Fünftes Kapitel
Tübingen. Die Neckargasse herauf schritt der neugebackene Student Georg Ehrensperger. Er sah sich suchend um, rechts und links, und fand auch nach einiger Zeit, was er gesucht hatte: ein Schaufenster mit Damenhüten, Schleifen und Schleiern.
Da trat er in den Laden ein, zu dem das Schaufenster gehörte, und konnte nicht im Zweifel sein, daß er am rechten Orte sei. Denn hinter dem Ladentisch stand die Putzmacherin Maute, und sah noch immer so schwungvoll aus wie ehedem, halb elegant und halb schlappig. Und als sie sich — sie bediente eben eine junge Frau und warf nicht schlecht mit „Madam“ um sich — umwandte, um eine Schachtel von einem der oberen Bretter herabzuholen, da sah Georg ja richtig das rotblonde Zöpfchen, das ihm von Kindertagen her bekannt war, unter der Morgenhaube vorgucken. Es war am Vormittag. Das Zöpfchen wippte lustig hin und her. Es hätte den letzten Zweifel aufgelöst, wenn da noch einer gewesen wäre. Es war aber keiner.
„Guten Morgen,“ sagte Georg. Er hatte den weichen, schwarzen Filzhut in der Hand und den dunklen Anzug über der Brust zugeknöpft und sah nicht anders aus als ein Stiftler, obgleich er keiner war. Die alten Genossen aus der Wiblinger Lateinschule, die waren nun glücklich an der letzten Station ihres gemeinsamen Werdegangs angelangt und saßen im theologischen Stift, gut umzäunt und verwahrt vor den Versuchungen der akademischen Freiheit.
Fritz Hornstein, der einst so vorbildlich Voranschreitende, saß auch darin und sehnte sich ein wenig hinaus, und mit ihm noch mehrere, die sich wohl getraut hätten, auf eigenen Füßen zu stehen und denen der Gedanke an irgend eine Enge schwerer fiel, als die Enge selbst, die so groß nicht war.
Georg Ehrensperger aber, der in aller Freiheit lebte, der sehnte sich eher hinein. Denn er hatte sich selbst — und das war nicht ohne Grund — im Verdacht, daß er, auf sich selbst gestellt, an dem und jenem hängen bliebe, das nicht zur Sache gehörte. Auch zog ihn eine alte Liebe zu den Genossen seiner Kindheit.
Einstweilen galt es, sich einrichten. Die ersten vier Wochen gingen hin, eh’ man sich’s versah.
Ernst Daxer, der war auch im Stift. Aus besonderer Vergünstigung war er hineingekommen. Der hatte ihn gestern zu einem Spaziergang abgeholt. Nachher waren sie in der Müllerei gesessen, der Wirtschaft am Neckarufer. Zwei ältere Studenten saßen am selben Tisch mit ihnen. „Aufs Wohlsein der Lore,“ hatten sie gesagt und angestoßen. Das mußte ja natürlich eine andere Lore sein, als die, die er meinte. Er hätte sich auch nicht zu fragen getraut. Aber nun wußte er wieder, daß er das Kind aufsuchen solle, das noch vor seinen Augen stand, fein, zierlich und von schönen Farben, wie ein Bildchen aus dem Bilderbuch seiner Kindheit.
Frau Maute ließ die Kundin hinaus und wandte sich zu dem jungen Mann. Da ging hinter ihr die Tür, die nach der Ladenstube führte. Ein heller Lichtschein fiel von dem Fenster, das dort drinnen war, hier heraus, und in dem Lichtschein stand Lore. Und Georg sah an der schwunghaften Frau vorbei, als ob sie nicht vorhanden sei. Das war Lore?
Nun war die Zeit gekommen, von der die Wiblinger Kinder beim Auseinandergehen geredet hatten: daß sie einander grüßen wollten, als ob nur eine einzige Nacht zwischen jenem Abend und diesem Morgen läge.
