Fünfzehntes Kapitel.
Wochen waren vergangen. Der Unfehlbarkeitsbrei brodelte noch immer unfertig im Topfe des Konzils, und der Papst, welchem seine Umgebung vorgespiegelt haben mochte, daß die Sache glatt und schnell abgewickelt sein würde, wurde ungeduldig. So suchte die Jesuitenpartei nach einem Mittel, die Angelegenheit zu beschleunigen und glaubte ein solches gefunden zu haben in der Aenderung der als zu freisinnig sich erweisenden bisherigen Geschäftsordnung. Man rechnete dabei vor allem auf die für den Glaubenssatz unbedingt zur Verfügung stehenden Stimmen und glaubte auf das hin etwas wagen zu dürfen, was einem Gewaltakte täuschend ähnlich sah.
So wurde durch die neue Geschäftsordnung verfügt, daß sowohl die Versammlung, als auch der Präsident das Recht haben sollte, jede Debatte abzuschneiden und eine Abstimmung herbeizuführen. Wenn man erwägt, daß die Präsidenten und das gesamte Direktorium vom Papste ernannt wurden, und daß überdies die Mehrheit der Versammlung bedingungslos alles anzunehmen bereit war, so erhellt daraus, welchen Wert alle ferneren Beratungen noch haben konnten. Dazu kam die weitere Bestimmung der neuen Geschäftsordnung, daß alle Beschlüsse mit einfacher Stimmenmehrheit gefaßt werden konnten. Der Zufall einer einzigen Stimme sollte Ausschlag gebend sein für einen so ungeheuer wichtigen Beschluß, welcher tief in das Leben der Kirche eingriff.
Ein solches Vorgehen rief unter einem Teil der Konzilsväter eine heftige Bewegung hervor, und wiederum waren es die deutschen und österreichischen Bischöfe, denen sich auch französische und ungarische anschlossen, welche keinen Augenblick die gefährliche Bedeutung der neuen Geschäftsordnung verkannten.
Auch im Hause des Kardinals Schwarzenberg zitterte diese Erregung nach. Professor Meyer, der sonst außerordentlich ruhig blieb, erörterte mit Schärfe und klarer Gewissenhaftigkeit die Sachlage, und Dr. Frohwalt, welchem die ganzen unwürdigen Vorgänge genügend bekannt waren, fühlte sich immer mehr erschüttert in seinen Anschauungen, die er von der ewigen Stadt und ihrem kirchlichen Leben gehabt hatte. Mehr als einmal dachte er des Gesprächs mit Professor Holbert, und mit eigenen Augen sah er nun, welche gefährliche Macht der Jesuitismus in den Händen hatte, eine Macht, der gegenüber der offene, ehrliche Mut der besser denkenden Kirchenväter immer mehr ins Wanken kam.
Auch diesmal kamen sie über halbe Maßregeln nicht hinaus. Wohl machten etwa hundert Kirchenfürsten eine Eingabe an den Papst, in welcher sie gegen die neue Geschäftsordnung sich wendeten mit der Erklärung, daß infolge derselben dem Konzil vorgeworfen werden könnte, daß es der Allgemeinheit, der Wahrheit und der Freiheit entbehre.
Nur vorgeworfen werden könnte! Hier fehlte das eigentlich richtige, das mutig durchgreifende, entschieden protestierende Wort, und so war es nicht verwunderlich, wenn solche Eingaben erfolglos blieben, und wenn die jesuitischen Ratgeber des Papstes sich ins Fäustchen lachten.
Frohwalt war mit dem Jesuitenpater Felice zusammengetroffen, und dieser hatte mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit sich an den jungen deutschen Theologen angeschlossen. Im Gespräch aber hatte er mit einem beinahe spöttischen Lächeln um den schmalen Mund sich über die Bemühungen der deutschen Bischöfe geäußert, dem heiligen Stuhle Widerstand zu leisten und hatte mit humoristischer, aber unverkennbar höhnischer Wendung darauf hingewiesen, wie die Konzilsväter Rom nicht eher verlassen würden, bevor nicht das neue Dogma fertig sei. Der römische Sommer werde ihre Bedenken schon schmelzen helfen.
