Neunzehntes Kapitel.

Die milde Sonne eines schönen Augusttages leuchtete über der kleinen Landstadt in Böhmen, in welcher Peter Frohwalts Wiege gestanden hatte. Es war vormittags und in den Gassen war es still bis auf das Rufen spielender Kinder und das verhallende Geräusch, welches da und dort aus einer Werkstatt kam. Hier merkte man es nicht, daß vor kurzem ein bedeutsames Kapitel der Weltgeschichte draußen am Rheine seinen Anfang genommen hatte, und auch das, was in Rom geschehen war, schien zunächst nicht die Gemüter zu beunruhigen.

Von der Berggasse her kam behäbig und langsam der Vetter Martin; er sah prächtig aus mit seinem gebräunten Gesicht, aus dem die klugen, hellen Augen freundlich in die Welt lachten, und auch seine »Hinterflosse« schien ihm keine Unannehmlichkeiten weiter zu bereiten, denn sein Gang war sicher, seine Haltung gerade. Man sah es ihm an, daß er sich freute, wieder in dem lieben, kleinen Neste zu sein, das auf ihn wie auf eine besondere Charakterfigur ein Recht hatte, stolz zu sein, und alles schien ihn zu interessieren, ob hier ein Haus neu angetüncht, dort ein Zaun repariert oder ein Gartenhaus errichtet war, und wo er Menschen sah, rief er kräftig seinen »Guten Morgen« über die Gasse und in die Fenster hinein und sorgte so dafür, daß man noch an diesem Vormittage im ganzen Städtchen erfahre, daß der »Vetter Martin« wieder eingetroffen sei.

Er war erst am Abend zuvor gekommen. Getreu seinem Grundsatze, nichts halb zu thun, war er mit Hans Stahl bis in dessen Heimat gefahren und hatte ihn selbst seinen Eltern zugeführt. Diese, zumal der Vater, hatten sehr erstaunte und eigentlich zürnende Augen gemacht, aber gerade darum war der Alte mitgekommen, um ihnen zu sagen, daß sie eigentlich unserm Herrgott dafür danken müßten, daß er ihnen einen so prächtigen Jungen gegeben habe. Das mit den zweitausend Mark sei freilich eine Dummheit gewesen, aber man müsse es als Lehrgeld betrachten in der Schule des Lebens, im übrigen aber habe sich Hans als Mensch wie als Künstler so tüchtig ausgewachsen, daß er – der Vetter Martin – jede weitere Bürgschaft für ihn übernähme. Außerdem aber stelle er sich jetzt in den Dienst des Vaterlandes, und dazu brauche er den Segen von Vater und Mutter … und kurz und gut, der Alte hatte die Freude, daß sie alle einander in den Armen lagen, und daß er selber noch einige Tage bleiben mußte, nachdem Hans bereits zum Heere abgegangen war.

Auch das mochte wohl mit dazu beitragen, seinem guten alten Gesichte heute jene sonnige Heiterkeit zu geben, die wie ein Widerschein des Lichtes war, das vom Himmel herab die Erde vergoldete. Jetzt machte er seine Besuche, und der erste derselben galt Frohwalts Mutter.

Das kleine Haus am Thore sah so sauber und blitzblank aus, als ob es ein Fest feiere, und Martin war auch nicht wenig verwundert, als er beim Eintritt in die Stube seinen jungen Freund Peter hier mit Mutter und Schwester beisammen fand. Auch dieser war gestern abend eingetroffen, um einige Tage in der Heimat zuzubringen, und seine Ankunft schien besonders die alte Frau, welche seit einiger Zeit kränkelte, neu zu beleben, denn sie saß mit geröteten Wangen und hellen Augen da und schaute glückselig den jungen Priester an, dessen schöne Züge die Sonne des Südens gebräunt hatte.

Auch Marie schien glücklich zu sein über den Bruder. Sie war als Frau noch hübscher geworden, und man merkte ihr an, daß sie es nicht bereute, ihrem Herzen gefolgt zu sein; auch das lachende Kind in ihrem Schoße, das ohne Furcht nach dem unbekannten »Onkel« hinschaute, war eine Bürgschaft dafür.

»Na, so ist's recht!« rief Martin – »da sind wir ja alle glücklich wieder beisammen. Was? – Bei Muttern ist es doch noch schöner als in Rom, und mir kommt unser kleines Nest jetzt noch einmal so behaglich vor. Die Hitze war schon nicht mehr angenehm. Und Marie hat's natürlich schon gestern abend gewußt, daß unser Konzilsvater eingetroffen ist und hat ihren kleinen Peter heute herausgeputzt – – nein, wie so ein Kerlchen heranwächst – und so verständig sieht er drein, als ob er gleich etwas ungeheuer Vernünftiges von sich geben wollte. Also und Ihnen, Frau Gevatter, war der Besuch die beste Medizin, das merkt man Ihnen an. Na, eine Tasse Kaffee trinke ich noch mit zur Feier des Tages, wenn Ihr sie gerade übrig habt!«

Und dann saß er in dem alten, gepolsterten Stuhle, in welchem der selige Papa Frohwalt immer ausgeruht hatte, und streckte sich, nachdem er allen die Hände gereicht, mit Behagen aus.

»Da fehlen bloß noch Quandts und Hans Stahl … dann sind wir alle wieder beisammen!« sagte er.

»Quandts sitzen in Ehrenberg bei seinen Schwiegereltern und er hat mir schon seinen Gruß von dort zugehen lassen mit der Mitteilung, daß Sisto bei einem trefflichen Dresdener Meister Bildhauer untergebracht ist und sich in Elbflorenz wohl befindet!« bemerkte Frohwalt. »Er war so entschieden besser aufgehoben, als bei Monsignore Parelli.«

»Jawohl« – sagte der Alte und ein Schatten huschte über sein Gesicht – »besonders da der Monsignore gestorben ist.«

»Wie? – Also doch?« fragte der junge Priester.

»Ja, gerade am 18. Juli, dem Tage der Generalkongregation und des Schlußakts der großen Komödie in Rom.«

»Das ist eine wunderbare Fügung des Himmels!«

»Wunderbar und schön zugleich!« sprach Martin ernst, und einen Augenblick blieben alle stille. Dann begann der Alte von Hans Stahl zu erzählen, der jetzt bereits gegen den Erbfeind Deutschlands zu Felde lag, und durch eine begreifliche Ideenverbindung kam er auf Therese Haller.

Da verdüsterten sich die Gesichter der beiden Frauen, und sie sahen sich seltsam und einige Sekunden schweigend an, dann sprach Marie halblaut und gedrückt:

»Man kann nicht viel davon reden, aber es ist ein großes Leid, das sie trägt. Sie klagt nicht, gegen niemanden, ich glaube auch gegen ihren Vater nicht, aber die blassen Wangen und die müden Augen erzählen traurige Geschichten. Patienten hat Dr. Haller in der Stadt selbst nicht, und da reitet er jeden Morgen über Land und kommt oft erst in tiefer Nacht wieder. Ob er Kranke besucht, ist sehr ungewiß, aber bekannt ist, daß er viel trinkt und spielt, und er ist schon manchmal am Morgen gefunden worden … ach, man sagt's nicht gern. Und was sich im Hause mitunter abspielen mag, das erfährt niemand. Ihn selbst hat man schon heftig reden hören bis auf die Gasse, aber sie scheint zu schweigen.«

Der Alte wiegte den grauen Kopf und Frohwalt senkte die Stirne. Der erstere dachte an jenen Maitag auf dem alten Beth Chajim und an den prächtigen Jungen, der zur Entsagung gezwungen ward, und der andere war mit seinen Gedanken bei Professor Holbert und bei der Erinnerung daran, wie dieser sein einziges Kind liebte. Das Gespräch wollte gar nicht mehr recht in Fluß kommen. Da pochte es, und auf das Herein! erschien eine Frau von schlichtbürgerlichem Wesen, deren Gesicht eine besondere Erregung zeigte. Sie war eine Freundin der Hausfrau und wurde von dieser herzlich begrüßt. Als sie Peter bemerkte, schien sie einigermaßen verlegen zu werden, und es war beinahe, als ob sie sich wieder entfernen wolle. Aber Martin, der hier wie daheim war, und sie gleichfalls gut kannte, rief:

»Hier ist noch Platz, Frau Franke – und Kaffee können Sie doch nicht mehr kriegen, da habe ich den letzten weggetrunken! Setzen Sie sich einmal her – wir haben lange nicht neben einander gesessen und dann schütten Sie Ihr Herz aus, denn daß Sie darum gekommen sind, sehe ich Ihnen an!«

»Ach freilich, Du lieber Gott« – sagte die Frau – »und so was ist mir auch noch gar nicht passiert! Aber ich weiß nicht, ob ich – –«

Sie hielt mit einem bezeichnenden Blicke auf Peter inne.

»Ach, vor dem geistlichen Herrn brauchen Sie keine Furcht zu haben; der weiß schon lange, daß Sie einen protestantischen Mann geheiratet haben und trotzdem eine kreuzbrave Frau und gute Katholikin sind.«

Der Frau liefen die Thränen über die Wangen und sie setzte sich nieder.

