Kapitel V.
Organisation eines Stammes am oberen Mahakam—Stellung der Häuptlinge, Freien und Sklaven Vielweiberei—Verlobung, Heirat, Ehescheidung, Ehebrach, Erbschaftsrechte—Geburt und Verbotsbestimmungen für Kinder—Schreckfiguren und Beschwörungen zur Vertreibung von Krankheiten—Prophezeiungen aus den Eingeweiden von Tieren—Betrügerisches Vorgehender Priester—Geisterbeschwörung bei Dürre—Schöpfungsgeschichte der Mahakam-Kajan—Die mächtigsten Geister des Mahakam (seniang)—Begräbnisgebräuche—Ökonomische Verhältnisse am Mahakam Ackerbau und Ackerbaufeste—Verschiedene Feldprodukte—Sagogewinnung—Fleischnahrung—Fischfang und Fischzucht—Haustiere—Schlachtmethoden—Fleischkonservierung.
Die Organisation eines Stammes beruht bei allen Bewohnern des oberen Mahakamgebietes auf denselben Grundprinzipien, wie bei denen am oberen Kapuas, nur mit dem bemerkenswerten Unterschiede, dass bei ersteren, besonders bei den mit der Küstenbevölkerung noch wenig in Berührung gekommenen Stämmen, alle Bestimmungen der adat viel strenger gehandhabt werden als bei letzteren. Der Häuptling geniesst am Mahakam ein viel höheres Ansehen als am Kapuas, zwischen den verschiedenen Ständen, wie Freien (panjin) und Sklaven (dipe̥n), ist die Kluft hier eine viel grössere. Die Kajan suchen selbst energisch eine Vermengung der Klassen durch Heirat zu verhindern, was ihnen jedoch nur zum Teile glückt. Die dipe̥n werden zwar gut behandelt, weder verkauft noch getötet, aber nur wenige unter ihnen, wie Anjang Njahu und Sorong, übten durch ihre hohe Stellung beim Häuptling einen indirekten Einfluss auf die Stammesangelegenheiten aus. Während bei den Kajan am Mendalam viele Sklaven ein selbständiges Leben führten, einige selbst gegen den Willen des Häuptlings sich jahrelang bei anderen Stämmen auf hielten, wurde ihnen dies am Mahakam nicht gestattet. Kwing Irang hatte einen Teil seiner Sklavenfamilien unter Aufsicht einiger Mantri gestellt; während des Reisbaus wohnten die meisten auf den Feldern, die sie für den Häuptling zu bestellen hatten, und in der Niederlassung mussten sie ihre Wohnungen zu beiden Seiten des Häuptlingshauses bauen, nicht zwischen denen der Freien.
Eigener Grundbesitz ist den dipe̥n bei den Kajan nicht erlaubt, doch erhalten sie neben den Feldern des Häuptlings ein Stück Fand zur eigenen Nutzniessung zugewiesen. Anjang Njahu hatte sich zwar ein selbständiges Reisfeld angelegt, war dafür aber verpflichtet, ein anderes für Kwing zu unterhalten. Im allgemeinen kommen bei den Sklaven 2 Arbeitstage für den Häuptling auf einen für sie selbst; auch tritt der Häuptling denjenigen seiner Familienglieder, die mit ihm keine gemeinsamen Äcker bebauen, zeitweilig einige Sklaven ab, um sie bei den Feld- und anderen Arbeiten zu unterstützen: so besass sowohl Kwings Sohn Bang Awan, als sein zu den Kajan von der Gegend unterhalb der Wasserfälle geflohener Neffe Ding Lalau einige Sklaven zur Aushilfe.
Drei wohlhabende Frauen der Kajan am Mahakam in Festkleidung.
Die Lebensverhältnisse der Sklaven hängen in hohem Masse von dem Charakter des Stammeshäuptlings ab; von den mehr als 150 dipe̥n des gutmütigen, sanften Kwing war noch nie einer durchgegangen, beim Pnihinghäuptling Bĕlarè jedoch kam dies mehrmals vor, selbst ganze Familien hatten es mit Erfolg versucht, nach dem Kapuas zu entfliehen. Früher war es allerdings auch bei den Kajan vorgekommen, dass ein Sklave sich zu einem anderen Häuptling, z.B. nach Lulu Njiwung, begeben hatte; in solch einem Fall gelangt er in den Besitz und unter den Schutz des neuen Häuptlings, der den Fall dann mit dem früheren Herrn ausmachen muss. Bei den Kajan konnten es ausnahmsweise, wie gesagt, einige Sklaven weit bringen, sowohl der im Stamme geborene, wie Anjang, als der neu erworbene, wie Sorong; selbst der Vorfechter gehörte bei ihnen dem Sklavenstande an.
Die Stellung der Freien, panjin, zum Häuptling ist im ganzen die gleiche wie am Mendalam. Nur ist die Kluft zwischen den Familien der Häuptlinge und denen der Freien am Mahakam weniger tief, weil die Vielweiberei der Häuptlinge und die Schwierigkeiten, die mit der Heirat einer Frau gleichen Standes verbunden sind, die Fürsten häufig dazu führen, ihre Frauen aus den Familien der panjin zu wählen.
Ein sehr grosser Gegensatz ist auch in der Stellung, welche die Frauen am Mendalam und Mahakam einnahmen, bemerkbar. Während sie dort in allen Angelegenheiten das Wort führten und in vieler Hinsicht grössere Rechte als die Männer genossen, spielten sie hier eine viel untergeordnetere Rolle, wurden in öffentlichen Angelegenheiten nicht zu Rate gezogen und durften bei Unterhandlungen mit Fremden nicht mitbeschliessen. Doch fehlte es auch unter den Mahakamfrauen nicht an kräftigen Persönlichkeiten, die in allen Angelegenheit einen grossen indirekten Einfluss übten, wie z.B. Hiāng, Kwing Irangs älteste Frau, deren Meinung mehr Gewicht hatte, als die des Häuptlings selbst. Sie verstand unter den zahlreichen Sklaven die Ordnung aufrecht zu erhalten und durch ihren Mann im ganzen Stamm eine grosse Macht zu entfalten. Obgleich sie aus keiner Häuptlingsfamilie stammte und kinderlos blieb, heiratete sie doch drei aufeinanderfolgende Häuptlinge der Kajan, allerdings konnte sie nicht verhindern, dass Kwing noch eine zweite Frau, Uniang Anja, und während meines Aufenthaltes eine dritte, Lirui Anjang aus Long ’Kup, ehelichte. Sie hatte ihre Nichte Kĕhad adoptiert, die nach ihr Kĕhad Hiāng genannt wurde und im Häuptlingshause lebte. Auf Hiāngs Betreiben hatte ihr Mann früher einige seiner anderen Frauen aus dem Kajanstamm fortschicken müssen, obgleich eine derselben ihm seinen Sohn Bang Awan geschenkt hatte, der jetzt bei ihm wohnte. Übrigens erging es Hiāng wie es öfters willensstarken Personen ergeht, sie wurde ihrer Herrschsucht wegen von den meisten Stammesgliedern, die nicht zu ihrer Familie gehörten, gehasst, hauptsächlich von den Leibeigenen, die mehr als alle übrigen unter ihrem unmittelbaren Einfluss zu leiden hatten.
Uniang Anja, die zweite, viel jüngere Frau, erfüllte im Hause nur ihre Mutterpflichten gegenüber ihrem 12 jährigen Sohn Hang; sie war eine gute Seele, die in ihrer Jugend von einer Krankheit, die den Gaumen und die inneren Nasenteile verwüstet hatte, heimgesucht worden war; vielleicht verlor sie durch ihr Leiden die Energie, um sich gegen Hiāngs Tyrannei aufzulehnen. Sie gehörte einem angesehenen Geschlecht der Long-Glat an und brachte aus ihrem Kreise ein besonderes Talent im Rotangflechten und in der Herstellung von Perlenarbeiten mit, das von den Ihrigen sehr geschätzt wurde.
Auch Kwings dritte, noch sehr junge Frau Lirui, eine Tochter des Pnihinghäuptlings Anjang, übte auf den Lauf der Dinge im Hause wenig Einfluss aus; sie hatte überhaupt erst nach der Geburt ihres Sohnes Parèn beim Kajanstamm Einzug gehalten, teils aus Raummangel in Kwings provisorischer Wohnung, teils weil Hiāng ihr Kommen nicht wünschte.
Die Vielweiberei der Häuptlinge am oberen Mahakam muss dem Einfluss der am Unterlauf des Flusses wohnenden Mohammedaner zugeschrieben werden, denn nur die zur Häuptlingsfamilie der Long-Glat gehörigen Häuptlinge gestatteten sich diese Abweichung von der vorväterlichen Sitte; keiner ihrer Freien besass mehr als eine Frau; auch die noch ursprünglicheren Sitten huldigenden Häuptlinge der Pnihing, Ma-Suling und, wie wir sehen werden, der Kĕnja lebten monogamisch. Die Tatsache, dass die Polygamie sich unter den Mahakam-Bahau verbreiten konnte, spricht vielleicht ebenfalls für die niedrigere Stellung, welche ihre Frauen im Vergleich zu denen am Kapuas einnehmen.
Dasselbe Moment liegt wohl auch dem besonders bei den Blu-u Kajan herrschenden Brauch, die Mädchen bisweilen schon bei ihrer Geburt mit einem jungen oder sogar älteren Manne zu verloben, zu Grunde. Auch diese Sitte kann ursprünglich bei ihnen nicht heimisch gewesen sein, weil sie nach dem Glauben der Kajan selbst ihren Geistern ein Dorn im Auge ist, die sie dafür mit Krankheit und Unglück heimsuchen. Die Folge dieser Vernunftheiraten ist denn auch, dass die Mutterschaft bei den Frauen viel früher eintritt, als wünschenswert ist. Am Blu-u sieht man auch auffallend viele junge, beinahe kindliche Mütter. Die Sitte, ihre Töchter in sehr jugendlichem Alter zu verheiraten, haben die Kajan vielleicht von ihren zahlreichen Sklaven aus den Baritostämmen, bei denen sie allgemein verbreitet ist, übernommen. Über Heirat, Scheidung und Ehebruch ist bereits an anderer Stelle ([T. I p. 364–67]) einiges mitgeteilt worden, das folgende möge als Ergänzung dienen.
Die meisten Eheschliessungen gehen derart vor sich, dass ein heiratsfähiger junger Mann seine Eltern oder, in Ermangelung derselben, andere Familienglieder über eine vorläufige Verbindung mit einem etwa 6 jährigen Mädchen unterhandeln lässt. Er tritt dann sogleich in die Familie seiner Schwiegereltern ein, nachdem er diesen sowie der kleinen Braut ein Schwert oder ein anderes von seinen Angehörigen aufgebrachtes Geschenk übergeben hat. Seine Arbeit kommt den Schwiegereltern zu Gute, und oft wird er, sobald das Mädchen ungefähr heiratsfähig geworden ist, ohne fernere Heiratszeremonie zu deren Manne.
Ist das Mädchen bei der Abmachung zwischen den beiderseitigen Familien älter, dann leben die jungen Leute etwa einen Monat lang zusammen, und gefallen sie einander, so schliessen sie mit einer einfachen, in einer kleinen Festmahlzeit bestehenden Feier den Heiratsbund. Beim nächsten Neujahrsfest folgt dann ein grösseres Mahl, bei dem ein Schwein geopfert wird, von dem jede Dorffamilie ein Stück erhält.
Fühlen sich erwachsene Männer und Mädchen zu einander, hinge zogen, so bietet ihnen über Tag die gemeinsame Feldarbeit Gelegenheit zu intimem Verkehr; abends geben sie sich mit ihren Liegmatten im hohen Grase unten am Fluss ein Stelldichein. Durch Ausspülen beim Baden sucht das Mädchen den unerwünschten Folgen ihres Verkehrs vorzubeugen, was aber nicht stets gelingt.
Bleiben diese nicht aus, so müssen die Schuldigen ein Schwein und eine bestimmte Menge Reis opfern, um von ihren Angehörigen den Zorn der Geister abzuwenden, die sonst ein Missglücken von Ernte, Fischfang und Jagd verursachen würden. Zeigt sich das Paar zur Heirat nicht geneigt, so wird diese auch nicht für notwendig angesehen, auch verhindert ein derartiges Erlebnis ein Mädchen nicht, später eine passendere Ehe mit einem anderen Manne einzugehen.