Frohwalt war der kalt lächelnde Mann mit den scharfen Augen niemals mehr widerwärtig gewesen, und er fühlte sich von seiner Freundlichkeit abgestoßen. Die Frage, weshalb er das Haus des Prälaten Parelli nicht mehr besuche, und ob er vielleicht die schönen Augen der Signora fürchte, empörte den jungen Priester, und er war nahe daran, mit heftiger Deutlichkeit dem Jesuiten den wahren Grund dafür anzugeben. Aber er bezwang sich und schützte irgend einen gleichgültigen Grund vor.
An Parellis Haus und die Verhältnisse in demselben sollte er aber bald in noch weniger angenehmer Weise erinnert werden.
Es war an einem Sonntag. Sisto, welcher ein kleines Stübchen im Erdgeschoß des Hauses des Prälaten inne hatte, neben der Wohnung Giovannis, hatte den ganzen Nachmittag an seinem Fenster gesessen und an einer Buchsbaumfigur geschnitzt, welche er schon seit einiger Zeit in der Arbeit hatte. Der Junge besaß ein ganz außerordentliches Geschick, und der Meister, bei welchem er sich in der Lehre befand, hatte sich wiederholt dem Prälaten gegenüber ungemein lobend ausgesprochen. Sisto hatte beschlossen, seinem Wohlthäter heimlich eine kleine Freude und Ueberraschung zu bereiten, und niemand sollte davon wissen. Es war eine ganz köstliche Phantasiefigur, an welcher er schnitzte, eine Art Satyr, welcher auf der Schulter ein reblaubumwundenes Fäßchen trug, das als Lämpchenhalter verwendet werden konnte.
An diesem Sonntage wollte der Knabe mit seiner Arbeit zu Ende kommen, und als es dämmerte, war er in der That so weit, daß er mit Befriedigung auf das vollendete Werk schauen konnte. Er freute sich daran, noch mehr aber darüber, das kunstvolle Lämpchen heimlich in das Schlafgemach des Prälaten zu stellen und ihn so besonders zu überraschen.
Sisto war in seinem Plane ganz aufgeregt und konnte kaum erwarten, bis er nach der Abendmahlzeit sich würde in das betreffende Zimmer schleichen können. Er hatte sich schon vordem ein kleines Glasgefäß verschafft, welches in das geschnitzte Fäßchen paßte, es mit Oel gefüllt und mit einem Docht versehen, auch probiert, wie das Lämpchen brannte und sich beim Schimmer des kleinen Lichtchens erst recht an seiner hübschen Arbeit gefreut.
Als er nun meinte, daß der Prälat mit der Signora – Gäste waren heute ausnahmsweise nicht anwesend – noch bei Tische sitzen werde, schlich er leise und mit pochendem Herzen, als ob er irgend etwas Schlimmes vorhätte, die kleine Dienertreppe hinauf nach dem Obergeschoß. Er kannte, da ihn der Prälat ganz ungehindert überall verkehren ließ, die Lage der Zimmer, sowie ihre Verbindung unter einander ganz genau. Er wußte auch, daß das Schlafzimmer zwei Zugänge hatte, deren einer durch die Salons und das Arbeitszimmer führte, während der andere fast unmittelbar vom Flur aus zu erreichen war.
Er hatte das Lämpchen angezündet, hielt die Hand vor das kleine Licht, damit es ihm nicht erlösche und trat nun, durch ein Dienerzimmer und ein Vorzimmer geräuschlos hinschreitend, an die Thür des Schlafgemachs. Er spähte durch das Schlüsselloch und fand, daß alles finster war; sein Plan wurde offenbar begünstigt, und so faßte er, während seine Linke die Lampe trug, mit der Rechten den Drücker, der leicht und unmerklich nachgab, und einen Augenblick später stand er im Rahmen des Eingangs. Aber dieser Augenblick ließ ihn beinahe zu Stein erstarren.
Das unselige Lämpchen beleuchtete ein Bild, vor dem der Knabe sich entsetzte. In dem Gemache stand an der einen Wand ein geschnitztes breites Bett mit einem seidenen Baldachin darüber und vor demselben ein Divan, der mit einem schönen Pantherfelle bedeckt war. Auf diesem aber saßen in heißer Umschließung Parelli und Lucia, letztere in weißem Négligé mit nackten, vollen Armen. Aus dem dunklen Rahmen des Zimmers trat gerade diese Gruppe, beleuchtet durch das flimmernde Licht, in müden aber deutlichen Umrissen hervor, und auch die beiden Menschen saßen im ersten Momente bei der unerwarteten Ueberraschung wie erstarrt.
