Fünfzehntes Kapitel
Unvorbereiteter waren sicher noch nicht viele nach der Stätte so großer Ereignisse gewandert. Daten, früh erlernt, hatte ich prompt und auf immer vergessen. Das Kolosseum stand mir als ein Sinnbild aller Grausamkeiten, und nur mit Abscheu blickte ich zur niedrigen Türe hin, aus welcher die Märtyrer den wilden Tieren entgegenzogen.
Wozu eigentlich Märtyrer? Wäre es nicht besser gewesen, sich zu drücken?
Auch die Engelsburg hatte mir viel zu viele Leiden beherbergt. St. Peter, mit Ausnahme von Michelangelos Jugendwerk, auch die Kolonnaden sprachen nicht zu mir, St. Clemens war die einzige Kirche, die mich rührte, von den Museen beglückten mich nur die Thermen, vor dem Forum versagte meine Phantasie. Schöner war es, in die Villa Medici zu gehen. In einer der Alleen stand Meleager, den herrlichen Marmorleib von späten Rosen umrankt, über ihn der verglühende Tag. Rom ist eine Stadt des Abends. Er hob sie auf ihren Thron. Alle Städte waren ihr dann untertan. Starke Tränke für den Beschauer waren ihre Sonnenuntergänge. Auch mir benahmen sie die Armut. Doch nur auf Augenblicke.
Hier muß ich daran erinnern, was zu Anfang dieses Buches steht: eine radikale Sprunghaftigkeit könne sehr wohl mit einer sehr bestimmten Einheitlichkeit des Denkens zusammenhängen und es käme auf eine Probe an.
Auch die Jugend, lieber Leser, überblickt das Leben. Nicht in der Verkürzung wie der Greis, sondern in wilder Vielfältigkeit türmt es sich vor ihr. Später, im Gewühle stehend, nehmen wir es in Kauf. Die Jugend ist hierin feiner. Sie ist noch nicht mit ihm verwachsen; wie soll sie es bewältigen? selbst mitten im Überschwang kennt sie das Zaudern und das Grauen. Erbarmt euch ihrer Unreife. Gerade sie wird ihr leicht zum Verhängnis. Keinem Lebensalter liegt der Selbstmord näher. Über die Brücke gelehnt, bedachte ich nicht mehr die Ausblicke und Bahnen meines Daseins, nur noch die besten Arten, mich ihm zu entziehen. Eine solche Flucht war freilich eine Niederlage und ein anderes Wort für: nicht bestehen. Allein es war der letzte Anker, wohl in Sicht zu halten.
Rom hatte versagt. Was hatte ich geglaubt? Saß es auf seinen sieben Hügeln, um mir Richtlinien zu weisen? Ja, etwas Ähnliches hatte ich gewähnt. Denn Dürftigkeit und Chaos stritten sich um die Herrschaft in meinem Inneren. Die Intensität, mit welcher ich im Bahnhofsrestaurant in Chiusi operierte, lag natürlich meinem Wesen überhaupt zugrunde. Aber die letzten Dinge, nicht mehr noch minder, waren meine Sorge. Die Aula jedoch hatte ich mir selbst aufrichten, ohne Anleitung durch Dornen und Gestrüppe mich reißen müssen, nirgends zünftig, überall verwahrlost, nirgends zugehörig, immer hospitierend. Statt des Führers, statt des Rückhalts, statt des Abiturs – den Hokuspokus.
Aber die tollste meiner „Windmühlen“ war Richard Wagner geworden.
