Zwanzigstes Kapitel
Was war der Tag, was war die Heimat schön!
Mit leuchtenden Augen stieg Stephan aufwärts, immer aufwärts, und die schneebedeckten Berge stiegen mit. Alles versank, alles verschwand, nur die Berge blieben und wurden deutlicher und massiger, je höher er stieg.
»Ihr Schelme ... Ihr alten Schelme!«
Er drohte ihnen mit seinem derben Knotenstock, wie man Kindern droht, und weil er gerade einen schönen Ausblick erreicht hatte, blieb er stehen und sah dem bärenhaften Schlern ihm gegenüber ins trutzige Auge. Dann wanderten seine Blicke nach rechts, weiter und weiter entlang der herrlichen Kette der Dolomitenberge. Entlang dem zierlichen Rosengarten, dem wunderbaren Karersee, dem geheimnisvollen Latemar, und zu ihren Füßen, da und dort in Grün versenkt, klebten Burgen und Klöster und heilige Wallfahrtorte ...
Was war der Tag, was war die Welt so schön!
Voll Glück und Stolz sog er die Heimatluft. Sie roch da oben noch ein wenig nach Schnee, aber die Sonne und der Föhn hatten ihre Arbeit schon getan. Davon zeugten die Blumen. Stephan kniete nieder und strich mit den Händen darüber. Himmel, diese Blumen! Millionen weiße und blaue Blumen ... aber keine Alpenrosen? Nein, noch keine. Knospen? Ja, aber nicht viele. Das wird wieder ein Gesuche geben unter den Fremden, die aus Bozen heraufkommen und den Berg überschwemmen. Eine Million für eine Alpenrose! Und hatte man sie ihnen verraten – denn sie selbst fanden nie die richtigen Plätze –, ruinierten sie die Stöcke und vergaßen dann die schönen Blüten irgendwo. Oft genug hatte er schon so verdorrte Sträuße gefunden. Und Stephan träumte von einem großen Zaun, der um den ganzen Herrgottsgarten wachsen sollte, mit einem Tor in der Mitte, das sich nur öffnete für die Sorgsamen und Guten.
Nach einer Weile aber vergaß Stephan die Berge und die Blumen und besann sich seines Geschäftes. Also eingebrochen hatten sie ... so Spitzbuben, so Haderlumpen! Aber es war gut, daß er einmal heraufkam. Vorigen Sommer wollte er schon immer kommen ... damals nach dem Gewitter ...
Nach drei guten Wegstunden kam er auf die Alm, wo seine Ochsen weideten und das Häuschen stand. Der Viehhüter saß in der Sonne, und als er Stephan kommen sah, stand er auf und humpelte ihm entgegen. Er war ein uralter Mann und erzählte gleich von der Räuberei. Aber er redete so viel verwirrtes Zeug, daß Stephan nicht klug daraus werden konnte.
»Wann sagtest du, daß es eigentlich geschah?«
»Letzten Sonntag, Herr.«
»Vormittag?«
»Es muß schon Vormittag gewesen sein, weil ich noch genau weiß, daß die Pfanne fehlte.«
»Als du kochen wolltest?«
»Ja, Herr. Es war eine starke Pfanne, wir hatten sie bald an dreißig Jahre.«
»Alles, Herr. Der Löffel war auch fort.«
»Und was noch?«
»Und das Mehl und der Speck.«
»Davon, hast du gesagt, war nimmer viel da.«
»Nein, nimmer viel, aber ...«
»Und wen hast du in Verdacht?«
»Das soll einer wissen, Herr ...!«
Er begann zu weinen.
»Und wie steht's mit den Ochsen?«
Der Michl trocknete seine triefenden Augen.
»Keine Sorg', Herr.«
»Und die Ställe? Ist da alles in Ordnung?«
»Keine Sorg', Herr.«
Sie gingen in die Hütte, und Stephan mußte sich setzen, weil sein Kopf an die Decke stieß. Dann nahm er den Rucksack ab und packte sein Mittagessen aus.
»Du mußt auch mithalten, Michl!«
»Tät ich gern, Herr. Aber es geht nimmer.«
Und er riß mit den beiden Zeigefingern den Mund auseinander, daß man die zahnlosen Kiefern sehen konnte.
»Geht schon lang nimmer, Herr.«
Stephan nickte und kümmerte sich für die nächsten zehn Minuten nicht um den Alten. Herrgott, wie das schmeckte nach so einem Marsch! Und Maria hatte auch so eine Art, die Dinge herzurichten.
Ein kreischendes Geräusch, als drehe sich ein verrosteter Schlüssel in einem verrosteten Schlosse, ließ ihn aufschauen. Da stand der Alte vor einer großen, eisenbeschlagenen Truhe, dem einzig anständigen Möbel im Raume, und versuchte, sie aufzusperren.