»Ach, ich muß mir's auch von der Seele herunterreden, und 's ist vielleicht gut, wenn der hochwürdige Herr das weiß und sagen kann, ob so etwas recht ist.«

Die Aufgeregte mußte erst ein wenig von den andern beruhigt werden, ehe sie fortzufahren vermochte.

»Mein Sohn wird doch in diesen Tagen heiraten. Er ist evangelisch wie der Vater und nimmt auch eine Evangelische aus Burgdorf. Daß ich als Mutter der Trauung beiwohnen will, auch wenn sie nicht in einer katholischen Kirche stattfindet, ist doch, denke ich, keine Sünde, und unser Herrgott wird's einem katholischen Mutterherzen nicht übel nehmen. Aber ich wollte doch vorher beichten und eine Beruhigung haben und so bin ich heute früh vor der Messe bei unserm Herrn Pfarrer gewesen. Der aber war sehr streng und ernst und hat mir's verboten, der Trauung beizuwohnen, und weil ich ihm gesagt habe, das könnt' ich ihm nicht versprechen, 's wär' mein einziger Sohn, und wär' so brav, und ich könnt' ihm das nicht anthun und an seinem Ehrentage fehlen, da hat er mir die Sündenvergebung verweigert. Ich habe gemeint, ich muß in die Erde sinken, wie ich aus dem Beichtstuhl heraustrat und mir's war, als ob alle Leute mich ansähen, als ständ' es an meiner Stirn geschrieben, daß ich eine so große Sünderin sei, der man nicht einmal die Absolution erteilen konnte. Ich hätte doch nicht in der Kirche bleiben können, denn ich hätte ja nicht kommunizieren dürfen, und dann hätten's erst recht alle Leute gewußt, wie es mit mir steht … und da habe ich auch noch gelogen und habe ein paar Bekannten gesagt, mir wäre recht übel und ich müßte fortgehen. Freilich war's auch wieder nicht gelogen, denn übel war mir's auch. Mein Mann ist außer sich über die Sache – ach Du lieber Gott, und ich weiß nun nicht, was ich machen soll.«

Das Weib schwieg und sah beinahe ängstlich nach Peter Frohwalt hin, als ob es gerade von ihm eine Meinung erwarte. Auch Vetter Martin, dem man es ansah, daß ihn innerlich der Unmut erfaßt hatte, schaute schweigend seinen jungen Freund an. Dieser rang offenbar mit sich selbst; eine wärmere Röte huschte über sein Gesicht und nach einem Augenblicke des Schweigens sprach er ruhig und milde:

»Meine liebe Frau Franke – gehen Sie in Gottes Namen zur Trauung Ihres Sohnes, denn die Stimme des Mutterherzens ist hier auch Gottes Stimme!«

»Für das Wort danke ich Ihnen tausendmal, Hochwürden,« sagte das Weib schluchzend und lachend zugleich, in demselben Augenblicke aber fühlte Peter seine Hände von rechts und links erfaßt und warm gedrückt. Auf der einen Seite besorgte das der Vetter Martin und nickte dazu mit dem Kopfe, wie zu etwas ganz Selbstverständlichem, und von der anderen Seite war es Marie, die in überwallendem Gefühl die Hand des Bruders an ihre Lippen zog.

Dem aber ward es mit einem Male wie zu enge in der Stube; er stand auf und ging hin und her. Auch seine Schwester hatte sich erhoben und sagte:

»Ich muß nun nach Hause gehen, meine Wirtschaft wartet auf mich!«

»Ich gehe mit Dir!« sprach Frohwalt und griff nach seinem Hute.

Vetter Martin hatte gleichfalls die Absicht gehabt, sich zu entfernen; als er das Wort hörte, sah er ganz eigentümlich drein, setzte sich fester in seinem Stuhle zurück und wandte sich mit einer Frage an Frau Franke, welche wohl den Zweck haben sollte, auch diese von der Begleitung der beiden Geschwister abzuhalten. So gingen diese mit einander fort und traten auf die Gasse in den hellen Sonnenschein.

Sie waren lange nicht so nebeneinander hergeschritten und aus manchem Fenster sah man ihnen verwundert beinahe nach. Ueber ihnen selbst lag eine gewisse Befangenheit, aber durch die Seele der jungen Frau ging trotz alledem ein Glücksgefühl.

Endlich begann der Priester zu sprechen, beinahe alltägliche Dinge, und so kamen sie bis an das Haus des Uhrmachers.

Hier blieb Marie stehen, als ob sie glaubte, ihr Bruder werde sich nun von ihr verabschieden. Anstatt dessen aber sagte dieser:

»Ich möchte doch auch einmal sehen, wie Du Dich eingerichtet hast, und was Dein Mann macht.«

Eine heiße Röte flog über Mariens Wangen, und mit leuchtenden, liebeerfüllten Augen sah sie zu ihm auf; sie sprach nur das eine Wort: »Komm!« aber darin lag ihre ganze aufjauchzende Seele.

Sie traten ein in das freundliche, ungemein saubere Zimmer, und Freidank kam ihnen entgegen. Als er den Schwager sah, erschrak er beinahe, aber Marie, die ihm den Kleinen, der die Händchen verlangend nach ihm ausstreckte, entgegenhielt, sagte:

»Peter wollte sehen, was Du machst!«

In dem Gesichte des Uhrmachers stand eine tiefe Bewegung geschrieben; er wagte nicht, selbst die Hand auszustrecken, aber als ihm der Priester seine Rechte reichte, ergriff er sie und hielt sie einige Augenblicke schweigend fest, Frohwalt aber bemühte sich, so unbefangen als möglich zu erscheinen; er berührte nichts von der Vergangenheit, sprach seine Freude aus über den anmutigen, friedlichen Eindruck der ganzen kleinen Häuslichkeit, ja er nahm auch das Kind auf den Arm, das sich gar nicht vor ihm zu fürchten schien, und nach kurzem Aufenthalte entfernte er sich wieder. In dem kleinen Hause aber ließ er einen Hauch der Freude zurück, dessen er sich bewußt war und der ihn selbst beglückte.

Er hatte bei diesem Besuche an Quandt und Frau Friederike denken müssen.

Wie er nun, auf der Gasse hinschreitend, gegen die Kirche herankam, begegnete ihm der Vetter Martin; er kam auf ihn zu, und drückte ihm die Hand mit den Worten:

»Du hast heute mehr als einen Menschen glücklich gemacht; Gott vergelt' Dir's!«

Dann ging der Alte ohne Aufenthalt weiter, Frohwalt aber wendete sich nach dem Pfarrhause, um dem Pfarrer Ignaz seinen Besuch zu machen, wie es schon die Höflichkeit erforderte. Er traf denselben daheim und er empfing ihn mit gemessener Freundlichkeit.

»Sie bringen uns also den neuen Glaubenssatz aus Rom mit!« sagte er nach den ersten allgemeinen Begrüßungen.

»Ich bringe es nicht, Herr Pfarrer, denn ich habe mich so wenig wie mancher Kirchenfürst überzeugen können, daß es zum Segen für die Kirche sein wird,« erwiderte Peter ernst.

»Aber es ist in der Generalkongregation vom 18. Juli einstimmig angenommen worden, und ich halte es für einen Segen, daß der Statthalter Christi auf Erden mit einer Gewalt ausgerüstet worden ist, die mit seiner Würde notwendig verbunden sein muß.«

»Darüber könnte man eben verschiedener Meinung sein, aber es wäre mir lieb, mich nicht darüber äußern zu müssen, nachdem ich in Rom nur zuviel solcher Verhandlungen habe anhören und mitmachen müssen. – Lassen Sie mich lieber fragen, wie es Ihnen geht, und wie die kirchlichen Verhältnisse hier im Orte sind.«

Der Pfarrer machte ein beinahe finsteres Gesicht.

»Mir persönlich geht es körperlich gut – als Seelsorger aber habe ich manchen Aerger, besonders durch das Ueberhandnehmen dieses ketzerischen Protestantismus. Ich beklage noch immer tief, daß Ihre Schwester so böses Beispiel gegeben hat. Seit ich hier als Pfarrer amtiere, sind ein Dutzend Familien vom Glauben abgefallen.«

»Und haben Sie niemals über die eigentliche Veranlassung dieser Erscheinung sich klar zu werden versucht?«

»Der Zug der Zeit! Aufklärung und Gottlosigkeit an allen Enden, Mangel an Sittlichkeit und wahrer Frömmigkeit …«

»Und Unduldsamkeit!« fiel Frohwalt ernst ein. »Ist Ihnen nicht klar geworden – verzeihen Sie mir meine Offenheit – daß Sie selbst in dieser Hinsicht zu weit gehen?«

»Wieso?«

»Nun, ich habe heute erst erfahren, daß Sie Frau Franke die Sündenvergebung verweigerten, weil sie der Trauung ihres Sohnes in der evangelischen Kirche beiwohnen will.«

»Ich habe gethan, was meine priesterliche Pflicht ist!«

»Und wissen Sie, was Sie damit erzielen? – Daß die Frau, welche, wie ich weiß, sehr fromm und religiös ist, sich dem evangelischen Bekenntnis zuwenden wird, dem ihr Mann und ihr Sohn angehören. Und das konnte in diesem Falle vermieden werden!«

»Das muß ich bestreiten!« sagte der Pfarrer heftig.

