Siebentes Kapitel

Es fehlten nur noch vier Tage. Mein Koffer stand inmitten des Zimmers aufgeschlagen; im Tanzschritt hatte ich schon ein paar Sachen hineingelegt, da sank mir noch einmal der Mut. An einem fast schwülen Tag riß mir auf dem Heimweg ein plötzlicher Sturmwind den dünnen Umhang immer wieder in die Höhe, während ein eisiger Regen die Schultern durchnäßte. Es half nichts mehr, daß ich nachträglich eine gesteppte Seidenjacke überzog und ganz vermummt zum abendlichen Spiele schritt. Der Frost wollte nicht mehr weichen. Die Noten dagegen schienen alle aus ihrer Bahn geschleudert, erst nur gefallenen Maschen gleich, und die sich selber wieder fingen, dann aber sich auflösten zu einem verwirrten Heere, das hinauf und hinab nach allen Seiten stob, die kleinen, die schwachen und kurzen von den mächtigen tief unter die Linien hinabgestoßen. Wer gab den verrannten Scharen die Ordnung, die Besinnung wieder, die aufgewirbelt, mit gesenkten Köpfen losfuhren gegeneinander und begeistert fielen. Hilf Gott. O der Not, o des Getümmels! Wüste Bilder, Gesichte des Fiebers hatten im Nu unerträgliche Hitze erzeugt, und ich warf Schal und Jacke von mir. Doch die Hexe hatte keinen Unterschied in meinem Spiele wahrgenommen, sondern mit demselben bemerkenswerten Stirnrunzeln zugehört wie alle Tage. Was legte sich indessen wie eisige Tücher um Nacken und Hals, daß die Zähne zusammenschlugen? Und wer, o wer hatte die Flammen im Kamin verräterisch umnebelt, daß sie so trübe tanzten, kalt auch sie? Zuckte es da nicht wie von Schlangenzungen in den Augen der Hexe auf, als sie, ohne ein Wort zu sagen, endlich die Zeichen meiner Erkrankung las, die ihr doch nicht genehm sein konnte ... und ich war nicht gewillt, so hart vorm Ziele dem Becher der Freuden zu entsagen. Wie mit Krallen, alle Energie der Jugend im Aufgebot, focht ich gegen die Erkältung an und trat sie nieder. Als Cara nach einer schier endlosen Nacht endlich, endlich bei mir eintrat, schlürfte ich den Tee, den sie mir brachte, wie ein Elixier, und als wiederum der Abend kam, schlug ich den Flügel auf, als fehlte mir nichts. Die Hexe konnte nicht umhin, sich gnädig zu zeigen. In Wahrheit begegneten sich jetzt unsere Wünsche: der meine, sie zu verlassen, der ihrige, mich los zu sein. Bedeutete sie mir doch seit kurzem immerzu den deutschen Weihnachtsbaum, unter dem ich nun in Bälde stehen würde, und was für eine hübsche Sitte er sei. So lag ich jetzt tagsüber in meinem Zimmer zusammengerollt, Cara braute mir ungehindert allerlei bittere Getränke und trug mir dann die entzauberten Speisen auf, in welchen ich statt zerfaserten Schilfes Bohnen oder Spaghetti erkannte.


Achtes Kapitel

Es dämmerte der Morgen meiner Abreise: hochgehißt, wie eine entrollte Fahne, war er da. Zum letzten Male saß ich in dem zugigen Speisesaal zur ebenen Erde und spürte seine kalten Ziegel unter meinen Füßen. Der Regen schlug gegen die Scheiben; böse fuhr der Wind sie an. Aber trotz des schonungslosen Mittagslichtes faßte ich heute die Hexe und ihre Drachenschulter voll ins Auge. Sie glaubte noch immer, in einigen Stunden würde mir der Apennin im Rücken liegen.

Es gab zu diesem Essen eine unvergleichliche Pastete. War sie wirklich so vortrefflich, oder würzte sie zur Götterspeise das Gefühl des Sieges und der überwundenen Krankheit? Zwei Riesenstücke hatte ich schon davon gegessen und fuhr trotzdem fort, ihr Blicke zuzuwerfen. Auf einer Seite hielt sich noch eine Kruste aufrecht. Etwas wie eine halbe Entschuldigung, ein verlegenes Lächeln, und ich streckte sie hin. Denn die Fenster sahen auf den Hof, und dort stand ja schon das Wägelchen gerüstet, und meine Koffer lud man jetzt schon auf. Es folgten nur noch die paar Augenblicke in dem verhängten Salon, wo die Schatten alle Dinge schonten und man den Himmel weinen hörte über dieses Haus. Meinem stets vorgreifenden Gemüte war es schon abgerückt, derweil ich mich noch darin befand; schon war sie mir vergangen, diese ganze Zeit, mit der ich erst im Begriff stand abzuschließen. Weggeblasen die lächerlichen Klavierabende; alles vergessen, da es überwunden war!

Zum ersten Male seit meiner Ankunft schwang ich mich wieder auf den hohen Sitz, von dem aus die Hexe ihr schemenhaftes Roß kutschierte. Entzückt von den Schönheiten des Weges, seinem Flüßchen, seinem Immergrün, hoben sich meine Arme zum Gruß der Rosen, die so spät von einem ewigen Sommer träumten im Schutz des trügerischen Laubs.

In San Gervasio stieg ich aus.

„Ich hoffe,“ sagte die Hexe, – denn nichts hätte gesitteter sein können, als unser Auseinandergehen – „ich hoffe, Sie besuchen mich, falls Ihr Weg Sie wieder in die Gegend führt.“

„Ich werde gewiß nicht verfehlen.“

„Sie sind noch erkältet. Nehmen Sie sich in acht. Sie werden eine kalte Reise haben.“

Ich lachte. Mochte das verderbliche Weib sich wundern über mein leichtes Herz. Später, irgendwann, sollte es von meiner Übersiedelung nach Fiesole erfahren, als hätte es sich auf Grund einer Begegnung ganz improvisiert und zufällig ergeben. Denn so war es ausgemacht. Und alles fügte sich gut. Ihr Gefährt war außer Sicht, bevor ich den Zug bestieg, der statt nach Florenz den Hügel von Fiesole hinauffuhr.