Sechstes Kapitel

Lord S. saß allein beim Frühstück, als Mariclée etwas atemlos hereintrat. Die zweite Glocke war längst ertönt.

„Wie spät ist es denn?“ fragte sie.

Er war ihr sichtlich überrascht entgegengekommen.

„Es ist noch früh,“ sagte er. „Aber ich gehe auf die Jagd. Und nun hat man Sie mit dem Gong so aufgeschreckt. Er galt nur mit.“

„Ach, das macht gar nichts,“ sagte Mariclée und setzte sich gegen das Licht, um ihre übernächtigen Augen zu schonen. Sie war sehr zufrieden, denn ihr Plan war alsbald gefaßt. Ihrer Freundin gegenüber gewisse Eindrücke zu besprechen, hatte sie sich niemals entschließen können. Sie hatte den sehr deutlichen Verdacht, daß man sie damit beunruhigen konnte. Mit einem Manne war es anders.

„Ja, danke,“ sagte sie, da er für sie sorgte. „Ich fange mit einem Pfirsich an.“ Sie hatte einen wahren Heißhunger nach ihrer schlaflosen Nacht. „Aber verdiene ich zu leben, da ich nie weiß, wie lange es her ist? Wann bin ich hier gewesen? vor zwei Jahren oder vor zehn? Alles bleibt mir so lebhaft, nur zerrinnt mir die Zeit, hier hängt ein Bild anders als damals“, und sie deutete auf die Wand.

„Hören Sie noch von Chandieu?“ fragte sie weiter. „Was treibt er, und was ist aus ihm geworden?“

„Denken Sie,“ sagte Lord S., „er ist tot, er starb vor ungefähr einem Monat in der Schweiz. Wir hörten es erst kürzlich.“

„Tot!“ rief Mariclée. „Mein Gott! so jung! was hat ihm gefehlt? er ist tot!“ wiederholte sie bestürzt. Und jetzt hielt sie nichts mehr zurück: „Ich hatte seltsame Gespräche mit ihm,“ gestand sie.

„Was hat er Ihnen gesagt?“

„Er klagte über seine Nächte und forschte immer nach den meinen. Sie wissen, ich wohnte ihm gegenüber, und er schüttelte den Kopf, wenn ich ihm sagte, daß ich sie eine nach der anderen in größter Seelenruhe durchschlief. Aber ich weiß nicht,“ fuhr sie scheinbar zögernd fort, „ob es mir gestattet ist, von solchen Dingen mit Ihnen zu sprechen?“

„Aber natürlich! Wie kommt es, daß Sie zweifeln?“

„Man warnte mich, daß Ihnen Erörterungen über diese Dinge nicht willkommen seien, und daß ich sie vermeiden sollte,“ rückte sie wieder unverblümt heraus.

„Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Ich habe es oft gehört. Auch Chandieu machte mich darauf aufmerksam.“

„Chandieu hat vor seinem Tode das merkwürdige Geständnis abgelegt,“ sagte jetzt Lord S., „er habe in Glenford ein Gespenst gesehen und angesprochen.“

„Das hat er mir nie gesagt!“ rief Mariclée. Aber sie wollte sich der Mitteilung würdig erzeigen, indem sie kein zu großes Wesen daraus machte. „Glauben Sie denn an solche Sachen?“ fragte sie.

„Ich muß gestehen,“ sagte er, „ich habe nie eine Wahrnehmung gemacht, welche die Gespensterchronik dieses Hauses bereichern könnte.“

„Ach,“ sagte Mariclée, „sobald man diesen Dingen mit Worten kommt, tritt so viel Unsinn ans Tageslicht, daß sie zerfließen. Ob es an ihrer Wesenlosigkeit oder an der Plumpheit des Wortes liegt, das ist mir noch nicht klar. Aber eines wissen wir alle: Glenford besäße ohne seine Schauer nie einen so unerhörten Reiz.“

Er nickte. „Ich glaube es selbst; und was Sie über mich sagen hörten,“ fuhr er dann fort, „trifft nicht für mich, es traf nur für meinen Vorgänger zu. Solange mein Onkel lebte, blieben hier gewisse Fragen auf das bestimmteste unterdrückt, und er duldete nicht, daß man sie vor ihm debattierte. So wurde allerdings seine Abneigung für den Ton dieses Hauses bestimmend.“

„Im großen Ganzen sicher die richtige Haltung. Aber was hat Chandieu gestanden?“ Sie brannte darauf, mehr zu hören.

„Nichts, als was ich Ihnen sagte, und dies erst am Tage, an dem er starb.“

„Was hätte wohl Ihr Onkel zu einem solchen Geständnis gesagt?“

„Er hätte keine Notiz davon genommen. Hierin war er wirklich sehr eigen. Selbst wo er sich gezwungen sah, etwas zu konstatieren, ließ er es ohne Kommentar. So wollte er anfangs den Flügel für sich nehmen, in welchem Sie, glaube ich, wohnen, weil ihm dort die Aussicht am besten gefiel. Seine besondere Vorliebe galt dem gelben Zimmer.“

„Das in gelbem Damast und Silber ausgeschlagene,“ unterbrach sie, „das in meines führt?“