Ihn hatte ich zu meinem unmittelbaren Mentor erkoren. Seinem Dienste war ich eingeschworen, seinem Genius verpflichtet, seinem Beistand überantwortet. Seine gewichtigen zehn Bände waren das Bollwerk meines Château du cœur. Seinen langatmigen Formulierungen folgte ich um seiner kühnen Folgerungen willen gerne. Noch tobte die Wagnerische Mode, doch schon mehrten sich die Anzeichen eines Umschwunges, und mit Genugtuung nahm ich sie wahr. Bald, o bald fiel er fort, der lästige Chor, dann blieben nur die Wenigen, die ihn wirklich erkannten, dann gehörte er mir. Vor allem war es die Erhabenheit seiner Gesinnung, über die ich nicht mit mir handeln ließ; jederzeit kampfbereit, wenn es galt, die Standarte meines Glaubens flattern zu lassen. Zerwürfnisse nicht vermeidend, im Gegenteil; zu reinlichen Scheidungen immer gewillt; zu Donquichotterien immer aufgelegt. So erlebte eine Münchner Salonlöwin, die über Wagner im familiären Tone aburteilte, daß ich, über die Köpfe ihrer Gäste hinweg, lauten Protest erhob und augenblicklich ihren „jour“ verließ. Es war ein schöner Frühlingsnachmittag. Ein leichter Wind umstrich mich linde: derweil die oben Gebliebenen empört über mich zu Gerichte saßen; entfernte man sich so, und wer war ich denn?
Denn von der geistig besitzlosen Klasse wird das Recht auf eigene Meinung, so wir eine haben, am längsten angezweifelt und bekämpft; daher einem jungen Fräulein Niemand die beste Gelegenheit geboten wird, zur Menschenkennerin heranzureifen. Diesbezüglich befand ich mich in vorderster Szene, wo immer ich auftrat. London oder Berlin, es war ganz gleich. Als ich zum ersten Male einen Winter in Paris verbrachte, lebte noch der Gründer des Crédit Lyonnais, ein feiner, überlegener Greis. Auf irgendeine Empfehlung hin wurde ich dort öfters eingeladen. Es war ein Salon, der eben anfing, ein wenig auszuleiern. Nach einem kleinen, köstlichen Diner stand ich am Kamin und überblickte die Gesellschaft. Die schöne und noch junge Frau mit dem glitzernden und gewellten Haar figurierte in ihrer Schlankheit zu Ehren des noch schönen Paul Deschanel, das war klar. Sein Frack, dies letzte Wort von Frack, die seidene Schmiegsamkeit seiner Socken, seine für weiße Manschetten wie erdachten Hände, sein für den Zylinder wie erträumter Kopf, dies alles, wenn ich es heute überdenke, war von einer vorkriegszeitlichen Pracht, ohne störende Beziehung – seitdem haben sich ja der menschlichen Gesellschaft dunklere Kulissen aufgetan – als Empfangsräume, als den Salon.
Ich sah und staunte. – In Gespräche mischte ich mich nur selten. Es war auch nicht nötig; im übrigen war ich eine jeune fille sans dot, und weniger konnte man nicht sein.
Aber man kam an diesem Abend auf Bayreuth zu sprechen, und zu meinem Schrecken riß die Frau des Hauses Wagners Charakter in den Staub. „Ingratitude notoire“ waren ihre Worte. Schon führte ich wieder Schild und Speer, schon hielt ich am Kamine aufgestellt meinen Speech, schon war ich mitten in meiner Rhetorik. Hätte er Buch führen sollen über Summen, die er zur allgemeinen Bereicherung entlieh? und wenn wir schon feilschten, warum die vielen Existenzen nicht mit einbeziehen, die er begründete, die Theater, die er dotierte oder ins Leben rief, die Riesenvermögen der Wagnersänger? Was zollten sie ihm dafür? „Wenn wir schon feilschten,“ sagte ich und blickte unbefangen im Kreise umher, „gab er dem Etat der bayrischen Staatsbahnen, gab er“, höhnte ich, „den Hoteliers nichts zu lachen? Auf welcher Seite liegt der Undank, wenn wir schon rechnen?“ fragte ich. „O wie er das Geld verbrauchte, hinauswarf und verachtete, wie er zu einer von Mark und Pfennig gravitätisch eingedämmten Welt sich so unsäglich mittelbar bezog, Gott, wie erfrischend, welche Labung!“ rief ich aus.
Nun war natürlich Dank oder Undank Wagners den Anwesenden denkbar egal. Was sollte dies feierliche Gehabe? – Ich sah Blicke sich kreuzen, Mundwinkel zucken; erst entstand ein Schweigen, dann sagte jemand: „Comme il fait chaud!“
Begossenheit war da alsbald mein Anteil. Schüchternheit befiel mich wieder und schmiedete mich an den Kamin, wie Andromeda an ihren Felsen. Da aber trat Perseus in Gestalt eines ergrauten Mannes vom anderen Ende des Zimmers näher, und es erklangen die rettenden und unverhofften Worte: „Elle a raison“.
