schwach … (Dann – ins Unbestimmte, Leere.) Bleib' still! – Ich tu' Unsinniges …