„Mein Onkel wollte es zu seinem Schlafzimmer machen, und hätte es sicherlich behalten; er besaß jedoch einen Hund, von dem er sich nicht trennen wollte, und was ihn nötigte auszuziehen, war nur dieses Tier. Es hatte plötzlich voll Entsetzen auf eine Stelle des Zimmers hingestarrt, und wurde von einem solchen Beben aller Glieder befallen, daß es nur flehentlich winseln und sich sträuben konnte, aber nicht mehr imstande war zu gehen, noch sich auf den Füßen zu halten. Man trug es endlich hinaus und von dem Tag an wehrte es sich, mit allen Zeichen einer wütenden Angst, in dieses Zimmer zu treten, und weder durch Schläge noch durch Lockungen brachte mein Onkel das sonst so gefügige Tier über die Schwelle.“

Sie fragte nicht, nach welcher Richtung es geschaut hatte, sie konnte sich so gut denken, auf welche Stelle es seine hilflosen Augen gerichtet hielt, als es in seiner armen Hundeseele zusammenbrach. Die Schreckenstüre, die sie von jenem Zimmer schied . . .

„Wie grauenhaft!“ entfuhr es ihr und sie fügte dann schnell hinzu: „Wie lang ist es her?“

„O an die dreißig Jahre mindestens.“

„Eine sehr lebendige Geschichte für einen toten Hund,“ versuchte sie zu scherzen.

„Sie haben ja gar nichts gegessen!“ sagte Lord S.

„Was Sie mir erzählten, war wirklich zu spannend,“ und sie erhob sich rasch. Denn sie wollte ihn nicht länger von seiner Jagd zurückhalten. „Ich möchte gerne mit Ihrer Mutter frühstücken. Sie wird gleich erscheinen und ich will sie in der Halle erwarten.“ Damit ging sie zur Türe und sie trennten sich.

Mariclée vergrub sich in einen Lehnstuhl.

„Daß ich das alles gerade heute zu hören bekam, dachte sie, war wirklich nicht nötig.“ Sie nahm eine Zeitung, ließ sie ungelesen zu Boden fallen, und sah mit müden Augen umher. Wie war Chandieu in diese Halle verliebt gewesen, in diese tiefen Fenster, die Rüstungen, das Gebälk, und da oben die alte Minnesängergalerie, eines der Schaustücke des Landes.

Dies also war der junge Mann gewesen, den sie für einen ziemlich oberflächlichen Weltmann gehalten hatte. Wenn man auch die Sache selbst, die allzu dunkel war, ganz außer acht ließ und nur sein Geständnis — und dies war nicht anzuzweifeln — im Auge behielt, so hatte er auf jeden Fall einen Mut bewiesen, dessen sich Mariclée, mit ihrem Stich ins Heroische, noch immer unfähig wußte. Denn traulich scheinende, mit rosa Seide umwundene Lampen waren freilich nicht die Szenerie, gewisse Phänomene zu fördern, so erfahren war sie jetzt schon, daß sie dies wußte. Und sie stellte sich Chandieu vor, wie er in der Dunkelheit aushielt. — Aber plötzlich riß ihr der Faden. „Ich habe ja noch zwei Nächte,“ dachte sie, „für diese langweilige Sippe.“

Siebentes Kapitel

Es war Schlag halb 10 Uhr, als die alte Dame, von ihrer Tochter begleitet, die Halle betrat, in der Mariclée auf sie wartete. 85 Jahre trug diese Erde sie, doch schien sie nicht dem Leben, sondern der etwas bleibenderen Region eines Romans entnommen. In ihr war eine Vereinfachung, welche die Vielfältigkeit des Lebens nie so ungebrochen gestattet, und man wurde ganz träumerisch, ja man fühlte sich wie beschattet in ihrer Nähe. Denn sie hatte das friedvoll Umgrenzte, das in sich selbst Beruhende und dabei Spendende des Baumes. Sie hatte auch feine Weisheit, die von nichts zu wissen braucht, die nie banal und doch für jedermann vorhanden ist. Ihr Leben mußte ein merkwürdig geschütztes gewesen sein, aber daß es dabei so hinaufwuchs, war ihr Verdienst. Mariclée war als ein recht fremder Vogel diesem Baume zugeflogen, ein Grund mehr, um sein Gezweige schützend über ihn zu breiten, denn irgendwie war das ein einsamer, vielgewanderter und recht zerflatterter Vogel. Nahm sie ihren Tee nicht zu stark? war sie nicht müde? das sollte sie lieber essen wie das. Sie hatte da ein hübsches Kleid, und es stand ihr! Und bei allem, was die alte Dame äußerte, nickte sie mit ihrem großen ehrwürdigen Kopf, der ihr nicht mehr recht solide auf den Schultern saß. Mariclée kannte sie erst seit zwei Tagen. Wenn sie nicht bei einem ihrer Kinder zu Gaste war, lebte sie in ihrem schönen Londoner Hause mit dieser unverheirateten Tochter, die eine so närrische Liebe zu ihr hatte, daß sie sie nie auch nur auf einen Tag verließ, so daß man sich unwillkürlich fragte, was einmal aus ihr werden würde. Das ältliche Fräulein hatte außerdem noch eine Leidenschaft; die des Schießens. Jeden Morgen zog sie gemessenen Schrittes, in einem sehr städtischen Hute, sonst ganz wie Amor bewaffnet, mit Köcher und Bogen aus und übte sich stundenlang auf einem eigens für sie ausgesteckten Terrain. Mariclée versprach, sie später dort zu treffen und ging indessen nach einer anderen Seite.

