Fünftes Kapitel
Ein Frühlingstag, ein ganz rechter und echter. Alles, was blühen konnte, drängte und trieb und machte die Augen auf, alles, was zwitschern und schwirren und summen konnte, tat es, alles, was sich zu freuen vermochte, nahm, falls es den Winter hindurch aus der Übung gekommen war, einen neuen Anlauf dazu.
Im Rektorgarten blühten Syringen und Goldregen, und in den Beeten Narzissen und Kaiserkronen, es schwatzten die Staren und schmetterten die Buchfinken, es saßen um den steinernen Tisch unter dem großen Nußbaum drei Kinder, ebenfalls blühend, ebenfalls in lauten und lebendigen Tönen in das allgemeine Konzert der Daseinsfreude einstimmend.
Der Rektor Cabisius ging nicht wie an jenem ersten Frühlingstag, da wir ihn kennen lernten, in den Steigen auf und ab. Er saß an der sonnigsten Stelle des Gartens in einem Korblehnstuhl und ließ sich anscheinen, ohne daß er das Licht erblicken konnte. Denn er war jetzt bis auf einen kleinen, ganz kleinen Schein blind geworden. Aber die Pfeife hielt er noch in der Hand und als seine Enkelin zu ihm trat, da saß er umgeben von einem leichten Rauchwölkchen und taktierte, wenn er wieder ein paar Züge getan hatte, nach irgend einer Melodie, die er zu vernehmen schien, und sein Gesicht war so klar und heiter wie je. Vielleicht war es die Jubelouvertüre der Schöpfung, zu der ihm auch das Kindergeschwätz gehörte: „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium,“ vielleicht auch zeigte ihm ein inneres Licht die Eingangshalle zu den Gefilden, die wir mit unseren guten Augen nicht zu erblicken vermögen und es klang feierlich in ihm: „wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.“ Jedenfalls sah er aus, als ob er einer von denen sei, bei denen es „um den Abend licht“ wird.
Und das stimmte ja freilich nicht mit den äußeren Tatsachen. Aber darnach fragte der Rektor Cabisius nicht so viel.
„Großvater, du bekommst Besuch,“ sagte Gertrud. Und da kamen auch schon hinter ihren raschen, festen Tritten die etwas schlurfenden, von Stockstößen begleiteten des Meisters Nössel den Gartenweg herauf. Sie gab dem Großvater nur geschwind die Hand, eine breite, kräftige, nicht eben zarte Hand, denn sie mußte ihn hie und da ihres Dabeiseins versichern. Dann führte sie den alten Mann zu ihm. „Da ist noch ein bequemer Stuhl, Meister Nössel, und — ja, und Konrad soll noch eine Pfeife herunterholen, und da steht der Tabak und das Feuerzeug. Ich muß wieder zu meinen Kindern.“ Und dann ging sie wieder an den Tisch hinüber und hatte es sehr wichtig und sehr mütterlich mit einem großen Brotlaib und der Butterdose, und sah nicht, wie der eine der beiden alten Männer ihr kopfnickend nachsah und wie der andere zu seinen Worten lächelte: „Wenn sie die Judith so sehen könnte, wie sie da hantiert und so ein helles Gesicht hat und so aufrecht ist.“ Ja, da waren die beiden Alten wieder an ihrem Lieblingsthema angelangt: die Vorangegangenen, und die alten Zeiten, und das, was noch aus den alten Zeiten in der Gegenwart mit ihnen lebte, — das Kind.
Es war ein reiches und ein herzerwärmendes Thema, und all’ das Lebendige rings umher gab eine gute Begleitung dazu. Es hatte in diesem Garten von jeher und immer wieder Kinder und Blumen und Vögel gegeben, und auch mütterliche Frauen, die sich an Kindern und Blumen und Vögeln zu freuen wußten, — auch dann, wenn in ihrem eigenen Leben schon einiges abgeblüht und verklungen war. Gertrud paßte nicht schlecht in die Fußtapfen ihrer Vorgängerinnen in diesem Garten. Sie hatte wacker aufgehoben, was ihr an Leid des Lebens auf den Weg gelegt worden war, und sie trug es nun nicht wie einen Trauerflor um sich her, sondern sie hatte es, da es ja freilich nicht von flüchtiger Art war, tief in sich hineingeschlossen. Da wohnte es, ganz nah bei der „zwölften Kammer,“ von der schon einmal die Rede war, und trat ans Tageslicht nur in einer reifen, warmen Mütterlichkeit gegen alles, was eines Schutzes oder einer Hilfe zu bedürfen schien, in einem ernsten und klugen Verstehen von allerlei Nöten, die den Menschen in ihrem Bereich — auch nicht immer auf der Stirne geschrieben standen.
