II

Im Westen von P..., dicht vor dem alten Turm, liegt die Hallig Norderoog.

Die Hennings besaßen dort Weideland, eine kleine Hütte, bisher nur den Futtervorräten dienend, stand darauf.

Diese bezog der Vater Nizams für den Winter, nachdem sie einigermaßen wohnlich in den Stand gesetzt worden war.

Der Aufenthalt in P... war ihnen gründlich verleidet. Der Bruder selbst machte eine bedenkliche Miene. Er war ihm zur Last mit seinem Kinde.

Man sträubte sich nun einmal, dieses fremdartige Element aufzunehmen, man fürchtete es geradezu. In so reger Verbindung man durch den Beruf der Männer als Seeleute mit dem ganzen Auslande war, mit den entferntesten Ländern, so andächtig man davon erzählen hörte am Herdfeuer, nach innen schloß man sich ängstlich ab, wahrte man mit unnachsichtlicher Strenge die alten Sitten. Mochte einer ein halbes Leben lang alle Zonen der Erde durchwandert haben, wenn er zurückgekehrt, war er der Halligmann, wie er als Knabe aufgewachsen auf kahler Düne.

Das Meer, das die ewige Brücke bildete in aller Herren Länder, es war auch zugleich die unüberwindliche Schranke zwischen Fremdem und Eigenem. Und vor allem waren es die Frauen, welche dieselbe heilig hielten, wohl in der instinktiven Angst, ihre Männer und Söhne nach jahrelanger Abwesenheit entfremdet wiederkehren zu sehen, belastet oder bereichert, gleichviel, durch fremde Errungenschaften. Nur ein starkes Heimatsgefühl, nur ein strenges Reinerhalten der Eigenart konnte sie vor dieser Gefahr schützen.

Und nun kam der Henning mit seinem wilden, zigeunerhaften Kind, die Frucht einer Verbindung, vor der man sich eher bekreuzigen mußte, und wollte es in die Gemeinde einschmuggeln, daß es zuletzt die jungen Männer verzaubere mit seinen Hexenaugen und seinem sündhaften Gebaren.

Ja, sie hat schon einen verzaubert, den Lars, den lieben, prächtigen Jungen, dem niemand feind sein konnte. Nicht mehr zu kennen war er.

Und mit dem sprichwörtlichen Frieden bei den Götreks war es auch zu Ende. Die Alte sah man nur noch mit verweinten Augen. Der Knut blickte noch finsterer, als sonst seine Art, und selten sah man die beiden Brüder beisammen.

Das alles begriff der Henning, und so zog er mit Nizam in die Hütte auf Norderoog.

Er wollte dort nur das Frühjahr abwarten, bis die Schifffahrt wieder flott geht, dann fort um jeden Preis. Ihn selber drängte es und Nizam. Nur fort aus dem kalten Nebellande.

Es wunderte ihn nur, daß sie die freiwillige Verbannung so gelassen ertrug. Ja, seitdem sie das einsame Haus bezogen, blühte sie förmlich von neuem auf, inmitten endloser Schneemassen, die sich herabgesenkt auf Land und Meer.

Tagelang konnte sie am niederen Fenster sitzen und hinausstarren. Wenn er sie dann ansprach, ihr Trost zusprach, Hoffnung machte auf das Frühjahr, da lachte sie nur und tröstete ihn. Es gefalle ihr ganz gut da, seitdem sie das langweilige Volk von P... nicht mehr sehe und die dumpfe kalte Kirche und den schwarzen blassen Prediger, der sie immer so scheu angesehen, als fürchte er sich vor ihr.

„Geh nur, Vater, laß dich nicht aufhalten, suche deine alten Freunde auf, ich bringe mich schon durch.‟

Und dabei sah man vom Fenster aus nichts als die öden, ungeheuren Flächen des Weltmeeres und den alten zerfallenen Turm auf P..., der schwarz und düster vom Grau des Himmels sich abhob.

Aber gerade der Turm gefiel ihr, ja, er war ihr einziger Freund, wie sie dem Vater erklärte.