Wohin man von dem Schlosse aus sah, das diese weiten Parkländer, diese offenen Haine und Äcker beherrschte, erstreckte sich unübersehbar ein alter, heilig gehaltener Boden, dehnten sich Wälder, die kein fremder Fuß betrat, und im nächsten Umkreis, bis zu dem nahen See, Plane mit zauberhaften Bäumen, Terrassen, die nur ein tiefes Schönheitsbedürfnis so ins Leben rufen und erhalten konnte; und links die schattige und stets geheimnisvolle Straße. Und von hier bis zu jener Straße drang unaufhörlich und hold der Turteltauben matter Ruf. Mariclée durchstreifte einen großen Wald, in dessen Lichtungen das Wild sich rudelweise lagerte. Große runde Rehaugen starrten sie fremd und ein wenig feindlich an, und alle Köpfe wandten sich neugierig dem Wege zu, den sie verfolgte. So gelangte sie bis zu einem niederen Tor, das aller Verlassenheit der Erde gewidmet schien. Aber es gemahnte sie an die Zeit, und daß sie nicht wußte, wie spät es war. Da fing sie an zu laufen, bis sie wieder zu den Gärten zurückfand, und von weitem die Bogenschützin noch erblickte. In einiger Entfernung saß unter einem Zelt die alte Dame. „Ah!“ sagte Mariclée und lagerte sich neben ihr am Boden, „ich bin so gelaufen, wieviel ist die Uhr und kann ich eine Viertelstunde hier rasten?“ Die Alte reichte ihr ein Kissen; Mariclée schob es unter den Kopf und starrte in den alabastermilden Himmel. „Es war schön im Walde,“ sagte sie, „und wie weich ist in diesem Lande das Licht. Aber wie grimmig sehen Glenfords Mauern in den Mittag hinein!“

„Ja, es ist ein finsteres Schloß,“ sagte die Alte.

„Ich glaube, wenn es Gespenster gibt, so gibt es welche, die gar nicht so schlimm, und andere, die ganz abominabel sind. Am ärgsten ist der Mönch des gelben Paradezimmers, an ihm starb jener Mann.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ja, das weiß ich ganz bestimmt.“

„Fürchten Sie sich da oben ganz allein?“ fragte die Alte, die das Fürchten nicht kannte.

„Nein,“ sagte Mariclée gedehnt und schüttelte den Kopf, „ich genieße es.“ Dann fügte sie hinzu, indem sie zu ihr aufsah: „ich wüßte gerne, ob Sie abergläubisch sind.“

„Ich grüße stets eine Elster, die einzeln vorüberfliegt: One for sorrow, Two for mirth, Three for a wedding, Four a birth“, rezitierte sie und nickte jedesmal mit dem Kopfe.

„Ich möchte gerne einen Mann ertappen, wie er gerade vor einer einschichtigen Elster den Hut abnimmt.“

„O Kind,“ erwiderte die Alte, „deshalb ist ein Ding noch lange nicht töricht, weil es sich mit einem Manne nicht wohl verträgt.“

Gibt es etwas schöneres, dachte Mariclée, wie so ein mütterliches, altes Weib?

Aber die Tochter hatte ihr Spiel beendet und Mariclée war wieder aufgesprungen, denn sie hatte nur Zeit, sich umzuziehen.

Zum Lunch erschienen zwei Fräuleins, Töchter eines gewesenen Botschafters, denen es das Leben nicht mehr recht machen konnte. Sie waren beide baumlang und nicht sympathisch. Die eine war ältlich, die andere noch leidlich schön, aber im Begriff zu verblühen. Mariclée wünschte der jüngeren einen Mann und beide zum Hause hinaus. Denn sie hatten sich in Amerika, dem letzten Posten ihres Vaters, eine höchst unangenehme Sprechweise angewöhnt, die auf die Nerven ging. Sie sahen Glenford zum ersten Male und kreischten vor Bewunderung bei jedem Stück, ja im großen Saale schrien sie wie am Spieß. Mariclée bekam starkes Herzklopfen von ihren Organen, sie war müde von ihrem Spaziergang und ihrer schlaflosen Nacht. Aber die beiden Damen wollten das Schloß ansehen der Länge und der Quere nach, nicht nur die Kapelle und alle Zimmer, sondern auch die Souterrains und alles Porzellan. Arbeit genug für zwei Stunden, aber sie führten einen großen Vorrat von Bewunderung mit. Lady S. fühlte sich plötzlich von Mariclée am Ärmel gezupft:

„Bitte, führe sie nicht in mein Zimmer,“ flüsterte sie, „bei mir liegt alles so herum,“ und sie schlich hinauf, warf sich auf ihr Bett und schlief sofort ein.

Als sie etwas verspätet zum Tee herunterkam, waren die beiden Damen noch da und der Quell ihrer Bewunderung sprudelte noch immer. Dafür trug die Miene der Frau des Hauses deutliche Symptome von Erschöpfung zur Schau. Mariclée konstatierte es mit Bedauern, aber ohne Gewissensbisse, denn sie war der Meinung, daß solche Leiden nicht besser werden, indem man sie teilt. Auch harrte schon ein Diener, mit Mänteln bepackt, im Hintergrund, die jüngere hatte einen kleidsamen Schleier über ihren weitläufigen Federhut geworfen und als sie sich jetzt wirklich erhoben und, wenn auch unter einem neuen Schwall von Worten, wirklich verabschiedeten und wirklich zur Türe gingen, war Mariclées Lächeln und ihr Händegruß von bezaubernder Wärme. Denn sie wünschte ja allen Menschen das Beste.