Aber welch ein Morgen war das. Stand hier Jugend und Schönheit und lachendes Leben in einer Person und bot ihm den funkelnden Becher der Freude? Er erschrak so, daß er kein Wort fand. Lore lachte, ein klingendes Lachen. Es war nicht das erste Mal, daß sie in eines Menschen Angesicht das Staunen las: daß es so Schönes geben konnte, hier in dieser niedrigen Stube, in dieser engen Gasse.
Das Lachen erlöste ihn. Er fand etwas von dem Kind darin, das er einmal gekannt hatte. Es war noch etwas anderes darin, aber das hörte er jetzt nicht. „Grüß Gott,“ sagte er nochmals.
„Du bist — du hast dich“ — er verbesserte sich — „Sie haben sich“ da stockte er. Er hatte sagen wollen, daß sie sich verändert habe. Da lachte Lore nochmals. „Das ist noch ganz derselbe,“ sagte sie, „ganz derselbe. Hab ich mir’s nicht so gedacht? Aber natürlich sagen wir noch du. Grüß Gott, Georg.“
Da atmete er befreit auf und faßte ihre feine Hand und schüttelte sie, daß Lore einen leisen Wehlaut ausstieß.
„Feiner bist du nicht geworden,“ sagte sie und lachte. „Aber das tut nichts, das kommt noch alles. Wo solltest du das lernen? Komm da herein, du mußt mir erzählen, so lang und so viel, als Frau Judith auf dem Turm.“
Da ging sie ihm voran in die kleine Stube mit dem geblümten Sofa und zog ihn mit sich hinein. Frau Maute hatte wieder einen Kunden im Laden und nickte nur hinter den beiden drein. Da waren sie allein. Draußen, unter den Fenstern, zog der Neckar vorbei, nur durch ein schmales, steil abfallendes Gärtchen von ihnen getrennt. Rot und golden glänzten die Kronen der Ulmen und Platanen von den Alleen herüber; die Sonne stand am blauen Oktoberhimmel und leuchtete durch die bunten Farben der herbstlichen Welt und glitzerte auf den ziehenden Wellen, und füllte die kleine Stube mit Licht. Und in dem Licht saß Lore.
Georg Ehrensperger, der saß und staunte und fand das Wort nicht.
„Ich soll dich grüßen,“ sagte er, „von Gertrud und von Franz, und von Rektors, beiden.“ Aber seine Augen sagten etwas anderes.
„Wie bist du schön,“ sagten sie, „bist du das wirklich?“
Die Sonne lag auf dem krausen, rotblonden Haar und ging streichelnd an der jungen, schlanken Gestalt hinunter, die von einem großen Meister so herrlich gebaut war. Sie mühte sich, auch in das Gesicht zu scheinen. Aber da wandte sich Lore kurz um, ganz nach der Stube zu. Sie brauchte die Sonne nicht im Gesicht, zwei funkelnde, dunkle Sterne hatte sie darin, die flimmerten und schossen lange Strahlen. Übermütig und sieghaft und ein wenig kindlich fragten sie: „Gelt, das hättest du nicht gedacht? Ja, sieh nur her und staune. Das geht dir nicht allein so.“
Aber als die beiden einander eine Weile angesehen hatten und Georg nun ein wenig hilflos dasaß, da fing Lore an zu lachen und sprang auf und fragte nach hunderterlei Dingen und holte die alten Zeiten hervor; da wurde auch er mit fortgerissen. Und dann trat sie plötzlich wieder in die Gegenwart ein; da wußte sie noch besser Bescheid als in der Vergangenheit.
