Heimat

Es war am Morgen und noch grau um und um, als Jungfer Christiane Kies am Klang ihrer eigenen Stimme zu sich kam, die Augen rieb und verdutzt um sich sah, daß sie nicht draußen auf dem See, daß sie vielmehr in ihrem Bett und Stübchen sich befand, und daß ihre Antwort nicht an ihr Gegenüber im Fährboot, nicht einmal in den frischen Morgenwind, den sie soeben noch gespürt hatte, sondern nur an die grüne Wand ihrer Schlafkammer geredet war.

Sie sah den Haussegen über sich an der Wand hängen, wie von Alters her, hörte draußen in der Dachrinne eine Amsel den ersten Schlag tun und den Botenfuhrmann vor dem Nachbarhaus seine Gäule anschirren und sagte: »Es hat mir geträumt, so deutlich, man könnte es mit Pelzhandschuhen greifen.«

Darauf tat sie noch einmal die Augen zu und ließ den Traum an sich vorübergehen, damit er ihr nicht insgeheim entschwinde auf einer Morgenwolke, solange sie etwa unversehens noch einen Nachschlaf tue.

Das war ihr, da sie es stark mit dem Träumen hatte, schon hie und da geschehen. Sie hatte aber alle Ursache, das Bild zu bewahren, das aus den Schatten heraus zu ihr getreten war.

Denn sie hatte ja wahrhaftig den lieben Gott bei sich im Fährboot gehabt und ihn ein Stück weit gerudert.

Zwar, wie er eingestiegen war, das wußte sie nicht mehr, da die Träume meistens keinen Anfang haben.

Kurzum, sie sah sich im Nachen auf der Höhe des Sees, da, wo schon die Berge vom andern Ufer herüberleuchten, und sah ohne große Verwunderung einen schönen alten Herrn sich gegenüber sitzen auf der Bank, der ihr mit freundlichen Augen zusah, wie sie rüstig die Ruder regte.

Er kam ihr bekannt vor.

Zwar wußte sie nicht recht, sah er mehr dem alten Kaiser Wilhelm gleich, den sie freilich nur im Bilde kannte, oder mehr dem Medizinalrat, der ihre Mutter einst behandelt hatte. Vielleicht war von beiden etwas an ihm.

»Alleweil fleißig?« fragte er.

»Passiert,« sagte sie. »Es ist bis jetzt noch ruhig am See. Luftkurgäste sind schier noch keine da. Kann sein, sie kommen heuer überhaupt nicht. Es wird ihnen nicht so arg ums Verreisen sein.«

»So so,« sagte der alte Herr, »und was schaffst du alsdann den ganzen Tag?«

Da spürte sie wieder den Druck, den sie schon aus dem Wachen mit in den Schlaf herein genommen hatte.

»Ach,« sagte sie, »da sitz’ ich an der Badanstalt und stricke Socken. Immer Socken fürs Militär. Kann sein, es kommt jemand zum Baden, kann sein, es will jemand nach Lindau hinüber gerudert sein. Man muß halt da sein. Die Männer sind im Krieg. Verzeih’ mir’s Gott, ich denk’ oft, die haben’s gut, daß sie was Rechtes zu schaffen haben in so einer schweren Zeit. Ich denk’ oft, ich sei grad für gar nichts da.«

»So hat gestern auch ein Landstürmer zu mir gesagt, der seit sechs Wochen Bahnwache hat,« sagte der alte Herr sehr ernst. »Es muß ein jedes an seinem Platz stehen, sonst kann ich euch nicht siegen lassen. Aber ich weiß wohl, du denkst halt, du möchtest etwas verrichten, was grad bloß du tun kannst, die Christiane Kies, wie sie ist mit ihrem ganzen Gemüt.«

Da sagte sie:

»Der Herr siehet das Herz an; grad so ist’s bei mir, Majestät, oder wie muß ich sagen?«

Der Fährgast lächelte groß und gut.

»Sag’ nur du zu mir. Alle Welt sagt du zu mir.«

Da merkte sie auf einmal, daß sie den lieben Gott bei sich im Nachen hatte, und ein solches Staunen und eine solche Ehrfurcht ergriff sie, daß sie die Ruder fallen ließ mitten im heftigsten Fahren und anfing zu beten. Aber kaum hatte sie angefangen, so erwachte sie und hörte sich noch sagen: »Ach du Herr und Gott, in die ewige Sockenstrickerei kann ich mein Herz nicht hineinlegen.«

Als Jungfer Christiane ihren Traum so weit überdacht hatte, was bald geschehen war, da er kurz und ohne Verwicklung geraten war, spann sie den Faden, dessen Anfang dort hinein ging, aus ihrem Herzen heraus weiter.

Wenn sie nicht des Glaubens gewesen wäre, daß der Herr so wie so das Herz ansehe, es hätte sie reuen können, daß die Fahrt gar so kurz und das Gespräch abgebrochen war, ehe sie recht nach der Schnur alles hatte sagen können, was auf ihr lag. Denn sie machte viel mit sich durch die Zeit daher, es hätte ihr gut getan, es einmal herauszureden.

»Er wird jetzt sein Teil über mich denken, daß ich so herausgeschwätzt habe,« dachte sie bei sich selbst.

»Wenn eins auch vorbereitet wäre, man könnte sich die Sache besser überlegen.

Ich hätte sagen können, daß es mir schwer fällt, daß ich kein Eigenes im Krieg habe. Daß niemand ist, um den ich Sorgen und Angst haben und auf den ich stolz sein kann.

Oder auch hätte ich sagen können, was ich die Zeit daher immer denke, wenn ich am See draußen sitze: ich sehe einen großen Strom vor mir, der ist aus lauter Herzblut zusammengesetzt. Die einen werfen sich selber hinein, ihr Leben oder ihren gesunden Leib, und viel, viel Mühe und Last, die sie tragen in Hitze und Frost, in Hunger und Durst und Wachen und Feuer und Getöse. Und die anderen geben ihre Liebsten her, ihre Männer und Brüder und Söhne, die wissen sie immer in Gefahr und Not bei Tag und Nacht. Wenn die Sonne scheint und wenn es regnet und stürmt, dann horchen sie hinaus ins Feld, wie es auch draußen sei; und wenn es läutet auf den Türmen, weil ein Sieg gemeldet ist, so greifen sie zuerst nach ihren Herzen, da fährt ein Schwert hindurch: ob die Unsern dabei gewesen sind? und ob sie noch leben?

Und wenn einer das Eiserne Kreuz hat oder hat sich sonst tapfer gehalten, so gehen die Seinen aufrecht einher und sind froh und stolz.

Und wenn eine Todesnachricht kommt, daß einer gefallen sei, so weinen sie auch stolz, und frömmer und aufrechter ist noch nie ein Leid getragen worden.

Das alles, ihre Liebe und ihre Angst und Freude und ihre traurigen Schmerzen werfen sie alles auch in den Strom und jedes ist eine Welle darin von lauter Herzblut.

Und auf dem Strom kommt dann schließlich und endlich das große Schiff gefahren, das den Sieg und den Frieden bringt.

Aber ich stehe nebendraußen und habe nichts hineinzuwerfen. Das kränkt mich im Herzen, je länger es dauert, desto mehr.

Dann, wenn mich der liebe Gott gefragt hätte: ja hast du denn gar nichts, was du hineinwerfen kannst, daß es zu Herzblut wird? Dann hätt’ ich sagen müssen: also ich will dir grad alles herlegen vor Augen, dann kannst du’s selber sagen.

Ich schicke öfters einmal Feldpostpäckchen an Bekannte. Viele von ihnen habe ich schon als Kinder gekannt. Die Kinder kommen gern zu mir an die Schifflände, weil ich ihnen Geschichten erzähle. Wir sind gut Freund miteinander.

Auch stricke ich immer Soldatensocken. Was ganz arme Leut sind, von denen nehme ich nichts dafür. Die Birnen von meinem Baum habe ich ferndig gedörrt und ans Rote Kreuz geschickt, heuer trägt er nicht viel. In die Kriegsbetstunde geh’ ich auch alle Mittwoch, da singe und bete ich andächtig mit. Zweihundert Mark Kriegsanleihe habe ich auch genommen. Aber das ist doch alles nichts. Ich möchte gern etwas tun ganz aus meinem Herzen heraus und wenn es auch nur ein einziges rotes Tröpflein gäbe.«

Dann hätte der liebe Gott vielleicht gesagt. »Ja, muß es denn aber grad ein Soldat sein, dem du das tun willst aus deinem Herzen heraus?«

Und dann hätt’ ich in Gott’snamen mein Herz in zwei Hände genommen und hätt’ gesagt: »Ja, Herr und Gott, weil du doch einmal fragst, es muß grad ein Soldat sein. So ist mir’s, ich mach’ mich nicht anders.«