Die beiden fuhren durch dieselbe Allee von dannen, durch welche gestern Don Juan mit der schönen Herzogin entschwand. „Und jetzt Mariclée, ich bitte dich, gehen wir spazieren,“ sagte Lady S. Und sie nahmen ihren Weg durch die entzückenden Gärten; aber sie kamen nicht weiter als bis zum Fluß. Inmitten blauer Glyzinen, blauer Gladiolen, einem Dunstkreis langstieliger blauer Lavendel stand eine marmorne Bank. Hier machten sie Halt und hier vergaßen sie weiter zu gehen.

Mariclée hatte indessen wieder einen Plan. Sie starrte in den sinkenden Tag nur von dem einen Gedanken erfüllt: Wie lenke ich das Gespräch unauffällig auf das Exemplar? Er gehörte aber den Kreisen ihrer Freundin an, und er war in Glenford gewesen, seitdem sie ihn nicht mehr gesehen hatte: sie wußte es von ihm selbst. „Mein Gott!“ sagte sie, „was für ein blauer Abend, welch köstliche Stunde! Sieh diese blaue Libelle.“ Es ist doch so leicht, dachte sie, ich brauche das Gespräch nur auf gemeinsame Bekannte zu lenken. Allein sie mußte doch einen gewaltigen Anlauf nehmen, um seinen Namen zu nennen, denn sie hatte Angst vor dem, was sie jetzt hören würde; sie dachte nicht an seine Ehe, aber an seine Gesundheit; denn sie wußte, wie krank er war. Noch kein halbes Jahr war es her, daß sie auf der Welt nichts anderes wie englische Zeitungen las, um Nachrichten über seinen Zustand zu erfahren. Und durfte sie von einer Besserung lesen, so las sie bald darauf von einem Rückfall. Dabei konnte sie sich durch nichts anderes, als diese greulichen Blätter informieren: sein Zusammenbruch war unmittelbar nach seiner Heirat erfolgt und von seinen neuen Leuten, bei denen er todkrank darniederlag, kannte sie niemand. Jetzt erfuhr sie, daß er sich mit dem Haus eines der reichsten Herzöge Englands alliiert hatte, und mitten in ihre Spannung kam ihr das Lachen: Er war kein Snob, aber dies sah ihm so ähnlich.

„Jetzt geht es aber wieder vorwärts mit ihm?“ fragte sie.

„Ach nein! Man trägt ihn ja noch die Treppen hinauf.“

„Das kann doch nicht gut sein!“ rief Mariclée. „Er fuhr doch erst kürzlich nach London.“

„Es wundert mich sehr,“ sagte die Freundin, „daß er imstande war.“

Mariclées Herz hatte zu schlagen aufgehört. Und dann entstand in ihr ein betäubendes Brausen, als setzten von allen Seiten viele dumpfe Glockenschläge ein, die ihr ganzes Innere erfüllten.

„Und ich habe ihn verfehlt, ich habe ihn verfehlt, ich habe ihn verfehlt!“

Aber sie fragte nicht mehr. Sie wollte nichts hören. Am Sonntag würde er bestimmt wieder nach London zurückkommen. Er hatte es ihr ja geschrieben. Es ging ihm eben viel besser, als man es noch wußte. Daß es ihm so viel besser ging, war eben das Neueste. Sie ließ keinen anderen Gedanken in sich aufkommen.

„Was hast du denn in London getrieben? Im August?“ fragte die Freundin.

„Es war wirklich sehr heiß!“

„Und trotzdem fährst du jetzt wieder hin?“

„Vielleicht nur für einen Tag,“ erwiderte Mariclée errötend.

„Du weißt,“ fügte sie, nur um etwas zu sagen, schnell hinzu, „meine Pläne sind immer sehr unentschieden, ich weiß nie, was ich morgen tue, ich armes Kätzchen.“

„O, du bist gar kein armes Kätzchen!“

„Was? Ich tu dir nicht einmal leid?“ fragte Mariclée, die jetzt um jedes andere Thema froh war.

„Du tust mir kein bißchen leid, ich finde dich sehr beneidenswert.“

Mariclée riß die Augen auf.

„O bitte,“ sagte sie fast beleidigt, „so beneide mich halt. Aber du bist nicht anspruchsvoll, das muß ich schon sagen. Und um was, wenn ich fragen darf? Um die ganze Liste von Dingen, die mir versagt sind?“

„Vielleicht,“ entgegnete die andere, „ja vielleicht. Die anderen sind alle so absolut abhängig von diesen Dingen und du bestehst nicht nur ohne sie, nein, du bringst es sogar fertig zu balanzieren.“

„Was bleibt mir übrig,“ seufzte sie, „vom Seil zu stürzen, oder darauf zu tanzen.“

Aber die andere schüttelte den Kopf. „Was soll man dir wünschen?“ fragte sie. „Was möchtest du eigentlich?

„Nichts,“ sagte Mariclée, plötzlich sehr ernst geworden. „Nichts, denn ich möchte alles und es würde mir nicht genügen, es zu haben, sondern ich möchte es behalten. Aber mein Bewußtsein der Zeit ist so akut, daß ich sie immer höre, und wie mit hundert Augen überall sehe, wie alles der Reihe nach, ihrer Strömung weicht und von ihr fortgerissen wird, so daß ich mich schon fragte: wie halten es die Glücklichen aus?“

Mariclées Freundin war eine gescheite Frau, die ihre nachdenklichen Anwandlungen hatte, aber solche Exkurse waren ihr zu deutsch. Wenn Mariclée anfing, solche Fäden auszuwerfen, verlor sie die Geduld.