Das Lämpchen beleuchtete ein Bild, vor dem der Knabe sich entsetzte. – (S. 287.)
Dann folgte ein zweifacher lauter Aufschrei. Den einen stieß die Signora aus, welche hastig aufsprang und ihre Arme von dem Nacken des Mannes löste, den andern Sisto, der gleichzeitig seine Lampe fallen ließ und wie von bösen Geistern gejagt, hinausstürzte. Dunkelheit lag wieder auf dem üppig ausgestatteten Raume, Dunkelheit breitete sich aus auch in dem kleinen Hofstübchen des armen Jungen, der wie von Entsetzen geschüttelt, mit klappernden Zähnen, sich angekleidet auf seinem Lager hin- und herwarf und den Schlaf nicht finden konnte.
Ihm war zu Mute, als ob ihm ein verehrtes Heiligtum entweiht, als ob ihm eine Gottheit in den Staub getreten worden wäre. Der arme Knabe hatte mit seinem frommen, anhänglich treuen Wesen in dem Prälaten die Verkörperung der Gottähnlichkeit gesehen, er hatte mit einer unendlichen Verehrung, beinahe mit Anbetung zu ihm aufgeschaut, wie zu einem Heiligen … und nun war er so furchtbar enttäuscht. Er hätte aufschreien und weinen mögen in seinen entsetzlichen Schmerzen, die ihm das junge, in seinem Vertrauen so enttäuschte Herz bereitete, denn er fühlte, daß er trotz allem noch den Prälaten liebte; das Weib aber haßte er von dieser Stunde an tödlich.
Der Knabe hatte eine qualvolle Nacht. Stunde ging langsam um Stunde, aber so sehr die bange, heiße Schlaflosigkeit ihn quälte, so sehnte er doch nicht den Morgen herbei, denn er wußte nicht, was der neue Tag ihm bringen würde, und wie er vor die Augen seines Wohlthäters treten sollte.
Aber die Zeit kümmert sich nicht um Leid und Lust, nicht um Sehnsucht und Zagen eines Menschenherzens; mit gleichmäßigem Fuße schreitet sie ihren ewigen Weg durch Glück und Unglück. Und die Sonne Roms ging an jenem Morgen mit wundersamer Herrlichkeit auf am blauen Himmel der Tiberstadt und lachte über den Palästen und blinkte hinein in das Stübchen des armen Jungen, der mit verhärmten Wangen und verweinten Augen, ein Bild des Jammers, in einem Winkel kauerte, wie ein Hund, der gewärtig ist, mit der Peitsche hinausgetrieben zu werden aus dem Orte, wo er friedlichen und freundlichen Unterschlupf gefunden hatte.
Aber Sisto dachte nicht an sich; er dachte an den Herrn, den er liebte und dessen Seelenheil ihm in seiner naiven Frömmigkeit am Herzen lag. O wenn er ihn freimachen könnte aus den Fesseln des buhlerischen Weibes, wenn er wieder gläubig, vertrauend und verehrend zu ihm aufschauen dürfte wie zu einem echten, rechten Hirten der Christenheit! Er hatte im Gebete gerungen und vor allem seinen Schutzheiligen angefleht, der einst ein frommer Papst gewesen und ein Stellvertreter Christi auf Erden, und nun war durch seine Seele wie ein heller Blitzstrahl ein leuchtender Gedanke geflogen. Vielleicht stand sein Heiliger ihm bei, wenn er ihn ausführte.
Er hatte den Prälaten zurückkehren sehen aus der Kirche, und bei dem Gedanken, daß er trotz der Sünde des gestrigen Abends die Messe zelebriert und den Leib des Herrn in Brot- und Weingestalt genossen haben könnte, schauderte er zusammen: Das war nicht möglich – es wäre ein Gottesraub gewesen. Er suchte sich den Gedanken auszureden, während er langsam die kleine Treppe hinaufstieg, die er am vorigen Abend mit freudig klopfendem Herzen gekommen war.