Es war Feiertag und sie hatte sich die Kinder geholt. Es waren die drei Buben der Türmersleute, die drei Entenmänner, die damals bei dem Adventsgewitter so heldenhaft die Köpfe unter die Decke steckten. Sie waren seitdem um ein gutes Stück gewachsen, hatten helle, kurzgeschorene Köpfe und lebhafte Augen, und Gertrud ging damit um, ihnen ein gut Teil von dem allgemeinen Wissen, das sie selber einst so hungrig in sich aufgenommen hatte, zukommen zu lassen. Warum war sie nicht Lehrerin geworden, wie einst bestimmt war? Warum sahen die beiden, der Älteste, starke und der Mittlere, zarte, mit so hungrigen Augen drein, wenn sie ihnen hinten unter dem Süßapfelbaum von den Wundern und Sagen der alten Griechen und von den Taten unserer eigenen Vorväter und zuweilen auch von dem Zug der Kinder Israel durch die Wüste erzählte? Der Jüngste, der war ein wenig dick und ein wenig denkfaul, der mochte ja ihretwegen Flickschneider werden, obgleich — wenn sie das sagte, dann erschien sie noch einen Zoll höher als sonst — droben auf dem Turm Meister Nössel auf dem Schneidertisch gesessen war, der sich mit allerhand Weisen und Gelehrten messen konnte. Sie wollte das ihrige tun, daß diese ihre Patenkinder, sie mochten werden was sie wollten, Teil hätten an den geistigen Gütern der Menschheit. Ja, macht nur die Augen auf, ihr Buben. Dote Gertrud hat so vieles in sich angesammelt, sie hilft sich selbst, wenn sie euch hilft.
Aber was versteht ihr davon?
Ihr rennet davon, alle drei, wenn ihr euer Vesperbrot gegessen habt und spielet unter den Bäumen, „Frau Mutter leih mir d’ Scheer“, nach einiger Zeit liegt einer von euch, der kleine, feine Leonhard, unter dem jungen Birnbaum am Stadtgraben und verschränkt die Hände hinter dem Kopf und guckt nach dem blauen Himmel, der zwischen dem Geäst hereinsieht und guckt den Wolken nach. Wer hat dich gelehrt, gerade so träumerisch dreinzusehen, wie Georg Ehrensperger, und gerade so leise vor dich hinzusummen, als ob dir etwas Schönes durch Kopf und Herz ginge?
Abgewendet hat sich Gertrud, als sie dir eine Weile zugesehen hatte und nun steht sie an dem Bretterzaun, der den Garten von der Straße nach Hinkelsbach trennt und sieht hinaus — hinaus.
Weißer Staub liegt auf der Landstraße, ein Lüftchen kommt und wirbelt ihn in die Höhe. Kinder verlassen den schmalen Steig, der neben der Straße hergeht und schlürfen mit den Schuhen durch den Staub, es ist so lustig, wenn sich das schwarze Leder weiß färbt. Mögen die Eltern auf dem ehrbaren Steig einhergehen und ihre sauberen Feiertagskleider schonen. Ihr Teil Staub bekommen sie dennoch, so gut wie die hellbegrünten Hecken am Weg und das junge Gras davor. Aber es schadet nichts, der Frühlingswind ist lustig und der tanzende Staub ist lustig, und die weißen Wölkchen, die durch den blauen Frühlingshimmel schimmern, sind lustig, und in Hinkelsbach ist eine große Bauernhochzeit, da wird’s erst recht lustig werden. Da müssen die Wiblinger dabei sein, die Metzger und die Bäcker und die Schuster und die Schneider, die alle mit den Hinkelsbachern zu schaffen haben. Es ist Pflicht, sie tun es der Kundschaft zulieb, wenn sie mit Kind und Kegel hinausziehen und essen und trinken und tanzen und sich im saubersten Staat zeigen. Sie greifen heut tief in den Beutel in dieser Pflichterfüllung. Wieder eine Gruppe und wieder eine, und nun kommen zwei, bei deren Anblick Gertrud Cabisius — nicht so ganz ruhig bleibt. Ein stattlicher, breit gewachsener Mann in hellgrauem Anzug, im Knopfloch eine rote Nelke, im Gesicht heiteres Behagen, kräftige Lebenslust, in der ganzen Haltung eine behäbige, vermögliche Bürgerlichkeit. Und ein hochgewachsenes, schönes Mädchen, nicht mehr so ganz jung, nicht so viel jünger als Gertrud, so recht reif und voll erblüht, im weißen Kleid, Korallen um den feinen Hals, leuchtend roten Mohn auf dem großen, gelben Hut.
