Kapitel VI.
Opfergaben der Bahau: kawit—Die pemáli: bei der melă, beim Erntefest, in den Reisscheunen, auf dem Reisfelde, beim Säen, beim Neujahrsfest, bei der melă der Namengebung, bei der melă gegen Krankheit, bei der Rückkehr von grossen Reisen—Das legén—Schwierigkeiten bei den Nachforschungen auf religiösem Gebiet—Usun, die Oberpriesterin—Schöpfungsgeschichte der Mendalam Kajan.
Ihre zweite wichtige Tätigkeit, die Vermittlung zwischen dem Volke und der Geisterwelt, von welcher der Ausfall der Ernte abhängig ist, entwickeln die Priesterinnen bei den Ackerbaufesten; diese liefern daher die beste Gelegenheit, um in den Gottesdienst der Bahau einen Einblick zu gewinnen. Betrachten wir im folgenden die Art und Weise, in welcher die Priesterinnen ihre vermittelnde Rolle auszuführen suchen.
Als das wirksamste Mittel zur Anlockung der Geister betrachtet man das Anbieten verschiedener Esswaren. Schweine, Hühner, Eier, Fische und Reis werden als die wahren Götter- und Geisterspeisen angesehen. Bei einer gewöhnlichen me̥lă werden nur Ferkel und Hühner geschlachtet, während die grossen Schweine, und zwar nur die männlichen, für die grossen Festlichkeiten aufbewahrt werden. Ungeteilt werden den Geistern nur Ferkel, Küchlein und Eier angeboten, von den Schweinen und anderen Speisen erhalten sie nur kleine Teile. Die Geister begnügen sich nämlich mit dem geistigen Teil, der in dein Opfer steckt, das nach Auffassung der Bahau auch beseelt ist, und überlassen den körperlichen dem Genuss des Menschen.
Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan.
Die Opfergaben werden in Form von kawit gereicht, die bei keiner religiösen Handlung fehlen dürfen. Es sind dies kleine Rollen aus Bananenblättern, in welche Esswaren eingewickelt werden. Jede Rolle enthält, der bei den Bahau heiligen Zahl acht entsprechend, acht Lagen. Jede dieser Lagen wiederum besteht aus einem viereckigen, handgrossen Blattstück, auf welches ein zweites, kleineres, ausgefranstes Blatt und dann etwas Hühner- oder Schweinefleisch, Fisch, Reis oder Mais gelegt wird; das Ganze wird mit einem fingerbreiten Blattstreifen bedeckt. Liegen acht derartiger Schichten aufeinander, so werden sie in Form einer Zigarre zusammengerollt und mit ungedrehten Bastfasern, deren Enden nicht geknüpft, sondern nur verschlungen werden dürfen, gebunden und die kawit ist fertig.
Flüssige Opferspeisen werden den Geistern gewöhnlich in Bambusgefässen gereicht.
Eine gleich wichtige Rolle wie die kawit spielen bei religiösen Handlungen die anderen pe̥māli, mittelst derer die Priesterinnen den Göttern und Geistern die Wünsche des Volkes auszudrücken suchen.
Die Herstellung dieser pe̥māli kostet den Priesterinnen viel Zeit; denn sie sind, je nach der Gelegenheit, für welche sie verwendet werden sollen, verschieden, ausserdem oft sehr kompliziert und zahlreich. Befassen wir uns zunächst ausführlich mit den pe̥māli und deren Anwendung.
Bevor der Reis geerntet (nge̥luno̱) wird, lässt jeder Bahau in seinem Hause eine me̥lă stattfinden und sich und die Seinen für die bevorstehende gewichtige Arbeit vorbereiten; tut er dies nicht, so darf er an der gemeinsamen Festmahlzeit nicht teilnemen. Die Sorge für die Vorbereitungen zum Erntefest überlässt er dem Häuptling.
Die Priesterin hat für diese me̥lă, die abends stattfindet, tagsüber drei pe̥māli zu verfertigen: das kahe̱ parei, das tuhe̱ lāli und das ao̱ lāli.
Das kahe̱ parei ist ein Stück einer Fruchtschale, an der zwei kawit und einige usut, jede aus zwei an eine Schnur gereihten Perlen bestehend, befestigt sind. Die usut, fünf an Zahl, heissen: usut parei (Reis), usut baha (entspelzter Reis), usut kane̥n (gekochter Reis), usut ata (Wasser) und usut apui (Feuer); für alle diese usut verwendet man am liebsten alte Perlen. Unter usut wird im allgemeinen ein Geschenk oder eine Busse zur Besänftigung einer erzürnten Seele verstanden; man bringt z.B. ein usut mit, wenn man als Fremder zu einem kleinen Kinde kommt (Siehe pag. 74.).
Tuhe̱ lāli heisst ein aus einem Kürbis verfertigter Löffel von altmodischer Form, an den vier kawit mit Mehl, Ei, Fisch und gekochtem Reis gehängt werden.
Ao̱ lāli ist ein hölzerner Spatel, wie man ihn beim Reiskochen stets gebraucht; auch er wird mit einer kawit versehen.
Mit dem kahe̱ parei werden bei der stattfindenden me̥lă alle Familienglieder von der Priesterin berührt, erst ihr Gesicht, dann ihre Brust. Der Vorgang wird mit pe̥le̥sāt bezeichnet. Darauf ist jeder mit dem ao̱ lāli ein paar Reiskörner und trinkt mit dem tuhe̱ lāli etwas Wasser. Dann beginnt die Festmahlzeit.
Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan.
Wie alle Gegenstände, welche bei religiösen Handlungen gedient haben, werden auch diese pe̥māli sorgfältig aufbewahrt.