Er wußte, daß Parelli allein frühstückte und zwar in einem kleinen Gemache, das unmittelbar an sein Arbeitszimmer stieß. Auf der Treppe begegnete Sisto seinem Freunde, dem Kammerdiener, der ihm beinahe bestürzt in das blasse, überwachte Gesicht schaute, in welchem die dunklen Augen heute größer und glänzender zu sein schienen. Er frug den Knaben, ob er krank sei; dieser aber verneinte es lebhaft und that die Gegenfrage, ob er Monsignore jetzt allein antreffe.
Giovanni bestätigte dies und schon nach wenigen Augenblicken trat Sisto, nachdem er zuvor durch Klopfen Einlaß begehrt, bei dem Prälaten ein. Als dieser den Knaben sah, fuhr er beinahe erschrocken auf; sein Gesicht rötete sich, und Sisto begann einen Augenblick sich vor einem Ausbruch des Zornes zu fürchten. Aber ehe noch Parelli ein Wort finden konnte, hatte sich der braune Junge schon vor ihm auf die Knie niedergerworfen und hob die gefalteten Hände zu ihm empor:
»O gnädigster Herr, seien Sie nicht böse! Ich habe Ihnen eine Freude machen und Sie mit dem kleinen Schnitzwerk überraschen wollen … ich konnte ja nicht wissen … ich wäre niemals gekommen, und es wäre auch besser für mich gewesen. O gnädigster Herr –« und hier brach Sisto in lautes Schluchzen aus, das den jungen Körper so sehr erschütterte, daß der Knabe nur mit Anstrengung die Worte hervorstoßen konnte »– ach verzeihen Sie mir, aber ich kann nicht anders, weil ich Sie zu lieb habe, entlassen Sie die Signora, die Sie unglücklich macht im Leben und im Sterben, die Ihnen die Seele vergiftet und die ewige Seligkeit raubt! O mein Gott, was rede ich da vor Ihnen, dem hohen geistlichen Herrn! Aber beim heiligen Sistus, ich kann nicht anders, ich muß Sie anflehen, weil es mir sonst das Herz sprengen müßte. O, Signora Lucia ist nicht verwandt mit Ihnen, schicken Sie sie fort, und ich will auf den Knieen vor Ihnen liegen, wie vor den lieben Heiligen, o schicken Sie sie fort!«
Der Prälat war tief erschüttert von dem ungeheuchelten Seelenschmerze des Knaben; er war aufgestanden und stand da mit bleichem Gesichte, gelehnt an den Rand des Tisches. Er sagte mild, mit bewegter Stimme:
»Steh auf, Sisto! Ich will vergessen, daß Du durch Dein Eindringen in mein Gemach zu solcher Stunde ungebührlich gehandelt hast, und daß Deine Liebe zu mir Dich auch jetzt ungebührlich reden läßt.« Auch dem Knaben wich die Röte, welche, während er sprach, seine Wangen übergossen hatte, wieder aus dem Antlitz, und ohne sich zu erheben, stammelte er:
»Und das Weib? – Und die Signora?«
»Das verstehst Du nicht, Knabe, und darüber kann ich mit Dir nicht sprechen,« sagte Parelli ernst, beinahe strenge.
Sisto stand auf. Er sprach kein Wort mehr, die braunen Hände vor das Gesicht geschlagen, stürzte er hinaus, eilte die Treppe hinab nach seinem Stübchen, und hier warf er seine Kleider, die der Prälat ihm gekauft, von sich, suchte den verschlissenen Anzug, in welchem er ins Haus gekommen war, kleidete sich hastig darein, machte dann noch ein kleines Bündelchen zusammen von dem, was er mit Recht sein nennen konnte, und machte sich so wie zu einer Flucht fertig. In ihm stand es fest, daß er nicht hierbleiben konnte, er hätte das Weib erwürgen, vergiften, erdolchen müssen!
Er gab acht, daß ihn niemand bemerken konnte, und dann huschte er schnell durch das Thor hinaus auf die Straße. Noch einen scheuen Blick warf er nach dem hohen, prächtigen Hause, dann lief er von dannen. Er wußte nicht, wohin er sich wenden sollte. Zu dem Meister, der ihn in der Holzbildhauerei unterrichtete, zu gehen, schämte er sich in seinem Anzuge; er hätte nicht gewußt, was er ihm mitteilen sollte über den Grund der Veränderung, die mit ihm geschehen war, und fürchtete Mißdeutungen. Auch zu Quandt wagte er sich aus dem gleichen Grunde nicht, und so stand er in dem weiten, glänzenden Rom wie damals, als er bettelarm in einem Winkel kauerte, weinend und hungernd.
