Zwölftes Kapitel.
Rom!
Es liegt ein seltsamer Zauber um die sieben Hügel, der das Herz ergreift, und die Seele erhebt. Stadt der Cäsaren, die den Vollglanz einer alten, bis in die fernsten Zeiten nachwirkenden Kultur schaute, um deren gewaltige Trümmerreste und Gräbermale der Hauch einer großen Geschichte wittert – Stadt, in der die Kunst des Mittelalters ihre wunderbaren Tempel und Paläste baute, in der die größten Genien unvergänglich schufen, so daß das schönheitsdürstende Gemüt andachtsvoll zu ihren Schöpfungen wallt, und junge Künstlergeschlechter sich Begeisterung trinken an dem ewig frischen Brunnen – Stadt, in welcher der glaubensstarke Katholik den Mittelpunkt religiösen Lebens sieht, wo der Statthalter Gottes auf Erden thront in seiner Majestät und Würde, und von welcher Segen Und Fluch ausgegangen ist Jahrhunderte hindurch über Völker und Könige – ewige Stadt, dir giebt es keine vergleichbar!
Wer auf dich niederschaut von der Höhe des Monte Pincio, dem prägt sich dein Bild unverwischbar in die Seele, und er braucht nicht aus der Fontana Trevi getrunken zu haben, um die ewige Sehnsucht nach dir im Herzen zu tragen. Wer aus dem Grün der Laubengänge des alten »collis hortorum« auf die Terrasse hinaustritt an einem schönen Abend, wenn es belebt wird in den Schattengängen, und wenn leise verhallend die Musik der Militärkapelle von der Passeggiata herklingt, der hat die Stadt in ihrem ganzen Reize und bei voller Stimmung unter sich. Ueber die Piazza del Popolo hinweg schweift der Blick hinüber auf das andere Ufer des Flusses, dessen Gewässer hier nicht sichtbar wird, nach dem herrlichen Juwel der Papststadt, der gewaltigen Kuppel von St. Peter, die machtvoll hinausragt über die von Grün umwobenen Paläste und Bauwerke des Vatikans, während mehr zur Linken das massive Bauwerk der alten Moles Hadriani, der Engelsburg, sich erhebt, deren ehernes Engelsbild vom letzten Sonnenschein übergossen wird. Und das trunkene Auge schweift weiter bis an die blauende Hügelkette, welche den Horizont begrenzt und deren Cypressen- und Pinienwäldchen sich deutlich von letzterem abheben.
Und wenn Du hineinschaust in die Stadt am linken Ufer des Flusses, da will der Anblick Dich fast verwirren und betäuben. Es ist eine erdrückende Fülle von Häusern, dazwischen ragende Paläste und zahllose Türme und Kuppeln, wie heiliger Sinn und weltliche Kunst sie neben einander gebaut haben. Und Gegenwart und Vergangenheit so nahe an einander gerückt! Ueber Kirchen und Gassen, über die Bauwerke und Gärten des königlichen Quirinals schweift das Auge suchend weiter gegen Süden, wo auf dem alten Capitol hinter dem Kloster Aracoeli sich die Trümmerreste der Cäsarenzeit erheben und vor dem Palazzo Caffarelli die Säule Marc Aurels auf der Piazza Colonna sichtbar wird.
Die Sonne war gesunken und vom Pincio herab nach der Piazza del Popolo schritt langsam ein behäbiger Herr in der Mitte der fünfziger Jahre. Er trug einen langen, dunklen Rock, auf dem Haupte einen breitrandigen Hut, wie ein Abbate, und an den kräftigen Beinen violettseidene Strümpfe. Die Füße staken in Schuhen, deren Silberschnallen hell blinkten. Es war ein kirchlicher Würdenträger, das sah man an der ganzen Erscheinung. Das glattrasierte Gesicht, das infolge des kurzgeschorenen Haares noch voller erschien, hatte ein gutmütiges Gepräge, und die kleinen dunklen Augen, welche unter den dicken Lidern lagen, schauten recht verständig in die Welt.
