Vom Kränzewinden.
Wir haben das Kränzewinden verlernt. Allerhöchstens winden und werfen wir sie noch in den Theatern. Aber ist hier nicht mehr als Theater? Auf der bunten Schaubühne der Natur mit ihrer ständigen Wechselszenerie? Nur die Kinder verstehen sich noch aufs Kränzewinden. Oder sie haben wenigstens den dankbaren Sinn dafür, wenn man sie's lehrt. Und neuerdings auch junge Mädchen, wenn sie keine dionysische oder sonstige Mode daraus machen. Denn zu einem Getue, zu dem bei uns so gerne alles wird, sind die Blumen doch zu gut. Wirklich zart können nur unverdorbene Kinder mit Blumen umgehen.
Phot. F. Clauß, Landau.
Wiesen und Hänge.
Am rauschenden Bach, der zwischen hellen Matten und dunklem Wald dahinschoß, sah ich gestern ein Mädchen, das reihte an einer dünnen Gerte weiße Gänseblümchen und violettes Knabenkraut auf. Ein zwei- und ein dreijähriges Kind, Mädel und Bub, sahen ihm mit beglückten großen Augen bei der Arbeit zu. Der junge Adam bekam einen Reif aus blühendem Sauerampfer und rotem Klee, und die kleine Eva einen aus Orchideen und Hahnenfuß. Ihr solltet einmal gesehen haben, mit welch würdiger Bescheidenheit so ein kleines Mädchen oder mit wieviel schämiger Andacht der wilde Bube seinen Kranz trägt. Sie wissen noch, daß sie dazu gehören. Zu alledem: zu den blühenden Wiesen und den grünen Hainen, zu den Vögeln, die durch die Lüfte schwirren, und zu den Käfern, die, grüngolden, sich nach allen Seiten hin retten, wenn so ein Niedeckkind aus seiner Burg stampfend und trampelnd in ihre winzige Insektenwelt geraten ist. Das sind noch Königskinder gewesen, verlaufene! Und als das Mädeli mit der dunkeln Krone auf den goldblonden Locken und das Bübli mit dem herberen Schmuck eines Ringes aus rötlichen Kleeblüten über dem kurzen Haar anfingen zu singen:
Alles neu macht der Mai,
Macht die Seele frisch und frei,
da tauchte vor mir die versunkene Stadt Vineta wie ein sonniges Nebelbild wieder auf, oder, um es modern auszudrücken, ich erlebte wieder ein Stückchen Himmelreich.
Packet also eure Rucksäcke, ergreift eure Stäbe, gehet hin und tuet desgleichen! Wir wollen nicht werden wie die Kinder. Bewahre! Dies Bemühen hat seine bedenklichen Gefahren; denn vom Kindlichen zum Kindischen ist es nicht weit. Aber »das Himmelreich annehmen als ein Kind« – das ist es. Das ist die gute Übersetzung des alten Textes vom alten Dr. Martinus Luther, der zwar keineswegs meine ganze schwärmerische Verehrung besitzt, der aber ein – Lautherr war und sich auf Deutsch verstand, noch besser sogar als mancher deutsche Oberlehrer oder Gymnasialprofessor.