Über die Heiratszeremonien ist bereits Teil I pag. [87] u. [365] berichtet worden.
Das Eheband wird bei den Blu-u Kajan leicht wieder gelöst. Ich sah häufig Scheidungen stattfinden, weil ihre beiderseitigen Charaktereigenschaften Mann und Frau nicht gefielen, oder die Ehe kinderlos blieb. Ein Mann liess sich von seiner Frau scheiden, weil er ein Kind aus ihrer früheren Ehe nicht leiden mochte, ein anderer machte sich einfach davon, weil ihm die Versorgung seiner immer grösser werdenden Familie zu schwierig vorkam.
Auch Heiraten zwischen Freien und Sklaven, zu denen der Häuptling bisweilen gezwungenermassen seine Zustimmung erteilt hat, sucht man, besonders beim Kajanstamm, wo eine Vermengung mit Leibeigenen sehr ungern gesehen wird, bald wieder zu lösen.
Der junge Mann, der eine Sklavin heiratet, nimmt alle Pflichten eines Sklaven auf sich, erhält jedoch bei einer Scheidung- seine Freiheit zurück; sind Kinder vorhanden, so folgen diese dann dem Stande der Mutter, bis auf eines, das der Vater in seine Familie mitnimmt. Tritt ein Sklave aus dem Häuptlingshause als Schwiegersohn in eine panjin-Familie, so muss ihn eines seiner männlichen Kinder beim Häuptling als Sklave vertreten. Bei den Long-Glat und Ma-Suling bestehen diese strengen Regeln nicht, mit dem Resultat, dass die Leibeigenen ständig in den Stamm heiraten und ihre Anzahl fortwährend abnimmt. Auch unter den Kajan hat im einzelnen Falle das Ansehen der betreffenden Familie auf die vom Häuptling und seinen Mantri zu fassenden Beschlüsse grossen Einfluss.
Die Ehe wird von den Kajan trotz ihrer leichten Lösbarkeit durch aus als bindend angesehen, und ein Treubruch seitens des Mannes oder der Frau mit einer Busse an den beleidigten Teil gestraft. Auch wird solch ein Ereignis als eine Schande und als ein Unglück für den Stamm angesehen.
Die Häuptlinge nehmen hinsichtlich der Ehe, wie gesagt, eine gesonderte Stellung ein, indem ihnen allein das Recht zusteht, mehrere Frauen zu heiraten; diese geniessen als Gattinnen eines Häuptlings zwar das gleiche Ansehen im Stamme, aber für ihre Kinder gelten die mit der Geburt der Mutter verbundenen Erbschaftsrechte; ferner darf das Abzeichen der Frauen von hohem Stande, eine mit Hundezähnen verzierte Perlenmütze, nur von geborenen Fürstinnen getragen werden.
Die adat und menschliche Eitelkeit verlangen eigentlich von ihren Häuptlingen eine Verbindung mit einer ebenbürtigen Fürstentochter, doch legt eine solche Heirat dem künftigen Gatten die Verpflichtung auf, mindestens 2 Jahre im Hause der Schwiegereltern zu arbeiten. Die jungen Häuptlinge der Kajan trösten sich daher oft mit Frauen aus den Familien der Freien, die ihnen zwar keine Kinder von so hoher Geburt schenken, von ihnen aber auch nicht die Erfüllung so hoher Forderungen verlangen. Besonders wenn die erste Frau bereits aus vornehmem Geschlechte stammt, braucht der Häuptling bei der Wahl der folgenden nicht mehr so streng auf die adat zu achten.
Eine Heirat zwischen Häuptlingen und Leibeigenen kam bis jetzt nicht vor.
Stirbt eines der Eheleute, so darf der überlebende Teil, wenn er zu einer Häuptlingsfamilie gehört, erst nach Verlauf eines Jahres eine neue Ehe eingehen, ist er ein panjin, bereits nach einem halben Jahr.
Bei den panjin und dipe̥n der Blu-u Kajan wird die Vorschrift, dass ein junger Ehemann zur Familie seiner Frau zieht, nicht so streng gehandhabt wie am Mendalam; sind beide Teile erwachsen, so zieht das Mädchen wohl auch gleich in das Haus ihres Gatten oder das seiner Eltern, besonders wenn dieser ein einziger Sohn ist und seine Familie ihn nicht entbehren kann.
Die Heiratsgebräuche stehen nach dem Glauben der Kajan unter der Obhut des Schöpfers Tamei Tingei und eine Übertretung derselben wird bisweilen auf eigentümliche Weise gesühnt, z.B. durch Herstellung von Menschenfiguren (te̥patong). Schliesst nach dem Tode eines der Ehegatten der überlebende Teil vor Ablauf der bestimmten Frist eine neue Ehe, so lässt man fusshohe Figuren, zwei männliche und zwei weibliche, als Opfer auf einem Floss (sahn) den Fluss abwärts treiben. Die Neuvermählten opfern bei einer me̥lā darauf Schweine und Hühner und richten ein allgemeines Gastmahl an.
Bei einem Ehebruch rächt sich Tamei Tingei an dem ganzen Stamm, indem er ihn mit Krankheiten und Missernten heimsucht. Die Kajan nehmen daher in diesem Fall ein “ne̥me̱ urib” vor, wörtlich: “Verbesserung des Daseins.” Sie setzen an Stelle der Holzbilder die beiden Schuldigen auf das Floss und lassen sie mit der Strömung abwärtstreiben. Ursprünglich wurden die Ehebrecher wahrscheinlich tatsächlich geopfert, gegenwärtig retten sie sich aber durch Schwimmen; aus Übermut treiben sogar manche freiwillig auf dem Floss ein Stück weit mit (Mehr hierüber [T. I p. 367]).
Von der Zeit vor seiner Geburt bis zu seinem Tode ist jede Lebensperiode eines Mahakambewohners an bestimmte religiöse Vorschriften geknüpft. Beide Eltern dürfen während der Schwangerschaft keine geschlachteten Hühner berühren; der Mann darf keinen Griff mit Guttapercha auf ein Schwert befestigen, keine Erde stampfen, z.B. beim Einrammen von Pfählen, da das Kind sonst nicht zum Vorschein kommen will. Eine Übertretung noch anderer Vorschriften hat zur Folge, dass das Kind bald nach der Geburt stirbt.
Am Mahakam geschieht es öfters als am Mendalam, dass man ein Kind, dessen Mutter bei der Geburt gestorben ist oder dessen Eltern auf irgend eine Weise erschreckt worden sind, in den Wald aussetzt, wo es umkommt oder von kinderlosen Eltern aufgenommen wird.
Während ein Kind heranwächst, durchläuft es mehrere, durch Opfer von einander getrennte Zeitperioden, die es allmählich den Vorrechten der Erwachsenen zuführen. Für Knaben muss z.B. im 12ten Lebensjahr geopfert werden, damit sie ein echtes Schwert tragen dürfen, später wird ein Huhn geopfert, damit der Griff mit kurzen Haaren verziert werden darf. Um lange Haare am Griffe anbringen zu dürfen, ist die Opferung eines Schweines erforderlich. Ein zweites Schwein verlangen die Geister, wenn der Knabe seine Kleidung durch eine Sitzmatte vervollständigen will. Diese Opfer werden mit be̥t lāli bezeichnet, ein Ausdruck, der allgemein die Aufhebung einer Verbotszeit bedeutet. Erst wenn alle Vorschriften erfüllt worden sind, wird der junge Mann zu den Erwachsenen gerechnet. Für Mädchen gelten ähnliche Bestimmungen.
Die Freien und Sklaven bringen diese Opfer nicht selbständig, zu beliebigen Zeiten dar, sondern sie warten hierfür grosse religiöse Zeremonien in der Häuptlingsamin ab. Wird dort ein ajo̱ (Kopfjagd) bei der Ablegung der Trauer oder beim Einzug in ein neues Haus gehalten oder ein dangei gefeiert, so gehen sie im be̥t lāli des Kindes einen Schritt vorwärts. Bevor dieses erwachsen ist, dürfen seine Kleider nicht beseitigt oder verkauft werden, sehr wahrscheinlich, damit die noch schwache bruwa des Kindes den Kleidungsstücken nicht folge, wodurch es krank werden würde. Aus demselben Grunde will man auch die hăwăt der Kinder nicht verkaufen; nur einige Male gelang es mir, die Tragbretter lang verstorbener Personen zu erstehen. Die Kajan trennen sich auch nicht von ihren Tragkörben, ingan dawan; die Long-Glat dagegen verkauften mir einige, aber zu hohem Preise.
In anderen Punkten sind die Long-Glat übrigens viel abergläubischer als die anderen Stämme; so verschieben sie z.B. das lāli parei wegen eines hadui (= me̥lā) bei Krankheit oder eines ajo̱ für ein neues Häuptlingshaus so lange, bis der Reis überreif auf der ladang abfällt. Ferner wagen sie auch beim grössten Nahrungsmangel nicht zu ernten, wenn auf dem Felde der Tragriemen eines Reiskorbes bricht oder dieser umfällt.
Krankheiten suchen die Mahakambewohner teils durch Schreckfiguren aus Holz, teils durch Beschwörungen zu vertreiben. Betrifft es einen ganzen Stamm, so werden über 1 m hohe menschliche Figuren beiderlei Geschlechts am Flussufer aufgestellt, um die bösen Geister in die Flucht zu jagen. Auch in jedem Privathause werden dann solche te̥patong, wenn auch in kleinerem Massstabe, verfertigt.
Wird nur eine Familie durch sehr schwere Krankheit getroffen, so wendet nur diese die te̥patong an.
Gefürchteter als die aus der Umgegend stammenden bösen Geister sind die aus fernen Gegenden, welche die Reisenden begleiten. Als mich im Jahre 1897 eine Gesellschaft vom mittleren Mahakam bei den Blu-u Kajan besuchte, zeigte sich keine Frau ausserhalb ihres Hauses ohne ein brennendes Bündel Plehidingbast, dessen stinkender Rauch die bösen Geister vertreibt.
Dass diese für besonders verhängnisvoll gehalten werden, wenn sie aus der Ferne kommen, ist begreiflich, denn von weitem heimkehrende Bewohner bringen häufig Infektionskrankheiten in ihr Dorf mit, hauptsächlich influenzaartige. Die Kajan bezeichnen denn auch Husten und Schnupfen, die wichtigsten Symptome dieser Infektion, mit demselben Namen wie die fremden Geister, nämlich mit “bĕngĕn”. Da auch Cholera und Pocken auf diese Weise verbreitet werden, erscheint die Furcht der Eingeborenen vor den Geistern aus der Fremde völlig berechtigt.
Die Krankenbeschwörungen am Mahakam beruhen auf derselben Idee wie am Mendalam, nur sind die Äusserungen desselben Glaubens bei den Priestern der einen und anderen Stämme eigentümlich verschieden. Während der grobe Betrug, den die dājung am Blu-u treiben, indem sie krankheiterzeugende Tiere und Gegenstände aus dem Körper der Patienten zum Vorschein bringen, sofort ins Auge springt, beobachtete ich nichts ähnliches am Mendalam, auch äusserte sich eine Beseelung hier niemals in Begleitung von Zittern und Krämpfen.
Zur Veranschaulichung des Gesagten mag hier die Beschreibung eines grossen Beschwörungsfestes folgen (Beschwörung halten = ĕnah abei), das Kwing Irang, als seine Familie durch Krankheit heimgesucht wurde, zur Beschwichtigung der Geister im Jahre 1897 vornehmen liess.
Den eigentlichen Festtag leiteten 3 der obersten weiblichen und Bo Bawan, der oberste männliche Priester mit einem Opfer an die unter dem Flusse wohnenden Geister ein. In netter, aber gewöhnlicher Kleidung begaben sich die Vier zum Blu-u, unter Vortritt von 4 jungen Männern, von denen zwei grosse Gonge, die anderen Priesterbecken ertönen liessen, um die Geister auf die kommende Zeremonie aufmerksam zu machen. An der Ufertreppe stehend boten alle zugleich in altem Busang den Geistern ein Küchlein, ein Bambusgefäss mit Salz, Reis und essbare Blätter, sowie einen weissen Kattunlappen zum Opfer an. Nachdem alle die Gegenstände in die Hand genommen hatten, schleuderte Bo Bawan sie über den Fluss. Eine der dājung schnitt dem Küchlein den Hals durch, alle Anwesenden bespieen das Tier, damit die Geister am Geruch die Geber erkennen sollten, dann warf der Priester auch dieses ins Wasser. Nur der Kattunlappen wurde unter Beckenschlag ins Haus zurückgetragen.