Der Mann kannte das Bild der ewigen Stadt vom Monte Pincio aus genugsam, war er ja ein Kind Roms, und doch ging er immer wieder hinauf in die herrlichen Gärten der Villa Medici und konnte nicht scheiden, ohne von der Terrasse noch einmal herabgeschaut zu haben auf seine geliebte Stadt. Der Abend war ungewöhnlich warm und der geistliche Herr nahm den breitrandigen Hut ab und wischte sich mit einem seidenen Taschentuche im Weiterschreiten die Stirne. Er schritt langsam vorüber an dem Obelisk, den Kaiser Augustus einst aus Heliopolis gebracht und Papst Sixtus V. hier aufgestellt hatte und bog dann in die schnurgerade lange Via di Ripetta ein. Bei San Agostino wandte er sich nach rechts in das Gewirr kleiner Gassen und Gäßchen, die jetzt minder belebt waren und schlug augenscheinlich die Richtung nach der Via del Governo ein.
Die Leute, welchen er begegnete, grüßten ihn vielfach sehr ehrfürchtig, und ein ehrsamer Handwerker, der neben einem Fremden vor seiner Hausthür stand, sagte zu diesem, als der Priester mit den violetten Strümpfen vorüber gegangen:
»Das ist der Monsignore Parelli, der das prächtige Haus in der Via del Governo hat; ein braver und reicher Herr, der auch bei mir arbeiten läßt. Er ist auch immer mit mir zufrieden gewesen, und ich hoffe, Signore, daß Sie es auch sein werden. Ja, er ist Bischof.«
»Bischof?« fragte der andere – – »wohl in partibus?«
»Was ist das?« fragte der Handwerker.
»Nun, ich meine, er hat keine eigentliche Diözese zu verwalten, sondern führt den Titel von einem Gebiete, das zur Zeit noch in den Händen von Ungläubigen ist, deshalb in partibus infidelium.«
»Da mögen Sie recht haben – ich habe seine Unterschrift gesehen, da stand Bischof i. p. von Mikrun. Mikrun ist meines Wissens nicht in Italien.«
»Das liegt vielleicht in Asien oder Afrika. – Nun, Gott befohlen, Meister!«
»Felice notte Signore!«
Der Fremde ging und sah den Bischof noch eine kleine Weile unfern vor sich hinwandern, dann entschwand er ihm um eine Ecke. Der Bischof war in eine schmale Via eingebogen und ging immer langsamen Schrittes weiter. Die Dämmerung war langsam in die Gassen gesunken, da bemerkte er in einem Winkel, der von einem Hausvorsprung gebildet wurde, eine zusammengekauerte Gestalt und hörte ein Schluchzen.
Er trat näher und sah einen etwa dreizehn- bis vierzehnjährigen Jungen. Die nackten braunen Beine hatte er an den Leib gezogen, seine Kleidung bestand aus verschlissenen Kniehosen und einer schäbigen Sammtjacke, auf dem Kopfe trug er weit zurück geschoben einen zerknitterten alten Filzhut, unter welchem dunkle Locken hervorquollen; die gebräunten Hände aber lagen über dem Gesicht.
»Was fehlt dir, mein Junge?« fragte der Prälat, indem er teilnahmsvoll näher trat, und der Bursche ließ die Hände sinken und blickte auf. Er hatte ein prächtiges Gesicht mit dunklen, großen Augen, die er nun ehrlich und befangen auf den vornehmen Priester heftete. Dann sprang er auf und sagte:
»Ich habe heute noch nichts gegessen – ach, Monsignore, haben Sie keine Arbeit für mich?«
Den Bischof ergriff Mitleid mit dem Burschen, dessen Worte so ungeschminkt klangen, und der nun, ohne Unterwürfigkeit zu zeigen, oder wie es sonst vielleicht geschehen wäre, ohne nach seiner Hand zu fassen, um sie zu küssen, vor ihm stand; er sagte darum:
»Komm mit mir, ich will Dir zu essen und zu arbeiten geben!«
Da leuchteten die dunklen Augen des Burschen auf, er stammelte einige abgerissene Dankesworte und ging nun neben dem Prälaten her, der ihn nach seinen Familienverhältnissen befragte. Der Knabe antwortete bescheiden, aber mit ruhiger Sicherheit. Er hieß Sisto Brenta und war der Sohn armer Leute in der Campagna. Sein Vater war schon lange tot, die Mutter vor zwei Tagen begraben worden. Verwandte, die ihn aufnähmen, hatte er nicht, und so war er in die große Stadt gegangen. Er bettelte nicht um Brot, sondern um irgend eine Arbeit, aber den ganzen Tag hatte er sich in den Gassen herumgetrieben, war von Haus zu Haus gegangen, aber er fand nicht, was er suchte. Nun war er hungernd und verzweifelnd in einem Winkel zusammengesunken, wo er auch hatte übernachten wollen. Den heiligen Sixtus, seinen Patron, hatte er noch angerufen, dann aber war der Jammer über ihn gekommen, und so hatte ihn Parelli gefunden.
