Ein jähzorniger Mensch

Ich bin ein ernster Mensch, und mein Geist hat eine philosophische Richtung. Von Beruf bin ich Finanzwissenschaftler, ich studiere Finanzrecht und schreibe eine Dissertation über das Thema: »Vergangenheit und Zukunft der Hundesteuer«. Man wird mir zugeben müssen, daß mich alle die jungen Mädchen, die Lieder, der Mond und sonstige Dummheiten absolut nichts angehen.

Zehn Uhr früh. Meine Mama schenkt mir Kaffee ein. Ich trinke ihn aus und gehe auf den Balkon, um mich sofort an meine Dissertation zu machen. Ich nehme einen reinen Bogen, tauche die Feder ins Tintenfaß und male die Überschrift: »Vergangenheit und Zukunft der Hundesteuer«. Ich überlege eine Weile und schreibe: »Historischer Überblick. Aus einigen Andeutungen bei Herodot und Xenophon zu schließen, datieren die Anfänge der Hundesteuer …«

In diesem Augenblick höre ich aber höchst verdächtige Schritte. Ich schaue von meinem Balkon hinunter und erblicke ein junges Mädchen mit langem Gesicht und langer Taille. Sie heißt, glaube ich, Nadenjka oder Warenjka; übrigens ist es mir vollkommen gleich. Sie sucht etwas, tut so, als sähe sie mich nicht und summt vor sich hin:

»Gedenkst du noch der Weise voller Sehnsucht …«

Ich lese das Geschriebene durch und will fortfahren, aber das junge Mädchen tut so, als hätte sie mich plötzlich bemerkt und spricht mit trauriger Stimme:

»Guten Morgen, Nikolai Andrejewitsch! Denken Sie sich nur, dieses Unglück! Gestern beim Spazierengehen verlor ich ein Anhängsel von meinem Armband.«

Ich lese den Anfang meiner Dissertation noch einmal durch, korrigiere die Öse beim Buchstaben »b« und will weiter schreiben, aber das junge Mädchen läßt nicht locker.

»Nikolai Andrejewitsch,« sagt sie, »seien Sie so gut und begleiten Sie mich nach Hause. Die Karelins haben einen großen Hund, und ich kann mich nicht entschließen, allein vorbeizugehen.«

Nichts zumachen. Ich lege die Feder weg und gehe hinunter. Nadenjka oder Warenjka nimmt mich unter den Arm, und wir schlagen den Weg zu ihrer Landwohnung ein.

Wenn mich die Pflicht trifft, mit einer Dame oder mit einem Mädchen Arm in Arm zu gehen, so fühle ich mich aus irgendeinem Grunde immer wie ein Haken, an den man einen schweren Pelz gehängt hat; Nadenjka oder Warenjka ist aber, unter uns gesagt, leidenschaftlicher Natur (ihr Großvater war Armenier), sie hat die Fähigkeit, sich mit der ganzen Schwere ihres Körpers an meinen Arm zu hängen und schmiegt sich an meine Seite wie ein Blutegel. So gehen wir …

Wie wir am Landhause der Karelins vorbeikommen, sehe ich einen großen Hund, und dieser ruft mir die Hundesteuer in Erinnerung. Ich denke mit Sehnsucht an die angefangene Arbeit und seufze.

»Warum seufzen Sie?« fragt mich Nadenjka oder Warenjka und stößt auch selbst einen Seufzer aus.

Hier muß ich etwas einschalten. Nadenjka oder Warenjka (jetzt besinne ich mich, daß sie Maschenjka heißt) hat sich aus irgendeinem Grunde eingebildet, daß ich in sie verliebt sei, und hält es daher für eine Pflicht der Menschenliebe, mich immer mitleidsvoll anzublicken und meine Herzenswunde durch Worte zu heilen.