»Nun, was meinen Sie wohl? – Sollten Sie nicht wissen, daß auch unser Kaiser, daß andere katholische regierende Fürsten ähnlichen evangelischen Gottesdiensten beiwohnten, und daß es wohl noch keinem ihrer Beichtiger eingefallen sein dürfte, ihnen darum die Sündenvergebung zu verweigern?«

»Das sind andere Verhältnisse – staatliche Gründe – politische Beziehungen – –«

»Nach welchem Grundsatze machen Sie denn einen Unterschied? Wir haben nicht Katholiken erster und zweiter Klasse; vor Gott und in der Kirche sind alle gleich, und wenn man erst anfängt, solche Unterschiede aufzustellen, ist es um die Würde der Kirche, um die innere Wahrheit ihrer Einrichtungen geschehen. Außerdem glaube ich etwas von Kirchenrecht zu verstehen und weiß, daß besonders in Gegenden mit konfessionell gemischter Bevölkerung eine duldsamere Behandlung geradezu empfohlen wird. Was an den Protestantismus hier verloren gegangen ist, haben die Vertreter der katholischen Kirche auf dem Gewissen.«

»Sie haben vordem, glaube ich, andere Anschauungen gehabt.«

»Das spricht nicht für deren Richtigkeit; ich habe in Rom gar wunderliche Erfahrungen gemacht – –«

»Das scheint mir auch,« sagte der Pfarrer mit leisem Hohn, »und es soll mich nicht wundern, Sie demnächst mit Ihren vom Glauben abgefallenen Verwandten Arm in Arm zu sehen.«

»Wenigstens hätten Sie mich heute im Hause meines Schwagers finden können,« erwiderte Frohwalt ruhig; »seit ich Protestanten kennen gelernt habe, in denen das wahre Christentum sich abspiegelt, scheue ich mich auch nicht, zu glauben, daß auch ihnen der Himmel offen ist, und mit ihnen umzugehen.«

Pater Ignaz schlug entsetzt die Hände zusammen.

»Aber das ist ja Ketzerei!«

»Die ich in Rom gelernt habe.« – –

Die beiden Männer trennten sich, ohne sich die Hand zu reichen, und Frohwalt trat in den Sonnenschein hinaus mit dem Vorsatze, die Pfarrei nicht mehr zu betreten, solange der Fanatismus hier seine Heimstatt hatte.

Die Sonne desselben Augustmorgens hatte auch in die Fenster der Wohnung des Dr. Haller hineingeleuchtet. Dieselbe gab überall Zeugnis von bestem Geschmack, einfacher Vornehmheit und einer verständnisvoll waltenden Frauenhand. Die Zeit der Sprechstunde, welche auf der Thüre von neun bis zehn Uhr festgesetzt war, war gekommen, in dem Wartezimmer flimmerte der Sonnenglanz auf den polierten Stühlen und der türkischen Decke, die auf dem Tische lag, aber der Raum war leer. Patienten, welche gekommen wären, würden aber auch den jungen Arzt nicht in seinem Sprechzimmer gefunden haben, sondern noch im Schlafzimmer. Er war, wie gewöhnlich, spät in der Nacht heimgekommen und holte nun am Morgen erst das Versäumte nach, was er um so leichter thun konnte, als er schon seit längster Zeit keine Patienten mehr im Städtchen selbst fand. Seine ersten unglücklichen Kuren hatten von ihm abgeschreckt, und mit dem Mißtrauen in seine ärztliche Kunst mischte sich außerdem bei den gewöhnlichen Bürgersleuten eine Abneigung gegen das kühle, vornehm-dünkelhafte Wesen des Doktors.

So suchte er wenigstens den Schein zu wahren, als habe er eine ausgedehnte Landpraxis, und man sah ihn jeden Vormittag auf seinem Fuchs hinausreiten zum Städtchen, und wenn die Bürgersleute in der Nacht durch Hufschlag aus dem ersten oder auch schon aus dem zweiten Schlaf geweckt wurden, wußten sie, daß Dr. Haller jetzt heimkehrte. An zahlreiche Patienten auf dem Lande glaubte aber trotzdem niemand, und man erzählte an den Biertischen der Spießbürger, sowie in den Weiberstuben seltsame Geschichten, wie er seine Zeit verbringe.

In der Oeffentlichkeit sprach man nicht davon, denn er gehörte zu den Vornehmsten im Städtchen, und die beste Gesellschaft verkehrte mit ihm, zumal er für einen trefflichen Unterhalter von feinen Manieren galt; besonders aber sahen die jüngeren, vermögenderen Elemente in ihm beinahe das Muster eines Lebemannes.

Am besten wußte freilich sein junges Weib, wie es mit seiner Praxis und mit seiner ganzen Lebensweise stand, und sie hatte oft genug in der heimlichen Einsamkeit ihres Zimmers bittere Thränen darüber geweint. Nach außen aber suchte sie ihren Jammer – trotzdem die blassen Wangen eine beredte Sprache redeten – zu verbergen, und es war rührend, wie sie darin dem Vogel Strauß gleich, von dem man sagt, daß er bei größter Not und Angst den Kopf unter den Flügeln verberge im Glauben, daß man ihn selbst mit seiner Sorge nicht sehe. Wohl hatte sie schon in seiner Bräutigamszeit manches bemerkt, was ihr nicht gefallen wollte, ein gewisses herrisches Wesen, einen Hang zu sinnlichen Genüssen, aber sie hatte gehofft, daß die Liebe ihm die Ecken seines Charakters abschleifen und das Unebene ausgleichen würde. Sie hatte ja so unendlich viel Vertrauen gehabt zu der Gewalt ihres Herzens und auch zu dem Herzen ihres Verlobten, und hatte diesen auch gegen den scharfsichtigen Vater verteidigt, der mitunter sehr zutreffende Bemerkungen gemacht hatte, der aber nicht seinem Kinde bei der Wahl eines Lebensgefährten in den Weg treten wollte, zumal er hoffte, daß die einfachen Verhältnisse der kleinen Landstadt und das liebe, sonnige Wesen seiner Tochter einen günstigen Einfluß üben würden.

Das alles waren getäuschte Erwartungen. Haller hatte einen leidlich guten Anlauf genommen, aber die ersten Mißerfolge und das damit zusammenhängende Gefühl der Beschämung, die er zu verbergen bemüht war, dann der Müßiggang, zu welchem er sich verurteilt sah und die Gesellschaft, in welche er bei seinen ländlichen Ausflügen geriet … das alles zusammengenommen war ihm verderblich, und auch die Liebe seines Weibes konnte ihn nicht halten auf der schiefen Ebene, auf der es ihn hinunterzog.

Therese wußte, daß er keine Patienten auf dem Lande besuchte; er hatte dort keine, so wenig wie in der Stadt; sie wußte, daß er spielte und trank, und sie hatte ihn oft wacher erwartet in tiefer Nacht, und mit Entsetzen bemerkt, daß er betrunken heimkam. Wenn er sie dann sah mit ihrem bleichen, verwachten Gesicht, überfiel es ihn anfangs wie Scham, aber da sie ihm keine Vorwürfe machte, sondern ihn nur stumm mit den großen, fragenden Augen anschaute, deren Blick er nicht zu ertragen vermochte, wurde er allmählich in solchen Fällen gereizt und zornig und sprach harte Worte, so daß sie es vorzog, nicht mehr auf ihn zu harren. Aber sie lag schlaflos im Bette, und hörte ihn heimkommen und regte sich nicht, auch wenn es ihr das Herz zusammenzog; und wenn sie ihn tief atmen hörte, dann schluchzte sie hinein in ihr Kissen.

Ihr Vater hatte sie besucht, ihm fiel ihr Aussehen auf, sowie das Wesen ihres Gatten, aber sie wich seinen Fragen aus und wußte ihn trotz ihres blutenden Herzens zu beruhigen. Und doch konnte es nicht so weiter gehen! Haller war nicht unvermögend, aber da er nichts verdiente und vom Baren zu leben begann, fingen auch die Vermögensverhältnisse an, beängstigend zu werden; ihr eigenes mütterliches Erbgut war ihr sicher geschrieben, aber die Interessen davon reichten gerade für den Haushalt, und wenn Haller wie sie fürchtete, anfing Schulden zu machen, so wurde auch diese Hilfsquelle in Mitleidenschaft gezogen, und es drohte das Schlimmste.

Auch diese Nacht war er erst gegen Morgen heimgekommen, und das bleiche, junge Weib, das am Fenster saß und nach dem kleinen Garten hinausblickte, der so freundlich im Schmucke der letzten Sommerblüten unter ihr lag, wußte auch, wie er gekommen war. Sie fand darüber keine Thränen mehr, aber sie wollte sich ein Herz fassen und mit ihrem Gatten reden mit dem Aufgebot all ihrer Liebe. So saß sie regungslos und lauschte auf jedes Geräusch im anstoßenden Schlafzimmer, das ihr verkündete, daß er erwacht sei. Mehrmals war sie auf den Zehen an die Thür geschlichen und immer wieder zurückgekehrt zu ihrem Sitze. Jetzt hörte sie ein sehr vernehmliches Räuspern, und wieder sprang sie auf.