Der eben erwähnte Reis ist der erste der neuen Ernte. Er muss, nach alter Sitte, in einer auf Backsteinen ruhenden Pfanne gekocht werden. Die Backsteine, drei an Zahl, zwei grosse (ăngăn băngă) und ein kleiner (ăngăn te̥pă), werden für diese Gelegenheit besonders hergestellt. Die zwei grossen Steine stehen, auf eine Kante gestützt, auf dem Herde und tragen die Pfanne; der kleinere Stein wird an einen der grösseren gelehnt und trägt eine kawit. Zur Abwehr böser Geister dient ein mit Haken versehener Bambusstab (udak āwăk), der beim Gebrauch an den kleinen Stein gelehnt wird. Diese Backsteine sind so ziemlich das einzige Überbleibsel der früheren Töpferkunst, die bei den verwandten, aber von den malaiischen Händlern seltener besuchten Stämmen jetzt noch im Schwange ist.
Bei der Festmahlzeit wird der neue Reis für alte tapfere Männer auf besondere Weise zubereitet; man kocht ihn, in Bananenblätter eingewickelt, in Form von länglichen Päckchen, welche aufgerollt werden. Jeder der Tapferen erhält acht solcher an einer Schnur befestigten Rollen.
Auch das erste Einbringen des Reises in die Scheune findet mit Hilfe der dājung statt, welche mit den Reisseelen unterhandeln muss, um sie für ihren künftigen Aufenthalt in der Scheune günstig zu stimmen. Die hierfür verwendeten pe̥māli sind bei den verschiedenen Stämmen verschieden.
Die dājung von Tandjong Karang gebrauchen das barang bulit, die von Tandjong Kuda den te̥lu mit hiko̤̱p bulit und die der Ma-Suling den sān lāli. Alle diese pe̥māli dienen dem gleichen Zweck, dem Anlocken; Auffangen und Aufbewahren der Reisseelen.
Zum barang bulit gehört eine winzige Leiter, ein Spatel, beide mit kawit versehen, und ein geschlossenes Körbchen. In diesem befinden sich, ausser einer kawit, Haken und Dornen von Pflanzen und Schnüre aus Pflanzenfasern, um die Reisseele nötigenfalls gewaltsam festzuhalten. Bei der Handlung streift die Priesterin die Reisseele mit dem Spatel längs der Treppe in den Korb, soll heissen: sie bringt die Seelein die auf Pfählen ruhende Reisscheune.
Das te̥lu mit dem hiko̤̱p bulit ist eine mit einem weissen Kattunstreifen gebundene Bambusdose, in der sich einige kawit, eine Schnur und eine winzige Leiter befinden. Auf dieser Leiter wird die Reisseele mit dem hiko̤̱p bulit (Schöpfnetz) in das Bambusgefäss befördert, hier von der dājung mit der Schnur festgebunden und das Ganze in der Scheune aufgehängt. Netz und Leiter sind ebenfalls mit kawit versehen. Neben dieser Form existiert in Tandjong Kuda noch eine andere: zwei Bambusgefässe mit kawit, die neben einander an einer Schnur in der Scheune hängen; man unterscheidet an diesen die: tāwe̱ (Schnur) le̥po̱ (Scheune), parei (Reis), welche als Seelenweg dient, und das te̥hă hāto̱ to̱ko̱ hāwo̱, Gefäss für die Aufbewahrung der eingefangenen Seele.
Die sān (Leiter) lāli der Ma-Suling besteht aus einer Leiter, einem Bambusgefäss und einer Hühnerfeder, die zur Überführung der Seele in das Gefäss dient. Das Bambusgefäss enthält die kawit und wird, mit weissen Kattunstreifen umwickelt, man nennt es: njină bruwa parei wörtlich: Beruhigung der Reisseele.
Unter njină wird das tägliche Anlocken, Liebkosen und Beruhigen der Kinderseelen durch die Mütter verstanden. Eine genaue Wiedergabe des Wortes ist unmöglich (Über den Vorgang siehe pag. 72).
Um sich auch für das folgende Jahr eine gute Ernte zu sichern, halten es die Bahau für notwendig, nicht nur in den Besitz der Seelen des augenblicklich vorhandenen Reises zu gelangen, sondern auch der Seelen des auf den Boden gefallenen, von Hirschen, Affen und Schweinen gefressenen Reises habhaft zu werden. Auch hierfür haben die Priester ein Mittel erfunden: sie stellen ein te̥lu hina (Hauptwort zu njina = beruhigen) her, das ist ein Bambusgefäss (te̥lu) mit kawit, an welches vier Haken aus Fruchtbaumholz befestigt werden, mit deren Hilfe die verlorenen Reisseelen, falls solche vorhanden, aus der Ferne herbeigelockt werden können. Nachdem die Seelen im Behälter geborgen worden, hängt man ihn in der Wohnung auf.
Die Ma-Suling haben für den gleichen Zweck ein anderes pe̥māli, die usu bruwa = Seelenhände. Es sind zwei aus Fruchtbaumholz geschnitzte Hände, zwischen welche acht kawit gesteckt werden; man umwickelt sie mit Kattun und bindet sie mit einer Perlenschnur fest. Die Hände haben die gleiche Bedeutung wie die Gefässe, sie sollen die herbeigelockten Reisseelen festhalten. Auch dieses pe̥māli wird im Wohngemach aufgehängt.
Ein anderes pe̥māli, das barang usut, wird erst dann in die Reis scheune gebracht, wenn diese bereits gefüllt worden ist; es ist ein Korb, dessen Inhalt die Reisseelen, falls diese erzürnt sind, beruhigen soll. In dem Korbe befinden sich noch drei andere, kleinere Körbe, in denen kleine und grosse rote Perlen als eigentliches usut (Geschenk) liegen; ausserdem enthält das Körbchen noch die Endtriebe eines Krautes und als Symbol für das Festhalten der Seele einige gekrümmte Dornen.
Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan.