Das erzählte Sisto, und der Prälat hatte mit unverkennbarem Wohlwollen die schlichten Mitteilungen angehört, und war während derselben mit seinem jungen Begleiter auf eine breite, belebte Straße gekommen. Vor einem großen Gebäude stand er still und sagte:
»Hier sind wir zu Hause, komm!«
Der Knabe starrte ihn verwundert mit seinen großen Augen an, dann folgte er ihm nach wie ein Hund. Ueber teppichbelegte Treppen, zwischen Marmorsäulen stiegen sie empor nach der Beletage, wo ein galonnierter Diener respektvoll den Bischof grüßte und mit Befremden den Betteljungen ansah, der hinter ihm dreinschritt. Durch einige prachtvoll eingerichtete Gemächer mit Bildsäulen und Gemälden waren sie gegangen, in welchen der barfüßige Bursche aus der Campagna mit großen, staunenden Augen flüchtige Umschau hielt, als ihnen aus einem Seitengemache eine Dame in dunklem Seidengewande entgegentrat und befremdet nach dem Begleiter des Prälaten schaute. Sie mochte ungefähr vierzig Jahre alt sein, und war stolz und schön.
»Signora Lucia, der Bursche hat Hunger und sucht Arbeit! Haben Sie die Güte, sich seiner anzunehmen und ihm für heute zunächst ein Obdach zu schaffen, morgen wollen wir sehen, was wir weiter mit ihm anfangen,« sprach Parelli.
Um den schönen Mund der Dame zuckte es einigermaßen spöttisch, da sie erwiderte:
»Da hat wohl Ihr gutes Herz wieder zu laut geredet. Nun, ich will den Burschen Giovanni übergeben, daß er vor allem ihn sich reinigen läßt – –«
»Nein, nein – vor allem muß er zu essen bekommen, er hungert heute den ganzen Tag!«
»Das hat er Ihnen wohl gesagt?«
Aus den Augen des Knaben blitzte es beinahe zornig.
»Ich lüge nicht!« sagte er beinahe heftig, und dann duckte er wie erschrocken vor dem Worte zusammen und sprach bittend zu dem Prälaten gewendet: »Verzeihung, Monsignore!«
Dieser hatte die Glocke gezogen, und als der Diener fast unmittelbar darnach eintrat, übergab er ihm den Knaben und band ihm auf die Seele, in bester Weise für Nahrung und Obdach zu sorgen. Da küßte ihm der braune Junge die Hand, sah ihn noch einmal an mit einem unbeschreiblich tiefen Blick des Dankes, und dann folgte er dem Diener.
»Ich hoffe, daß der Bursche mit seinem frechen Wesen sich nicht etwa hier einnistet,« sagte nun die Dame, und Parelli, der einigermaßen verlegen schien, sprach freundlich, indem er begütigend seinen Arm leicht um ihre Taille legte:
»Aber, teure Lucia, wenn der Junge Unterstützung braucht und ihrer wert ist … Ich denke, daß ihn der Himmel mir in den Weg geführt hat. Lassen wir ihn erst einmal einige Tage hier, und sehen wir zu, wie er sich anstellt – Du hast doch sonst ein so gutes Herz!«
Sie lächelte seltsam und schwieg; dann schritten sie gemeinsam nach dem Speisezimmer, wo bereits der Tisch gedeckt war und wo sie zusammen Platz nahmen an demselben. Die Dame war ja – und die Diener wußten es nicht anders – eine ziemlich nahe Verwandte des Prälaten und hatte das Recht, an seinem Tische zu sitzen und in seinem Hause zu repräsentieren.