Als Jungfer Christiane so weit gekommen war, klopfte es sachte an ihrer Herzenstür an, und als sie aufmachte, stand ein Büblein davor, das sie mit Freuden hereinließ. Sie kannte es schon von Mutterleibe an, es war eines Lehrers Sohn und ihr nächstes Nachbarskind gewesen. Seine Mutter war gestorben, als er sich von ihr hinweg die Tür in diese Welt herein suchte. Eine Ahne hatte ihn aufgezogen, die war alt und müd von Arbeit und Kummer gewesen und hatte nicht viel Kinderfreude mehr fassen und austeilen können. Aber das Büblein war sonnenhungrig gewesen und war aus seines Vaters Haustür gegangen, um einzufangen, so viel sein Herzlein brauchte. Da war er auf Jungfer Christiane gestoßen, die hatte damals noch eine Freude am Zeithaben und ein warmes, geruhiges Herz, kein brennendes. Grad so eins, wie ein Kind es braucht. Und es war eine Freundschaft entstanden: es gibt irgendwo ein schönes Bilderbuch, da guckt eine dicke, runde, strahlende Frau Sonne über einen Gartenzaun, und in dem Garten steht eine Sonnenblume und lacht ihr grad ins Gesicht und sieht ihr so sonnenähnlich, grad als ob sie ihr Junges wäre. So war die Freundschaft. Jungfer Christiane hatte immer einen Schwanz von Kindern an sich hängen, aber das waren so Kinder, die kamen und gingen, eine Geschichte und eine Birne holten, und im übrigen mit einem kurzen Bändel am Herzen ihrer Mütter angebunden waren. Die Mütter durften nur einen kleinen Zuck an dem Bändel tun, so sprangen sie ihnen zu, von allem weg und auch von der Jungfer Christiane weg, da war gar nichts zu wollen, und das mußte auch so sein. Aber so war es mit dem Lehrersbüblein nicht. Sein Vater meldete sich vom See weg, denn er war ihm zu traurig geworden, und das Büblein ließ er vorderhand da; eigentlich ließ er es der Jungfer Christiane. Das war nicht die Meinung, aber es machte sich so, da kam es auf die Meinung nicht an.

Sie pflanzten miteinander Frühjahrs- und Sommer- und Herbstblumen auf das Muttergrab und auf noch ein paar andere Gräber, die der Jungfer Christiane am Herzen lagen. Die hießen sie ihre Gärtlein. Da war ein Muttergärtlein, das blühte den ganzen Sommer lang von Herzensgrund wie ein lebendiges Mutterherz; und ein Herkules-Davidsgärtlein, das gehörte einem alten Pfarrer. Von dem wußte Jungfer Christiane viel zu erzählen, denn er war blind geworden und hatte als blind immer noch gepredigt und sein Hund hatte ihn herumgeführt. In diesem Gärtlein blühte Immergrün, das war ganz wie ein Teppich darüber hingezogen, und ein paar weiße Lilienstengel wuchsen dazwischen heraus. Und da war noch ein Urschelesgärtlein, das gehörte einem ganz kleinen, schneeweißen Engelein, das war bloß ein einziges Jahr auf der Welt geblieben und dann wieder fortgeflogen. Es bekam in jedem Frühling ein Teppichlein von Vergißmeinnicht und Tausendschönchen, und in der Mitte saß ein Busch mit fliegenden Herzen, die man Kinderherzen nennt. Und das mußte alles so sein, wie es war, und alles hatte seinen guten Grund, warum es so sein mußte. Den wußten sie miteinander. Das heißt, Jungfer Christiane wußte ihn und sie erzählte alles, was drum und dran war, ihrem Büblein. Wenn sie an schönen Sommerabenden ihre Gärtlein begossen hatten, so saßen sie wohl noch eine Weile ins Dunkelwerden hinein auf der Kirchhofsmauer. Die war hoch und fest und hatte breite Öffnungen wie Fenster gegen den See hinaus. Darin saßen sie und hörten, wie das Wasser leise gegen das Ufer hergezogen kam und wie die Wellchen mit dem losen Kies spielten. Und sahen, wie die Sonne tief und tiefer sank und das Wasser vergoldete. Eine lange, schimmernde Bahn zog sie darüber hin, darauf hätte man in den purpurgoldenen Himmel hineinschreiten können, wenn man ganz, ganz leichte Füße gehabt hätte. Ein Schifflein schwamm vielleicht weit draußen und fuhr über die goldene Bahn hinüber. Ein Dampfschiff kam gefahren und viele Menschen waren drauf, die fuhren alle irgendwohin, heim etwa, aber wo war ihr Heim? Da gab es viel zu berichten. Das Büblein hörte gläubig zu und zweifelte nie und war ihm alles Wahrheit und lebendiges Leben. Und jenseitige Ufer glänzten herüber. Wenn es dunkel wurde auf der Welt, brannten tausend Lichter in die Nacht hinein. Dann fing irgendwo eine Glocke an zu läuten über den See hin und rief eine andere an, die gab ihr Antwort. Eine um die andere kam und auch die in dem Kirchlein, das in dem schönen Totengarten stand, sang ein frommes Lied in den Abend hinein. Da sangen die beiden Freunde auch eins, eh’ sie heimgingen. Sie hatten aber ein Lieblingslied, das sangen sie Sommer wie Winter am öftesten, obgleich es ein Sommerlied war und ganz in die helle Sonne gehörte und auch aus ihr heraus entstanden war. Das war das Lied: Geh aus, mein Herz, und suche Freud’. Das liebten sie sehr. Sie sangen aber nur die Verse, die zum Sommer gehörten und ihn vor Augen malten, denn für die andern war das Büblein noch zu klein. Jungfer Christiane hatte eine tiefe und etwas rauhe Stimme, schier wie eine Männerstimme. Damit wurde sie viel geneckt, daß sie einen veritablen Baß habe. Aber ihrem Büblein kam ihr Singen schön vor und ihr Erzählen auch.

Ja, aber wo war es jetzt? und warum mußte es bei Nacht und aus weiter Ferne her an ihr Herz treten und anklopfen?

Darüber ist nur zu sagen, daß Jungfer Christiane das mit dem Anklopfen geträumt haben muß, denn es saß bei Tag und Nacht, Sommers und Winters darin, doch aber in einer verschlossenen Kammer, denn es brauchte keinen freien Aus- und Eingang, da es nur eine schöne und liebe Erinnerung war seit langem.

Es lebte irgendwo auf der Welt, in Sachsen, wenn man es hier am See recht wußte, und war ein junger Mann, wahrscheinlich schon ein beinah’ ausstudierter, und war wohl auch im Krieg. Da wußte man dann freilich auch nicht, ob es noch lebte, das Büblein nämlich von ehedem.

Eines Tages, es war schon ein fleißiger Schüler gewesen, wurde im Kirchhof ein neues Gärtlein angelegt, das gehörte der Ahne. Aber Jungfer Christiane mußte es allein pflegen. Denn ehe noch die frischen Kränze auf dem Hügel welk waren, fuhr ihr Büblein mit seinem Vater auf dem Dampfschiff davon, denn es mußte jetzt eine rechte Erziehung bekommen von Männerhand, es war höchste Zeit dazu. Es kam dann in verschiedenen Männerhänden herum, denn der Vater starb auch bald. Man wußte etwas von einem reichen Vetter in Sachsen, der es geholt hatte. Dann waren noch ein paar Spuren da: Ansichtskarten von Ferienreisen, die waren auch schon alt. Das letzte war ein Gruß, den hatte ein Reisender gebracht, der war mit dem jungen Studenten irgendwo, in Leipzig glaub’ ich, auf eine merkwürdige Weise zusammengetroffen vor ein paar Jahren. Dem hatte er gesagt: ich muß wieder einmal an den See. Sobald ich frei bin, komme ich. Aber er war nie gekommen.

Als Jungfer Christiane am andern Morgen erwachte, beschloß sie, keiner Menschenseele, auch ihren Hausleuten nicht, ein Wort von ihrem Nachterleben mitzuteilen. Denn sie hätte jetzt nicht mehr schwören können, was Traum und was Wachen gewesen war, es war ihr untereinander gekommen wie Samen aus aufgegangenem Säcklein. Bloß den ersten Anfang hatte sie beizeiten auf die Seite getan und der war ihrer Meinung nach nichts zum Erzählen.

Sie hatte einen guten Grund zur Vorsicht in diesen Dingen, denn sie stand im Verdacht, daß sie hie und da aus eigenem dazutut, wenn sie eine Sache wiedererzähle. Es werde unversehens eine Geschichte daraus. Er sei ihr angeboren, ihre Großmutter habe es auch so gehabt, die habe es aus dem Ärmel schütteln können. Es war schon lange ein Wort für sie geprägt, das sie durch die Welt schleppen mußte. Das riefen ihr die Alten und manchmal sogar die Kinder entgegen, wenn sie sich verstieg, etwa ein verblaßtes Träumlein ein bißchen aufzufärben oder dergleichen. »G’schichtleslügere,« riefen sie dann lachend und freuten sich sehr, daß sie alles viel deutlicher und fadengerader wußten.

Das war, behüte Gott, nicht bös gemeint. Im Gegenteil, es lag ein bißchen gutmütige Neckerei darin und ein bißchen Staunen: wie bringt sie jetzt das auch alles zusammen? und eine Aufforderung: »Sag’s nur, sag’ dein Sach’, man braucht’s ja nicht zu glauben.«

Aber das war dennoch alles der Jungfer nicht recht. Denn sie träumte und erlebte, fühlte und dachte so manche Dinge, die ihr ganz unzweifelhaft und gewißlich wahr erschienen, und die sie nicht verspottet wissen wollte, auch nicht im Guten, gar und überhaupt nicht. »Wenn nur ich weiß, was ich weiß,« dachte sie manchmal stolz für sich, wenn ihr ein Absonderliches niemand von Grund aus glauben wollte. Aber als sie sich das Stillschweigen vornahm an diesem Morgen, spürte sie schon halb und halb, daß doch nichts daraus werde.