»Hören Sie einmal,« sagt sie stehenbleibend, »ich weiß, warum Sie seufzen. Sie sind verliebt, ja! Aber ich bitte Sie bei unserer Freundschaft, versichert zu sein, daß das Mädchen, das Sie lieben, Sie tief achtet! Sie kann Ihnen Ihre Liebe nicht mit dem gleichen Gefühl beantworten, aber ist es denn ihre Schuld, daß ihr Herz schon längst einem anderen gehört?«

Maschenjkas Nase wird rot und schwillt an, ihre Augen füllen sich mit Tränen; sie scheint auf meine Antwort zu warten, aber zum Glück sind wir schon am Ziel … Auf der Veranda sitzt Maschenjkas Mama, eine gute Frau, doch voller Vorurteile; als sie das erregte Gesicht ihrer Tochter sieht, heftet sie einen langen Blick auf mich und seufzt, als wollte sie sagen: »Ach, diese Jugend versteht sich nicht mal zu verstellen!« Außer ihr sitzen auf der Veranda mehrere junge bunte Mädchen und unter ihnen mein Sommernachbar, der verabschiedete Offizier, der im letzten Kriege an der linken Schläfe und an der rechten Hüfte verwundet worden ist. Dieser Unglückliche will gleich mir den Sommer einer literarischen Arbeit weihen. Er schreibt an den »Memoiren eines Militärs«. Gleich mir macht er sich jeden Morgen an seine jede Achtung verdienende Arbeit, aber kaum hat er die Worte geschrieben: »Ich bin geboren im Jahre …«, als unter seinem Balkon irgendeine Warenjka oder Maschenjka erscheint und den armen Kerl mit Beschlag belegt.

Alle, die auf der Veranda sitzen, sind mit dem Putzen irgendwelcher dummer, zum Einkochen bestimmter Beeren beschäftigt. Ich grüße und will mich entfernen, aber die bunten jungen Mädchen nehmen mir quietschend meinen Hut und Stock weg und verlangen, daß ich bleibe. Ich setze mich. Man gibt mir einen Teller mit Beeren und eine Haarnadel. Ich beginne zu putzen.

Die bunten jungen Mädchen sprechen über die Männer. Der eine sei nett, der andere hübsch, aber unsympathisch, der dritte häßlich, der vierte wäre nicht übel, wenn seine Nase nicht einem Fingerhut gliche usw.

»Und Sie, Monsieur Nicolas,« wendet sich an mich Maschenjkas Mama, »sind nicht hübsch, aber sympathisch … In Ihrem Gesicht ist etwas … Übrigens,« seufzt sie, »ist die Hauptsache am Manne nicht die Schönheit, sondern der Geist.«

Die jungen Mädchen seufzen und schlagen die Augen nieder. Auch sie sind damit einverstanden, daß die Hauptsache am Manne nicht die Schönheit, sondern der Geist sei. Ich schiele nach dem Spiegel, um mich zu überzeugen, inwiefern ich sympathisch bin. Ich sehe einen zerzausten Kopf, einen zerzausten Bart und Schnurrbart, Augenbrauen, Haare an den Wangen, Haare unter den Augen, ein ganzer Wald, aus dem wie ein Turm meine solide Nase ragt. Hübsch, das muß man sagen!

»Dafür schlagen Sie die anderen mit dem Seelischen, Nicolas,« seufzt Maschenjkas Mama, als bekräftige sie einen heimlichen Gedanken.

Maschenjka leidet mit mir mit, zugleich scheint ihr aber das Bewußtsein, daß ihr gegenüber ein in sie verliebter Mensch sitzt, einen großen Genuß zu verschaffen.

Als die Männer erledigt sind, beginnen die jungen Mädchen über die Liebe zu sprechen. Nachdem dieses Gespräch eine Weile gedauert hat, steht eines der jungen Mädchen auf und geht. Die Zurückgebliebenen beginnen sie sofort durchzuhecheln. Alle finden, sie sei dumm, unerträglich und abstoßend häßlich und eines ihrer Schulterblätter sitze nicht an der richtigen Stelle.

