Zehntes Kapitel
Mariclée verbrachte ihren Sonntag, in Anbetracht des Montag, so gut es ging, und nährte sich von Pfirsichen. Auf diese Weise gedachte sie die überschrittene Bilanz des vorhergehenden Tages ein wenig auszugleichen; zum Frühstück Pfirsiche, mittags Pfirsiche und abends Pfirsiche; das Kistchen mußte schon dran glauben. So brauchte sie es auch nicht noch einmal mitzunehmen. Wie ökonomisch von ihr!
Pünktlich und zu gleicher Zeit, wie viele Abgeordnete, fand sie sich Tags darauf vor den Toren des Parlamentes ein. Diese waren sämtlich von frierenden, geduldig dreinschauenden und überall von Schutzmännern bewachten Suffragetten umlagert, die, mit ihren Vereinsbändern umgetan, den Vorübergehenden Zettel und Traktate entgegenstreckten. Mit Mariclée waren sie besonders dringlich; sie wagte aber nichts anzunehmen, aus Angst sich zu kompromittieren, zudem sie, als einzige Dame, ein gewisses Aufsehen zu erregen schien, und nicht rechts noch links sehend, verleugnete sie mit dem Mut der Feigheit die ganze Gesellschaft. So drang sie, den Abgeordneten auf dem Fuße folgend, von einem Gitter zum anderen, bis zu einer inneren Halle vor, in der alsbald ein Wächter auf sie zukam, und ihr den Einlaß verwehrte. Mariclée hielt ihm gelassen ihre von der deutschen Botschaft ausgestellte Karte entgegen. Er aber schüttelte nur den Kopf.
„Wir müssen uns nach der neuesten Verordnung richten,“ sagte er, „die Suffragetten sind schuld daran.“
„Aber ich bin doch keine Suffragette, ich bin eine Fremde; Sie haben meine Karte nicht gut angesehen.“
Er bedauerte, zuckte die Achseln, allein er wankte nicht. Sie bestand auf ihrem Recht und er auf seinem Verbot. Sie zeigte sich hartnäckig, dann unangenehm, dann unsanft, und schließlich riß ihm die Geduld und er rief: Was rief dieser Mann? Er rief. O Leser, ich muß es im Text wiedergeben.
„But Madam,“ rief er, „I would only be too happy if I could oblige you.“
Man denke! — sie kam von München, der Stadt der hohen künstlerischen Initiativen, zwar auch der lauten Schwadroneure, doch zugleich der stillen, seltenen Größen, dieser reizenden Stadt, die in mancher Hinsicht allen anderen den Rang abläuft, und es in der Tat verdienen würde, als heutiges Athen gepriesen zu werden, wäre sie nicht die Stadt unausgeglichenster Kultur, in der sich Gebildete von Schutzmännern wie Rekruten von einem ungeschlachten Feldwebel angefahren sehen und allgemein gesprochen, die Stellung der „Dame“ jeder Tradition entbehrt.
Mariclée starrte dem zivilisierten Wächter ins Gesicht und machte ohne ein Wort zu sagen kehrt. Es war ja nicht eben angenehm, einen Rückzug durch all die Gitter anzutreten, vor welchen so viel Neugierige Posten standen, und ihren Einzug beobachtet und kommentiert hatten. Sie wunderte sich sehr, niemand kichern zu hören, besonders als sie jetzt eine Flugschrift, die ihr eine Suffragette darbot, höflich dankend, in ihre Tasche schob.
Zwei Monate sind schnell dahin und dennoch viel zu ausgedehnt für ein extenso. Die kostbare Zeit ist das große Wertlose an sich, daher der nichtige Klang des Wortes „Tagebuch“.
Es kann nur wenig interessieren, was Mariclée nach ihrem Ausweis aus dem Parlament mit ihrem letzten Londoner Abend anfing. Im Vertrauen gesagt, da ihr noch Pfirsiche blieben (es war dies ihre Art zu rechnen) fuhr sie in ein Theater, und ihr Staunen über das niedrige Niveau des Stückes war ebenso groß wie über die wundervollen Gestalten der Spieler, und sie mußte sich sagen, daß man in Deutschland ebensowenig ein derartig albernes Werk ertrüge, als man solche Gestalten über die Bühne ziehen sah.