Wenn eine Kajanhausfrau für den täglichen Gebrauch Reis aus der Scheune holt, sorgt sie dafür, dass die Reisseelen hierüber nicht in Zorn geraten. Zu diesem Zweck hat sie das barang lāli stets in der Scheune hängen; seine wesentlichen Bestandteile sind ein Bündel Spähne aus Fruchtbaumholz und ein viereckiges Körbchen aus tika. Mitten zwischen die Spähne wird ein Ei gesteckt und unten am Bündel ein kleines Bambusgefäss mit Zuckerrohrsaft (te̥lāng te̥wo̱) als Opfergabe angehängt. Das Körbchen enthält eine geweihte Matte für das Holen des Reises: brāt (Matte) lāli (geweiht) ālā (holen) parei (Reis) und vier kawit, die besondere Namen tragen: barang bal o̱k; pakan le̥po̱ halam; pakan le̥po parei; bal o̱k a de̥sak; ausserdem einen Reishalm. Die Frau beginnt damit, als Opfer für die bruwa parei, etwas Zuckerrohrsaft auf das Ei zwischen den Spähnen zu giessen. Während sie den Deckel des Korbes abhebt, die kleine Matte herausnimmt, auf den Boden breitet und einen Reishalm darauf legt, erklärt sie den Reisseelen den Zweck ihres Kommens. Darauf kniet sie, einige Sprüche murmelnd, vor der Matte nieder und isst ein einziges Korn von dem Reishalm. Nachdem sie das barang lāli sorgfältig geborgen, geht die Frau mit der erforderlichen Menge Reis ruhig nach Hause.
Matten spielen beim Trocknen und Stampfen des Reises eine wichtige Rolle, es ist daher wahrscheinlich, dass das barang lāli und das Verzehren des Reiskorns den Reisseelen die bevorstehende Behandlung andeuten sollen.
Beim Beginn einer neuen Ernte werden die gebrauchten pe̥māli durch andere ersetzt, nur das bararg lāli und kahe̱ parei werden sorgfältig mit einer mit Reis gefüllten Eierschale bewahrt und bei jeder neuen Jahreszeit wieder zum Vorschein geholt. Wenn diese pe̥māli verloren gehen, ist eine me̥lă der dājung erforderlich, um die Reisseelen wieder anzulocken.
Beim Beginn des Reisschnitts stimmt man die Geister dadurch günstig, dass man ihnen Esswaren und Wasser, vielleicht einen Aufguss auf Gemüseblätter, darbietet. Das Opfer, tāwe̱ lāli luno̱ genannt, wird von Kindern auf das Reisfeld getragen. Die Esswaren: gekochter Reis, Fisch und Huhn, befinden sich in drei von den dājung mit einfacher Schnitzerei verzierten Bambusbehältern, das Wasser in einem vierten, niedrigeren Behälter; an alle Gefässe werden kawit gehängt. Abends werden die Reishalme des ersten Schnittes in einem geweihten Korbe (ingan lāli) unter Beckenschlag feierlich ins Haus getragen. Aus der Wohnung sind Hunde und Katzen vorher entfernt worden, auch hat man die amin gereinigt und den Eingang mittelst einer Tür aus Rotanggeflecht verschlossen. Die Tür (bile̱t) besteht aus zwei durch eine Rotangschlinge verbundenen Hälften und einem hölzernen Handgriff. Soll der Korb in die Wohnung getragen werden, so streift man die Schlinge mit dem Handgriff ab, die beiden Flügel des Pförtchens springen auf und der Reis kann seinen Einzug halten.
Die mit dem Saat- und Neujahrsfest verbundenen Festlichkeiten haben auf die Verehrung der Götter Tamei Tingei und Djaja Hipui Bezug, daher besitzen die bei dieser Gelegenheit gebrauchten pe̥māli teilweise eine allgemeinere und wichtigere Bedeutung als die vorhin angeführten; denn nun gilt es nicht allein, die betreffenden Geister zufrieden zu stellen, sondern man verlangt von ihnen auch eine gute Ernte, Gesundheit und Wohlfahrt. Die dājung verfertigen für das Neujahrsfest ein besonderes pe̥māli, das sie auf dem geweihten Reisfeld (luma lāli), das als Ort der heiligen Handlung dient, aufrichten. Mit geringen gelegentlichen Abweichungen besteht dieses pe̥māli aus Stücken von Fruchtbaumholz, die durch ihre Form den Geistern die Bitten des Kajanvolkes übermitteln sollen. Die Konstruktion ist die folgende:
Mitten im Reisfeld werden, mit ihren zugespitzten Enden in die Erde gebohrt, vier etwa 20 cm lange runde Pfähle dicht neben einander in einer Reihe aufgestellt. Die beiden mittelsten tragen oben je einen Kranz von acht kleinen, in das Holz eingesenkten Häkchen, während zu den seitlichen Pfählen je eine Treppe führt. Die Pfähle sind oben mit zwei schmalen Brettern gedeckt; vor und hinter ihnen stecken etwas längere Hölzer mit ihren hakenförmigen Enden schräg im Boden. Die Bedeutung des Ganzen ist diese: die vier aufrechten Pfähle bitten die Götter um langes Leben, die beiden Hakenkränze um ein Ansammeln von Reichtümern, die beiden Treppen um ein Übersteigen aller Schwierigkeiten, die schief im Boden steckenden Hölzchen um einen Boden, aus dem sich Reichtümer heben lassen. Dieses pe̥māli, als pe̥lāle̱ bezeichnet, wird beim Saatfest und später beim Neujahrsfest am Fuss des dangei aufgerichtet, nachdem man die Erde vorher mit dem Blut eines Küchleins als Opferspeise befeuchtet hat (Siehe [Kap. VIII]).