Es brauchte nur jemand zu fragen: »Gut geschlafen, Jungfer Nane?« oder so, dann sah man es ihr schon auf hundert Schritte an, daß etwas mit ihr umging. Denn sie hatte ein Gesicht wie ein Spiegel, sie konnte nichts verstecken.

Zweitens aber beschloß sie, und das konnte eher etwas werden, nicht zu rasten, bis sie die Adresse von ihrem Büblein habe, und wenn sie sie habe, und es sei richtig im Feld, ihm ein Paar selbstgestrickte Socken zu schicken. Denn es möge ein Mensch reich sein oder nicht, so brauchte er Socken, und es sei dann noch die Frage, ob man auf allen gleich gut laufe, auf gekauften wie auf selbergestrickten mit allen Segenswünschen drin. Überhaupt sei jetzt eine andere Zeit als vordem. Man trete wieder näher zusammen, wie die Berge bei einem Gewitter und – Zeit hin, Zeit her – ihr Büblein und sie seien noch lang nicht die Entferntesten.

□□□

Es steht ein Haus auf einer weltfernen, waldigen Höhe. Still ist es da, still. Wenn der Pfiff einer Lokomotive durch die klare Sommerluft heraufgetragen wird, oder der ferne, fast verklingende Hall einer Glocke oder das Schlagen einer Uhr von irgend einem Turm, so sagen die Bewohner des Hauses zu einander: ’s gibt ander Wetter, es ist so hörsam. Sie haben es gelernt, Luft, Wind und Wetter zu beobachten. Lange genug sind sie unter freiem Himmel gewesen und haben ihre Sinne geschärft vor dem Feind, die vielleicht vordem verkümmert waren in der Fabrik, in Stuben, Werkstätten und Schulen. Wer unter ihnen hat vor dem Krieg mit scharfem Aug’ die kleinste Bewegung auf einer kleinen Bodenwelle wahrgenommen? oder einen sich verändernden Punkt auf einer fernen Felskuppe? wessen Ohr hat das leiseste Knacken im Gebüsch gemeldet oder ein kleines Summen in der Luft? vielleicht das der Jäger, Wanderer oder Pfadfinder unter ihnen.

Aber derer sind nicht allzuviele.

Die hierher gebracht wurden, das sind die mit mürben Lungen und versagenden Herzen, mit zitternden, zersägten, verbrauchten Nerven, die, denen keine Kugel oder Granate ins Gebein fuhr und die dennoch wund sind, totwund mancher unter ihnen. Die Sinne sind wohl scharf geworden, bis zur Schmerzhaftigkeit, aber die Kräfte sind verbraucht. Doch ist es ihnen schier zu still hier oben. Nur nach und nach geschweiget sich die innere Unruhe, die noch aufs Horchen, Lauern, Beobachten gespannt ist. Manch einer fährt aus dem Schlaf, wenn ein Uhu schreit oder wenn das Käuzlein mit flatterndem Flügelschlag gegen die Scheiben fährt, vom früh brennenden Nachtlicht angezogen.

»Hier« schreit er und sucht tastend nach der Waffe.

Zwei Gewalten sind es, die die Unruhe stillen und das Leben auf der Höhe, in der großen, einsamen Weite, lieb machen: das wiederkehrende Leben, dessen erstes Stadium, eine wohlig tiefe Müdigkeit, der leise keimenden Kraft vorangeht und so sanft streichelt und den fernen Höllenlärm vertosen läßt – und der nahende Tod, der ungesehen von dem einen, den er erlösen will, dennoch schattende Flügel über ihn breitet, daß ihm Fernes und Nahes versinkt auf eine stille Weile, eh’ der letzte, schwere Kampf anhebt.

Einer von ihnen, der letzteren einer, lag eines Tages am Rand der sonnigen Waldwiese unter den rotleuchtenden Föhren. Sie hatten ihn hier herausgetragen, weil er gemeint hatte, er könne hier draußen leichter atmen als in der engen Stube.

»Es geht mir besser,« sagte er und ließ sich einen Sonnenstrahl, der auf seiner Decke spielte, durch die Hände scheinen.

»Da doch das Fieber vorbei ist und das Bluten aufgehört hat. Nun geht es wieder aufwärts, nicht?«

Die Schwester nickte ihm gut zu, mütterlich. Sie hatte die letzten schweren Tage mit ihm durchlebt, er hatte ein Zutrauen zu ihr.

Sie hätte ihm sagen können: »Nein, es geht nicht aufwärts. Es ist die Stille vor dem Sturm,« oder so etwas.

Aber das tat sie nicht. Wo sollte sie den Mut hernehmen, ihm die leichte, linde Sonnenstunde zu verkürzen?

Ein paar Leute gingen auf dem schmalen Fußweg in der Nähe vorbei, Touristen.

Man hörte sie reden und sah ihre Kleider, ihre leicht ausschreitenden Füße.

»Sind das Verwundete da drüben?« fragte einer. »Die Soldaten dort?«

»Nein, es sind nur Kranke,« sagte der andere.

Dann waren sie vorüber.

Die Schwester sah ihren Kranken an. Der lächelte, ein wenig bitter zwar, aber er lächelte doch.

»So etwas hätte mich früher rasend gemacht,« sagte er. »Nur Kranke! Ach was, was wissen denn die? Am besten, man ist ganz still. Man kann’s ihnen doch nicht in die Ohren schreien, was man durchgemacht hat. Ein Fuß weg oder ein Arm – es braucht nicht einmal so viel zu sein – allen Respekt – aber krank, das kann doch jeder werden, das ist noch lang nichts. Na« – er machte eine wegwischende Handbewegung.

»Sind dumme Leut,« sagte die Schwester. »Sie verstehen’s nicht besser.

Dumm und gleichgültig. Wer’s nicht in sich hat, den macht auch der Krieg nicht anders. Lassen wir’s.

Aber was ich schon fragen wollte, Roland, haben Sie eigentlich keine Verwandten, die Sie einmal besuchen könnten? Der Doktor erlaubt’s, daß jemand kommt. Sie wissen, er ist Ihnen gut gesinnt. Er meint, es würde Ihnen Freude machen.«

Der Kranke schüttelte leise den Kopf.

»Ich habe einen männlichen Verwandten, der kann nicht kommen. Es ist ein Fabrikant weit weg in Sachsen. Er steckt bis über die Ohren im Geschäft. Wissen Sie, Kriegslieferungen. Nein, ich wüßte niemand.«

Er hatte ein junges Gesicht; seit der Bart entfernt war, sah man erst, wie jung. Aber es war schmal und hart und hatte gar nichts Frohes.

»Dummheit, woher soll es denn froh sein?« dachte die Schwester. »Er ist totkrank und ganz aufgebraucht.« Aber sie vermißte es dennoch. Sie hätte ihm gern irgendwo einen Arm voll Freude gelangt. Sie meinte, es müßte leicht zu durchsonnen sein, wenn da etwas wäre, so recht zum Freuen.

»Sind Sie denn in Sachsen daheim?« fragte sie.

»Ihre Sprache ist nicht so, daß man’s denkt. Ich weiß nicht recht, wo ich Sie hintun soll.«

»Ich weiß es auch nicht,« sagte er.

»Nein, ich bin nicht in Sachsen daheim, und wo bin ich’s denn eigentlich?

Wenn ich das Wort Heimat denke, dann denke ich an den Bodensee.

Dort hat mich meine Mutter auf den Boden gelegt und hat sich davon gemacht.

Nein, nein, sie konnte nichts dafür,« – er sah den schreckhaft staunenden Blick der Schwester, – »sie starb an meiner Geburt. Ich habe schon gedacht, es wäre besser gewesen andersherum. Ich statt ihrer. Aber das läßt sich scheint’s nicht ändern, so etwas. Das ist, wie es ist.«

Er sagte das alles mit vielen Pausen, er hatte nicht sehr viel Atem zu verbrauchen.

»Ich kann mich auch nicht beklagen,« fuhr er einmal fort.

»Es waren da Hände, die mich aufhoben. Eine alte Ahne, die mich immer sehr warm anzog. Ich entsinne mich einer dicken wollenen Mütze, die tief über die Ohren ging. Die schien ihr ein Schutzmittel gegen alle Gefahren zu sein.

Einmal raffte ich mich zu einem Bubentrotz auf und warf sie in den See, so sehr haßte ich sie. Aber sie ward wieder aufgefischt und getrocknet. Man kann seinem Schicksal nicht entgehen.«

Die Schwester mußte ins Haus zurück. Da war noch viel Arbeit.

»Nein, warten Sie,« sagte der Kranke.

»Das muß ich noch sagen. Da war noch eine Nachbarin, das war die Badefrau, sie versorgte die Seebadeanstalt.

Die hatte, scheint mir, etwas wie Mutterliebe für mich. Ich war fast immer bei ihr. Ich hatte schreckliches Heimweh nach ihr, als ich vom See fortkam.

Damals war ich sieben Jahre alt.«

»Nun müssen Sie still sein,« sagte die Schwester.

»Sonst wird’s zuviel. Und ich muß auch ins Haus. Sie wissen wohl, da sind noch andere, die auf mich warten. Ich komme bald wieder.«

Er sah ihr nach, wie sie über die Waldwiese ging. Es war so etwas Beruhigendes in ihrem Anblick, sogar von hinten noch, so etwas ganz und gar Zuverlässiges, Festes, Tüchtiges. Es war, als könne sie sogar den Tod abhalten.