„Ich wünsche dir einen Mann,“ sagte sie, „du solltest jetzt wirklich bald heiraten.“

Mariclée, immer bereit einzulenken, rollte ihren Faden wieder auf und warf ihn beiseite.

„Aber ich brenne doch darauf,“ versicherte sie. „Nur ist es müßig. Ich werde so wenig einen Mann ziehen, wie das große Los. Paß nur auf.“

„Deine Einstellung auf den Haupttreffer ist aber auch nicht glücklich, ich habe dir immer gesagt . . . .“

„Dabei gefalle ich euch ja so gut.“

Mariclée lachte, aber zugleich trieb es sie wieder ihren Gedankengängen zu. „Irgendwie bin ich im vornherein für den Mann verdorben,“ sagte sie. „Das ist’s. Denn die Dinge, die in meinen Kopf nicht hineinwollen, sind die, welche sich von selbst verstehen und die andere gar nicht zu lernen brauchen; die Begrenzung in der Liebe, so einfache Rechenexempel z. B. wie Einen Mann zu lieben, glaubst du, ich brächte mir das bei? Entweder ist kein Mann der Liebe wert, oder ich will nicht sagen viele, aber doch eine gewisse Anzahl. Gesetzt nun, ein recht annehmbarer, ja sagen wir sogar un parti inespére, hätte ein Heim mit mir gegründet — weißt du, auf wen ich heute eifersüchtig wäre? O mit nichten auf andere Frauen, die ihn fesseln würden, sofern sie reizend wären.“

„Du weißt nicht, was du daherredest,“ unterbrach sie die Freundin.

„Bitte sehr, ich habe meinen Abnormitäten das exakte Maß genommen und ich weiß es; ich wäre nicht auf andere Frauen eifersüchtig,“ wiederholte sie, „und um so weniger, je reizender sie wären, aber auf die liebenswerten Männer wäre ich eifersüchtig, die ich indes kennen gelernt hätte, und denen ich kein unverkürztes Interesse zuwenden dürfte, weil ich doch an den einen gebunden wäre. Denn das Gebundensein, das ists! Das ist das Todesband, das uns an alle Endlichkeiten knüpft. Die Befriedigung, das Lustgefühl, niemandem zu gehören, ist aber so überbietend, daß man ebenso übermächtig daran hängen kann, wie ein anderer am Genuß. Es ist jammerschade, daß keine Vergleiche möglich sind. Ja, es frägt sich, wer mehr zurückbehält, der alle Dinge auskostet, oder dem es glückt, sich von keinem fangen zu lassen. Auf seiten des Verzichtes liegt nur leider das Odium der Moral, aber man wird bald dahinter kommen, daß er nicht Sache der Tugend ist, sondern der Liebhaberei, genau wie das Klettern, ein Sport, dem des Fliegers vergleichbar, der vom Boden losgerissen, auf der Luft dahinzieht. So ist der Wüstling für den andern, wie der andere für den Wüstling, ‚l’ingénu‘.“

Sie hatte sich während dieses Monologes weit zurückgelehnt und sah zum Abendhimmel empor.

Und was zog da unversehens, jedoch zu ihrer Rechten, am Horizonte auf? Es war der Mond, den sie zum ersten Male in seinem neuen Kreislauf gewahrte. Die halb gefüllte Scheibe noch kaum erkennbar, da es noch tagte. Mariclée war leider, wir dürfen sie nicht besser machen, eine unendlich abergläubische Person, die blindlings alles glaubte, was man ihr sagte. So hatte sie einmal gehört, und glaubte seitdem erprobt zu haben und war überzeugt, daß man den jeweiligen Mond zuerst von links erblicken müsse, um Zeit seines Verlaufes günstiger Tage gewärtigen zu dürfen.

Sie gingen wieder durch die Gärten zurück, die Sinne vom Duft der vielen Blumen benommen. Der Hauch entschlafener Rosen aber zog noch weiter, fernab der Beete, durch die still gewordene Luft bis zu den großen Rasenflächen vor dem Schlosse, und wie magisch zu den paradiesischen Bäumen hingezogen, die dort standen, und aus deren undurchdringlichem Gezweig der matte Ruf der Turteltauben unaufhörlich drang. In dieser holden Welt ragten Glenfords Mauern, rauh und unversöhnlich, die fahle Front wie in sich selbst versunken, und die schaurigen Fenster noch untröstlicher und böser, wenn sie in der Abendsonne blinkten.

Übergehen wir die folgende Nacht, und sehen wir am nächsten Nachmittag nach unserer Heldin, als sie, selbst einem flüchtigen Schatten nicht unähnlich, in die Halle glitt, und zu ihrer heftigen Bestürzung einen Brief, in der Hand des Exemplars, liegen sah. Dies konnte nur Schlimmes bedeuten, denn er schrieb nie, wenn er anders konnte, und niemals, um zu schreiben. Daß Mariclée eine große Anzahl Briefe von ihm besaß, dankte sie einzig dem Umstand, daß er sich nicht entschließen konnte, die ihrigen zu missen. Allerdings konnte es geschehen, daß er nur ein paar Sätze, wie auf einen Anlauf hin und aufs Geradewohl geschrieben, an sie gehen ließ, allein sie wußte, daß es etwas Unerhörtes für ihn war, einen Briefwechsel mit irgend jemand aufrecht zu erhalten, so daß sie sich mit solchen Notsignalen begnügte. Heute aber hatte er keinerlei Veranlassung, sie wagte kaum seinen Brief zu öffnen und zögerte, bevor sie ihn las. Und es war, wie sie befürchtete. Er hatte einen Rückfall erlitten und fragte nun, ob sie es möglich machen könnte, ihre Pläne umzugestalten, und in vierzehn Tagen in London zu sein. Bis dahin glaubte er bestimmt dort eintreffen zu können.

