Fußnoten

[1] Als ich das erstemal in der Schweiz war, gab mir Aramis ein Dossier über die Deportationen, von deren Einzelheiten ich noch keine Ahnung hatte. Wer die französische Familie kennt, und weiß, wie sehr sie ihre Töchter hegt und hütet, der sah hier wahre Abgründe des Hasses und der Rachgier bereiten. Ich fuhr damals von Bern direkt nach Berlin, kannte aber von den Ministern jener Tage nur Solf, und auch diesen nur ganz flüchtig. Ihn bat ich in einem aufgeregten Brief um eine sofortige Unterredung. Er war gerade an einer Angina erkrankt und empfing mich zu Bett mit einem hochroten Gesicht, Eisbeutel auf dem Kopf. Am Fenster, mit dem Rücken gegen das Licht, stand ein Oberst. Ich kramte nun die Notizen hervor, die ich vor der Grenzüberschreitung in den Bodensee geworfen, und zwischen Lindau und Kempten wieder ins reine geschrieben hatte; der Oberst sprach die Befürchtung aus, daß sie der Wahrheit nur allzusehr entsprachen. Mit Hilfe dieses militärischen Freundes setzte Solf, obwohl gerade damals grimmig von den Alldeutschen angefeindet eine enquete durch. Und schon glaubte ich die Partie gewonnen und das Handwerk der Herren Ludendorff und Konsorten gelegt. Denn wirklich konnten Tausende von Frauen damals nach Hause zurück, und in ihrer ärgsten Form wurde die Methode eingedämmt. Aber das Hauptquartier war noch Trumpf. Meine Darstellungen, so hieß es, seien nicht nur die hellste Übertreibung gewesen, oh nein! sondern die deportierten Töchter wären sehr erfreut, sich dem öden Einerlei ihres untätigen Lebens entzogen zu sehen; man gewann richtig den Eindruck, als müßte es für ein junges Mädchen von guter Familie geradezu eine Lust sein, deportiert zu werden, und nur eine Bagatelle für die Eltern, ihre Kinder — manches Mal auf Nimmerwiedersehen — aus ihrem Hause gerissen zu sehen, ohne die Möglichkeit von ihnen zu hören und ohne zu wissen, wohin man sie führte. Soll die Axt nie begraben werden? — Eine Versöhnung der beiden Nationen ist eine so große Notwendigkeit, daß schon aus praktischen Gründen nicht immer einseitig nur über das erlittene Unrecht Buch geführt werden sollte. Und es ist für die Deutschen die große Gelegenheit gekommen! Heute, wo der französische Militarismus seine Stunde begeht, haben sie nur ein Mittel, Frankreich von seiner Rachepolitik abzubringen, indem sie — statt wiederum von Rache zu reden — es zu fühlen geben, daß sie beklagen, es zu dieser Rachepolitik so schwer gereizt zu haben. [2] Briefwechsel zwischen Wagner und Liszt. [3] Briefwechsel zwischen Wagner und Liszt.

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):