Da kommt aber, Gott sei Dank, das von meiner Mama geschickte Dienstmädchen und ruft mich zum Essen. Nun darf ich die unangenehme Gesellschaft verlassen und heimgehen, um meine Dissertation weiter zu schreiben. Ich stehe auf und mache eine Verbeugung. Maschenjkas Mama, Maschenjka selbst und alle die bunten jungen Mädchen umringen mich und erklären, daß ich kein Recht habe, heimzugehen, da ich ihnen gestern mein Ehrenwort gegeben hätte, mit ihnen zu Mittag zu essen und nach dem Essen in den Wald auf die Pilzsuche zu gehen. Ich verbeuge mich und setze mich wieder … In meiner Seele kocht der Haß, und ich fühle, daß ich bald für mich nicht mehr einstehen können werde, daß es gleich zu einer Explosion kommen müsse, aber meine Höflichkeit und die Angst, den guten Ton zu verletzen, zwingen mich, mich den Damen zu fügen. Und ich füge mich.

Wir setzen uns an den Tisch. Der verwundete Offizier, der infolge der Verwundung an der Schläfe eine Kontraktion der Kiefern hat, ißt mit einer Miene, als wäre er aufgezäumt und hätte eine Kandare im Munde. Ich knete Kügelchen aus Brot, denke an die Hundesteuer und bemühe mich, da ich meinen jähzornigen Charakter kenne, zu schweigen. Maschenjka blickt mich voller Mitleid an. Es gibt eine kalte Sauerampfersuppe, Zunge mit jungen Erbsen, Brathuhn und Kompott. Ich habe keinen Appetit, esse aber aus Höflichkeit. Wie ich nach dem Essen allein auf der Veranda stehe und rauche, kommt auf mich Maschenjkas Mama zu, drückt mir die Hände und spricht um Atem ringend:

»Verzweifeln Sie aber nicht, Nicolas … Sie hat ein so empfindsames Herz … ein solches Herz!«

Wir gehen in den Wald auf die Pilzsuche … Maschenjka hängt an meinem Arm und saugt sich an meiner Seite fest. Ich leide unmenschlich, dulde es aber.

Wir kommen in den Wald.

»Hören Sie einmal, Monsieur Nicolas,« beginnt Maschenjka seufzend: »Warum sind Sie so traurig? Warum schweigen Sie?«

Ein sonderbares Mädchen: worüber könnte ich denn mit ihr sprechen? Was haben wir gemein?

»Sagen Sie doch etwas …« bittet sie.

Ich bemühe mich, etwas Populäres auszudenken, was ihren Begriffen zugänglich wäre. Nachdem ich eine Weile nachgedacht habe, sage ich:

»Die Ausrottung der Wälder fügt Rußland einen großen Schaden zu …«

»Nicolas!« seufzt Maschenjka, und ihre Nase wird rot. »Nicolas, ich sehe, Sie weichen einer offenen Aussprache aus … Sie wollen mich wohl durch Ihr Schweigen strafen … Ihr Gefühl bleibt unerwidert, und Sie wollen den Schmerz stumm, in der Einsamkeit tragen … das ist schrecklich. Nicolas!« ruft sie aus und packt mich plötzlich bei der Hand, und ich sehe, wie ihre Nase zu schwellen beginnt. »Was würden Sie sagen, wenn das Mädchen, das Sie lieben, Ihnen die ewige Freundschaft anbieten würde?«

Ich murmele etwas Zusammenhangloses, denn ich weiß absolut nicht, was ich ihr sagen könnte … Erlauben Sie doch: erstens liebe ich kein Mädchen in der Welt, zweitens, was brauche ich die ewige Freundschaft? Drittens bin ich sehr jähzornig. Maschenjka oder Warenjka bedeckt das Gesicht mit den Händen und sagt leise, wie zu sich selbst:

»Er schweigt … Offenbar verlangt er ein Opfer von mir. Aber ich kann ihn doch nicht lieben, wenn ich immer noch den anderen liebe! Übrigens … ich will es mir überlegen … Gut, ich werde es mir überlegen … Ich werde alle Kräfte meiner Seele sammeln und vielleicht um den Preis meines Glückes diesen Menschen von seinen Leiden erlösen!«

Ich verstehe nichts. Es ist eine Art Kabbala für mich. Wir gehen weiter und sammeln Pilze. Wir schweigen die ganze Zeit. Maschenjkas Gesicht drückt einen inneren Kampf aus. Ich höre Hundegebell: das bringt mir meine Dissertation in Erinnerung, und ich seufze laut auf. Zwischen den Baumstämmen erblicke ich den verwundeten Offizier. Der Ärmste hinkt schmerzvoll rechts und links: rechts hat er seine verwundete Hüfte, links hängt eines der bunten jungen Mädchen. Sein Gesicht drückt Demut vor dem Schicksal aus.

Aus dem Walde kehren wir ins Haus zurück und trinken Tee. Dann spielen wir Krocket und hören zu, wie eines der bunten jungen Mädchen das Lied singt: »Nein, du liebst mich nicht, nein, nein!« Beim Worte »nein« verzieht sie den Mund bis zu den Ohren.

»Charmant!« stöhnen die übrigen Mädchen. »Charmant!«

Der Abend bricht an. Hinter dem Gebüsch kommt ein ekelhafter Mond zum Vorschein. Die Luft ist still, und es riecht unangenehm nach frischgemähtem Heu. Ich nehme meinen Hut und will gehen.

»Ich muß Ihnen etwas sagen,« flüstert mir Maschenjka bedeutungsvoll zu. »Gehen Sie nicht.«

Mir schwant etwas übles. Aber aus Höflichkeit bleibe ich doch. Maschenjka ergreift meinen Arm und führt mich die Allee entlang. Jetzt drückt schon ihre ganze Figur einen Kampf aus. Sie ist blaß, atmet schwer und scheint die Absicht zu haben, mir meinen rechten Arm abzureißen. Was hat sie bloß?

»Hören Sie …« murmelt sie. »Nein, ich kann nicht … Nein …«

Sie will etwas sagen, kann sich aber nicht entschließen. Da sehe ich es aber ihrem Gesicht an, daß sie sich doch entschlossen hat. Mit funkelnden Augen und geschwollener Nase ergreift sie plötzlich meine Hand und sagt schnell:

»Nicolas, ich bin die Ihre! Lieben kann ich Sie nicht, aber ich verspreche Ihnen Treue!«

Dann schmiegt sie sich an meine Brust und prallt plötzlich zurück.

»Da kommt wer …« flüstert sie. »Leb wohl … Morgen um elf werde ich im Gartenhäuschen sein … Leb wohl!«

Und sie verschwindet. Ohne etwas zu verstehen, klopfenden Herzens gehe ich heim. Mich erwartet die »Vergangenheit und Zukunft der Hundesteuer«, aber ich bin nicht mehr imstande zu arbeiten. Ich rase. Man darf wohl sagen, ich bin erschreckend. Hol der Teufel, ich werde es nicht dulden, daß man mich wie einen grünen Jungen behandelt! Ich bin jähzornig, und es ist gefährlich, mit mir zu spaßen! Als das Dienstmädchen hereinkommt, um mich zum Abendbrot zu rufen, schreie ich sie an: »Hinaus!« Mein jähzorniger Charakter verspricht wenig Gutes.