Haller war in der That erwacht. Er sah mit glanzlosen Augen umher und griff mit den Händen nach der schmerzenden Stirn. Dann warf er gähnend einen Blick hinüber nach der Uhr und sank wieder zurück. In diesem Momente trat Therese ein. Sie war allerliebst in dem hellen Morgenanzuge mit dem freundlichen Gesichte, über welchem jetzt ein feiner, rosiger Hauch, halb der Verlegenheit, halb der Verschämtheit lag, und wie Haller sie bemerkte, leuchtete sein Blick eine Sekunde lang auf.

»Ach, das ist hübsch, Schätzchen, daß Du mir einmal einen Morgengruß bringst. Komm her, gieb mir einen Kuß … Du bist ja ganz wunderhübsch.«

Er zog die Nähertretende zu sich heran, und sie ließ sich willig küssen, dann aber wehrte sie sich sanft gegen seine Umschlingung:

»Laß mich, Paul … mir ist's nicht zum Kosen und Küssen … Du weißt, daß mir das Herz schwer ist!«

»Und mir der Kopf!« lachte er wüst – »da passen wir zusammen.«

»Ich muß mit Dir sprechen – und es ist schlimm genug, daß ich keine andere Stunde dafür finden kann …« sprach das junge Weib mit beklemmtem Atem.

»Ah – eine Gardinenpredigt – –«

»Spotte nicht, Paul! Mir blutet das Herz!«

Er begann unruhig und ärgerlich zu werden.

»Ich weiß Alles, was Du sagen willst – –«

»Vielleicht doch nicht!« entgegnete sie sanft. »Du weißt, wie ich Dich lieb gehabt – –«

»Gehabt!« unterbrach er sie beinahe höhnisch.

»Und wie ich noch immer an Dir hänge, trotzdem Du mir so oft bitter weh thust. Aber keinen Vorwurf will ich Dir machen, nur eine Bitte laß mich an Dich richten! Sieh, hier gehen wir zu Grunde, Du und ich, Du an der Berufslosigkeit und ich an dem Jammer, den ich um Dich empfinde. Was nützt Beschönigen und Versteckenspielen? Wir haben hier durch einen unglücklichen Anfang den Boden unter den Füßen verloren, und der ist nicht wieder zu gewinnen. Aber wir müssen doch nicht hier leben. Was bindet uns denn an diese Scholle? Laß uns fortziehen nach einem Orte, wo uns niemand kennt – ich gehe mit Dir und wenn es nach dem ärmsten, ödesten Erdenfleckchen wäre, nur raffe Dich auf, beginne ein thätiges Leben und werde wieder so, daß Du selbst und andere Dich achten können! Es ist ja wie ein Hohn, das leere Wartezimmer, und wie ein bitterer Spott klingt es, wenn Du von Deiner Landpraxis sprichst, und dabei verlieren wir neben der Freude am Dasein, neben dem Frieden des Hauses, neben dem Glück unserer Liebe auch allgemach die Mittel zu unserem Leben. Ermanne Dich, Paul! Lieber Paul, ich bitte Dich!«

Das junge Weib stand mit erglühenden Wangen, mit gefalteten Händen vor ihm voll rührender Schönheit, aber sie rührte nur seine Sinne. In seinen Augen leuchtete es begehrlich und er streckte wieder die Hände nach ihr:

»Ach laß jetzt die Dummheiten, und komm und küsse mich!«

Therese aber wich einige Schritte zurück und flehte mit innigem, angstvollem Tone:

»Paul – gieb mir Antwort! Höre mich, Paul – – es muß ein Ende nehmen – – o Gott!«

Und nun brachen ihr die Thränen aus den Augen, und aufschluchzend schlug sie die Hände vor das Gesicht. Da erfaßte ihn der Unmut:

»Was soll mir denn das Geschwätz? – Bin ich etwa ein Lump, der sich verstecken muß? – Brauche ich denn für diese Kleinstädter überhaupt Tränkchen und Salben zu verschreiben? – Warum soll ich denn nicht meinen Neigungen leben und dem Vergnügen? – Und denkst Du denn, wenn ich irgendwo anders mich niederlasse, daß mir die Philister von hier aus nicht nachschreien werden, ich sei ein Kurpfuscher und dergleichen Dummheiten mehr? – Ich habe die Lust verloren an dieser ganzen traurigen Wissenschaft, die auch nicht eine einzige wirkliche Krankheit des inneren Menschen heilen kann. Wer das Glück hat, bei seinen Versuchen von der Natur unterstützt zu werden, dem läuft die Menge zu, und wem das Glück fehlt, der verliert seine Patienten. Hol der Teufel dies ganze Glücksspiel – da ist mir das andere mit den zweiunddreißig Blättern noch lieber … und kurz und gut, mir gefällt es hier und ich bleibe hier, und Du sei nicht dumm und weine Dir Deine hübschen Augen nicht häßlich – Du bist hier die schönste Frau im Städtchen, wer weiß, ob das anderwärts wieder der Fall wäre.«

Die Worte klangen sinnlos, frivol, und dem jungen Weibe zog sich schmerzhaft die Brust zusammen. Sie sah den Gatten mit einem unendlich traurigen Blicke an und sprach:

»Paul, Du weißt ja nicht, was Du redest. Wie magst Du Deinen Beruf, einen der segensvollsten, wenn er mit Lust und Liebe geübt wird, so mit Füßen treten? Fühlest Du denn nicht, wie solche Worte Dich und mich entwürdigen? Es kann ja Dein Ernst nicht sein, was Dir aus dem Munde geht! Du kannst doch nicht daran denken, in Deinen Jahren bloß dem Müßiggang zu leben? Du willst doch nicht die Verachtung aller Guten auf Dich lenken? – Paul, ich beschwöre Dich … laß uns fortziehen von hier, wo wir den rechten Boden unter den Füßen verloren haben …«

Jetzt brauste er auf:

»Was gehen mich denn Deine Stockphilister an, die ihre Schnäbel an jedem wetzen, der nicht so lebt, wie sie selber? – Gerade ihnen zum Trotze bleibe ich und lebe ich, wie ich will, denn was aus Dir redet, das ist der dumme Klatsch, den Du hörst bei Deinen Frohwalts und Freidanks … warum gehst Du auch nicht mit Besseren um?«

»Niemand hat mir ein Wort darüber gesagt, nur mein eigenes Herz drängt mich – –«

»Ach Herz! – Herz ist das Pumpwerk im tierischen Körper – was Ihr Weiber Herz nennt!«

Er lachte roh, so daß sie erbleichend ihn ansah, und plötzlich ein seltsames Gefühl hatte. Ihr war, als sei in diesem Augenblicke ein Riß durch ihre Seele gegangen, als wäre sie aus einem Traume erwacht, in welchem sie diesen Mann geliebt hatte. Sie richtete sich hoch auf und sprach:

»Verzeih mir's Gott – aber ich fange selbst an, Dich zu verachten!«

Das Wort hatte eine seltsame Wirkung auf ihn. So lange sein Weib flehend, bittend, in ihrer demütigen, rührenden Schönheit vor ihm stand, war es ihm eine Lust, sie – die seine Liebkosungen abwehrte – zu quälen, weil er ein Uebergewicht und eine Herrschaft über sie zu haben glaubte, die ihm durch ihre Liebe gesichert schien – dies Wort aber ließ ihn erkennen, daß er seine Macht überschätzt habe, und das versetzte ihn in Erregung und Zorn. Er raffte sich auf und seine Augen und seine Hände suchten nach irgend einem Gegenstande, welchen er nach Therese schleudern könnte, während sein blasses, übernächtiges Gesicht sich dunkelrot färbte.

In diesem Augenblicke pochte es an der Thür. Die junge Frau ging hinaus und das im Nebenzimmer befindliche Dienstmädchen überbrachte ihr eine Karte mit dem Namen Ferdinand von Sorb und meldete, daß ein Herr den Herrn Doktor zu sprechen wünsche, aber nicht als Patient, wie er hinzugefügt habe.

Therese hatte den Namen wohl gehört, aber sein Träger war ihr unbekannt, und sie begab sich nach dem Salon, wohin das Mädchen denselben geführt hatte. Hier traf sie einen noch jungen Mann mit etwas verlebten Zügen, der zwar einigermaßen verlegen schien, als sie eintrat, aber doch mit weltmännischer Gewandtheit seine Entschuldigung vorbrachte. Er fragte an, ob er nicht Herrn Dr. Haller selbst sprechen könne, da seine Angelegenheit keinen Aufschub dulde.