„Das muß fein werden,“ sagte sie. „Wo wohnst du? du mußt oft kommen, wir sind doch alte Freunde. Wir haben auch Studenten, oben im ersten Stock. Die bringen oft ihre Freunde mit sich. Lebhaft geht es da zu.“
Sie ging ans Fenster und sah auf die Neckarbrücke hinunter und wandte sich wieder um und lachte. Und dann horchte sie mit etwas vorgeneigtem Kopf nach der Ladentür hin. Dort klingelte es. Die Mutter ließ jemand hinaus, und gleich darauf wurde eine Männerstimme hörbar. „Fräulein Lore drin?“, und dann trat ein junger Mann ins Zimmer. Er trug die Farben eines vornehmen Korps, war hoch und breit gewachsen und hatte ein kluges, scharfes, herrisches Gesicht. Sein Hund kam hinter ihm drein, eine hohe, gelbe Dogge. Sie ließ sich zu Lores Füßen nieder und stieß einen winselnden Laut aus. Über Lores Gesicht flog ein feines Rot, als der Ankömmling einen großen Blick auf sie und dann einen auf Georg warf.
„Das ist ein Kindheitsgespiele von mir,“ sagte sie, und bemühte sich, leichthin zu reden. „Wir haben miteinander Kirschen von den Bäumen gebrochen, und haben miteinander Märchen erzählt bekommen. Heut’ seh’n wir uns zum erstenmal wieder. Das ist jetzt acht Jahre her. Nun staunt er, daß ich gewachsen sei.“
Aber sie sprach nicht so sicher und harmlos, wie zuvor. Die Augen des Neuangekommenen lagen auf ihr, das machte es wohl.
Der sagte nicht viel.
Als Lore ihren Gast vorstellte, grüßte er gemessen. Dann nahm er einen Schlüssel, der am Haken neben der Tür hing. „Ich habe den meinigen verloren,“ sagte er, „Sie wollen, bitte, einen neuen bestellen. Und dann, gestern Abend fiel das Tintenfaß auf die Tischdecke. Sie ist unbrauchbar geworden. Die neue geht auf meine Rechnung. Komm, Harras.“
Die Dogge erhob sich zögernd. Sie schien es anders gewöhnt zu sein. Da tat ihr Herr einen kurzen Pfiff. Lore warf den Kopf zurück. „Geh,“ sagte sie, und gab dem Hund einen leisen Schlag. Darauf verschwanden beide, der Herr und der Hund, in dem halbdunkeln Flur, und Georg hörte sie die Treppe emporsteigen.
Als er sich nach Lore umsah, war das sieghafte Lachen von ihrem Gesichte verschwunden. Sie stand am Fenster und biß sich auf die Unterlippe. Aber nur einen Augenblick. Dann schnipste sie mit den Fingern. „Komm, wir wollen weiter plaudern; er soll uns nicht drausbringen.“ Aber sie war nicht mehr recht dabei. Georg war auch gestört. „Was ist das für ein Mensch?“ fragte er. „Er scheint kurz angebunden. So ein Herrscher. Ist er immer so?“
„Nein,“ sagte Lore, „er ist nicht immer so.“ Ein verhaltenes Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Es ist unser Mieter. Er hat das beste Zimmer und bezahlt es gut.“ Und dann sah sie ihn an und dachte: „Du Kind. Du bist noch ein rechter Junge. Aber ein lieber, guter.“ Und auf ihrem Gesicht gingen Rührung und Spott durcheinander.
Dann kam Frau Maute und entfaltete einen großen Wortreichtum und sagte, daß Georg sich hier fühlen solle wie zu Hause. „Wie zu Hause,“ sagte sie, und sah ihn mütterlich an und nickte ihm ermutigend zu: „Ja, nicht wahr, die Lore? Was sagen Sie zu ihr? Aber das hat sie nicht gestohlen. Ich, als ich jung war.“ „Mutter,“ sagte Lore, und trat mit dem Fuß auf, „draußen ist jemand.“
Da entschwand sie, ohne den Satz zu Ende gesagt zu haben.
Es war eine starke Mischung von angenehmen und unangenehmen Gefühlen, mit denen Georg eine Weile später aus dem Hause trat. Aber die angenehmen überwogen bald.
