An die jungen Männer.
Es braust in den Lüften von Pfingststürmen. Welcher junge Mann hätte es noch nicht verspürt, sei er Student, Arbeiter, Kaufmann oder Kanzlist, der es ernst nimmt mit dem Leben, das tiefe Erbeben, unter dem unser ganzes Leben, das des einzelnen wie das der Familie, das des Staates wie das der Völkerbünde erzittert? Die Zukunft des deutschen Volkes – und das geht uns zunächst an! – hat im Hochofen des 20. Jahrhunderts schon fast die Weißglut erreicht, und es braucht Männer, um das Schmelzgut ohne Gefahren und Verluste in Formen zu fassen. Ganze, reine, tapfere und treue Männer braucht es! Unter ihrem Brusttuch muß das Herz der neuen Zeit schlagen, das dem hohen Blutdruck eines intensiveren Lebens gewachsen ist und zugleich über die für unzeitgemäß tiefe Empfindungen unentbehrlichen Nerven verfügt. Es braucht überall, in jedem Feldlager der neuen Geisteskämpfe, Männer mit kühnen Stirnen, hellen Augen und nüchternen Gehirnen.
Aber erst die nächste Generation, wenn nicht erst die unserer Enkel, wird die Entscheidungsschlachten zu schlagen haben. Zu dem zähen Körper und dem hellen Geist, deren es dazu bedarf, kann das Wandern helfen! Es kann, wenn es in keine neue »Meierei« ausartet. Aber es muß es nicht. Die Befreiungskriege im Anfang des letzten Jahrhunderts haben eine gestählte Jugend vorgefunden, ohne daß man vom »Wandersport« eine Ahnung hatte. Denn auch das Wandern ist kein Allerweltsheilmittel gegen jene inneren Schwären, die zur Bewältigung großer Aufgaben unfähig machen, kein unfehlbares Mittel gegen Verweichlichung, Unwahrhaftigkeit und – in höherem Sinne genommen – Unsauberkeit. Und doch wird gerade das Wandern eines der ersten Mittel sein zur Erringung jener Eigenschaften, die das Wesen eines jungen Mannes, wie er sein soll, ausmachen. An deren Eroberung muß jeder, der sich selbst nicht gut genug ist, das ganze Feuer seiner Seele und die ungeschwächte Zähigkeit seines Willens setzen. Gut sein, wahrhaftig sein, rein sein, stark sein! Das ist's! Wer das hat, der wird nicht unterliegen! Und zwar kommt es gerade auf eben diese Reihenfolge der genannten Eigenschaften an; denn eine ist dabei die natürliche Ursache der anderen.
Tafel VII
H. Dopfer phot.
Frühjahr im Dachstein
Wehrli, A.-G., phot.
Am Untersee
Ich weiß es wohl, daß viele lächeln werden über dieses unmoderne und »lebensverneinende« Programm. Aber – abgesehen davon, daß es lebensbejahend im höchsten Sinne ist! – weiß ich auch ein anderes: Manche haben das schon fertiggebracht! Junge Männer bis in die Mitte der zwanziger Jahre! Und viele andere werden nicht anders können, als entschlossen zu nicken zu diesem stillen Aufruf: Freiwillige vor! Und diese werden ohne Anmeldung und ohne Uniform der Welt dem All, oder wie sie das in ihrer Sprache nennen mögen, ihr junges Leben zur Verfügung stellen.
Den Geist und die Kraft aber zu solchem Vorhaben werden sie am ehesten finden in den Bergen, im rauschenden Wald, wenn das erste Morgenlicht durch die Bäume in den zerzausten Rasen des Waldes fliegt oder beim Wandern im roten Mittagszauber der Heide oder wenn ein herber Wind am Abend über sonnenumspielte purpurne Kuppen streicht – oder überall wo »der Mensch noch nicht ist mit seiner Qual«. Das heißt in der Natur, die Spinoza gleichsetzt mit dem Maß des All: »Natura sive deus«.
Auf diesem Kampffeld wird der neue Krieg, der heilige Krieg um innere Größe, Reinheit und Stärke beginnen:
Vom Grund bis zu den Gipfeln,
So weit man sehen kann,
Jetzt blüht's in allen Wipfeln,
Nun geht das Wandern an:
Und die im Tal verderben
In trüber Sorgen Haft,
Der Dichter möcht sie werben
Zu dieser Wanderschaft.
Da wird die Welt so munter
Und nimmt die Reiseschuh,
Sein Liebchen mitten drunter,
Die nickt ihm heimlich zu.
Und über Felsenwände
Und auf dem grünen Plan,
Das wirbt und jauchzt ohn' Ende –
Nun geht das Wandern an!
(Eichendorff.)