Wenn es stürmte und wetterte, dann mußte sie über die drollige Perücke lachen aus Tang und Seegras auf seinem geborstenen Kopfe, über das flatterige Zeug, das ihm aus allen Rissen und Spalten wuchs, das ihm das Ansehen eines zerlumpten Bettlers gab, während Möven, ihr gelles Geschrei ausstoßend, ihn umkreisten, die Wogen an seinem mächtigen Unterbau sich brachen, gierig ihre weißen Zungen immer höher reckend, und die bunten Algen und Schwämme, welche ihn, soweit die schwarze Feuchte reichte, umklammerten, glitzerten und gleißten vom triefenden Meerschaum. Schien die untergehende Sonne darauf, dann glühte und wallte es in ihm wie von unsichtbaren Feuern, die weißen Möven durchschnitten wie selige Geister in sanften Schwingungen das flammende Licht; in seinem geheimnisvollen Schlund, in welchen da und dort hohe Bogenfenster, willkürlich eingefügt, Einblick gewährten, spielten seltsame violette Lichter; oft kräuselte es sich heraus, wie feindurchglühter Rauch, bis plötzlich wieder alles erlosch, der Koloß im kalten blauen Licht erstarrte.

Am liebsten aber war er Nizam, wenn oft wochenlang rings dichter Nebel sich breitete, der bei jedem Atemzug im Freien ihre Kehle stach und ihre zarten Händchen erstarren machte.

Da wuchs er in das Unendliche; jede Einzelnheit verschwand, jede Form zerfloß, etwas Riesiges, Märchenhaftes stand da drüben, ein graues Dunstgebilde, das bald in allen Weiten sich verlor, bald greifbar nahe trat, als wolle es zu ihr in die Stube treten.

Ja, oft nahm er jede Gestalt an, die Nizam sich dachte. Bald war er ein riesiger Mann, der die Arme nach ihr breitete, bald ein stattliches Schiff, dessen Masten in den Nebel ragten, bald ein Baum, bald irgend ein Fabeltier.

Sie konnte nicht satt bekommen an der ständigen Wandlung.

Nur wenn das Mondlicht ihn beschien, hier grelle Lichter zauberte, dort schwere, schwarze Schatten, da schien er ihr unendlich traurig in seinem Zerfall, in seiner Verlassenheit, daß ihr oft die Thränen in die Augen kamen; dann aber wieder schreckte sie sich vor ihm, so drohend düster erschien er ihr, so recht ein Abbild des feindseligen Landes, in das sie der Vater geführt. Das war aber nur, wenn der Mond schien.

Heute schien der Mond nicht, stürmisch war es auch nicht, und die Sonne war längst untergegangen. Dicke, schwarze, lautlose Nacht umpreßte das kleine Haus auf Norderoog, nur der Schnee warf dicht am Boden einen bleichen Schein, und doch saß Nizam schon stundenlang am kleinen Fenster und starrte hinaus in die Leere.

Sie war allein; nein, nicht ganz allein, ihr alter Freund Babe kauerte auf der Stange, den Kopf zwischen den Flügeln, ein Kakadu. Das dritte lebende Wesen, welches vor zwei Jahren dem Schiffbruch entgangen. Die Mutter hatte ihn selbst aufgezogen. Es war die letzte Erinnerung an die Heimat.

Oft schwatzte sie mit ihm stundenlang, und er sah sie dann so traurig von der Seite an mit seinen schwarzen Augen. Er hatte wohl auch Heimweh nach dem Sonnenland, obwohl er wie sie auf dem Meere aufgewachsen, im dumpfen Schiffsraume, und von Palmenwäldern und Lotosblumen so wenig wußte, wie seine Herrin.

Sie liebte ihn doppelt, seit sie sich in diesem Lande befand. Sie liebte den rosigen Schimmer seines Gefieders, der so lebhaft abstach gegen alle die kalten, nüchternen Farben ringsum. Sie liebte seinen Zorn, wenn er den Kamm spreizte und die Augen boshaft rollte. Sie liebte selbst sein unharmonisches Gekreische; es war wenigstens eine Stimme in dem ewigen Schweigen ringsum.

Sie hatte gehört, daß er in dem Boudoir der Reichen zum Schmuck und Spielzeug diene, in goldenen Käfigen wohne. Auch das reizte sie, und sie schwelgte in Bildern von Pracht und üppigem Wohlleben inmitten der kahlen Dürftigkeit um sie her.

Auch sie war jung und schön und wollte sich schmücken, das Leben genießen.