Sie gehen im Takt, rasch, leicht, wie auf Federn; falls es auch für sie ein Pflichtgang ist, — er fällt ihnen nicht schwer. Worüber sie nur so viel zu lachen haben? So hell und herzlich kommt es heraus, so leicht und unbeschwert.
„Grüß Gott, Gertrud.“ Lore sagte es so übermütig, so sieghaft.
Schier ein bißchen Mitleid ist auch dabei, oder meint Gertrud das bloß? So etwa: „Was weißt du von Lebensfreude, du — du Großmutter? Ich — ich weiß davon. Du auch, Franz, gelt?“
Da ist wieder das Lachen. Und Gertrud weiß nicht recht, warum es ihr so ins Herz schneidet.
Vorüber.
Hintendrein kommt ein anderes Paar, der Müller Hensler, kurz, dick, rot im Gesicht, auch eine Blume im Knopfloch, Lore hat sie ihm hineingesteckt. Überhaupt, Lore. Wer kann sich noch denken, daß sie einmal nicht dagewesen sei? Der Müller Hensler nicht. Die Gäste in der Weinwirtschaft auch nicht. Franz? — Franz auch nicht.
Frau Maute geht in einer lilaseidenen Bluse, mit roten Blümchen besät, neben ihm her, ein wohlhabendes Lächeln um Mund und Augen, den Ansatz zu einem Doppelkinn auf der Perlborte des Halskragens ruhend, das rotblonde Zöpfchen sauber aufgesteckt unter einem meergrünen Spitzenhütchen.
„Immer jünger,“ sagt der Müller Hensler, wenn er sie ansieht. Er selbst wird auch immer jünger. Man weiß nicht, was noch werden mag. Wenn ihm nur der Wein nichts tut. Der Doktor hat dieselben Bedenken bei ihm, wie beim Bäcker Ehrensperger.
Vorüber.
Gertrud sieht ihnen nach und weiß nicht, daß sie es tut. Denn ihre Gedanken sind fern von hier, bei einem, der in diesem Augenblick in der kleinen, altersgrauen Kapelle, auf der Anhöhe am Isarufer sitzt. Es ist eine Orgel drin, und er läßt sie erklingen. Er hat geschrieben, daß ihm dort zuweilen, zwischen den grauen Steinwänden, an denen nur wenig Schmuck haftet, hie und da ein Heiligenbild, hie und da ein Kränzlein — daß ihm dort zuweilen schöne, schöne Melodien, wie in feierlichem Zuge kommen.
Nun sieht sie ihn dort sitzen, ein blindes, elendes Bübchen bei sich, das sitzt ganz still da und hebt die lichtlosen Augen und horcht. Wie die Klänge zu der offenen Tür hinausschweben in das grüne Dunkel des Busch- und Baumwerks draußen. Wie Gesang einer Gemeinde, die körperlos hier drinnen versammelt ist.
Hie und da ist Emeritz bei ihnen; hie und da kommt der Schneider, Theodors Vater, wenn er seine Kundengänge gemacht hat. Dann lädt er das Büblein auf seinen Rücken und trägt es heim, ein zweiter Sankt Christoforus, nur daß ihn das leichte Gewicht nicht niederdrückt, den breiten, starken Mann. Ihn drückt etwas anderes; ihn drückt der Kummer um das Kind. Daß es so hinleben soll, so lichtlos, so arm. Aber das Kind lächelt. „Es ist so schön gewesen, Vater.“ Bilder einer reichen Welt sind an ihm vorbeigezogen, die hält es noch fest.
Und nun ist der Komponist allein. Gertrud sieht ihn; sie sieht ihn deutlich. Wie er aufsteht und in dem dämmerigen Raum hin und her geht. Das weiß sie, daß er so zu tun pflegt. Aber sie weiß nicht, ob er mutig und froh darein sieht, ob er das, was ihm durch den Sinn zieht, fassen konnte, oder ob er sich müde daran zerarbeitet.
