Ausblick.

In einem Essay über die Markgräfin von Bayreuth schrieb ich vor einigen Jahren, der Frau fehle es zwar nicht an literarischer Begabung, wohl aber an literarischer Perspektive, und für die Realität des geschriebenen Wortes wohne ihr auch nicht entfernt dasselbe scharfe Gefühl inne wie dem Manne. Heute füge ich hinzu, ihr Interesse und ihr Verständnis für Presse wie für Parteiwesen sei in der Regel gering, und auf jene allerletzten Endes so gedankenlose Parole: right or wrong my country (an welche sich übrigens die überlegteren Engländer während des Burenkrieges nicht hielten), wäre die Frau nicht verfallen.

So wird sie denn nur wenig von bisheriger Politik verstehen, dafür um so mehr von der kommenden. Denn es ist ganz gewiss falsch, zu behaupten, man dürfe Politik nicht mit dem Gefühle treiben. Wie veraltet die ohne Gefühl betriebene sogenannte Realpolitik im Grunde schon war, hatten die zuletzt auf dem Plan erschienenen jungslavischen Völker sehr wohl erkannt, als sie jenen brüderlichen Balkanbund zu gründen beschlossen, welcher dann am Widerstand der europäischen Kabinette scheiterte. So dringen Schneeglocken verfrüht an die schneidende Luft und werden von der Härte des Winters getötet, aber die Ahnung des Frühlings lassen sie zurück.

Es klingt ja angesichts der Tatsachen so grotesk, dass man es kaum zu sagen wagt, aber die Welt ist besser geworden. Denn rohe Gewaltmittel, mögen sie sich noch so radikal durchsetzen, haben jedes Ansehen verloren. Es waren auch in der Tat schon Ansätze vorhanden zu der Erkenntnis, dass die Politik nicht mehr wie auf dem Schachbrett zwischen Spielern betrieben werden dürfte, und es dämmerte die Erkenntnis von der Unhaltbarkeit des Satzes: „In der Politik gibt es keine Moral.“ Mit richtigem Instinkt waren die Nationen durch überlebensgrosse Menschengestalten versinnbildlicht worden: Marianne, John Bull, Michel, Uncle Sam . . . Von hier aus zog sich mit vollkommener Deutlichkeit ein Weg zur Einsicht, dass den Beziehungen zwischen hochstehenden Völkern billigerweise genau dieselben Grundsätze unterliegen sollten wie zwischen hochstehenden Menschen. Diese, statt sich zu überlisten und brutal zu übervorteilen, suchen sich im Gegenteil an Schonung, Grossmut und Rücksicht gegenseitig zu überbieten. Der Wetteifer um den Rücksitz hat als Ergebnis, dass man sich darin teilt; statt einander zu berauben, hilft man einander aus. Man gesteht sein Unrecht und wird vernommen statt verdammt.

Ich hätte mir vorstellen können — ich weiss nicht, ob ich es noch kann —, dass auf einer solchen Grundlage hin ein Dialog zustande gekommen wäre zwischen Michel und der unversöhnlich von ihm abgewandten Marianne. Ich könnte mir wahrhaftigen Gottes vorstellen, dass er — nach Art der Liebhaber — zu ihren Füssen hingerissen, in leidenschaftlicher Selbstanklage die elsässische Frage vor ihr zur Sprache brächte; ich könnte mir vorstellen, dass im Laufe dieses Dialogs endlich ein Wendepunkt sich ergäbe, von wo ab beteuert würde, was verneint worden war . . . und in dieser Tonart lange hin und wieder so beharrlich! — bis die wunde Frage sich zwischen ihnen isolierte auf einen höheren Plan gehoben, langsam, über ihren Häuptern wie eine enthüllte Morgengabe schillerte . . .

Wem dies zu dumm ist, der begebe sich hinaus zu den vordersten Kampflinien, wo die gehegten Söhne holder Mütter wie Tiere jämmerlich verenden, und aus der Wut und Not ihrer Verlassenheit heraus den . . . Kriegskorrespondenten verfluchen, dessen Bericht (o würdiger Trumpf einer realpolitischen Presse!) mit ekler Schönfärberei ihre unnennbaren Martern unterschlägt. Bald nach Friedensschluss wird man sich zwar an den Kopf greifen über die heutige Welt; und dann wird vermutlich das andere Schlagwort aufkommen vom Antagonismus der weissen und der gelben Rasse; und dann wird sich der Himmel verfinstern von all den Schrecknissen; und dann werden die Überlebenden nicht mehr bestreiten, dass die europäische Psyche durch die Assimilierung der asiatischen eine unendliche Bereicherung, ja geradezu ihre letzte Vollendung erführe.

Und die grauenvollen Erfahrungen, die geopferten Generationen, die vergeudeten Jahrzehnte, Jahrhunderte werden notwendig gewesen sein, um diese Welt zu Anschauungen zu bekehren, welche sich der elementarsten Nachdenklichkeit aufdrängen. In so verzweifelt weiten Schleifen rückt die Menschheit ihrem Ziel entgegen. Warum? Welch ein Geheimnis!

Aber all diese Kriege, und die gewesenen sind ja nur Vorstufen zu einem letzten Kampf, dessen Stunde zugleich mit der Stunde der Vergeltung schlagen wird für jene Elemente, welche von jeher Kriege verursacht und die schlechte Sache in der Welt betrieben oder die gute verdorben haben. Die Leute also, welche auf den ewigen Krieg schwören, mögen zufrieden mit mir sein; denn bevor jene Elemente (und es sind stets überall dieselben) nicht gekennzeichnet und untergeordnet werden, glaube auch ich an keinen dauernden Frieden.