Das pe̥māli bliang unterscheidet sich vom pe̥lāle̱ hauptsächlich dadurch, dass die Hakenkränze durch acht längere Haken, die man rings um die vier Pfähle steckt, ersetzt werden. Zwischen die Haken werden als Opfergaben kleine Fische gelegt. Die Pfähle und Haken des pe̥māli bliang stecken nicht, wie beim pe̥lāle̱, in der Erde, sondern in einem Körbchen mit Klebreis, das mit einem Deckel verschlossen wird. Nachdem das Körbchen mit einem Streifen weissen Kattuns umwickelt worden, befestigt man an ihm ein winziges te̥ko̱k, zwei Bambusstäbe und eine Matte, mit denen beim Neujahrsfest die Geister angerufen werden; augenscheinlich ein Mittel, um die Aufmerksamkeit der Geister des Apu Lagan zu erregen. Jede dājung verfertigt am dritten Tage des Neujahrsfestes ihr eigenes pe̥mali bliang und stellt es am folgenden Tage mit denen der anderen Priesterinnen gemeinschaftlich an den Fuss des Opfergerüstes (lăsā); nach dem Feste bewahrt jede ihr pe̥māli.
Für das grosse Neujahrsfest werden ausserdem auch noch andere pe̥māli verfertigt.
Das eben erwähnte te̥kok wird dann täglich an Stelle eines Gongs zum Anrufen der Geister gebraucht. Es besteht aus einer geweihten Matte (brāt lāli) aus tika und zwei Bambusstäben von 3 dm Länge, welche am unteren Ende durch einen Halmknoten geschlossen sind. Beim dangei-Feste ruft die Priesterin morgens und abends die Geister an, indem sie in bestimmtem Rhythmus mit den Bambusstäben abwechselnd auf die Matte schlägt und den Geistern halb singend, halb rezitierend die Leiden und Wünsche des Stammes zu kennen giebt.
Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan.
An das Gestell (lăsā), an welches die Opfergaben gehängt werden, wird stets eine Rotangschnur und an diese wiederum eine tāwe̱ nangan (Leitbahn) befestigt, welche als ālān to̱ (Weg der Geister) dienen soll. Der ālān to̱ hängt an einem kupfernen Haken und besteht aus einem weissen Kattunstreifen, der in einige rote und blaue Streifen ausläuft, an welche jede der anwesenden dājung ein Bambusgefäss mit Zuckerrohrsaft, eine Art Halskette aus Perlen und verschiedene usut (Geschenke) und Schleifen, von mir unbekannter Bedeutung, bindet. Neben dem weissen Kattunstreifen hängt eine Perlenschnur mit kawit, die mit einer Schlinge endet. Bei der Beseelung kommt der gute Geist längs dieser Schnur auf die darunter stehende dājung herab.
Die Art und Weise, in welcher die Bahau ihren Dorfgenossen ihre Neujahrswünsche ausdrücken, ist sehr eigentümlich. Die dājung verfertigen nämlich vor Beginn des Festes für die ganze Bevölkerung das hāto̱ kawit bruwa, ein Bündel von acht Haken aus Fruchtbaumholz und drei kawit, die zusammengebunden in einem Säckchen aus weissem Kattun stecken. In eine Schlinge aus ungedrehten Pflanzenfasern, welche aus dem Säckchen hervorragt, muss der Nachbar bei der Begrüssung seinen Finger stecken, der dann hin- und herbewegt wird; bisweilen wird auch der gute Einfluss, der von der Schlinge ausgeht, auf das Haupt des Betreffenden geblasen. Indem man die Seele des Freundes mittelst der Schlinge mit dem wohlschmeckenden Inhalte des Sackes in Berührung bringt, erweist man ihr etwas Angenehmes, ausserdem wünschen die hölzernen Haken ein Sammeln von Reichtümern für das folgende Jahr.
Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan.
Beim marong uting (Schweinefleischessen, siehe [Kap. VIII]) verfertigen die dājung in der Wohnung des Häuptlings das bo̱wo̱ nangan, ein Gestell, auf welchem den Geistern das Schweinefleisch in kawit angeboten wird. Das bo̱wo̱ nangan ist ein mit Schnitzwerk etwas verziertes Bambusrohr, das horizontal an einer Perlenschnur hängt, innen und aussen mit kawit versehen ist und in der Mitte acht usut trägt, deren Bedeutung mir nicht klar ist. Zu beiden Seiten des Bambusrohres hängen gekreuzte Stöckchen mit kleinen Schnüren, an welche die kawit mit Schweine- und Hühnerfleisch gebunden werden. Tagsüber hängt das bo̱wo̱ nangan in der dangei-Hütte, abends wird es aber stets in die amin des Häuptlings zurückgebracht. Statt der Speerspitze und des Schwertes, welche die dājung bei einer gewöhnlichen me̥lā gebraucht, verwendet sie bei der gelegentlich des marong uting stattfindenden mĕla die te̥lingan uting, eine geschliffene Muschelschale (hulọ), an der eine alte Perlenschnur und eine kawit hängen. Diese von Nautilus-Arten stammenden Schalen und die alten Perlen werden bei den Bahau sehr geschätzt und sind daher, gleich wie alte Waffen, sehr geeignet, die Seele in gute Stimmung zu versetzen, besonders in Verbindung mit dem geliebten Schweinefleisch.