Am andern Morgen dachte Parelli sogleich seines Schützlings und erkundigte sich nach demselben. Sisto hatte im Fluge sich bereits die Gunst der Dienerschaft gewonnen durch freiwillige und geschickte Hilfeleistungen und durch sein ganzes munteres Wesen. Giovanni, der Kammerdiener, hatte ihm einen besseren Anzug verschafft, und als er so, mit sauberem Hemd unter der blauen Tuchjacke, mit bunten Strümpfen und Schuhen vor den Prälaten hintrat, war dieser erstaunt über den bildhübschen Burschen, der ihm ehrfurchtsvoll und dankbar die Hand küßte, und er fragte ihn:
»Willst Du bei mir bleiben, Sisto?«
In den prächtigen Augen des jungen Campagnolen leuchtete es auf in glücklichem Glanze:
»Oh, gnädigster Herr – Euch gehört mein Leben!« stammelte er. »Braucht mich, zu was Ihr wollt; was ich nicht kann, werde ich lernen, ich will ja nur arbeiten, und möcht' es am liebsten für Euch!«
»Nun gut, so magst du zuerst dem Gärtner helfen, und wenn es Besorgungen giebt, sollst Du mein Läufer sein!«
Der Knabe nickte wortlos und aus seinen Augen stahlen sich einige Thränen, welche auf die Hand des Prälaten niederfielen, als er sie abermals küßte.
So war der Hirtenjunge aus der Campagna in das glänzende Haus des Bischofs gekommen, und hatte hier nur einen Menschen, der ihm nicht wohlwollte – Signora Lucia. Sie wußte sich selbst nicht Rechenschaft zu geben, weshalb ihr der Bursche nicht gefiel vom ersten Augenblick an, da sie ihn gesehen hatte, und das Empfinden schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Sisto wich der Dame möglichst aus, zeigte sich aber auch ihr gegenüber dienstfertig, wenngleich ohne Unterwürfigkeit. Der Prälat hätte ihn halten dürfen wie seinen Sklaven, wenn aber Signora Lucia ihm eine Weisung in scharf befehlendem Tone gab, schoß ihm eine heiße Blutwelle durch das braune Gesicht, ein Blitz des Trotzes zuckte durch die Augen, er biß wohl auch die weißen Zähne zusammen, aber er gehorchte.
Parelli gewann den Burschen täglich lieber, der hundert kleine Künste verstand, mit prächtiger Stimme die Volkslieder der Campagna sang, den Dudelsack mit wahrer Virtuosität spielte, und dem neben der Lebenslust auch die Treue und Liebe zu seinem Herrn aus den Blicken leuchtete. Bald durfte Sisto auch ungerufen bei ihm erscheinen, und er fand eine gewisse Freude daran, den ungebildeten Jungen in Diesem und Jenem zu unterrichten, zumal die Sorge für seine Diözese ihm viel freie Zeit ließ. All das aber machte den Jungen bei Signora Lucia nur noch verhaßter; man hätte an eine Art Eifersucht beider Dame glauben können, und das erschien besonders begreiflich, da sie trotz ihres großen Einflusses auf den Prälaten diesen doch nicht dazu zu bewegen vermochte, daß er den Jungen aus dem Hause gab. Sisto war ihm anfangs lieb geworden, wie eine Art von Spielzeug für müßige Stunden, später aber fand er in dem aufgeweckten treuen Burschen mehr.
Auch Giovanni, der Kammerdiener, hätte Grund zur Eifersucht haben können, wenn er nicht einerseits Sisto wirklich lieb gehabt, und andererseits sich nicht gefreut hätte über die mannigfache Entlastung, die er in seinem ohnehin nicht schweren Dienst durch den Burschen erfuhr, und Giovanni war sehr bequem. So überließ er das Reinigen des Arbeitszimmers seines Herrn gern dem jungen Gehilfen, und saß in der für sich gewonnenen Zeit entweder in einem Schaukelstuhl oder in der Küche bei der munteren Marietta, dem Küchenmädchen.
Nach Art der Landbevölkerung um Rom war Sisto fromm und bekreuzte sich nicht nur vor jedem Heiligenbild, sondern hatte auch eine demütige Verehrung für die unmittelbaren Diener der Kirche, die Priester, und wenn er in dem Papste selbst die Verkörperung der Heiligkeit erblickte, so ging ein Abglanz von derselben nach seiner Meinung auch auf jeden über, der die heiligen Weihen empfangen hatte. Darum war ihm auch der Bischof von Mikrun eine hoch über der gewöhnlichen Menschheit stehende Persönlichkeit, zumal sein kindlicher und pietätvoller Sinn keine Schwächen an ihm fand oder mindestens nicht an solche glauben mochte.