Etwas später erklangen die Becken aufs neue, diesmal in der Häuptlingswohnung, zum Zeichen, dass eine andere Zeremonie begonnen hatte. Bei meinem Eintritt, der die versammelte Menge nicht zu stören schien, sah ich unter dem geöffneten Dachfenster 8 dājung sitzen, vorn männliche, hinten 6 weibliche. Erstere waren damit beschäftigt, unter dem ohrenzerreissenden Gebrumm der Gonge den guten Geistern in singendem Tone die von Kwing und den Seinen gebotenen Opfer anzutragen. Diese lagen in Form von zwei gebundenen Schweinen, einem Huhn und zwei Küchlein rechts von den dājung, und einige Männer bemühten sich redlich, die Tiere durch Krauen von einem Überschreien der Gonge zurückzuhalten. Vor der Priesterschar lag ihr Lohn, bestehend in Schwertern, Zeug, Perlen und einem neuen tempajan. Alle Familien der amin aja und auch viele andere hatten hierzu beigetragen. Die Schweine hatte Kwing einige Tage zuvor im Dorfe gekauft, da er selbst keine besass.
Der Häuptling und seine Familie sassen links um die dājung geschart; vorn Klang selbst unter einem Regenschirm europäischer Herkunft, rechts von ihm sein Sohn Bang unter einem grossen kajanischen Hut. Hinter ihnen sassen die Frauen und Kinder in ihrer besten Kleidung, völlig unter dem ernsten Eindruck der vorsichgehenden Feierlichkeit. Der gleiche Ernst lag auch auf den Gesichtern der zahlreich versammelten Menge, die den übrigen Teil des Raumes füllte. Die Diele, die bisher gewiss nur selten eine solche Menschenmasse getragen hatte, war am vorhergehenden Tage durch Pfähle unterstützt worden. Zum Glück war in dem allseits offenen Genrache von starker Ausdünstung nichts zu merken, sonst hätte man es unter den 200 Personen bei dem entsetzlichen Lärm kaum aushalten können.
Nachdem die Priester eine halbe Stunde lang die guten Geister von Apu Lagan angerufen hatten, wurde den beiden Küchlein der Hals durchschnitten und darauf der Bauch mit einem Längsschnitt geöffnet, um aus dem Fehlen oder Vorhandensein der Gallenblase zu schliessen, ob die Geister den Augenblick zum Opfern der Schweine für günstig hielten oder nicht.
Beide Tierchen besassen eine gut gefüllte Gallenblase, so dass mit dem Schlachten der Schweine begonnen werden durfte. Das Huhn, das mir zum Geschenk angeboten wurde, bildete eine willkommene Abwechslung in unserem damals sehr einförmigen Menu.
Nun wurden die Schweine abgestochen und zwar, wie gewöhnlich, auf äusserst ungeschickte Weise. Das Blut floss teils in einen eisernen Topf, teils auf ein Pisangblatt mit rohem Reis, auf dem bereits das Blut der Küchlein aufgefangen worden war. Alle Anwesenden mussten dieses erste Opfer berühren, damit die Geister am Geruch merkten, dass es von ihnen allen gespendet wurde. Auch wir verliehen ihm durch Berührung unsere europäischen Gerüche, worauf eine dājung aus dem Dachfenster in die Luft hinaus schleuderte.
Den Schweinen wurde ebenfalls nach dem Verenden der Bauch durch einen Längsschnitt geöffnet, man führte aber noch einen Querschnitt unter dem rechten Rippenbogen aus, um die Unterseite der Leber und die Milz bequem untersuchen zu können.
An der Leber ist das Verhältnis des kleinen Lappens zur Gallenblase massgebend; ist letzterer gut ausgebildet und mit ersterer fest verbunden, so ist das Vorzeichen günstig, im entgegengesetzten Fall aber ungünstig. Ein tief eingeschnittener Rand der Milz prophezeit Unglück, ein gerader dagegen Glück. Zur allgemeinen Befriedigung liessen die Eingeweide beider Tiere nichts zu wünschen übrig.
Hiermit war das eigentliche Opfer abgelaufen und die gute Gesinnung der Geister festgestellt, was für alle, besonders aber für Kwings sehr gläubige Frau Hiāng eine grosse Beruhigung bedeutete. Mit einem Seufzer der Erleichterung konstatierte sie denn auch das günstige Aussehen der Lebern und Milze.
Nachdem auf diese Weise den Geistern und Seelen der Anwesenden Genüge getan worden war, schickte man sich an, die materiellen Genüsse der Menge vorzubereiten. Den Opfertieren wurden zuerst die Borsten mit brennenden Holzspähnen versengt; dann übergoss man sie mit heissem Wasser, schabte mit Schwertern den Rest der Borsten ab, nähte ihnen mit wenigen Stichen den Bauch zu und trug sie zum Flusse, wo einige Männer alle geniessbaren Teile, auch die Därme, reinigten und darauf alles wieder zum Hause hinauftrugen. Hier zerlegten sie das Schwein in kleine Stücke und kochten diese in grossen Töpfen mit Wasser. Darauf wurde das Fleisch ohne weitere Zuspeisen mit Reis und Klebreismehl, das die Frauen schon am Tage vorher zubereitet hatten, genossen. Alles, was mit den Opferspeisen in Berührung kommen musste, war vorher im Blu-u gut gewaschen, und die grünen Bambusinternodien, in denen der Reis gekocht werden sollte, in schweren Lasten mit Wasser gefüllt hinaufgetragen worden. Die Frauen hatten den Reis und das Mehl für diese Gelegenheit in ±4 cm breite und a dm lange platte Päckchen von Pisangblättern gewunden und in die Bambusgefässe gesteckt. Diese füllten sie nun mit Wasser und stellten sie dann in schräger Lage in Reihen auf Gerüsten, halb neben, halb über langen Feuern, so dass ihr Inhalt genau gar war, als der Bambus vom Feuer versengt zu werden anfing. Auch wir erhielten unseren reichlichen Anteil an den Speisen, und der Reis schmeckte mit etwas Zucker, infolge des eigenartigen Aromas des Bananenblattes, nicht schlecht, dagegen hatten wir uns noch immer nicht daran gewöhnen können, das Fleisch ohne Salz zu geniessen.
Frauen der Mahakam-Kajan in Alltagskleidung.
An dem Tage, wo das Opfer und Festmahl stattfanden, durfte das Feuer in der amin aja nicht ausgehen, in allen anderen Wohnungen dagegen durfte überhaupt keines angemacht werden. Männer und Frauen benützten jetzt zum Anzünden ihrer Zigaretten vorzugsweise Hölzchen aus dem Herdfeuer des Häuptlings, während sie sich sonst ihres Feuerzeugs bedienten.
Mittags nach dem grossen Mahl traf man in der amin Vorbereitungen für die eigentliche Krankenbeschwörung. Das wichtigste war dabei ein senkrecht gestellter Holzrahmen, in dessen Mitte ein verzierter Pfahl aus bräunlichem Holz aufgerichtet wurde. Dieser diente als Träger für die Opfergaben: Halsketten und Gürtel aus Perlen, über diesen eine hohe kegelförmige Bahaumütze, in hübschen Mustern mit kleinen bunten Perlen bestickt und umgeben von einem Kranz von Hundezähnen. Unter diesen Gaben hingen die Schnauzen und Schwänze der geschlachteten Schweine, verbunden mit einem Hautund Speckstreifen von der ganzen Rückenlänge der Tiere, um Tamei Tingei die Grösse der getöteten Opfer anzugeben. Den Pfahl, kaju arön genannt, hatte man überdies reich mit langen Holzspiralen behängt, welche die Männer tags zuvor sehr geschickt aus geeignetem Fruchtbaumholz in über 1 m Länge und nur 1 cm Breite geschnitten hatten. Sie stellten mit ihren Messern, nju, bisweilen 10 solcher Spiralen derart her, dass sie an einem Ende mit dem Holz verbunden blieben und dann als langer Büschel mit dem Spahn vom Holze abgeschnitten werden konnten.
Zu beiden Seiten des Opferpfahls, innerhalb des Rahmens, wurden nun parallel zwei Reihen über 2 m hohe Bambusstöcke aufgestellt, also im ganzen vier Reihen, von denen jede nach der heiligen Zahl aus 8 Stöcken bestand, die ebenfalls mit Holzspiralen geschmückt wurden. So entstand eine Art von doppeltem Heckwerk mit dem kaju arön in der Mitte, an den man noch eine Menge schöner Dinge, hauptsächlich Perlensachen und Päckchen von Reis und Schweinefleisch hängte, um ihn für die Geister noch verlockender zu machen.
Über dem Ganzen thronte aus schwarzem und rotem Zeug nachgebildet die mĕnjiwan, die öfters erwähnte Schlange mit rotem Kopf und Schwanz, eines der wichtigsten wahrsagenden Tiere, das von den bösen Geistern sehr gefürchtet wird. Am Fuss dieses Opfergerüstes, das bis nach dem me̥lo̱ (Ruhen nach dem Opfer) stehen bleiben musste, lagen und standen Gonge und wertvolle tempajan, wie seinerzeit auch am lăsa̱ der Mendalam Kajan ([Teil I pag. 177]). Die dājung sollten hier erst spät abends, nachdem alle nochmals gespeist hatten, ihres Amtes walten; vorher, bei Einbruch der Dunkelheit, mussten Kwing und seine beiden Söhne noch ein besonderes Opfer bringen. Zu diesem Zweck richteten einige Männer vor dem Hause eine Reihe von 4 × 8 Bambusstöcken auf, deren oberes Ende gespalten und auseinander gebogen wurde. Ringsherum bedeckten sie die nasse Erde für die Teilnehmer an der Zeremonie mit Brettern. Ein lebhaft rauchendes Feuer diente zur Vertreibung der zahlreichen Moskitos, damit diese die Aufmerksamkeit der Leute nicht ablenkten.
Zuerst kamen Kwing und sein Sohn Bang, beide mit hübschem Lenden- und Kopftuch bekleidet und mit einem Schwert bewaffnet, von ihrer Wohnung herab, gefolgt vom Priester Bo Bawan und einer ganzen Reihe von Männern, die sich alle auf den Brettern niederliessen. Einige junge Leute mit grossen Gongen und Becken stellten sich zur Seite, worauf Bo Bawan in der Busangsprache die Luft-, Wasser- und Erdgeister anrief, unter lautem Dröhnen der Instrumente. Darauf steckten die beiden Hauptpersonen in jedes gespaltene Bambusende ein Ei, wobei sie ständig die Geister um Hilfe anflehten.
Die Dämmerung war bereits längst vorüber, als man sich in derselben Reihenfolge wieder hinauf begab. Die geopferten Eier werden niemals gestohlen, sie bleiben auf den Stöcken, bis diese umfallen oder verwesen.
Erst gegen 9 Uhr ertönte aus dem Hause das eigentümliche Rezitativ des Priestergesanges, das eine neue Feier in des Häuptlings amin ankündete. Wir fanden dort Männer, Frauen und Kinder bereits versammelt. Nur für die dājung war um das Opfergerüst ein freier Platz übrig geblieben; sie sassen je zu vieren einander gegenüber auf der Diele, mit einem Raum zwischen sich für die Priesterin, die gerade das Wort zu führen hatte. Der Reihe nach stand nämlich eine von ihnen auf und begann in singendem Tone, augenscheinlich in Prosa, die Schicksale des Stammes und andere Überlieferungen aufzusagen, wobei die Anwesenden an bekannten Stellen einfielen; einige junge Leute zeigten dabei eine besondere Begabung.