Wenn das Gertrud wüßte. Wenn sie es sehen könnte. Unmöglich, die Lore zu beschreiben. Schön, er hatte noch nie etwas so Schönes gesehen, und lieb und natürlich. Hie und da ein bißchen, — wie sollte man’s nennen? Er beschloß, es gar nicht zu nennen, das, was ihm nicht so recht gefiel. Er wußte kein Wort dafür.
„Das ist von der Mutter,“ entschied er. „Solch eine Erziehung, ich danke. Das hätte wahrhaftig schlimmer ausfallen können.“ Er konnte ihr vielleicht auch manches abgewöhnen, wenn sie nun öfters seinen Umgang genoß. So, abgewöhnen? Ja. Er richtete sich hoch auf, als seine Gedanken das fragten. Hatte sie nicht beim Abschied, noch unter der Haustür, gesagt: „Ach, Georg, ich bin anders als Gertrud, ganz anders. Ich glaube, es wäre einiges zu bessern an mir. Du mußt oft kommen. Wir wollen wieder gute Freunde sein. Weißt du noch? Das haben wir damals ausgemacht, im Rektorgarten unter dem Süßapfelbaum.“
Und dazu hatte sie ihn angesehen; es hatte ihn noch nie ein Mensch so angesehen. Georg versuchte sich den Blick vorzustellen, da durchströmte es ihn, warm und lebendig. Ja, also, so sollte es werden: er wollte, — ach, was wollte er alles. Es war ihm so väterlich zu Mute, als ob er der Rektor Cabisius sei; das meinte er selbst.
Er meinte es sehr gut mit Lore, und mit sich selbst, und mit der ganzen Welt. Als er sich dessen versichert hatte, trat er einem alten Herrn, der um eine Ecke bog, wuchtig auf den Fuß, und erschrak so sehr, daß er vergaß, sich zu entschuldigen. Der alte Herr murmelte etwas Ärgerliches vor sich hin, schüttelte den Kopf, und hinkte ein wenig im Weitergehen. Georg kraute sich verlegen im Haar, und drehte sich, als er ihm eine Weile nachgesehen hatte, um, und stieg zu seiner Behausung empor.
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Ob es Schicksal oder Neigung war, oder beides: Nun hatte er sich richtig wieder eine Stube in einer engen, winkeligen, alten Gasse gemietet. Er wußte nicht recht zu sagen, wie er dazu gekommen war. Er hatte einen Zettel heraushängen sehen: Zimmer, mit oder ohne Klavier, zu vermieten; auf der Hausstaffel waren zwei rotbackige Kinder gesessen; am Röhrenbrunnen, der vor dem Haus stand und sein Wasser plätschernd in einen Steintrog fallen ließ, war eine frische junge Frau gestanden und hatte sich mit einer raschen, kräftigen Bewegung das volle Wassergefäß auf den Kopf gehoben.
Die Kinder hatten sich ihr links und rechts an die Rockfalten gehängt, als sie ins Haus zurückging. Da war Georg hintendrein gegangen, er wußte nicht recht, warum. Die liebe, kleine Gruppe zog ihn hinter sich drein.
Es war ein Handwerkerhaus. Hinten vom Hof herein scholl eine wackere, arbeitsame Musik: schwere Hämmer, die auf Eichenholz niederfielen, lustige Schlegel, die raschen Taktes auf klingenden Eisenreifen tanzten. Ein Feuerschein flammte hoch auf und erhellte einen Augenblick den schmalen, halbdunklen Hausgang. Draußen schritten ein paar handfeste Gesellen hinter einander drein um ein großes Faß herum, um das sie eben die Reifen legten. Ein Lehrjunge trug eine Schürze voll Hobelspäne herbei und warf sie in das Feuer, das inmitten des werdenden Fasses brannte; es knisterte und stieg kerzengerade in die Höhe.