Ohne den schönen Liftjungen wäre sie auch am nächsten Morgen nie rechtzeitig zur Bahn gekommen. Er hatte sich wieder, auf seine schüchterne Art, ganz zu ihren Diensten gestellt, sich um alles gekümmert, wie ein Page sich um sie bemüht, bis er sie dann im Lift zum letzten Male hinunterzog. Und nun starrte sie ihm mit ihren oft so leblosen Augen, die doch alles in sich aufnahmen, ins Gesicht und sagte:
„Kann ich etwas für Sie tun?“
Und er erwiderte: „Ich bin unglücklich in diesem Hause.“
Da ließ sie ihn Namen und Adresse aufschreiben und steckte den Zettel zu sich. Dann durchschritt sie die Halle und verließ dieses Haus, für sie mit einem grasigen Hofe und der freudlosen rohen Gotik eines mittelalterlichen Kirchleins auf immer assoziiert.
Es war eine schlecht gezimmerte Barke, die Mariclée zur irischen Küste hinübertrug. An Deck befand sich ein wunderschönes Mädchen mit einem jungen Mann, die sich große Mühe gaben, nicht verliebt drein zu sehen, und in deren Anblick sie sich sofort, wie in ein Bilderbuch, vertiefte. Nach einer Weile befiel sie jedoch ein bedenkliches Würgen und sie floh nach dem Damensalon, fühlte sich dort besser, streckte sich aber vorsichtshalber auf einem Diwan aus, schloß die Augen und verhielt sich ganz ruhig. So bemerkte sie nicht, daß ihr eine Stewardin gefolgt war, die Handtücher und eine Wasserflasche in den Waschraum brachte und sich dann wieder zurückzog. Erst als die Türe plötzlich aufgerissen wurde, fuhr sie aus einer Art Halbschlaf empor und sah das wunderschöne Mädchen, mit bleichen, verzerrten Zügen (einer Miene, mit der sie in einem fünften Akt Furore gemacht hätte) herein und geraden Wegs in den Waschraum stürzen, wo sie sich einer ganz formidablen Seekrankheit überließ. Sie stöhnte und jammerte und als sie wieder zum Vorschein kam, war ihr Hut ganz verschoben und ihr Haar sehr aufgelöst.
Mariclée bemerkte jetzt, wie völlig unausgerüstet sie war, erhob sich sofort, goß Kölnisches Wasser in ein Glas und stellte ihr Reisenecessäre zur Verfügung. Das Fräulein Wunderschön erzählte ihr nun, sie habe schon so oft diese Fahrt unternommen, ohne je im Leben seekrank zu werden. Übrigens erholte sie sich sehr bald, brachte ihr reizendes Haar in Ordnung, band mit großem Geschick einen höchst kleidsamen Schleier vor, beguckte sich von allen Seiten in Mariclées doppeltem Spiegel, und eilte dann, schnell wie sie gekommen, wieder davon. Mariclée fühlte sich recht elend und legte sich wieder hin. Zu müde, um zu lesen, und nicht mehr imstande zu schlafen, starrte sie zu einer runden Luke empor, durch die man das blaue, aber heftig bewegte Meer seine Wogen treiben sah, und ebenso elementar und unaufhaltsam trieb da in ihr eine Woge von Melancholie die andere. Sie dachte an das Exemplar, wie um an einer Planke sich daran festzuhalten, jedoch umsonst. Er war zu fern, zu unerreichbar, eine zu lange Zeit hatte zwischen ihnen schon geflutet. Schwermut schwoll zu etwas Mächtigerem an, als ihr Gefühl und riß sie noch weiter von ihm weg. Und sie preßte ihre heißen Hände auf ihr verdunkeltes Gesicht und überließ sich dem Unwetter, das in ihr raste. O sterben zu können, ächzte sie, verlöschen zu dürfen. Es löste nur der Anblick des treibenden Meeres durch die runde Luke solche Leidenschaft in ihr aus, aber sie wußte es nicht.