Der war ihm nahe gewesen, das wußte er. Es war behaglich, jetzt so dazuliegen in linder Schwäche; bald, dachte er, würde auch diese sich heben. Dann kam das Leben wohl wieder dran.

Als die Schwester im Haus verschwunden war, ging sie stehenden Fußes zum Doktor.

»Er hat niemanden, den er kommen lassen kann,« sagte sie. »Er steht so ziemlich allein.«

»Ja, dann müssen wir ihm eben allein das Letzte tun,« sagte der Doktor.

»Er weiß es nicht?«

»Nein.« Sie machte eine zugreifende Bewegung mit beiden Händen, die der Doktor an ihr kannte. Sie hatte die Schwerkranken.

Die Bewegung machte sie immer, wenn sie im Geist eine Sache ganz und gar auf sich nahm.

Ihr Kranker spann derweil seine Gedankenfäden weiter.

Der Himmel war hoch und dunkelblau, ein paar Krähen flogen über die Föhren hin, Falter wirbelten herum, Insektenvolk summte um blühendes Heidekraut, ein paar Ameisen marschierten hintereinander drein an dem Baum hinauf, unter dem der Liegestuhl stand.

»Sie wußte über alles eine Geschichte,« dachte er.

»Wenn ich sie gefragt hätte: was schaffen die Ameisen da droben? sie hätte es gewußt.

Wohin fliegt die dicke Hummel?

Warum schreien die Raben so?

Nie hätte ich umsonst gefragt.

Wer weiß, sie wüßte mir jetzt auch Antwort auf so manches. Also sie lebt noch. Sie hat mir ja Socken ins Feld geschickt, dicke, feste Socken. Daß ich sie nicht mehr brauchen konnte, dafür kann sie nichts. Sie kamen mir hierher nach.«

Da durchfuhr ihn ein Gedanke.

Wer weiß, sie käme mir auch nach, sie selber.

So ist sie, so war sie wenigstens, wenn ich mir’s noch recht denken kann.

Wenn man ihr einen Gefallen tun will, muß man sie um etwas bitten.

Vielleicht bild’ ich mir’s auch ein.

Das macht jetzt, daß der Doktor mich fragen ließ, ob ich mir Besuch wünsche.

Ja, ja, wünschen könnt’ ich mir’s wohl, Herr Doktor.

Es fällt aber keine Mutter vom nächsten Baum, auch keine aus dem blauen Himmel.

Sie aber, die Spielmutter, sie käme vielleicht. Ich weiß noch, daß ich zu ihr sagte: du sollst meine Mutter sein. Ich bin’s aber nicht, sagte sie.

Also, dann spielen wir, du sollst sie sein, sagte ich. Grüß Gott, Mutter.

»Denn ich hätte doch gern eine gehabt. Welches Kind hätte nicht gern eine?«

Der Gedanke kam und ging.

Nein.

Ja.

Nein. Es ist so lang her. Nie mehr hast du ihr geschrieben. Nie bist du an den lieben See gefahren.

Wie konnte ich? ich war doch nicht mein eigener Herr.

Und ich vergaß es auch bei Tag, daß ich nächtlicher Weile oft dort war.

Und ich erlebte so viel anderes. Menschen und Dinge waren da, Schulen und Bücher und die junge Männlichkeit, und andere schöne Gegenden.

»Ja, aber keine Mütter und keine Heimaten.«

Als die Schwester kam mit dem Wärter, um ihn zu holen, sagte er, fast verlegen:

»Ich möchte nun doch um einen Besuch bitten.

Es ist die frühere Nachbarin, von der ich Ihnen sagte. Ich habe mir’s überlegt.

Ich hatte sie fast vergessen, aber nun möchte ich sie doch da haben.«

»Die alte Badefrau?«

Die Schwester sah ihn kopfschüttelnd an. Sie hatten manchmal so sonderbare Wünsche, die Leute in den letzten Stadien.

Er war ein gebildeter junger Mann und offenbar aus guter Familie. Wenn er irgend jemanden aus seinen Kreisen verlangt hätte, eine noch so entfernte Verwandte, »eine mütterliche Freundin,« das hätte man verstehen können. Aber dies hier war doch offenbar nur ein plötzlicher Einfall, eine Laune.

Und die Schwester, die ihm vorhin noch gern einen Arm voll Freude irgendwo her gelangt hätte, sagte nun lächelnd:

»Das ist nicht Ihr Ernst, nicht wahr?

Das ist wohl schon lang her, daß Sie dort als Kind waren.

Und auch: was soll sie hier?«

Sie war nicht zufrieden; sie war nicht damit einig.

Aber der Kranke sagte mit plötzlicher Heftigkeit:

»Doch, es ist mir Ernst. Ich will sie da haben. Was sie hier soll?

Das werden Sie ja sehen. Warum fragen Sie mich, ob ich Wünsche habe, wenn Sie nicht darauf eingehen wollen?«

Er hustete und bekam rote Flecken hin und wieder im Gesicht, so erregt war er.

Da hoben sie den Stuhl auf und trugen ihn ins Haus.

»Wir werden sie schon herkriegen, nun seien Sie nur zufrieden,« sagte die Schwester.

»Wo werd’ ich denn nicht darauf eingehen?«

Im Stillen dachte sie: »Er erlebt’s ja nicht. Vielleicht will er sie morgen schon nicht mehr. Und zudem: hundertmal für eins kommt sie gar nicht. Das sind Launen.«

Aber vor Nacht noch mußte ein Kamerad den Brief schreiben. Er war ein schreibgewandter Mensch, er schrieb Briefe für das halbe Lazarett.

»Schreib’ aber, gleich soll sie kommen. Laß sehen, ob du es geschrieben hast.«

Aber er bekam es nicht zu sehen. Der Bote gehe gleich ab und es eile, und es sei hier im Zimmer zu dunkel zum Lesen.

Auf Ehre, es stehe in dem Brief: wenn sie zu kommen gedenke, solle sie sogleich kommen. Der Doktor habe diesen Zusatz auch angeordnet.

□□□

Nach zwei Tagen war sie da.

Sie war immer noch die Sonne aus dem Bilderbuch. Sie hatte sich gar nicht verändert.

»Ich hätte dich überall erkannt. Unter tausend Menschen, auf einer Weltausstellung, wo es sei, gleich, ohne Frage,« sagte er.

Sie lächelte ihm etwas mühsam zu.

Sie hätte ihn nicht mehr erkannt.

Das war ihr Büblein, das?

Er lag im Bett oder vielmehr er saß, von allen Seiten gestützt.

Seine Augen glänzten. Der Atem pfiff.

»Das laß’ ich mir gefallen, daß du mir hast schreiben lassen,« sagte sie.

Sie sagten ohne weiteres du zu einander wie ehedem.

»Gestern Abend kam der Brief. Den ganzen Tag ist’s mir gewesen: es kommt etwas, es liegt etwas in der Luft. Ein Floh ist mir auf der Hand gesessen.

Weißt du das nicht, daß man sagt: »Floh auf der Hand, ein Brief im Land?« Darauf kann man gehen. Dann hat mir die Katze den Butterteller hinuntergestoßen. Es hat schon lang ein Stück vom Rand gefehlt, es ist nicht schad drum. Er ist in tausend Scherben gegangen. Das bedeutet ein Glück. Und so noch mehr Sachen. Ich kenn’ mich da aus. Das linke Aug’ hat mich gejuckt. Das soll Tränen bringen. Dann ist der Brief gekommen, da hab’ ich’s gewußt.«

Er lachte leise.

»Das war doch nichts zum Weinen?«

»Nein, nein,« sagte sie, »nicht grad. Aber weißt, ich bin so, mir läuft gleich das Wasser herunter. So hat’s meine Mutter auch gehabt. Weil du doch krank bist, das ist mir nicht recht.

Dann wär ich am liebsten in der Nacht noch fortgegangen.

Ich habe gemeint, es müsse noch ein Zug gehen oder ein Schiff.

Du bist doch immer der gleich’ Hurra, haben die Leut’ gesagt.

Jetzt habet ihr einander vierzehn Jahr’ nicht gesehen, es wird’s morgen auch noch tun. Aber mir ist es gewesen, als seiest du erst vorgestern von mir fort.«

Da breitete sich nach und nach ein glücklicher Schein auf seinem Gesicht aus. Er deutete auf den Stuhl an seinem Bett:

»Da setz’ dich hin und rühr’ dich nicht vom Fleck. Du brauchst mir nichts zu tun, die Schwester tut schon alles; sie ist gut und kann alles. Du brauchst nur da zu sein. Das ist so schön. Es ist, als ob du den ganzen See mitgebracht hättest.«

Er atmete schwer und mühsam. Grau und verfallen sah er aus.

»Er wird nicht sprechen dürfen, gelt Schwester?« fragte Jungfer Christiane.

»O doch, er darf schon, so viel es ihn freut. Er spürt schon, was ihm gut tut.« Da wußte Jungfer Christiane genug, und daß es zu Ende ging.

So hatte der Doktor auch gesagt, als ihre totkranke Mutter noch räsen Most verlangt hatte. »Schaden kann da nichts mehr.«

Das brannte sie tief im Herzen. »Es ist ein Glück zum Heulen,« dachte sie.

»Da haben die Zeichen recht geredet. Nun find’ ich ihn wieder, und so.«

Sie ließ sich aber nichts anmerken.