Es war ein Professor Coggia aus Palermo; er hatte dem greisen Wagner bei Gelegenheit eines Aufenthaltes in dieser Stadt einige Dienste erwiesen und pries nun seine rührende Erkenntlichkeit, seine einfache und rücksichtsvolle Art. Dagegen machte er den denkbar schärfsten Trennungsstrich zwischen ihm und seiner nächsten Umgebung. Ja, er leugnete ganz und gar, daß sie Wagner homogen gewesen sei. Alle hörten jetzt mit großer Spannung zu. Wie glücklich aber war ich selbst an diesem Abend! Wie leicht tönte der Widerhall meiner Schritte auf dem Heimweg an mein Ohr. In Paris, wo er in seiner Jugend darbte, Wagner als armer Teufel, Wagner in Würzburg und Riga, schwebte mir mit ergreifender Deutlichkeit vor.
Eines Nachts aber – kurz darauf – stand ich auf dem Platz des Münchner Hoftheaters. Allein. Denn eine Siegfried-Aufführung war noch im Gang, und ich war herausgelaufen, weil ich diese Musik nicht mehr ertrug. Sie bekundete mir nichts mehr. Sie quälte mich. Die Vorstellung war mittelmäßig, es ist wahr (die Ära Mottl stand noch aus), dennoch – ob ich mir auch gewisse Sonaten, die, zu oft vernommen, auf immer vielleicht erschöpft blieben, auch eine heruntergerasselte Eroica ins Gedächtnis rief, die nichts besagte, dennoch, welch ein Stoß! – Zwar erhielt mein Wagnerkult keine Einbuße deshalb. Ich gestattete ihm dies nicht. Seine ewigen Augen, der Zug nach ewiger Vollendung, der Weltenatem seines Geistes, dies war es, was ihn unsterblich machte. „Schafft Neues“ war im Alter sein immerwährender Ruf gewesen. Setzte da eine Stadt, seine Anwesenheit erfahrend, ihm zu Ehren eines seiner Bühnenwerke an, so ergriff er eilend die Flucht. Welch ein Meister war er des Überdrusses! – Er blieb mein Führer, mein Idol. Es rührte mich unbeschreiblich, daß er für seinen „Ring“ eine einzige Aufführung erträumt, und den naiven Wunsch gehegt hatte, die Bretter der eigens dafür zu errichtenden Bühne zusammengeschlagen, und nur die Erinnerung an das einmalige Fest verbleiben zu sehen.
Ahnte er das Brünnhildengewimmel, den Sieglinden-Vertrieb, die Feuerzauberratsche, den Opernstaub, das Gerümpel manch geradezu ochsenhaft einhermarschierender Wotane, die Hojotohos, die Beliebtheit schlimmer als jeder Boykott?
Wie ersprießlich dagegen war es, Wagner-Anekdoten zu sammeln! Am besten gefiel mir die einer alten Sängerin, an welcher er im Couloir des Münchner Hoftheaters mit dem Ruf: „Ich halte es vor Langerweile nicht mehr aus,“ in großer Aufregung vorbeilief. Er war mitten in einer Tristanvorstellung aus einer Loge herausgestürzt.
„Wie war diese Vorstellung?“ fragte ich schnell.
„Glänzend, wunderbar,“ sagte sie.
Auch mit dem uralten sächsischen Gesandten von Fabrice, dessen Erinnerungen bis in das Jahr 1847 zurückgingen, stellte ich mich gut. Er lebte damals als junger Mann in Dresden, und der Kapellmeister Wagner war ihm vom Sehen bekannt. An einem Wintermorgen auf der Straße hinter ihm her gehend, sah er ihn von einem Bettler angehalten, seine Taschen durchsuchend, ohne etwas hervorzuziehen, daraufhin kurzerhand seinen Rock abwerfend, ihn dem Manne überlassend und weitereilen. Ein Brief aus Zürich an Liszt, in welchem er wie gewöhnlich über seine Geldnot klagt, über die einbrechende Kälte, und daß er keinen Wintermantel habe, ist zwei Jahre später datiert. Und vielleicht war ich die einzig Eingeweihte (denn Fabrice war tot), welche wußte, warum dies Garderobestück ihm fehlte.