„Es wird so anders als ich dachte,“ schrieb er neulich an den Großvater, „es wird religiös, ernst, sehnlich — und ist doch keine Kirchenmusik. Ich weiß nicht, wer es aufführen soll und nicht, wie ich es nennen soll. Es ist keine Symphonie, kein Oratorium, es ist eine musikalische Dichtung. Aber ich kann nichts anderes schaffen als das. Alles, was ich habe, strömt dahin. Es muß mich doch noch segnen. Ich bin jetzt weit voran. Ich denke bis zum Sommer fertig zu werden.“ Dann, wenn er nach Haus geht, das heißt, in seine Stube zurück, geht er den Strom entlang, und sieht den Abendhimmel sich darin spiegeln, und die Ufer, und kommt zu den Menschenwohnungen und sieht Kinder auf der Straße spielen, und sieht ein Paar mit einander gehen, und sieht den Blick, mit dem sich die beiden ansehen, und erschrickt, daß er so allein sei und kein Auge habe, in das er das seinige senken könne, nun seine Seele zurückgekehrt ist aus der Welt, die er ahnend, tönend festhalten wollte.
Dann, das weiß Gertrud, ruft er sich ein Bild vor die Seele, das gehört ihm, — sie ist es aber nicht, es ist Lore. — Und er breitet im Geist die Arme nach ihr aus. „Bald, bald.“
Wie sie da am Zaun zusammenschrickt, als müsse sie noch die beiden stattlichen Gestalten dahinschreiten sehen, die vorhin vorbeigingen.
Weißt du es, Lore, daß er die Arme nach dir ausbreitet? Wartest du ebenso auf ihn? Sicher, gläubig, still und fest? Warum kommst du nie mehr zu Gertrud Cabisius? Du habest so viel zu schaffen, sagst du? Sie hat dich aufnehmen wollen, um seinetwillen, sie hat ihr Herz bezwungen, daß es dich hereinließ. Und nun Lore? — Vorüber. Kein Staubwölkchen zeigt mehr, wo ihr gegangen seid. Leer und still die Straße.
Und Gertrud wendet sich um und geht zu den Kindern und spielt mit ihnen, und geht zu den Greisen, die schon durch ein langes Leben gegangen sind. Dauert es lang, bis man so alt wird? Still.
**
*
In der Krone zu Hinkelsbach ging es hoch her. Er war eine stattliche Bauernhochzeit mit vielen Gästen. Wagen an Wagen drängte sich vor der Tür, Ellbogen an Ellbogen saß man in der großen Wirtsstube, Paar an Paar drängte sich im Tanzsaal. Die Wiblinger waren mitten drunter. Die Kinder tanzten draußen im Hausöhrn und hinter dem Haus auf der Wiese, die Alten drinnen.
Auf einer kleinen Erhöhung waren die Musikanten untergebracht. Ein alter Baßgeiger, kurzatmig, den Kopf tief zwischen den Schultern eingebettet, strich, beständig mit den kleinen Äuglein zwinkernd, so eifrig auf seiner Baßgeige hin und her, als sei sie ein Stück Brennholz und der Bogen eine Säge, die es zu zerkleinern habe. Didel dudel dudel — didel dudel dudel. Neben ihm blies ein Klarinettist von fast schwindsüchtiger Hagerkeit, lang und oben vornübergebeugt, mit düsterm Gesicht in sein Instrument hinein. Wie lange mochte er noch Atem haben, um die Töne hervorzubringen, die den Bauern und den Städtern in die Beine fuhren?
Didel dudel dudel — didel dudel dudel. Und noch zwei Musikanten. Ein Geiger und ein Harfenmädchen. Sie schienen zusammenzugehören, wenigstens tauschten sie hie und da einen Blick des Einverständnisses, der Geiger aus feurig blitzenden Augen, an deren Blinken indessen zum Teil der reichlich genossene Wein schuld sein mochte. Wenn solch ein Strahl das Mädchen traf, dann hob es für flüchtige Sekunden die dunklen, etwas schwermütigen Augen, die in einem bräunlich-blassen Gesicht standen, und langsam färbte eine aufsteigende Röte ihre Haut bis unter das krause dunkelbraune Haar.