»Weißt du noch?« sagte sie, »wie du als Kind einmal krank gewesen bist und hast nicht reden sollen, und ich bin die Nacht bei dir gesessen, denn man hat dir wachen müssen. Da hab’ ich dir Geschichten erzählt, eine um die andere, um dich damit einzuschläfern. Und du bist auch ruhig gewesen, solang ich erzählt habe, wenn ich aber gedacht habe: jetzt ist’s gewonnen, dann hast du angefangen: mm – mm – und hast mir einen Puff gegeben; das hat geheißen: weiter. Und so hab’ ich die Nacht mit dir herumgebracht und am Morgen ist’s besser gewesen. Der Doktor hat aber gesagt (er ist keiner von den Feinsten gewesen) – ein paar tüchtige Patscher seien auch ein gutes Schlafmittel und hätten nichts geschadet.

So? hab’ ich gesagt, und wer hat denn gesagt, das Kind dürfe keinen Muckser tun und müsse mäusleinsruhig sein? Das ist von altersher so, daß Kinder schreien, wenn man sie haut. Er ist ein Junggesell gewesen; das ist nichts für einen Doktor.«

Ein Lachen ums andere flog über das blasse Gesicht.

»Das wird heut wieder so,« sagte der Kranke.

»Ich will wieder einmal rücksichtslos sein dürfen und quälgeistig und alles. Immer sich beherrschen, das hält ja kein Mensch aus. Dazu hast du herkommen müssen. Ich habe das Schlafen ganz verlernt. Wenn sie mir Schlafmittel geben, träume ich schreckliche Dinge. Ich will wach liegen und du sollst mir erzählen. Bist du müde, Spielmutter?«

»I wo werd’ ich denn müde sein,« sagte Jungfer Christiane. »Ich bin doch den ganzen Tag in der Eisenbahn gesessen, da hab’ ich mich auf lang hinein ausgeruht.«

Die drei Stunden den Berg herauf zählte sie nicht.

Die Schwester rückte einen Lehnstuhl her.

»Die Nachtwache kommt von Zeit zu Zeit herein,« sagte sie. »Wenn Sie etwas brauchen, so läuten Sie nur. Wollen Sie denn aber wirklich dableiben?«

Ja, ja, natürlich wollte sie.

Da tat die Schwester einen langen Blick über ihren Kranken hin, weil sie nicht wußte, ob sie ihn am Morgen wieder finde.

Sie sah aber, daß hier nun dennoch der Arm voll Freude für ihn war, den sie ihm gewünscht hatte. Und sie machte ihre Hände wieder auf und ließ die liebe Sorge der Frau, die bei ihm war.

Da waren ja auch noch andere, die ihrer bedurften.

Es kam sie aber nicht ganz leicht an. Denn eine Schwester hat auch ein menschliches Herz, sozusagen.

□□□

Jungfer Christiane saß in dem Lehnstuhl, hatte Filzschuhe an und ein Tüchlein um den Kopf gebunden. Denn die Nachtluft wehte kühl herein und das Fenster mußte weit offen sein, sonst konnte der Kranke nicht atmen.

Das Herz wollte nicht mehr recht, die Lunge auch nicht. Wenn der kühle Strom über ihn hinging, so täuschte der ihm unermeßliche Luftreichtümer vor.

»Also schlafen, das lernst du wieder,« sagte Jungfer Christiane.

Das log sie nicht, sie dachte aber ja freilich an den Schlaf, den ihre Pfleglinge daheim in ihren Gärtlein schliefen.

Er war in einer erregten Wachheit und schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht, ob ich’s lerne,« sagte er. »Probier’s einmal und erzähl’ mir Kindersachen. Keine Märchen, sondern von daheim, von damals, wie ich bei dir und am See daheim war. Nichts von jetzt und nichts vom Krieg, ganz friedliche Sachen. So Sachen zum Zudecken, zum Nicht-denkenmüssen.«

Sie gab ihm ihre gute, hartgeschaffte Hand und er behielt sie.

»Sei nur still, mach’ deine Augen zu. Weißt du noch, wie ich dich einmal mit nach Winggisreute nahm zu meiner Base Döderlein? Da warest du so selig den ganzen Tag und als die Nacht kam, geschah noch das Allerschönste: zwischen den zwei großen Betten, in denen wir Alten schliefen und die hart aneinander standen, war ein Gräbelein und in dem Gräbelein lag ein Tragkissen, ein blaues Kopfpölsterlein und ein Deckbettlein mit lauter rosa Pfingstnägelein darauf. »Für wen ist das?« hast du gefragt. Und ich: »Das ist ein Hasennest, glaubst du’s? oder eins von den sieben Geislein schläft darin? oder wer?« »Oder ich?« hast du ganz glückselig gesagt, denn so etwas Schönes, wie ein Bett in einem Gräbelein zwischen zwei Müttern, das hat es sonst nirgends gegeben, so viel dir bekannt gewesen ist. Und gar die Pfingstnägeleinsdecke: man hat dran riechen können und hat dann niesen müssen, so stark hat sie nach Nägelein geduftet. Und als wir wieder heimgekommen sind und du hast in dein Gitterbett liegen sollen, da hat sich deine Ahne gar nicht zu helfen gewußt, denn du bist neben dem Bett auf dem Boden gesessen und hast an einem fort gejammert: »ich will wieder ins Gräbele liegen.« Es ist aber weit und breit keins dagewesen. Ich bin aber grad am Haus vorbeigegangen, da hat sie mich angerufen: »du hast mir etwas Schönes angerichtet, der Bub’ will partout nicht mehr in sein Bett.«

»Ach warum nicht gar,« hab ich gesagt. »Wo ist er denn? so, Richardle, jetzt machst du einmal deine Augen zu, ganz fest, dann trag ich dich ins Gräbele.« Und hab dich auf den Arm genommen und die Stiege hinauf und wieder hinunter getragen und durch die Stube und Küche hindurch und wieder in die Schlafkammer und ganz sachte in dein Bett gelegt. »Laß die Augen zu, ganz fest,« hab ich gesagt, »und dann riechst du die Nägelein. Ich muß selber schon niesen davon. Hazi.« Und richtig, du hast sie auch gerochen und die Augen fest zugedrückt dabei in der Angst, es sei am End sonst nichts. Dann bist du eingeschlafen, denn die Heulerei ist auch nur Übermüdung gewesen. Am Morgen aber war alles recht: das Gitterbett und das Daheimsein, alles.

Mach’ die Augen zu.

Weil ich grad vom Niesen sage: einmal hast du mich ins Herz hinein gedauert. Ich hab’ deine Ahne in die Kirch’ gehen sehen. Sie ist bald gegangen, schon beim Anderläuten, das hat sie immer so gehabt. Dich hat sie im Höflein gelassen, da hat dir nichts passieren können, denn die Tür ist zugewesen und du hast dort drinnen mit Holzscheitlein gespielt, daraus hast du Häuser und Türme gebaut. Wie ich vorbeigegangen bin, hab’ ich in das Höflein hineingeguckt. Da hat dich grad ein Niesen angewandelt und weil kein Anrufen erfolgt ist, hast du um und um geguckt, ob niemand da ist, und dann hast du ganz gottergeben selber gesagt: helf’ dir Gott, Richardle. Denn so hat sonst immer deine Ahne gesagt. Und hast wieder weiter gespielt.

Mich aber hat’s verbarmt, ich kann’s nicht sagen, wie.

Denn ein Kind, das zu sich selber helf dir Gott sagen muß, wenn es niest, das ist mir als das allerverlassenste vorgekommen. Von da an hab’ ich dich noch viel mehr bei mir gehabt.«

Er schlug die Augen auf. Es lag ein Schein von Kinderglück darin, ein leises, fernes Streiflein Sonne.

»Das ist wie gestreichelt.«

»Schlaf, Kind, mach die Augen zu.

Einmal hat mich’s angewandelt, daß ich dich mit in die Kirch’ genommen habe. Mußt aber ganz ruhig sein, hab’ ich gesagt und hab’ dir ein Helglein aus meinem Gesangbuch zum Ansehen in die Hand gegeben. Das ist auch so weit gut gewesen, so lang man gesungen hat und so lang der Pfarrer am Altar gewesen ist. Aber dann ist er verschwunden und auf einmal hoch an der Wand wieder aufgetaucht auf der Kanzel. Hinter ihm eine Säule und die Kanzel wie angepappt an die Säule, denn man hat die Treppe von uns aus nicht gesehen. Da hast du zuerst eine Weile ganz starr hingesehen und dann hat neben mir eine Unruh’ angefangen, es ist mir angst und bang geworden. Hin und her bist du gerutscht und auf einmal – ich hab’ dir nicht mehr den Mund verheben können – hast du mit deinem hellen Stimmlein hinausgerufen: wie kann denn der wieder runter?

Der Pfarrer ist schier aus dem Text gekommen, er hat sich müssen schneuzen und räuspern, und die ganze Kirch’ hat sich umgedreht und den Hals gestreckt. Es ist mir gewesen, ich solle in den Boden sinken. Aber ich hab’ mich schnell gefaßt. Jetzt in Schanden mit dir abziehen zur Kirche hinaus? hab’ ich gedacht. Grad’ nicht. Und hab’ schnell und leis zu dir gesagt: wenn du ganz ruhig bist und kein Schnäuferle mehr tust, dann zeig’ ich dir’s nachher, wenn er fertig ist mit Predigen. Ich weiß wie, sei ganz leis. Und es ist alles vollends gut vorbeigegangen. Aber in die Kirche hab’ ich dich nicht mehr mitgenommen. Dagegen an den See. Das wirst du alles noch wissen, oder nicht?«

Er nickte nur ein klein wenig, ganz sachte, wie um etwas Schönes nicht zu verscheuchen.