Ohne daß sie je einen Blick geworfen in diesen Lebenskreis, sehnte sie sich danach, formten sich in ihr phantastische Bilder davon — und Babe, der Kakadu, mußte ihr dazu verhelfen.

Jetzt leuchtete sein weißes Gefieder durch den dunklen Raum. Nizam hatte kein Licht angezündet. Nizam träumte. Von Lars träumte sie, dem blonden Jungen.

Einen Tag nach dem verunglückten Besuche bei Götrek hatte sie ihn getroffen, als sie in der Dämmerung nach Hause ging. Er hatte ihr den Weg abgepaßt, er konnte nur wenige Minuten verweilen, der böse Bruder bewachte ihn, ihr ärgster Feind; aber in diesen wenigen Minuten sprach er Worte zu ihr, die sie erbeben machten. Worte, die ihr plötzlich das ganze Land ringsum anders erscheinen ließen, durchaus nicht mehr kahl und traurig. Worte, die sie nie vernommen: daß er sie liebe, daß er nicht mehr leben könne ohne ihren Anblick, daß er bis an das Ende der Welt ginge für sie, daß ihm sein elterliches Haus, der Bruder, die Mutter, alles verhaßt sei, wenn sie fortgehe. Zuletzt küßte er sie! Und er war schön, wie der Prinz aus dem Märchen, welches die Mutter auf dem Schiffe erzählte. Soviel sie sich erinnern konnte, hatte sie kein Wort gesprochen. Das verdroß sie, als er fort war, es verdroß sie auch, daß sie sich hatte küssen lassen, ohne sich zu wehren.

Der Mensch glaubt wohl, bei dem armen fremden Mädchen, die alle verachten, von sich weisen, braucht er nicht lange zu fragen.

Ihr Stolz erwachte, etwas wie Haß gegen diesen blonden Mann, der ihr doch so fremd, so feindlich schien, wie alle die Männer hier zu Lande. „Im Turme, die erste finstere Nacht, wenn du Licht siehst —‟ flüsterte er hastig und entfloh.

Ein Mann kam des Weges, Knut, sein Bruder; er suchte ihn wohl, wollte nicht, daß er mit der Fremden zusammenkam.

„Hast du meinen Bruder Lars nicht gesehen?‟ fragte er im barschen, verächtlichen Tone.

„Was kümmert mich dein Bruder, ihr alle! Ich verachte euch, wie ihr mich verachtet.‟

„Ich verachte dich nicht — ich nicht,‟ flüsterte er dann und beugte sich vor, sie zu haschen.

Es war ein ganz anderer Ton der Stimme, gerade so, wie Lars sprach — da floh sie lachend.

Er rief noch zweimal ihren Namen, ganz weich und zart, wie ein Mädchen, der grobe Knut. Das machte ihr Spaß. Ein Gedanke kam ihr. „Mit dem Haß ist es nicht so weit her, bei den Männern wenigstens nicht. Ich gefalle ihnen wohl.‟ Die ganze Nacht dachte sie darüber nach und fand keinen Schlaf.

Drei Wochen waren darüber vergangen, seit sie in Norderoog war, daß sie Lars nicht mehr gesehen, überhaupt keinen Mann, außer dem Vater.

„Im Turme, in der ersten finsteren Nacht, wenn du Licht siehst —‟ Wie oft tönten die Worte in ihrem Ohr. Heute war die dritte finstere Nacht.

Sie ging ja nicht — aber doch wollte sie das Licht sehen im Turme, ihn drüben wissen, den Lars. Er fürchtete wohl den Bruder, den bösen Knut, der alle Weiber verachtet, wie ihr der Vater zum Troste damals sagte, als er ihm und ihr die Thüre gewiesen. Das wußte sie besser! Sie seufzte schwer auf in unklarem Verlangen.

„Babe, mein Liebling! Wo ist mein süßer Babe?‟

Babe erwachte, schlug unruhig mit den Flügeln und kreischte auf. Sie ging zu ihm, streichelte ihn, und Babe rieb sein Köpfchen an ihrer Brust. „Larrrs!‟ Ganz deutlich rief er den Namen, von dem ihr Herz voll war. Oft genug hatte sie ihm denselben vorgesprochen, aber so deutlich schnarrte er ihn noch nie.

Sie kraute ihm zum Danke das Köpfchen.