Mariclées erster Gedanke war ihre Wohnung. Sie stand ihr nur für den Monat August zur Verfügung, wohin würde sie ziehen?

„Mariclée! Maricleia!“ rief es draußen. Es war die Freundin, die im Wagen zu einer Ausfahrt auf sie wartete, um noch eine Plauderstunde mit ihr zu haben, denn für den Abend waren Gäste erwartet, und der morgige Vormittag kam, nicht mehr in Betracht. Mariclée eilte hinaus und stieg mit heiterer Miene zu ihr ein. Im Erleben von Enttäuschungen hatte sie schon früh eine bemerkenswerte Routine erlangt und die soeben empfundene saß zu tief, um mir nichts dir nichts emporzutreiben. Auf der Rückfahrt aber, als plötzlich ein klagender Wind über die Farren hinwehte, und ein großes Rauschen den Wald erfüllte, den sie eben hinter sich ließen und die halb gefüllte Mondesscheibe langsam über die dunstumwobenen, blauen, bläulichen, violetten Fernen aufzog, die nach dem Meer zu wallen schienen, da dachte Mariclée an das heiße, rußige London, nach dem sie nun umsonst gefahren war, zu dem sie nun umsonst zurückfuhr, an den einzigen Zweck ihrer Fahrt, deren Erfüllung sich immer mehr hinausschob, immer unsicherer zu werden drohte, sie dachte wie wenig Geld sie hatte, und daß keine Aussicht war, diese Reise nochmals zu unternehmen, falls sie fehlschlug, und mit einem Male mußte sie schnell über etwas lachen, um die allzu nahen Tränen zurückzudrängen.

Aber auch die Freundin schien nachdenklich geworden:

„Ich weiß nicht, was dich um diese Jahreszeit in London halten kann,“ sagte sie ganz unvermittelt, „und ich frage dich nicht, aber bist du dort wenigstens gut aufgehoben?“

„Ich habe mich entschlossen, gleich nach Irland zu fahren, und erst im September länger in London zu bleiben,“ erwiderte Mariclée, die erst sehr rot und dann sehr blaß geworden war. „Es ist jetzt doch zu heiß.“

„Sieh dann in mein Haus. Es ist zwar geschlossen, aber die Lage ist viel angenehmer, und man weiß doch, wo du steckst.“

„Ich danke dir sehr,“ sagte Mariclée. Sie war stumm vor Freude. Ein schönes Haus in einer schönen Umgebung. Aber davon lebte sie ja!

„Das wäre also abgemacht. Du steigst bei mir ab. Es ist mir eine Beruhigung.“

„Liebst du mich denn?“ fragte Mariclée schüchtern.

„Ich bin dir wirklich sehr ergeben,“ erwiderte die Freundin.

Sehr, spontan, doch nie sentimental, gebot sie über keinerlei Gefühlsvokabularien und ihre Gestalt — eine der schönsten ihrer Zeit —, die nie das Mittelbare eines Bildes, sondern stets, selbst in der Bewegung wie eine Statue wirkte, war das getreue Abbild ihrer Seele. Auch um diese konnte man ringsherum gehen, nirgends war sie Larve oder Wand, nirgends eingekeilt. Sie besaß sich ganz, doch ohne sich zu kennen, denn über die Form ihres Geistes war viel mehr zu sagen, wie über ihre Intellektualität, und Mariclée hatte viel von ihr gelernt. Sie entwarf jetzt drollige Schilderungen ihrer Melancholien in dem großen Mietshaus — empfand sie es doch stets als eine Befreiung, wenn sie sich selbst zum besten haben konnte — mußte aber dabei des schönen Knaben gedenken, der, einen finsteren Lift auf- und niederziehend, seine Tage dort vertrauerte. Denn er war hilfbereit und dabei flink wie ein Page zu ihr gewesen, hatte ihr beim Packen geholfen, ihre Koffer geschlossen und zugeschnallt, ihre Schlüssel gefunden und sie zur Eile gemahnt, so daß sie ohne ihn nie rechtzeitig zur Bahn gekommen wäre. Sie erzählte nun von ihm, wie leicht er sicherlich seinen Dienst in einem großen Hause erlernen würde und wie dekorativ er sei; denn sie hätte ihm gerne zu einem besseren Dasein verholfen. Die Freundin riet ihr aber, ihn erst zu verhören und dann seinen Namen der alten Haushälterin zu geben, die ihr Haus in London bestellte und ihn wohl unterzubringen wüßte.

Auch Mariclées letzte Nacht möchte der kluge Leser sicher lieber übergehen. Er setzt voraus, daß sie die Lichter doch wiederum nicht löschte. Dennoch müssen wir ihr noch einmal auf ihr Zimmer folgen.

Ihre Nachtwache eröffnete sie diesmal damit, daß sie den Brief des Exemplars beantwortete, aber statt ihm gelassen, wie er sie fragte, zu erwidern, artete ihr Brief in eine wilde, unordentliche Epistel aus.