Da fiel ihm der junge deutsche Priester ein, welchen er einigemale im Hause Parellis, sowie bei Quandt gesehen hatte.
Das frische Antlitz, das klare Auge, die wohlwollende Güte Dr. Frohwalts hatten auf den Knaben schon lange einen besonders guten Eindruck gemacht, so daß er stets mit gewissem Vertrauen zu ihm emporblickte. Und da er jetzt, in dieser unglückseligen Stunde jemanden brauchte, dem er, wie einem Beichtvater, alles erzählen konnte, was seine junge Seele schmerzlich zusammenzog, so beschloß er, Frohwalt aufzusuchen.
Er war bei dem Gedanken ruhiger geworden und schritt langsam über die Ponte San Angelo nach dem andern Tiberufer, wo ihm in massiver Majestät die Engelsburg entgegenragte. Sisto kannte die Wohnung des deutschen Priesters, denn er hatte denselben schon einmal im Auftrage des Prälaten aufgesucht, und zu seiner Freude fand er ihn daheim.
Frohwalt sah verwundert, ja beinahe betroffen auf den Knaben in seinem schäbigen Anzuge, und auch Sisto stand einige Augenblicke verlegen und mit schimmernden Augen vor ihm. –
»Was ist's? Und warum kommst Du so zu mir?« fragte endlich der Priester in freundlichem Tone, und der Knabe faßte nach seiner Hand und küßte sie inbrünstig.
»Ach, verzeihen Sie mir, hochwürdiger Herr! Aber ich muß zu Ihnen kommen, Sie sind der Einzige, zu welchem ich Vertrauen habe.«
Frohwalt suchte den aufgeregten Jungen zu beruhigen. Er zog ihn neben sich auf den Divan, legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter, und so, sich leicht an den Priester anschmiegend, die Augen gesenkt, berichtete Sisto alles, was seit gestern abend gewesen war. Er schloß:
»Und da konnte ich nicht anders, hochwürdiger Herr! Ich mußte das Haus verlassen und wenn ich auch betteln muß. Ich will keine Hilfe von Ihnen, Sie sollen mir nur sagen, ob ich recht gethan habe oder nicht, denn Gott weiß, ich wollte nicht undankbar sein!«
Frohwalt war tief erschüttert von den schlichten, wahrheitsvollen und doch so leidenschaftlich erregten Worten des Knaben. Er sah wie in einen Abgrund, in welchen kein Licht fallen konnte. Das Haus eines Kirchenfürsten, aus welchem die guten Geister wichen und worin die geputzte Sünde zurückblieb!
O, das war schlimmer als im Pfarrhause in Nedamitz! Aber was sollte er dem Knaben sagen? Was sollte überhaupt mit diesem geschehen?
Dieser sah ihn mit seinen großen dunklen Augen so treuherzig und vertrauend an, daß er, einem jähen Antrieb folgend, seine Hand ergriff und sagte:
»Du hast recht gethan, Sisto!«
Da küßte ihm der Knabe aufs neue die Hände, Frohwalt aber fuhr fort:
»Indes so ohne weiteres solltest Du doch nicht fortlaufen. Der Prälat wird sich um Dich ängstigen und er muß wissen, wo Du bist. Ich werde mit ihm sprechen – –«
»Sie wollen ihm sagen, daß ich Ihnen erzählt …«
»Sei ruhig – ich werde das Richtige zu finden suchen. Aber mit Dir will ich zuvor zu Herrn Quandt gehen, ob er sich Deiner annehmen kann, denn ich selber kann Dich leider nicht bei mir haben.«
»Und auch Herrn Quandt wollen Sie sagen –?«
»Nein, Sisto – ich werde den Prälaten nicht bloßstellen.«
Die Augen dies Jungen leuchteten dankbar und freudig auf bei der Aussicht, zu dem deutschen Maler zu kommen, in dessen Häuslichkeit er sich allezeit besonders wohl gefühlt hatte. Aber in seinem jetzigen Anzuge sollte er nicht dahingehen, und Frohwalt ließ einen Wagen kommen, in welchem er mit seinem Schützling erst bei einem Kleiderhändler vorfuhr, wo er ihm ein einfaches aber kleidsames Gewand kaufte, das er sofort anlegen mußte.