„Larrrs! Larrrs!‟

Da floh ein feiner, zitternder Lichtstrahl durch das Dunkel der Stube, er spielte in dem Perlauge Babes. Sie eilte an das Fenster. Ein rotes Fünkchen schwamm in der schwarzen Nacht. Bald zog es sich zusammen zu einem leuchtenden Punkte, bald vergrößerte es sich. Plötzlich sank es, wie ein fallender Stern, blieb wieder stehen — im Turme!

„Larrrs! Larrrs!‟ schnarrte Babe.

Nizam schlug stürmisch das Herz, pochten alle Pulse. Was willst du von ihm? Was will er von dir, der Verachteten? Sein Spiel treiben, weiter nichts! Aber seine Stimme klang so weich, und die blauen Augen blickten so treu — und hier war es so kalt und tot und — da drüben im Turme lockte das Leben, war ein Mensch, der sie lieb hatte, der einzige Mensch weit und breit.

Sie warf ein Tuch um. Nachsehen wollte sie wenigstens, ob es keine Täuschung war.

Der schmale Wattstrom, der Norderoog von P.... trennt, war fest gefroren, in wenigen Minuten war sie drüben.

Babe spreizte die Federn, stellte den Kamm auf und rief immer zorniger: „Larrrs! Larrrs!‟

Sie eilte in die Nacht hinaus.

Kein Lüftchen regte sich, nicht die Hand vor den Augen war zu sehen, nur das Fünkchen, jetzt ganz ruhig, stand hoch über der Erde.

Das Eis stöhnte und knallte. Ihr kleiner Fuß berührte es kaum, hier und da erhob sich ein unsichtbarer Vogel mit schwerem Flügelschlag, den sie in seiner Ruhe gestört.

Das Fünkchen leitet sie. Allmählich vergrößert es sich, ein Fensterbogen trat aus dem Dunkel, der feurige Schein gaukelt über zerfallenes Mauerwerk. Der Turm hob sich aus der Nacht, ihr alter Freund!

„Lars!‟ rief sie mit trockener Kehle.

Das Licht bewegt sich.

„Nizam, ich komme!‟

Sie wartete vor dem gewölbten Eingang und starrt hinauf in den schwarzen Bauch des Turmes.

Angst erfaßte sie, heimliches Grauen —

Da gaukelte der Stern herab, den Windungen der Treppe nach, der Blondkopf Lars' erschien in seinem grellen Schein.

„Nizam, bist du's wirklich?‟ Er wollte sie umarmen. Sie wich zurück und schlang das rote Tuch dichter um sich. „Komm herauf! Ich habe dir ein warmes Stübchen bereitet, fürchte nichts.‟

Nizam zögerte. Sie reizte sich selbst zum Haß gegen diesen Mann. Mit seinem weißen, blühenden Antlitz, dem rötlichen Bartflaum um die roten Lippen, mit seinen mächtigen Gliedern in der blauen Wolljacke, den plumpen Stiefeln, war er das Abbild dieses verhaßten Volkes. Gerade so sahen sie alle aus, wenn sie Sonntags in die Kirche gingen, gerade so sah der Knut aus, der sie aus seinem Haus getrieben. Was war denn nun an diesem Lars anders? Daß er sie liebte? Das that der Knut ja auch, und beide sind zu feig, es offen einzugestehen. Beide wollten sich ihre Liebe stehlen in finsterer Nacht, von niemandem bemerkt.

Oh, die wenig Wochen haben sie alt und klug gemacht, hatten das Weib geweckt in ihr.

Das alles dachte sie in diesem Augenblick.

Da faßte er sie am Arm.

„Was hast du, Nizam? Warum bist du gekommen — wenn du dich so vor mir fürchtest? Ich fürchte mich vor dir! Vor deinen schwarzen Augen! Vor deinem ganzen Wesen, das mir so fremd und doch — — komm! Ich will ja nur mit dir plaudern! Vielleicht zum letztenmal! Ich werde streng bewacht! Heute ist Knut in Amrum über Nacht, und die Mutter schläft. Wenn wir's versäumen — die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder.‟

Da folgte sie ihm. Der Frost schüttelte sie in dem kalten Gemäuer. Die morsche Treppe ächzte und wankte unter seinem schweren Tritt. Fledermäuse umflatterten das Licht, das wie eine Morgenröte seinen Schein aufwärts warf in die schwarze Höhlung. Zerfallene Gänge, aus denen widrige Luft strömte, führten seitwärts, verloren sich in kurzen Windungen. Da und dort blitzten massive eiserne Ringe in der Mauer.