Im allgemeinen bediente man sich der alten Busangsprache, nur wenn es die Ereignisse der letzten Zeit und den Zweck dieser Versammlung zu erzählen galt, eine Aufgabe die Bo Bawan zufiel, gebrauchte man das moderne Busang. Die meisten dājung leierten mehr als dass sie sprachen, die Bambusreihe umschreitend, ihre Worte her und brachen nur dazwischen mit einem o—é und darauffolgenden Satz ab, wobei sie nach dem Kopf griffen und heftig aufstampften. Auch fielen ihnen dann die Augen zu; wie die Leute behaupteten, liess sich ein beseelender Geist für einen Augenblick in den Priester oder die Priesterin nieder, wodurch sie das Bewusstsein völlig verloren. Eine der Frauen, die viel Eindruck machte, war von Natur augenscheinlich sehr nervös, denn sie bewahrte nicht wie die übrigen während ihres Vortrags und des Niedersteigens ihres Geistes ihre Ruhe, sondern geriet in Erregung, machte eigentümliche Schritte, blieb plötzlich stecken, ergriff die Bambusstöcke und schüttelte sie heftig, wobei ihre o—é-Rufe und Gebärden die Ankunft des Geistes ankündeten. Dieser Priesterin, Sari ([Taf. 26 T. 1]), fiel auch die Aufgabe zu, Kwings zweite Frau, Uniang, zu einer dājung auszubilden; zu diesem Zweck sagte sie ihr die richtigen Worte vor, falls diese nicht schnell genug zum Vortrag kamen. Die beiden Frauen standen dabei vor der Bambusreihe, und, sobald der richtige Augenblick zum Niedersteigen des Geistes nahte, empfing Uniang ein Zeichen mit dem Fuss, worauf sie in sehr unbeholfener Weise die gewünschten Gebärden folgen liess. Nach einiger Zeit schien Uniangs Geist sich wirklich zu nähern; das spärliche Licht der wenigen Harzfackeln wurde von den Nächstsitzenden durch einen Schirm gedämpft, die älteste dājung fing den Geist in einem Tuch auf, legte Uniang ein Schwert aufs Haupt, wie um es zu spalten, und blies ihr dann den Geist in diesen Spalt ein.
Während dieser auf die Dauer sehr langweiligen und einschläfernden Vorgänge lagen oder sassen in dem halbdunklen Raume 2–300 Männer, Frauen und Kinder beieinander, folgten mehr oder minder andächtig den Beschwörungen oder vertrieben sich die Zeit mit Rauchen und Sirihkauen. Mehrere Frauen sorgten dafür, dass die Rauch- und Kaulustigen nicht zu kurz kamen; Bambusrohre mit seitlichen Öffnungen, in welche die Frauen Zigaretten gesteckt hatten, machten unter den Anwesenden die Runde. Die Kinder schliefen beinahe alle an ihre Eltern gelehnt oder in Gruppen in den Ecken oder den gesonderten kleinen Kammern. Auch die Erwachsenen waren nicht imstande, die ganze Nacht über munter zu bleiben, und da ihre Haltung ebensogut ein Wachen als ein Schlafen zuliess, versanken sie ab und zu ins Traumland, aus dem sie erst wieder zurückkehrten, wenn ihre Nachbarn sich zu stark bewegten, oder die dājung zu laut wurden. Auch für die Hungrigen hatte der Häuptling gesorgt, indem er gegen 2 Uhr nachts Reis und Schweinefleisch umherreichen liess, nur die jüngsten Fürstenkinder vermochte auch kein Schweinefleisch mehr aus dem Schlaf zu erwecken.
Erst gegen Morgen endeten die Zeremonien und fand die eigentliche Beschwörung der bösen Geister statt, welche die Krankheit verursacht hatten. Während man den Raum verdunkelte, wurden Bo Bawan und die Priesterinnen von ihren Geistern besessen, gerieten in Aufregung, jagten den bösen Geistern nach und vertrieben sie endlich aus der Wohnung. Die aus Apu Lagan niedergestiegenen guten Geister, welche die dājung beseelt hatten, brachten auch Flusswasser von dort mit, mit dem die dājung alle Glieder der Häuptlingsfamilie besprengten, während die übrigen Anwesenden sich beeilten, die Finger in dieses Wasser zu tauchen und sich den Körper damit einzureiben. Nach dieser Zeremonie zu urteilen, stellen sich die Kajan ihre Priester und Priesterinnen vor einem Geist aus Apu Lagan beseelt vor, der sich nicht ständig in ihnen aufhält, sondern sie nur bei einer Anrufung erfüllt und ihnen dann die Kraft verleiht, vor allem gegen böse Geister anzukämpfen. Daher rufen die Bahau in Krankheits- und Unglücksfällen die Hilfe der dājung ein. Die Priester besitzen einen männlichen, die Priesterinnen einen weiblichen Geist. Werden Nachkommen der Priester von Geistern beseelt, so stammen auch diese Geister von väterlichen oder mütterlichen Geistern ab. Ob jemand zur Beseelung geeignet ist, können nur Eingeweihte beurteilen; diese scheinen es hierbei nicht auf besonders nervöse Personen abgesehen zu haben, wenigstens zeichnete sich hier am Blu-u, wie wir gesehen haben, von den 8 Frauen nur eine durch leichte Erregbarkeit aus.
Die älteste Priesterin der Kajan schien auch bei den Pnihing und Long-Glat Ansehen und Praxis zu besitzen, jedenfalls erzählte sie mir, sie habe nicht nur einen Geist der Kajan, sondern auch einen der Pnihing und einen der Long-Glat zur Verfügung. Wahrscheinlich glaubte sie selbst nicht daran. Bei verschiedenen Gelegenheiten merkten wir nämlich, dass die dājung der Kajan ihre Gemeinde mit vollem Bewusstsein betrogen. An einem seiner Zauberabende, die Demmeni bisweilen zu allgemeinem Ergötzen veranstaltete, ahmte er das Kunststück der dājung nach und brachte mittelst einer in den Ärmel genähten Kautschukspritze Wasser aus Apu Lagan zum Vorschein. Er erfreute sich denn auch desselben Erfolges wie die Priester, denn die erstaunten Zuschauer rieben sich auch mit diesem Himmelswasser sehr eifrig ein. In der Hoffnung, dass ihm dieses Kunststück in seinem Priesteramt gut zu statten kommen könnte, suchte Bo Bawan Demmeni dazu zu bewegen, sein Geheimnis zu verraten, wozu dieser sich aber nicht geneigt zeigte. Darauf erklärte Bawan sich bereit, Demmeni als Gegendienst die Methode der dajakischen Priester, um Wasser zu zaubern, anzuzeigen; doch ging er selbst später nichtmehr darauf ein.
In Krankheitsfällen holen die dājung Schlangen, Eidechsen, Würmer, Blätter, Reis oder Zigarettenhüllen aus dem Körper der Patienten hervor. Die mit dieser Prozedur verbundenen Vorschriften gelten dann für den Kranken als lāli und müssen von ihm während seines ganzen Lebens befolgt werden. Einst sah ich eine Priesterin um eine junge Frau bemüht, die abends vor Schreck ohnmächtig geworden war. Man hatte zuvor alle Mittel angewandt, um sie ins Leben zurückzurufen, doch ohne Erfolg. Darauf begann die unter den Anwesenden sitzende dājung ihre Verse aufzusagen, um ihren Geist herbeizurufen, näherte sich tanzend der Kranken, kniff sie einige Mal in die Haut und wies dann ein augenscheinlich gekautes, gerolltes Stück Bananenblatt vor, als hätte sie es aus der Patientin herausgeholt. Die Ohnmächtige bewegte sich jedoch nicht, und die Familie begann sich bereits zu beunruhigen, obgleich derartige Fälle öfters bei ihnen vorkommen. Aus Besorgnis holten sie mich aus dem Schlafe, und zu aller Verwunderung brachte etwas an die Nase gehaltene Watte mit Ammoniak bald wieder Leben in die regungslose Gestalt. Später durfte ich nicht abreisen, bevor ich den vornehmsten Personen etwas Ammoniaklösung gegen den herannahenden Tod ausgeteilt hatte.
Die Priesterschaft lässt sich ihre Dienste so gut bezahlen, dass bei langdauernder Krankheit häufig ein grosser Teil des Besitzes der Patienten in ihre Hände übergeht. Allerdings werden auch den dājung durch ihr Amt viele Opfer auferlegt. Der sie beseelende Geist macht z.B. zweimal jährlich auf ein grosses Schwein oder mindestens auf Hühner und Eier Anspruch; wird er enttäuscht, so sendet er aus Rache Krankheit oder Tod.
Das gleiche gilt für alle unter dem Schutze eines Geistes stehenden Menschen, wie Schmiede, Hirschhornschnitzer und andere Künstler; auch diese müssen sich vor einem Erzürnen ihres Geistes hüten. Bei meiner Abreise zur Küste liess einer meiner Kajan, der im Schnitzen von Schwertgriffen besonders geschickt war, dem Geiste, dem er seine Begabung zu verdanken hatte, durch seinen Vater, den alten blinden dājung Bo Jok, 2 × 8 Eier opfern.
Ein Schmied, der im betreffenden Jahr auf seinem Reisfelde keine Schmiede eröffnet und in der letzten Zeit überhaupt nur wenig gearbeitet hatte, träumte nachts, seine ganze Wohnung liege voll rohen Eisens, und bald darauf entstand auf seinem Rücken ein grösser Karbunkel, ein Beweis, dass sein Geist über die erlittene Vernachlässigung zürnte. So beeilte er sich denn, noch vor Eintritt der Genesung sein fettestes Schwein zu opfern, unter grossem Zulauf esslustiger Gäste auch von entlegenen Feldern.
Ausser den genannten Personen sollen auch die Häuptlinge einen besonderen Geist besitzen, der, wie auch der der Priester und Künstler, einen eigenen Namen trägt.
Im vorhergehenden ist ausführlich geschildert worden, wie die Priester vorgehen, wenn eine Häuptlingsfamilie von Krankheit getroffen wird. Gilt es nun eine Familie der panjin von Krankheit, bösen träumen oder Unglück zu befreien, so handeln die dājung im Prinzip wie bei den fürstlichen Personen, nur geschieht alles in kleinerem Massstab. Sie stellen dann unter dem offenen Dachfenster aus 8 Bambusstöcken ein kleines Gerüst wie einen lăsa̱ her und behängen dieses mit Kostbarkeiten. Als bestes Lockmittel für die Geister gelten auch hier wieder Halsketten und Gürtel aus Perlen, besonders aus alten. Ein Priester oder eine Priesterin setzten sich dann auf eine Matte und legen unter dem Fenster auf der Diele ein altes, häufig ein eigenes Schwert nieder sowie das Zeug, die Perlen, die Schwerter und den Reis mit einem Ei, die sie später als Lohn zu empfangen haben. An das Fenster wird für die Geister ein kleiner Bambusrahmen mit 8 kawit gehängt, die meist Reis mit Schweine- oder Hühnerfleisch enthalten. An dieser geweihten Stelle werden mittags und abends die Himmelsgeister um Hilfe angefleht. Abends geschieht diese Anrufung der Geister auch ausserhalb des Hauses, und, handelt es sich um einen Schmied, dessen Werkstatt (le̥po te̥mne̱) stets in einiger Entfernung vom Dorfe liegt, so begibt sich die dājung auch dorthin.
Die Priester suchen nicht nur die Menschen, sondern auch die Geister zu betrügen. In Krankheitsfällen z.B. schnitzen sie aus einem Pisang stamm ein sehr rohes Bild, in das sie an Stelle von Augen, Nase und Mund Löcher bohren. Um diese Figur, die den Kranken vorstellen soll, schlagen sie einige alte Lappen und werfen sie dann in das Gestrüpp hinters Haus, um den bösen Geistern weiszumachen, sie empfingen ihre Beute.
Nach einer Krankenbeschwörung, die von den Mendalam Kajan mit me̥lā, den Mahakam Kajan mit e̥nah abei und im Mahakam-Busang mit e̥nah hadui (Arbeit) bezeichnet wird, umgeben die dājung den Patienten und sein Lager mit einem Netz, damit die bösen Geister sich in den Maschen wie Fische verwickeln und so ferngehalten werden.
Den Frauen legen die Priester nach einer Krankheit um eines der Handgelenke ein kleines Armband aus zwei Reihen von Perlen (inu be̥ne̱ng), das basei djani-u genannt wird und als Schutzmittel gegen Krankheit niemals abgelegt werden darf. Während die dājung mit dem Umlegen dieses Armbandes beschäftigt ist, entfernen sich die Männer, aus Furcht, dawi zu werden. Dawi bedeutet Misserfolg in den männlichen Tätigkeiten wie Jagd, Fischfang und Krieg ([T. I p. 350]) leiden. Auch sonst wagen die Männer nichts speziell Weibliches zu berühren.
