Drittes Kapitel
Im Klausenhof ging bald wieder alles den gewohnten Gang. Es wäre auch nicht anders möglich gewesen, denn es gab immer zu tun, und die Mühen halfen über vieles hinweg.
Anfangs spürte man allerdings stark, daß der Alte fehlte. Er hatte so wacker bei der Arbeit mitgeholfen und besaß so viel Einsicht und Erfahrung, daß der älteste Knecht wie ein Knabe war neben ihm. Er hatte auch die Fäden der ganzen Wirtschaft in der Hand gehalten und wußte allein Bescheid über alles. Oft hatten sie sich nach seinem Heimgang ratlos angeschaut und gewünscht, daß er nur noch einmal bei ihnen wäre, daß sie ihn um dies oder jenes fragen könnten. Am meisten aber fehlte der Vater dem Sohn.
Plötzlich zu Selbständigkeit und Verantwortung gelangt, merkte der Junge nun, wie weit weg er eigentlich von einem richtigen Bauer war. Und jedesmal, wenn er einen Fehler begangen hatte und ihm der älteste Knecht bescheiden seinen Rat antrug, schämte er sich und dachte, er sei am Ende doch ein schlechter Klausen. – Dann griff er tagsüber nach der schwersten Arbeit und stöberte des Nachts in landwirtschaftlichen Büchern. Aber trotz der schweren Arbeit und der landwirtschaftlichen Bücher wußte er doch nie richtig Bescheid, wenn es sich um etwas Wichtiges handelte. In einer solchen Not kam ihm einmal Therese zu Hilfe. Damals wunderte er sich, wie klug sie dachte und wie beherzt sie die Sache anpackte. Seitdem frug er sie öfters um ihre Meinung und entdeckte dabei immer mehr, wie sehr sie innerlich und äußerlich dem Vater glich. – Maria ging es wie ihm. Sie hatte manches nachzuholen und begann von der Schwester zu lernen. Aber trotzdem sie überall zugriff und hinter den andern nicht zurückstehen mochte, beschäftigte sie sich doch am liebsten in Garten und Küche und ging nur selten in die Ställe oder in das Feld. Auch ließ sie die Mutter nicht gern allein, die, trotzdem es nun schon Herbst wurde, noch immer um den Vater weinte. Allerdings nur heimlich, wenn sie niemand sah. Diesen Zug hatten sie übrigens alle. Jedes trauerte um den Verstorbenen, jedoch keines sprach davon. Nur Maria schluchzte manchmal plötzlich auf, wenn sie mit Stephan allein war. Dann strich er wortlos über ihr Haar, horchte aber dabei hinaus auf den Gang, ob auch niemand käme. –
Drüben im Walde aber wurde gebaut. Schwere Zugochsen brachten täglich große Ladungen von Sparren und Balken herauf, und geübte Hände fügten sie kunstvoll ineinander. Wie ein Feenschlößchen, so zauberschnell, so leicht und zierlich, mit Gesimsen, Erkern und Balkonen wuchs die Villa zwischen den Bäumen auf. Das Erdgeschoß war aus Stein, aber der ganze obere Teil bestand aus geschnitztem und gebranntem Holz. Vom Dache strebten drei schlanke Türme mit schönem Ebenmaß empor, und die vergoldeten Spitzen ihrer Blitzableiter ragten leuchtend, glückverheißend neben den höchsten Lärchen auf. – Und als die Handwerker ihre Arbeit getan hatten, kamen Künstler und schmückten das Haus innen wie außen mit Bildern und Sprüchen. Auf der Seite gegen den Wald war zu lesen:
| »Auf hoher Warte rag' ich da, |
| Dem Tale fern, dem Himmel nah, |
| Blick' weit hinaus ins freie Land |
| Und stehe so in Gottes Hand.« |
Über dem großen, geschnitzten Eingangstore aber stand:
| »Grüß Gott, tritt ein, |
| Bring Glück herein.« |
Und so oft einer von den Klausen die Aufschrift sah, dachte er an den toten Vater und lächelte bitter. Andere Leute aber, die des Weges kamen, blieben vor dem Bau bewundernd stehen, und die Träumer unter ihnen meinten, daß nur bevorzugte Menschenkinder mit heiterem Herzen und sorglosen Sinnen dieses Haus bewohnen würden. – Vorläufig aber wohnte niemand drinnen.