Nach der Sitte aller Stämme von Mittel-Borneo wechseln auch die Kajan am Mendalam ihren Wohnsitz, sobald für den Reisbau kein geeigneter Boden in der Nähe mehr vorhanden ist. Bein Einzug in das neue Haus erbittet die Oberpriesterin den Segen Tamei Tingeis und zwar drückt sie ihre Bitte durch das be̥tungul, ein für den Häuptling bestimmtes pe̥māli aus. Dieses befindet sich, wie das pe̥māli bliang, in einem Körbchen aus tika und besteht aus einem selbst gebrannten irdenen Töpfchen (taring ladang) mit unregelmässigen Vertiefungen am Böden, in welche 2 × 8 Haken aus Fruchtbaumholz gesteckt werden; auch diese bitten um eine Anhäufung von Schätzen. Zwischen den Haken werden in geknickte Bambushölzer kleine Fische als Opfer geklemmt. Das Töpfchen bittet Tamei Tingei wahrscheinlich um Nahrungsmittel. Mit den Backsteinen, die beim Kochen des ersten Reises verwendet werden (pag. 118), bildet es das einzige Überbleibsel der alten Töpferkunst. Beim Umzug bleibt das be̥tungul, wie auch das le̥ge̱n der Verstorbenen, im verlassenen Hause zurück.
Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan.
Ein wichtiges pe̥māli, das speziell für die dājung bestimmt ist, heisst hle̱n lāli und ist ein längliches Kissen aus weissem Kattun. Das Kissen wird von den Frauen bei ihrer Aufnahme unter die dājung hergestellt und bei jedem Saatfest zum Vorschein geholt und mit einer kawit versehen. Neben den kawit, welche die Zahl der Amtsjahre der Priesterin angeben, sind verschiedene Perlenschnüre angebracht. Ein Armband (kamang tukan oder lăku dājung) wird nur auf dem Kissen der ältesten Priesterin befestigt und darf nie entfernt werden. Auf jedem Kissen findet man drei usut: eine rote, eine gelbe Perle und einen Knopf (hulọ). Die Besitzerin trägt diese usut, sobald sie ihres Amtes waltet. Die gelbe Perle dient zugleich für die me̥lā der Priesterin selbst; fühlt diese sich nämlich krank oder fürchtet sie ein Entfliehen ihrer Seele, so sucht sie ihre bruwa zu beruhigen, indem sie die gelbe Perle fest in die Hand drückt. Neben den erwähnten drei usut wird das usut lāli angebracht, das aus kleinen Perlen besteht und während des Saatfestes täglich angefasst werden muss. Bei dieser Gelegenheit werden auch die Hausgenossen gesegnet, indem die dājung ihr Haupt mit dem Kissen, das für gewöhnlich sorgfältig in einer Kiste bewahrt wird, in Berührung bringt.
Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan.
Je nach der Gelegenheit, bei welcher eine me̥lā vorgenommen wird, benützt die dājung zur Beruhigung der Seele verschiedene Gegenstände. Bei der me̥lā, welche während des Saatfestes bei der zweiten Namengebung des Kindes stattfindet, streicht die Priesterin dieses in Tandjong Kuda mit einem durch kawit und Perlen geweihten Kürbis. Gleich wie auch in Tandjong Karang, werden die Füsse des Kindes in Wasser gebadet, das in zwei hierfür bestimmten Bambusgefässen mit kawit mitgebracht worden ist. Kürbis und Bambusgefässe heissen zusammen: tāwe̱ anak o̱k = Seelenbefriediger eines kleinen Kindes.
Wenn die Kajan durch Vermittlung der Priesterinnen die Hilfe der Geister anrufen, stellen die Priesterinnen für die me̥lā folgende Gegenstände her: pe̥māli kaja, kawit me̥lā und malat kădjă.
Der pe̥māli kaja ist eine besondere Art von Seelenweg, welchen die dājung benützt, wenn es eine verirrte Seele mit Hilfe der guten Geister zurückzurufen gilt. Dieser Seelenweg, welcher an dem offenen Dachfenster angebracht wird, besteht in einer kostbaren Perlenschnur mit zwei gelben Perlen als usut. Auf die Schnur folgt ein aus acht Schlingen zusammengesetzter Knoten, der mit einem Päckchen von acht Haken aus Fruchtbaumholz vier Perlen, vier kleinen kawit, einer Hühnerfeder und einem Stück daun hugul (Dracaena-Blatt) verbunden ist. Die Perlen, die kawit und das in Schweineblut getauchte Blattstück dienen als Beruhigungsmittel für die herankommende Seele; die Haken bitten um Reichtum; die Hühnerfeder wird bei der eigentlichen me̥lă verwandt.
Die Priesterin streift bei der me̥lă die zurückkehrende Seele längs des Seelenweges auf den Knoten, den sie in einem Säckchen und dieses wieder in einem Körbchen bis zum Abend aufbewahrt. Mit der Hühnerfeder bestreicht die Priesterin den Patienten, nachdem sie ihm vorher im Dunkeln die Seele in das Haupt geblasen hat.
Kawit me̥lă wird das alte Speereisen genannt, mit dem die dājung den Aren des Patienten streicht; vier kawit und zwei mit Schweineblut bestrichene Blätter von hugul werden an ihm befestigt.
Malat kădjă ist der Name des alten Schwertes, auf welches der Patient während der me̥lă seinen Fuss setzen muss; auch dieses ist mit kawit versehen.
Die blăkă, die, wie die anderen pe̥māli, morgens vor der eigentlichen me̥lă hergestellt wird, bittet die aufgerufenen Geister um alles, was dem Menschen not tut; sie besteht im wesentlichen aus einem dünnen Flechtwerk in Form einer 1½ □ dm grossen Matte, welche um folgenden Inhalt geschlagen wird: acht sorgfältig hergestellte kawit, ein Päckchen von vier Hühnerfedern (ukur manok), ein gewundenes Stück Rotang (ukur uting) und zwei Bambusstäbe (tawe̱). Die drei letzten Gegenstände haben folgende Bedeutung: ukur manok = Mass für Hühner, bittet die Geister um viele Hühner und giebt zugleich die gewünschte Grösse derselben an; ukur uting = Mass für Schweine, bittet um viele Schweine, ebenfalls mit Grössenangabe; tawe̱ bittet um langes Leben.
Legen.