Den verschiedenen Beschwörungen wohnte ich absichtlich nur selten bei, weil die Eingeborenen fürchteten, meine Anwesenheit könnte den Geistern unerwünscht sein und ihre Hilfe daher beeinträchtigen. Erst nach langdauerndem Aufenthalt am Blu-u war ich einige Male bei einer me̥lā zugegen und erlebte sogar, dass mich die Kajan darum baten, ihre Gebete an die Geister zu unterstützen. Es geschah dies bald nach der oben beschriebenen grossen Beschwörung, als wir uns alle nach trockener Witterung sehnten, um bei fallendem Wasser zur Küste reisen zu können. Kwing Irang hatte schon einige Beschwörungen vornehmen lassen, aber vergebens. Ich zweifelte bereits an der Möglichkeit einer Abreise im Laufe des Monats, als in der Luft endlich eine Veränderung bemerkbar wurde. Wahrscheinlich hatten auch die Kajan sie beobachtet, denn während wir abends mit Kwing und 6 jungen Männern auf der Holzplattform am Ufer standen und schwatzten, erschien der alte, beinahe blinde Bo Jok mit zwei Stöcken, an deren Enden stark gekrümmte Stücke von Baumwurzeln mit einer Schnur gebunden waren. Er hatte die Wurzeln durch tiefe Einschnitte getötet und bereitete sich nun vor, mit ihrer Hilfe die Geister dazu zu bewegen, den Regen aufhören zu lassen. Seinen eigenen Einfluss allein schien er jedoch nicht stark genug zu finden, denn er übergab mir einen der Stöcke, um ihn neben unserer Hütte in die Erde zu pflanzen. Er selbst begab sich mit dem seinen zum Fluss hinunter, bohrte ihn in die Erde und steckte in das gespaltene Wurzelende ein Ei. Dann musste jeder von uns bei seinem Stock die Wind- und Regengeister beschwören und zwar in den folgenden Worten, die mir der Alte vorsagte: “Wenn ihr imstande seid, es so regnen zu lassen, dass diese Wurzel zu einem Baum heranwächst, so lasst es nur regnen; wenn aber nicht, so haltet ein mit dem Regen und lasst es trocken werden, damit wir ohne Gefahr hinunterreisen können.” Ich fürchtete, meinen Ernst nicht bewahren zu können, aber Kwing kam mir mit dem Rat zu Hilfe, meine Beschwörung in holländischer Sprache zu halten, um zu verhindern, dass ich im Busang meiner Würde vor den Zuschauern zu viel schadete. Die Kajan genossen also nur die packende Rede, die Bo Jok an die Geister richtete.
In einer stillen Nachmittagsstunde erzählte mir derselbe greise Priester, wie sich die Kajan die Menschen, Götter und Geister auf Erden entstanden dachten. Bo Jok kannte mein Interesse für alles, was das Geistesleben der Kajan betraf; indem er mir nun ihre Schöpfungsgeschichte anvertraute, wollte er mir augenscheinlich die Teilnahme vergelten, mit der ich seine Klagen über das Verschwinden der guten alten Zeit am oberen Mahakam angehört hatte. Die Erzählung lautete folgendermassen:
Zwei alte Leute im Himmel Apu Lagan waren einst damit beschäftigt, sich mit einer kleinen Kupferzange, tso̤̱p, die Augenbrauen auszuziehen. Sowohl die Frau Bua Langnji als der Mann Dalè Lili Langnji wurden aber bei ihrem hohen Alter von der Arbeit so müde, dass sie in Schlaf sanken, wobei ihnen die Zange entglitt und zur Erde niederfiel. Sie lag dort auf einem nackten Felsen am Ufer des Mahakam, als ein Riesenwurm (dukung) aus dem Wasser zum Vorschein kam, an dem ungewöhnlichen Gegenstand sog und dabei seine Exkremente absetzte. Dies sah eine Krabbe (kujo), die sich in der Nähe unter einem Stein verborgen hielt, und, sobald der dukung fortging, scharrte sie mit ihren Beinen den Kot auseinander, wodurch der Fels mit Erde bedeckt wurde. In dieser Erde trieb die tso̤̱p Wurzeln, so dass die Schwester von Bua Langnji, als sie unten nach der Zange suchte, bereits ein Bäumchen mit einigen kupfernen Blättern fand. Schnell wuchs das Bäumchen in die Höhe; durch eine Öffnung, die sich dabei im Stamm bildete und die der Himmelsgeist Uwang bemerkte, wurde es von diesem befruchtet. Als Folge hiervon entwickelten sich unten am Bäumchen zwei Sprossen, ein männlicher, Amei Klowon, und ein weiblicher Inei Klion. Es waren menschliche Wesen, aber ohne Arme und Beine, denn einer der Bewohner des Landes, in welches die Zange gefallen war, hatte den Baum verwundet, indem er mit seinem Schwert unten am Stamm einen Blutegel tötete, den er von seinem Bein gestreift hatte. Auf diese Weise waren die ersterschaffenen Menschen verstümmelt worden. Sie waren immerhin noch sexueller Gemeinschaft fähig, und so gab Inei Klion 3 Kindern das Leben: Kiït La Bĕlálang Ka, Kiït Lui Bĕlálang Ubui und Kiït Lang Bĕlálang Uwang. Von diesen Dreien stammen die Bahau ab. Der kupferne Baum, Poön Kawat, wuchs jedoch weiter und lieferte noch viele Sprossen, aus denen von unten nach oben zuerst die bösen, dann die guten Geister hervorgingen, danach die Hauptgeister wie Djājā Hipui u.s.w., schliesslich, am Gipfel, Amei Tingei, der das Dasein der Bahau beherrscht.
Unter den zahlreichen Geistern, die auf das Geschick der Mahakambewohner Einfluss ausüben, gibt es einige, die im ganzen Gebiete eine aussergewöhnlich grosse Macht entfalten und über sämtliche allgemeine Interessen der Bevölkerung zu bestimmen haben. Wie sonst bei der Erforschung ihrer Religion hatte mich auch hier nur ein besonders günstiger Umstand die Existenz dieser Schutzgeister, sĕniang genannt, entdecken lassen. Das erste Mal erfuhr ich von ihnen im Jahre 1897 durch das Opfer; das die Long-Glat von Long Tĕpai für die sĕniang unterhalb der Wasserfälle den Fluss abwärts treiben liessen ([T. I p. 367]). Später, hauptsächlich auf meiner Fahrt zur Küste, hatte ich versucht, Näheres über diese Geister zu erfahren, doch hörte ich nur, dass einer dieser sĕniang in alten Monumenten hauste, die an der Ratamündung liegen mussten. Als wir jedoch in dem betreffenden Jahr über die Wasserfälle zogen und uns dem heiligen Orte näherten, war aus meinen Kajan nichts herauszubekommen; nur verriet mir ein junger unvorsichtiger Ruderer, dass bei Long Bagung noch eine zweite, ähnliche Gruppe vorhanden sei, man sich aber gehütet habe, von ihr zu sprechen, bevor wir sie längst passiert hatten, aus Furcht, dass ich sie sonst hätte besuchen wollen. So drohten denn, damals meine Nachforschungen nach der wahren Beschaffenheit dieser Monumente und ihrem Fundort durch die Angst meiner Kajan zu missglücken, und meine Enttäuschung war nicht gering, als auch die Hwang-Boh, die Bewohner eines in der Nähe des Rata gelegenen Hauses, jede Auskunft über die Monumente verweigerten. Mit grossem Misstrauen nahm ich denn auch Kwings Vorschlag auf, erst bis Long Howong hinunterzufahren, dort zu übernachten und am folgenden Tage die Bilder mit Hilfe der dortigen Bewohner aufzusuchen. An der Ratamündung lebte jedoch niemand mehr, der mir Auskunft geben konnte über die wissenschaftlichen Schätze, die der Wald hier barg, und so blieb mir nichts anderes übrig, als nach Long Howong weiter zu fahren und dort Umschau zu halten.
Die Sonne stand noch hoch am Himmel, als wir das Dorf erreichten. Auf Baumtreppen stiegen wir den Uferwall hinauf, um durch eine hölzerne, zu beiden Seiten mit grotesken Menschenfiguren verzierte Pforte hindurch über sehr hohe Bretterstege zum Hause zu gelangen. Auf einer Plattform am Ufer erwarteten wir plaudernd die Dorfautoritäten. Diese waren nämlich den Rata hinaufgefahren, um mit dem dortigen Häuptling Ding Bajow über einen Diebstahl zu verhandeln, der dort stattgefunden hatte. Ein Bakumpai war von einem Buginesen als der Täter angeklagt worden, und da Ding Bajow der Beschuldigung Glauben schenkte, drohte ein Zwist zwischen beiden Parteien der Buschproduktensucher auszubrechen.
Die Häuptlinge, die gegen Abend zurückkehrten, schienen ganz vom Schlage der Bahau zu sein, denn sie drängten sich, obgleich ich mit vielen Kajan, die sie seit langer Zeit nicht gesehen hatten, auf der Plattform stand, an uns zum Hause hindurch, ohne uns zu beachten. Allerdings kamen später die angesehensten zu unserer Begrüssung wieder herunter. Sie schützten aber ebenfalls hinsichtlich der Bilder am Rata gänzliche Unwissenheit vor, doch merkte ich, dass mein Besuch eben durchaus unwillkommen war. Ich hatte übrigens an diesem Tage übergenug von der Angelegenheit und kehrte nach meinem Boot zurück, wo ich nach einer kärglichen Mahlzeit im Schlaf meinen Kampf mit Misstrauen und Aberglauben zu vergessen und eine neue Dosis Geduld zu gewinnen suchte. Letztere hatte ich in der Tat sehr nötig, denn auch am anderen Morgen wollten mich weder meine eigenen Bahau noch die von Long Howong zu den Monumenten hinaufführen. Da kamen mir unerwartet die Bakumpai zu Hilfe, die sich wegen der Diebstahlaffaire in Schwierigkeiten befanden. Ihr Anführer ersuchte mich, Ding Bajow und den Häuptlingen von Long Howong mitzuteilen, dass der Buginese sie fälschlich des Diebstahls beschuldigte. Mittags sollten die Häuptlinge vom Rata eintreffen und, falls ich einen Tag bleiben wollte, könnte ich durch meinen Einnuss als Europäer und Freund Kwing Irangs einen drohenden Konflikt aus dem Wege räumen. In meiner schlechten Stimmung fühlte ich mich jedoch zu einer Einmischung in fremde Angelegenheiten nicht aufgelegt, noch minder zum Verlust eines ganzen Tages. Der Bakumpai, der merkte, wie viel mir an der Besichtigung der sĕniang lag, schlug mir nun vor, mich mit einigen seiner Leute, die den Platz kannten, hinbringen zu wollen, falls ich ihm als Gegendienst aus der schwierigen Lage hülfe. So ging ich denn auf seinen Vorschlag ein und machte mich gleich vormittags in zwei Böten zu den so schwierig zu erreichenden Bildern auf. Die Bakumpai brachten mich ein Stück weit, bis etwa 400 m unterhalb der Ratamündung den Fluss wieder hinauf, wo wir das rechte Ufer bestiegen und uns ungefähr 30 m landeinwärts vor den ersehnten Steinfiguren befanden. Ihrer Form nach stammten sie von den Hindu her. Am eigentümlichsten erschien mir eine Stierfigur, die auch von den Bahau als der wichtigste Teil der Gruppe angesehen wurde. Wie diese mir nämlich erzählten, wollte, der Überlieferung nach, Hang Lawing, dessen Grab wir am Batu Tĕwang sahen, einst, als er mit über 100 Mann an dieser Stätte vorüber in den Krieg zog, diesen Stier mitnehmen. Keiner der Krieger war jedoch stark genug, um die Figur aufzuheben, obgleich diese nicht höher ist als ein mittelgrosser Hund; hierüber geriet ein Bahau in solche Wut, dass er dem Stier mit dem Schwerte die Ohren abschlug. Als Strafe für dieses Vergehen starb der Übeltäter innerhalb 10 Tage; sein Tod war allen Bewohnern des Mahakamgebietes ein neuer, deutlicher Beweis für die Macht des sĕniang.