„Ich bin der lebende Monat März,“ brach sie sehr unnötigerweise aus. „Immer Knospen haltend, die mir verkümmern, gleich immer einen neuen Büschel, kaum daß mir der eine in der Hand verwelkte. Ach, ich bin es müde. Ja, ich werde in London sein. Ich habe ja nur mir selbst Vorwürfe zu machen, ich weiß es wohl,“ fuhr sie fort, „und meine Klagen sollten nur Ihrer Krankheit gelten, von der ich so wenig weiß, und auf die ich nie eingehe, weil Sie mir nie davon sprechen.“ Aber dann schrieb sie ihm: „Sie wissen, wie sehr ich es hasse, mich in einem Zimmer wiederzufinden, das ich schon einmal bewohnte, weil es mir wie ein Spiegel ist, in dem ich mich wohl oder übel selber konfrontieren muß. Ich war mir selbst hier auf der Lauer, und dabei erschien mir das Wesen, das ich damals war, zarter, feiner, durchsichtiger und edler, als das Wesen, das ich heute bin. Denn ich habe zwar die alten Ängste wiedergefunden, von denen ich Ihnen erzählte, und über die wir uns oft zusammen unterhielten, doch ohne ihr Gefühl. Denn ich liebte, ja ich liebte jene Grauen, und wenn auch nicht der Mut, so lebte doch in mir der Wunsch, ein leidenschaftliches Begehren, mich ihnen anheimzustellen; ich empfand, welche Schmach es sei, sich vor dem zu fürchten, was man selbst über Nacht zu werden bestimmt ist, aber ich bin stumpf und tot für sie geworden, die ich ihnen doch indes um viele Tage näher gerückt, und näher bin dem Tage, der mich zu ihnen gesellen wird. Ach! warum,“ brach sie wieder ab, „sind Sie immer krank!“

Und obwohl sie wußte, daß er einen so fassungslosen Brief nur mißbilligen würde, und wie wenig er angezeigt war, schrieb sie dennoch dahin. Denn die Nächte in diesem Zimmer hatten ihr recht zugesetzt und sie war nicht mehr auf ihrer Höhe.

Als von dem leeren Gange draußen zwölf Glockenschläge erdröhnten, warf sie die Feder hin und erhob sich. Nur noch einige Stunden, dann war es Morgen. Und plötzlich warf sie sich vor ihrem Bette längs der maskierten Türe hin, rang die Hände und eine Flut von Tränen entströmte ihren Augen. Und sie tat den Schwur, falls sie ein drittes Mal in dieses Haus einkehren würde, jenem Schatten, der, wie sie zu fühlen glaubte, nur auf eine Möglichkeit lauerte, auf sie loszustürzen, mit dem alten Mitgefühl, ja wie mit bräutlich geöffneten Armen zu stehen, und wenn es etwas wie eine Hilfe gab, etwas wie diese Hilfe zu sein. Nur heute flehte sie gleichsam zu ihm selbst. Nur heute kann ich es nicht, denn sieh! mein Geist ist solchen Dingen zu sehr abgewandt, und zu sehr auf ein Leben gerichtet, das, immerwährend gefährdet, alle Spannung meiner Seelenkräfte erheischt und „heute ist nicht meine Stunde“.

Mariclée hatte eine Art, sich den „Dingen“ gegenüber engagiert zu fühlen, und einsehen gelernt, daß in ihr das Leben nicht wohl eingedämmt war, sondern an irgendeiner schadhaften oder eingerissenen Stelle immerwährenden Einlaß für jede Strömung beließ, und sie hatte entdeckt, daß es viel weniger warm in ihr pulsierte als ihr Herz. Ob auf Grund eines Defektes oder einer Qualität, hätte sie nicht zu sagen gewußt, aber sie wußte, daß sie das Leben auf eine etwas geisterhafte Weise vergötterte, und sie glaubte den okkulten Dingen, welche sie doch scheute, sich nicht entziehen zu dürfen, infolge der Schatten, von welchen sie selbst wie befleckt war.

In dieser Nacht kam sie auf einen Gedanken zurück, der uns noch zu sagen bleibt. Sie hatte einige Bücher vom Fach genommen, sie mit ihrer Schreibmappe und ihrer Nähschachtel aufs Bett gebracht, und sich häuslich darauf niedergelassen. Dies war bei ihr nichts Sonderliches. Ein Bett, das von ihr bezogen wurde, gewann sehr leicht den Anstrich eines Wohnzimmers, die Bücher lagen wie auf einem Tische darauf verstreut, und man konnte sich zwar denken, daß hier jemand schlief, sofern er einiges beiseite rückte, doch nur so nebenbei. Heute aber wollte ihr kein einziges zusagen, und sie fühlte sich außerstande, zu lesen, die Geschichte des toten Hundes und Chandieus Geständnis fanden mit einem Mal eine Resonanz und einen Nachdruck, die sie ganz erfüllten. Sie sah den armen, irr gewordenen Hund entsetzten Auges auf die Türe starren, schäumen und sich sträuben. Doch was ihr am lebhaftesten dabei vorschwebte, war die Fülle, das köstliche, begehrenswerte Element, das in seinem aufgescheuchten Blute, und seinem lodernden Blick den kurzen, aber alles überbietenden Triumph beging. Er war längst tot, dieser lebenbehauptende Hund, viel toter als das neidisch lechzende Gespenst, dessen Welt ihm so ewig fremd bedünkte. — Denn in der Tat: wie sänftiglich war der Gedanke an den zu Staub zerfallenen Hund, und wie erweiterte sich die Kluft zwischen Mensch und Tier im Tode, der sie doch gleicherweise schlug. „Tod, wo ist dein Stachel?“ schlug da, grell wie eine Flamme, der Sinn jener versteckten Frage in ihr auf. Sie griff zur Bibel, zu müde, sie zu halten, entfiel sie ihr. Doch ihr Geist trieb jetzt, wie von Fittichen getragen, heimischen Bereichen wieder zu. Wenn sie dem Leben gegenüber stets etwas wie im Nachteil sich befand, so durfte sie dafür so stille Buchten des Gedankens in sich bergen, daß sie, die so kümmerlich Umfriedete, stets die Gesicherte und Gerettete war.