Sie trug ein grünes Kleid, das zu einer längst verklungenen Zeit ein Prachtstück gewesen sein mochte, mit vielen Garnituren und Falten, und um den bloßen Hals ein Kettlein aus kleinen Goldblechmünzen, und ihre Schuhe sahen unter dem Saum ihres Kleides hervor wie solche, die für glatte, ebene Wege gemacht und widerwillig steinige, mühselige Straßen gegangen waren. Didel dudel dudel. Sie griff ihre Akkorde dazu wie eine, die es aufgegeben hat, in der weiten Welt noch etwas besseres zu suchen als tanzenden Bauern aufzuspielen, den schwermütigen Unterton zu dem Gekreisch und Gelächter der Geigen und Klarinetten, heute hier, morgen dort, — weiter, weiter, ohne Heimat, ohne friedlichen Rastort. Was ihr der Geiger war, wer konnte es wissen? Ein Trauring blinkte nicht an der Hand der Harfnerin, an der seinigen saß ein Siegelring. Er führte den Bogen nicht ohne Geschick, es hatten schon schlechtere Musikanten als er hier gefiedelt. Didel dudel dudel.
Dachte Lore Maute an einen andern Tanzsaal, einen weiten, grünen Wiesenplan am Saum des Waldes? Damals waren die Englein auf weiß schimmernden Wölkchen gesessen und hatten aufgespielt, alles war Glanz und Jubel und Seligkeit gewesen, alles Jugend, Jugend. Das war lang her seitdem, es ging ins vierte Jahr. Sie hatte damals wohl auch mit Franz getanzt — heimlich lächelnde Blicke des Einverständnisses mit Georg tauschend. Es war so anders als heut.
Warum kam er auch so lange nicht? Warum tat er sich nicht um eine Stelle um, ein Brot? Warum mußte mit Gewalt jenes Werk vorher fertig sein, von dem man nicht einmal wußte, ob es dann Geld und Ehren brachte? Sah so das Glück aus, nach dem Lore Maute, die schöne, bewunderte Lore ausgeschaut hatte, seit sie denken konnte?
„Komm, Franz.“ Und sie tanzten, tanzten, ruhig, sicher, beherrscht und gut im Takt, sie, — warm und angeregt vom Wein und von der Frühlingsluft und von der Musik, und von dem Anblick des schönen Mädchens, das er im Arm herumschwenkte — er —. Er war ein stattlicher Mann, gerade im besten Alter, und heiter, und gutmütig, und hatte schöne, weiße Zähne; wenn er lachte, sah er hübsch aus. Und seine Augen und seine Gedanken waren gleicherweise hell, nüchtern und aufs Reelle gerichtet.
„Prosit, Frau Base,“ sagte der Müller Hensler und stieß mit Frau Maute an. Sie saßen an einem Ecktischchen und sahen in das Gewühl der Kommenden und Gehenden. Mit dem Tanzen war es bei dem Müller Hensler vorbei, trotz seines jugendlichen Gemütes, es fehlte am Atem. „Prosit, Herr Vetter.“ Frau Maute lächelte süß und sah in den offenen Tanzsaal hinein, wie in einen vollen Geldbeutel. Was sie da sah, gefiel ihr. Jetzt setzte die Musik aus, „die Jungen“ kamen herein, hochatmend und vergnügt. „Jetzt etwas zu essen her, aber viel und etwas Gutes,“ sagte Franz. „Ich muß hier etwas draufgehen lassen, sie kaufen viel bei mir. Ihr wißt es.“ Ja, das wußten sie. An ihnen sollte es nicht fehlen, wenn die Kundschaft künftig schlechter wurde. Die Musikanten kamen auch in den Saal. Ganz hinten beim Schenktisch ließen sie sich nieder. Das Harfenmädchen war nicht dabei. Der Geiger ließ die Augen unruhig umherlaufen. Als sie nach einer Weile nicht kam, stand er auf und ging mit großen Schritten durch den Saal und durch die offene Tür in den Tanzraum. Dort mußte er sie gefunden haben, denn er führte sie an der Hand mit sich herein. Sie sperrte sich, es mußte etwas zwischen ihnen gegeben haben. Die Gäste sahen auf und einige lachten. „Nimm dich zusammen,“ raunte der Geiger und sah sie zornig an. Da ging sie mit gesenktem Kopf neben ihm her; er hielt ihr Handgelenk umspannt wie mit einem Schraubstock.
Als die beiden an dem Tisch der Wiblinger vorübergingen, fing Lore einen Blick von Franz auf, der ihr nicht gefiel. Was wollte er? „Du,“ sagte er, so mit einer spöttischen Lustigkeit, die man nicht an ihm gewöhnt war, „du, Lore, was meinst du, das Harfenspielen wird nicht so schwer zu erlernen sein?“
„Das Harfenspielen?“ Sie sah ihn groß an. „Warum, willst du es üben?“
„Nein,“ er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und ließ seine Augen über sie hingehen, „ich dachte nur so bei mir, die Musikerfrauen können doch auch zuweilen, wenn Not an Mann geht, den Männern im Handwerk helfen. Sauber ist die da auch, nimm mir’s nicht übel, wenn du auch schöner bist. Du könntest immerhin zeitig anfangen.“ Jetzt hatte sie ihn verstanden.