Überreste eines Hindugrabes.
Ausser diesen Hinduüberresten am Rata, weist der Mahakam noch viele anderen auf; die nördlichsten befinden sich, wie schon gesagt, bei Long Bagung, andere etwas oberhalb Ana und noch an einigen Orten weiter unten. Der letzte, am rechten Ufer unterhalb Tengaron, ragt in Form einer leicht abgerundeten Spitze aus einem horizontal liegenden Felsblock hervor; oberflächlich gesehen lässt die Figur jedoch keine Spuren einer Bildhauerarbeit erkennen.
Alle diese Monumente bezeichnen die Bahau, wie gesagt, als “sĕniang”, die den grossen Geistern, welche das Los der Flussbewohner beherrschen, zum Wohnplatz dienen. Der sĕniang bei Tengaron regiert über alle anderen, daher opfern die Bahau hauptsächlich diesem, wenn einige Gebiete am Mahakam von Krankheit oder Missernte getroffen werden. So sandten die Bewohner von Long Tĕpai einst diesem sĕniang ein Floss mit einem Schwein und einem schuldigen Liebespaar zu, dem man die Ankunft einer grossen Schar von Vögeln zuschrieb, welche den Reis auf dem Felde auffrass. Sobald ein Glied der Häuptlingsfamilie erkrankt, opfern die Priester vom Dorfe aus dem sĕniang Schweinefleisch und Hühner und lassen die Opfer den Fluss hinab treiben.
Da sich nur die dājung diesen Bildern nähern, wissen viele der gewöhnlichen Leute tatsächlich nicht, wo diese sich befinden, so auch meine Kajan; das Haupthindernis für einen Besuch der Bilder liegt jedoch in der Furcht der Dajak, durch eine Erzürnung der sĕniang deren Rache auf ihre Häuptlinge zu ziehen.
Als ich auf meiner zweiten Reise nochmals die sĕniang am Long Rata besuchte, gelang es Demmeni, die nebenstehende Aufnahme von ihnen zu machen; die erste war infolge anhaltenden Regens missraten.
Wie viele anderen Gebräuche tragen auch die Begräbniszeremonien am Mahakam einen ursprünglicheren Charakter als am Kapuas.
Stirbt ein Häuptling eines Bahaustammes am oberen Mahakam, so brechen alle Anwesenden in lautes Wehklagen aus; Gonge und grosse Trommeln werden geschlagen, um die bösen Geister zu vertreiben, den Todesfall auch in weit abgelegenen Dörfern bekannt zu machen und den Seelen der Verstorbenen in Apu Kĕsio das Ereignis mitzuteilen. Zu ersterem Zwecke schlagen die alten Krieger wohl auch mit ihren Schwertern in der Häuptlingswohnung in die Luft, wobei es oft wild hergeht und, die Hiebe Pfosten und Wände treffen und sogar kostbare Tempajan und Gonge bisweilen zertrümmern.
Beim Tode von Freien, banjin, findet ebenfalls ein Wehklagen statt und werden die Seelen der Vorfahren benachrichtigt. Die Pnihing schlagen dabei mit einem Reisstampfer laut auf die Bretterdiele, wodurch sie übrigens jede neue Handlung, die sie mit der Leiche vornehmen, den Geistern ankündigen. Für Häuptlinge stampfen 2 × 8 Personen, für vornehme Freie 7 und für niedrige Leute nur 1 Person. Man glaubt, dass die Seele auf dem Wege nach Tĕlang Djulan in Apu Kĕsio auf das Wetter Einfluss ausüben, starke Regen und Trockenheit verursachen könne. Die langen Schatten, die Berggipfel und Wolken bei Sonnenuntergang bisweilen auf den Himmel werfen, werden als Begleiter der Seelen betrachtet. Man nennt sie awon alut, Bootsschatten, und unterscheidet die der Sonne zugekehrte Seite als dulong, Vordersteven, die andere als ore̱, Hintersteven.
In vollem Umfang dürfen die Begräbniszeremonien nur, wenn die Familie keiner Verbotszeit unterworfen ist, ausgeführt werden. So befand man sich beim Tode des ’Ma-Sulinghäuptlings Bo Li in einer Zwischenperiode, weil das Maus des Verstorbenen noch nicht ganz vollendet und das lāli noch nicht vollkommen vorüber war; es durften wohl die Gonge ertönen, aber das Schwerterschlagen musste unterbleiben. Aus demselben Grunde baute man auch kein neues Prunkgrab, sondern setzte die Leiche bereits nach 4 Tagen in demjenigen eines anderen Häuptlings bei.
Am Tage nach dem Ableben wird die Leiche mit gewöhnlichem Wasser gewaschen; die von Häuptlingen wird bei den ’Ma-Suling zum Flusse gebracht und untergetaucht, die von Freien in der amin Gewaschen. Darauf werden dem Verstorbenen schöne Kleider angetan, die entweder vorher schon bereit lagen oder in den ersten Tagen mit der ganzen Totenausrüstung eilig hergestellt werden. Bevor die Leiche eingesargt wird, wickelt man sie noch in ein weisses Tuch.
Den Sarg, der bei den Kajan aus einem Stück besteht, verfertigt man aus dem Stamm eines grossen Baumes mit weichem Holz; ein Durianstamm wird meist für vornehme Leute, ein Tengkawangstamm für einfachere gewählt.
Die zwischen Tod und Beisetzung verlaufende Anzahl von Tagen ist sehr verschieden, sowohl bei den einzelnen Stämmen als bei den Ständen. Je höher jemand steht, desto länger wird seine Leiche im Hause aufgebahrt, was zum Teil in der umfangreicheren Ausrüstung der vornehmen Toten seine Erklärung findet. Kinder und Personen einfachen Standes werden bei den Kajan bereits 1–2 Tage nach dem Tode begraben, Häuptlinge nach ebensoviel Mal 8 Tagen. Ähnliche Unterschiede gelten auch inbezug auf die Trauer.
Stirbt jemand während der Ernte, so setzt man die Leiche in einer provisorischen Hütte neben dem grossen Hause ab, aus Furcht, dass die bruwa parei (Reisseele) bei einer definitiven Bestattung mit in die Felshöhle (liang) ziehen könnte, was eine gänzliche Missernte im folgenden Jahre verursachen würde.
Die Kajan und auch die anderen Stämme begraben ihre Toten nicht in der Erde, sondern setzen die Särge an bestimmten Orten nieder, am liebsten unter einer grossen überhängenden Felsmauer oder in einer Felsenhöhle, wie es deren im Kalkgebirge am oberen Mahakam so viele giebt. Eine derartige Begräbnisstätte, die ich bei den Pnihing am Tjehan besuchte, ist auf [Tafel 73] und [74] Teil I abgebildet. Die Särge, auf denen man die Deckel mit Rotang lose anbindet, werden nicht verziert, wohl aber die Behälter von sehr ähnlicher Form, in welchen den Verschiedenen ihre Ausrüstung mitgegeben wird. Die Verzierungen dieser Kisten bestehen hier aus schwarzen Figuren.
Für Angehörige der Häuptlingsfamilie und vornehme Tote werden Prunkgräber (sālo̱ng, bila) errichtet; im allgemeinen sind dies auf Pfählen ruhende Holzhäuschen mit weit vortretendem Dach und schöner Verzierung von Schnitzwerk und farbigen Figuren ([Taf. 66 T. I]).
Sowohl Männer als Frauen begleiten den Sarg zur Grabstätte, letztere unter lautem Wehklagen. Auf dem Wege zum Begräbnisplatz wehrt ein neben der Leiche hergehendes Familienglied mit gezogenem Schwerte die bösen Geister ab. Bei den Kajan werden die früher Verstorbenen von den Hinterbliebenen angerufen. So hörte ich einst eine Frau beim Wegtragen einer Leiche “Ino̤̱ alo̤̱ ko̤̱ (Mutter, hole mich)!” rufen.
Aus Furcht vor den ton luwa, die sich häufig auf Grabstätten aufhalten und der bruwa der Lebenden sehr gefährlich werden können, verlässt man diese nach der Bestattung so schnell als möglich.
Die Kajan schnitzen für ihre verstorbenen Häuptlinge hölzerne Hundefiguren (aso̱ od. le̥djọ), welche die bösen Geister von der lila fernhaften müssen. Die Figur wird mit Rotang unter dem Grabmal festgebunden, damit sie nicht davonläuft, auch steckt man ihr bisweilen einen Schädel ins Maul, damit sie nicht hin- und herläuft, sondern aufpasst.
Alle Teilnehmer an einem Begräbnis müssen sich abends durch ein Bad reinigen und ein Huhn opfern, um zu me̥lă und be̥t djă-ăk, das “Schlechte abzuwerfen.” Zwei Tage nach dem Leichenbegängnis dürfen sie nicht arbeiten, sondern müssen me̥lo̱ (ruhen).
Bei allen Bahaustämmen am oberen Mahakam ist dieses Begräbnis ursprünglich nur ein zeitweiliges gewesen. Später wurden die Gebeine, sobald die weichen Teile gänzlich oder grösstenteils verwest waren, gereinigt, in einen grossen irdenen Topf gelegt und dann in diesem in einer Grotte beigesetzt. Den Schädel verzierte man mit einer Maske, die vorn mit Blattzinn oder einem anderen Metall beschlagen wurde, weil man den Anblick von Augen und Nase in einem Schädel unangenehm fand. Am oberen Mahakam ist diese Sitte noch am meisten bei den Kajan im Schwange, bei den übrigen Stämmen minder und die Long-Glat, die ihr früher sicher auch folgten, begnügen sich gegenwärtig mit blosser Beisetzung ihrer Toten. Kwing Irang war gegen diesen Brauch, weil er ihn unangenehm und gefährlich fand und suchte ihn daher aufzuheben. Nach diesem definitiven Begräbnis richtet die Familie des Verstorbenen ein Festmahl an, zu dem jedermann willkommen ist.
Die eigentliche Trauerzeit beginnt erst nach dem Begräbnis. Nach dem Tode eines Häuptlings dürfen seine Untergebenen während der Zeit der tiefen Trauer keine Feldarbeit verrichten, nicht eine oder mehrere Nächte ausserhalb des Hauses verbringen, keine Näharbeit vornehmen. Die Kleider dürfen keinerlei Schmuck tragen; die Frauen schneiden die untere Hälfte ihres Rockes ab, die jungen Männer und Frauen ihre langen Haare bis zum Halse. Der trauernde Stamm darf während 1–2 Monaten nicht mit anderen in Berührung kommen, Fremde dürfen die Niederlassung nicht verlassen, der Fluss, an dem das Dorf liegt, wird für jeden abgesperrt.
Die adat der Long-Glat ist in dieser Beziehung, wie in mancher anderen, noch strenger. Die Leiche eines Häuptlings bleibt mindestens 2 × 8 Tage unbestattet; in der Trauerzeit dürfen die Angehörigen der Häuptlingsfamilie nicht mit den panjin sprechen. Den Ertrunkenen richten die Long-Glat ebenfalls einen sālo̱ng auf, auch wenn sie die Leichen nicht finden. Die Vorüberfahrenden legen dann an dem Grabmal kleine Gaben, z.B. Kautabak, nieder.
Die Ma-Tuwan und andere Stämme, die mit den Long-Glat in derselben Niederlassung wohnen, folgen nicht deren Gebräuchen, sondern behielten mit ihrer Sprache auch ihre eigene adat.
Einem vornehmen Häuptling trauern ausser den eigenen Untertanen alle Stämme nach, deren Häuptlinge mit dem Verstorbenen verwandt sind. So trauerten mit den Ma-Suling beim Tode von Bo Li auch die Kajan und Long-Glat. Bei diesen beschränkte sich die Trauer jedoch auf das Ablegen von buntfarbigen Kleidern und Schmucksachen, wie Ohrgehänge, Halsketten, Perlen, hübsche Kopfbinden und Mützen; ferner durften keine Feste, wie Maskenvorstellungen, stattfinden, auch war das Tätowieren verboten. Von diesen Adatbestimmungen sind kleine Kinder wie gewöhnlich ausgeschlossen. Der fremde Stamm trauert so lange als der eigene die volle Trauer nicht ablegt.