Georg trat unter die schmale Tür, die nach dem Hofe führte. „Romdibom, der Küfer kommt.“ Ein Kinderreimlein fiel ihm ein, das so anfing. Sie hatten es in Wiblingen oft genug gesungen. Er hatte nicht übel Lust, sogleich damit loszulegen, denn das Bild im Hofe heimelte ihn stark an.
Da kam der Meister aus der Werkstatt in den Hof und auf ihn zu. Ein breiter, hochgewachsener, kräftiger Mann; er hatte die Hemdärmel an den sehnigen Armen hinaufgeschlagen bis über die Ellbogen; im Gurt der blauen Leinwandschürze steckte der eiserne Schlegel, die Mütze saß weit hinten auf dem dunklen, schlichten Haar; ein ernstes, bärtiges Männergesicht sah darunter hervor. Es war eins von den Gesichtern, deren Inhaber man ohne weiteres Geld und guten Namen zur Aufbewahrung anvertrauen würde, gewiß, daß man seinerzeit beides unverkürzt zurück bekäme.
Geradlinig, fest und sicher, und in den Augen etwas, als ob sie mit Kindern fröhlich zu lachen verständen.
Daß das letztere der Fall war, zeigte sich auch sogleich.
Als der Meister auf Georgs Frage, ob bei ihm das betreffende Zimmer zu vermieten sei, mit ihm ins Haus trat, kam aus der Küchentür, hinter der sie vorhin verschwunden war, die junge Frau wieder in den Hausgang, diesmal ein einjähriges Bürschlein auf dem Arm.
Das Kind schien eben erst aus dem Schlaf gekommen zu sein und blinzelte, das Köpfchen gegen die Wange der Mutter lehnend, mit aufwachenden blauen Augen aus dem rosig angeschlafenen Gesichtlein heraus.
„Komm’,“ sagte der Vater und streckte die Arme nach dem kleinen Buben. „Mutter, du solltest dem Herrn das Zimmer zeigen, laß’ mir den Helmle so lang.“
Da hatte er auch schon den kleinen Buben auf dem Arm, und als er ihn emporhob und das Kinderköpfchen an seine bärtige Wange drückte, da brach ein so leuchtender Strahl aus seinen blauen Augen, daß der ganze Mann übersonnt schien.
Und dem „Herrn, der das Zimmer sehen wollte“, war es so, als ob es jedenfalls ein ganz vortreffliches Zimmer sein müsse, das in diesem Haus zu vermieten sei, obgleich er vorher an Neckaraussicht und grüne Wipfel vor den Fenstern gedacht hatte. Daran, am Blick ins Grüne nämlich, fehlte es auch nicht ganz. Die Frau wies mit bescheidenem Stolz auf ein winziges, höchst anspruchsloses Gärtchen, das zwischen Hof, Werkstatt und Nachbarhaus eingeklemmt war und aus einer Bohnenlaube, zwei Beeten mit Küchenkräutern, einer Blumenrabatte, ungefähr zwei Hand breit, und einem alten, hohen, knorrigen Zwetschgenbaum bestand.
Auf dieses Gärtchen gingen die Fenster des Zimmers, das im zweiten Stock lag. Außerdem sah man ein Stück des Hofes mit drei kunstreich gebauten Türmen aus Faßdauben, die Rückseite mehrerer Häuser, eins davon mit einer braunen, verwitterten Holzaltane, ein Stück Stadtkirchenturm, und ein nicht unbeträchtliches Stück blauen Herbsthimmels.
„Die Aussicht hat dem vorigen Herrn gut gefallen und das Zimmer auch,“ sagte die Frau. „Er war auch ein Theologe, und er hat immer gesagt, so sei’s ihm gerade recht: Wenn man nicht so weit herumsehe, bleiben einem die Gedanken näher beieinander zum Studieren.“
Es kam Georg vor, als ob „der vorige Herr“ ein äußerst vernünftiger Mensch gewesen sei. Das war ja freilich die einzig richtige Anschauung. Was ihn selbst betraf, so konnte er froh sein, gerade hierher gekommen zu sein. Das war nun das erste Zimmer, das er ansah und nun stimmte gleich alles so vorzüglich. Er hatte hier in Tübingen Glück, das konnte er gleich zum Anfang sehen. Das Zimmer gefiel ihm, er mochte hinsehen, wo er wollte. Aber das hatte er eigentlich schon unten gewußt.