Lars öffnete eine verrostete Eisenthüre.

Nizam staunte. Ein kleines, viereckiges Gemach lag vor ihr. Matten, Wolldecken verkleideten die Wände. Auf einem eisernen Rost brannte ein Kohlenfeuer, den ganzen Raum erwärmend. Ein behagliches Nest inmitten all des Moders. Lars freute sich über ihr Staunen.

„Nun, was sagst du jetzt? Es hat mir wahrlich Mühe genug gekostet, das alles zusammenzustehlen. Ist das nicht ein lauschiges Plätzchen? Friert dich noch? Fürchtest du dich noch?‟

„Nicht, solange du sprichst. Nur sprechen mußt du, Lars, sonst fürchte ich mich.‟

„Sprechen? Oh, das kann ich, hab' keine Sorge. Setze dich nur! Hast du Hunger? Durst? Ich hab' für alles gesorgt. Die Seeräuber, die hier einst hausten, waren nicht besser eingerichtet.‟

„Nein, mich dürstet und hungert nicht. Erzähle mir von den Seeräubern, Lars, ich bitte dich,‟ — Nizam kauerte sich an das Feuer. Ihr Blick ruhte scheu auf Lars.

Und Lars erzählte von den Wogenmännern, die hier gehaust und ihre Beute geborgen, die kostbarsten Schätze, — von Kressen Jacobs Söhnen, die von hier das ganze Meer beherrscht, von den Festen, die sie hier gefeiert mit ihren Geliebten, die sie sich hierhergebracht aus fernen Ländern, und wie das alles zuletzt endete, in Blut und Tod, — wie Cort Wittrich, der letzte, der Schrecken aller Inseln des Nordmeeres, den verdienten Tod fand von der Hand der wackeren Strander und Eiderstedter, die den Turm belagerten.

Nizam hörte gespannt zu, ihre braunen Wangen glühten, und in ihren Augen spiegelten sich alle die lebendigen Vorgänge von neuem ab, das üppige Gelage der Räuber, das lüsterne Lachen der Mädchen, das Kampfgeschrei der Sieger, die Flammen der brennenden Burg — und glühendes Verlangen sprach daraus nach Erlebnissen, was es auch sei, nur nicht diese tödliche Ruhe, nur Leben — Leben! Ihr stummer Eifer riß Lars immer weiter. Er ahnte ihr Sehnen.

„Glaubst du nicht, daß ich dir zu Liebe auch so ein Räuber werden könnte, der die Schätze aller Länder dir zu Füßen legt? Gewiß könnte ich es! Alles, was du verlangst —‟

„Ja, das wäre schön! Du draußen auf dem Meere, der Schrecken all der bösen, verhaßten Menschen, ich hier in dem Turm. Ich erwarte dich dort am Fenster, ich sehe deine Segel leuchten, ich winke dir zu mit dem roten Tuche. Dein Schiff ist voll Gold und Edelgestein und kostbaren Gewändern — du kommst und schmückst mich zur Hochzeit! Alle die Menschen beugen sich vor dir und mir, wie vor einem König, und der Turm wird ein marmorner Palast, wie ich ihn als Kind gesehen an dem großen Fluß in meiner Heimat. Und dann beginnt für uns erst das Leben.‟

Nizam glühte in dem kindischen Traum, von Feuersglut umwallt, und Lars, der arme, blöde Lars, der bis jetzt nichts gesehen von der Welt, als die rauhe Dünung und das öde Wattenmeer, Nebel und Wolken, der solche Dinge wohl geträumt, aber nie die Worte dazu gefunden in seiner harten armen Sprache, kniete zu ihren Füßen.

„Und du würdest mich lieben in dem marmornen Palast, nicht wahr?‟

„Ja, das würde ich, Lars, heißer, glühender, als je ein Mann geliebt wurde, in eurem kalten Land —‟

„Und jetzt in dem alten Turm, — liebst du mich nicht?‟

„Lars!‟ Zwei geschmeidige Arme umschlangen ihn, schwarzes, duftiges Haar fiel über sein Antlitz, und zwei Lippen preßten sich auf die seinigen — und das Gemach drehte sich, und die farbigen Muscheln, das krause Spielzeug des Meeres, das, von ihm gesammelt, in allen Ecken lag, leuchtete und glühte wie Edelgestein.