Therese wußte nicht, warum sie vor dem Manne ein unverkennbares Unbehagen empfand, und mit einem Gefühl der Beschämung, das sie hatte bei dem Gedanken, daß Herr von Sorb das Unwahre ihrer Worte erkennen müsse, sagte sie mit erzwungener Ruhe:

»Mein Mann fühlte sich unwohl und hat das Bett noch nicht verlassen, ich werde ihn jedoch von Ihrer Anwesenheit und Ihrem Wunsche verständigen und bitte indes, sich zu gedulden!«

Sie entfernte sich und atmete jenseits der Thüre einmal tief auf, dann ging sie zagend nach dem Schlafzimmer zurück und rief die Worte hinein:

»Ein Herr von Sorb wünscht Dich dringend zu sprechen«!«

Sie hatte ihren Gatten nicht angesehen und war zurückgetreten, ohne seine Erwiderung abzuwarten, aber es war ihr doch, als höre sie ein Fluchwort und zugleich ein Geräusch, als ob er sich rasch erhebe. In der That war Haller bei dem Namen erschrocken und erbleicht. Er fuhr von seinem Lager, kleidete sich rasch und oberflächlich an, fuhr in seinen Schlafrock und begab sich nach dem Salon.

Der Wartende stand bei seinem Kommen auf und sah ihn mit einem seltsamen Lächeln an; sie reichten sich nicht die Hände, obwohl sie im übrigen bekannt genug schienen.

»Da Sie nicht zu mir kommen, muß ich mich bei Ihnen einfinden,« sagte Herr von Sorb; »ich darf Sie wohl daran erinnern, daß heute der 14. ist, und daß ich am 10. bereits eine Zahlung von Ihnen zu erwarten hatte. Ich würde Sie auch heute noch nicht wegen dieser Ehrenschuld belästigen, aber ich habe gleichfalls meine Verpflichtungen und bin als Edelmann gewohnt, denselben pünktlich nachzukommen.«

Es klang etwas Hochmütiges, Verletzendes aus den Worten, das Haller sehr wohl empfand, das ihn erbitterte und worauf er doch nicht so erwidern konnte, wie er es gern gethan hätte. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wie um die wirren Haare hinauszustreichen, in Wirklichkeit aber um sich den kalten Schweiß abzuwischen welcher ihm ausbrach.

»Verzeihen Sie, Herr von Sorb, wenn ich den Termin versäumt habe, ohne mich auch nur zu entschuldigen; es war gewiß ein unabsichtliches Versehen, aber gerade weil ich nicht daran gedacht, habe ich auch vergessen, die kleine Summe flüssig zu machen. Geben Sie mir noch zwei Tage Frist, ich habe das Geld nicht augenblicklich zur Hand …«

»Das ist unangenehm, sehr unangenehm, denn ich muß morgen selbst eine Zahlung leisten, wobei ich zuversichtlich auf Ihre Pünktlichkeit gerechnet hatte. Sie können doch nicht wünschen, daß ich Ihretwillen mich bloßstelle … ich bin Edelmann …«

Gerade das wiederholte Betonen dieses Moments war so verletzend für Haller; als ob der Mann vor ihm mehr Ehre besessen hätte, als er selber. Er war nichts mehr als ein gewerbsmäßiger Spieler, dessen Adelsdiplom vielleicht noch dazu recht fadenscheinig war, aber es galt um jeden Preis, die Demütigung hinunterzuschlucken.

»Nun gut – Verehrtester – ich schaffe Ihnen bis morgen Mittag das Geld … solange müssen Sie durchaus noch Geduld haben – ich kann's doch nicht im Augenblick aus den Fingern saugen, und seiner Frau erzählt man auch nicht gern derartige Verlegenheiten.«

»Sei's denn … aber dann rechne ich auch bestimmt auf Zahlung, Herr Doktor. Also morgen auf Wiedersehen!«

Herr von Sorb entfernte sich mit ziemlich hochmütigem Gruße, Haller aber ballte hinter ihm die Fäuste und sah finster drein. Er hatte sich tief zurückgelegt in den Fauteuil, von dessen dunkler Sammtlehne sein bleiches Gesicht sich scharf abhob und stierte vor sich hin.

Es waren 1200 Gulden, die er an den andern verspielt hatte, und er wußte nicht, woher er sie bezahlen sollte. Er hatte sie in der That nicht vorrätig, aber er wußte auch nicht, woher er sie flüssig machen sollte. Seine eigenen Mittel waren erschöpft, denn seine Lebensweise und fast immerwährendes Unglück im Spiel hatten in kurzer Zeit große Lücken gemacht, seines Weibes Heiratsgut war festgelegt, und er fand gerade nach der heutigen Szene nicht den Mut, sich ihr zu offenbaren. Davon hielt ihn wohl auch sein finsterer Trotz ab, der einen Grundzug seines harten, dünkelvoll unbeugsamen Wesens bildete.

Und doch mußte das Geld geschafft werden. Er zermarterte seinen schmerzenden Kopf und ließ an seinem Geiste alle seine sogenannten Freunde vorübergehen, ohne daß er bei einem derselben einen Hoffnungsstrahl erkannte. Zuletzt kam er, wie fast alle Spieler, wieder zu dem zweifelhaften Hilfsmittel zurück, das Glück zu versuchen mit dem letzten Reste seines baren Geldes. Es waren noch ungefähr fünfhundert Gulden, die er zum Teil erst am Abend vorher gewonnen hatte … auf sie setzte er sein Hoffen. Mit beinahe nervöser Hast erfaßte er den Gedanken, heute nach einer benachbarten größeren Stadt zu reiten, wo Pferdemarkt abgehalten wurde; dort fanden sich Offiziere, vermögende Landedelleute, Rittergutsbesitzer, reiche Roßhändler ein, und er wußte, daß dort hoch gespielt wurde. Dahin gedachte er sich zu begeben.

Er machte sich rasch fertig. Ein Frühstück nahm er nicht ein, auch von Therese verabschiedete er sich nicht. Schon nach einer halben Stunde ritt er fort auf seine »Landpraxis«, wie er die Leute glauben machen wollte. Auch sein Weib sah ihn hinter den herabgelassenen Gardinen, wie er mit dem blassen finsteren Gesichte vorübertrabte, ohne einen Blick nach den Fenstern heraufzuwerfen, etwas vornübergebeugt, als ob er über Unangenehmes sinne. Sie war es gewohnt, ihn um diese Zeit reiten zu sehen, auch war er manchmal schon gegangen, ohne ihr ein kurzes Abschiedswort zu sagen, heute aber überkam sie, nachdem der Hufschlag verhallt war, ein unsägliches Gefühl des Verlassenseins, der Bangigkeit und Schwermut, ein Gefühl eines maßlosen Jammers; sie ging in ihr kleines, freundliches Zimmer, und aufschluchzend sank sie in einen Sessel.

Haller aber ritt anfangs langsam die Straße entlang, die gegen Burgdorf aufstieg. Auf der Hochebene jedoch gab er dem Pferde den Sporn und jagte rasch dahin, seinem Ziele zu. Um die Mittagszeit kam er in der Stadt an und suchte sogleich das Hôtel auf, in welchem er seine Gesellschaft zu finden hoffte. Er hatte sich auch nicht getäuscht: Bekannte Lebemänner aus der ganzen Umgegend hatten sich in einem besonderen Zimmer zusammengefunden, und er ward von den meisten in beinahe vertraulicher Weise begrüßt.

Man war eben dabei gewesen, sich zu Tische zu setzen, als er kam, und da ihn der Hunger plagte, hatte er rasch seinen Platz eingenommen. Die trefflichen Speisen, der ausgezeichnete Wein, die ganze laute, lärmende Gesellschaft übten bald ihren Einfluß, und als erst die Champagnerkorke knallten, da ward er von ausgelassener, beinahe übertriebener Lustigkeit und stürzte Glas um Glas des prickelnden Schaumweins hinab. Dabei konnte er augenscheinlich die Zeit nicht erwarten, bis man daran ging, den Tisch für das Hazardspiel herzurichten. Der Wirt kannte seine Gäste, und obwohl solches Thun gesetzlich verpönt war, leistete er demselben doch Vorschub, denn er kam dabei nicht zu kurz.

Das kleine Speisezimmer lag in dem ersten Stockwerk nach dem Garten hinaus, welcher der Familie des Wirtes ausschließlich gehörte und um diese Zeit von niemandem besucht war, und wenn man auch da und dort von dem Spielklub munkelte, der besonders zu Marktzeiten sich hier zusammenfand, so hatte doch die Behörde niemals Notiz genommen von solchen Gerüchten, und die Beteiligten konnten ganz sicher sein.

So saßen sie auch heute wieder beisammen schon am hellen Nachmittage, und das Spiel war im besten Gange. Haller beteiligte sich an demselben mit wechselndem Erfolge, ohne durchgreifenden Gewinn oder Verlust. So ging es, bis der Abend hereindämmerte. Die Lichter wurden angezündet, und da dem Weine ausgiebig zugesprochen worden war, sah man manches besonders erhitzte und glühende Antlitz und leidenschaftlich funkelnde Augen. Haller hatte nach seiner Gewohnheit stark und schwere Weine getrunken, aber seine Gesichtsfarbe war fahl; Schweiß stand ihm auf der Stirne.