„Sei still,“ sagte sie. Ihre Stimme war klanglos und ihre Augen flammten zornig auf. „Was fällt dir ein?“ Sie kehrte sich mit einem Ruck von ihm ab. Die Alten hatten nichts bemerkt, sie waren eifrig mit Essen beschäftigt. Da erschrak er, weil er sie nun verletzt hatte. Er wußte nicht, wie es ihn so plötzlich angekommen war, das zu tun. Er war aufgeregter, als er von sich selbst gewöhnt war.
„Lore,“ sagte er halblaut, „Lore, es war ja nur ein Spaß. Es fiel mir so ein. Sieh einmal den Geiger an, er sieht dem Georg ein bißchen gleich. Lore. Ich mein’s doch gut mit dir. Das weißt du doch. Jetzt sei nicht bös. Guck, ich hab’s schon lang sagen wollen: er bringt’s ja doch zu nichts. Ich mag ihn, er ist mein einziger Bruder. Aber das sag’ ich doch. Er bringt’s zu nichts. Er ist nicht praktisch und nicht nüchtern. Ich will dir sagen, was er ist: er ist zu ideal.“
Jetzt war er ganz bei der Sache. Die Worte flossen ihm leichter von den Lippen als sonst.
„Guck, er hat immer bei allem so einen Gedanken, wie es eigentlich sein müßte. Da kommt er mit dem, was ist, nicht ins Glatte. So war’s beim Pfarrer werden. Er sei nicht fromm genug dazu, er wäre nicht wahrhaftig, wenn er’s würde, hat er gesagt. Und so ist’s jetzt. Das weißt du selber. Ist er etwas? Wird er etwas? Immer so eine Eigenbrötlerei, anstatt drauf loszugehen. Sich ein bißchen gut dran machen bei den Lehrern, ein Examen machen, dann sich irgendwo niederlassen, hier in Wiblingen, wenn’s sein muß. Er könnte Stunden genug kriegen und könnte Organist werden. Aber nein, da muß komponiert sein. Und was? Ach, ich ärger’ mich ja zu sehr, komm, wir wollen tanzen, Lore.“
Sie saß längst wieder gerade neben ihm, sah in ihren Schoß, während er redete, und über ihre Mienen spielten unruhige Lichter. Als er sie zum Tanzen aufforderte, stand sie auf, ohne ein Wort zu sagen und ging hoch und aufrecht neben ihm her.
Sie dachte jetzt nicht gut an den Fernen. Franz hatte recht. Er brachte es zu nichts. Jahr um Jahr verging — sie sah jetzt nicht mehr das stille, tiefinnerliche Glück, das sie zuweilen in seiner Gegenwart überschattet hatte, — sie sah auch nicht mehr das Leuchten seines Sterns, seiner Zukunft, — sie sah nur den Sonderling, der, nicht mehr im schönen, stolzen Sinn, anders war, als alle andern. Ein Zorn überkam sie, eine jähe Blutwelle stieg ihr bis unters Haar, bis in die Fingerspitzen. Franz sah es. „Du könntest es besser kriegen. Ihr passet ja nicht für einander.“ Er sagte es kaum hörbar. Als nichts darauf erfolgte, fuhr er fort: „Ihr drücket einander, — du ihn und er dich. Lore, du solltest — du solltest einen Knopf an die Geschichte machen — einen Schluß, mein’ ich. Er ist froh — schließlich — nicht gleich, — aber bald. Und du auch. Und dann — dann nimmst du mich. Dann bleibt alles in der Familie.“ Er lachte ein wenig, so, als sollte es ein Spaß sein und war doch Ernst.
„Sei still.“ Sie brachte es kaum heraus. „Sei doch still. Ich frag’ ihn; er soll mir’s sagen. Ich will keine alte Jungfer werden. Ich nicht. Das kann er nicht verlangen.“
Der Geiger und das Harfenmädchen kamen Hand in Hand auf ihren Platz bei der Musik zu. Sie waren scheints wieder einig.
Als Lore sie sah, verdunkelten sich ihre Augen, so mächtig schoß ihr das Blut in die Stirn. Wer wagte es, sie mit einer herumziehenden Musikantenbraut zusammenzustellen?