Eine ähnliche unterwürfige Verehrung brachte er auch den zahlreichen geistlichen Besuchern entgegen, welche in das vornehme und gastfreie Haus des Prälaten kamen, und mancher von jenen fand wiederum sein Wohlgefallen an dem hübschen, demütig-frommen Jungen. Nur bei einem machte Sisto eine Ausnahme, und dieser war der Jesuitenpater Felice. Er war lang und hager mit einem blassen, scharfgeschnittenen Gesicht und einem Paar stahlgrauer, scharfblickender Augen. Wenn er mit seinem langsamen, fast lautlosen Schritt kam, verbarg sich der Knabe, wenn es irgendwie anging, denn der dunkelgekleidete Mann mit dem breitrandigen Hute war ihm beinahe unheimlich, trotzdem er ihm nie etwas gethan, im Gegenteil immer freundlich mit ihm war.
Felice erschien sich der besonderen Gunst von Signora Lucia zu erfreuen, die sich gern mit ihm unterhielt, deren Beichtiger er auch war, so daß er infolgedessen wohl öfter als andere im Hause Parellis verkehrte.
Das Unbehagen, welches Sisto beim Anblick des Jesuiten empfand, hatte sich besonders gesteigert, seit er eines Morgens Gelegenheit gehabt hatte, einen Teil eines Gesprächs anzuhören, das er zwar nicht recht verstand, das ihm aber doch den Eindruck machte, als ob Felice einen unheimlichen Zwang auf den Bischof ausübe. Er hatte im Garten hinter einem Boskett gearbeitet, und die beiden Priester, welche zwischen den grünen Gehegen dahingeschritten waren, blieben in unmittelbarer Nähe derselben stehen, unbekümmert um den Knaben, welchen sie vielleicht auch gar nicht bemerkt hatten.
»Ich halte einen solchen Glaubenssatz für bedenklich und zweifle auch, ob er angenommen wird!« sagte der Prälat.
»Aber von einem Bedenken kann doch keine Rede sein!« – klang halblaut, aber bestimmt und scharf die Stimme des anderen – »das Ansehen der Kirche verlangt gerade in unseren Tagen eine derartige Stellung des heiligen Vaters; und weshalb sollte man an der Annahme zweifeln?«
»Weil es bekannt ist, daß die deutschen Bischöfe dagegen sind.«
»Und was thut das? Bei der Abstimmung bleiben sie in der Minorität. Der Kirchenstaat allein zählt hundertdreiundvierzig Bischöfe.«
»Aber sie haben keine christlichen Seelen hinter sich.«
»Darauf kommt's nicht an. Die bischöfliche Gewalt und die bischöflichen Rechte sind für alle gleich, und Eure Bischöflichen Gnaden dürfen nicht vergessen, daß die Vorarbeiten hier in Rom gemacht werden, ebenso die Geschäftsordnung.«
»Das will eben mir nicht ganz gefallen. Die Art und Weise, wie die Arbeiten der vorbereitenden Kommission geheim gehalten werden, und daß die Mitglieder bei Strafe der Ausschließung aus der Kirche niemandem etwas davon mitteilen dürfen, ist der Kirche Christi nicht ganz würdig. Christus selbst und die Apostel kannten keine solche Geheimthuerei.«
»Es ziemt sich nicht, gegen die weise Einsicht des heiligen Vaters zu remonstrieren. Wer ein guter Katholik, ein treuer Anhänger des Stuhles des heiligen Petrus ist, weiß, wie er sich zu verhalten hat, und Eure Bischöflichen Gnaden sind Seiner Heiligkeit zu besonderem Danke verpflichtet, man hofft, daß Sie das nicht vergessen werden!«
Die Stimme des Paters hatte bei aller Geschmeidigkeit einen beinahe strengen Ton angenommen, und Sisto, welcher durch das Laubwerk des Bosketts schaute, sah aus seinen Augen einen fast feindseligen Strahl gegen seinen Herrn und Gönner blitzen, so daß sich ihm unwillkürlich die Hand ballte. Die beiden Männer gingen weiter, und der Knabe, welcher ihnen nachblickte, schauderte zusammen, wie er die hohe, hagere Gestalt des Jesuiten sich über den Bischof beugen sah, wie wenn eine dämonische Gewalt übermächtig in dessen Leben und Wollen eingriffe.
Seitdem war es Sisto beinahe unheimlich, wenn Felice im Hause erschien.