»Das schenk' ich Dir, Sisto, und Du brauchst mir nicht dafür zu danken; bleibe nur immer so brav und ehrlich wie bisher – das ist der beste Dank!« sprach der Priester, und dann fuhr er mit dem freudig bewegten Knaben weiter, bis sie vor dem Häuschen hielten, welches Quandt bewohnte.
Sie trafen den Maler und Friederike, die eben ausgehen wollten, an der Treppe.
»Das ist gut, daß Sie uns gerade noch erwischen; wir wollten den schönen Vormittag zu einem Spaziergang benutzen, vielleicht schließen sie sich uns an? – Aber, Sie sehen ja so feierlich ernst drein mitsamt meinem jungen Modell, das schon wieder in einem neuen Futteral steckt … wir haben doch heute nicht heimlich Geburtstag, Fritzel?«
So rief lachend der Maler, seine Frau aber hatte schon den Jungen an der Hand und führte ihn die Treppe wieder hinauf.
»Schenken Sie uns nur eine Viertelstunde, verehrter Freund« – sagte Frohwalt – »es handelt sich um Sisto!«
»Sie thun ja so ernst, als ob der Junge entweder ein Staatsverbrechen begangen habe oder zum Konzilsvater vorgeschlagen worden sei – Verzeihung! Das war ein dummer Scherz, aber unsereinem läuft manchmal die Zunge fort. Da sehen Sie nur meine Frau mit dem Bengel – das ist doch zum Eifersüchtigwerden!«
Sie waren wieder oben angekommen, und saßen in dem freundlichem behaglichen Zimmerchen neben dem Atelier, und Friederike hatte Sisto bereits einige süße Näschereien vorgesetzt.
»Und jetzt schießen Sie los!« sprach der Maler.
»Nun denn, kurz und bündig! Sisto kann nicht im Hause des Prälaten bleiben – die Schuld liegt an der Signora –«
»Wo ist das Weib?« murmelte Quandt.
»Nähere Einzelheiten möchte ich nicht anführen, sie regen nur den Jungen auf; lassen Sie sich mit der Versicherung genügen, daß seines Bleibens bei Monsignore Parelli nicht sein kann. Nun hängt er in der Luft – ich kann ihn leider Gottes nicht bei mir behalten, das erlauben mir die Verhältnisse nicht, und da wollte ich, zumal Sisto zu Ihnen und Frau Friederike so großes Vertrauen hat, anfragen, ob Sie nicht wenigstens für die Zeit Ihres Aufenthalts in Rom sich seiner annehmen und ihm Unterkunft gewähren wollten. Wir halten wohl Umschau, was weiter mit ihm werden soll.«
»Na, da brauchts wohl keinen Familienrat – he, Fritzel?«
»Wir haben keine Kinder, Heinrich – und da ist's doch, als ob uns der Himmel selber …«
»Na, er kommt freilich schon etwas sehr ausgewachsen an, der Junge … aber um so besser, da braucht man sich nicht mit den Zahnkrankheiten zu ängstigen! Also, wir wollen uns den Fall überlegen. Sisto, willst Du bei uns bleiben?«
Der Knabe errötete bis unter die dunklen Stirnlocken, und die Augen leuchteten. Er stammelte unverständliche Worte, aber Friederike zog ihn an sich und küßte ihn.
