Kapitel XI.
Dreimonatlicher Aufenthalt im Lagerplatz am Boh—Bier verlässt die Expedition—Anlage einer Fischsammlung—Günstige Nachrichten aus Long Blu-u—Offizieller Bericht von der Einsetzung eines Kontrolleurs am Mahakam—7 Kĕnja unter Taman Ulow schliessen sich der Expedition an—Jagdverhältnisse am Mahakam: Kastrierung der Hunde, Jagdmethoden, Fallenstellen, Beschwörung der Hunde, Vogeljagd—Kwing Irangs Ankunft am Boh—Reiseberatung—Schwierigkeiten durch den Tod von Kwing Irangs Schwester—Vorbereitungen zur Abreise—Aufbruch der Kĕnjagesandtschaft unter Taman Ulow.
Gleich nach unserer Ankunft im Lagerplatz am Boh traf ich Massregeln, erstens um uns so gut als möglich gegen Überfälle zu schützen, zweitens um unseren wahrscheinlich Monate dauernden Aufenthalt durch nützliche Arbeit ausfüllen zu können. Ersterem Zwecke entsprachen wir dadurch, dass wir unsere Landzunge hinten, nach der Waldseite, mit einer festen Hecke umgaben. Zur Vermeidung von Müssiggang und im Interesse einer topographischen Aufnahme des Boh beschloss ich, mit Bier und einer Anzahl unserer Malaien den Fluss so weit als möglich hinaufzufahren, eventuell einen hohen Berg zu besteigen und so dieses noch gänzlich unbekannte Stromgebiet aufzunehmen. Alle Massregeln zu einem Aufbruch am folgenden Tage waren bereits getroffen, als Bier mit der Erklärung zu mir kam, den Boh nicht weiter mit mir hinauffahren zu wollen, unter Vorgebung von allerhand Gründen, von denen einer unsinniger war als der andere. Der wichtigste war wohl seine Furcht, von mir direkt bis zu den Kĕnja mitgenommen zu werden, woraus ich ersah, dass nicht so sehr die Abneigung gegen das Leben unter den Eingeborenen meine Europäer so widerspenstig machte, als vielmehr die Angst vor ihrer Umgebung, die sich bei Bier am stärksten äusserte, weil er nach zwei Jahren noch immer nicht die Landessprache verstand und den Charakter der Dajak so wenig begriff, dass er allen Greueln, die man ihm von den Kĕnja berichtete, Glauben schenkte. Jedenfalls wurde es mir klar, dass die Anwesenheit eines von Furcht gequälten Europäers bei den grossen Schwierigkeiten, welche stets wieder auftauchten, durchaus unerwünscht war und deshalb er und Demmeni, der nun ebenfalls fort wollte, so schnell als möglich zurückgeschickt werden mussten. Wegen des günstigen Wasserstandes liess ich sogleich ein Boot rüsten und bestimmte die Bemannung, so dass Bier bereits am folgenden Tage den Fluss abwärts und dann weiter nach Batavia reisen konnte. Demmeni hatte sich im letzten Augenblick wieder bedacht und zum Bleiben entschlossen. Ich benützte die Gelegenheit, um Briefe und anderes zur Küste zu senden, auch gab ich den Bootsleuten Geld mit, um unterhalb der Wasserfälle so viel Reis einzukaufen, als zu haben war, da wir unseren Vorrat für den Zug nach Apu Kajan ständig so gross erhalten mussten, dass wir nach Ankunft der Bahau jeden Augenblick weiterreisen konnten. Daher sandte ich auch während unseres dreimonatlichen Aufenthaltes in diesem Waldlager immer wieder ein Boot aus, das abwechselnd ober- und unterhalb der Wasserfälle Reis und andere Nahrungsmittel für uns einkaufen musste.
Meine Malaien schienen sich, nachdem die ersten Nächte ohne Überfälle verflossen waren, in dieser Waldeseinsamkeit bald heimisch zu fühlen und wurden, getrieben durch Mageninteressen, bald erfinderisch im Ausdenken von allerhand listigen Methoden des Fischfangs. Auch meine zwei- und vierfüssigen Jäger liessen sich dazu verleiten, in diese beinahe unberührten Wälder tiefer einzudringen, als wünschenswert war. Abdul und Dĕlahit verirrten sich sogar einmal und liessen uns eine Nacht in grosser Angst verbringen, als sie weder zurückkehrten noch auf unsere Gewehrschüsse antworteten. Den folgenden Morgen früh stellten sie sich wieder bei uns ein und behaupteten, es sei zur Rückkehr zu dunkel geworden und auf unsere Schüsse hätten sie nicht zu antworten gewagt, aus Furcht, ihre Anwesenheit etwaigen in der Nähe befindlichen Kopfjägern zu verraten. Mein Hund liess sich ebenfalls durch einen Hirsch oder ein anderes Wild zu tief in den Wald locken und kehrte während 24 Stunden nicht wieder zurück. Nachdem die Malaien länger als einen halben Tag nach dem Hund gesucht hatten, brachten sie ihn endlich ins Lager zurück. Jenseits einer Hügelreihe, die sich hinter unserem Lager befand, hatten sie das kläglich heulende Tier in einem tiefen Tal sitzen gefunden. Seitdem wurden Menschen und Tiere vorsichtiger, auch lernten sie ihre Umgebung besser kennen.
Die Fischerei der Malaien lieferte bald sehr gute Resultate, was mich auf den Gedanken brachte, diesen gezwungenen Aufenthalt zur Anlage einer Fischsammlung zu benützen, für die sich wahrscheinlich nicht so bald wieder so günstige Gelegenheit finden würde. Ich liess daher auf die verschiedenste Weise fischen, hauptsächlich auch, um kleine Fische zu erhalten, die zum Essen nicht geeignet waren; es lag mir nämlich daran, nicht nur leicht konservierbare Exemplare, sondern auch die kleinen, von den Eingeborenen verschmähten und ihnen daher unbekannten Arten zu fangen. In dem zwar breiten, aber sehr schnellfliessenden Flusse war das Angeln schwierig; unsere Wurfnetze wiederum waren mehr für den Fang grosser Fische geeignet und ein kleines Netz, das ich aus Strickbaumwolle weben liess, die ich in Long Dĕho gekauft hatte, erwies sich für den Gebrauch auf dem steinigen, mit Ästen und Baumstämmen bedeckten Flussgrund als zu schwach. Dagegen verstanden die Malaien das fortwährende Steigen und Fallen des Boh, der ein ausgedehntes Quellgebiet besitzt und einen innerhalb weniger Stunden um einige Meter Höhe wechselnden Wasserstand aufweist, ausgezeichnet zu benützen. Die Fische konnten augenscheinlich der sehr heftigen Strömung nicht widerstehen und flohen in kleine Nebenflüsse oder geschützte Uferbuchten. Meine Leute holten aus dem Walde Bambus, spalteten ihn in dünne Streifen und stellten aus diesen ein Gitter her, das sie mit einem Rotanggeflecht mit schmalen Zwischenräumen (klabit) versahen. Mit dem Gitter schlossen sie die Mündung der Nebenflüsse bei Hochwasser derart ab, dass bei fallendem Wasser kein Fisch durch dieses hindurchschlüpfen konnte. Der aus sehr verschiedenen Fischarten bestehende Fang konnte oft bereits am folgenden Tage eingeholt werden; am beliebtesten, d.h. schmackhaftesten waren die grossen, forellen- und salmartigen Fische. Bisweilen war der Fang so gross, dass ein Teil durch Räuchern für die folgenden Tage konserviert werden musste. Auch die verschiedenen Reusenarten lieferten regelmässig einige Fische, wurden aber auf die Dauer durch das schnellfliessende Wasser von ihrer Befestigung losgerissen. Hübsche kleine Fische fing ich auch mehrmals mit dem Schöpfnetz in Lachen, die nach Hochwasser hinter Schuttbänken zurückgeblieben waren. Am meisten lieferten jedoch die Wurfnetze, mit denen die Männer täglich bei jedem Wasserstande fischten, was für sie einen sehr angenehmen Zeitvertreib bildete. Da sie im Walde weder bestimmte Sorten von Baumbast noch Pflanzen fanden, welche als Fischgift (tuba)dienen konnten, liess ich einmal bei den Bewohnern von Long Dĕho tuba-Wurzeln aufkaufen, vor allem, um noch mehr kleine Fischarten zu erlangen. Infolge eines plötzlichen Regens schwoll das Flüsschen jedoch so stark an, dass nur wenige neue Fischarten gefangen wurden. Später jedoch fanden die Malaien im Walde eine Fruchtart, mit der sie das Wasser eines anderen Flüsschens vergifteten, wodurch sie viele kleine Fische, darunter mehrere neue Arten, erbeuteten. Als meine Leute nun zum ersten Mal in ihrem Leben die grosse Anzahl verschiedener Fischarten sahen, welche so ein Fluss beherbergt, machte ihnen die Sammlung allmählich selbst Freude und sie gingen öfters fischen, auch wenn sie für ihre Mahlzeiten keiner Fische mehr bedurften. Anfangs nahm die Sammlung sehr schnell zu, später vergingen oft Tage, bevor eine neue Art gefangen wurde, auch erhielt ich von einigen nur ein oder zwei Exemplare. Der grosse Reichtum meiner Sammlung musste denn auch unserem langdauernden Aufenthalt zugeschrieben werden und dem Umstand, dass seit vielen Jahren im Boh nicht mehr gefischt worden war, hauptsächlich, dass keine Tubafischereien stattgefunden hatten. Zum Schluss hatte ich 52 Arten beieinander, viele in zahlreichen Exemplaren. Da ich die Fische noch lebend in die Konservierungsflüssigkeit (1 Teil Formol auf 5 Teile Wasser) setzte und alle, ausgenommen die allerkleinsten, zum leichteren Eindringen der Flüssigkeit mit einem Bauchschnitt versah, kam die Sammlung selbst nach einem Jahr noch in aussergewöhnlich gutem Zustande im zoologischen Museum von Leiden an.
Kinderlose Frau der Mahakam-Kajan.
Die richtigen inländischen Namen der Fische und die Grösse, welche die einzelnen Arten erreichten, brachte ich nur sehr mühsam aus meinen Leuten heraus. Diese sogenannten Malaien gehörten zu einer aus den verschiedensten Gegenden Borneos zusammengewürfelten Menschenrasse; beim Suchen von Waldprodukten waren sie in diese entlegenen Gebiete geraten. Den meisten strömte, wenn auch in verschiedenem Grade, dajakisches Blut in den Adern. So stammten einige vom Kapuas der Wester-Afdeeling und vom Melawi, zwei vom unteren Mahakam, einige andere waren von einer Kajanmutter am Blu-u geboren u.s.f. Obgleich sie alle ihr Leben lang gefischt hatten, waren sie doch nur über die Namen der häufigsten Fischarten einig; die kleinsten kannten viele nicht und anderen gaben sie Namen, die ähnlichen Fischen aus anderen Flussgebieten zukamen. Wenn die Leute ihre Angaben daher auch nach bester Überzeugung machten, mussten diese doch mit Vorsicht aufgenommen werden; auch musste ich mich häufig mit Namen der verschiedensten Dialekte begnügen. Soweit ich der Sache nachgehen konnte, fingen wir auch eine Art von braunem kĕto̱, der nur im Boh vorkommt, wenigstens hatte ihn keiner der Männer je gesehen; später erklärten auch die Kajan, dieser Fisch sei tatsächlich dem Boh eigen.
Kinderlose Frau der Mahakam-Kajan.
In unseren Gesprächen über Fischerei erzählten die Malaien vom Mahakam, dass am Unterlauf dieses Flusses und in den zu beiden Seiten von ihm gelegenen Seen (ke̥no̱han), an denen ein ausgebreiteter Fischfang getrieben wird, viele Arten vorkommen, die wir im Boh nicht fingen, anderseits waren hier verbreitete Arten dort unten nicht zu finden. Viel Merkwürdiges hörte ich auch über die grossen Mengen von Fischen, welche in der Trockenzeit bei niedrigem Wasserstande in diesen Seen gefangen und dann geräuchert und getrocknet werden. Es kommen dort viele Rochen (ikan pari) vor mit über 1 m Breite und grosse Sägefische (ikan prangan), von denen ich in Uma Mĕhak jedoch nur kleine Exemplare hatte kaufen können; auch Delphine werden dort erbeutet. Die Sägefische sollten über 2 m lang werden und schmutzig gelb von Farbe sein, die Rochen bis 1.75 m Durchmesser erreichen, schwarz von oben, weiss von unten sein und helle Flossen besitzen. Von den Rochen isst man nur die salzig schmeckenden Flossen, von beiden verwertet man die Leber, aus der man ein bei den Mahlzeiten gebrauchtes Öl presst. Beide Tiere sollen wegen der grossen Wärme des Wassers hauptsächlich in den Seen vorkommen, die kleinen Sägefische werden jedoch noch bis unterhalb der Wasserfälle, 75 m über dem Meeresspiegel, gefangen. In Kutei wird behauptet, dass diese beiden Fischarten aus dem Meere den Fluss hinaufschwimmen; als Begründung wird jedoch nur der salzige Geschmack ihrer Flossen angeführt.
Die Delphine (ikan mpush) werden bis 1.5 m lang und sind dunkelblaugrün gefärbt; sie kommen in grossen Mengen bis zum Fuss der Wasserfälle im Mahakam vor und man sieht ihre Wasserstrahlen und glänzenden Rücken täglich über der Wasserfläche erscheinen. Sie werden von den Malaien nicht gegessen, weil diese die Delphine für Menschen halten. Der Erzählung nach wohnte in Muara Pahu einst ein Mann, der seinen Hunger nicht schnell genug stillen konnte und daher den kupfernen Reistopf mit hinunterschluckte. Darauf fühlte er aber so heftige Beängstigungen, dass er ins Freie lief und am Flussufer den Stamm eines Steinpisang oder pisang mangala umfasste. Beim Anklammern gab der Stamm jedoch nach und stürzte mit dem Manne ins Wasser, der darauf in einen Delphin verwandelt wurde.
Am 3. Juni erst kehrten die Malaien unter Dĕlahit zurück und da noch keine Berichte von den Kajan eingetroffen waren, benutzte ich den günstigen Wasserstand, um mit Dĕlahit ein Boot auf Kundschaft nach Long Blu-u zu senden. Neun Tage später kehrten meine Gesandten in Begleitung von Lalau mit ermutigenden Nachrichten zurück. Im Kajanstamm herrschten zwar immer noch grosse Vorurteile gegen die Reise, aber Kwing Irang drang ständig auf deren Durchführung, und auch die Pnihing unter Bĕlarè und die Long-Glat unter Bo Lea bereiteten sich zum Mitgehen vor. Ein grosses Hindernis bildete für die Kajan das Neujahrsfest, das im folgenden Monat zum ersten Mal im neuen Hause gefeiert werden musste, bei welcher Gelegenheit auch das lāli uma für die ganze Niederlassung aufgehoben werden sollte. Auf Kwings Betreiben hatten sie aber beschlossen, die Feier einen Monat früher stattfinden zu lassen und dann sogleich zum Boh aufzubrechen. Auf die Beschränkung, welche ich inbezug auf den von ihnen geforderten sehr hohen Taglohn getroffen hatte, waren sie bereitwillig eingegangen. Lalau war es auch gelungen, elfte seltene Perlenmütze zu erstehen, die mir ihres eigenartigen Modells wegen für meine ethnographische Sammlung wertvoll erschienen war. Mit vielem andern Schmuck hatte ich auch die Mütze gelegentlich eines grossen Festes bewundert, doch hatte sogar eine einjährige Unterhandlung noch zu keinem Kauf geführt. In Long Dĕho hatte ich Lalau noch einige sehr kostbare Tauschartikel mitgegeben, um zu versuchen, ob der Besitzer der Mütze jetzt, wo sich die letzte Gelegenheit bot, sich leichter zum Verkauf überreden liess. Für alle mitgenommenen Gegenstände brachte mir Lalau nun wirklich die Mütze, die man, wie er sagte, zum Schluss nur abgetreten hatte, um mir eine Freude zu machen (Siehe [Taf. 74] b).
Die Malaien, welche ich die letzten Kisten aus Long Dĕho abholen liess, brachten nun auch ein nach Samarinda gesandtes Telegramm der Bataviaschen Regierung, das mir Barths bevorstehende Ernennung zum Kontrolleur meldete. Das Telegramm war zwar schon 2 Monate alt, doch erfüllte mich diese verspätete Belohnung meiner Arbeit und Ausdauer nicht mit minderer Genugtuung. Mit den Malaien gleichzeitig kamen auch die 7 Kĕnja Uma-Djalan unter Taman Ulow, die sich bis dahin in Long Tĕpai aufgehalten hatten, den Fluss abwärts gefahren und schlossen sich vorläufig unserer Gesellschaft an.
Teils um die Nachricht von der erfolgten Einsetzung eines Kontrolleurs als feststehende Tatsache so schnell als möglich am Ober-Mahakam zu verbreiten, teils um mich vom Tun und Lassen der Kajan wieder zu unterrichten, sandte ich Dĕlahit am 17. Juni aufs neue nach dem Blu-u. Zum Einkaufe einer möglichst grossen Reismenge versah ich ihn überdies mit Geld; denn die 8 Kĕnja vermehrten die an unsere Vorräte gestellten Ansprüche auf unwillkommene Weise. Die Männer hatten bis jetzt vergeblich nach ihren beiden Landsleuten am mittleren Mahakam geforscht; wie ich gehofft, waren sie durch die gute Auskunft, die sie über unser Leben unter den Long-Glat erhalten hatten, uns gegenüber viel zutraulicher geworden, so dass sie ihre Hütte ruhig hinter Midans Küche aufzuschlagen wagten. Doch berührte sie unser Kreis von Europäern und Malaien noch sehr fremd, und besonders in den ersten Tagen nahm ihr Interesse an allem, was sie sahen, kein Ende. Um, wenn möglich, etwas über den Verbleib der Ihren in Erfahrung zu bringen, liess ich bald Taman Ulow mit einigen meiner Malaien nach Long Dĕho fahren, von wo sie mit der erfreulichen Nachricht zurückkehrten, die beiden Vermissten hätten sich mit einer dritten Person, zum Schutz vor nächtlichen Überfällen, in einem Baum unterhalb des Kiham Udang eine Hütte gebaut und verdienten sich dort mit Rotangsuchen ihren Lebensunterhalt. Bereits am folgenden Tage begaben sich die sieben Kĕnja mit Lalau auf die Suche nach ihren Landsleuten. Die Erzählung von der Hütte im Baum hatte mich anfangs misstrauisch gemacht, weil ich noch nie in Mittel-Borneo etwas Ähnliches gesehen oder gehört hatte, aber 3 Tage später stellte sich die Gesellschaft wieder ein, vermehrt um drei Personen, zwei Kĕnja und einen berüchtigten Long-Glat aus Long Dĕho, der dort so gut wie ausgestossen worden war. Sie hatten wegen der gefährlichen Zustände unterhalb der Wasserfälle und wegen ihrer grossen Schulden beim malaiischen Händler Raup in Long Bagung im Walde eine Zuflucht gesucht und sich nicht besser zu schützen gewusst, als indem sie sich hoch über dem Erdboden in einem Baum eine Hütte bauten, in der sie bereits sehr lange hausten und viel Rotang gesammelt hatten. Mit Hilfe ihrer Landsleute hatten sie den Vorrat nach Long Dĕho hinaufgeschafft und dort vorläufig zurückgelassen, weil man ihnen nur einen sehr geringen Preis für denselben geboten hatte. Die beiden Vermissten waren denn auch anfangs von einer Rückkehr mit ihren Landsleuten nach Apu Kajan nicht sehr erbaut, was diese, die eine monatelange Reise für die beiden nicht gescheut hatten, höchst unangenehm berührte. Da mir bereits die 7 Kĕnja unter Taman Ulow zu verstehen gegeben hatten, wie leid es ihnen täte, zu ihren Familien mit leeren Händen zurückkehren zu müssen, begriff ich, dass es für die beiden anderen, die so viel länger fortgewesen waren, noch viel peinlicher sein musste, nach solch einem Misserfolg die Heimreise anzutreten. Mir selbst bot dieser Umstand eine passende und lang gesuchte Gelegenheit, um die Kĕnja uns zu verbinden, damit diese uns als Führer nach ihrem Lande dienten und uns dort bei ihren ängstlichen Landsleuten einführten. Ich schlug also Taman Ulow und den Seinen vor, dass sie bis zu unserem Aufbruch mit Kwing Irang bei mir bleiben sollten, dass ich sie alle ernähren und reichlich mit verschiedenen Dingen, die sie dann als Ertrag ihrer Reise ihren Angehörigen vorzeigen konnten, versehen und dass ich gegen ähnliche Artikel auch den Rotang Usats und seines Kameraden, die ich beide an dem für sie sehr gefährlichen Mahakam nur ungern zurückliess, kaufen wollte. Da die Kĕnja von meinen ehrlichen Absichten überzeugt waren, nahmen sie nach einigen Unterhandlungen über den Betrag meinen Vorschlag an. Lalau und einigen anderen, die ich tags darauf nach Long Dĕho sandte, gelang es leicht, dort den Rotang für mich zu verkaufen, weil dies nun auf Schuld geschehen konnte. Ibau Adjāng hatte sogleich einen annehmbaren Preis geboten, den er bei späterer Gelegenheit bezahlen wollte; auf diese Weise erwies ich ihm gleichzeitig eine Gefälligkeit, indem ich ihn in den Geldschwierigkeiten unterstützte, in welche seine Familie infolge des Begräbnisses seines Vaters geraten war.
Die Kĕnja erwiesen sich als weit weniger ängstliche Reisegenossen als die Bahau und fühlten sich in unserem Lager augenscheinlich sehr wohl. In ihren Mitteilungen über die Eigentümlichkeiten ihres Landes und Volkes waren sie durchaus nicht zurückhaltend, was für mich sehr angenehm und nützlich war und auf meine Malaien sehr beruhigend wirkte.
Inzwischen kehrte Dĕlahit noch immer nicht vom Blu-u zurück und erhielten wir von dort nur indirekte, sehr unzuverlässige Nachrichten aus Long Dĕho.
Obgleich das ständige Warten mit unsicheren Zukunftsplänen auf unsere Unternehmungslust sehr lähmend wirkte, liess ich in dieser Zeit, wo so viele Menschen müssig im Lager versammelt waren, doch mit Ernst die Jagd betreiben. Doris fand zwar den hohen Urwald um uns herum für eine Jagd auf Vögel sehr ungeeignet, weil diese in Gestrüpp und auf freien Flächen viel zahlreicher erscheinen als in den mächtigen Gipfeln der Waldriesen, wo man sie nicht sehen, jedenfalls nicht schiessen kann. Die Aussicht auf einen Fang neuer Arten war hier auch nicht gross, denn Doris hatte bereits in Long Dĕho viel gejagt. Er erwies sich übrigens als Jäger auf Grobwild und kleinere Vierfüssler viel ungewandter und selbst das Fallenstellen überliess er am liebsten anderen. Hierin hatte es dagegen Abdul während unserer Reise, wie früher schon erwähnt, zur Meisterschaft gebracht; er zeigte sich übrigens auch auf vielen anderen Gebieten sehr gelehrig. Demmeni ging er in allen Dingen sehr geschickt zur Hand. Seine Talente im Beschleichen von Hirschen und wilden Rindern (le̥mbu) erregten das Staunen aller Kajan. Vielleicht bewunderten sie ihn deswegen so sehr, weil sie selbst kein Hornvieh essen und die Gewohnheiten der Tiere, auf die sie nicht Jagd machen, sehr wenig kennen. Von ihrer Unkenntnis in dieser Hinsicht hatte ich mich bereits auf meiner vorigen Reise überzeugt, als ich nicht einmal feststellen konnte, ob das wilde Rind (Bos sundaicus), das im ganzen Mahakamgebiet im jungen Wald und Gestrüpp getroffen wird, in nur einer oder zwei Arten vorkam. Die meisten Bahau gaben zwei Arten in ihrer Gegend an, eine grosse, dunkelbraune und eine kleinere, hellrote; in Wirklichkeit sind es die Stiere, die dunkelbraun, und die Kühe und Kälber, die hellrot gefärbt sind. In unserer Nähe am Boh merkten wir nichts von dem le̥mbu, weil die Herden den dichten Wald vermeiden und nur alte Männchen sich bisweilen in ihm verirren. Auch fanden wir in der Umgegend keine Salzquellen, die am Ober-Mahakam so viel Hornwild anlocken und daher gute Gelegenheit zum Fallenstellen bieten.
Eine sehr beliebte und praktische Methode Wildschweine zu jagen konnten wir aus Mangel an Hunden nicht anwenden. Die Bahau jagen die Tiere nämlich vorzugsweise mit einer Hundemeute, welche das Wild im Walde verfolgt und zum Stehen bringt, worauf die Jäger es mit dem Speere töten oder mit vergifteten Pfeilen schiessen. Mit einem schmalen Lendentuch bekleidet, ohne Kopfbedeckung, mit Schwert und Speer bewaffnet, ziehen die Jäger in den Wald, gefolgt von ihren Hunden, die, im Hause träge und ängstlich, im Busch ein ausgezeichnetes Spürtalent entwickeln und daher im Dickicht, in dem auch ein Eingeborener nur mit Mühe geräuschlos gehen kann, beim Aufspüren des Wildes von grösstem Nutzen sind. Ihr niedriger Entwicklungsstandpunkt verhindert die Bahau jedoch daran, aus dem Überfluss an Wild in ihren Wäldern einen entsprechenden Vorteil zu ziehen. Aus Unwissenheit züchten und unterhalten sie ihre Hunde sehr schlecht, indem sie die besten Exemplare in der Jugend kastrieren, um sie zahmer und folgsamer zu machen, und ihnen auch nur selten geregelt Futter geben; meist müssen sie von Abfällen leben. Das Kastrieren geschieht so, dass man das Tier durch eine Öffnung im Fussboden mit dem Kopf nach unten hängen lässt, während die Hinterbeine über der Öffnung festgehalten werden. Ein Mann schneidet dann mit einem Bambusmesser in das Skrotum eine Öffnung, drückt die Testikel nach einander aus und schneidet sie vom Funiculus ab. Darauf wird die Höhle mit Kapok ausgefüllt und der Hund laufen gelassen. Hierdurch nehmen die besten Tiere an der Fortpflanzung der Rasse nicht Teil, was die Kajan am Blu-u z.B. nicht einsehen wollten. Die Punan und anderen Jägerstämme scheinen in dieser Beziehung aufgeklärter zu sein, auch versorgen sie ihre Hunde weit besser, so dass Jagdliebhaber wie der Pnihing-Häuptling Bĕlarè ihre Tiere bei ihnen kaufen. Auf der Schweinsjagd erweisen sich diese übrigens nur als Spürhunde von Nutzen, denn sie wagen keine grossen Schweine, sondern nur Ferkel anzufallen. Diese bilden denn auch häufig die einzige Jagdbeute, da die Bahau selbst nur ausnahmsweise mutig genug sind, um grosse Tiere aus der Nähe zu stechen und da mit giftigen Pfeilen verwundete Tiere noch weit laufen können und daher oft verloren gehen. Von anderem Wild werden hauptsächlich Ottern, Eichhörnchen, Wiesel, Leguane und dergleichen mit Hilfe der Hunde gejagt. Leguane dürfen Erwachsene übrigens nicht essen, für Kinder und Greise dagegen, welche in diese Periode noch nicht eingetreten oder über sie schon hinaus sind, ist dies Verbot ungültig.
Buring Pengai, neunzehnjährige Kajanfrau.
Buring Pengai, neunzehnjährige Kajanfrau.
Auch das andere Wild darf nicht ohne weiteres gegessen werden; die Eingeborenen schneiden jedem Tier den Bauch auf, weiden es aus und entfernen vorsichtig beiderseits der Wirbelsäule den psoas derart, dass sie ihn an den Anheftungsstellen lösen und ihn quer zu durchschneiden vermeiden. Nach ihrer Überzeugung fangen die Jäger, wenn sie einmal einen psoas durchschnitten haben, nie wieder ein solches Tier. Auch bei der Zubereitung von Fischen befolgen die Kajan eigenartige Gebräuche. Um Unglücksfällen beim nächsten Fischfang vorzubeugen, müssen sie den untersten Teil des Bauches von der Brust- bis zur Schwanzflosse in einem Stück wegschneiden, und beim darauffolgenden Ausweiden darf die Schwimmblase nicht angeschnitten werden, hauptsächlich nicht in querer Richtung.
Ein sehr bevorzugtes Wildbret ist der von den Malaien lutung genannte schwarze Affe mit langem Schwanz und weissen Flecken auf der Stirn (Semnopithecus niger). Einige essen sogar die mit ihrem Inhalt von halbverdauten Blättern fein geschnittenen und in Wasser gekochten Eingeweide dieses Affen, andere, wie Kwing Irang, fanden an diesem Gericht keinen Geschmack.
Zu gewissen Zeiten, wenn bestimmte giftige Früchte reifen, werden Argusfasane, Stachelschweine und einige Fische nicht gegessen, weil diese durch den Genuss der Früchte ebenfalls giftig werden. Dass diese Vorsicht berechtigt ist, erfuhren wir auf meiner ersten Reise, als wir auf einer Jagdstation uns eines Abends nach dem Essen eines Argusfasans unbehaglich zu fühlen begannen. Mein Magen begann heftig gegen seinen Inhalt zu protestieren, aber dabei blieb es, und in dem Glauben, dass diese Erscheinung auf eine Erkältung oder eine andere harmlose Ursache zurückzuführen sei, begab ich mich in mein Klambu und schlief vor Ermüdung sogleich ein. Bald nach Mitternacht erwachte ich jedoch an heftigen Schmerzen zwischen den Schulterblättern, welche auf die Brust hinausstrahlten und die Atemholung sehr erschwerten. Später verbreitete sich der Schmerz, der am meisten einem heftigen Muskelschmerz nach Überanstrengung glich, über Rücken und Bauch, wodurch ein Liegen und Aufrechtstehen unmöglich wurde und ich mich auf einen Stuhl setzen und über einen Tisch lehnen musste, um den Zustand ertragen zu können. Noch immer stieg nicht die leiseste Vermutung einer Vergiftung in mir auf; ich dachte an eine rheumatische Ursache, als die Erscheinungen sich morgens durch häufiges Erbrechen bei leerem Magen komplizierten und auch die Darmfunktion sich stärker als gewöhnlich äusserte.
Da nun auch meine damaligen Reisegenossen Von Berchtold und Demmeni über Übelkeit und Muskelschmerzen klagten, trat der Gedanke an eine Vergiftung mehr in den Vordergrund, aber vor der Hand liess mich mein eigener Zustand an nichts anderes denken. Plötzlich stellte sich auch sehr heftiges Herzklopfen bei schwachem Puls ein, und wenn meine Gefährten sich nicht auf den Beinen gehalten hätten, wären die schlimmsten Befürchtungen in mir aufgestiegen. Gegen 2 Uhr mittags lokalisierten sich die Muskelschmerzen in Armen und Beinen und ich genoss während einiger Stunden der sehr notwendigen Ruhe. Andere Folgen blieben bei uns allen aus. Die Ursache der Vergiftung war uns anfangs unerklärlich; da ich in der Regel mehr Fleisch, die anderen mehr Reis genossen, brachte uns dies auf den Argusfasan, der vielleicht mit Arsenik, das wir beim Präparieren der Vogelbälge so viel gebrauchten, in Berührung gekommen war. Eine böse Absicht seitens unserer Kajan erschien mir völlig ausgeschlossen, denn die Leute waren durch meine Krankheit sehr niedergeschlagen. Immer wieder kam einer, um aus der Ferne nachzusehen, wie es stand, und vertiefte sich dann mit seinen Kameraden in eine Diskussion über die Ursache meines Leidens. Hierüber waren die Meinungen geteilt: der eine schrieb es den Geistern des Berges Lilit Bulan zu, die ich durch mein Steineklopfen erzürnt hätte, die anderen erzählten, es kämen dann und wann Argusfasanen vor, nach deren Genuss auch sie krank würden. An die erste Erklärung konnte ich nicht glauben und auch die zweite kam mir sehr unwahrscheinlich vor, denn von Vögeln mit vergiftetem Fleisch hatte ich noch nie gehört. So blieb denn die Vorstellung einer leichten Arsenikvergiftung bestehen, obgleich Von Berchtold sie für unmöglich erklärte.
Er selbst lieferte uns später den Beweis, dass der Genuss eines Argusfasans in der Tat bisweilen Vergiftungen verursachen kann. Als er nämlich mit 4 Kajan in unserem Lager zurückgeblieben war, erkrankte die ganze Gesellschaft schwer nach dem Genuss eines anderen Exemplars dieses Vogels. Da er mehr nervös von Natur war, traten bei Berchtold neben lebhaften Schmerzen auch tonische und klonische Krämpfe auf, die mit heftigen und anhaltenden Erscheinungen in den Verdauungsorganen gepaart gingen. Dieser Zustand dauerte ganze vier Tage. Auch die vier Kajan litten so stark, dass keiner von ihnen Hilfe suchen konnte und alle fünf später sehr abgemagert und geschwächt aus dem Walde zu uns zurückkehrten.
So glaube ich diese Vergiftung dem Genuss des Argusfasans zuschreiben zu müssen, der wahrscheinlich selbst durch Früchte vergiftet worden war.
Bei der Jagd auf kleine Säugetiere und Vögel haben die Eingeborenen einen besseren Erfolg mit dem Fallenstellen als mit dem Blasrohrschiessen. Die Fallen werden in den Durchgängen von Hecken angebracht, welche aus umgehauenen Sträuchern in einer Länge von mehreren hundert Metern aufgerichtet werden. Die Öffnungen in der Hecke befinden sich in der Nähe dünner, gebogener Bäumchen, die als Feder dienen, um die daran befestigte Schlinge in die Höhe zu ziehen, sobald der Widerstand, der sie gebogen hielt, entfernt wird. Dieser Widerstand wird durch eine dünne Schnur gebildet, deren eines Ende am Gipfel eines Stämmchens befestigt ist, deren anderes ein 6 cm langes Hölzchen trägt. Letzteres wird unten auf dem Boden zwischen einer gebogenen, an beiden Enden in der Erde steckenden Rute und dem Rand eines aus gespaltenem Rotang geflochtenen viereckigen Rahmens eingeklemmt gehalten. Mit dem einen Rande ruht dieser Rahmen schräg auf dem Grunde des Durchgangs, mit dem gegenüberliegenden auf dem anderen Ende des Hölzchens an der Schnur des Baumgipfels. Die Federkraft des gebogen gehaltenen Stämmchens zieht das Hölzchen so stark gegen den Rand des etwa 2 dm2 messenden Bambusrahmens, dass dieser geneigt gehalten wird. Dadurch, dass die eigentliche Schlinge mit dem einen Ende mit dem Stammgipfel verbunden und das andere in Form einer offenen Schlinge auf dem geneigten Rahmen ausgebreitet ist, wird bewirkt, dass durch einen Tritt auf den Rahmen dieser auf den Boden klappt, das Hölzchen losschiesst und der Stammgipfel, der dann nicht mehr nach unten gehalten wird, beim Hinaufschnellen die Schlinge mit nach oben zieht. Ein Sachkundiger legt die Schlinge unter einigen Blättern so auf dem Rahmen aus, dass jeder hier auftretende Fuss von der emporschnellenden Schlinge gepackt und das Tier gefangen wird. Für hühnerartige Vögel ist diese Fangmethode besonders zweckmässig, weil man diese Tiere ihrer Scheuheit wegen in diesem Chaos von totem und lebendem Holz und Laub nicht beschleichen kann. Auch der kantjil (Cervulus muntjac) und einige Affen werden mit diesen Fallen gefangen; grössere Tiere zerreissen die Schlingen, was häufig geschieht.
Derartige Fallen werden auch um die Tanzplätze der Argusfasanen aufgestellt, die an hochgelegenen Waldstellen oder häufig auch auf den Gipfeln von Bergrücken, wo sie eine Stelle zum Abhalten ihrer Wetttänze von Ästen und Blättern säubern, zusammenzukommen pflegen. Diese sonst so scheuen Vögel gehen an einem solchen Ort leicht in die Falle. Für diese Schlingen werden die Schnüre aus den Fasern eines braunen Baumbasts gedreht, weil diese im Busch weniger auffallen als die gewöhnlichen grauen Schnüre, die aus dem Bast der Lianen aka klẹa oder te̥ngāng verfertigt werden, indem man diesen in 3–4 dm lange Fasern auseinander zupft und dann zusammendreht.
Wie gesagt, verstehen sich lange nicht alle Bahau gut auf das Fallenlegen; nach ihrer Überzeugung hängt der Erfolg auch viel mehr von der Beachtung aller Vorsichtsmassregeln beim Aussetzen der Schlingen als von der dabei befolgten Sorgfalt ab. Vor allem muss der Tag schön sein, ohne Regen und Nebel; Unbeteiligte dürfen von der Unternehmung eigentlich nichts wissen, auch mag man sich über das erwartete Resultat nicht auslassen. Eine grosse Gesellschaft ist beim Bau der Hecke unerwünscht; am besten ist es, wenn ein oder zwei Männer sich ohne Mitwissen anderer auf den Weg machen. Dem Fallensteller darf vorher auch kein guter Erfolg gewünscht werden, eine Regel, die übrigens für alle Jäger und Fischer gilt und gegen die ich mich anfangs aus Unwissenheit recht häufig versündigte.
Erlegter wilder Stier.
Nicht nur Menschen, sondern auch Hunde jagen bei den Mahakambewohnern nur nach einer vorhergehenden Beschwörung mit Erfolg. Während meines Aufenthaltes an unserer vorhin erwähnten Jagdstation am Blu-u fürchtete Kwing einmal, dass seine Hunde nach einigen schlechten Vorzeichen die ersehnte Wildschweinbeute nicht liefern würden. Er suchte daher einige Blätter von daun long, die gegen böse Geister wirksam sind, packte seinen besten Hund beim Nacken, klopfte ihm, einige Sätze murmelnd, mit dem Blatt 8 Mal auf den Kopf und nahm dann mit dem Hinterteil des Tieres dieselbe Prozedur vor, worauf er dieses in die Höhe hob und mit kräftigem Schwunge an einer tiefen Stelle ins Flüsschen Dingei warf. Auch seine beiden anderen Hunde kamen an die Reihe, und da ich Kwings Beschwörungen aus einiger Entfernung nicht verstehen konnte, brachte ich ihm meinen Sultan zur gleichen Bearbeitung. Während er nun auch diesen mit demselben Eifer beklopfte, gab er ihm den Auftrag, an diesem Tage im Aufspüren des Wildes sein Bestes zu leisten und sich besonders auf die Schweinejagd zu verlegen. Um den Erfolg seiner Bemühungen nicht zu vereiteln, warf nun auch ich meinen Hund mit kräftigem Schwung in den Fluss, voll Vertrauen auf ein günstiges Resultat. Leider brachte uns dieser Tag nur Enttäuschung, die Hunde schlugen sogar kein einziges Mal an.
Sehr auffällig war es, dass die Kajan so sehr wenig auf die Gewohnheiten des gesuchten Wildes zu achten verstanden; einst mussten wir ihrer Ungeschicklichkeit wegen die Verfolgung eines wilden Rindes sogar aufgeben. Zwar töteten sie später einen durch Verwundung erschöpften Stier, aber mit so vielen Speerstichen, dass sein Fell nicht mehr zu gebrauchen war. Einige Kajan eilten sogar nachdem das Tier schon niedergemacht war, noch herbei und durchstachen zum Beweis ihres Mutes auch die Leiche noch mit dem Speer.
Die Punan verstehen sich als Jägerstamm wahrscheinlich besser auf die Jagd, doch habe ich sie nicht selbst beobachten können. Grosse Tiere, wie das Nashorn, wissen übrigens auch sie nicht auf rationelle Weise zu erlegen. Hat nämlich jemand die Spur eines Nashorns entdeckt, so vereinigt sich eine grosse Anzahl hauptsächlich mit Speeren bewaffneter Männer und beschleicht das Tier im Schlaf oder wenn es an Gegenwehr nicht denkt. Dadurch, dass man dem Opfer immer wieder einen Speerstich beibringt, verendet es allmählich vor Schwäche, bisweilen jedoch erst nach 8 Tagen, nachdem es oft mehrere Menschen verwundet oder getötet hat. Ähnliches berichteten mir einmal einige Kajan von ihrer Jagd auf die Riesenschlange (Boa constrictor). Sie verfolgten das Tier, dem sie beim Sammeln von Waldprodukten begegnet waren, über zwei recht hohe Hügelrücken und töteten es erst nach mehreren Stunden. Die Schlange soll den Umfang eines Männerthorax gehabt haben. Das Fleisch der Boa wird nur von den Punan genossen.
Die nichts weniger als glänzenden Jagdresultate unserer Kajan hätten in uns die Vorstellung geweckt, die tropischen Wälder seien arm an Wild, wenn uns nicht die Jagderfolge unseres Reisegenossen Von Berchtold auf unserem vorigen Zuge vom Gegenteil überzeugt hätten. Obgleich Von Berchtold alle gesammelten Tiere präparieren musste, wodurch ihm zum Jagen nicht viel Zeit übrig blieb, schoss er doch so viel Wild wie alle anderen zusammen. Er besass aber auch ein ganz anderes Verständnis für die Jagd, auch kamen ihm seine in europäischen Wäldern erworbenen Erfahrungen sehr zu statten. Bei der Vogeljagd verfuhr er folgendermassen: er setzte sich an geeigneter Stelle im Walde hin und wartete bewegungslos der kommenden Dinge. In der stillen, dunklen Umgebung begann es sich dann bisweilen bereits nach kurzer Zeit zu regen. In den Bäumen zeigten sich eine Menge sehr verschiedener kleiner Vögel und allerlei Arten äusserst zierlicher Eichhorne, auch Affen, die ihre Schlupfwinkel auf den Ästen verliessen und auf dem Erdboden nach abgefallenen Früchten suchten. Um einen Baum mit reifen Früchten sammelten sich eine Menge fliegender und laufender Waldbewohner; bei einigen Feigenbäumen mit orangefarbigen Früchten in unserer Nähe schoss er in 1 Stunde mehrere neue Vogelarten und einige rebhuhnartige Waldhühner, die unserem Mittagstisch eine Extraschüssel lieferten.
Ein ausgezeichnetes Lockmittel, das Von Berchtold manchen sehr scheuen Vogel einbrachte, bestand in der Nachahmung seines Rufes. Hierzu gehörte viel Geduld, Übung und Talent, aber da er diese drei Erfordernisse besass, waren seine Resultate glänzend. Das Nachahmen der Männchen lockte Weibchen, das der Weibchen Männchen herbei. Die Tiere kündigten sich meist durch Ausstossen des Lockrufs selbst aus der Ferne an und liessen sich oft viel zu dicht vor dem Flintenlauf nieder, um mit einiger Aussicht auf Erhaltung der Haut geschossen werden zu können. In diesem Fall bedeutete eine Vergeudung der Munition auch ein nutzloses Morden, denn eine zerschossene Vogelhaut ist für die Präparation wertlos. Daher müssen bei verschiedenen Gelegenheiten auch verschiedene Patronen angewandt werden; ein zu grobes Schrot oder eine zu schwere Ladung, bei der die Körner zu dicht beieinander bleiben, verderben die Haut unvermeidlich. Da man im Urwalde nur in seltenen Fällen auf grossen Abstand schiessen kann, ist hier eine Flinte von sehr kleinem Kaliber am geeignetsten; nur wenn es grosse Nashornvögel oder ähnliche Tiere in 40–50 m hohen, oft dicht beblätterten Gipfeln zu schiessen gilt, ist ein Kaliber 12 oder 16 mit grobem Schrot vorzuziehen. Hat man in dem grünen Gewirr hoch über der Erde seine Beute tötlich getroffen, so ist man noch lange nicht sicher, diese auch heimbringen zu können. Behält der Vogel noch Kraft genug, um durch Ausbreiten seiner Schwingen dem Fall eine schiefe Richtung zu geben, so dass er in einem Abstand von 20 oder 30 m niedersinkt, so ist er nur mit grosser Mühe wiederzufinden. Da Sträucher, tote Bäume, grosse Äste und dicke Blätterschichten das Opfer verbergen und man sich durch allerhand Hindernisse zu ihm durcharbeiten muss, findet man den Vogel bisweilen erst nach langem Suchen. Kleine Vögel und kleine Säugetiere, die noch kräftig genug waren, um sich in den zahllosen Schlupfwinkeln und Höhlungen im Erdboden verkriechen zu können, werden in der Regel nicht wiedergefunden. Unter diesen Umständen erfordert die Jagd grosse Geduld, auch muss man sich auf viele Enttäuschungen gefasst machen. Findet der Jäger vom kleineren Wild etwa die Hälfte wieder und ist diese zum Präparieren tauglich, so kann er mit seinem Erfolge zufrieden sein. Mit dressierten Hunden und geschulten eingeborenen Knaben könnte man im Urwalde wahrscheinlich bessere Jagdresultate erzielen, doch fehlte es uns an beiden.
Als Anfang Juli Dĕlahit nach 14 tägiger Abwesenheit noch nicht zurückkehrte und wir nichts von ihm vernahmen, überdies auch unser Reis und die anderen Nahrungsmittel einer Ergänzung sehr bedurften, sandte ich Midan mit einem Boote nach Long Tépai zum Einkaufen des Erforderlichen und gab ihm Lalau mit, damit dieser sich nach meiner Gesandtschaft umsehen sollte. Letztere traf 2 Tage später mit sehr günstigen Berichten bei uns ein: die Kajan am Mahakam waren sehr für unseren Zug und hatten ihr dangei-Fest bereits im vorigen Monat gefeiert, obgleich die Zeit hierfür wegen einiger Todesfälle ungünstig gewesen war. Kwing Irang hatte jedoch Dĕlahit nicht fortziehen lassen, bevor sie die Vögel befragt hatten, aus Furcht, dass ich aus Ungeduld die Reise aufgeben könnte. Die Todesfälle hatten die Kajan bis jetzt am Vorzeichensuchen verhindert, aber jetzt waren die verschiedenen Häuptlinge reisebereit und Kwing Irang sollte bald eintreffen.
Einige Tage später erschienen auch Midan und Lalau mit einer genügenden Menge Reis, Früchte, Tabak und anderen nützlichen Dingen. Jedesmal wenn ich ein Boot nach Long Dĕho schickte, gab ich auch einige eiserne Koffer mit den eben angelegten Sammlungen von Fischen und Vögeln mit, damit sie in Ibau Adjāngs Hause bis zu meiner Rückkehr aufbewahrt würden.
Als ein Tag nach dem anderen verging und wir noch immer nichts von der Ankunft unseres Bahau-Geleites hörten, wurde uns das Warten zu einer wahren Marter. Dĕlahit hatte übrigens die Bestätigung des Gerüchtes mitgebracht, das ich bereits von Taman Ulow und seinen Leuten gehört hatte, nämlich dass der Kĕnjafürst Bui Djalong (Taman Kuling) mit vielen anderen Häuptlingen auf eine Einladung des Radja hin nach Sĕrawak gezogen, auf der Rückreise aber von den Batang-Lupar angefallen worden war, wobei einer der Schutzsoldaten aus Sĕrawak, welche die Kĕnja begleiteten, das Leben verloren hatte. Dieser Vorfall überzeugte mich wiederum von der Notwendigkeit unserer Reise nach Apu Kajan; wahrscheinlich waren die Häuptlinge auch nach den jüngsten Erlebnissen zum Empfang der Niederländer besonders geneigt.
Am 10. Juli sandte ich nochmals Lalau und Dĕlahit mit 5 Mann nach dem Blu-u, um zu erfahren, wie es dort stehe. Bei Bang Jok in Long Dĕho waren die Reiseaussichten inzwischen günstiger geworden, die Böte lagen sogar zur Abfahrt bereit da. Lĕdjü Adjāng, der erwartete jüngste Sohn des verstorbenen Häuptlings, war inzwischen von den Ma-Suling am Mĕrasè ins Elternhaus zurückgekehrt und in seiner Gegenwart hatte man des Vaters Leiche im bereits gebauten Prunkgrab beigesetzt. Man hatte dem salong, wahrscheinlich auf Wunsch des Verstorbenen, eine besondere Form gegeben. Bo Adjāng Lĕdjü hatte mir vor seinem Tode öfters seine Besorgnis darüber ausgedrückt, dass der Sultan von Kutei im Geheimen seinen Schädel aus dem Grabe würde holen lassen, wie er auch die Schädel einiger anderer Häuptlinge in einer Kiste in seinem Palaste aufbewahrte, um durch deren Besitz Macht über die Bahaustämme ausüben zu können. Adjāng Lĕdjü hatte daher gewünscht, dass man seinen salong an einer weit abgelegenen, verborgenen Waldstelle erbaute. Seine Kinder hatten das Prunkgrab sicherheitshalber statt über der Erde, wie gewöhnlich, unter der Erde anlegen lassen, die Holzkammer, in welcher der Sarg stand, mit dicken Planken geschlossen und darüber ein Dach wie bei einem gewöhnlichen salong errichtet; auch hatten sie keinen verborgenen Platz ausgesucht, sondern das Mahakamufer dicht unterhalb Long Dĕho gewählt, so dass jeder Anschlag der Malaien sogleich bemerkt werden musste.
Auf seiner Rückreise zum Mĕrasè machte Lĕdjü Adjāng, der Sohn des Verstorbenen, bei mir Halt, teils aus Neugierde, teils weil ein Besuch bei mir den Gästen meistens ein Geschenk einbrachte. Ich hatte den Grundsatz, nicht nach Gutdünken zu schenken, sondern abzuwarten, bis die Gäste mir ihre Wünsche zu verstehen gaben. Lĕdjü hatte augenscheinlich die Goldstücke gesehen, mit denen ich die Kajan bezahlt hatte, denn er bat mich, einige Stücke von mir kaufen zu dürfen, um aus ihnen Perlen für seine Frau Bulan Li schmieden zu lassen, natürlich wünschte er, sie unter ihrem Werte zu erstehen. Mit einem Verlust von einigen Gulden gewann ich Lĕdjü Adjāngs Gunst und wir schieden als die besten Freunde.
Am 16. Juli kam Dĕlahit nach schneller Fahrt vom Blu-u mit dem Bericht zurück, die Kajan würden am folgenden Tage abreisen, sie wären nur durch den Tod von zwei Dorfgenossen aufgehalten worden. Die Betreffenden, zwei sehr schwächliche Individuen, waren der Influenza erlegen. Um die Kajan im Auge zu behalten, war Lalau bei Kwing Irang geblieben.
Trotzdem gingen wieder etliche Tage ohne Berichte von oben vorbei, so dass ich das Warten nicht mehr ertrug und Dĕlahit am 22. nochmals an den Blu-u schickte. Meine Malaien bereiteten indessen Kleider und Waffen zur Reise vor, augenscheinlich waren sie also von dem Zustandekommen derselben überzeugt, was auf mich, der ich nie sicher war, von den Eingeborenen die volle Wahrheit zu hören, sehr ermutigend wirkte. In diesen Tagen brachte mir auch Midan aus Long Dĕho die Nachricht, der Kontrolleur Barth sei in Begleitung von bewaffneten Schutzleuten und anderen Gehilfen bereits in Udju Tĕpu angekommen. Nach dem Bericht einiger von oberhalb der Wasserfälle bei uns einkehrender Kahajan-Dajak war Kwing Irang mit seinen Leuten in der Tat abgereist, aber bei seiner Ankunft in Lulu Njiwung war dort gerade ein Mann gestorben und noch nicht begraben, ein schlechtes Vorzeichen, das ihn zur Rückkehr nötigte.
Die Kĕnja von Taman Ulow zwang ich zum geduldigen Ausharren durch die Belohnung, die ich ihnen versprochen hatte, und die Tauschartikel, mit denen ich ihren Rotang bezahlen wollte. Sie unterhielten sich bei uns ausgezeichnet und die beiden Landstreicher assen sich wieder dick, nur waren sie wie wir durch die ständigen Reisehindernisse sehr enttäuscht und sprachen daher öfters den Wunsch aus, allein voraus zu fahren. Einige wollten gern weiter unten am Mahakam Rotang suchen, was ich nicht zulassen konnte, da die Kĕnja dort wegen der letzten Kopfjagden, die ihre Stammesgenossen verübt hatten, nicht sicher waren.
Sobald sie merkten, dass sich unser Aufenthalt im Lager dem Ende nahte, beschlossen sie, der Seele eines Kameraden, der auf einer früheren Reise im Kiham Burung aus dem Boot geschleudert worden und ertrunken war, ein grosses Opfer zu bringen. Letzteres sollte in einem Packen Kattun bestehen, um den sie mich baten, und den sie mit langen Holzspähnen verzierten. Mit Rücksicht auf die reichlich zur Verfügung stehende Zeit wurde das Opfer diesmal nicht wie gewöhnlich im Vorüberfahren mit etwas Salz in einem Korbe an einen niedrigen Strauch gehängt. Sie wählten einen hohen, kerzengerade neben unserem Lager auf dem Ufer sich erhebenden Baum aus, der unten seiner Dicke wegen nicht bestiegen werden konnte und dessen unterster Ast sich hoch über dem Erdboden befand. Sie suchten diesen, nach Art der Punan, von einem benachbarten, leichter zu erklimmenden Baume aus zu erreichen. Zu diesem Zwecke bauten sie im Gipfel des Hilfsbaumes eine Plattform, warfen von dieser aus einen an einen dünnen Rotang befestigten Stein über den betreffenden Ast des anderen Baumes und zogen dann eine vorher hergestellte lange Rotangleiter erst bis zum Ast, dann halb über diesen hinüber, so dass ein Mann hinaufzuklettern wagte. Dieser brachte nun von Ast zu Ast einfache Rotangleitern oder auch Rotangkabel an, an denen er bis an die Stelle hinaufstieg, wo der Stamm selbst zum Klettern dünn genug war. Sämtliche Äste wurden darauf weggehackt, eine kleine Krone am höchsten Gipfel ausgenommen, unter welcher das verzierte Kattunbündel (sang) aufgehängt wurde. Dieses Geschenk sollte die Seele des Verunglückten angenehm stimmen und bei Amei Tingei im Himmel ein guter Fürsprecher für sie sein.
Ins Auge springend war der verschiedene Grad von Geistesentwicklung und Geschicklichkeit, den die Kĕnja bei dieser Beschäftigung äusserten; während der eine angab, wie alles vor sich gehen und der sang beschaffen sein musste, befand sich unter den Neun nur ein einziger, der diesen Baum zu erklimmen und dann alle Äste abzuhacken wagte. Wir benützten die Gelegenheit zum Messen des Baumes; seine Höhe betrug 55 m. Als Arbeitslohn und Zerstreuung für uns alle gab Demmeni abends eine Vorstellung mit seinem Grammophon, der stets die Bewunderung und Heiterkeit unserer braunen Reisegesellen erregte; besonders wenn er Lachen zum besten gab, brach auch die ganze Gesellschaft in schallendes Gelächter aus. Wegen der äusserst feuchten Atmosphäre in unserem Lager litten die Tonplatten durch den Stift, so dass wir nur selten diese Vorstellungen zu geniessen wagten.
Nach drei Tagen Regen und Hochwasser kam Dĕlahit endlich am 28. Juli mit der Meldung, dass Kwing Irang mit Gefolge bereits seit 4 Tagen in Long Kawat oberhalb des Kiham Hida kampierte, weil er die Fälle des hohen Wasserstandes wegen nicht passieren konnte. Er liess mich jedoch um Arzneien für seine Schwester Bo Uniang, die in Long Tĕpai schwer krank lag, und um Mittel gegen Fieber für sich selbst bitten, die ich ihm denn auch sogleich sandte.
Am 1. August, nachdem das Wasser gefallen war, erschien Kwing Irang endlich mit 50 seiner Leute und einem Boot mit Pnihing von Long Kup in unserem Lager. Bĕlarè war noch nicht mitgekommen und die Leute aus Long Tĕpai konnten ebenfalls nicht kommen, falls Bo Uniang starb, was Kwing für sehr wahrscheinlich hielt. Er war denn auch nicht bei der Schwester geblieben aus Furcht, durch ihren Tod von der Reise abgehalten zu werden; letzteres wollte er nicht nur meinetwegen vermeiden, sondern auch seiner jungen Männer wegen, die sich nach dem so lange aufgeschobenen Zuge sehnten. Die Kajan hatten sich nur mit ihrem notwendigsten Gepäck über die Fälle gewagt und ihren Reis in Long Kawat gelassen; das starke Sinken des Wassers gestattete ihnen jedoch bereits am folgenden Tage, alle Vorräte herunter zu schaffen.
Am selben Tage sandte ich zum letzten Mal Postsachen und zwei Koffer nach Long Dĕho; erstere sollten mit der ersten Gelegenheit von den Händlern zur Küste gebracht werden, letztere bei Lĕdjü Adjāng aufbewahrt bleiben. Gleichzeitig sollten meine Leute Bang Jok Kwing Irangs Ankunft und unsere baldige Abreise melden. Auch die Kajan und Pnihing waren endlich von der Notwendigkeit eines schnellen Aufbruchs überzeugt, weil Kwing, im Fall dass seine Schwester starb, sicher von den Dorfbewohnern abgeholt werden würde; sie hatten denn auch unten bei unserem Lager nur sehr primitive Hütten aufgeschlagen. Sehr erfreut waren sie über die Anwesenheit der Kĕnja, besonders jetzt, wo die Long-Glat von Long Tĕpai, die einzigen, die den Weg nach Apu Kajan kannten, wahrscheinlich nicht würden mitreisen können. Ich bereitete die Kĕnja auch sogleich auf ihre künftige Führer- und Gesandtenrolle vor und entschädigte sie reichlich für die lange Zeit, die sie bei uns ausgeharrt hatten; diese Freigebigkeit durfte ich mir jetzt gestatten, weil ich die Tauschartikel ursprünglich für einen einjährigen Aufenthalt bei den Kĕnja berechnet hatte und ich jetzt, nach einer Abmachung mit Kwing, nicht über zwei Monate bei ihnen bleiben sollte. Auch die beiden Kĕnja, deren Rotang ich gekauft hatte, waren von meiner Freigebigkeit entzückt.
Abends wurden in einer Beratung Pläne entworfen, über die wir uns bald einigten, da jeder für rasches Weiterkommen war. Sowohl der Schnelligkeit wegen als um mit dem Zug einen Anfang gemacht zu haben, bevor Kwing von Long Tĕpai aus abgeholt werden konnte, wurde beschlossen, dass die Malaien bereits am 3. August morgens Koffer und Blechgefässe mit Salz so weit als möglich den Boh hinauftransportieren und dann abends zurückkehren sollten, was auch geschah. Ferner sollten wir nicht gemeinschaftlich, sondern etappenweise den Zug ausführen, weil unser Gepäck sehr umfangreich war und auch die Bahau selbst sehr viel Reis und Tauschartikel mit sich führten. Den einen Tag sollten die Bootsleute so viele Sachen als möglich an einen geeigneten Lagerplatz vorausschaffen und dann wieder zu uns zurückkehren, den anderen sollten wir mit ihnen bis zu dieser Stelle den Fluss hinauffahren. Die Kĕnja sollten in Gesellschaft von 6 Kajan direkt nach Apu Kajan vorausreisen, um unsere Ankunft dort zu melden, auch beauftragte ich sie, sehr sorgfältig durch Zeichen an den Mündungen die Flüsse anzugeben, die wir hinauffahren mussten, damit wir uns in dieser Wildnis nicht verirrten.
Taman Ulow liess sich sehr ausführlich einschärfen und mehrmals wiederholen, was er seinen Häuptlingen als Grund für meinen Besuch angeben sollte. Ich hatte mir bereits seit langem vorgenommen, meine Reise damit zu motivieren, dass ich die in der letzten Zeit zwischen den Kĕnja und Mahakambewohnern wegen der Kopfjagden und hauptsächlich wegen der Ermordung von Bui Djalongs Enkel entstandenen Feindseligkeiten durch Unterhandlungen aus dem Wege räumen wollte. Die übrigen politischen Resultate, die unsere Expedition bezweckte, sollten sich dann während unseres Aufenthaltes von selbst ergeben. Kwing Irang war von diesem neutralen Reisemotiv, das häufig auch die Bahauhäuptlinge zu weiten Zügen veranlasst, sehr eingenommen.
An dem Ernst, mit dem die Bahau über das Geschenk, das ich dem Oberhäuptling Bui Djalong geben sollte, diskutierten, merkte ich ihre Besorgnis um den Verlauf der Reise. Augenscheinlich hatten sie über diese Frage bereits lange allein unterhandelt, denn Kwing Irang erklärte mir sehr bestimmt, dass mein Geschenk an Bui Djalong überhaupt nur in einem Sklaven bestehen dürfe, auch habe er bereits einen solchen in Long Tĕpai zu meiner Verfügung, den einige Kahajan-Dajak vor kurzem einem dortigen Häuptling verkauft hatten.
Ich kannte das Individuum sehr gut, hatte aber bisher nicht gewusst, dass es kein eingeborener sondern ein missachteter Kaufsklave war, den man für 240 fl abtreten wollte. Dieser Sklave sollte mit einigen Männern aus Long Tĕpai an unserer Reise teilnehmen, ohne von seinem Verkauf und dem Zweck desselben etwas zu ahnen; bei unserer Ankunft am Kajanfluss sollte ich ihn dann Bui Djalong zum Geschenk übergeben und in Apu Kajan zurücklassen. Dieser edle Plan fand bei mir jedoch gar keinen Beifall, obgleich auch Taman Ulow versicherte, sein Häuptling würde ein derartiges Geschenk sehr zu schätzen wissen. Ich erklärte mit Nachdruck, dass wir Europäer nicht gewohnt seien, Menschen zu Sklaven zu machen und ich nur dann den Sklaven kaufen wollte, wenn dadurch die ganze Tawang-Angelegenheit aus dem Wege geräumt und der Sklave an Statt des ermordeten Enkels in die Familie von Bui Djalong aufgenommen werden würde. Wie meine Ratgeber aussagten, wird aber solch ein Sklave, wenn bei den Unterhandlungen vorher nicht eine bestimmte Abmachung getroffen worden ist, an Stelle des Ermordeten getötet, und so konnte vorläufig von der Mitnahme eines Sklaven keine Rede sein. Für Kwing Irang bedeutete meine Ablehnung eine harte Enttäuschung; er schien seine Angst vor einem Fehlschlagen unseres Zuges hauptsächlich in dem Gedanken an ein derartig kostbares Geschenk überwunden zu haben. Ich schärfte ihm jedoch meinen Abscheu vor einer solchen Handlung so gründlich ein, dass er den Gegenstand nicht mehr zu berühren wagte. Da ich wusste, welch einen hohen Wert gute Gewehre bei den Kĕnja besitzen, schlug ich nun meinerseits vor, Bui Djalong eines unserer guten Beaumontgewehre mit einem reichlichen Vorrat an Patronen als Geschenk anzubieten, obgleich ich der Einführung von Feuerwaffen bei den eingeborenen Stämmen nicht gern Vorschub leistete. In diesem Fall schwanden aber meine Bedenken wegen der Wichtigkeit der Angelegenheit, und dass ich mit meinem Vorschlag das Richtige getroffen, ging aus dem Eifer hervor, mit dem Taman Ulow auf ihn einging; dies bewog auch Kwing Irang zuzustimmen. Zwar kam er später nochmals auf seinen Vorschlag zurück, aber ich blieb bei meinem Beschluss.
Am frühen Morgen des 3. August fuhren alle meine Malaien und die Kĕnja mit einer grossen Menge Gepäck den Boh aufwärts, während die Kajan noch den Rest ihrer Sachen vom Kiham Hida nach unserem Lager schafften. Abends sollten sich die beiden Gesellschaften jedoch wieder bei uns vereinigen. Gegen Mittag desselben Tages meldeten uns zwei Personen aus Long Tĕpai den Tod von Bo Uniang, den wir jeden Augenblick erwartet hatten. Das Herz klopfte mir im Gedanken an eine Vereitelung meines Zuges im letzten Augenblick; Anjang Njahu, der mich nach Kwing Irangs Hütte abholen kam, gab mir jedoch im Geheimen zu verstehen, dass sein Häuptling selbst nicht nach Long Tĕpai zurück wolle, dass er aber des ungünstigen Eindrucks wegen, den es auf das Volk machen würde, seinen Wunsch nicht durchsetzen könne und ich ihn daher gleichsam mit Gewalt zurückhalten müsse, indem ich auf mein langes Warten, auf die bereits getroffenen Vorbereitungen u.s.w. hinweise. Gegen diesen Vorschlag hatte ich nichts einzuwenden und so liess ich mir ruhig von den Boten berichten, dass Bo Uniang bereits seit langer Zeit an einer Bauchkrankheit gelitten hatte und zuletzt, wohl auch infolge der vielerlei schlechten Arzneien, welche Dajak, Malaien und Chinesen sie der Reihe nach hatten schlucken lassen, gestorben war. Die Boten waren nur mit der Verkündigung der Todesnachricht beauftragt und versuchten nur sehr schüchtern, Kwing Irang zurückzuhalten; sie fuhren auch sehr bald weiter nach Long Dĕho. Von diesem Dorfe aus hatte man mir sagen lassen, dass man mir 2–3 Tage später ein Boot mit vollständiger Bemannung nachsenden wolle, aber Midan, der Überbringer dieses Berichtes, erklärte, die vornehmsten Long-Glat hätten sich so sehr dem Spiel ergeben und jeder litte so stark an Nahrungsmangel, dass an eine Ausführung des Planes in nächster Zeit nicht zu denken sei.
Durch plötzlich eingetretenes Hochwasser aufgehalten kam die eigentliche Gesandtschaft erst 2 Tage darauf, um Kwing Irang offiziell nach Long Tĕpai zurückzurufen. Zum Glück hatte ich bereits morgens, laut unserer Vereinbarung, die Kĕnja in Gesellschaft von 6 Kajan in 2 Böten endlich den Boh hinauffahren lassen, um unsere Ankunft in Apu Kajan zu melden. Vorher hatte Taman Ulow nochmals in Kwing Irangs Gegenwart deutlich von mir hören wollen, was er Bui Djalong als Begründung meiner Reise angeben solle, wobei ich kurz das “nĕmè (Verbesserung) urib” (des Bestehens) der Bevölkerung am Mahakam und Kajan betonte, augenscheinlich zu beider Zufriedenheit. Zum Abschied musste ich Ulow noch ein Kopftuch und seinen Gefährten ein Stück rotes, golddurchwirktes Zeug schenken, wie er sagte: “nĕnè kĕnap dĕha njām” “zur Verbesserung der Stimmung seiner jungen Mitgesellen.” Taman Ulow selbst war übrigens über sein Extrageschenk ebenso glücklich wie seine Genossen.
Der Gesandte von Long Tĕpai war niemand Geringeres als Bo Tijung, der vornehmste Dorfälteste, der mit seinen Begleitern in Kleidung, Haltung und Stimme die tiefste Trauer ausdrückend über die letzten Ereignisse in Long Tĕpai ausführlich berichtete und sich dann in eingehende Betrachtungen über das, was “man” von Kwing erwartete, was die adat verlangte und dergleichen mehr vertiefte. Alles lief darauf hinaus, dass Kwing Irang zurückkehren und das Begräbnis seiner Schwester mit besorgen helfen müsse, wobei man mir das glänzende Vorbild von Bo Lĕdjü Aja vorhielt, der auf die Nachricht vom Tode seiner Schwester hin von seiner angetretenen Kopfjagd nach dem Barito ebenfalls heimgekehrt war. Obgleich ich in den letzten Tagen bereits gehört hatte, dass zwischen Kwing Irang und Bo Tijung im Lager von Long Kawat bereits alle Massregeln für einen eventuellen Tod der alten Bo Uniang getroffen worden waren, ging ich auf die Komödie doch ernsthaft ein. Seitens der Long-Glat waren die Vorstellungen vielleicht doch wirklich ernst gemeint, weil sie selbst jedenfalls nicht mitdurften, was für sie eine grosse Enttäuschung bedeutete, und sie Kwing Irang überdies nicht die Ehre gönnten, als erster und mit mir die Reise zu den Kĕnja zu unternehmen. Sie zeigten sich denn auch nicht zufriedengestellt mit meiner Bemerkung, ein so grosser Häuptling, wie Kwing Irang, dürfe nicht wie ein gewöhnlicher Mensch dem Zug seines Herzens folgen, sondern müsse sich überwinden, wenn es wie hier im Interesse aller Mahakambewohner eine wichtige Reise zu unternehmen gelte. Wohl gab Bo Tijung dies alles zu und bestätigte die Notwendigkeit unseres Unternehmens, doch wiederholte er auf die verschiedenste Weise, was die adat bei solchen Gelegenheiten verlangte und wie man ihr früher gefolgt sei. Ich musste ihm denn auch deutlich machen, dass ich es ihnen allen sehr übel nehmen würde, falls Kwing, zurück ginge, nachdem ich so viele Monate auf ihre adat und alle ihre Hindernisse Rücksicht genommen hatte, auch äusserte ich meine Verwunderung über die geringe Einsicht, die er an den Tag legte. Gegen diesen Vorwurf hielt Bo Tijung nicht stand und behauptete, dass er die Verhältnisse selbst sehr gut einsehe, dass es aber seine Pflicht sei, mir die Ansicht der Leute auseinanderzusetzen.
Während unserer ganzen Unterhaltung sagte Kwing nur sehr wenig, doch erklärte er sich zum Schluss, falls ich so fest auf seinem Bleiben bestehe, geneigt, mit den Boten von Long Tĕpai über das Begräbnis seiner Schwester zu beratschlagen. Mit dieser Erklärung zufriedengestellt eilte ich nach meinem Zelt zurück. Als ich abends, nach der Abreise der Long-Glat, den braven, alten Kwing nochmals besuchte, äusserte er sich über seinen Beschluss, am Reiseplan festhalten zu wollen, sehr befriedigt. So wurden denn die letzten Vorbereitungen zu unserer eigenen Abreise getroffen.