Dort in Wiblingen stand das solide, gedeiliche Ehrenspergerhaus. Dort konnte sie Herrin sein, wenn sie wollte. „Komm, Franz.“ So hatte sie noch nie getanzt. Alles war Leben, Wallung, zornige und hingebende Leidenschaft an ihr. Der Müller Hensler stand unter der Tür und pfiff leise zwischen den Zähnen, als er sie sah. Sie hatten ja recht, es war gewiß das Gescheiteste, wenn sie zusammenkamen, die Zwei da. Indessen, er konnte sich nicht helfen, der „Pfarrer“, der Musikant, der Georg tat ihm doch leid. Allein, die Lore blieb ja in der Familie, und alles konnte einer auch nicht haben: das schönste Mädchen und alle Freiheit, zu leben wie er wollte. Es fiel ihm eine Geschichte aus Georgs Kindheit ein. Da hatte man ihn gefragt: „Willst du lieber Kirschen oder Butterbrot?“ und er hatte nach kurzem Besinnen gesagt: „Lieber Kirschen und Butterbrot.“
So ging es aber nicht das ganze Leben hindurch, da konnte ihm niemand helfen. Er tat ihm aber dennoch leid.
**
*
Als an diesem Abend die Wiblinger nach Hause gingen, ziemlich spät und ziemlich lebhaft angeregt, da saß der, der einst „Kirschen und Butterbrot“ gewollt hatte, an einem Kinderbettchen und drückte die trockenen, überwachten Augen und die heiße Stirn in die kühle Decke, die darauf lag. Drüben in seiner Stube beschien die Lampe viele verstreute Notenblätter, ein offenes Klavier, ein unberührtes Nachtessen. Die Lampe flackerte unruhig, denn beide Fenster standen offen, und hie und da hob der Wind ein Blatt und trug es ein Stück weit, bis es auf den Boden fiel. Wollte er Georg Ehrenspergers „schönstes Lied“ in die weite Welt hinaus tragen, damit es bekannt würde? Er, der Wind, war ja auch darin, und die Frühlingsnacht mit ihren wundervollen Sternen. Es war ja aber noch nicht fertig. Da mußte wohl der Wind noch warten. Darum ließ er die Blätter, eins ums andere, nahe beim Fenster zu Boden fallen. Georg war nur zur Erfrischung auf eine Weile zu dem blinden Theodor hinübergegangen. Der war seit einigen Tagen krank. Nicht schwer, nur ein bißchen fiebrig und matt. Er lag in der Wohnstube und war allein. Der Schneidervater war vorhin ins Bett gegangen, er war rechtschaffen müde. „Nehmen Sie nur die Lampe mit,“ hatte Georg gesagt. „Wir brauchen kein Licht, gelt, Theodor?“
„Nein.“ Ein schmales, heißes Händlein schob sich in seine große Hand.
„So, jetzt sind wir allein. Willst du noch nicht schlafen, Theodor? Sag’s, wenn du müde bist.“
„Nein, ich schlafe noch nicht. In deiner Hand klopft es so stark. Da, in den Fingern, und überall. Was tut da so?“ „Das tut überall so, in meiner Stirn und in meinem Herzen und überall. Das ist mein Blut. Das ist so unruhig, weil mich etwas stark umtreibt.“
„Was treibt dich denn so stark um? Was ist das — umtreiben?“
„Ach, sieh, es ist mir auf einmal angst geworden: es ist so viel, viel Musik in der Welt. Allein in dieser Stadt, lieber Bub, so viel. Du glaubst es nicht. Und jetzt will ich doch auch kommen und sagen: hört auf mich. Und wenn jemand horcht, wem wird es dann Freude machen?“
Sie waren so gute Freunde geworden. Immer bessere mit der Zeit. Sie verstanden einander ausgezeichnet. Was dem einen an Jahren abging, das hatte er an wartender, sehnlicher Armut voraus, die hungrig auf- und annahm, was in das verdunkelte, abgeschlossene Kinderleben dringen wollte.