»Na, da haben Sie das Siegel auf dem Pakt – was wollen Sie denn noch mehr? – Ich glaube, jetzt werde ich kürzer gehalten, und darum bin ich für eine Probezeit!« sagte der Maler lächelnd; dann zog er sein Weib und den Jungen zugleich an sich und küßte beide. – –
Frohwalt ging in wundersam gehobener Stimmung aus dem kleinen Hause. Die sonnige Heiterkeit, die selbstlose Menschenliebe, welche hier waltete, that ihm außerordentlich wohl. Aber je näher er der Wohnung Parellis kam, desto mehr schwand dieses Behagen aus seiner Seele, und mit pochendem Herzen, fast als hätte er eine Schuld auf sich geladen, trat er durch das Portal und frug den Portier, ob der Prälat daheim sei. Als dies bejaht wurde, ging er langsam die breite, glänzende Marmortreppe empor. Auf derselben begegnete ihm der Jesuit Felice. Mit vordringlicher Freundlichkeit hielt er den anderen auf. Frohwalt aber wurde bei dem Gedanken, daß der Pater, welcher hier so häufig verkehrte, doch auch Kenntnis von den Verhältnissen des Hauses haben mußte, dieselben stillschweigend hingehen ließ und so heimlich billigte, von einem Widerwillen gegen den Mann erfaßt, den er kaum verhehlen konnte. »Der Zweck heiligt die Mittel!« Das mußte er unwillkürlich in diesem Augenblicke denken, und er mußte sich zusammennehmen, um nicht unhöflich zu erscheinen.
»Wissen Sie schon, daß der Betteljunge, den Seine bischöflichen Gnaden so wohlwollend aufgenommen, ohne ein Wort des Dankes davongelaufen ist? Monsignore ist außerordentlich aufgeregt darüber und in Sorge um den gottlosen Burschen.«
»Ich hoffe, ihn beruhigen zu können,« sagte Frohwalt kühl; »ich weiß, wo der Knabe ist und kann versichern, daß er sich in guten Händen befindet.«
»Aber ein Undankbarer bleibt er doch!«
»Vielleicht haben Sie doch nicht ganz recht, Hochwürden,« sagte Frohwalt mit leichtem Achselzucken, »und ich bin überzeugt, daß Seine bischöflichen Gnaden von meiner Mitteilung befriedigt sein werden.«
Er verneigte sich vor dem Jesuiten, und ging weiter, um durch den im Vorzimmer Parellis weilenden Kammerdiener sich anmelden zu lassen. Der Prälat empfing ihn in seinem Arbeitszimmer, freundlich und entgegenkommend wie immer, und fragte, was ihm die Freude mache, den langvermißten Gast wieder einmal bei sich zu sehen.
Als Frohwalt von Sisto berichtete, wie er zu ihm gekommen sei in seinem elenden Bettleranzuge, aufgeregt und erschüttert bis in die tiefste Seele, lehnte sich Parelli erbleichend in seinen Sitz zurück. Er schloß die Augen und fragte beinahe flüsternd:
»Hat er Ihnen gesagt, weshalb er von mir fortgegangen ist?«
»Er hat es mir anvertraut wie unter dem Siegel der Beichte, und es ist geborgen in meinem und seinem Herzen. Der Junge ist brav und tüchtig und hat ein großes Herz, Monsignore … Sie haben einen guten Engel aus Ihrem Hause vertrieben!«
Parelli wurde noch bleicher; er atmete tief, und einige Sekunden lang herrschte eine peinliche Stille in dem prunkvollen Raume. Dann sprach er:
»Und was soll mit ihm werden?«
»Herr Quandt und dessen Frau haben sich seiner zunächst angenommen bis auf Weiteres.«
»Ich werde einen Betrag für seine weitere Ausbildung Herrn Quandt zur Verfügung stellen.«
»Ich vermute, daß derselbe diesen ablehnen wird. Er ist, soviel ich weiß, nicht unvermögend und kinderlos. Ich komme auch nicht darum, sondern lediglich, um Eure bischöfliche Gnaden über das Schicksal des Knaben zu beruhigen.«
»Ich danke Ihnen!« sagte Parelli tonlos – »und kann ich gar nichts thun?«
»Monsignore, Sisto wird jeden Tag für Sie beten … wenn sein Gebet nicht vergebens wäre, so wäre dies das Herrlichste, was er erringen könnte,« sprach Frohwalt mit bewegter Stimme.
Der Prälat verstummte; er neigte langsam das Haupt, tief, bis auf die Brust herab, und so verließ ihn der junge Priester nach kurzem, höflichem Gruße. Und da er die Marmortreppe wieder hinabschritt, dachte er abermals an das schlichte Pfarrhaus in Nedamitz und an den alten Pfarrer mit seinem guten, schwachen Herzen, und es that ihm abermals leid, daß er ihn in jener letzten Stunde ihres Beisammenseins so hart angefaßt hatte.
Rom zeigte ihm Manches in anderem Lichte, als er es in der Heimat gesehen hatte.