Das war wieder eines Vormittags der Fall. Parelli war nicht daheim, als er kam, aber er fühlte sich hier völlig zu Hause, und die Diener, welche wußten, welches Ansehen er bei der Signora hatte, meldeten dieser sein Kommen. Er hatte indes das Bibliothekzimmer betreten und schritt mit seinen leichten, unhörbaren Schritten in demselben auf und nieder, und blieb nur stehen, um da und dort eines der Bilder zu betrachten, welche an den Wandpfeilern und in der Nähe der Fenster hingen und den Kunstsinn und feinen Geschmack des Besitzers bekundeten. Den Jesuiten fesselte besonders ein wunderhübsches, echtes Gemälde von Claude Lorrain mit tanzenden Mädchen, prächtigen, duftenden Gestalten im Waldesgrün, und eine ganz ausgezeichnete Kopie von Morettos »Herodias«.
Vor der letzteren stand er noch, als die Signora, noch immer in dunkler Seide, hereinrauschte. Sie begrüßte den Gast mit einer gewissen Vertraulichkeit, und dieser sagte:
»Wissen Sie, daß diese Herodias Ihnen ähnlich sieht?«
»Monsignore hat das auch behauptet, ich verwahre mich dagegen.«
»Gewiß – Sie würden nicht den Kopf eines Heiligen abzuschlagen begehren, aber dafür richten Sie Unheil an in anderen Köpfen.«
Die Signora lächelte bei der nicht gerade feinen Schmeichelei, und bot dann dem Besucher einen Sitz mit dem Bemerken, daß der Prälat bald aus der Kirche S. Jesu zurückkehren müsse, wo er den Gottesdienst zelebriere.
»Es ist mir lieb, daß ich Sie allein treffe, meine Freundin,« sagte Felice, »und daß ich Ihnen sagen kann, daß Sie allen Einfluß aufzubieten haben, daß der Bischof sich nicht gegen den Glaubenssatz stellt und so sich unangenehmen Folgen aussetzt. Er ist etwas freisinnig angekränkelt und wir haben schon lange ein Auge auf ihn, aber wir sind duldsam, so lange er nicht ein selbständiges, der heiligen Vereinigung unseres Ordens und dem päpstlichen Stuhle widerstrebendes Verhalten zeigt. Wir lassen einem jeden seine Privatanschauung und mischen uns auch nicht in seine privaten Beziehungen« – er hob bei diesen Worten bedeutsam die Augenbrauen – »so lange er ein unbedingt gehorsamer Sohn der Kirche ist. Auf seine Zustimmung zu dem neuen Glaubenssatz wird mit solcher Sicherheit gerechnet, wie auf die Stimmen der anderen italienischen Bischöfe, die nicht erst zu prüfen und zu erwägen, sondern einfach abzustimmen haben. Wenn ich das Ihnen sage, so wissen Sie, warum es geschieht, Signora.«
Frau Lucia senkte mit einem leichten Erröten auf dem immer noch schönen Gesichte das Haupt und sagte:
»Sie und Ihr hochwürdiger Orden dürfen immer auf mich zählen, und so lange ich in diesem Hause Einfluß habe – –«
In diesem Augenblicke klirrte es im Nebenzimmer, dem Arbeitsgemache des Prälaten, als ob etwas herabgefallen und zerschmettert worden wäre. Beide sprangen auf und eilten, in der Meinung, Parelli sei zurückgekommen, dahin. Als sie die Thür öffneten, sahen sie einen seltsamen Anblick. Unweit vom Eingang bei der Bibliothek lag auf dem Boden eine immerhin wertvolle Vase, die auf einer Säule gestanden hatte, zertrümmert auf dem Fußboden und dabei stand Sisto, dem alles Blut aus den Wangen gewichen schien, mit gefalteten Händen und weitgeöffneten, auf die Scherben gerichteten Augen.
»O Signora,« stammelte er, als er Lucias ansichtig wurde, diese aber stürzte wild und zornig auf ihn zu.