Kehren die Bahaumänner von einer langen Reise zurück, so müssen sie, bevor sie das Haus betregen dürfen, vier Tage lang in einer für diesen Zweck besonders hergerichteten Hütte abgesondert leben. Der Anführer der Gesellschaft lässt für diese Zeit durch die dājung eine blăkă ajo̱ herstellen; sie besteht aus einer 2 □ dm grossen Rotangmatte, auf welcher mittelst eines Rotangstückes 2 × 8 Blätter von daue Jong befestigt werden; diese dienen zur Abwehr böser Geister. Zwischen die Blätter wird Reis gestreut. Die blăkă ajo̱ wird später in der Galerie (ăwă) afgehängt. Einen wichtigen Gegenstand für die Zeit dieser Absonderung bildet ferner ein alter Feuermacher der Bahau, der im täglichen Leben schon längst durch Stähl und Feuerstein ersetzt worden ist. Zwischen den Zähnen einer Gabel aus leichtem trockenem Holz wird ein halbiertes Stück Rotang hin- und herbewegt. Durch die bei der Reibung entstehende Wärme werden die abgeriebenen Holzteilchen zum Glühen gebracht und entzünden die feinen Baumbastteile, welche unter der geriebenen Stelle auf eine Matte aus tika gelegt werden. Die Gabel wird mit den Füssen festgehalten.
Mit dem bereits mehrmals erwähnten le̥ge̱n möge die Reihe der pe̥māli abgeschlossen werden.
Das le̥ge̱n, ein aus tika geflochtenes Körbchen, enthält alle Gegenstände, die im Leben des Kajan eine Rolle gespielt haben und nicht vernichtet werden dürfen, weil ihre Seelen sich sonst an dem Menschen rächen könnten.
Man findet im Körbchen folgende Gegenstände:
1. Einen Bambusbehälter mit dem abgefallenen Nabelstrang (obut) und einen zweiten mit einem habung awut, einem pe̥māli, das verhindern soll, dass das Kind zu viel isst und dadurch eine zu schnelle Verdauung erhält.
2. Ein Messerchen aus Bambus (hāling obut) und eine hölzerne Unterlage, die für das Abschneiden des Nabelstranges benützt wurden.
3. Die te̥we̥sing, eine Halskette der Mutter, welche aus Perlen und 2 × 4 Früchten zur Abwehr böser Geister besteht und an welcher die hină ana, die Schlinge vom Kindertragbrett, hängt. Ferner sind an der Halskette befestigt: das lăku krawa, das Armband, das gegen Krämpfe schützen soll und das le̥ku pe̥lă, das Armband, welches das Kind zwischen der ersten und zweiten Namengebung trägt.
4. Das to̱l, ein Stöckchen, mit dem das Kind zum ersten Mal für die Reissaat Löcher in die Erde bohrte.
5. Ein Kreisel (asing), mit dem das Kind zum ersten Mal beim Saatfest spielte.
6. Die Eierschalen (te̥lo̱ lāli), mit welchen das Kind gelegentlich der ersten Namengebung bei der me̥lă gestrichen worden ist.
7. Das Röckchen (tā-ā) und
8. Das Jäckchen (băsong), welche bei der ersten Namengebung zum ersten Mal angelegt wurden.
9. hapin hăwăt, ein Zeugstück, das als Unterlage in dem Tragbrett benützt wurde.
10. Ein Tellerchen aus Kürbisschale (uwit lāli), auf welchem dem Kinde bei der Mahlzeit von Vater und Mutter einige Reiskörner gegeben wurden.
11. Ein Instrument zum Durchbohren der Ohrläppen (natap te̥linga).
12. Ein Stückchen Baumbast mit den ersten Exkrementen des Kindes.
13. Das lawong tika akar, das Kopfband, welches die Mutter während des ersten Lebensjahres des Kindes trug.
14. Das Bambusgefäss, in welchem das erste Badewasser für das Kind geholt wurde.
Aus allem, was im vorhergehenden über die religiösen Vorstellungen der Bahau gesagt worden ist, ersieht der Leser, dass die Besorgnis um die Ruhe ihrer Seelen ihr Tun und Lassen während ihres ganzen Lebens beherrscht. Da die bruwa durch alles, was dem Menschen selbst fremd, unbegreiflich und gefahrvoll erscheint, erschreckt und zum Fliehen gebracht werden kann, was Krankheit oder Tod zur Folge hat, stösst derjenige, der mit Hilfe der Bewohner von Mittel-Borneo in unerforschten Gegenden wissenschaftliche Untersuchungen vornehmen will, auf bisweilen unüberwindliche Hindernisse. Das Betreten eines unbekannten Gebietes, das Besteigen eines gefürchteten Berges, die Photographie, die anthropologischen Messungen u.s.w. erschienen meinem Geleite als gefährliche Experimente, die Wohlsein und Gesundheit aufs ernsteste bedrohten.
Eine besondere Seelenunruhe veranlassten meine Nachforschungen nach ihren Überlieferungen und ihrem Gottesdienst; die Hindernisse, die man mir auf diesen Gebieten daher in den Weg legte, waren sehr grosse. Zum Glück liessen sich die beängstigten Seelen der Baliau meist mit allem, was diese selbst schön fanden, wie hübsches Zeug, Perlen und Geld, beschwichtigen. In bezug auf Mitteilsamkeit in religiösen Angelegenheiten machte sich übrigens, je nach Veranlagung und Höhe der geistigen Entwicklung bei den einzelnen Personen, Verschiedenheiten geltend. Während die einen sich völlig unzugänglich zeigten, konnte ich von den anderen doch mit Hilfe von allerhand Mitteln einiges erfahren. Indessen wären mir die religiösen Vorstellungen der Kajan am Mendalam auch nach elfmonatlichem Aufenthalt in ihrer Mitte ein Buch mit sieben Siegeln geblieben, wenn nicht gerade die Oberpriesterin von Tandjong Karang, Usun, eine rühmliche Ausnahme gemacht und sich in allem, was ihre heilige Wissenschaft betraf, zugänglicher gezeigt hätte. Trotz mancher unangenehmen Eigenschaften meiner alten Freundin kann ich nicht umhin, gerade an dieser Stelle mit Dankbarkeit ihrer zu gedenken.