»Du holst mir das alles wie aus einem tiefen Brunnen herauf, da war es zugedeckt und hat geschlafen.

Weck’ es auf. Es wird mir ganz leicht davon, es ist mir viel besser, mein Herz schlägt ganz ruhig, so ruhig hat es lang nicht geschlagen.«

Da hob sie Bild um Bild aus dem treuen Schrein ihres Herzensgedächtnisses.

»Weißt du noch das kleine Brigittlein, es ist ein ganz feines, blondes gewesen und hat eine schöne, schöne Mutter gehabt, die ist mit ihm an den See gekommen zum baden. Und sie hat das Brigittlein auf ihren Rücken genommen, wenn sie hinausgeschwommen ist. Da bist du in deinem dicken Anzug vor mir gestanden und hast begehrt: schwimm auch mit mir hinaus.

Aber ich hab’ mir’s nicht getraut, denn was hätten die Leut’ dazu gesagt? Was aber eine rechte Mutter ist, die nimmt auch zwei Kinder auf den Buckel. Die schöne Frau hat nicht viel Werks gemacht, wie sie dein großes Verlangen gesehen hat. Die Kleider herunter und dich hinter das Brigittlein gesetzt, rittlings auf ihren Rücken. Und hinaus in den blauen See. Das Brigittlein hat sich an ihrem Hals gehalten und du dich an dem Kind. Das ist eine Seligkeit gewesen und ein Bild zum malen. Aber auch ein Gezeter von den Nachbarsleuten, daß ich das erlaube. Sie sei eine berühmte Zirkusreiterin, hab’ ich nachher gehört. Aber eine gute Mutter und eine liebe und schöne Frau ist sie gewesen, mag sein was will.

Mach’ die Augen zu.

Weißt du noch den Schifferhannes? er hat ein ganz krummes Maul gehabt.

Hannes, warum hast du so ein krummes Maul? hast du ihn gefragt.

Da hat mich einmal der Blitz gestreift, hat er gesagt.

Das glaub’ ich nicht.

Dann läßt du’s bleiben.

Hannes, was hast du in deinem Sack? – (Denn er hat immer alle Taschen voll gehabt, mit Schnüren und Angeln und weiß kein Mensch was.)

Was ich in meinem Sack hab’?

Ein Nixle in einem Büchsle und ein silberigs Warteinweile und ein goldigs Haltdeinmäule.

Und im andere?

Im andern? einen Hummeler an einem Faden.

Er hat dich gern mögen. Wie du so krank gewesen bist, hat er dir etwas gebästelt: einen Holzspälter und einen Säger mit beweglichen Gliedern. Wenn man sie auf den Ofen gestellt hat, daß sie warm geworden sind, so haben sie gesägt und gespalten.

Weißt du noch, wie er dich einmal nach Lindau genommen hat im Nachen? Lindau ist eine wüste Stadt, da geh’ ich nimmer hin, hast du am Abend gesagt beim Heimkommen.

So, warum denn? wie sieht sie denn aus?

Ha, zuerst steigt man aus an einem Stäffele, wenn man da hinaufsteigt, dann kommt gleich eine Gasse mit einem Haus, da hängt ein Fisch an einem Stecken heraus. In dem Haus ist eine Stube, da sitzen lauter Männer und trinken Wein und Most und essen Käs.

Und auf der Gasse regnet es den ganzen Tag. Ich geh’ nicht mehr hin. Weißt du’s noch?

Ich hab’ dich dann einmal mitgenommen an einem schönen Frühlingstag, als alles voller Blüten gewesen ist, in den Gärten und überall. Und hab’ dir den Löwen gezeigt am Hafen und am Leuchtturm und die vielen Schiffe, und die Möven. Soldaten sind gekommen, und Musik hat gespielt und viel geputzte Leut’ sind herumgelaufen und alles ist voller Sonne und Leben gewesen.

Da hast du gesagt: der Hannes ist mit mir an einen letzen (falschen) Ort hingefahren, oder du. Oder gibt es zwei Lindau, ein Sonntags- und ein Werktagslindau.

Weißt du’s noch?«

»Daß du das alles noch weißt und alles für mich aufgehoben hast,« staunte der Kranke.

»Mir ist oft etwas eingefallen, eine Geschichte, die du mir erzählt hast, oder ein Mensch oder ein Ding aus jener Zeit. Aber an der Geschichte hat der Schluß gefehlt und an den Menschen etwa grad das Gesicht oder der Name. Es war wie ein zerrissenes Bilderbuch. Deines aber ist noch ganz und wie neu.

Träumst du denn auch noch so merkwürdig wie einst? und kannst es nachher noch erzählen? das weiß ich noch besonders gut. Du hast es mir immer erzählt, und gern, denn ich habe dies abgenommen wie eine Blume oder einen Apfel. Sag?«

Da freute sich Jungfer Christiane aus ihrem Herzen heraus, daß er das noch wußte.

»Ja,« sagte sie, »das hab’ ich an mir behalten. Darüber mag eins sagen was es will, das ist halt so bei mir, daß ich absonderlich träume und auch, daß ich’s oft noch weiß.« Und sie schmunzelte, wie eins, das mit Mühe etwas zurückhält, das heraus will.

»Sag’s,« ermunterte er.

»Also zum Beispiel da neulich ist mir meine Großmutter im Traum begegnet, ganz frisch und vergnügt und hat ein Fest angerichtet in ihrem Haus. Und wie man so heiter beisammen ist, erfahr’ ich, daß sie sich mit einem jungen Soldaten verlobt hat. Der ist auch dagewesen, da bin ich schwer erschrocken und hab’ gesagt: ach ihr Zwei, tut doch das nicht, es gibt ein Unglück und ist eine Unnatur. Meine Großmutter aber hat mich ein bißchen spöttlich angelacht, und er auch, und er hat gesagt: »es ist ein Kreuz, wenn man nichts sieht. Sie ist doch in der Ewigkeit wieder jung geworden. Und jetzt freut sie’s halt wieder.««

Aber weil Jungfer Christiane jetzt schon am Erzählen war und weil um den Mund ihres Bübleins so ein Lachen spielte, lud sie noch ein wenig ab und berichtete noch einmal einen Traum, der war ihr erst vor ein paar Nächten widerfahren, und sagte:

»Vor kurzem ist es so gewesen: es ist ein ganzer Strom von Menschen miteinander ausgezogen, einem Berg zu, durch Wiesen und Felder hindurch. Ich mittendrin. Auf einmal hab’ ich gewußt, daß wir alle miteinander zu meiner Hinrichtung gehen, und daß ich soll geköpft werden. Das ist mir befremdlich gewesen, denn ich bin es grad jetzt erst inne geworden und habe keinen Schimmer gehabt, warum. Also ich hab’ den Schultheißen gefragt, der ist neben mir gegangen. »Ach,« hat er gesagt, »Jungfer Christiane, fraget mich nicht, denn ich darf’s euch nicht sagen, es ist ein Geheimnis. Aber seid nur ganz getrost, denn es wird eure Ehr’ und Ansehen durchaus nicht davon gestört. Es betrifft das Vaterland.« Da ist es mir auch recht gewesen und ich bin ganz getrost dahingewandelt. Es sind aber meine Leut aus der Freundschaft hastig an mir vorbeigestürmt und wie ich gesagt habe, sie sollen doch mit mir gehen, so haben sie vorausgedeutet, daß sie mich dort erwarten und sich einen guten Platz erobern wollten zum Zusehen.

Überdem kommen wir an ein scharfes Eck am Wege und wer steht dahinter? eine ganze Gesellschaft von Männern in roten Kitteln und Hosen, die haben sich tief geneigt. »Darf ich, Jungfer Christiane,« sagte der Schultheiß, »euch euer Henkerkollegium vorstellen?« Und will anfangen, die Namen herzuzählen. »Ach,« sag’ ich, »lasset es gut sein, Herr Schultheiß. Wenn mein Kopf jetzt dann herunterkommt, kann ich’s doch nicht behalten.« Da ließ er’s.

Darauf nach einer Weile flammt ein helles Feuer auf einem Hügel auf. »So soll ich dann verbrannt werden?« frag’ ich. »Ich habe doch gemeint, enthauptet.« »Das sollet ihr auch,« sagt der Schultheiß. »Aber weil ein kühler Morgen ist, so habe ich ein bißchen einbrennen lassen.« Und so kommen wir mit der Weile an eine Wand, davor ist ein schräges Brett gelegen und hat oben an einem Loch in der Wand geendigt. Auf das Brett habe ich mich unverzagt hingelegt und den Kopf wie auf ein Kissen in die Wand hinein und hab’ die Augen zugemacht. »Jetzt kommt’s,« hab’ ich gedacht. Da ist von innen etwas heruntergesaust und hat mir den Kopf abgeschlagen. Den Schlag hab’ ich noch gespürt im Nacken, wie ich aufgewacht war.«

Da kam dem Kranken ein Lachen von innen heraus, so mühsam und hart auch sein armer Leib rasselte und klopfte und die Luft aus- und einzog, wie durch ein rostiges, löcheriges Sieb. Es war doch noch schön auf der Welt, es freute ihn, es lächerte ihn.