Und indessen fuhr das Schiff, um ihren Weltschmerz unbekümmert, zur irischen Küste hin. Schon machte sich jene Unruhe fühlbar, die einer Landung vorangeht; Mariclée eilte auf den Vorplatz und spähte nach einem Träger, als die Stewardin auf sie zukam, und sie mahnte, es sei gebräuchlich, für Benützung der Handtücher etwas zu entrichten. „Ich brauchte ja keines,“ sagte Mariclée und wollte vorüber. Aber sie hatte es mit einer cholerischen Person zu tun, die sofort die Hände über dem Kopf zusammenschlug.
„O!“ rief sie, „das ist nicht recht.“
„Es war eine andere Dame da,“ sagte Mariclée ungeduldig, wurde aber zugleich entsetzlich rot, verlor die Contenance und fügte hinzu:
„Was kosten denn die Handtücher?“
„Ich stehe hier Posten und habe keine andere Dame nicht gesehen,“ dröhnte die andere. Sie hatte durch ihren exaltierten Ton sofort Aufmerksamkeit erregt, so daß sich Neugierige sammelten, die auf die Landung wartend, nichts Besseres zu tun hatten, als hier aufzupassen; und sie gehörte wohl irgendeiner Predigersekte an, denn, durch das Publikum stimuliert, wollte sie jetzt vor Jehova ihr Recht austragen, und stimmte mit wirklichem Talent ein regelrechtes Exordium an:
„Es ist nicht um des Geldes und es ist nicht um der Tücher willen, aber ich habe keine andere Dame nicht gesehen.“ Sie sagte es wie einen frommen Vers herunter, und Mariclée stand jetzt einfach auf dem Pranger. Die Umstehenden, schien ihr, konnten keinerlei Sympathien für sie hegen, denn sie sah aus wie der Typ der überführten Lügnerin und war rot wie eine Gartenerdbeere. Was wollte sie mit einem solchen Gesicht lange sagen? Je weniger Worte je besser. „Wieviel macht es?“ fragte sie nochmals. Aber so schön hatte es die Alte nicht jeden Tag, und sie nahm die Gelegenheit wahr. „Wahrlich, wahrlich,“ hub sie mit lauter Stimme an, „ich bin arm und geprüft, aber es ist nicht um der Tücher willen.“ Und es klang, als sagte sie: „Lügenhafte Lippen sind dem Herrn ein Greuel.“
O, ich darf nicht mehr allein reisen, dachte Mariclée, ich bin zu absolut hilflos. Und sie zog ihre Börse wie einen Degen; dabei entsann sie sich, daß sie vergessen hatte, zu wechseln und nur mehr Gold besaß. „Wechseln Sie mir,“ sagte sie. Die Landungsbrücke war jetzt gelegt worden; dies interessierte die Umstehenden mehr und schweigend, wie sie sich versammelt hatten, entfernten sie sich. Alsbald verstummte die Stewardin, sie kramte jetzt ganz demütig in einer schmierigen Tasche herum und zog endlich einen Schilling hervor. Mariclée war nun kreideweiß vor Erschöpfung und Zorn. „Schnell,“ sagte sie, „wechseln Sie sofort.“ Die gottesfürchtige Alte lief mit dem Pfunde die Treppe hinab. Mariclée wartete auf ihre Rückkehr, das Schiff leerte sich rasch, und sie stand bald allein. „Der Zug wird gleich abfahren, wir haben Verspätung,“ sagte ein Matrose.
„Ich warte auf die Stewardin.“
„Sie haben kaum Zeit,“ bedeutete er.
„Hier ist meine Tasche, ich komme gleich nach,“ sagte sie, und lief die Treppe hinab. Aber da war nirgends eine Stewardin zu sehen.
„Es sei höchste Zeit,“ erfuhr sie nur. Da verlor sie den Kopf und rannte, ohne ein Wort zu sagen, wieder hinauf, denn der Matrose, der ihre Tasche trug, machte ihr von weitem immerzu Signale und den Zug wollte sie nicht verfehlen. „Ich darf nicht zur Plattform, ich habe Dienst,“ erklärte er.
Da nahm sie ihre Tasche und schleppte sie selbst.