„Wenn Sie das Klavier geniert,“ sagte die Frau, als sie sah, daß Georgs Augen an dem großen, alten Tafelklavier hängen blieben, „es nimmt ein bißchen viel Platz weg, es ist wahr. Man kann’s im Notfall in eine Kammer stellen. Der vorige Herr hat immer seine Bücher darauf liegen gehabt, und, er hat seltene Pflanzen gesammelt, die hat er auch darauf ausgebreitet. ‚Lassen Sie’s nur,‘ hat er gesagt, ‚so lang der Deckel zu ist, stört mich kein Klavier.‘ Und der Deckel bleibt zu, solang ich hier hause.“
Georg fühlte, wie die Sympathie, die ihn mit dem vorigen Herrn einen Augenblick verbunden hatte, wieder entschwand. Er fand nicht gleich Worte. Was gab es doch für Menschen auf der Welt. Er strich mit der Hand über den Deckel des Klaviers; es war wie eine Abbitte, die er im Namen der Menschheit tat.
„Wir hatten’s bei uns unten stehen,“ sagte die Frau. „Aber seit ein Kinderbettchen ums andere kommt, fehlt’s am Platz. Es ist von meinem Schwiegervater her noch da. Der war blind, zwanzig Jahr lang und ist auch blind gestorben. Aber spielen hat er können; alle Leut sind stehen geblieben auf der Gasse, wenn er gespielt hat.“
Jetzt kam der neue Herr auch zur Sprache. Sie kam ein bißchen schroff heraus; das machte die Wichtigkeit des Augenblicks und die innere Erregung.
„Bei mir liegt nichts auf dem Deckel,“ sagte er. „Ich kann nicht begreifen, wie man das einem Klavier antun kann. Ich mache Musik darauf; dazu ist es doch wohl auf der Welt. Wenn Sie das nicht wollen, so sagen Sie’s mir gleich. Dann ziehe ich anderswo hin.“
Aber so war es nicht gemeint gewesen.
Nein, behüte, der Herr könne ruhig spielen, so viel er wolle. Das werde den Mann freuen, wenn er es erfahre. Wenn er hie und da ein Fenster offen lassen wolle, daß man es unten höre.
Es ging eine stolze Freude über ihr frisches, offenes Gesicht: „mein Mann, der macht auch Musik. Er hat eine Geige. Er hat einmal Schulmeister werden wollen. Da ist sein Vater blind geworden und er hat das Geschäft übernehmen müssen. Eine Stimme hat er, man könnt’ ihn auf die Orgel brauchen zum Vorsingen. Mit der Geige will’s nicht recht. Er hat schwere Hände bekommen von der Arbeit. Aber wenn er dazu singt, dann tut’s doch schön.“
Diese Mitteilung hatte gerade noch gefehlt um in Georg Ehrensperger das Bewußtsein zu erwecken, er sei in das einzig richtige und mögliche Haus eingezogen; ja, es war ihm, als habe er sich gewissermaßen in einen Familienschoß gesetzt, so wohl gefielen ihm die Leute und ihr Haus und die Stube, die sie ihm darin abtraten; aber der Mann am meisten.
Und als die Frau hinunterging, um das Helmle wieder aus den väterlichen Armen zu nehmen und dem Mann zu erzählen, daß man wieder einen Herrn habe und was für einen, da verriegelte dieser Herr oben seine Tür, und tat einen Blick aus dem Fenster, ob ihm auch niemand zusehe, und machte einen Spaziergang, zweimal um den Tisch herum, auf den Händen, und streckte seine langen Beine hoch in die Luft vor Vergnügen.