So blieb alles beim alten, ob ich auch in weiten Bögen Wagner-Vorstellungen mied. Nietzsches Auffahrt überwand ich unschwer. Selbst von einem so großen Geist beirrte sie mich nicht. Die Nähe war eine Beeinträchtigung auch für ihn, da hier nur die Distanz den richtigen Sehwinkel für ein maßgebendes Urteil schaffen konnte. Selbst für ihn. Daher die Bitterkeit, der schmerzliche Unterton bei Nietzsche, der seine eigene Desertion niemals verwand. Von Wagner wissen wir als einzige Äußerung zu dem Bruche nur jene Worte, die er ihm bestellen ließ: nunmehr sei er ganz allein. Und so dünkte mir denn auch der „Fall Wagner“ an allen Ecken und Enden ein „Fall Nietzsche“.
In diesem Punkte hatte ich sicher recht. – Vierzig Jahre nach Wagners Tod trat der französische Komponist Paul Ducas in der Revue Musicale mit einer Charakteristik Wagners hervor, die, ein Meisterstück an Augenmaß – eben diese Spanne von vierzig Jahren (die Zeit schafft hier den geistigen Raum) zu einer ihrer wesentlichen Voraussetzungen hat.
Gedulde dich, lieber Leser. Jede noch so weit ausholende Kurve führt uns zur Brücke zurück, auf der ich, mitten unter den Statuen stehend, über beste Todesarten meditiere.
Denn von meiner Verstiegenheit, wie grotesk sie auch sein mochte, gab es kein Zurück. Es blieb nichts übrig, als die Probe auf das Exempel, in diesem Fall auf die Verstiegenheit, zu stellen. Sie war das hohe Meer, längst allen Ufern entzogen. Erreichbare Küsten forderte ich nicht mehr, wohl aber, daß Küsten, wie immer unerreichbar, vorhanden seien. Dies forderte ich. Ich forderte ein Zeichen. Mit dem Glauben, den ich mir zurechtgelegt hatte, zu sehr verwachsen, konnte ich ihm nicht entsagen, ohne mich selbst aufzugeben. Jener Satz, daß der Sprung vom niedrigsten zum höchsten Menschen größer sei, als der vom höchsten Tier zum niedrigsten Menschen, hatte Wasser auf meine Mühle getrieben. Denn Rangunterschiede waren mein Steckenpferd. Es konnte nicht anders sein, als daß der Auserwählte, die Persönlichkeit, nach besonderen Gesetzen antrat, ob sie auch, infolge des verhängnisvollsten aller Mißverständnisse, mit Vorliebe zum Haufen geworfen wurde. In diesem Lichte nur war alles wahr und falsch zugleich, was vom Menschen als dem Maß aller Dinge, wie als dem Ausbund aller Nichtigkeiten stand. „Ihr seid Götter“, hieß es zu den einen, und den andern wird verkündet, daß sie endlose Male wiederkehren oder sterben werden, was ja dasselbe ist. Vom Gattungsmenschen und seinem Korrelate, dem Gemeinschaftsgrab, lief die Leiter bis hinauf zur Marcia sulla morte d’un eroe. Viele lebten, deren Anteil an grausamen Geschicken täglich sich vermehrte ... ebenso sicher dünkte mir dies, als daß geheime Zaubersprüche walteten – deren Formel wir nur nicht kennen – über die weniger sterblichen, die vollendeten Typen. Freie waren’s. – Einen mächtigen Freibrief erkannte ich ihnen zu: die Not, die eine mit der Erlesenheit ihrer Natur so zerworfene Welt ihnen bereitet, genügte.