Der nächste Morgen. Es ist ein echtes Sommerfrischenwetter, d. h. Temperatur unter Null, durchdringender kalter Wind, Regen, Schmutz und Naphthalingeruch, da meine Mama ihre warmen Mäntel aus dem Korb geholt hat. Ein teuflischer Morgen. Es ist der 7. August 1887, als die berühmte Sonnenfinsternis stattfand. Ich muß bemerken, daß bei einer Sonnenfinsternis ein jeder von uns, auch ohne Astronom zu sein, großen Nutzen bringen kann. So kann ein jeder: 1) den Durchmesser der Sonne und des Mondes bestimmen, 2) die Korona skizzieren, 3) die Temperatur messen, 4) während der Verfinsterung die Tiere und die Pflanzen beobachten, 5) seine eigenen Empfindungen aufschreiben u. s. w. Das alles ist so wichtig, daß ich mich entschloß, die »Vergangenheit und Zukunft der Hundesteuer« beiseite zu lassen und die Sonnenfinsternis zu beobachten. Wir alle standen sehr früh auf. Die ganze bevorstehende Arbeit verteilte ich auf folgende Weise: ich bestimme den Durchmesser der Sonne und des Mondes, der verwundete Offizier zeichnet die Korona, alles übrige übernehmen aber Maschenjka und die bunten jungen Mädchen. Nun sind wir alle versammelt und warten.

»Wieso entsteht eine Sonnenfinsternis?« fragt mich Maschenjka.

Ich antworte:

»Eine Sonnenfinsternis kommt zustande, wenn der Mond, die Ebene der Ekliptik durchlaufend, auf die Linie zu stehen kommt, die die Mittelpunkte der Sonne und des Mondes verbindet.«

»Was ist die Ekliptik?«

Ich erkläre es ihr. Maschenjka hört mir aufmerksam zu und fragt:

»Kann man durch ein angerußtes Glas die Linie sehen, die die Mittelpunkte der Sonne und des Mondes verbindet?«

Ich antworte ihr, daß es eine gedachte Linie ist.

»Wenn sie nur gedacht ist,« wundert sich Maschenjka, »wie kann dann der Mond auf ihr Platz finden?«

Ich gebe ihr keine Antwort. Ich fühle, wie diese naive Frage meine Leber schwellen macht.

»Es ist lauter Unsinn,« sagt Maschenjkas Mama. »Man kann doch nicht wissen, was kommen wird, auch sind Sie noch nie im Himmel gewesen; woher wollen Sie dann wissen, was mit dem Monde und der Sonne geschehen wird? Hirngespinste!«

Da rückt aber ein schwarzer Fleck über die Sonne. Allgemeiner Aufruhr. Kühe, Schafe und Pferde rasten mit erhobenen Schwänzen, vor Angst brüllend, über das Feld. Die Hunde heulten. Die Wanzen bildeten sich ein, daß die Nacht angebrochen sei: sie kamen aus ihren Ritzen gekrochen und fingen an, die noch Schlafenden zu beißen. Der Diakon, der gerade mit einer Ladung Gurken heimfuhr, erschrak, sprang aus dem Wagen und verkroch sich unter die Brücke, sein Pferd fuhr aber mit dem Wagen in einen fremden Hof, wo die Gurken von den Schweinen gefressen wurden. Ein Akzisebeamter, der nicht bei sich zu Hause, sondern bei einer Sommerfrischlerin übernachtete, sprang in Unterwäsche aus dem Hause, lief in die Menge und schrie mit wilder Stimme:

»Rette sich, wer kann!«

Viele Sommerfrischlerinnen, selbst junge und hübsche, stürzten, vom Lärm geweckt, ohne Schuhe auf die Straße. Es passierte noch manches andere, was ich gar nicht wiedergeben kann.

»Ach, wie schrecklich!« kreischen die bunten jungen Mädchen. »Ach, wie schrecklich!«

»Meine Damen, beobachten Sie doch!« rufe ich ihnen zu, »die Zeit ist kostbar!«

Ich selbst beeile mich, die Durchmesser festzustellen … Ich besinne mich auf die Korona und suche mit den Blicken den verwundeten Offizier. Er steht da und tut nichts.