„Ach, das gefällt allen. Es ist ja so schön.“ Er war aber doch ein bißchen bedenklich. So viele Musik war? Wo denn nur? War die Welt so reich? Und würden die andern einmal eine Weile still sein, daß man Georg Ehrensperger hören konnte? „Also sieh, auf morgen, da ist mir’s angst. Da will ich zu einigen Leuten gehen, die etwas verstehen, meine Mappe unter dem Arm, und will ihnen etwas vorspielen. Weißt, die Stellen, die dir so gut gefallen. Ich will sie fragen, ob sie mir zur Aufführung helfen wollen. Oder, Theodor, — ob mir’s einer abnimmt, ganz und gar, und druckts — viele hundertmal, du. Ach, das darf ich ja fast nicht denken. Aber schön wär’s. Und dann — Konzert in den Mathildensälen — oder sonstwo, und das ganze Orchester setzt ein — ob sie mir’s auch fein genug spielen, — und ich, ich sitze ganz hinten und horche, und du bist auch dabei. Und wer noch? in einem weißen Kleid und hat eine einzige, rote Rose vorn stecken? und sieht mich an: du, so schön hätt’ ich mir’s nicht gedacht? Wer? Und sagt: du, ich bin stolz. Alle die vielen Menschen hören auf dich?“
„Das Fräulein Lore,“ sagte Theodor vergnügt. Es war nicht das erste Mal, daß sie davon sprachen.
„Und dann nachher kommt sie zu mir und sagt: Theodor, wenn wir aber einmal in einem schönen Haus mit einem großen Garten dran wohnen, dann hol’ ich dich, dann mußt du zu uns auf Besuch kommen. Das sagt sie, weil sie die Kinder gern hat und weil ich dein Freund bin.“
Man sieht, daß die zwei miteinander die allerbeste Meinung von dem Fräulein Lore hatten. Sie konnten gar keine bessere Meinung von irgend jemand haben.
„So, jetzt muß ich wieder hinüber und du mußt schlafen. Schlaf dich gesund. Wirst du schlafen können?“
„Ich weiß nicht. In meinem Kopf drin ist alles ganz wach. Spiel’ mir noch etwas. Spiel’ das, wie die Kinder auf der Wiese tanzen. Das tu’ ich auch, wenn ich in den Himmel komme und gesunde Füße habe, und Augen, und kein Rückenweh. Spiel’ mir das, dann schlaf’ ich ein.“
Da ging Georg Ehrensperger in seine Stube hinüber und sah, daß die Lampe am Erlöschen war und was der Wind für Arbeit mit seinen Notenblättern gemacht hatte. Und löschte das Licht und nahm seine Geige und spielte beim Sternenschein dem blinden Kind das Schlaflied: wie gesunde, frohe Kinder auf einer Wiese tanzen und springen und einander Blumenkränze aufs Haar drücken und ein heiteres Lied singen. Auf der einen Seite, Wand an Wand mit ihm, hob die dicke, brave Gemüsehändlerin, Emeritz’s Mutter, das runde Haupt, das in einer gestrickten Schlafhaube steckte und sagte mit gutmütigem Brummen: „Na, geht er heut gar nimmer ins Bett? muß er vollends zu Haut und Knochen werden?“ und beschloß, ihm morgen einen extrazarten Rettich zu spendieren, wann er kommen würde, um die Miete zu bezahlen. Und schalt Emeritz, die neben ihr im Schlafe lachte: „Ja, jetzt lachst du. Steh’ auf und tanz’, im Nachthemd meinetwegen. Das möchtest du, Nichtsnutz! Und gestern hast du ihm die staubigen Stiefel unters Bett gestellt. Das kommt mir noch einmal vor. So einem Herrn, den die Engel Gottes hüten müssen, daß er in der schlechten Welt nicht unter einen Wagen kommt, so unbewußt ist er.“ Und küßte das Kind, das immer noch lachte, auf den Mund. Das tat sie bei Tag niemals. Da hörte sie aber auch Georg Ehrenspergers Geigenspiel nicht. Und auf der anderen Seite zogen durch die Seele des elenden Bübleins die lieblichen, heiteren Klänge wie lichte, festliche Boten aus einem Land, in dem es keinerlei Mangel, noch Dunkelheit, noch Schwäche gibt und zogen sich in einen purpurnen Traum hinein, der das Kind in seine Arme nahm.
Denk daran, Georg Ehrensperger, wenn du morgen saure Tritte tun wirst und Achselzucken und befremdete Mienen sehen und ablehnende Worte hören.
Denk daran, daß du einem armen Kind wohl getan und ein anderes lachen gemacht und einer Mutter das Herz zum Wallen gebracht hast. Denk daran, wie viel festliche Stunden du deinen Freunden, den armen Leuten, schon bereitet hast und wie dir selber im Ringen mit dem schaffenden Geist der Ernst und die Schönheit und die Tiefe des Lebens aufgegangen ist. Und laß deine Hände sinken, wenn sie unruhig nach dem Kranz, den der Ruhm flicht, greifen wollen. Aber die Augen laß nicht sinken, Georg Ehrensperger.