Er sah die Jungfer Christiane an und seine Lippen formten ein Wort, das war ihm soeben aus einem tiefen Geheimfach heraus entgegengesprungen.

»G’schichtleslügere,« sagte er zärtlich und innig.

Wenn er gesund gewesen wäre und hätte einen Schatz gehabt und hätte zu ihm gesagt »Herzensschatzele« oder »Seelenmockele«, er hätte es nicht herzlicher und traulicher sagen können.

Und auch: es wäre ihm nicht freudiger abgenommen worden.

Das war das erstemal in Jungfer Christianens Leben, daß ihr das Wort süß einging und gar keinen Stachel hatte und keine Ehrenkränkung war, auch nicht die mindeste, obgleich es diesmal gar nicht paßte. Denn es hatte ihr wirklich und wahrhaftig so geträumt, jedes Wort hell und klar. Aber mochte sie doch so geträumt haben und mochte es doch wahr sein, das kam ja hier gar nicht in Betracht. Fortan war ihr das Wort innerstes Verstehen, Freude, Wundern und zärtliche Neckerei, alles in einem, und ein Ehrentitel, ja Stempel auf ihre eigene Wesenheit.

Darauf geschah es bald, daß sich trotz der langen Ruhe in der Eisenbahn ein Schlaf auf ihre Augenlider senkte und auch der Kranke, die mütterliche Hand in der seinen, ein Weilchen in sich hinein schlummerte, so daß die Nachtwache, als sie geräuschlos und mit abgeblendetem Licht die Türe aufmachte und hereinsah, dieselbe still wieder schloß, beiden den ruhigen Augenblick gönnend.

Er war ihnen auch zu gönnen und war nicht lang.

Jungfer Christiane kam jäh zu sich an einem Stöhnen, das in ihr Ohr drang und sah ein hilfloses Leiden neben sich.

Ein Gesicht voller Angst und Grauen, ein stürmisch schlagendes Herz und ein kämpfendes Atmen.

Das war erst so recht das Leiden und das heftig sich wehrende Leben. Was sie bislang gesehen hatte, war eine sanfte Pause gewesen, eine kleine freundliche Insel, an der das Schifflein ausruhend angelegt hatte, eh’ es der Strommündung entgegenfuhr, die es in ihre brausenden Wirbel zog.

Sie wollte läuten, die Nachtwache rufen.

»Nein, laß,« keuchte er. »Es läßt nach – es ist im Schlaf gekommen – es ist immer so. – Ich muß dich etwas fragen – sobald ich’s kann. Bleib’.«

Da setzte sie sich wieder nieder und sah hilflos zu, und spürte auch selber ihr angstvoll klopfendes Herz, das mitfühlte, als ob ihr ein leibliches Kind litte.

Nach einer Weile wurde es ruhiger. Die krampfhaften Züge lösten sich in einer großen Mattigkeit, alles war schlaff und lapp und große Schweißtropfen standen auf der blassen Stirn.

Die trocknete sie ihm sorglich ab.

Draußen standen in hoher, stummer Herrlichkeit die Sterne am Sommernachthimmel. In den Föhren rauschte es, es hätte können auch ein Wasserrauschen sein für einen, der es in sich hatte, nach einem Wasser hinzuverlangen.

»Ich meine, ich höre den See,« flüsterte geschlossenen Aug’s der Kranke.

»Ich habe ihn oft gehört im Schlaf. Es ist mir leid, daß ich ihn nicht wieder gesehen habe. Ich wollte immer einmal hinfahren.

Ich habe so vieles tun wollen in meinem Leben. Davon ist nichts geschehen. Ich habe noch gar nicht gelebt.«

Es kam alles so mühsam heraus, es war ihr, sie müsse ihn geschweigen, wie einst als Kind, weil ihm das Sprechen schwere Arbeit war.

Aber sie tat es nicht. Sie neigte nur ihr Gesicht nah zu ihm hin. Er mußte sie ja vollbringen, die Arbeit.

»Immer habe ich studiert. Das war alles Vorbereitung aufs Leben, noch kein Tun, nur ein Aufnehmen. Dann kam der Krieg. Da war ich lauter Begeisterung und wollte siegen helfen, in die Schlacht stürmen, alles. Davon geschah auch nichts. Ich war in keiner Schlacht. Wir haben immer nur Stellung gehalten. Die Granaten schlugen herein in unsere Gräben und nahmen Kameraden weg. Die Hölle tobte über uns hin. Stehendes Wasser war in den Gräben oft und lang, und Schmutz und Kälte. Alles blieb zurück, was das Leben schön gemacht hatte, langsam, langsam entglitt einem alles. Auszuhalten, o vieles, auch Schreckliches genug. Aber keine Tat. Ich wurde krank und verbarg es und schleppte mich hin. Und nun –« er stockte. Er hatte fragen wollen: sag’ mir, ob es wahr ist, daß ich sterbe? ich spüre es, aber täusche ich mich, wenn ich dennoch ans Gesundwerden glaube? oder täusche ich mich, wenn ich den Tod in mir spüre?

Aber er fragte nun doch nicht. Ein scharfes Lüftlein war über ihn hingefahren, vorhin, mitten im ärgsten Kampf und Krampf. Das hatte irgendwo hergeblasen, wo er noch nie gewesen war. Aus einer weiten Ferne, aus einer großen Tiefe oder Höhe. Das geschweigete ihm das Wort im Munde. Ein hoher, gestrenger und bitterer Ernst trat unausweichlich an ihn heran. Er durfte nicht fragen. Er mußte ihn zuerst anhören.

»Nun komme ich nicht mehr hin,« vollendete er seinen Satz.

»Nun kann ich von allem, was ich wollte, nichts mehr tun.«

Da übernahm es ihn, daß er um sein junges Leben weinen mußte.

Jungfer Christiane wußte ihm keinen Widerspruch. Allzutief verstand sie seine große Not. Auch war sie, mochte sie nun G’schichtleslügere heißen oder nicht, von großer Wahrhaftigkeit und hätte um keinen Preis ihr liebes Kind belügen können, es werde schon bald wieder gesund sein und dann an den schönen See gehen.

Sondern sie sagte zu ihm: »Komm, komm, sei ruhig, mach’ deine Augen zu. Jetzt bin ich doch zu dir gekommen. Alles will ich dir sagen, wie es am See aussieht und wie es da zugeht, dann ist dir’s, du sehest ihn und seiest dran. Stellung halten, das ist auch geschafft. Das müssen viel Leut. Die daheim müssen auch Stellung halten. Wär’ traurig, wenn das für nichts gälte.«

Und sie nahm schöne, zarte und kräftig leuchtende Farben aus ihrem Herzen heraus und malte ihm alles vor Augen.

Wie die Möven mit ihren weißen Schwingen über das blaue Wasser hinfliegen und in der Sonne glänzen und wie sie schreien in den frischen Morgen hinein.

Wie die Rebgelände so grün und lustig dastehen, und wie sie vor Kurzem in der Blütezeit so starken Duft ausgehaucht haben, daß man meinen mußte, ein Krankes, wenn es ihn einatme, müsse dran gesunden. Und wie die Stöcke jetzt voller Trauben hangen, klein und grün noch, aber im Herbst – weißt du’s noch? – durchsichtig, goldengrün und blauschwarz, süß und kräftig.

Wie die Kornfelder, landeinzu, in schweren Ähren stehen. Wie eine Mauer, noch nie sind sie so gestanden, jetzt sind sie gelb wie altes Gold und erntereif.

Wie die Lindenbäume in Blüten sind und duften, stark und gewürzig und wie vieltausend Bienen darin summen und konzertieren, dieweil sie den Honig in ihre Stöcke sammeln.

Und als sie sah, daß die bittere Trauer und die scharfe, angstvolle Spannung in dem jungen Gesicht sich milderte und ein liebes Aufhorchen Platz nahm, da gewann sie größeren Mut und bessere Worte und sagte ihm von den friedlichen Gassen, auf denen Nachts der Lichtschein aus den Heimaten liegt, und von dem Kirchlein, um das sich die Schlafenden unter ihren Gärtlein gesellen. Jetzt blühen da die Rosen, Lilien, Rittersporn und Akeley. Von der hohen Mauer mit den Fensterbögen, durch die man auf See und Himmel hinaussieht und von der goldenen Bahn der sinkenden Sonne.

Von sonnigen Wiesen, Brunnen und Kindergeschrei. Ganz tief hinunter langte sie in ihr Herz und Gemüt. Alle Sinne und Gedanken mußten ihm dienen und Farben, Bilder und Worte herzutragen.

Wenn sie sich selber nicht ganz und gar vergessen hätte, sie hätte wohl staunen müssen über sich selber und daß sie zu dieser Stunde mit allen Dichtern in der Welt hätte Hand in Hand gehen können, und war doch alles lautere Wahrheit, was sie sagte.

Sie hielt aber inne, als der Kranke auf einmal lächelte wie erlöst und wie ein Mensch, von dem eine große Qual abgefallen ist.

»Das habe ich alles beschützen helfen,« sagte er glücklich.

»Daß das alles im Frieden liegt –«, er atmete befreit auf.

»Das ist doch auch der Mühe wert.«

Da hatte Jungfer Christiane nun ihren großen Wunsch erfüllt und aus ihrem Herzen heraus etwas getan, was sonst niemand als sie tun konnte, und es war ein Soldat gewesen, dem sie es getan hatte, ganz wie es sein mußte. Und sie war in dieser Nacht in den Strom untergetaucht, dessen Wellen aus rotem Herzblut bestehen, da war sie auch darin zu einer Welle geworden und hatte auch ihr Büblein zu einer werden lassen.

