FEBRUAR 1919.
Mit dem Berner Internationalen Sozialistenkongreß, dem seit August 1914 einzigen Ereignis von wahrhaftem Sein, das mitzuerleben mir vergönnt war, schließt dieses Buch.
Hoch über den Bernina-Alpen und dem Julier türmten sich die Wolken zu goldenen Toren und zu glühenden Rossen. Phaeton, wieder erstanden, lenkte sie wieder, die italische Ebene im Angesicht. Die Spuren der Räder, waren sie nicht der Rauch, der am Himmel verflog, während nach Norden hin das Gebirge zu Tod erblaßte? Auch der nach Süden gerichtete Wald starrte unter der Last des Schnees. Doch die Luft wehte so befiedert leicht über ihn hin, und es herrschte ein Licht wie über Palmen. Man hatte Glatteis unter den Füßen und war dem Winter entronnen.
Aber Fortunios Gesicht war wie zerhöhlt von Ungeduld. „Haase ist schon in Bern,“ sagte er, „der Kongreß ist im Gang. Wir müssen hinab.“
Da es der erste war, dem ich beiwohnen sollte, verband ich weiter keine Vorstellung mit ihm, als die mehr oder minder langweiliger Reden, und ohne sonderliche Erwartungen betrat ich zum ersten Male den Saal. Kein Delegierter aber drängte von nun an eiliger zu ihm zurück. Oft war er in der Mittagspause noch geschlossen, als ich schon davor wartete.
Zu den Morgensitzungen ging Frau v. Schreckenburg mit mir. Nachmittags saß ich am Tische mit Fortunios, vor uns die Franzosen. Da waren Renaudel, Cachin, Longuet, Rappaport, Loriot, Faure, dann kam der englische Tisch mit Henderson, Macdonald, Norman Angel. Von dort leuchtete das leichte Gold von Mrs. Snowdens Haar. Sie trug keinen Hut. Der schöne, zarte und energische Kopf war der Lichtpunkt des Hauses. Die Deutschen und Österreicher saßen ganz vorn, zu weit entfernt, um sie zu unterscheiden, es sei denn, daß sie sich erhoben.
Bleich, abgezehrt, den schmalen und ehrwürdigen Kopf ein wenig seitwärts, stahl sich im fahlen Schein des Wintervormittags der, eben von der Bahn gekommene Eduard Bernstein bescheiden herein. Die französischen Sozialisten sahen ihn zuerst, eilten auf ihn zu und begrüßten ihn stürmisch. Daraufhin erhob sich der ganze Saal zu einer Ovation. Wie frohlockte da mein undemokratisches Herz!
Als Viktor Adler auf das Podium trat, gaben wiederum die Franzosen das Zeichen zu einem lang andauernden Applaus. Adler war der Motor des Kongresses. Unerbittlich die Mitte einhaltend, wies er jede Parteilichkeit schroff zurück, von welcher Seite sie auch stammte; ihm war das gleich. Sein blasser Löwenkopf tauchte dann zum Angriff auf: „Un homme politique, mais pas de bonne politique“, forderte er Renaudel heraus. Seine Stimme klang wie Erz. Aber allen Differenzen, Vorwürfen, Ausreden, Angriffen zum Trotz fing eine Einigkeit sich herauszuschweißen an, und wie unter einem glühenden Hammer stoben Funken zu einer Garbe auf. Haß schmolz zu Mitgefühl. — Zwar wurde jenen deutschen Delegierten, welche die Politik ihres Landes zu verteidigen suchten, prompt die Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens zu Gemüte geführt, stellten aber dann ihre Angreifer den deutschen Militarismus immer wieder allein an den Pranger, so wurden sie regelmäßig von Zwischenrufen wie: „Et le militarisme français! et le nôtre! et tous les militarismes!“ von der französischen Linken unterbrochen.
Überhaupt war dieser französische Block der beste, der wärmste. Von ihm ging das Unbehagen aus, wenn ausschließlich das deutsche Sündenregister stieg. Scheu, Zartgefühl, Respekt (ja Respekt!) vor dem Geschlagenen (weil geschlagen), sie stammten von dort. Und schon gärte die Atmosphäre wie ein starker Wein. Klug wie ein Erzengel ließ der hochaufgerichtete Huysmans mit dem schönen Donatellokopf bei den Reden, die er französisch und englisch übersetzte, alles Unwesentliche fallen. Oft waren sie lebendiger als im Original. Behender löst kein Eichkätzchen die Haselnuß aus ihrer Schale.
Ach, so viele gute Menschen waren hier! Unbeweglich, als wäre er nur eine Zimmerpalme, hielt sich unser aller A. H. Pax im Hintergrund; und wie Kerzenlicht im Mittagsscheine tauchte bald hier, bald dort Fortunio unauffällig auf.
Hin und wieder kam in Frack und weißer Binde, pour finir sa soirée, ein Attaché gegangen und wirkte in dieser so weit vorgreifenden Luft wie eine Varieténummer aus einer veralteten und komisch gewordenen Welt. Der eine oder andere blieb gebannt, und die Geschniegeltheit fiel von ihm ab.
Die Fürstin Patschouli aber war sehr ungehalten, was sie nicht hinderte, mir zwischen zwei Sitzungen ihren stärkenden Kaffee zu brauen. Sie wollte wissen, wer mich denn so interessierte. Ich nannte einige. „Quels noms!“ sagte sie, zum Himmel emporblickend.
Als Partei interessierte mich ja der Sozialismus so wenig wie jede andere. Aber das Ergebnis der kapitalistischen Ära war ein wirrer Knäuel ineinander verbissener Verbrecher, und es war eine Welt, welche der Sozialismus jedenfalls nicht bereiten half. Er hatte keinen Teil an ihr. Deshalb nur gab es keine andere Brücke als ihn, denn er war nur ein Weg, der weiterführt, indem er zurückgelegt und überwunden wird, niemals ein Ziel.
Woher kam es aber, daß er, der angeblich auf rein materialistischer Grundlage beruhte, er allein unter allen Parteien, ohne Anstoß zu erregen, christliche Gleichnisse anführen durfte. Warum, statt Schamröte in die Stirn zu treiben, war es so rührend, wenn der geistvolle Longuet, der auf dem Podium auf und ab zu gehen pflegte, während er sprach, ein Zitat aus den Evangelien gebrauchte, oder wenn Mrs. Snowden eine Rede mit den Worten schloß: denn wir sind Brüder?
Nach ein paar Tagen kannten wir einander fast alle. Einmal fielen wir an eine Tafel aus im geschlossenen Raum; eine unbändige Heiterkeit bemächtigte sich unser, aber wir blieben sitzen. Ich spielte mich auf die Wirtin auf und machte die Tischordnung, als sei das Essen von mir, A. H. Pax vermißte die Schnäpse, und wir kamen nicht aus dem Gelächter. Etwas in unserer Befreitheit erinnerte dabei ganz deutlich an jenes Gastmahl im Neuen Testament, von welchem der nicht im Feierkleide erschienene Eindringling in die äußerste Finsternis zurückgewiesen wurde. So hatten auch wir keine unsicheren Gestalten hereingelassen.
Ich werde mich schwer hüten zu sagen, wer meine Tischnachbarn gewesen sind. In streng geschiedenen Gruppen, die einander nicht mehr kannten, fanden wir uns im Saale wieder ein. Denn wie der Chor der Gefangenen in „Fidelio“ wußte man sich belauscht mit Aug’ und Ohr, und vermied es, von Lager zu Lager sich zu grüßen.