»Geht es?« sagte Stephan und hielt einen Augenblick das Fleisch zwischen den blanken Zähnen.
»Ei freilich.«
Dann hob sich der uralte Deckel, und der Michl nahm aus der Truhe eine neue Pfanne, einen hölzernen Löffel und ein Töpfchen mit Ziegenmilch. Dabei erläuterte er:
»Seit der Luderei sperr' ich jetzt alles ein.«
»In die Truhe?«
»Ja, das ist eine feste Truhe.«
»Muß uralt sein.«
»Noch vom Adalbert.«
Stephan hörte plötzlich zu kauen auf.
»Von wem hast du gesagt?«
»Vom Adalbert.«
»Vom Adalbert Klausen?«
»Gewiß auch noch ... drinnen liegt ja noch das Zeug von ihm.«
»Was für ein Zeug?«
»Das weiß ich nicht, Herr ... es war schon drin bei mein' Vater selig.«
Darauf erhob sich Stephan und schaute in die Truhe. Am Boden derselben lagen ein paar weiße, vergilbte Fetzen Papier. Er nahm sie heraus und sah, daß sie beschrieben waren. Als er sie aber umdrehen und lesen wollte, bröckelten sie unter seinen Fingern. Behutsam legte er sie auf den Tisch, und nun sah er, daß es Gedichte waren. Der Schreiber mußte sich endlose Mühe genommen haben, denn die Titel und die einzelnen Strophen waren mit kunstvollen Schnörkeln verziert. Die Schrift selbst aber war einfach, kindlich und ohne Mühe lesbar:
Und unter jedem Gedicht stand »Adalbert«.
Als Stephan alles noch einmal gelesen hatte, deckte er die weißen Fetzen mit den Händen zu und blickte auf den Alten, der beim Herd stand und sein Mus kochte.
»Michl!«
»Ja, Herr.«
»Kannst du lesen?«
Er machte das Zeichen des Kreuzes gegen diese sündhafte Zumutung.
»Herr, ich bin ein gottesfürchtiger Mensch.«
»Wie weißt du dann, daß die Sachen da vom Adalbert stammen?«
»Ganz leicht, Herr. Mein Vater selig hat es mir gesagt, so nebenbei mit der Geschichte.«
»Mit welcher Geschichte?«
»Mit der Geschichte vom Adalbert.«
»Und weißt du die Geschichte noch?«
»Ja, Herr, so etwas vergißt man nimmer. Es war eine sündige Sach'.«
»Was?«
»Das mit der Gräfin, Herr. Sie wohnte irgendwo unten, gegen das Sarntal zu, in einem schönen Schloß ... und jede Nacht ... und das ist gewiß wahr, Herr ... ging der Adalbert um das Schloß herum, und einmal, es war eine grausliche Nacht voll Donner und Blitz, kam sie zu ihm hinunter.«
»Du lügst, Michl!«
»So wahr mir Gott helfe, Herr, in meiner Sterbstund'.«
Stephan wischte sich den Schweiß von der Stirne.
»Weiter!«
»Mehr weiß ich nicht, Herr. Nur daß der Adalbert immer gesungen hat nachher ...«
Und mit grimmigen Blicken holte sich der Michl sein Mus vom Feuer und würgte es schmatzend hinab.
Stephan aber stand auf, hängte seinen Rucksack um, nahm kurzen Abschied und ging.
Aber er ging voll neuer Kraft, voll neuer Trotzäußerung und sah ohne Blinzeln in die Sonne.
»Was war der Tag, was war das Leben schön!«
Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und griff in seine Brusttasche. Dann knisterten die vergilbten Papierfetzen, und Stephan lächelte dazu. Einmal horchte er auf. Irgendwo aus dem Walde her klang das Glöcklein einer Leitkuh, und eine frische Stimme sang:
| »Di-ri-da-ram, |
| Müller und Müllerin, |
| König und Königin, |
| So gehörts z'amm. |
| Di-ri-da-ram, |
| Di-ri-da-ram.« |
Stephan aber dachte an Adalbert, an seine Gräfin, und sang trotzig zurück:
| »Wenn der Müller fesch is', |
| Glei' trau' i' ma z'wetten, |
| Paßta wia a Prinz |
| In de zwo goldnan Betten.« |
Darauf kicherte es im Walde, aber die Stimme erklang nicht mehr, und nur das Kuhgeläute hörte Stephan noch eine Weile.
Als er gegen Abend an die Villa kam, hatte er ein Gefühl, als wäre er lange fortgewesen, und sein erster Blick galt den Fensterläden. Aber die waren fest verschlossen.