Plötzlich erwachte er aus seinem Taumel.

„Sieh' dort, Nizam!‟ Er wies auf das Bogenfenster. Der Mond war aufgegangen und leuchtete als weiße, strahlende Kugel durch den Nebel, der in durchsichtigem, flüssigem Schleier an ihm vorüberzog.

Land und Meer war in lichtvollem Dunst zerflossen. Alles wie entkörpert, schemenhaft, — die Häuser auf den Werften, — die weißen, unendlichen Schneeflächen der Wiesen, — die schwarzen Klippen an der Landspitze, und weit draußen das Meer, das sich mit sanftem Rauschen an dem Eisgürtel der Insel brach.

Lars fühlte seine schwere Zunge gelöst.

„Was brauchen wir einen Marmorpalast und Gold und Edelgestein? Ist's hier nicht schön genug? Gehört die ganze Pracht da draußen nicht uns? Wird der alte Turm da nicht zum Palast, wenn wir uns nur lieben?‟

„Sie dulden es aber nicht, daß wir uns lieben!‟ Nizam schmiegte sich innig an ihn. „Dein Bruder, deine Mutter, alle —‟

„Dann verlassen wir alle, — fliehen wir —‟

„Wohin?‟

„Wohin du willst, die Welt ist groß. Ich will arbeiten, kämpfen, das Glück suchen, das Gold, das du so ersehnst. Alles will ich thun für dich.‟

„Was hilft das Wollen, wir sind beide arm. Im Frühjahr muß ich fort mit dem Vater —‟

„Geh' nur fort, ich werde deine Spur nicht verlieren. Ich werde dich wiederfinden, ich werde reich sein, wenn ich dich wiederfinde, ich werde alle deine Wünsche erfüllen können. Lach' mich nicht aus, Nizam, ich bin stark und klug, und vor allem habe ich Mut!‟

„Ich lache dich nicht aus, ich lache nur, wenn ich denke, wie es kommen wird, — ganz anders. Du wirst einen langen roten Bart bekommen, du wirst ein braves Halligmädchen heiraten, Grete Wittrich, oder so eine, du wirst die Schafe hüten auf den Wiesen und fischen im Wattstrome und handeln in Amrum wie dein Bruder Knut, und wirst gar nicht mehr an das braune Mädchen denken im alten Turm, an das Kind der bösen Hexe aus dem Zauberland, — so wird's kommen, Lars.‟

„Ehe es so kommt, das schwöre ich dir, finden sie einmal draußen am Strand einen Mann, dem der rote Bart noch nicht lang gewachsen ist. Warum hast du mich so angeblickt, als du zum ersten Male unser Haus betratest? Warum hast du dich küssen lassen, als ich dir begegnete? Warum kommst du heut hierher, wenn du mich nicht wirklich liebst? Oder willst du mir wirklich nur Leib und Seele verzehren, wie Knut sagt? Bist du wirklich eine Hexe, wie die Leute alle glauben? Ein Kind der Sünde, wie der Pastor meint?‟

„Glaub' es und geh'!‟ Nizam sprang jäh auf, wie eine wilde Katze.

Lars zögerte einen Augenblick, sah sie erschreckt an; es war ihm, als höre er die warnende Stimme seiner Mutter, Knuts — es war wirklich ein weiblicher Dämon, der da vor ihm stand, in das rote Manteltuch gehüllt, aus diesen Augen loderte wirklich die Sünde; dann aber stürzte er sich auf sie, von einer zornigen Leidenschaft erfaßt, und preßte sie in seine starken Arme. Der Duft ihres Haares betäubte ihn, die Glut ihres Körpers versengte sein Gehirn. Der rote Mantel umhüllte ihn wie eine Flamme. Und draußen brauten die kalten Nebel und verlöschten von neuem den Mond, Land und Meer in schmutzige, feuchte Finsternis hüllend.

Auf dem Kirchhof zu P..... schlug es elf Uhr, als Lars mit Nizam in das Freie trat.

Ein steifer Wind hatte sich erhoben.

