Wie man Städte ansehen soll.

Phot. Fidelis Mayer, Altötting.

Altes Portal in Rothenburg o. d. T.

Im Schlendern! Ohne Baedeker oder sonstige Führer, die einen mit und ohne Stern zu den berühmten Kirchen, sehenswerten Profanbauten und nicht zu übersehenden Denkmälern geleiten. Das größte Übel beim Besehen der Städte ist der Zeitgeiz. Die meisten Wanderer leiden an der Zwangsvorstellung, »alles« gesehen haben zu müssen. Sie empfinden es fast wie eine Gewissenlosigkeit, wenn sie etwas auslassen. Das sind die Sklaven der Kataloge. Wenn sie sich Nürnberg besehen, dann sind sie vorschriftsmäßig von elf bis zwölf im Bratwurstglöckle, bis zwei auf der Burg und bis vier Uhr im Germanischen Museum. An Leib und Seele gerädert, suchen sie dann ihrer Aufnahmefähigkeit durch einige Schoppen in den historisch geheiligten Winkeln des »Posthorns« oder »so wo« aufzuhelfen, was aber zumeist programmwidrig ist.

Wer aber auf gut Glück die Straßen der alten Städte durchwandert, der empfindet auch das Glück aller ersten Entdecker! Es kann ihm nicht viel entgehen, wenn er mit hellen Augen zwei Tage lang den großen und einen Tag den kleinen Städten widmet. Aber wenn er so ganz zufällig, sagen wir, in Bremen sich auf einmal dem steinernen Roland gegenüber sieht und ganz ohne vorhergehendes Studium historischer oder künstlerischer Randglossen zu diesem ebenso merkwürdigen wie wundersamen Denkmal das kindlich freundliche Lächeln des unerschrockenen Helden der deutschen Sage auf sich wirken läßt, dann vergißt er diesen Eindruck nicht mehr so leicht. Ob er dabei den Stil des Kunstwerks für spätromanisch oder frühgotisch hielt, das tut nichts zur Sache. Er hat den Roland von Bremen einfach erlebt und hat tausendmal mehr von ihm als ein anderer, der sich zuerst kunsthistorisch unterrichtete, um sich vor den Kameraden beim Besuch der Statue »nicht zu blamieren«. Der Bock, den jener mit der falschen Stilzuteilung geschossen, ist lange nicht so schlimm als das anempfundene und fremdem Wissen entwendete richtige Stilgefühl des klugen Alleswissers.

Also lieber eine kraftvolle Dummheit als ein schwächliches Prunken mit unredlichen Kenntnissen. Denn es gibt nur eine Art von redlichen Kenntnissen, die erlebten, oder um mich chemisch-biologisch auszudrücken, die assimilierten Kenntnisse.

Phot. H. Jost.

Rathaus in Michelstadt im Odenwald.

Kein Wanderer wird es als Abfall und als Untreue von seinen eigentlichen Zielen empfinden, wenn er sich einmal aus ganzem Herzen freut, in der Ferne die grünleuchtenden Kupfertürme einer großen, mit altem und doch noch lebendigem Bauwerk gesegneten Stadt zu erblicken und das Heulager in Bauernscheunen mit dem sauberen Bett eines einfachen Gasthauses zu vertauschen. Wer das bestreitet, der prahlt. Man muß nur einmal die komisch feierliche Eßlust gesehen haben, mit der eine Schar von Wandervögeln, die ein freigebiger Gönner zu einem regelrechten Gasthofmahl eingeladen hat, sich ihrer Aufgabe entledigen. Wer das einmal neidlos zu sehen bekam, der begreift, daß auch beim Wandern allein der Wechsel erfreut, und daß ständiges Traben in der Ebene ebenso langweilig wird wie die immer sich gleichbleibenden Lagergerichte aus irgendeinem Wandererkochbuche.

Phot. R. Hilbert, Rathenow.

Aus Tangermünde.