Aber meine geistige Existenz hatte ihre inavouablen Seiten: ich erachtete mich als ein Wagnerisches Produkt. Wem hätte ich derartiges eingestanden? Mußte meine Verstiegenheit nicht Folge und Grund zugleich meiner Verlassenheit sein? Und wie hätte diese Verstiegenheit – ein Notbehelf auf sie – mich nicht isoliert? Über Gute und Böse ging die Sonne auf, über den Narren aber stand sie still.
Bücher hatten versagt; Rom hatte versagt. Ich hatte ich weiß nicht was für Hoffnungen auf diese Stadt gesetzt, als müsse die Berührung ihres Bodens mich heilen. Aber Rom hat nichts Beschwichtigendes, es sei denn sein Licht. Rom wühlt alle Rätsel doppelt auf, und welche
Argumente hielten stand vor dem teuflischen Dreh, der teuflischen Zweideutigkeit dieser Welt, den Abgründen, ins Unbeweisbare überall aufgetan, dem Netz des Leidens ausgeworfen nach der Kreatur, dem weglosen, verwirrenden Leiden des Getiers? Dies und meine geistige Einzelhaft schlug mir über dem Kopf zusammen.
„Ein Zeichen!“ sagte ich laut. Ich forderte ein Zeichen unter diesem Abendhimmel Roms. Wieder hielt ich meine geistigen Arme emporgerichtet, wie in jener Nacht, da ich auf dem Weg zur Hexe, gegen die Hütte geschleudert, das gestirnte Firmament vor die Schranken rief. Liefen alle Anstrengungen und alle Opfer leer, dann war auch der Selbstmord nicht die fausse sortie, die Schopenhauer meinte, lebten aber die Kräfte, von welchen ich zehrte, warum sollten sie sich nicht bekunden? Tat ich dies? Träume waren meine einzige Gewähr gewesen. Träume lagen mittewegs. Aber Zweifel und Ernüchterung raubten mir die Kräfte, mich zu ihnen aufzumachen. Was also waren Träume?
Aber kehren wir zur Brücke zurück.
Man schrieb den 7. Februar. Eleonor erwartete mich in Venedig. Sie hatte endlich ihre erträumte Etage, und ich gedachte bis zum 13., dem Todestag Wagners, bei ihr zu bleiben. Wie jene Kranken, die zur Schwelle eines Tempels pilgerten, Rat oder Heilung dort erhoffend, so zog ich nach Venedig, mein Orakel zu vernehmen; entschlossen, das Fazit meiner mondsüchtigen Schritte zu ziehen. Zweck- oder Sinnlosigkeit meiner verschütteten, greisenhaft verlebten Jugend bis zu den Sternen setzend, die letzten Lose auswerfend, da ich nichts zu verlieren hatte, wenn ich verlor. So wandte ich mich endlich von dem Flusse ab, ging in der Dämmerung zwischen den Statuen, dann über den Korso zurück, zum ersten Male wieder guten Mutes, ja entrückt.
Eine nette kleine Giftreserve zu unterst in meinem Koffer, sprang ich um Mitternacht in die Gondel, in welcher Eleonor und ihr glücklich heimgekehrter Gatte gekommen waren mich zu holen. Die stillen Wasserstraßen klangen vollstimmig an mein Ohr; und als der Morgen aufzog, sangen die Paläste, der Canale Grande lag in voller Bläue, seine Wellen tönte ein Hauch von Rosenglut, und wie ein Lied entstieg San Giorgio. Alles, selbst die Steine modulierten. Florenz ist Graphik, auf Silbergrau gezogen; Literatur. Viel zu streng und steil und traumlos für das unreife Gemüt. Venedig ist Musik. Süß durchbohrt es das gequälte Herz. – Da war ein Gäßchen, hoch und steinern bis auf den schmalen Himmelsstreifen, der darüber leuchtete. Glatte Mauern bis auf ein Fenster, das offen stand. Schwefelgelbe Sonnenstrahlen schmetterten auf rote Nelkenstöcke, die davor blühten. Lange mußte ich stehen und schauen, aber so, wie einer horcht.
„Nicht denken“ war die Devise, nach welcher die folgenden Tage in großer Scheinruhe verrannen. Im Nu war der Vorabend jenes Todestages (der meiner Abreise) gekommen. Ich fürchtete mich. Ich dehnte ihn so lange wie möglich aus. Mein Zug fuhr in der Frühe. Wenig Stunden trennten mich von ihr. Die Nacht kam.