Aber sie dachte nicht daran, daß es so sei und wußte es nicht. Doch aber sah sie aus der Ferne das Schiff daherfahren, das den Sieg und den Frieden bringt und sah das beides, Sieg und Frieden, noch einen Tag lang sich in den Augen und auf dem Gesicht des jungen Kämpfers ausbreiten, dem sie den schweren Stein aus dem Weg geschafft hatte. Dann, als der nächste Abend niedersank, drückte sie ihm die Augen zu.

□□□

Es ging ein stiller Zug durch Wald und Wiesen und grünes Gelände talabwärts zu einem Kirchhof, der lag an einer sonnigen Halde und war anzusehen wie ein freundlicher Garten.

Kameraden trugen den Sarg, der war mit ein paar Kränzen geschmückt. Was gehen konnte, ging mit. Mit den Schwestern ging Jungfer Christiane. Im Tal unten gesellten sich Leute dazu, viele Frauen und auch ein paar Männer und ein Lehrer mit Schulkindern, die sangen am Grabe ein andächtig schönes Lied.

Neben ein paar frischen Hügeln war ein Bett gemacht, da hinein senkten sie den Sarg. Es sei Heimatboden, sagte der Pfarrer und gedachte auch derer, die draußen starben in der Fremde und im Feindesland. Da hoben die Weiber an zu schluchzen, denn die Ehre, die sie dem Fremden antaten, war auch den ihrigen vermeint. Es waren ihrer schon viele gefallen, die hatten sie nicht zur Ruhe geleiten können. Nun ließen sie ihr Herz walten und weinten über die Gräber der Unbekannten hin und gelobten sich auch, sie zu pflegen. Das alles, und daß man über das Grab hinschoß, Beten und Singen und Glockenläuten, und die Blumen, die hinunterfielen, nahm Jungfer Christiane als einen reichen Zins ihrer Reise und ein Erbe in sich hinein, da sie die Einzige war, die ihm nahe stand, den man hier begrub mit Dank und Ehren.

Als sie aber vom Grab hinweggingen, hörte sie hinter sich eine Stimme sagen: »Das wird, denk’ ich, die Mutter sein?« und eine andere antworten: »Behüte, es sind keine Verwandten gekommen. Es ist, soviel ich weiß, eine alte Kindsmagd oder Nachbarin von früher her, sie geht ihn nicht näher an.«

Da hatte sie gleich ihr Teil und einen kleinen Stich ins Herz.

Der Lehrer kam aber zu ihr her und fragte, ob sie nicht wolle in die Kirche kommen, es sei da eine schöne Musik zu hören auf der Orgel und Gesang von einer Sängerin, lauter ernste, schöne Lieder, und es sei noch Zeit vor dem Zug. So etwas höre man nicht alle Tage.

Da ging sie hinter den Leuten drein und saß andächtig unter ihnen und die brausenden Orgeltöne strömten über sie hin.

»Das ist,« sagte sie zu sich selber, »vorhin gewesen, daß du nicht hochmütig wirst.«

Und zog sich den Splitter aus dem Gemüte.

»Das tät dir passen, wenn man dich als die Mutter ansehen möchte. Oder auch gar, wenn du sie wärest.«

Mit dem kam die Sängerin und sang mit einer Stimme wie eine Glocke ein Halleluja übers andere in die Kirche hinein.

Und dann wieder die Orgel, ganz zart und fein und manchmal wie aus weiter Ferne.

In diese linden Töne eingehüllt, zog Jungfer Christiane das Fazit ihrer Kriegstätigkeit.

»Also es ist eine Gnad’ von Gott, daß ich hab’ dürfen dem Büblein helfen seinen Abschied machen.

Soviel hätt’ ich mir gar nicht geschätzt.

Wir können nicht alle große Dinge tun.

Und jetzt geh’ ich heim an meinen Platz. Weil doch alle müssen helfen Stellung halten.«

Über dem allem vergaß sie die Leute um sich her und auch ein wenig die Musik, doch aber nicht so, daß ihr nicht etwas tröstlich und hoch den Sinn erhoben hätte. Sie wurde es nur nicht so recht gewahr.

Es war auch wie ein Strom, der trug sie durch eine Stunde hindurch lind auf seinen Wellen dahin.

Auf einmal aber brauste ein Jubelsturm von oben herunter und nach dem Sturm gingen die Türen auf, da strömte Licht und Sonne hinein und die Leute standen auf und verliefen sich.

Da stand auch Jungfer Christiane auf und ging durch die Leute hindurch an die Bahn.

Dann kam der Zug, der trug sie heimzu.

Im gleichen Verlag sind von Anna Schieber erschienen:

Alle guten Geister …
Roman. 43.–45. Aufl. Ungeb. Mk. 4.–, gebunden Mk. 5.–.

Velhagen & Klasing’s Monatshefte: »Mit heller Freude und daneben mit einem verwunderten Kopfschütteln muß ich heute von einem Buche erzählen, das anders ist als andere Bücher, das wie eine schöne Predigt ist und doch mehr als eine Predigt, das Menschen vor uns hinstellt, die wir zu Vätern, Brüdern, Schwestern, Freunden haben möchten, das alles Gute in uns anspannt, das uns fröhlich und getrost macht, und das nach diesem Leben, in dem die Geigen oft so unrein klingen, uns ein anderes ahnen läßt, wo sie rein tönen. Wie ein Märchen aus einer schönen, verlorenen Heimat ist das Buch, aber vielleicht wie jedes gute Märchen voll der höchsten Wahrheit, und hinter ihm steht eine so tröstliche Zuversicht, eine so tapfere Gewißheit, eine so klare Menschlichkeit, daß unser Herz längst Ja und Amen zu dem Buche sagt, wenn der kritische Verstand mit leisem Vorbehalt noch bei dem »Ja – aber« ist!«

»… All denen, die sich an Raabe erquicken, die aus dem Jörn Uhl einst »Mut des reinen Lebens« tranken, sei dieses Buch empfohlen, das gewiß einen Abstand von den genannten Meisterwerken hält, aber verwandter Art und einen Teil ihrer Kraft in sich hat.«

Dr. C. Busse.

Wanderschuhe und andere Erzählungen
11.–15. Tausend. Ungeb. Mk. 2.50, gebunden Mk. 3.50.

Basler Nachrichten: »Es sind feine stille Geschichten ohne viele und große Ereignisse; aber es ist eine so trauliche Zwiesprache mit den einfachsten Dingen, eine solche Verklärung des Krähwinklichen, Kleinstädtischen, so viel Andacht zum Unbedeutenden, so viel »Achthaben auf die Gassen«, daß man wohl stellenweise von einem süddeutschen Raabe sprechen darf. Was sie aber bietet, trägt nicht den Stempel talentierter Gefolgschaft, sondern läßt höchstens auf vorhandene Wesensverwandtschaft schließen«.

Ferner:

… und hätte der Liebe nicht
Weihnächtliche Geschichten. 41.–50. Tausend. In Lwd. geb. Mk. 1.–, in Leder geb. Mk. 2.50.

Dr. C. Busse in Velhagen und Klasing’s Monatshefte, Febr. 1913: »Es sind kleine Erzählungen, rührend, herzstärkend, gütig; sie predigen von der Liebe, die das Höchste ist, in der wir brennen und verbrennen sollen, die sich selbst gibt. Reinstes Christentum, vor dem wir alle uns beugen, weil es ja nichts anderes ist als reinstes Menschentum, strahlt hier durch erzählerische Verkleidung, und wer auch nach Weihnachten noch weihnachtlich gestimmt ist, soll das Büchlein mitnehmen.«

Amaryllis und andere Geschichten.
21.–30. Tausend. In Lwd. geb. Mk. 1.–, in Leder geb. Mk. 2.50.

Nationalzeitung (Basel): »Wieder genießen wir die schönen Vorzüge der Dichterin: lebendige und liebe Beobachtung, oft starke Stimmung, oft feinen Duft und einen eigentümlich anziehenden ganz romantischen Klang.«

Sum, sum, sum! Ein Liederbüchlein für die Mütter und ihre Kinder. Mit farbigen Bildern von Else Rehm-Vietor. 3. Tausend. Geb. Mk. 2.20.

Freie Bayerische Schulzeitung: »Bei unserer Ausschau nach neuen Bilderbüchern begegnen wir zunächst einem lieblichen Bändchen, das gar nicht groß tut. In feinbuntem modischem Format kann es sich als Bilderbuch wohl mit den besseren Sachen von Mauder und Caspari messen. Neben kräftig Landschaftlichem fällt die Milderung der Buntheit durch Verwendung origineller Halbtöne und die drollige Naivität angenehm auf. Und erst die Texte! Hier erleben wir etwas ganz selten gewordenes: Die Verse heben die Bilder noch. Ja, es sind wirklich wieder einmal echte Dichtungen darunter, die das Thema von Kind, Vögelein und Blümlein in einer neuen Tonart geben, und Mutter wie Kind zu wohlig warmer Herzenszwiesprache anzuregen vermögen.«


Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Korrekturen:

S. 59: hinliegen → hinlegen
dann lieber gleich [hinlegen] und sterben

S. 143: mißlaunt → mißgelaunt
war [mißgelaunt] aus irgend einem Grund