Usun gehörte zu den wenigen Bewohnern des langen Hauses, die den ganzen Schatz der Überlieferungen von der Geisterwelt und der Stammesgeschichte kannten. Nach der Überzeugung der Kajan war ihr Tun und Lassen daher für die Gesinnung der Geister, somit für das Wohlergehen und den Gesundheitszustand des ganzes Stammes, massgebend. Durch aussergewöhnliche Handlungen, wie es ihre Unterhaltungen mit meiner profanen Person über Religionsangelegenheiten waren, schadete Usus also nicht nur sich selbst, sondern ihrer ganzen Umgebung; begreiflicher Weise sah man unseren Verkehr daher nur sehr ungern. Usun selbst stand ihren Stammesgenossen durchaus nicht furchtlos gegenüber, auch spielte die Besorgnis um das Wohl und Wehe ihrer eigenen Seele bei ihr eine grosse Rolle; ich musste daher jedesmal, wenn sie mir etwas Besonderes erzählt oder gebracht hatte, ihre bruwa mit etwas Geld, Kattun oder Perlen besänftigen, um bösen Träumen oder gar Krankheiten zuvorzukommen. Den Geldstücken schien dabei eine besonders beruhigende Wirkung eigen zu sein, auch wurden sie, um in innige Berührung mit ihrer Seele gebracht zu werden von der Alten beim Abschied gebissen. Auch ihr Enkel, ein ungezogener zwölfjähriger Knabe, beängstigte ihr Gemüt; denn er wollte, wie die übrigen Kajan, nichts von ihrem gefährlichen Umgang mit mir wissen.
Gegen alle diese Schwierigkeiten kämpften in Usuns Seele eine sehr entwickelte Habgier und Eitelkeit auf ihre Wissenschaft und Stellung und, wenn ich mir schmeicheln darf, eine grosse Eingenommenheit für meine Person.
Unter diesen Verhältnissen entwickelte sich unser Verkehr derart, dass Usun, um ihre Umgebung irre zu führen, abends, wenn alle Hausbewohner schliefen, zu mir schlich. Dann packte sie ihre pe̥māli, die heiligen Gerätschaften, die sie für mich verfertigt hatte, aus und steckte die erhaltene Belohnung ein. Wenn sie sich im Dunkeln hie und da fürchtete, nahm sie den Enkel mit, der für die ausgestandene Seelenangst stets auch etwas bekam.
In der Stille meiner Hütte, nur unterbrochen von einzelnen Lauten, die von dem schlummernden Kajanhause herüberdrangen und von dem Gezirp der ewig munteren Grillen, vernahm ich in einem entsetzlichen Gemengsel von Kapuas-Malaiisch und Busang die Geschichte von Usuns Geisterwelt. Das energische Gesicht der alten Dajakfrau gab dem Bilde noch ein besonderes Gepräge. Wurden wir durch Neugierige gestört, so hatte die Alte sogleich ein harmloses Thema bei der Hand und fand sie bei ihrem Kommen meine Hütte besetzt, so schob sie das Mitgebrachte von aussen durch die Mattenwand der Hütte auf meinen Schlafplatz—die Rechnung blieb später nicht aus.
Tagsüber liess Usun ihren Gefühlen freieren Lauf, sprach öfters beim Doktor vor und liess sich zum Gaudium der ringsherum stehenden Jugend bald hier bald da auf allerhand Leiden untersuchen.
Der pekuniäre Vorteil, den Usun aus ihrem Handel mit ihrer priesterlichen Wissenschaft zog, weckte den Neid und die Konkurrenz ihrer Kolleginnen und diesem Umstande habe ich es zu verdanken, dass mir auch von anderer Seite religiöse Gegenstände geliefert wurden, von deren Existenz ich sonst nie etwas erfahren hätte.
Die Schöpfungsgeschichte der Mendalam Kajan, wie ich sie aus dein Munde der alten Usun vernommen, möge dieses Kapitel abschliessen.
Die Schöpfung der Erde, Geister und Menschen.
Eine Spinne liess sich einst vom Himmel an einem Faden herab. Diese Spinne wob ein Netz, in welches ein Steinchen von der Grösse einer sehr kleinen Perle fiel. Das Steinchen wurde grösser und grösser, erst wie eine owe̥r ane̱ (besondere Perlenart), dann wie eine ke̥tobong apo parei (besondere Perlenart), dann wie eine kleine Muschel, wie ein Nagel (hulọ), wie eine aus einer Muschelschale geschnittene Scheibe (barang hulọ), wie ein Fussrücken, wie ein runder Teller (uwit), wie eine Sitzmatte, wie ein Sieb, dann wie eine grosse Matte u.s.f., bis es den ganzen Raum unter dem Himmel einnahm.
Auf diesen Stein fiel eine Flechte (ọro̱ nāpon) vom Himmel, die auf ihm kleben blieb; dann fiel ein Wurm (halang) hernieder, aus dessen Exkrementen die ersten Erdteilchen entstanden. Auch diese Erde nahm immer mehr zu, bis sie den ganzen Stein bedeckte. Da fiel der grosse Baum, kajo̱ aja auch wohl kajo̱ nangei (beim Neujahrsfest verwendet) genannt, vom Himmel; der Baum war anfangs nicht höher als ein Messerchen (nju) dick ist, dann wurde er so gross, als ein Beil (ase̱) dick ist, schliesslich erreichte er die Höhe eines Bananenstammes u.s.f.