Ihre Fühlung zum Christentum hatte zwar viele Wandlungen erfahren, und ließ nie ab, sich umzugestalten und zu verschieben. Für nichts war ihr Auge so hart und so geschärft, wie für die Scheidungen, die hier zwischen Kern und Schale vorzunehmen waren. Ja in ihrem Hang ihn immer reiner zu schälen, konnte sie sich gar nicht genug tun, und immer weitergehend hatte sie auch längst die Frömmigkeit von ihm gesondert, die, ihrer Meinung nach, dem Christentum so wenig inhärierte, wie etwa die Sentimentalität dem Gefühl. Sie galt ihr nur wertvoll als der Moment, dem die mittelalterliche Gotik das verdiente ewige Relief verlieh, aber wie diese zugleich nur eine Phase, und als solche weder festzuhalten, noch wieder zu beleben. Auf ihrer Bahn immer weitergehend, oder besser gesagt, sich immer mehr entfernend, glich ihr Rückzug letzten Endes einer Flucht, auf der sie immer mehr preiszugeben und immer weniger zu retten fand. So erreichte sie glücklich ein Gestade, zu dem auch nicht ein Echo mehr von all den verkehrten Zeitläuften herüberdrang, denen eine zu erhabene Idee naturgemäß zum Opfer fallen mußte; und so war ihr wachsender Indifferentismus nicht der Skepsis, sondern dem Glauben entsprungen. Von übermächtigen Aversionen angetrieben, hatte sie indes vielfach unbewußt und doch mit allen Mitteln unablässig um die Mysterien gerungen, die hinter schwerfälligen Riesendogmen weit versteckt und entzogen sind, bis sie sich einen Christus „herausschälte“, der den meisten sicherlich profan erschienen wäre, ihr aber ein letztes, absolutes Genügen, ein restloses Entzücken gewährte. Denn dieses, schien ihr, wäre ein schlechtes Erlösungswerk, das nicht im Prinzip die endliche Verjährung in sich trüge, und dies wäre ein trauriger Christus, bei dem von dem Gekreuzigten nie abzusehen wäre . . . . Nicht eher, schien ihr, würden die Zeiten sich erfüllen können, als bis dies langsame Geschlecht die zwei Gesichter eines Gottes anerkannte, der infolge seiner Mission sich zwar auch den Einfältigen und Toren und dem gemeinen Volke zuzukehren hatte, aber, wie alle Götter, als ein aristokratischer Gott sein wahres Antlitz nur den adeligsten Geistern entschleierte. Dies aber war sein Überwinderantlitz, das des Grabessprengers, der die entschwundene Antike aus der Versenkung heben und sie von dem Fluch einer vorweg genommenen, daher vergebens vindizierten Lebensfreude erlösen würde. Durch ihn führte ein Pfad zu dem gelobten Land der Griechen und den verbannten Göttern zurück. — Auf ihren Katholizismus, der ihr von anderen Katholiken gern bestritten wurde, tat sie sich nämlich viel zugute. Sie hielt ihn für viel würdiger als den der anderen, die, ohne zu denken, sich bescheiden wollten, während sie den Gedanken, der ihn trug, so stark gefunden hatte, daß sie ihn, wie ein großes Kauffahrteischiff, mit allem befrachtete, was die Welt an geistigen Werten enthielt, und ihm außer den neun Musen con allegria den ganzen Olymp, außerdem die heterogensten Passagiere aufzuladen verstand. Infolge ihrer hohen Meinung von der Tragfähigkeit jenes Gedankens war sie von einem geradezu uferlosen Liberalismus, aber auch eine ganz grimmige Anti-Klerikalistin, und Mönchen und Pfarrern begegnete sie auf der Straße gar nicht gern; wo sie mit einem zusammentraf, was selten genug vorkam, da sie es wohl zu vermeiden wußte, fand sie nach ein paar Worten meist Grund, das Gespräch wieder abzubrechen. Dagegen hatte sie in Rom einen französischen Monseigneur kennen gelernt, einen illustren Gelehrten von europäischem Rufe, der seine Religiosität hinter einer Maske von vollendeter Ironie verbarg, die alle Frömmler erbitterte. Und dabei lavierte er so geschickt, daß die Leuchte seines Ruhms einer Partei erhalten blieb, die immer Miene machte, ihn auszuweisen, und er einen Bau, der nirgends mehr zusammenhielt, und statt niedergerissen und neu errichtet zu werden, nur ein Dach auf seine Schäden setzte, zu schilden fortfuhr, weil er die ewigen Fundamente dieser geborstenen Mauern sondiert hatte.