»Was haben Sie?« schreie ich. »Was ist denn mit der Korona?«

Er zuckt die Achseln und weist mit den Blicken hilflos auf seine Arme. Der Ärmste hat an beiden Armen je ein junges Mädchen hängen; sie schmiegen sich an ihn voller Angst und lassen ihn nicht arbeiten. Ich nehme einen Bleistift und notiere die Stunde mit den Sekunden. Das ist wichtig. Ich notiere auch die geographische Lage des Beobachtungspunktes. Auch das ist wichtig. Nun will ich den Durchmesser bestimmen, da ergreift aber Maschenjka meine Hand und sagt:

»Vergessen Sie also nicht: heute um elf!«

Ich befreie meine Hand und will, jede Sekunde ausnützend, meine Beobachtungen fortsetzen, aber Maschenjka hängt sich mir krampfhaft an den Arm und schmiegt sich an meine Seite. Der Bleistift, die Gläser, die Zeichnungen, – alles fällt ins Gras. Teufel nocheinmal! Dieses Mädchen könnte doch wirklich endlich begreifen, daß ich jähzornig bin und, wenn ich einmal rasend geworden, für mich nicht einstehe.

Ich will fortfahren, die Sonnenfinsternis ist aber schon zu Ende!

»Schauen Sie mich doch an!« flüstert sie zärtlich.

Oh, das ist schon der Gipfel der Verhöhnung! Man wird doch zugeben, daß ein solches Spiel mit der menschlichen Geduld nur ein übles Ende nehmen kann. Man mache mir keine Vorwürfe, wenn etwas Schreckliches geschieht! Ich werde es niemand gestatten, mich zu verhöhnen, Teufel nocheinmal, und wenn ich rasend bin, möchte ich niemand raten, mir nahe zu kommen! Ich bin zu allem fähig!

Eines der jungen Mädchen sieht es wohl meinem Gesicht an, daß ich rasend bin und sagt, offenbar mit der Absicht, mich zu besänftigen:

»Nikolai Andrejewitsch, ich habe Ihren Auftrag ausgeführt. Ich habe die Säugetiere beobachtet. Ich sah, wie vor der Sonnenfinsternis ein grauer Hund einer Katze nachlief und hinterher lange mit dem Schweif wedelte.«

So ist aus der Sonnenfinsternis nichts geworden. Ich begebe mich nach Hause. Da es regnet, gehe ich nicht auf den Balkon arbeiten. Der verwundete Offizier hat sich aber auf seinem Balkon hinausgewagt und sogar geschrieben: »Ich bin geboren im Jahre …«; nun sehe ich aus meinem Fenster, wie eines der jungen Mädchen ihn zu sich in die Landwohnung schleppt. Ich kann nicht arbeiten, denn ich bin noch immer rasend und habe Herzklopfen. Ins Gartenhäuschen gehe ich nicht. Es ist zwar unhöflich, aber ich kann doch nicht bei Regen hingehen! Um die Mittagstunde bekomme ich einen Brief von Maschenjka; er enthält Vorwürfe, die Bitte, ins Gartenhäuschen zu kommen und ist per »du« geschrieben. Um eins bekomme ich einen zweiten Brief, um zwei einen dritten … Ich muß gehen. Bevor ich hingehe, muß ich mir aber überlegen, worüber ich mit ihr sprechen werde. Ich will wie ein anständiger Mensch handeln. Erstens werde ich ihr sagen, sie habe gar keinen Grund sich einzubilden, daß ich sie liebe. Solche Sachen sagt man übrigens einer Dame nicht. Einer Dame zu sagen: »Ich liebe Sie nicht,« ist dasselbe, wie einem Schriftsteller zu sagen: »Sie verstehen nicht zu schreiben.« Ich will Maschenjka lieber meine Ansichten über die Ehe darlegen. Ich ziehe einen warmen Mantel an, nehme den Regenschirm und gehe ins Gartenhäuschen. Da ich mein jähzorniges Wesen kenne, fürchte ich, zu viel zu sagen. Ich werde mir Mühe geben, mich zu beherrschen.