Der Winter stand hinter den Bergen und hatte seine ersten schweren Stürme bereits herübergeschickt. Nicht lange danach kam er selbst, hetzte seine Nebelschwaden wie Hunde auf die Sonne und pflanzte, als sie nach langem Kampfe ihre Königskrone dem Sieger vor die Füße legte, in den Feldern, in den Wäldern, auf den Wiesen, auf den Matten seine weiße Fahne auf.
Da wurde es still auf der Höhe und still im Klausenhof.
Die Knechte und Mägde arbeiteten zwar wie früher, aber über ihrem ganzen Tun und Gehaben lag eine ernste Bedächtigkeit, die gut übereinstimmte mit dem feierlichen Ebenmaß, das der Schnee ringsum geschaffen hatte. Alles Schroffe war verschwunden, alle Gegensätze waren fort. In langen, weichen Wellenlinien erstreckte sich der Berg bis zu den Wäldern, und der Klausenhof, der sonst so breit und stattlich auf seiner Höhe stand, sah aus wie ein verschneiter Vogel, der sich frierend niederduckt.
Drinnen aber war es warm und gemütlich. In dem mächtigen Kachelofen brannten Tag und Nacht große, duftende Scheite, und von morgens bis abends surrten die Spinnrocken der beiden Schwestern daneben. Therese sollte nächstes Frühjahr Hochzeit halten, da mochte wohl das Rädchen surren! Ein heimlicher Liebeszauber hatte nun endlich die stolze, nüchterne Klausin ergriffen, und sie spann die Träume aller Bräute in die groben Fäden ein. Maria, sanft und gut wie immer, sann auch viel über die Zukunft ihrer Schwester. Dabei ließ sie nun schon öfters die schlanken Hände von dem Rocken gleiten und ertappte sich auf fremden, drängenden Gedanken. Der vorwurfsvolle Blick Theresens, die Müßiggang nicht leiden konnte, brachte sie dann erst zurück, und hastig, mit doppeltem Eifer, nahm sie die Arbeit auf. – Die Mutter kränkelte seit dem Herbst und war nicht mehr so rüstig wie früher. Maria umgab sie mit zärtlichster Sorge, aber so dankbar auch die alte Frau für alle Liebe war, erhielten ihre Augen doch erst den rechten Glanz, wenn sie am Abend Stephans Schritt im Flur vernahm. Dann wurde sie gesund, wurde jung und bemühte sich um ihn mit rührender Geschäftigkeit. Das aber verdroß Maria aus geheimer Eifersucht. Sie sprang dann auch schnell vom Rocken, lief in die Küche und bemächtigte sich der Dinge, die sie zur Herstellung seines Abendbrotes brauchte. Stephan besänftigte mit einem raschen Lächeln den aufwallenden Groll der Mutter, zog aus seiner Jagdtasche einen seltenen Vogel oder ein schönes Stück Wild und erzählte, wie er dazu gekommen sei. Dabei aber sah er durch die offene Tür in die Küche nach Maria, die mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen, funkenumsprüht beim Herde stand. Dann wunderte und freute er sich über ihre Schönheit und dachte an die Zukunft. Dachte, wie er und Maria allein hier am Hofe bleiben würden, wenn Therese ging ... und später die Mutter auch ... Und bei dem letzten Gedanken drängte er sich näher an die alte Frau ... Während alledem Therese spann. Ihr Blick war hart wie immer, und schärfer als gewöhnlich lag um ihren Mund der strenge Zug der Klausen. Sie spürte den stummen Kampf der Liebe und der Eifersucht, den die drei miteinander führten, und sie konnte die Mutter, die Schwester und den Bruder nicht verstehen. –
Heute blieb Stephan ungewöhnlich lange aus. Die Bäuerin begann schon unruhig auf und ab zu wandern, und Maria horchte beständig nach der Türe. Endlich kam er. Sie hörten, wie er draußen den Schnee von den Stiefeln stampfte. Es mußte aber noch jemand mit ihm gekommen sein, denn es erklangen viele Tritte. Therese hielt einen Augenblick im Spinnen inne, und in Marias Wangen stieg ein feines Rot. Dann ging die Türe auf, und Stephan und zwei Männer traten ein. Der eine von den Besuchern war Theresens Bräutigam, ein wohlhabender Bauer aus der Nachbarschaft, und der zweite war ein junger Jäger. Therese begrüßte ihren Bräutigam mit einer schönen Wärme in den sonst wechsellosen Augen und ging dann in die Küche, um den Männern mit einer warmen Speise aufzuwarten.