Es war, als ob mit den flammenden, flackernden Lichtern sein Unstern aufgegangen wäre, und was sein Unbehagen ganz besonders steigerte, war, daß gerade jetzt auch Herr von Sorb ankam und sich mit außerordentlicher Kaltblütigkeit am Spiele beteiligte. Dem Doktor schien es dabei, als ob jener manchmal wie mit spöttischem Lächeln ihn streife, als ob er seine Gedanken erriete, und so wurde er immer erregter und zugleich immer unsicherer, so daß auch die Aufmerksamkeit der andern sich gerade ihm immer mehr zuwendete.

Jetzt setzte er sein letztes Geld auf eine Karte. Seine Augen flimmerten, seine Hände, die auf der Tischplatte lagen, bebten wahrnehmbar – einige Augenblicke später hatte er verloren.

»Wer kauft mein Pferd?« fragte er mit heiserer Stimme, und einige der Umstehenden lachten, weil sie meinten, er rede im Scherz, einer aber rief:

»Was soll die Mähre kosten?«

»Sechshundert Gulden!« stieß Haller hervor.

»Ach, Thorheit, um vierhundert nehme ich sie.«

»Gegen sofortige Zahlung.«

»Topp! – Hier ist das Geld.«

Der Handel war flott gemacht worden, ohne daß die andern sich viel darum kümmerten, und gleich darauf warf Haller wieder einen Hundertguldensschein hin. Aber das Glück wollte sich nicht zwingen lassen, auch nicht um den Preis des treuen Tieres. Kalter Schweiß trat auf die Stirn des Mannes, zumal er den forschenden Blick Ferdinands von Sorb fühlte. Er vermochte den Bann dieser Augen nicht zu ertragen und rief ihm zu:

»Sehen Sie mich nicht immerfort an, Sie bringen mir Unglück!«

Der so rauh Angesprochene lächelte kühl und spöttisch und wandte Haller schweigend und wie verächtlich den Rücken. Dieser fühlte sich dadurch noch mehr verletzt und gedemütigt, aber er zwang sich zur Selbstbeherrschung, und spielte weiter. Nach einer halben Stunde war das Geld, das er für sein Pferd erhalten hatte, verschwunden.

Mit stieren Blicken starrte er um sich, trank dann mit wilder Hast sein Glas leer, und griff plötzlich nach seiner Uhr, die er samt der Kette aus der Tasche riß und auf den Tisch schleuderte. Es war eine schöne und wertvolle Ankeruhr mit doppeltem goldenen Deckel. »Wer kauft sie oder leiht mir darauf zweihundert Gulden?«

Die ganze Szene machte einen unendlich widerwärtigen Eindruck, und das empfanden selbst einige der Anwesenden, trotzdem die Geister des Weines bei allen mehr oder minder ihre Wirkung übten.

»Aber wir haben doch hier keine Leihanstalt!« bemerkte scharf einer der Offiziere … (S. 388.)

»Aber wir haben doch hier keine Trödelbude oder Leihanstalt!« bemerkte endlich kalt und scharf einer der Offiziere, und nach diesem Worte wurde es unheimlich still in dem Gemache. Die Lichter schienen trüber und düsterer zu brennen, die Luft zum Ersticken schwül und schwer zu werden. Alle Augen wandten sich nach Haller und dieser fand kein Wort der Erwiderung. Er hatte das Gefühl, daß er kein Recht habe, weiter hier zu sein; aus allen Blicken schien Verachtung zu reden, und so erhob er sich, todbleich, schlotternd, mit zusammengebissenen Zähnen und feuchter Stirn. Er raffte seine Uhr an sich und schwankte schweigend hinaus. In der Nähe der Thüre hörte er wie im Traum die Stimme des Herrn von Sorb:

»Vergessen Sie nicht – morgen Mittag!«

Einige Augenblicke später stand er im Freien. Er wußte nicht, wie er die Treppe herabgekommen war, und um ihn schien alles zu schwanken, so daß er mehrmals mit den Händen hastig in die Luft griff, als suche er nach einer Stütze. Die Kühle des Abends berührte ihn angenehm, und barhäuptig, wie er war, schritt er durch die stillen nächtlichen Gassen, hinaus auf die freie Straße, und ging weiter, immer weiter. Wie lange er so gegangen war, darüber gab er sich keine Rechenschaft.

Der Himmel hatte sich mit trüben Wolken behangen, und ein feiner Regen begann niederzugehen, als er durch ein kleines Dorf kam. Das lag still und schlafend; nur ein Hund, der den späten Wanderer spürte, bellte heiser. Haller fühlte sich müde und elend, körperlich und seelisch. Aber sein Kopf war so wüst, daß er gar nichts zu denken vermochte, nur das eine Gefühl hatte er, daß er mit der Verachtung der Menschen belastet sei.

So kam er an die Schenke. Ein mattes Licht fiel durch die Fenster auf die Straße, und er gedachte einzutreten, denn die Schwäche begann ihn zu überwältigen. Die niedrige Stube war voll Tabaksqualm. In der Nähe des Ofens saßen drei Bauern, jüngere Burschen, und spielten Karten; auf der Ofenbank lag der Wirt. Er erhob sich langsam bei Hallers Eintritt, und auch die Drei sahen sich nach dem barhäuptigen Herrn um, der wie eine Gespenstererscheinung auftauchte. »Bringt mir Salzbrot und ein Glas Branntwein!« sagte dieser mit heiserer Stimme, indem er sich an einem Tische niederließ, und jetzt betrachteten ihn die Burschen beinahe frech und zudringlich.

Er aß und trank mit Gier und hörte zwischendurch mit halbem Ohre die spöttischen Bemerkungen der rohen Gesellen.

»Ein Schnapsbruder im Frack!« sagte der eine.

»Das arme L…r kann vielleicht kein Bier bezahlen!« lachte der andere.

Haller griff mechanisch in die Tasche seiner Beinkleider; wo sonst sein Portemonnaie war; er fand es nicht. Offenbar hatte er es am Morgen gar nicht zu sich gesteckt und das Geld, welches er verspielt hatte, war alles gewesen, was er bei sich trug. Ein Zittern durchlief seinen Körper bei dem Gedanken, hier nicht bezahlen zu können, und krampfhaft suchte er in allen übrigen Taschen. In der Brusttasche fühlte er etwas Hartes, Kaltes – – er erschrak: Es war der Lauf des kleinen Pistols, welches er auf seinen nächtlichen Ritten als Schutzwaffe bei sich zu führen pflegte.

Er aß langsamer, und die Bissen quollen ihm im Munde besonders unter den spöttischen Blicken seiner Beobachter, die ganz zu spielen aufgehört hatten und ihre Zeche bezahlten.

Jetzt sagte der Wirt:

»Nun wird zugemacht! Wegen einem Salzbrot und Schnaps kann ich nicht die ganze Nacht durch sitzen bleiben.«

Das fuhr Haller durch die Seele. In sein Gesicht stieg eine flutende Röte der Scham, und er sagte stockend:

»Ich habe mein Geld verloren – ich muß meine Uhr als Pfand –«

Er legte den goldenen Chronometer zagend auf den Tisch. Mißtrauisch sah der Wirt bald diesen, bald ihn selbst an, dann wog er das Wertstück in der Hand und sagte verächtlich: »Talmi? – He? – Na, ich will's behalten!«

Der Unselige erhob sich. Er widersprach nicht, sondern wankte, den letzten Bissen noch im Munde, hinaus, und hörte den Wirt hinter sich sagen:

»Ein versoffener Lump!«

Das rohe Gelächter der Burschen in der Dorfgasse hallte ihm nach, dann ward es still. Am Himmel waren wieder einzelne Sterne sichtbar geworden, aber sie waren ihm keine trostvollen Lichter, und langsam, verzweiflungsvoll ging er die Straße weiter. Selbst die rüden Gesellen verlachten und verachteten ihn … er kam sich vor wie ein Geächteter, von aller Welt Ausgestoßener, und wenn er an sein Weib dachte, klang ihm ihr Wort im Ohr: »Ich fange selbst an, Dich zu verachten.« Wie konnte er sich vor ihr wieder sehen lassen nach dieser furchtbaren Nacht? Wo war sein Pferd? Wo war sein letztes Geld? Und was that er, wenn morgen Ferdinand von Sorb auf Bezahlung seiner »Ehrenschuld« bestand? Und dieser würde darauf bestehen, zumal er ihn erst heute roh beleidigt hatte.