Darauf fiel eine Krabbe vom Himmel und begann mit ihren vielen Gliedmassen in der Erde zu graben, wodurch Berge, Täler und Flussbetten entstanden, unter anderen der Kajan, Pĕngian, Danum Pè (Flüsse im Apu Kajan Gebiet beim Batu Tibang) und schliesslich alle übrigen Flüsse von Borneo.
Aus dem Boden wuchsen jetzt allerhand Pflanzen hervor, zuerst die verschiedenen Bambusarten: bulu buring; bulu pusa; bula tengun und bulu tan; dann die Bäume, die das rote zähe Holz für Schilde liefern und die Fruchtbäume. (Alle diese Baumarten werden beim Neujahrsfest zum Bau der dangei-Hütte verwendet). Schliesslich erschienen die Rotangarten: uwe̱ nga; uwe̱ haring; -bohong; -hawon; -kudjo; -nge̥lawáto; -pe̥se̥lilit; -se̥lat; -se̥putan und uwe̱ maling, die alle im Haushalt ihre verschiedene Verwendung finden.
Der Rotang wand sich an dem grossen Baum kajo aja hinauf und der Wind trieb ihn derart, dass er in die vulva des Baumes gelangte, wodurch dieser sehr gross wurde.
Zwei Geister, ein Mann, Be̥lare̱ Adje̱ Awe̱, und eine Frau, Ke̥tot Era Pode̱, kamen jetzt vom Himmel herab und liessen sich auf dem grossen Baum nieder; sie konnten sich aber als Geister nicht begatten. Als der Mann einst einen Schwertgriff schnitzte und die Frau am Webstuhl sass, fielen der Schwertgriff und das Weberschiffchen neben einander auf die Erde und paarten sich. Aus ihrer Vereinigung ging ein menschenähnliches Wesen, Ke̥lowe̥r Ga-aï (= schiebend sich vorwärts bewegen) hervor, dem aber Arme und Beine fehlten.
Die Paarung und ihr Resultat erschreckten die beiden Geister jedoch derart, dass sie eiligst in den Himmel zurückflogen.
Das gliederlose Monstrum bekam zwei Kinder verschiedenen Geschlechtes: Huwar Ane̱ und Uti; deren beide Kinder: Klobe̱ Ange̱ und Klobe̱ konnten sich auch noch kaum bewegen, sie hatten aber ebenfalls zwei Nachkommen: Nguje̥r Bawe̱ und Lahnde̱, die beide nur sitzen (nguje̥r) konnten. Diese jedoch zeugten richtige Menschen: einen Mann Pare̥n Ke̥liter Pulut Luwe̱ und eine Frau Udjung Malen Le̥ke̱.
Die Tochter dieser ersten Menschen, Lahei Lalau, hatte so lange Arme und Beine, dass sie den Himmel berühren konnte. Sie bekam zwei Kinder: Amei Awi und Buring Une̱, die hauptsächlich die Erde und ihre Erzeugnisse beherrschen und daher als die wichtigsten Götter des Ackerbaus verehrt werden. Sie besitzen 2 × 8 Kinder, nämlich:
| Frauen: | Männer: |
| Usun Ke̥ten Apui | Bang Alang Tui |
| Usun Ke̥ten Apui Lawan | Bang Alweg Lawar |
| Hanja Ata Te̥re̱ | Bang A lang Nje̱ |
| Hanja Ata Tujan | ... |
| Husun Djulu Dje̥le̱ | Jok Une̱ |
| ... | Hang Pidang Le̱ |
ferner noch vier Kinder, die als die wichtigsten Mondphasen am Himmel stehen: Ke̥re̥bso̱ = aufgehender Mond; Ke̥lo-ong Pajāng = Halbmond; Kamat = Vollmond und Pe̥nje̥ro̤̱m Do̤̱m = dunkler Mond.
Amei Awi und Buring Une̱ liessen ihre Kinder, um darüber zu entscheiden, wer von ihnen Häuptling, wer Freier und wer Sklave werden sollte, einen Berg hinauflaufen. Die Stärksten, die die Spitze zuerst erreichten, machten sie zu Sklaven, die minder Starken, welche sich halbwegs befanden, machten sie zu Freien und einen Mann mit einem kranken Bein und eine schwangere Frau, die am Fuss des Berges zurückgeblieben waren, machten sie als die Schwächsten zu Häuptlingen.
Sämmtliche Kinder waren jedoch mit der Entscheidung ihrer Eltern unzufrieden und gingen daher nach den verschiedensten Orten im Weltall auseinander, wo sie jetzt als Monde und ähnliche Gebilde ein glückliches Dasein geniessen.
Die Eltern dagegen, die einsam zurückblieben, nahmen ein weisses Tuch und eine Matte und begaben sich zu dem grossen Baum kajo aja. Amei Awi kratzte von dein Baum eine grosse Menge Rinde ab und holte aus dem Walde ein langes Stück Rotang. Nachdem er die beiden Enden über dem Boden befestigt hatte, baute er darauf ein Haus und streute mit seiner Gattin die Baumrinde auf den Fussboden, worauf Schweine, Hühner, Hunde und Menschen aus den Rindenteilchen entstanden. Die Menschen blieben jedoch stumm, obgleich sie ihnen Ohrringe (isang), Ruder (be̥se̱), und andere Dinge gaben. Daher begab sich Amei Awi auf den Fischfang, kochte die Fische und ass einen Teil mit Buring Une̱. Als sie darauf auch den Menschen von den Fischen zu essen gaben, begannen diese zu sprechen.
Von diesen echten Menschen stammen die Bahau ab, die krank werden und sterben können, da sie, wie auch ihre Haustiere, eigentlich aus vergänglicher Rinde (kul kajo̱) bestehen.