Lars hielt die Geliebte fest im Arme, als er mit ihr den Wattstrom überschritt, um sie nach Hause zu geleiten.

Einmal schreckte Nizam zusammen und blieb plötzlich stehen. Es war ihr, als habe sie in der Richtung nach ihrem Hause einen Lichtstrahl beobachtet, der sich durch den Nebel rang.

O, es war wohl nur Täuschung, die Nachwirkung des hellen Feuers im Turme, in das sie so lange geblickt.

Sie sprachen kein Wort. Es war zu herrlich, dieses schweigende Wandern in der grauen Leere, gerade als ob sie ganz allein auf der weiten Welt wären. Sie verzögerten ihre Schritte. Über das ganze Meer hätten sie so wandern mögen, dicht aneinander gedrängt.

Plötzlich fühlten sie Land unter ihren Füßen; Norderoog war erreicht, und dort hob sich schemenhaft ein schwarzes Etwas aus dem Nebel — die Hütte Hennings!

Lars schüttelte jetzt der Frost. Der Traum war zu Ende, er mußte zu Ende sein, er durfte das Haus nicht betreten.

Er wollte sich rasch entfernen, ohne lange Abschiedsworte. Es war besser so. Er löste den Arm Nizams, der um seinen Hals lag, — da vernahmen sie beide deutlich ein Geräusch von der Hütte her, das Zufallen oder Öffnen einer Thüre.

Sie standen still, horchten lange.

War der Vater zurückgekehrt? Licht brannte keines.

Nizam klammerte sich fest an Lars. Wieder das Geräusch.

„Wenn es dein Vater ist, — ich fürchte mich nicht vor ihm, er soll alles wissen, besser sogar —‟ flüsterte Lars.

„Wenn er es aber nicht ist?‟ fragte Nizam zitternd, „dann ist's jemand, der nichts Gutes will, — dann komme ich gerade recht.‟

Ein wilder Thatendrang stieg in diesem Augenblick auf in dem erregten Jüngling, der Drang, sich als Mann zu zeigen vor ihren Augen.

Irgend etwas bewegte sich in der Dunkelheit, löste sich von der dunklen Masse des Hauses.

„Halt!‟ schrie Lars. „Wer da?‟

Keine Antwort.

Er trat vor, Nizam fest im Arme, die Faust am Messergriff im Gürtel.

Eine riesige Gestalt stand vor der Thüre des Hauses, regungslos.

Nizam schrie auf. Lars zog das Messer und sprang vor. Knut stand vor ihm.

„Schandbube! Hab' ich dich erwischt? Wart', ich will dir, mit Dirnen herumstreichen die ganze Nacht.‟ Er drang mit erhobener Faust auf den Bruder ein.

„Knut, ich warne dich!‟ Lars zuckte das Messer in blinder Wut, — da fühlte er schon seinen Arm gepackt mit eisernem Griff.

„Oh, ich glaub' es dir, wer einmal so weit ist, wie du, der ist zu allem fähig. Jetzt marsch nach Hause.‟

Er stieß Lars zurück, daß dieser in den Schnee taumelte. „Und du,‟ wandte er sich an das Mädchen, „ich warne dich — wenn du dem Burschen keine Ruhe läßt — mußt du fort. Ich sorge dafür. Verlaß dich darauf, Dirne!‟

Nizam lachte gell auf. Es schien aus keinem Mädchenmunde zu kommen, dieses Lachen.

„Du sorgst dafür? Wer bist denn du? Knut Götrek! Ein verliebter Narr, den die Eifersucht hierher getrieben. Aber ich hasse dich ebenso, wie ich deinen Bruder liebe. Jetzt weißt du's — und kannst gehen! Jawohl, blick' nur nicht so grimmig! Ich fürchte dich nicht, dich nicht und die anderen.‟

Sie sprang an Knut vorbei ins Haus.

„Gute Nacht, Lars! Lach' ihn nur tüchtig aus! Ich bleib' doch dein Schatz, und wenn sie die Hölle loslassen gegen mich.‟

Die Thür fiel in das Schloß.

In der Stube drinnen kreischte Babe aus Leibeskräften: „Larrrs! Larrrs!‟

Lars hatte sich aus dem Schnee erhoben. Die beiden Brüder standen sich gegenüber.