Die Straße senkte sich nieder in einen Hohlweg. Zu beiden Seiten war finsterer Fichtenwald und ließ den milden Sternenschimmer nicht hindurch, der Weg selbst war dunkel und unheimlich, und in den Baumkronen raunte und rauschte es seltsam. Da überkam ihn die Verzweiflung, und am Straßengraben setzte er sich nieder und begann mit dem Kolben der kleinen Waffe in seiner Tasche mechanisch zu spielen. Nach einer Weile scholl schriller Eulenruf durch die Nacht und wenige Augenblicke später ein kurzer, scharfer Knall – – dann war die Nacht wieder ruhig wie zuvor, und nur die Bäume raunten und rauschten weiter. – –

Und am andern Morgen lachte die Sonne wieder hell und heiter über der kleinen Landstadt. Therese hatte kein Auge geschlossen. Stunde um Stunde hatte sie gelauscht, ob sie nicht Hufschlag höre, aber die Zeit verrann, die Nacht war vorüber, und ihr Gatte kehrte nicht heim. So sehr sie an solche Sachen gewöhnt war, so überkam sie doch heute eine seltsame Angst. Sie dachte an den Auftritt von gestern, und es war ihr, als habe sie ihm ein hartes Wort zu viel gesagt, das sie bereuen müßte. Unruhevoll schritt sie durch die Zimmer, bald dieses, bald jenes Fenster öffnend, um hinauszuhorchen, aber vergebens, das Leben der kleinen Stadt hatte lange schon begonnen, die Glocken hatten zur Frühmesse gerufen, ihr Dienstmädchen hatte den Kaffeetisch bereitet, aber das junge, bleiche, müde und von Schlaflosigkeit schier erschöpfte Weib fand nicht die Ruhe, ihr Frühstück einzunehmen.

So gingen noch mehr als zwei Stunden hin. Ihre Angst steigerte sich, ihr Herz klopfte erregt … sie ertrug es nicht mehr, sich niemandem mitteilen zu können. Aber zu wem sollte sie sich wenden? Wem hätte sie die gequälte Seele aufthun und Trost von ihm erbitten können? Ihren Jammer hatte sie ja vor aller Augen gehütet, und selbst dem Priester in der Beichte hatte sie nichts gesagt von ihrem häuslichen Elend. Aber heute mußte sie sprechen, sie mußte wissen, ob sie selbst gestern ein zu hartes Wort gesprochen habe. Da dachte sie an den Kapuziner Severin. Er war ihr stets wie ein Freund entgegengekommen mit so zarter, schöner Teilnahme, und er war als Priester musterhaft. Ihm wollte sie beichten, von ihm Rat und Trost begehren in ihren furchtbaren Nöten, in der entsetzlichen Ungewißheit dieser Stunden.

Rasch kleidete sie sich an, und auf einem Umwege, der sie nicht durch die Gassen führte, begab sie sich nach dem kleinen Kloster.

Pater Severin ging nahezu um dieselbe Zeit im Klostergarten hin und wider, sein Brevier in der Hand. Er sah ernst, aber nicht leidend aus, und mit ruhigen Augen schaute er empor nach dem Himmel, und hinein in das Laubgewirr der Obstbäume, aus dessen Grün da und dort der reiche Segen der Früchte blinkte. Da vernahm er einen Schritt, und da er sich umsah, bemerkte er den »Vetter Martin«, der langsam herankam. Der junge Kapuziner eilte ihm entgegen. Auch er freute sich an dem Wesen des wackern alten Herrn und begrüßte ihn freudig, nachdem er ihn lange genug nicht gesehen hatte. Dieser aber rief:

»Briefe von Hans Stahl! Eben eingetroffen! Hier schreibt er mir:

»Lieber Vetter Martin! Nur wenig, wie es im Feld und auf dem Tornister möglich ist. Habe gestern mitgekämpft in der Schlacht bei Wörth und werde diese Stunden, die ersten im Feuer, nicht vergessen. Ich fühle erst jetzt, daß ich ein anderer Kerl geworden bin – Gott helfe mir, wenn ich's jemals vergäße! Ich bin heil und gesund und kampfesfreudig wie nur einer. Wir haben gestern Preußen, Bayern, Württemberger Schulter an Schulter gefochten; es giebt kein Nord- und Süddeutschland mehr, das soll der Franzmann spüren. Gott mit Ihnen und mit uns! Tausend Grüße! Ihr Hans Stahl!«

»Was? – Ist das nicht ein infam prächtiger Bengel? Wenn ich ihn hier hätte, für die Zeilen müßt' ich ihn einmal küssen, obgleich ich für gewöhnlich keine sentimentalen Anwandlungen habe. – Aber hier ist eine Beilage mit Ihrer Adresse; viel wird auch nicht drin stehen!«

Pater Severin öffnete den Umschlag und fand in der That nur die wenigen Zeilen:

»Das Neueste von mir erfahren Sie durch Vetter Martin. Wie geht es Therese? Schreiben Sie mir von ihr und wachen Sie über sie! Mit herzlichem Gruße der Ihrige.« – Dann folgte eine Adresse.

Der Kapuziner reichte seinem Begleiter schweigend das Blättchen; dieser las und sagte:

»Der arme Junge! Das kann er nicht verwinden, aber da können wir alle beide nicht helfen. Was wollen Sie ihm schreiben?«

Severin zuckte die Achseln und erwiderte wehmütig:

»Ich weiß nur, was das Volk spricht, und das möchte ich ihm nicht mitteilen; es ist nicht verbürgt, und wenn es wäre, so könnte er nicht helfen, so wenig wie ich. ›Wachen Sie über sie!‹ Ich weiß nicht, wie er sich das denkt. Ich habe ja nicht einmal ein Recht zu einem Worte des Trostes für sie, so lange sie es nicht begehrt.«

»'s ist richtig, und für ihn ist's besser, wenn er nichts Schlechtes hört. Er braucht seinen Mut und seine gesunde Frische jetzt doppelt, und wenn er denken kann, es geht ihr gut oder mindestens erträglich, so vergißt er sie zuletzt am leichtesten, und das muß doch einmal sein.«

Ein leiser Seufzer hob die Brust des Mönches … er wußte, daß man Therese nicht so leicht vergaß!

Das Gespräch aber wendete sich mehr dem großen Ereignis der Zeit, dem Kriege, zu, und die beiden wanderten langsam unter den Bäumen auf und nieder, bis die Glocke läutete.

»Ich muß zur Messe – verzeihen Sie!« sagte nun Severin, und der Alte entfernte sich mit einem Worte der Entschuldigung, während der Kapuziner langsam nach dem Kirchlein ging. Da kam ihm ein Laienbruder entgegen mit der Mitteilung, daß eine Dame ihm zu beichten wünsche. Das war nichts Außergewöhnliches und er begab sich ruhig nach dem Beichtstuhl, in welchem er erwartet wurde: Dort kniete eine junge Frau im dunklen Gewande, und als er näher kam, fühlte er, wie sein Herz heftiger anfing zu schlagen und wie ein Zittern ihn erfaßte; er hatte Therese Haller erkannt.

Sie aber preßte die weiße Stirne gegen das Holzgitter, das sie von seinem Sitze trennte, und begann leise, zaghaft zu sprechen, indes er das Haupt neigte und seine Hände krampfhaft in einander schlang. Das war nicht eine Beichte, wie sie sonst üblich war mit Beobachtung der vorgeschriebenen Einleitungsworte … es war auch nicht ein Sündenbekenntnis, sondern ein banges Stammeln einer gequälten Seele, eine Geschichte von dem Märtyrertum eines stillen, verschwiegenen Frauenherzens, das in seiner Angst und in seinem Jammer sich in den Schutz der Kirche flüchtet, und nicht Sündenvergebung, sondern Trost und Rat erfleht.

Jetzt erst erkannte Severin mit sehenden Augen die ganze Größe des Elends, dem das junge Weib preisgegeben war, und sein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Daß sie auch ihm gerade all das erzählen mußte, der sein Herzblut gegeben hätte, um sie glücklich zu machen, und der nun gar nichts thun konnte, ja kaum recht wußte, was er ihr sagen sollte. Ihm war gewiß noch elender zu Mute, als der Armen, die zu seinen Füßen kniete, und nun, nachdem sie ihm erzählt von ihrem gestrigen Versuch, den Gatten sich zurückzugewinnen und von dem letzten Worte, das sie gesprochen und das sie in ihrem feinfühligen Wesen heute beinahe als zu hart bereute, schweigend harrte, was er ihr verkünden werde.

Der Mönch atmete tiefer, er sandte ein heißes Stoßgebet zum Himmel und dann begann er zu sprechen, warm, herzlich, ruhig. Ihm war selbst, als ob aus ihm ein anderer, Höherer rede; ihm schien, als ob er noch niemals in seinem Leben so die rechten Worte gefunden habe, mit denen er sein Beichtkind hinwies auf Gottes Vaterhuld, die niemandem mehr auferlege, als er tragen könne, und wie seine Allmacht auch Mittel finden werde, ihrem Leid ein Ende zu bereiten. Für ihr Verhalten gegen ihren Gatten am gestrigen Tage sprach er sie frei von aller Schuld und Verantwortung; sie habe nur gethan, was ihre Pflicht und ihr Recht war.

Es läutete bereits zum andern Male zum Meßgottesdienst, aber er unterbrach sich nicht, und als er endlich schloß, und das Zeichen des Kreuzes über Therese machte, da war ihm die Brust so frei und gehoben, er fühlte, daß er des Priesters schönste, weihevollste Pflicht getreulich erfüllt habe, und ihn überraschte und verwirrte es nicht, als sein Beichtkind sich über seine Hand neigte und sie mit heißen Lippen küßte.

Getröstet und erhoben war die junge Frau aus dem kleinen Kirchlein heimwärts gegangen, und sie fühlte sich ungleich ruhiger als vorher, trotzdem ihr Gatte noch immer nicht zurückgekehrt war.