»Du hast gelauscht, verdammter Spitzbube!« kreischte sie, und dann erfaßte sie den Knaben mit der Linken bei seinen dunklen Locken und während sie ihn hin- und herzerrte, schlug sie ihn in das Gesicht. Es war nur ein einziger Schlag, und ihm folgte ein Aufschrei, so grauenhaft und entsetzlich, daß das Weib und der Jesuit gleichzeitig davor zurückfuhren: das war Schmerz, trostloser Jammer und leidenschaftliche Wut zugleich. Vor ihnen aber stand Sisto und sah mit unheimlich großen und unheimlich funkelnden Augen nach Lucia; indes sich seine Hände schmerzhaft ballten, zog ihm eine Art Krampf die Oberlippe empor, so daß die blanken, weißen, fest aufeinandergebissenen Zähne zwischen den roten Lippen hindurchschimmerten, und der Körper beugte sich vor wie zum Sprunge. Die ganze Erscheinung hatte etwas von einem jungen, zu höchster Wut gereizten Raubtier, das sich eben mordgierig auf seinen Gegner werfen will.
Pater Felice war wieder vorgesprungen, aber sein Dazwischentreten hätte wohl wenig gefruchtet, wenn nicht eben jetzt Parelli erschienen und laut und bestürzt gefragt hätte:
»Was bedeutet das?«
Beim Klange seiner Stimme durchlief den Körper des Knaben ein Zittern, die geballten Fäuste lösten sich, die Spannung in seinem ganzen Wesen hörte plötzlich auf, und mit heiß hervorquellenden Thränen stürzte er zu den Füßen des Prälaten nieder:
»O, Monsignore, – ich habe die Vase zerschlagen beim Abstäuben – schlagt mich – stoßt mich mit Füßen – von Euch will ich alles dulden, aber sie soll mich nicht schlagen, ein Weib nicht – das ertrage ich nicht!«
Und wieder schüttelte es den jungen Körper wie im Fieberfrost, so daß Parelli mitleidig auf ihn niederschaute und freundlich sprach:
»Steh auf, Sisto – Du sollst gar nicht geschlagen werden!«
»Aber sie hat mich geschlagen, ins Gesicht geschlagen!« schrie er wieder auf und nun war ihm die Röte ins Antlitz wiedergekehrt und die Augen blitzten.
»Er verdient Strafe nicht nur wegen des Schadens, nein, weil er ein Horcher ist, und das ist unverschämt,« sagte kalt die Signora, der Knabe aber rief leidenschaftlich:
»Beim heilgen Sixtus, ich habe nicht gehorcht!«
»Und er ist wie ein zorniges Tier, vor dem man sich fürchten muß, und darum muß er aus dem Hause,« sprach das Weib leidenschaftlicher, und Parelli geriet bei diesem Tone sichtlich in Verlegenheit. Da nahm Felice das Wort:
»Ihr seid zu heftig gewesen, Signora, und vergeßt, daß der Knabe ein Wildling ist, der erzogen werden muß. Wenn er hier fortgejagt wird, wißt Ihr nicht, in welche Hand er fällt, und wie sein Seelenheil gefährdet werden kann. Hier ist er in gesicherter und guter Hand, und Ihr könnt an ihm ein gottgefälliges Werk thun!«
Sisto horchte hoch auf; er sah mit großen, verwunderten Augen nach dem Sprecher und dann nach seinem Herrn. Dieser aber sagte:
»Steh auf, Sisto, und bitte die Signora um Verzeihung für Deine Wildheit, die Du Dir abgewöhnen mußt und dann bleiben wir wieder die Alten.«
Der Knabe atmete einigemale hastig, dann sprang er, blutrot im Gesichte, auf, trat mit gesenkten Augen an Lucia heran und sprach halblaut, mit gepreßter Stimme:
»Vergebt mir, Signora, wenn ich Euch erschreckt habe, bitte!«
Sie sah ihn halb zornig, halb triumphierend von oben her an, und sprach dann:
»Wenn zwei so hochwürdige Herren Dich unterstützen, will ich's vergessen, ich hoffe aber, daß ich nicht wieder Veranlassung habe, über Dich zu klagen!«
Das klang kühl und hochmütig, und Sisto fühlte auch, wie ihn fröstelte bei den Worten. Nun atmete er tief auf, ging zu dem Prälaten, drückte einen langen, heißen Kuß auf dessen Rechte und legte dieselbe dann an seine Brust, während er mit Augen voll unsäglicher Liebe und Hingabe zu ihm aufschaute, so daß dieser gerührt und ergriffen, ihm wie segnend die Hand auf die dunklen Locken legte und dann milde und freundlich sagte:
»So – jetzt bringe hier die Scherben fort!«