Im Gartenhäuschen werde ich erwartet. Maschenjka ist blaß und hat verweinte Augen. Als sie mich erblickt, schreit sie freudig auf, fällt mir um den Hals und sagt:

»Endlich! Du spielst mit meiner Geduld. Hör, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen … Habe immer überlegt. Mir scheint, daß ich dich, wenn ich dich näher kennen lerne, … lieb gewinnen werde …«

Ich setze mich hin und beginne ihr meine Ansichten über die Ehe darzulegen. Um nicht zu weit zu gehen und mich kürzer zu fassen, beginne ich mit einem historischen Überblick. Ich spreche von der Ehe bei den Indern und den Ägyptern und komme dann auf die späteren Perioden zu sprechen; bringe auch einige Gedanken Schopenhauers. Maschenjka hört mir aufmerksam zu, hält es aber plötzlich, gegen jede Logik verstoßend, für nötig, mich zu unterbrechen.

»Nicolas, küsse mich!« sagt sie mir.

Ich bin verdutzt und weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Sie wiederholt ihre Aufforderung. Nichts zu machen, ich stehe auf und drücke meine Lippen auf ihr langes Gesicht, wobei ich dasselbe empfinde, was ich als Kind empfunden habe, als ich bei der Totenmesse meine verstorbene Großmutter küssen mußte. Aber Maschenjka begnügt sich nicht mit dem Kuß, sondern steht auf und umarmt mich sehr leidenschaftlich. In diesem Augenblick erscheint in der Tür des Gartenhäuschens Maschenjkas Mama. Sie macht ein erschrockenes Gesicht, sagt zu jemand: »Pst!« und verschwindet wie Mephistopheles in der Versenkung.

Ratlos und rasend gehe ich heim. Zu Hause treffe ich Maschenjkas Mama, die mit Tränen in den Augen meine Mama umarmt, während meine Mama weinend sagt:

»Ich habe es selbst gewünscht!«

Dann – wie gefällt Ihnen das? – dann geht Maschenjkas Mama auf mich zu, umarmt mich und sagt:

»Gott wird euch segnen! Pass auf, hab sie lieb … Vergiß nicht, daß sie sich dir zum Opfer bringt …«

Nun werde ich verheiratet. Während ich dies schreibe, stehen vor mir die Trauzeugen und treiben mich zur Eile an. Diese Menschen kennen meinen Charakter wirklich nicht! Ich bin ja jähzornig und kann für mich nicht einstehen! Hol der Teufel, ihr werdet sehen, was noch kommen wird! Einen jähzornigen Menschen zum Traualtar zu schleppen ist meiner Ansicht nach ebenso gescheit, wie die Hand zu einem rasenden Tiger in den Käfig zu stecken. Wir werden sehen, wir werden sehen, was noch kommen wird!


So bin ich verheiratet. Alle gratulieren mir, und Maschenjka schmiegt sich immer an mich und spricht:

»Begreife doch, daß du jetzt mein bist! Sag doch, daß du mich liebst! Sag!«

Dabei schwillt ihr die Nase.

Von den Trauzeugen erfuhr ich, daß der verwundete Offizier auf eine höchst geschickte Weise den Ehebanden entronnen ist. Er stellte dem bunten jungen Mädchen ein ärztliches Zeugnis bei, welches besagte, daß er infolge der Verwundung an der Schläfe geistig unnormal sei und daher laut Gesetz nicht heiraten dürfe. Eine Idee! Auch ich könnte so ein Zeugnis beistellen. Ein Onkel von mir war Quartalsäufer, ein anderer Onkel war auffallend zerstreut (einmal stülpte er sich statt einer Mütze einen Damenmuff über den Kopf), eine Tante spielte viel Klavier und zeigte bei Begegnungen mit Männern ihnen die Zunge. Zudem ist mein außerordentlich jähzorniger Charakter – ein höchst verdächtiges Symptom. Warum kommen aber die guten Ideen so spät? Ja, warum?