Maria grüßte die Besucher mit zwangloser Freundlichkeit, zeigte sich aber ein wenig scheu dem Jäger gegenüber und vermied, soviel es ging, den Blick des Bruders. Dann begann sie der Schwester zu helfen. Geschäftig, aber ohne Hast ging sie hin und her, stellte die langen Bänke rings um das Feuer, deckte den Tisch, brachte Brot und Wein und beteiligte sich hier und da mit einigen Worten am Gespräch. Nach dem Essen ließen sich die drei Männer auf den Bänken um das Feuer nieder; die Bäuerin machte es sich in ihrem Großvaterstuhl bequem; die Mädchen setzten sich wieder an ihre Rocken, und nun wurde die Unterhaltung eine allgemeine.
Stephan erzählte von frischen Schlägen im Wald, Theresens Bräutigam berichtete von einer jungen Magd, der Geisler-Toni, die er wegen Diebereien fortgejagt hatte, und der Jäger sprach über sein Gewehr. Er streichelte den langen, glänzenden Lauf und sagte:
»Es ist das beste Gewehr im Land. Oft genug schon hätte ich es teuer verkaufen oder gegen ein feineres, neueres umtauschen können. Ihr solltet gehört haben, wie beim letzten Scheibenschießen der Oberförster aus Deutnofen darum feilschte. Zum Schluß versprach er mir sogar eine Försterei.«
»Welche?«
»Und die hast du abgeschlagen!«
»Ja ...,« er stockte, sah hinüber zu Maria, deren Rocken plötzlich schwieg, errötete stark, und sagte:
»... sie war mir zu klein ...«
Dann war er wieder ganz unbefangen, und Marias Rocken setzte auch wieder ein. Stephan wollte das Gewehr näher beschauen und langte danach. Als er es in die Hand nahm, schlug im Hofe der Hund an.
Laut und zornig klang sein Gekläff in die Stube, und die Kette, woran er befestigt war, klirrte dazu. Aber weder Stephan noch sonst jemand kümmerte sich darum, da sie dachten, es handle sich um einen verspäteten oder wegmüden Wanderer, den die Knechte schon erquicken und für die Nacht unterbringen würden. Eine kleine Kammer in der Nähe der Scheunen war für solche Fälle da. Plötzlich aber wurde die Tür aufgestoßen, und wie hereingeschleudert von einem eisigen Windstoß, der für Augenblicke das Zimmer kalt machte, stand ein Mädchen da.
In tausend Rinnchen floß der Schnee von ihren dünnen Kleidern, nur auf dem unbedeckten Kopf lag er dicht und fest wie eine weiße, krause Mütze. Vielleicht aus Schmerz, vielleicht aus Kälte preßte sie die Hände an die Brust, und aus ihren Augen sprach es wie Zorn und Weinen. Alle sahen sie erstaunt an, ausgenommen Theresens Bräutigam. Unwillig sprang er auf und herrschte sie an:
»Was soll das, Toni? Wo kommst du her?«
Das Mädchen aber sah an ihm vorbei und blickte auf Therese.
»Ich komme zu Euch,« sagte es, »daß Ihr den Bauern bitten möget, mich zurückzunehmen. Ich habe eine alte Mutter zu Hause – erbarmet Euch, ich will nie wieder stehlen.«
Ohne Scham, ohne Zögern, sprach sie das letzte Wort, und alle wußten nun, wer sie war. Den Bauern schienen der flehende Ton und die bittenden Worte bereits milder gestimmt zu haben, denn die zornige Röte wich aus seinen Wangen, und fragend blickte er Therese an. Diese aber trat hastig vor und sagte:
»Ihr habt einen weiten Weg gemacht, aber Ihr habt ihn umsonst gemacht. Diebe kann man nicht auf ehrlichen Höfen brauchen.«
Da schämte sich ihr Verlobter seiner Schwäche, und während er Theresens Hand erfaßte, wie sich an ihrer Stärke zu erhärten, sagte er:
»Ja, sie hat recht. Diebe kann man nicht auf ehrlichen Höfen brauchen.« Da trat in Tonis Augen ein böses Licht, und während Schaum von ihren Lippen spritzte, schrie sie: »So seid verflucht!«
Dann war sie fort, und in das Zimmer drang wieder der eisige Wind, den sie zuerst gebracht hatte und unter dem die Zurückgebliebenen zu erstarren schienen, denn keines regte sich. Abergläubisch, wie alle Bergbewohner, hatten die Worte des Mädchens ihre Wirkung auf sie nicht verfehlt. Stumm, mit eingehaltenem Atem sahen sie einander an.
Die Bäuerin war die erste, die sich ermannte. Langsam, andächtig bekreuzte sie sich, und Maria tat das gleiche. Die Männer hoben die Hände, hielten sie unschlüssig in der Luft und ließen sie wieder sinken ... sie waren keine Feiglinge, aber so ein Fluch ist etwas Schreckliches ... und heimlich, voneinander abgewendet, machten sie das Kreuz. Nur Therese nicht. Ihre Wangen waren bleich bis an die Lippen, aber Blick und Gebärde ruhig, unerschüttert. Mit Fraueninstinkt fühlte sie, um was es jetzt ging. Um Herzensruhe. Um Herzensglück. Ohne ein Wort zu reden, setzte sie sich wieder an den Rocken und nahm die Arbeit auf. Aber ihre Hände zitterten, und der Faden riß hintereinander. Maria legte frische Scheite in den Herd, und die Männer versuchten es wieder mit dem Reden. Es kam jedoch nichts Rechtes mehr dabei heraus, und schließlich brachen die Besucher auf. Therese begleitete ihren Bräutigam über den verschneiten Hof bis an das Tor. Dort blieben sie trotz der Kälte stehen, und der Bauer nahm ihre Hände. Er spürte, daß sie eiskalt waren, und rieb sie sachte an den seinen. Dabei fragte er: »Fürchtest du dich?« Da sah sie ihn voll an und sagte fest »Nein«.
Darauf nickte er, und sie trennten sich. Als Therese dann aber allein in ihrer schmucklosen Kammer war, entzündete sie eine geweihte Kerze und stellte sie vor dem Bildnis des heiligen Benediktus auf. Dabei flüsterte sie: »Heiliger Benediktus, der du Vieh und Leute vor Zauberei beschützest, schirme und bewahre uns.«
Das tat sie jeden Abend den ganzen Winter durch bis zu ihrem Hochzeitstag. – Der kam mit dem Föhn und den Schneeglocken. Aber es waren unverläßliche Frühlingszeichen. Der Winter saß noch fest im Land. Therese hatte den ganzen Tag ein Gefühl von Glück und Beschämung. Sie war das Getue um sich nicht gewohnt, und nun drehte sich schon seit einer Woche alles um sie. Jedes zweite Wort hieß Therese, und all die neuen, hübschen Dinge, die überall herumlagen, gehörten ihr. Gestern, am Vorabend des großen Tages, kam Maria ganz spät in ihre Kammer, blieb eine Weile verlegen stehen, fing dann zu weinen an und bat Therese, ihr zu verzeihen. – Was? Therese konnte sich auf kein Unrecht der Schwester besinnen, und ihr wurde hilflos zu Mute. – Es gab doch nichts zu verzeihen. – Daß sie einander nie so recht verstanden hatten, dafür konnte niemand. Stephan und Maria waren eben anders als die andern Klausen. Sie dachte plötzlich an den Vater und wurde ernst im Gedanken, daß er diesen Tag nicht mehr erlebt hatte. Er hätte sich darüber gefreut ... heimlich zusammen hätten sie sich darüber gefreut, wie die andern zwei sich immer freuten ... Herb, hart, feindselig leuchtete es einen Moment in ihren Augen auf. Dann aber trieb sie die uneinigen Bilder fort, faßte Marias Hände und sagte freundlich:
»Du warst ja immer gut, Maria.«
Und heute! Heute wich Maria keinen Schritt von ihrer Seite, nahm ihr jede Arbeit aus der Hand und erinnerte sie tausendmal, daß sie in ein paar Stunden Hochzeit habe. Und gegen Mittag schritten sie Hand in Hand in Theresens Stübchen, wo auf dem schmalen Mädchenbett das Ehrenkleid aus schwarzer, starrer Seide lag. Da kam es wie eine Verwandlung über das steife, ältliche Mädchen. Ihre Wangen begannen sich zu färben, ihre rauhen Finger fuhren über den glänzenden Stoff, und plötzlich drückte sie das Gesicht tief in die knisternde Seide. Maria hatte Therese nie so weich, so haltlos gesehen und umschlang sie wie in Angst. Das brachte Therese zu sich. – »Weißt du, Maria,« sagte sie, mit den Augen fest auf dem Kleid, »manchmal glaube ich, ich verdiene es gar nicht!«
»Was?«
»All das Glück.«
»Aber Therese ...«
»Ich meine, Maria, es ist eigentlich eine Sünde gegen den Hof.«
»Ja!«
»Aber warum gegen den Hof?«
»Ich meine ... schau, wenn man bedenkt, was für Freude so eine Wirtschaft macht. Und dann gar unsere Wirtschaft. Der Klausenhof ist kein gewöhnlicher Hof. Ich glaube, im ganzen Land gibt es keinen, den man damit vergleichen könnte ... Und wenn man daran denkt, wie er gehalten wurde; – vom Vater, vom Großvater und von den andern. Und jeder von uns tat sein Teil daran und ist ein Teil davon.«
Sie sorgt sich um den Hof, dachte Maria, sie sorgt sich darum, weil sie weiß, daß weder Stephan noch ich für die Wirtschaft taugen. Laut aber sagte sie: »Aber schau, Therese, du gehst ja so gern.«
»Das ist es ja eben.« Therese stockte verwirrt, »das ist es ja, was ich meine, daß ich imstande bin zu gehen und so gern.«
»Gehst du so gern?«
»Ja ...,« sie stockte abermals, und während sich ihre Wangen verdunkelten, schloß sie: »Du kannst ja nicht begreifen, wie das ist, wenn man einen Mann so lieb hat.... Alles täte man für ihn, immer möchte man bei ihm sein, und man ginge mit ihm bis ans Ende der Welt ...«
Maria errötete jetzt auch. So offen hatte Therese nie gesprochen. Mit zitternden Fingern hob sie das rauschende Kleid in die Höhe und hielt es gegen das Licht.
»Wie schön du aussehen wirst, Therese.«
Sie nickte verträumt ... »und einmal wirst du auch kommen, Maria.«
»Zu dir?«
»Ja, zu uns.«
Maria versprach es und half ihr in das Kleid. Als die Braut angezogen war, kam die Bäuerin in das Zimmer. Sie weinte, als sie Therese fertig sah, und machte ihr das Zeichen des Kreuzes auf Stirn und Brust. »O Therese ...« und alles andere, das sie sagen wollte, schwemmten neu hervorbrechende Tränen hinweg. Maria versuchte, sie heiter zu stimmen. »Aber, Mutter, Therese geht doch nicht aus der Welt.«
»Daran dachte ich auch gar nicht.«
»Woran denkst du dann?«
»Ich weiß es nicht ... aber wenn ich Therese wäre, würde ich ihn nicht heiraten.«
Dann wischte sie sich die Tränen aus den Augen und blickte auf die beiden Mädchen, um zu sehen, wie sie das aufnahmen. Therese stand still beim Bett, und Maria lehnte sich gegen einen Stuhl. Sie hatte einen Augenblick das Gefühl, als ob sie schwanke, hielt sich aber aufrecht und sagte fest: »Meinst du wegen dem Fluch?«
Endlich war es heraus. Den ganzen Winter hatte es zwischen ihnen gelegen, und keines hatte gewagt, darüber zu reden. Endlich heute ... Maria hatte es gut gemeint. Ohne Scheu, ohne Rücksicht, ohne Ängstlichkeit, glaubte sie, müsse man darüber reden ... es sich ausreden. Nun es aber gesagt war, erschrak sie aufs tiefste ... wollte alles ungesagt machen ... das gräßliche Wort zurückholen. Aber es hing schon in der Luft, flatterte schon durch die Stube. Die Mutter hatte es schon gehört, denn sie bejahte schluchzend, und Therese mußte es auch gehört haben. Langsam wandte Maria den Kopf nach ihr. Die stand noch immer beim Bett, ruhig wie vorher. Als aber die Bäuerin jetzt laut zu beten begann, Gebete gegen den Teufel und gegen die Zauberei, trat Therese vor. Im starren, schwarzen Seidenkleid, Gesicht und Hände blaß, sagte sie mit schweren, zwingenden Lauten: »Ich habe den ganzen Winter Kerzen geopfert.« Sie errötete vor Scham über das Geständnis, gleich aber nahm ihr Gesicht die vorige Ruhe und Blässe wieder an, und sie schritt ihrem Bräutigam entgegen, den sie durch das Fenster über den Hof kommen sah.
Als sie von der Trauung zurückkehrten, blieben sie nun aber nicht mehr lange, denn sie mußten zu Fuß in das neue Heim. Der Weg dorthin ging steil bergab und war nicht fahrbar. Die Bäuerin verabschiedete sich von den Neuvermählten im Zimmer, aber Stephan und Maria begleiteten sie bis an das Tor. Dort blieben sie dann noch stehen und schauten den zweien nach. Als sie so weit waren, daß man sie nicht mehr sehen konnte, blickte Stephan hinüber zu dem Berg, wo Therese fortan leben sollte. Düster und stolz, ein wenig wie Therese selbst, schied er sich von den andern Bergen und trug wie eine Krone den Hof an seiner Spitze. Maria lehnte indessen still beim Tor. Sie dachte an die Försterei in Kampenn und an Förstereien im allgemeinen und kam zu dem Entschluß, daß es auch in kleinen Förstereien schön zu leben sein müsse, wenn man nur das Zeug in sich hat, zufrieden zu sein ... Stephan merkte plötzlich ihre Versonnenheit, und mit einem Male war ihm, als ginge Maria denselben Weg, den Therese eben ging, mit einem Mann an ihrer Seite ...
Mißtrauen und Eifersucht quoll in seinem Herzen auf, aber er beherrschte sich, und zum erstenmal an diesen Gegenstand rührend, fragte er wie im Scherz: »Nun, und du, Maria?«
Darauf fuhr sie zusammen, wurde rot und verlegen, faßte sich aber rasch und sagte schlagfertig: »Nun, und du, Stephan?«
Da wurde sein Gesicht, das so lebhaft jede Regung seiner Seele spiegelte, noch ernster als vorher, und nach einem sinnenden Schweigen sprach er: »Du weißt ja, Maria, daß wir immer davon geredet haben, beisammen zu bleiben.« Nun drückte Maria, wie ihn zu besänftigen, ihre weichen Wangen an den rauhen Ärmel seines Gewandes und sagte, wie ihn auf andere Gedanken zu bringen, zögernd, einschmeichelnd und voll süßer Schelmerei: »Weißt du schon, Stephan, daß seit gestern Leute in der neuen Villa wohnen? ... Nicht? ... O, du hättest sehen sollen, was für prachtvolle Dinge man hineingeschafft hat. Feine, große Schränke, Spiegel mit breiten, goldenen Rahmen, Waschtische mit Marmorplatten, Stühle mit rotsamtenen Überzügen ... und dann an allen Fenstern ... hast du die Vorhänge nicht gesehen? ... sie sind aus himmelblauer Seide.«
Stephan, leicht getäuscht wie alle harmlosen Naturen, merkte ihre Absicht nicht und fragte interessiert: »Und Leute hast du auch gesehen, Maria?«
»Ja, Stephan. Eine alte Frau und einen alten Mann. Aber ich glaube, das sind nur Bedienstete. Wahrscheinlich aber kommt die Herrschaft schon diesen Sommer.«
»Wahrscheinlich.«
Dann befreite er sich aus der leichten Umarmung seiner Schwester und blickte nach der Villa. Das Gebäude lag im Dunkel; plötzlich aber flammte Licht hinter einem Fenster auf. Die Geschwister beobachteten es atemlos, und nach einer Weile sagte Maria: »Es ist weiß wie das Licht der Sonne.«
Darauf Stephan: »Ja, ich kenne es. Wir hatten es in Innsbruck in der Schule und bei der Kostfrau, wo ich zuerst wohnte.«
Sie nickte auf seine Worte und fragte nach einer Pause:
»Warum bist du eigentlich nicht Geistlicher geworden? Hattest du keine Freude am Lernen?«
»Erstens. Und zweitens, weil ich einmal einem Mitschüler ein paar Rippen brach. Ich hatte natürlich nichts Schlechtes im Sinne, sondern wollte ihn nur ein wenig drücken ... aus plötzlicher Freude, weißt du, weil nach langer Regenzeit auf einmal die Sonne durch die Fenster auf die Bänke schien. Das machte mich so froh, ich kann dir nicht sagen wie froh, und ich legte meinen Arm ein wenig um meinen Nachbar. Der aber wurde leichenblaß, schrie auf und sank zurück, als wäre er tot. Den Schreck, den ich damals erlebte, werde ich nie vergessen ... Seit diesem Tag grüßten mich die Lehrkörper immer zuerst, solche Angst hatten sie vor meiner Stärke ... Ich aber dachte dann viel an die heilige Hostie, die der Priester bei der Messe in die Höhe heben muß, und träumte oft, ich hätte den lieben Herrgott mitten entzweigebrochen. Es fing auch wieder zu regnen an, und wenn es regnete, fiel mir das Lernen immer schwerer als sonst ... Aber du mußt nicht denken, daß ich ein Faulenzer war. Es gab nur gewisse Dinge, die mir durchaus nicht in den Kopf wollten. Rechnen zum Beispiel. Am liebsten wäre ich Altertumsforscher geworden. Ja, dazu hätte ich Lust und vielleicht auch Talent gehabt. Aber unser Vater hätte so etwas nie erlaubt. Nach seinen Begriffen gab es nur zwei ehrenvolle Stände: Geistlicher oder Bauer.«
»Und was war dann weiter?«
»O, ich weiß es nimmer. Die Professoren tuschelten, so oft sie mich sahen, und einmal schrieben sie an Vater. Er kam nach Innsbruck, und sie hatten mit ihm lange, geheime Unterredungen. Darauf nahm er mich heim.«
»Und ich weiß noch genau den Tag, an dem du gekommen bist. Unsere Mutter weinte den ganzen Abend, weil sie dachte, du würdest sicher sterben, weil du gar so mager warst ... und weißt du noch, wieviel du damals gegessen hast?«
»Und weißt du noch, wieviel du damals gekocht hast? Es wäre schade gewesen um die guten Sachen.«
Sie lachten und schritten engumschlungen zurück über den Hof. Plötzlich erschien im Rahmen der offenen Küchentür die Bäuerin mit einem Licht in der Hand und hielt Ausschau nach ihren Kindern. Da lösten Stephan und Maria schnell die Arme voneinander, weil sie sich vor der Mutter schämten, daß sie sich so liebhatten, und schritten hintereinander in das Haus.