„Hast du's jetzt gehört? Sie haßt dich! Oder willst du vielleicht die Nacht vor ihrer Thüre zubringen?‟

Knut hob die Fäuste gegen ihn. „Mach' dich fort!‟ Lars wich unwillkürlich zurück. Furcht packte ihn. Knut trieb ihn vor sich her, über das Eis, P..... zu.

Plötzlich blieb er stehen. Aus dem Turme brach der letzte schwache Schein des verglimmenden Kohlenfeuers in Lars' heimlichem Versteck. Knut bekreuzigte sich. Es gingen unheimliche Gerüchte.

Schweres Unglück drohte, wenn sich ein Licht zeigte im Turme von P.....

Nizam hieß das Unglück, für ihn wenigstens, sie mußte fort, um jeden Preis.

Als er wieder nach Lars blickte, war dieser im Nebel verschwunden. Wohl wieder zurück, zu der Hexe.

Er zögerte, ob er nicht umkehren sollte.

Sie würden ihn nicht einlassen, ihn verhöhnen, dann geschah ein Unglück. In düstere Gedanken versunken schritt er seinem Hause zu.

Als er in den Schlafraum trat, erhob sich Lars von seinem Lager.

„Woher kommst denn du mitten in der Nacht?‟

Knut rieb sich die heiße Stirn, sein Blut pochte stürmisch in den Adern wie noch nie — hatte er das Fieber? Träumte er? Rasch faßte er sich wieder.

Er war ja noch ein Kind, der Lars — sein Kind, das er doch liebte wie ein Vater. Mitleid faßte ihn mit dem bethörten Jungen. Hatte es ihn doch selbst gepackt, die häßliche Glut, die er stets so verachtet.

„Ich komme von einem Ort, an dem die Sünde lauert auf mein Liebstes! Ich lasse es ihr aber nicht, ich ersäufe sie eher! Im Turm von P..... zeigt sich ein Licht, — ich kenne das Unglück, das es bedeutet, Lars —‟

„Und ich kenne das Licht und kann dir nur sagen, es hat mit einem Unglück nichts zu thun, im Gegenteil! Es sind die besten Geister, die da oben hausen —‟

Das war deutlich genug für Knut. Das war also ihr Liebesnest! Wilde Eifersucht, Haß und Neid stieg in ihm wieder auf, bei den Bildern, die sich jetzt in seinem Hirn woben.

„Na warte, ich werde sie schon ausräuchern, deine guten Geister,‟ sagte er in völlig verändertem Tone, das Licht auslöschend, „gründlich, verlasse dich darauf!‟

„Hilft nichts,‟ kicherte Lars. „Geister sind ja selbst Rauch, und der kommt überall heraus und hinein.‟

Knut antwortete nicht mehr.

Lars wurde es ganz bange in der schweren Finsternis. Es war ihm oft, als strecke sich eine Hand nach ihm aus, als spüre er Atem vor seinem Antlitz. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn.

„Knut! Knut!‟ rief er dann plötzlich angstvoll, „schläfst du?‟

Keine Antwort.

Er zog die Decke weg, unter die er sich gesteckt, und starrte hinüber zu dem Bruder.

Ein roter Schein fiel zum Fenster herein, gerade auf sein Antlitz. Die Stirn war in herbe Falten gezogen, der Mund trotzig zusammengepreßt, die Fäuste lagen geschlossen auf der Brust. Schweres Stöhnen entrang sich ihr.

Was war das? Brannte das Haus beim Nachbarn? Er schlich an das Fenster. Hoch in der Luft loderte eine Flamme, ihren Schein weithin werfend über die Schneefläche der Insel.

Der Turm brannte! Lars' Liebesnest!

Eine brennende Kohle war wohl aus dem Becken gefallen und hatte die Matten entzündet.

Lars starrte atemlos darauf. In wenig Minuten erlosch mit einem Schlage das Feuer. Es bot sich ihm keine weitere Nahrung in dem alten Gemäuer. Schwarz, drohend lag es wieder da in der jetzt nebelfreien Nacht, — und auch Knuts drohendes Antlitz war wieder verschwunden.

Wenn er doch recht hätte mit dem Unglück, — wenn sie wirklich eine Hexe wäre?

Er kroch in das Bett. Eine süße — liebe Hexe — ja, das war sie — eine liebe Hexe —