Es kam die Mittagszeit und um dieselbe Herr von Sorb. Therese empfing ihn mit kühler Höflichkeit, und er sprach sich verwundert aus, als er hörte, daß er Dr. Haller nicht antreffe; er schien beinahe mißtrauisch gegenüber der Mitteilung zu sein und äußerte:

»Er verließ doch gestern bei Zeiten R…« – er nannte den Namen der Stadt, wo am Abend vorher gespielt worden war – »freilich zu Fuße, denn sein Pferd hatte er verkauft. Ich werde mir gestatten, morgen wieder vorzusprechen, gnädige Frau …«

Damit ging er und sinnend trat Therese an das Fenster. Ihr Gatte hatte sein Pferd verkauft – sie fühlte, was damit gesagt war; er hatte sich auch wohl geschämt, ohne Pferd am hellen Tage heimzukommen und werde die Nacht abwarten. In ihre Seele kam wieder ein Hauch von bitterer Bangigkeit … und aufs neue gingen die Stunden, bis endlich der Nachmittag die furchtbare Kunde brachte.

Ein Fuhrmann hatte am Morgen den Toten gefunden am Straßenrand, gelehnt an eine alte Fichte, wie einen Schlafenden. In der Stirn war eine kleine, runde, schwarz gerandete Oeffnung, die Schußwaffe lag neben ihm. Der Fuhrmann war, von Entsetzen erfüllt, ins nächste Dorf gefahren und hatte dort Mitteilung gemacht, dann war der Gemeindevorstand mit einem zufällig anwesenden Arzte hinausgeeilt, und der letztere hatte festgestellt, daß der Erschossene der Dr. Haller aus … sei, und daß hier zweifellos ein Selbstmord vorliege. Das übliche Protokoll wurde aufgenommen, und dann die Leiche auf einen Wagen geladen, mit einer alten Decke zugedeckt und nach dem Städtchen gefahren, wo seine Frau lebte. Und hier war sie nachmittags angekommen.

Sie fuhr vorüber an dem Kapuzinerklösterchen, eben als Severin aus der Pforte trat. Der Fuhrmann grüßte ihn, und da ihn die furchtbare Nachricht drückte, erzählte er sie dem jungen Mönche. Dieser erbleichte und verlor einige Augenblicke die Fassung, dann aber dachte er des armen jungen Weibes.

»Weiß seine Frau bereits davon?« fragte er.

»Es ist ein Herr vom Gericht vorausgefahren, um sie vorzubereiten,« sagte der Mann.

»Fahren Sie ganz langsam, ich will vorausgehen!«

Damit eilte Severin so schnell er konnte von dannen, die schwere, braune Kutte aufraffend, damit sie ihn nicht hindere beim Ausschreiten. Bebenden Herzens lief er die Treppe hinan in dem freundlichen Hause, ein weinendes Dienstmädchen kam ihm entgegen, und gleich darauf stand er vor Therese.

Sie war marmorbleich, aber Thränen schien sie nicht gefunden zu haben. Die großen dunklen Augen lagen tief in dem weißen Gesichte und hatten einen seltsamen Glanz. Als sie ihren jungen Beichtiger erkannte, eilte sie ihm entgegen … sie wollte sprechen, aber sie vermochte es nicht, und wortlos, wie ein Kind an das Herz des Vaters, sank sie an seine Brust und nun erst konnte sie weinen.

Was der junge Kapuziner in diesem Augenblicke empfand, war unbeschreiblich; eine Flut der mannigfaltigsten Empfindungen durchtobte ihn: Schmerz, Mitleid, Jammer, Lust und Glück waren da zugleich. Da hielt er sie an seinem Herzen und in seinem Arme; er fühlte das Beben ihres Leibes, das Wehen ihres Atems … und doch, kein Hauch der Sinnlichkeit überkam ihn, nur etwas wie das Bewußtsein eines stillen, unsäglichen, kurzen Glücks. In Sekunden durchlebte er unendlich viel. Aber hier galt es Kraft und Fassung.

»Gott sei mit Ihnen! Mehr kann ich in dieser Stunde Ihnen nicht sagen, seine Wege aber sind unerforschlich und weise. Er weiß, warum er es zuließ, daß dieses Eheband, das er durch meine Hand knüpfte, so plötzlich und gerade so zerrissen wurde. Ihm möge er gnädig sein, und Ihnen wird er seinen Frieden wieder schenken, der Ihnen so lange schon gefehlt hat. Seien Sie getrost – noch haben Sie Ihren guten Vater und Ihre Freunde!«

Er sprach ohne jedes salbungsvolle Pathos, schlicht und herzlich, und das junge Weib hob die überströmenden Augen nach ihm auf und reichte ihm die Hand.

»O, ich danke Ihnen! Mein Vater wird bestürzt sein, und es thut mir so leid um ihn … bitte, telegraphieren sie ihm in meinem Namen, wie Sie es für gut halten!«

»Gern, aber nun nehmen Sie mit Fassung auch das Härteste auf sich: Nehmen Sie den Verschiedenen noch einmal auf, denn er kommt eben an.«

Auf der Straße knirschte der Wagen: Erwachsene und Kinder, die von der Begebenheit gehört, liefen hinterher und sammelten sich vor der Thüre. Dann trugen einige Männer den in die alte Decke gehüllten Leib herauf, und Severin trat ihnen entgegen.

»Hierher!« gebot er mit halblauter Stimme, und sie schafften ihn nach dem Sprechzimmer und betteten ihn auf dem Sopha, und schaudernd sah ihm der Mönch in das bleiche Angesicht: Er war wohl der Erste, der, an seiner Seite stehend, für ihn ein stilles Gebet sprach. Dann ging er zu Therese, die ihn gefaßt empfing und den Toten zu sehen wünschte. Er führte sie hinüber nach dem Gemache, aber noch einmal mußte sich hier das bleiche, zitternde Weib auf seinen Arm stützen.

»Sie dürfen nicht hier bleiben, so lange er da ist. Ich bringe Sie zu Frau Frohwalt hinüber, und für alles Weitere lassen Sie mich Sorge tragen,« sprach er, und sie folgte ihm schweigend und ohne Widerstreben.

Die furchtbare Kunde war ungemein schnell durch das Städtchen gelaufen, und es fehlte nicht an zahlreichen Beweisen der herzlichsten Teilnahme für Therese. Schon am andern Tage kam Professor Holbert und führte sein Kind wieder hinüber in ihre Wohnung. Er hatte die Ruhe und Festigkeit des echten Mannes, und seine Anwesenheit wirkte wunderbar beruhigend auf Therese. Der Tote aber lag aufgebahrt im Sprechzimmer.

Auch der Pfarrer war gekommen, um der Witwe seine Teilnahme auszudrücken und ihr die Versicherung zu geben, daß man den Selbstmord Hallers seitens der Kirche als eine That des Wahnsinns auffasse und ihm darum ein feierliches Begräbnis nicht versagen werde. Therese dankte kühl und müde für diese Versicherung: Es war ihr ja tröstlich, zu wissen, daß der Mann, an dem ihr Herz gehangen, nicht einfach, wie es sonst bei Selbstmördern Brauch und wie es vor kurzem erst bei einem armen Teufel im Städtchen geschehen war, ohne Sang und Klang eingescharrt werden sollte.

Als man am Begräbnistage den Sarg schloß, und sie zum letzten Male ihrem Gatten ins Antlitz schaute, empfand sie seltsamer Weise keinen Schmerz; ihr war, als sei auch in ihrer Seele etwas gestorben, was sie vordem für Liebe gehalten hatte. Sie folgte langsam ihrem Vater, der sie nach einem andern Gemache führte und schweigend an der Hand hielt, als von der Gasse her der eintönige Gesang des Kirchenchors und die Trauermusik erklang. Dann begannen die Glocken zu läuten.

Professor Holbert und seine Tochter folgten dem Sarge nicht, und es war in mehr als einer Beziehung besser. Sie brauchten dann auch nichts zu hören von dem gärenden Unmut der Leute, die in den Gassen standen, und als der in silberverbrämtem Trauerornate herschreitende Pfarrer vorüberkam, deutlich genug sich äußerten über das »zweierlei Maß« in der Kirche.

Am andern Morgen klebten am Gotteshause wie an der Pfarrei große Zettel, die es noch schärfer geißelten, daß der vornehme Selbstmörder mit allen Ehren beerdigt worden sei und geradezu drohten, man werde ihn wieder ausscharren und nach dem Winkel werfen, wohin die Armen kämen, wenn sie unserm Herrgott vorgriffen. Pater Ignaz war darüber im höchsten Grade ärgerlich, zumal auch Frohwalt, als er in der Sakristei mit ihm am nächsten Morgen zusammentraf, ihm kühl und ruhig bemerkte:

»Frau Franke will wirklich evangelisch werden, da sie das zweifache Maß in der Kirche nicht begreift.«

An demselben Abend schrieb Pater Severin an Hans Stahl einen ausführlichen Brief, und am nächsten Morgen reiste Professor Holbert mit seiner Tochter nach Prag. Er hatte sein Kind wieder ganz für sich gewonnen.