Ein schmales feldbettähnliches Gestell nahm die Mitte meines Zimmers ein. Eleonor war stolz auf die bedruckte Leinwand, mit der es wie eine kostbare Schachtel ausgeschlagen war. Nachts gab es viel Gezänke und Gelächter in den Gassen. Heute belebten sie sich nicht. Wie eingelassenes Wasser stieg die Luft. Ich sah mich selbst im hohen Spiegel, feierlichen Auges gleichsam eingeschleiert, wie die Jungfrau, welche ihre Öllampe für den Bräutigam bereit hält. Die Nacht hielt ihre Runde. Über die Lagunen lag letzte Finsternis gefaltet; sie deckte alle Pfade, alle Wälder, alle Brücken zu. Alle Flüsse rauschten unsichtbar. Alle Tiere, die ihr Dasein noch gerettet hatten, schlummerten beruhigt. Erst mit dem Morgen drohte ihnen wiederum Gefahr. Gesichert schliefen die süßen Vögel im Gezweig. Friedliebend ist die Nacht, nur den Kranken und unglücklich Liebenden abhold. Auch mich entriß sie ungnädig schnell dem barmherzigen Schlaf. Stoßähnlich mein Erwachen, daß ich erschreckt das Licht aufdrehte. Dumpfen Pulses. Leer. – Zu den hold umspannten Wänden meines Zimmers verhielt ich mich nicht länger. Gefängnismauern kamen sie gleich, feucht von Schlangen, die ihre Köpfe nach mir zuckten. – Abgetrennt wie ein Gespenst. Nichts also. Es schlug vier Uhr von den Kirchen und den Türmen Venedigs. – Also nichts. Ob ich auch meine Knie umklammernd mich besann ... Nichts. Auf dem Flur eines gewöhnlichen Hauses hatte ich gestanden auf der obersten Stufe einer alltäglichen Stiege, fünf Treppen hoch. Das war alles. Ein paar Schritte trennten mich von einer verschlossenen Tür. Warum verschlossen? und warum wollte ich zu ihr? ich wußte es nicht einmal. So schwache Furchen hatte das nichtssagende Bild gezogen. Was hielt mich ab, den Flur zu überschreiten?
Ich sank zurück.
Solchen Nichtigkeiten nachzuspüren war zu verächtlich, Hunde nur nahmen, was sie kriegten, und wühlten noch unter Knochen.
Das Licht verlöschend ward ich eins mit der Finsternis.
Der Riese aber ...
Ein Riese?
Der grauenhafte Riese, der mir den Weg zur Tür versperrte und sich über mich warf. Der schreckliche und aussichtslose Ringkampf mit dem Riesen, der, kaum überwältigt, in Nu emporgeschwungen, mit Würgerhänden mich von neuem überfiel? Zu öfteren Malen, aber stets vergeblich, besiegte ich den dunklen, nie erlahmenden Riesen, und doch, ob ich ihn auch in die Tiefe stürzte, seiner immer entsetzter, immer atemloser gewärtig. Das Ringen wiederholte sich so oft, es dauerte so lang, meine Kraft war ausgegeben. Wie kam es, daß er doch noch einmal unterlag? Nur zum Scheine zwar. Lautlos ballte sich flugs wieder die fürchterliche, wesenlose Masse vor mir auf. In die Knie brechend stieß ich ihn hinab. War mir ersterbend eine Frist gewährt, die Türe dennoch zu erreichen? War diese Stiege nicht mehr gemein? Welche Schwelle überzog ich da so tief aufatmend, so erschöpft, daß ich nicht mehr wußte, ob ich lebte?
O Gott, welch ein Gemach! wie ein Söller hochgelegen. Und wer war diese alte Dienerin, so schmächtig und so edel von Gestalt, der ich mich überließ, die nur insofern Anwesende, als sie mich stützte, mit meinen Füßen sich zu schaffen gab und mich zu einem niedrigen antiken Bett geleitete? Statt des Fensters eine breite Öffnung in der Mauer, die auf eine klassische und rätselhafte Landschaft niedersah: Bergeslinien, die mit so sanftem Schwunge zur Meeresebene ausliefen, als flössen die Farben aller Tageszeiten in einem einzigen Glissando.
