Siebenundzwanzigstes Kapitel

Als Stephan aber den nächsten Abend die stattlichen Garben überschaute, die die fleißigen Hände seiner Knechte freudig und eilfertig auf dem untersten Felde, wo sie zuerst begannen, aufgerichtet hatten, verschwand in ihm die stille Freude, die er den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte. Ein wenig barsch mahnte er die Leute daran, daß längst Feierabend sei, und schritt, nachdem sie endlich fort waren, ruhelos zwischen den Garben hin und her. Er dachte wieder an das Ende, an das Ende wie er es in der Nacht gedichtet hatte, und es kam ihm jetzt im Angesicht des goldstrotzenden Bauernsegens lächerlich und unmöglich vor. Den Hof stehen lassen, wo er stand, und sich nicht mehr darum kümmern, das hätte der Adalbert bestimmt nicht getan. Es war auch gegen alle Wirklichkeit, denn wäre Adalbert mit seiner Gräfin unten im Schloß geblieben, wie wären dann die späteren Klausen zum Klausenhof gekommen? Nein, das Ende war anders. Vielleicht war es so:

»... dann habe ich sie fest in ihren seidenen Mantel gehüllt und durch den Blitz und den Donner auf den Berg getragen. Mitten am Wege aber sagte sie:

›Wohin trägst du mich, Adalbert?‹

Und ich sagte:

›Zum Klausenhof. Er ist der schönste Hof im Land und wird dir auch gefallen.‹

Aber sie sagte:

›Meinst du den Kasten da? Er hat keine Zugbrücken und keinen Graben, keine Anlagen und keinen Teich, keine Erker und kein Wappen. Ich habe nie ein so häßliches Haus gesehen, und es ist ein Glück, daß es so hoch oben und so verborgen steht. Mich aber trage in mein Schloß zurück.‹

Da trug ich sie zurück und eilte mich sehr, denn sie befürchtete nun, daß ihre Frauen sie vermissen könnten. Als ich sie dann sicher im Schlosse wußte, ging ich nach Bozen und kaufte mir eine schöne rote Farbe. Damit schrieb ich auf den Klausenhof den Spruch, den du ja kennst und der dir auch so gut gefällt. Danach fand ich den Klausenhof noch schöner als vorher. Ich arbeitete fleißig und dachte auch nicht mehr so oft an die Gräfin. Als ich sie aber ganz vergessen hatte, heiratete ich eine brave Müllerstochter ...«

Leise stöhnend lehnte sich Stephan an ein Büschel Garben.

Ja sicher, so war das Ende. Denn den Hof stehen lassen, wo er stand, und sich nicht mehr darum kümmern, brachte kein Klausen zuwege. Und was hatte auch Maria gesagt, als er ihr vor ein paar Tagen beiläufig erzählte, daß der Staffler Bauer vom Ritten drüben anstatt zu pflügen und zu säen, in Bozen unten herumsitze und Weinhandel treibe ...?

»Wo ein Hof ist, muß ein Bauer sein. Der Bauer gehört zu seinem Hof ... und Schuster bleib bei deinem Leisten ...« hatte sie gesagt. Und sie hatte recht. Eine Gräfin kann keine Bäuerin, und ein Bauer kann kein Graf werden. Bei der einen stand das Schloß und bei dem andern stand der Hof im Wege ...

Und während Stephan noch so sann und gar nicht merkte, daß es längst finster war, stand plötzlich Margarete vor ihm.

Nicht fest und greifbar, wie sie damals auf der Wiese vor ihm gestanden hatte, sondern ein wenig verschwommen und beinahe unkenntlich unter einem feinen silbernen Nebel.

Aber er kannte sie an ihrem Haar und an ihrer Stimme.

»Du bist so dumm, Stephan,« sagte sie, »was geht uns der Adalbert und seine Gräfin an? Das ist eine alte Geschichte und kann für dich und für mich nicht passen. Erstens bist du kein gewöhnlicher Bauer, wie der Adalbert war, und zweitens bin ich keine Gräfin, wie es die Gräfin von Adalbert war. Wir sind ganz andere Menschen. Du bist im Gegensatz zu Adalbert ein Studierter ... nein, sage nichts ... du bist doch in Innsbruck gewesen, und ich bin im Gegensatz zu der Gräfin ein einfaches Mädchen, das einen Landmann zum Vater hat. Denn mein Vater ist, wie du schon gesehen haben wirst, ein schlichter Mann, der dich lieb haben wird ... Nur meine Mutter ist ein wenig stolz, und es wird einen kleinen Kampf mit ihr geben. Aber ich fürchte mich nicht, wenn du dich nicht fürchtest ...«

Auf diese Rede hin fuhr Stephan freudig zusammen und sagte:

»So meinst du, Margarete, daß dir der Klausenhof gut genug wäre, so wie er ist, ohne Graben und Zugbrücken, ohne Anlagen und Teich, ohne Erker und Wappen ...?«

Darauf senkte sie den Kopf ein wenig verwirrt, ein wenig beschämt.

»So meinte ich es gerade nicht, Stephan. Ich meine ... du bist eigentlich kein Bauer und brauchtest darum keinen Hof.«

Stephan erbleichte.

»Du meinst den Hof verkaufen?«

»Oder verschenken ...« und sie sah ihm fest in die Augen und faßte nach seiner Hand. Es dauerte lange, bis Stephan zu sich kam, und endlich sagte er:

»Du redest, wie du es verstehst, Margarete. Der Klausenhof und die Klausen, davon läßt sich nichts trennen. Den Hof verkaufen täte mir vorkommen wie eine Sünde, und den Hof verschenken täte mir vorkommen wie ein Undank. Stelle dir das einmal vor.

Ich verkaufe den Klausenhof, oder ich verschenke ihn, ganz wie du willst, und ich ziehe fort mit dir. Irgendwohin. Aber der Klausenhof bleibt da, immer noch der Klausenhof, trotzdem kein Klausen mehr drinnen ist, denn die Treuen liegen unten im Kirchhof, und der Untreue ist ... ich weiß nicht wo. Das weiß ich, und das wissen viele andere, aber der Klausenhof weiß nichts davon. Er kann es sich nicht vorstellen, daß ihm einer von den Klausen untreu sein könnte ... daß er einem Klausen nicht genug sein könnte, wo er ihnen durch so viele Jahre den Sturm von ihrem Feuer abgehalten hat und Segen und Sorgen und alles mit ihnen teilte. Nein ... der Klausenhof würde so etwas nicht glauben. Er würde es nicht glauben, denn ich war schon einmal fort ... damals in Innsbruck ... und als ich kam, da weinte ich in meinem Knabenstübchen vor Heimweh und Seligkeit und tausend Dingen, die niemand verstand. Nur der Hof verstand mich, denn er redete zu mir in seiner alten wunderlichen Weise, und ich wurde still und froh unter seinen ernsten Augen.

Und wenn ich jetzt wieder fortginge, der Hof würde auf mich warten. Und ich würde es spüren, Margarete. Immer würde ich ihn vor mir sehen, wie er wartet. Wie er da oben steht im rauschenden Regen, im peitschenden Sturm oder im lautlosen Schnee. Tag und Nacht würde ich ihn vor mir sehen, wie er wartet, daß ich wiederkomme.

... und, o Margarete! ich würde wiederkommen, denn der Hof gibt mich nicht frei ...«

Darauf wußte Margarete offenbar nichts zu erwidern, denn es entstand ein langes Schweigen, und Stephan hatte einen Moment lang das Empfinden, als ob der feine silberne Nebel zerrinne. Er hielt den Atem an, um sie nicht zu verscheuchen, und endlich redete sie wieder, aber diesmal langsam und zögernd, als hinge ein schweres Gewicht an jedem Wort:

»Du bist nicht frei ... und weil du nicht frei bist, so mußt du dich frei machen. Was aber heißt frei sein? ... Frei sein heißt froh sein; froh sein heißt stark sein; stark sein aber heißt Herr sein. Nicht Herr über einen Hof und über ein paar Knechte, sondern Herr sein über die Dinge, die man liebt. Das ist nicht leicht, Stephan. Aber wenn der Feind ein Land bedrängt, was tut das Volk? ... Es reißt seine Brücken, seine Dörfer, seine Wälder ein, um die Hauptstadt zu sichern ... denn es gibt immer noch eine größere Liebe ...

Bei dir handelt es sich auch um einen Feind. Allerdings um einen unsichtbaren. Nenne ihn Pflicht oder Angst oder wie du willst. Aber der Weg, auf dem er herankommt, ist etwas Sichtbares, etwas Äußerliches ... der Hof. Aber etwas Äußerlichem kann man an den Leib, und etwas Sichtbares kann man unsichtbar machen ... dann bist du frei ...«

Nun erschrak Stephan so heftig, daß er wie in Abwehr beide Hände von sich streckte und dabei unversehens den silbernen Nebel zerriß. Da sah er, daß er allein auf dem mondbeschienenen Felde stand. Ein unbekanntes Grauen schüttelte ihn, und seine Zähne schlugen fröstelnd aufeinander trotz der warmen, schwülen Nacht. Wie gehetzt lief er an den schweren, blinkenden Garben vorbei und hielt erst inne, als er auf die Höhe kam.

Dort oben stand sein Hof alt und grau, ernst und feierlich wie eine Kirche. Stephan aber wagte nicht, ihn anzuschauen. Mit gesenktem Blick, als hätte er Verrat im Sinne, ging er durch das Tor.