Wenn du also, Wandersmann, nach einem guten Imbiß und einer köstlichen Nacht in einem kühlen, frischen Bett deinen Rucksack in irgendeinem sicheren Verlies aufgehoben weißt, dann schlendere unbeschwert durch die Straßen, schließe immer nur wenige, aber tiefe Freundschaften mit dem Schönsten, was dir von schönen Häusern und feinen Bildnissen, himmelhohen Domen und trotzigen Burgen dein Herz gefangennimmt. Es ist dabei einerlei, ob deine Liebe der geistvoll und fast frivol lächelnden »Fraue Welt« gilt, die am Münster von Basel hoch über dem Rhein ihr Busentuch lüftet, oder dem treuherzig dummen Ritter Georg am Dom von Bamberg, der, steif im hölzernen Sattel sitzend, mit der Unerschütterlichkeit eines Parsivals den Drachen absticht, wie wenn es sich um ein Ferkel handelte; oder ob dir die Madonna von Nürnberg in der wellenhaft aufsteigenden Andacht ihres Gewandes und der beglückt dankenden Reinheit ihrer gefalteten Hände dein Herz erbeben ließ, oder ob du die Augen nicht wenden konntest von dem zierlichen Gitterwerk des Meisters, der aus roten Quadern in der kühnen Pyramide des Freiburger Münsters einen wunderbar lichten Dank für alle Herrlichkeit der Erde dem Himmel entgegenbaute.

Zur Verfügung gestellt vom Touristenverein Hannover.

Hannöversches Dorfbild.

Sei also immer Herr deiner Zeit und nicht ihr Sklave! Du darfst sie auch dann und wann souverän verschwenden! Denn wenn du z. B. in Verona nichts vom Grab der Julia und nichts von den Reiterstandbildern der Skaligerfürsten und nicht einmal etwas von den Bildern des Paolo von Verona gesehen hast, weil es dich immer wieder nach dem alten Festungshügel jenseits der Etsch zog, wo der Zypressenwald steht und wo du den schönsten Blick auf den farbigen und zugleich kriegerisch drohenden Zauber der Stadt Dietrichs von Berne genießest, so hast du doch mehr von Verona gehabt als alle die Atemlosen, die alles gesehen haben und doch nichts.

Phot. Heinrich Jost.

Deutsches Städtchen.

Der deutsche Wanderer von Durchschnittsbildung besitzt leider noch zu geringes Verständnis für Architektur und kann deshalb die Schönheit der deutschen Stadt nicht bis auf den Grund auskosten und ihr eigentliches Wesen nicht erfassen. Aber das schließt nicht aus, daß er unbefangen und unabsichtlich den Geist, der in dem Gefüge des Ganzen wie in einzelnen Gebäuden unbewußt sinnliche Form angenommen hat, auf sich wirken läßt. Sowohl in der eigenartigen Gesamtheit des Städteaufbaues und in seinem Grundriß wie auch in den alten Köstlichkeiten verschwiegener Gassen, in der einladenden Wohnlichkeit der von einem Garten umschlossenen behaglichen Bürgerhäuser, aus malerischen Winkeln, murmelnden Brunnen, wuchtigen Plätzen und rhythmisch von Bogen zu Bogen sich schwingenden Brücken gewinnt er ein Bild von der inneren Art der Bewohner einer Stadt. Er erlebt die Stadt. Er wird sich im Innersten bewußt, daß Natur allein es nicht tut, sondern daß der schöpferisch gestaltende Menschengeist, aus den Muttertiefen der Natur heraus schaffend und vom Geist aus den Höhen befruchtet, sich über die Natur hinausheben und die Anfänge einer Welt gestalten kann, zu der ja die vollendenden Kulturwirklichkeiten noch fehlen, aber nicht immer zu fehlen brauchen. Und so viel auf diesen Seiten von den Wunden die Rede war, welche die Halbkultur unserer Gegenwart uns schlägt: aus dem Geist der großen deutschen Künstler, die vor Jahrhunderten ihre Sermons in stone gehalten haben und ihre kraftvoll schöne Gedankenwelt Fleisch und Blut in Steingestalt gewinnen ließen, wird der mit den Sinnen einer sublimeren Weltanschauung ausgestattete Wanderer bei gelegentlichem Schlendern durch schöne alte Städte den Glauben an die Zukunft des Volkes sich wiedererringen. Und dieses Heilmittels, des großen Zukunftsglaubens, können wir als Heilung gegen die vielen Bisse und Stiche, deren wir uns von der Amphibienwelt unserer Halbkultur nicht erwehren können, am wenigsten entbehren.

Phot. Ferrars, Freiburg i. Br.

Im Freiburger Münster.