Die Trauerkleidung der Hinterbliebenen besteht wie am Kapuri eigentlich aus Baumbast, doch wird sie auch am Mahakam infolge der Einfuhr von weissem Kattun durch diesen ersetzt, nur gibt man ihm, wie anderen Ortes schon angeführt, durch Vergraben im Morast den hellbraunen Ton des Baumbastes.
Beim Ablegen der Trauerkleidung darf diese nicht eigenhändig entfernt werden, sondern man sucht ein dichtes Gestrüpp auf, das einem die Mütze vom Kopf und die Jacke von den Schultern streift.
Die Bevölkerung am oberen Mahakam lebt infolge der isolierten Lage ihres Landes, die eine Zufuhr von Gebrauchsartikeln von auswärts sehr erschwert, unter viel ungünstigeren Bedingungen als ihre Verwandten am Kapuri, die wegen der Nähe der Handelsniederlassung Putus Sibau und der Dampferverbindung mit dieser und der Küste sich alles auf billige Weise verschaffen können. Haben die Kapuasbewohner durch den unvermeidlichen innigeren Kontakt mit den Malaien und Chinesen auch viel von ihren ursprünglichen Sitten eingebüsst, so leben sie doch durch denselben unter viel günstigeren materiellen Bedingungen. Bei ihnen lässt sich begreiflicher Weise der frühere Kulturzustand dieser Stämme viel schwerer nachweisen als bei ihren Verwandten am oberen Mahakam, die in der Beschaffung ihrer Lebensartikel beinahe gänzlich auf sich selbst angewiesen sind. Am meisten gilt dies in bezug auf ihre Nahrungsmittel, die wegen ihres Umfangs und ihrer Schwere nicht aus entlegenen Gebieten angeführt werden können. Die meisten Stämme haben es dem grossen Fleiss, mit dem sie sich dem Ackerbau widmen, zu danken, dass sie von einer schweren Hungersnot nur selten zu leiden haben; hochgradiger Nahrungsmangel kommt dagegen in allen Dörfern in der Zeit vor der neuen Ernte vor, wenn die alte teilweise oder gänzlich missglückt war. Bei den Sĕputan, die noch mehr als die Pnihing ihren Ackerbau vernachlässigen, ist allerdings eine Hungersnot, die viele Opfer fordert, keine Seltenheit. Oft sind diese schlechten Ackerbauer denn auch völlig auf die Walderzeugnisse angewiesen, die übrigens auch in normalen Zeiten neben dem Landbau zu ihrer Ernährung beitragen.
Die Feldbewirtschaftung am Mahakam stimmt völlig mit derjenigen am Kapuas überein, die bereits im vorigen Teil ausführlich behandelt worden ist. Was die mit dem Reisbau verbundenen Festlichkeiten betrifft, so ist das Saatfest (tugal) ebenfalls bereits besprochen worden; eine kurze Beschreibung des Erntefestes dagegen mag hier folgen.
Das Fest zerfällt in zwei Teile: das lāli parei ok = die kleine Verbotszeit für den Reis, und das einige Tage später folgende lāli parei aja = die grosse Verbotszeit für den Reis. Vor den genannten Festzeiten ist es streng verboten, Reis zu schneiden; sollten einige Dorfbewohner bei Hungersnot hierzu gezwungen gewesen sein, so dürfen sie den Festen im Häuptlingshause nicht beiwohnen. Daher wird auch das lāli parei ok gefeiert, sobald nur einige halbreife Halme auf dem Felde des Häuptlings gefunden worden sind. Die ungünstigen Mondphasen werden hierbei aber vermieden.
Vor dem Fest kommen viele Böte mit Männern, Frauen und Kindern von den Feldern heim, besonders erstere erscheinen früh, um eine grosse Menge Brennholz zu beschaffen, das für die grossen Mahlzeiten nötig ist. Die Sklaven der amin aja tun dies stets einen Tag früher als die Freien, welche ihr Holz erst sammeln, wenn die Häuptlingsfamilie feierlich aufs Feld gezogen ist, um den ersten Reis von ihrer ladang oder luma zu holen. Wenn Wetter und Wasserstand es zulassen, begeben sich gegen Mittag die beiden Frauen von Kwing Irang, Hiāng und Uniang, in hübscher Kleidung und mit grossen Sonnenhüten aufs Feld. Wie bei jeder religiösen Zeremonie geht auch hier ein junger Mann voran, der ein Becken schlägt. Kwings Frauen und noch einige andere, wie seine Pflegetochter Kĕhad Hiāng, tragen alle ingan lāli, Reiskörbe mit hohen Deckeln, an welche für diese Gelegenheit einige kawit, Reisähren und krautartige Pflanzen gebunden werden, um den ersten Reisschnitt in ihnen zu bergen. Bei der Verzierung dieser Körbe dürfen die Häuptlingsfrauen die heilige Zahl 8 anwenden, sie bringen z.B. 2 × 8 Knoten aus Reisstroh an; die panjin müssen sich mit einer kleineren Zahl begnügen z.B. mit 6 und befestigen also 2 × 6 Knoten am Korbe. Wenn die Gesellschaft nach einigen Stunden mit gefüllten Körben zurückkehrt, werden in der Häuptlingswohnung einige Zeremonien ausgeführt, die ich nicht näher kenne. Später am Tage wird der Reis von den dājung gestampft, die sich ebenfalls in ihre schönsten Kleider geworfen haben; überdies leiht ihnen der Häuptling für diesen Tag breite Perlengürtel.
Der erste halbreife und daher noch nicht trockene Reis muss erst gedörrt werden, um ihn durch Stampfen entspelzen zu können. Die beinahe platt gestossenen Körner werden von den Kajan ohne weitere Zubereitung gern gegessen. Am folgenden Tage begeben sich auf die gleiche Weise die Frauen der panjin aufs Feld. Nach dem ersten Tag folgen 2 Tage me̥lo̱, am vierten muss man be̥t lāli (die Verbotszeit ablegen), was wiederum auf der ladang geschieht. An diesem Tage müssen noch alle ruhen, dann kann in den folgenden 4 Tagen das lāli parei aja gefeiert werden. Wenn aber in dieser Zeit jemand stirbt und die Leiche noch über der Erde ist, oder man in eine ungünstige Mondphase kommt (ga bulan djă-ăk), so muss die Feier verschoben werden, bis die Zeichen günstiger geworden sind.
Nach Ablauf des lāli parei aja, das auf die gleiche Weise gefeiert wird, darf jedermann mit der Ernte beginnen.
Während bei den Bahau am Kapuri am Schluss der Ernte alljährlich das so wichtige dangei gefeiert wird, können ihre Verwandten am Mahakam sich diesen Genuss nicht gestatten, da sie nur selten den hierfür erforderlichen Überfluss an Lebensmitteln besitzen. Am Mahakam wohnte ich diesem Feste nicht bei. Für die dortige Bevölkerung ist dieses ebenso wichtig wie für die am Mendalam, weil die kleinen Kinder bei dieser Gelegenheit einen Namen erhalten und das be̥t lāli für die Heirat aufgehoben wird. Bei den meisten Stämmen wird das dangei etwa alle 3 oder 4 Jahre gefeiert.
Ausser zahlreichen Reisvarietäten kultiviert die Bevölkerung am Mahakam auch Knollengewächse, Mais u.a. Bei den Sĕputan und Pnihing, die, wie gesagt, nicht regelmässig auf gute Reisernten rechnen können, werden Knollengewächse, wie Ipomoea batatas, Manihot utilissima und Caladium weit mehr angepflanzt, als bei den tiefer wohnenden Stämmen und mit Reis gemengt das ganze Jahr über gegessen. Auf die Zubereitung der Knollen wird denn auch bei ihnen mehr Gewicht gelegt als an anderen Orten, wo sie einfach gekocht gegessen werden. Bei unseren eigenen Mahlzeiten fanden wir das aus obi kaju (Manihot) hergestellte Mehl am schmackhaftesten. Es wird erhalten, indem man die Knollen in feine Scheiben schneidet, diese in der Sonne stark trocknet und dann auf dem Reisblock feinstampft. Das so entstandene feine weisse Mehl liefert mit Zucker und Öl gebacken, wie wir es taten, wohlschmeckende Kuchen. Die Zubereitung dieses Mehls sowie das Stampfen des Reises macht die tägliche Hauptarbeit der Frauen aus.
Ein beliebtes Gericht, besonders auf Reisen, bilden die noch weichen Sprossen verschiedener im Walde wachsender Monocotyledonen, welche in Wasser gekocht werden. An erster Stelle gehört hierher der sog. Palmkohl von Eugeisonia tristis, der Hauptlieferantin für Sago (nanga oder bulung) am oberen Mahakam. Da dieser Palme bei Nahrungsmangel so stark nachgestellt wird, ist sie in der Nähe der Niederlassungen bereits völlig ausgerottet und es müssen jetzt bei Hungersnot weite Expeditionen auf hohe Berggipfel unternommen werden, um noch Standorte von Eugeisonia zu finden. Arme Familien oder solche, die keine schweren Lasten zu tragen vermögen, ziehen dann lieber zeitweilig mit Kind und Kegel ins Gebirge und nähren sich dort ganz von Sago. Die Gebiete, in denen die Sagopalmen wachsen, sind Eigentum eines bestimmten Stammes, dessen Glieder, sowohl Sklaven als Freie, sie nach Belieben ausbeuten dürfen. Die Sagogewinnung geschieht folgendermassen: man sucht eine Palme aus, die im Aufblühen begriffen ist, weil sie dann im Mark ihres Stammes am meisten Sago angehäuft hat, entfernt ihre zahlreichen, geraden, dünnen, 1 m und höher hinaufreichenden Wurzeln und zerlegt den Stamm zum Transport nach einem kleinen Fluss in Stücke. Dort spaltet man diese der Länge nach, klopft die sagoenthaltenden Gewebe mit schweren Holzhämmern mürbe und legt sie dann in lange Tröge, weiche aus ausgehöhlten Stämmen und grossen Blattstielen von Palmen hergestellt werden. Die Tröge werden samt Inhalt in einen Bach gesetzt und die mürben Massen mit den Füssen gestampft, bis der Sago vom strömenden Wasser mitgerissen und etwas weiter unten am Grunde abgesetzt wird. Ist der Sago etwas feucht, so haben am Ertrag eines einzigen Stammes beinahe zwei Mann genügend zu tragen (30–35 kg.).
Der auf diese Weise von Eugeisonia gewonnene Sago hat eine hellbraune Farbe und trocknet schwer, weswegen er sich auch nur etwa 8 Tage aufbewahren lässt. Der Gedanke, nicht nur einmal, sondern mehrmals aus dem gleichen Stamm Sago gewinnen zu können, scheint den Kajan früher nicht fremd gewesen zu sein. Wenigstens weist eine alte Erzählung hierauf hin. Nach dieser enthielt der Sagobaum früher Reis statt Sago und ein Mann, dem es leid tat, gleich den ganzen Stamm zu fällen, hackte nur ein Loch hinein, holte den Reis heraus und verstopfte die Öffnung mit einem Stück seines Lendentuches aus Baumbast. Als er aber später noch einmal Reis aus dem Baum holen wollte, fand er das Stück Baumbast durch das ganze Innere des Stammes gewachsen und den Reis in feinen Sago verwandelt. Seit der Zeit müssen die Kajan sich die Mühe nehmen, den Sago vom Holzgewebe zu scheiden.
Im Gebiete der Pnihing kommt noch eine andere Sagopalme vor, die sie bulung te̥lāng nennen und die weissen Sago liefert (Caryota purfuracea Blume).
Sehr gebräuchlich sind bei den Mahlzeiten am Mahakam die essbaren Blätter verschiedener Pflanzen. Von den angebauten ist Batatas edulis die wichtigste, von den wild wachsenden der Farren Polypodium nigrescens. Die Blätter einer sike̱ genannten Lianenart werden ihres salzigen Geschmackes wegen an Stelle von Salz gebraucht.
Alle diese Blätter werden mit viel Wasser gekocht und mit diesem in garem Zustand zum Reis gegessen. Häufig hat jede Person bei der Mahlzeit. einen Holzteller mit dieser Blättersuppe neben sich stehen und trinkt sie mit einem einfachen europäischen Porzellanlöffel oder mit einem schüsselförmig gefalteten Pisangblatt, das, um das Einreissen zu verhindern, kurze Zeit über dem Feuer gedörrt wird und bisweilen auch als Teller und Hülle für den Reis dient. Bei den verschiedenen Stämmen sind zahlreiche kleine Unterschiede in den Gewohnheiten zu bemerken. Während die Ma-Suling und Long-Glat z.B. Kürbisarten pflanzen, um deren Früchte später als Wasserbehälter zu gebrauchen, verwenden die Kajan wiederum niemals Kalebassen, sondern nur Bambusstücke zum Wassertragen.
Am Mahakam gebrauchen nur die Reichen regelmässig Salz bei den Mahlzeiten, die übrigen erlauben sich diesen Luxus nur zeitweilig. Wie am Kapuri wird auch hier das Salz niemals mit den Speisen zusammen gekocht, sondern in kleinen Stücken als Zuspeise gereicht. Die Pnihing gestatten sich nicht einmal bei Festmahlzeiten stets den Salzgenuss.
Nach einer reichen Ernte von Tengkawangfrüchten wird das aus ihnen gewonnene Fett bei den Mahlzeiten viel verwendet; doch sollen nach Aussage der Eingeborenen die betreffenden Bäume nur alle Jahre einmal grosse Mengen von Früchten produzieren.
Im Hungerjahr 1896, während meines ersten Besuches am Mahakam, war gerade ein grosser Vorrat an Tengkawangfett vorhanden, den wir zum Braten gebrauchten, wodurch wir unsere sehr frugalen Mahlzeiten etwas verbesserten. Das Fett wird gewonnen, indem man die Früchte von verschiedenen Dipterocarpeenbäumen fein stampft und mit Wasser auskocht; es sammelt sich dann aus den Samen eine grosse Fettmenge an der Oberfläche an. In Bambusgefässe gegossen erhärtet das Fett zu einer festen, hell gelbgrünen Masse, die jahrelang gut bleibt und von der Bevölkerung in kleinen Stücken zum Reis gegessen wird. Den Prozess des Bratens, den die Bahau nicht kennen, wies ich ihnen, nachdem ich das erste Fett erstanden hatte, in meiner eigenen Küche vor. Abgesehen von einem eigentümlichen, süsslichen Geruch, an den wir uns bald gewöhnten, war das Tengkawangfett zum Braten ebensogut geeignet wie Kokosnussöl.
Quer durch den Bach gelegter Deich.
Fleischnahrung tritt bei den Stämmen am Mahakam sehr zurück gegenüber denen am Kapuas, hauptsächlich wohl deshalb, weil die Flüsse bewohnter Gegenden bei ersteren viel fischärmer als bei letzteren sind. Die Ursache hierfür ist in der bei den Mahakambewohnern üblichen Methode der Fischerei mit Gift (tuba) zu suchen, welche sie nicht nur, wie am Kapuri, in den Bächen, sondern auch in den Hauptflüssen anwenden. Die tuba vergiftet vor allem die jüngsten, noch unbrauchbaren Fische und verhindert dadurch eine Wiederbevölkerung der Flüsse. Die Fischerei wird denn auch, z.B. bei den Kajan am Blu-u, mit grosser Anstrengung und sehr schlechtem Resultat betrieben. Die wenigen Fische im Blu-u sind wegen der ständigen Verfolgung, der sie ausgesetzt sind, so scheu, dass man sie mit dem runden Wurfnetz (djăla) bei klarem Wasser überhaupt nicht fangen kann, sondern nur, wenn ein Regenfall das Wasser trübt. Im Gegensatz zu den Eingeborenen am Mendalam tauchen die am Blu-u, nachdem sie ihre Netze ausgeworfen haben, auf den Grund, um zu sehen, ob der Fang geglückt ist. Die Methode ist besonders zweckmässig, wenn auf dem Boden liegende Felsblöcke und Holzstämme die am Rande des Netzes befindliche Metallkette daran verhindern, sich platt der Erde anzuschmiegen, beim Aufziehen die Fische einzuschliessen und im Netz zu verwirren. Die Stämme am oberen Mahakam können das Untertauchen auch gefahrloser üben als die am Kapuas, weil bei ihnen oberhalb der Wasserfälle keine Krokodile mehr vorkommen, trotzdem der Hauptfluss immer noch 200 m breit ist. Diese Tatsache ist um so unerklärlicher, als Krokodile nicht nur am mittleren Mahakam, sondern auch zwischen der östlichen und westlichen Reihe von Wasserfällen verbreitet sind.
Am Blu-u beobachtete ich zum ersten Mal das Fischen mit dem Wurfnetz und zugleich mit Köder; dies war sogar ein Lieblingssport von Kwing Irang. Er legte an geeigneten Stellen, oft unter oder zwischen Steinen, gekochten Reis oder Sago aus und warf einige Stunden später sein Netz darüber hin; so überlistete er häufig einen Fisch, aber für den Fang im Grossen kam diese Methode nicht in Betracht.
Eigentümlicherweise herrscht nicht bei allen, sondern nur bei einem Stamm, den Ma-Suling am Mĕrasè, der Brauch, dem Fischmangel durch eine Art künstlicher Zucht abzuhelfen; sie wird in Weihern betrieben, die man durch Abdämmung der Bäche erhält. Einst führte mich der Weg über einen solchen, durch einen Deich abgedämmten Bach. Quer durch das Flüsschen war eine schräge Bretterwand aufgerichtet, die unter einem Winkel von etwa 60° flussabwärts neigte. Gestützt wurde diese auf dem Boden, auf halber Höhe und oben am Rande, durch schwere, horizontal gestellte und mit ihren Enden in die beiden Uferseiten versenkte Balken, die ausserdem noch durch parallele Balken, welche ungefähr 1 m flussabwärts im Ufer steckten und als Stütze für die Verbindungsbalken zwischen den ersteren dienten, in der richtigen Lage gehalten wurden.
Um diese Bretterwand wasserdicht zu machen, diente eine meterdicke, so fest anliegende Lehmschicht, dass sie ständig als Weg über den Bach benützt wurde. Nur bestimmte Fischarten leben und vermehren sich stark in dem Weiher, andere dagegen, die stillstehendes und bisweilen sehr warmes Wasser nicht vertragen, gehen in ihm zu Grunde. Die meisten der grösseren Ma-Sulingfamilien besitzen einen eigenen Weiher, aus dem sie nach Bedürfnis Fische holen.
Zu den für die Ernährung in Betracht kommenden Haustieren der Mahakambewohner gehören das Schwein und das Huhn. Hunde und Katzen werden nicht gegessen, und die wenigen Ziegen, die in manchen Dörfern der Seltsamkeit wegen gehalten werden, ebenfalls nicht, weil sie wie Hirsche, wilde Rinder und andere Horntiere lāli sind.
Schweine und Hühner dürfen, wie am Mendalam, nur bei religiösen Festen geschlachtet werden und dienen offiziell nur den Geistern als Speise, während sie tatsächlich von den Festteilnehmern bei fröhlichem Mahl verzehrt werden.
Verschiedenen Überlieferungen nach sind die Schweine und Hühner den Menschen ähnlich und mit diesen gleichen Ursprungs, daher ist es nicht unmöglich, dass diese Tiere in einigen Fällen gegenwärtig die früheren Menschenopfer ersetzen sollen, wie die Barito und andere ihnen verwandte Dajakstämme Rinder ausschliesslich zu dem Zweck halten, sie beim Ablegen der Trauer und ähnlichen religiösen Zeremonien statt Menschen zu opfern, seitdem diese Sitte ihnen von den Niederländern verboten worden ist. Es ist jedoch nicht denkbar, dass bei den zahlreichen Gelegenheiten, bei denen gegenwärtig Schweine und Hühner geschlachtet werden, früher stets Menschen geopfert worden sind, so dass die in den Legenden so häufig wiederkehrende Verwandtschaft zwischen Menschen und Opfertieren nur in einigen Fällen obiger Vermutung als Basis dienen kann.
Nach einer dieser Legenden, welche bei den Mahakam-Kajan kursiert, sind Schweine und Hühner aus einer Verbindung zwischen Bruder und Schwester hervorgegangen, indem aus dieser blutschänderischen Ehe ein Schwein und ein Ei geboren wurden. In der Schöpfungsgeschichte der Mendalam-Kajan ging der Mensch mit einem Huhn und einem Schwein gleichzeitig aus Baumbast hervor ([Teil I p. 129]).
Von den Schweinen werden bei den Kajan, Ma-Suling und Long-Glat nur die männlichen Tiere geopfert. Die Long-Glat gebrauchen die weiblichen Exemplare überhaupt nicht, lassen sie vor Alter sterben oder tauschen sie bei den Pnihing, von denen sie gegessen werden dürfen, gegen männliche um. Bei den Kajan ist das Fleisch weiblicher Schweine nur Frauen zu essen erlaubt. Den Long-Glat ist der Genuss von Schweinen und Hühnern zur Erntezeit gänzlich verboten.
Dass die Dajak beim Schlachten der Schweine ungeschickt zu Werke gehen, habe ich bereits mehrmals erwähnt. Folgende Einzelheiten beobachtete ich einst, als ich während eines anhaltenden Fleischmangels gegen hohen Preis ein Schwein gekauft und einige junge Kajan gebeten hatte, das Tier für mich schlachten und zerlegen zu wollen. Ich wollte nämlich das Fleisch mittelst Salz zu konservieren versuchen.
Die Männer banden dem Tier die Pfoten zu je zwei aneinander, steckten zum Tragen von hinten nach vorn einen Bambusstock durch die Beine und legten es auf zwei Paar gekreuzte im Boden stehende Hölzer nieder, so dass es etwa 75 cm über der Erde zu liegen kam. Die Schnauze banden sie ihrem Opfer nicht nur zu, sondern hielten sie auch mit den Händen fest, so dass es keinen Laut von sich gab, obgleich sie die Luftröhre nicht durchschnitten und es sehr lange dauerte, bis alles Leben entflohen war. Augenscheinlich finden die Kajan das Geschrei der Tiere beim Schlachten unangenehm; aus demselben Grunde drücken sie wohl auch den Hühnern den Schnabel und die Kehle zu, bevor sie diese durchschneiden. Erst jetzt begriff ich, warum ich gelegentlich eines Festes bei der Ablegung der Trauer, das die Punan am Mandai einige Jahre vorher feierten, nicht gemerkt hatte, dass sie dicht neben mir nach Art der Ulu-Ajar-Dajak 8 Schweinen die Kehle durchschnitten. Meine Aufmerksamkeit wurde damals allerdings durch die Opferung eines Stiers abgelenkt, doch blieb mir bis dahin ihr Verfahren trotzdem unerklärlich.
Die Kajan empfanden mit den Leiden ihres Schlachtopfers keinerlei Mitleid; sie bereiteten ihm einen langsamen Tod, indem sie ihm vom Halsschnitt aus durch Drehen von Hand und Messer alle grossen Blutgefässe in der Brusthöhle öffneten. Bei dieser Schlachtmethode konnte alles Blut ausfliessen und aufgefangen werden; auch sonst wurde nichts einigermassen Brauchbars fortgeworfen. Darauf brannten sie dem Tier mit glimmenden Holzscheiten die Borsten ab und legten es in den Fluss, wo Bauch und Brusthöhle ausgeweidet und der Inhalt gereinigt wurde, um mit dem Kopf als Lohn für ihre Arbeit von den Schlächtern später verspeist zu werden. Das Tier wurde sodann mit Schwertern in kleine Stücke zerlegt, um diese in Blechgefässen aufbewahren zu können. Wahrscheinlich geschah die darauf folgende Bearbeitung des Fleisches nicht nach allen Regeln der Kunst, wenigstens begann es bereits nach 2 Tagen einen unangenehmen Geruch zu verbreiten und mussten wir es den Kajan schenken, die es sehr zu würdigen verstanden, hauptsächlich des vielen Salzes wegen, das sich zwischen den Fleischstücken befand. Die Eingeborenen selbst machen das Fleisch haltbar, indem sie es in kleine Stücke schneiden und lange kochen; das Räuchern wird ebenfalls angewandt, aber mit schlechterem Erfolg. Auch die Fische, die stets durch Räuchern über einem Feuer von feuchtem Holz konserviert werden, halten sich nur wenige Tage.