Aber die Luft um mich her, diese unnennbare Luft, sie vor allem war das Kompendium des Glücks. Ich war allein. Ich wartete auf niemand. Niemand kündete sich an. Doch mein Alleinsein war köstlichstes Umgebensein und aller Fülle teilhaft. Jegliche Gemeinschaft, mit dieser Einsamkeit verglichen, war Verlassenheit. War ich allein? Wo fände sich ein Wort für solche Vielsamkeit?
Die Stiege, das unwirsche Alltagshaus entsunken und wesenlos das Ringen. Geworden nur die Süße dieser Müdigkeit, die Wonne dieser Luft. Wie ein Stern, dessen Licht den Äther durchfliegt, so hatte der Traum einer Spanne Zeit bedurft, um mein Bewußtsein zu erreichen. Ich saß hoch aufgerichtet, meine Knie umklammernd, mein Gesicht vergraben.
Mut, sagte ich zu mir, Mut, Mut.
Mit diesem Worte schließt die Geschichte. Es bedeutete einen Wendepunkt in meinem Leben. Ein neues begann, und es zeigten sich Horizonte, von denen meine gleichzeitig leichtsinnige und eingeschüchterte Jugend bisher nichts gewußt hatte. Schließlich mischte sich sogar die Weltgeschichte ein. Die Erzählung selber aber, die, als ein umfangreiches Buch angelegt, „Unitalienischer Roman“ heißen sollte, blieb darüber Entwurf. Der Weg, der an die Stelle zurückführen würde, wo die kaum begonnene Geschichte abbricht, ist auf ewig verschüttet. Was bleibt, ist ein großes Bedauern über die Zeitwende, das vielleicht auch andere teilen werden – und diese kleine Novelle.
WERKE
VON
ANNETTE KOLB
DAS EXEMPLAR
Roman
8. Auflage
Der erste Eindruck des Buches, schon nach wenigen Seiten, ist Kultur. Es gibt wenig Bücher, die so scharf wie dieses die Zeitseele enthüllen. Und im übrigen ist das Buch reich an allerlei entzückenden Dingen. Man wird in ihm sehr heimisch in London und auf den Landsitzen der Gesellschaft. Das Buch vereint wirklich zwei selten verträgliche Eigenschaften: geistige Tiefe und Charme. Es ist nicht nur ein bedeutendes, sondern auch ein liebenswürdiges Buch.
Kurt Münzer
ZARASTRO
Westliche Tage
5. Auflage
Hier stürmt und braust es, hier läßt Annette Kolb, die alles mit scharfer Beurteilung ansieht, die ungehindert ihre Meinung ausspricht, die glühend kämpft, die oft hart wird, oft ihre Freunde kränkt, weil sie zu kraft- und willenlos seien. Es ist ein Buch der Gegenwart, ein Buch, das unsere ganze Zerrissenheit darstellt, denn Annette Kolb steht mitten in dieser Gärung, diesen Konflikten. Es sind Tagesaufzeichnungen, sie wirken daher überaus lebendig.
Minna Cauer
FISCHERS
KLEINE ILLUSTRIERTE BÜCHER
THOMAS MANN, TONIO KRÖGER
Illustriert von E. M. Simon
HERMANN HESSE, IN DER ALTEN SONNE
Illustriert von Wilhelm Schulz
E. von KEYSERLING, HARMONIE
Illustriert von Karl Walser
BERNHARD KELLERMANN, DIE HEILIGEN
Illustriert von Magnus Zeller
THOMAS MANN, HERR UND HUND
Illustriert von Georg W. Rößner
GERHART HAUPTMANN, FASCHING
Illustriert von Alfred Kubin
JOHANNES V. JENSEN, DER MONSUN UND ANDERE TIERGESCHICHTEN
Illustriert von Arthur Wellmann
HERMAN BANG, DIE VIER TEUFEL
Illustriert von George G. Kobbe
Anmerkungen zur Transkription
Die ursprüngliche Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten.