VI.

Das ist der Mann, dessen Biographie ich veröffentliche; das ist sein Leben inmitten der Hilfsmittelchen, mit denen die Gesellschaft sich einbildet, sich selbst verteidigen und verbrecherische Neigungen unterdrücken und sogar bessern zu können.

Aber anstatt Betrachtungen anzustellen, will ich eine andere Seite seiner Individualität aufschlagen, ich meine die physische und psychische Darstellung seiner Person. Und dazu gebe ich einem Manne das Wort, der dazu besser berufen ist als ich, dem Professor Silvio Venturi, welcher mit wissenschaftlicher Genauigkeit die besonderen Charakteristika des M… darlegen wird.

Physische Untersuchung.

Wenige Tage nach der Einlieferung des M… in die Irrenanstalt zu Girifalco schritt ich zu einer eingehenden Untersuchung, die folgendes Resultat ergab.

Allgemeiner Befund: Kräftiger Knochenbau, starkes Fettpolster, Dolicocephale, Haar etwas spärlich, dunkelbraun, ab und zu mit weißen Fäden durchzogen; ziemlich hohe Stirn mit Längs- und Querfurchen. Die Ohren gut gewachsen, aber leicht henkelförmig, Gegenleisten kaum vorhanden, mit Spuren des Darwin'schen Höckers. Die Augen in gleicher Höhe, im linken Auge eine Nickhaut, Conjunktiva normal. Augenbrauen normal, rechts stärker geschwungen als links. Das Wangenjochbein tritt wenig hervor, weil mit Fettpolster bedeckt, der Gesichtsausdruck ist schlaff und welk. Die Zähne sind unterbrochen. Am Daumen der linken Hand eine Narbe, die von einem schneidenden Werkzeug herrührt, ebenso eine in der Leistendrüsengegend. Mehrfache Tätowierungen, auf dem rechten Arm: ors fuduli, auf der Brust: a morte l'infame (Tod der Schmach), auf dem linken Arm V und K, auf dem Rücken der rechten Hand O und F.

Diameter ant. post. maximusmm191
Diameter transversalis"153
Kopfindex"80
Horizontaler Umfang"550
Vorderer (halber) Umfang"275
Hinterer (halber) Umfang"275
Curva longitudinalis"300
Curva transversalis"220
Diameter bifrontalis minimus"95
Stirnhöhe"60
Gesichtshöhemm127
Diameter bizigomaticus"115
Gesichtsindex"30
Größem1,56
Weite der ausgestreckten Arme"1,58
Brustumfangcm85
Linea jugulo-xifoidea"16
Linea xifo-umbilicalis"25
Linea umbilico-pubica"15,05
Linea biiliaca"29
Länge des Oberschenkels"68,05
Länge des Unterschenkels"30
Körpergewichtkg75,00

Kurzer dicker Hals – die fossae ober- und unterhalb des Schlüsselbeins mit Fettpolster bedeckt – breite Brust, die interkostalen Zwischenräume wenig sichtbar. – Ausatmung auf beiden Seiten der Brust gleichmäßig – Anzahl der Atmungen siebzehn in der Minute. Bei Perkussion und Auskultation der Brust ist weder vor noch nach der Atmung etwas Abnormales zu bemerken.

Blutumlauf: Herzdämpfung von normaler Größe – Herztöne rein – regelmäßiger und kräftiger Pulsschlag – normale Funktion der Arterien.

Verdauungsapparat: Zunge rein und feucht. – Ab und zu leidet er an Schmerzen in den Eingeweiden. – Stuhlgang regelmäßig. – Bauch weich und unempfindlich gegen Druck.

Geschlechtsapparat: Geschlechtsorgane normal – große Hoden. Die Untersuchung des Urins ergiebt folgendes Resultat: strohgelbe Farbe – saure Reaktion – Eiweiß und Zucker nicht vorhanden – kohlensaure Salze in geringer Menge – alkalische und erdige Phosphate in normaler Menge – Chloride ziemlich selten. – Bei mikroskopischer Untersuchung erscheinen keine organischen Gebilde.

Leberdämpfung von normalem Umfang, indolent.

Milzdämpfung normal.

Vasomotorische Erscheinungen: Die hyperhämischen Linien des Trousseau'schen Phänomens zeigen sich rasch und dauernd auf der Brust wie auf dem Unterleib.

Wärmeerzeugung normal.

Sensibilität:

Tastgefühl: Er fühlte die beiden Punkte des Aethesiometers als zwei

aufderStirnrechtsinderEntfernungvon42mm
"""links""""37"
""Schulterrechts""""86"
"""links""""72"
""Brustrechts""""89"
"""links""""82"
"demUnterleibrechts""""77"
"""links""""63"
""Schenkelrechts""""73"
"""links""""69"
"derZungerechts""""39"
"""links""""50"

Ortssinn: Wenn man ihn an verschiedenen Punkten des Kopfes und der Brust berührt, so vermag er den Punkt anzugeben; auf dem Unterleib ist eine Differenz von 4–5 cm vorhanden.

Schmerzempfindung: Einen einfachen Stich empfindet er in verschiedenen Körpergegenden gleich gut.

Wärmeempfindung: Er faßt rasch und sicher die Wärmeunterschiede verschiedener Gegenstände.

Sehvermögen: Auf dem rechten Auge normal, auf dem linken vermindert. – Farbensinn normal.

Gehör: Auf dem rechten Ohr hört er das Ticken der Uhr nicht, selbst wenn sie ihm direkt an das Ohr gelegt wird, auf dem linken nur in einer Entfernung von 15–20 cm.

Geruch: Scheint nicht beeinträchtigt.

Geschmack: Bei Experimenten mit Chinin und Chlornatron konnte er den Geschmack nicht angeben. – Bei Chinin sagte er nach verschiedenen Versuchen: Diese Substanz scheint mir einen bitteren Geschmack zu haben.

Von Zeit zu Zeit leidet er an Bauchschmerzen.

Abnormale subjektive Sensationen: Er klagt oft über Schwindel und heftigen Kopfschmerz – in der linken Schläfe empfindet er auf einem Raum von der Größe einer Hand oft ein Kribbeln, und es scheint ihm, als ob die Haare sich daselbst sträuben.

Bewegungen.

Der Gang ist im Ganzen regelmäßig. Jede willkürliche Bewegung geschieht leicht und vollständig.

Die Pupillen sind zentral und rund, reagieren gut, aber nicht gleichmäßig auf Licht- und Schmerzreiz; die linke rascher als die rechte. Zunge und Lippen ruhig, starkes Zittern der Hände.

Reflexivbewegungen: Unterleibreflex normal; Hodenmuskelreflex rechts stärker als links, Kniescheibenreflex lebhaft.

Dynamometer: r. H. 35; l. H. 35; beide Hände 45.

Psychische Funktionen.

Psychosensorielle Erscheinungen: Die Wahrnehmung ist in der Periode der Ruhe normal. Im Augenblick der Erregung scheint er Sinnesstörungen unterworfen, er sieht seine Feinde, die ihn bedrohen und beleidigen.

Gedankengang: Wenn er ruhig ist, regelmäßig; in der Erregung zeigt er fieberhafte und verworrene Verfolgungswahngedanken. Er spricht allein gegen die vermeintliche Ursache seiner Leiden, schimpft, schreit und flucht; lebhafte Einbildungskraft, gutes Gedächtnis. Er erinnert sich an alle Einzelheiten seines Lebens, nur wenn man ihn nach seinen Verbrechen fragt, will er sich nicht erinnern oder sie in einem Augenblick begangen haben, wo er sich selbst nicht kannte. Aufmerksamkeit rasch und lebhaft.

Stimmung: Gewöhnlich trübe, nachdenklich; fragt man ihn nach seinen Verbrechen, so wird er zerknirscht, stützt den Kopf und weint. Er denkt liebevoll seiner Familie und sagt, daß um seinetwillen Weib und Kinder werden betteln gehen müssen.

Willen und Instinkt: Er ist gelehrig, höflich, fleißig. Er verkehrt mit den ruhigeren seiner Gefährten und verträgt sich mit den andern. Wenn ihn die gewöhnlichen Anfälle überkommen, ist er heftig, sonst ruhig. Der Fortpflanzungstrieb ist normal; er ist ein starker Onanist.

Bewußtsein: Er weiß, daß er im Irrenhaus ist, und auch, daß er beobachtet wird, um zu ermitteln, ob er irrsinnig ist. Er empfiehlt sich der Gnade seiner Vorgesetzten und versucht sie auf alle Weise zu überzeugen, daß er sein Verbrechen in einem Augenblick des Wahnsinns vollbrachte.

Sprache und Schrift: Er spricht rasch, gut und ziemlich formvoll, ebenso wie er leicht und eindringlich schreibt, abgesehen von den Fehlern, die von seinem geringen Bildungsgrad herrühren. Er macht Gedichte von derbem und oft hochfliegendem Inhalt in sorgfältiger Form. Die Stimme hat tiefe und kräftige Färbung.

Gesichtsausdruck: Rundes volles Gesicht wie ein Fettkrämer. Die Augen hält er immer niedergeschlagen; wenn er erregt wird, bewegt er alle Gesichtsmuskeln und begleitet seine Worte durch Gesten.

Schlaf und Traum: Er schläft gut und spricht nie im Traum.


M… wurde von Venturi einer mehrmonatigen Beobachtung unterworfen; ich reproduziere seine Beobachtungen während dieses Zeitraums.

Februar 1890. Die ersten vier Tage nach seiner Einlieferung war er erregt. Er sprach mit sich selbst, hauptsächlich nachts, und fluchte auf ein Frauenzimmer, das er die Ursache seines Unglücks nannte. Gefragt, weshalb er im Irrenhause sei, antwortete er: wegen einer verfluchten Sau, die mich verfolgt. Daß ich verrückt bin, sagten in Parghelia alle, aber diese Hure, meine Schwägerin, hat die Schuld. Er behauptet, sich an sein Verbrechen nicht zu erinnern. Wenn er spricht, so schüttelt er den Kopf und alle Gesichtsmuskeln geraten in Bewegung. Nach einem Tage wurde er ruhig, bat, daß man die Zwangsjacke ihm abnehmen möchte und versprach, sich gut zu führen. Er möchte in der Schneiderstube beschäftigt werden. Wurde bewilligt. Er scheint das Handwerk im Gefängnis etwas gelernt zu haben.

März 1890. Der Angeklagte giebt keine Ursache zu Tadeln, er ist höflich und fleißig. Am 11. März erwachte er schlechter Laune, sprach mit sich selbst, behauptete Stimmen zu hören und jene Frau zu sehen, die er als sein Unglück bezeichnet. Er fluchte gegen diese Frau, knirschte mit den Zähnen und bedrohte sie. Er hatte es auch mit einem Hauptmann zu thun, den er nicht nennt, und der ihm zu drei Jahren Gefängnis verholfen hätte. Nach fünf Stunden der Erregung mit anscheinenden Hallucinationen beruhigte er sich. Später erklärte er auf Befragen, daß er starkes Kopfweh habe, und behauptet, sich an nichts zu erinnern. Nachher bat er um Entschuldigung, wenn er vielleicht jemand beleidigt haben sollte. Am 12. ging er wieder in die Werkstatt.

April 1890. Immer ruhig, höflich, antwortet verständig auf alle Fragen; hatte keinen Anfall mehr. Heimlich schrieb er einen Brief, den er durch einen anderen Kranken, der das Zutrauen der Vorgesetzten besitzt, einer Person seiner Heimatstadt, die seine Familie kennt, zustellen lassen wollte. Auch ein Brief an seine Frau war dabei, in dem er ihr empfahl, guten Mut zu haben, denn er sei zufrieden mit seinen Vorgesetzten. Er bat um etwas Geld, um sich Zigarren zu kaufen. Dann fügte er hinzu: »Sei unbesorgt und denke, daß ich bald komme. Du weißt, was ich Dir mitteilen will. Ich küsse Papa und Mama die Hand, und lasse die Verwandten grüßen. Ich küsse und segne meine Kinder, grüße Vetter S… Ich umarme Dich.«

Am 14. gegen Abend war er sehr schlechter Laune; er sprach mit sich selbst wie gewöhnlich, so daß man ihn nachts allein unterbringen mußte; er fluchte gegen die bekannte Frau, schlief sehr wenig. Am 15. war er niedergeschlagen, promenierte auf dem Hof, weinte, sagte, daß sein Nervensystem in Aufregung sei und daß er Ruhe brauche. Er schien innerliches Fieber zu haben. Das Schreien und Lärmen der Gefährten verletzte seine Nerven; gegen Mittag wurde er wieder ruhig und verlangte nach Arbeit.

Am 13. April wurde er aufgefordert, die Einzelheiten des versuchten Brudermordes niederzuschreiben; anfangs wollte er nicht, dann, nachdem man ihm gesagt hatte, daß es ihm von Nutzen sein könnte, ließ er sich dazu bereit finden.[2] – Mitten im Schreiben warf er die Feder weg, und fing an zu schreien und zu fluchen, und Bruder, Schwägerin und Verwandte zu bedrohen und zu verwünschen. Man mußte ihn unschädlich machen. Auf mehrmaliges Rufen antwortete er nicht; endlich kam er herein und sagte, daß er es mit den Spilingoten zu thun hätte, mit denen er sich schlagen wollte.

Später wurde er ruhiger, zu Mittag wies er das Essen zurück. Er sagte, daß er von den Schlägen, die er bekommen hatte, vollständig gebrochen sei und große Schmerzen leide.

Dem Arzt gegenüber beklagte er sich über die Behandlung. Sie, sagte er, lassen mich prügeln, daß es eine Art hat, während ich mich um meine Angelegenheiten kümmere; aber Sie werden es bereuen. Später wurde er ruhig wie gewöhnlich und behauptete auf Befragen, sich an nichts zu erinnern, bat auch um Entschuldigung, wenn er jemand beleidigt haben sollte.

7. Mai. Er wurde von neuem genau untersucht, aber keinerlei Veränderungen wahrgenommen.

Man sagte ihm, daß er den Kopf eines Poeten habe; er antwortete rasch: Was nützt die Poesie? Dante starb in der Verbannung, Tasso im Hospital. Er erinnerte sich an alle Einzelheiten seines Lebens, nur sagte er, daß ihm die Umstände nicht gegenwärtig seien, welche zu dem Mord, den er in seinem 17. Lebensjahr begangen hatte, führten.

17. Mai. Immer ruhig. Gestern beleidigte ihn ein Leidensgefährte, er prügelte ihn durch. Er wurde bestraft, aber war nicht empört darüber. Seit einigen Tagen sucht er einen Gefährten zur Flucht zu überreden. Auf Fragen antwortet er zusammenhängend, spricht gut von seinen Vorgesetzten, von denen er, wie er sagt, gut behandelt wird, erinnert sich genau an die Einzelheiten seines Lebens; wenn man ihm eine von ihm gehaßte Person nennt, stößt er Flüche und Verwünschungen aus. Er arbeitet in der Schneiderstube und führt sich gut.

Juni 1890. Betragen wie gewöhnlich; höflich, dienstfertig, gehorsam; er ist es zufrieden, im Irrenhaus zu bleiben, wenn seine Vorgesetzten es wollen. Er verlangt Lektüre, versucht zu dichten, aber klagt selbst, daß ihm die dichterische Ader und der Schwung fehlt. Er versucht, die Vorgesetzten sich geneigt zu machen und sie zu rühren, indem er sagt, daß seine Familie ohne ihn betteln gehen müsse. Er schrieb einen langen Brief an seine Frau, in dem er sich zufrieden und ergeben zeigt. Eines Tages verlangte er ein Blatt Papier und schrieb einen Vers aus Dante: und einen halb rhetorischen, halb wahnsinnigen Entwurf: »Der Gedanke«.

Juli 1890. Er arbeitet fleißig in der Schneiderstube, und sein Benehmen ist in jeder Beziehung untadelhaft. In Worten und Briefen lobt er die Vorgesetzten, daß sie Mitleid mit einem armen Unglücklichen haben. Seiner Frau schreibt er, unbesorgt zu sein und zu hoffen. »Sorge für das Wohl unserer Kinder und achte darauf, daß ihnen kein Schaden zustößt.« »Ich empfehle Dir,« sagt er ein anderes Mal, »immer heiter zu sein und Dich mit Mut und Ergebung zu wappnen,« und er prophezeit ihr eine glückliche Zukunft. Er ist mit Allem und mit Allen zufrieden und verlangt und wünscht nichts. –

Damit schließt die Beobachtungsperiode des M…

Diagnostische Erwägungen.

Nachdem so die Persönlichkeit des Antonino M… dargestellt ist, nachdem auch seine physische Beschaffenheit mit Rücksicht auf die körperliche Entwickelung und die Funktionen des vegetativen Lebens genau untersucht ist, nachdem alles in Erwägung gezogen ist, was während der Zeit, wo er in Observation war, in die Erscheinung getreten ist, wobei keine Gelegenheit und kein Mittel unbenutzt gelassen sind, um normale Veranlagung und krankhafte Neigungen zu entdecken, werden wir jetzt alles darlegen, was zu einem diagnostischen Urteil über den Geisteszustand des M… führen kann.

Wir fanden bei Antonino M…:

  1. Erbliche krankhafte Veranlagung. Wir wollen auf die Mitteilungen über diesen Punkt kein Gewicht legen, da sie von der Ehefrau des M… herstammen, die an der Verteidigung interessiert ist. Dennoch ist eine Wahrscheinlichkeit vorhanden. Wie wir später sehen werden, läßt sich der krankhafte Charakter des M… als ein Komplex von Anomalien der Entwickelung darstellen, der nicht individuellen Ursprung haben kann, sondern ihm von seiner Familie überkommen sein muß, insofern er nämlich, abgesehen davon, daß er sie schon in sehr jugendlichem Alter zeigt, einen angestammten Mangel an dem Halt zeigt, vermittelst dessen Leute aus gesunden Familien gewöhnlich zum Gleichgewicht der geistigen Kräfte und der Nervenfunktionen gelangen.
  2. Gewohnheitsmäßigen Hang zum Verbrechen. M… hat von seinem 18. Jahr bis heute in einer ununterbrochenen Kette von Verbrechen gelebt, die ohne Ausnahme alle nicht durch genügende, der Gesamtwirkung entsprechende Motive erklärt sind.
  3. Deshalb ist kein Zweifel, daß man in M… eine Disposition zum Verbrechen annehmen muß, die an seine Konstitution gebunden ist. Es giebt keinen Fall, an dem man besser zeigen kann, daß es Verbrecher giebt, die es erst durch natürlichen Hang zum Verbrechen geworden sind. Das zeigt auch die Erwägung, daß er eine gewisse Art von Verbrechen und keine anderen begeht; in seiner Persönlichkeit ist immer das Movens zu einem Verbrechen gegeben, er findet in jeder gegebenen Bedingung der Umgebung oder der Gesellschaft einen Anlaß, mit Gewaltthätigkeiten, Aufruhr und Blutthaten zu antworten, und er kann deshalb aus den verschiedensten Gesichtspunkten als der prägnanteste Typus des antisozialen Menschen bezeichnet werden. Strafen, Leiden, Vorwürfe, Entfernung vom Vaterland und den Angehörigen hatten keinen Einfluß auf die Ausbrüche seiner Natur. Er war und ist eine Gestalt des instinktiven Verbrechers, aus der Klasse der unmoralischen blutdürstigen Verbrecher. Ich hebe die bemerkenswerte Thatsache hervor, daß M… keinen Hang zum Diebstahl gehabt zu haben scheint. Unter den geborenen Verbrechern, den krankhaften Produkten individueller Entwickelung oder konstitutioneller Krankheit muß man mehrere Typen unterscheiden, welche gemeinsame und verschiedene Charakterzüge haben, die die Grenze zwischen den einzelnen bezeichnen, ohne deshalb die Thatsache auszuschließen, daß in demselben Individuum ein gemischter Typus auftreten kann. Nach den Ermittelungen hervorragender Kriminalisten sondern sich die Diebe von den Mördern und den Verbrechern gegen die guten Sitten, welche letztere auch Mörder und Diebe sein können, aber die Unterscheidung zwischen den beiden ersteren ist häufiger. Das entspricht mit großer Deutlichkeit dem klinischen Typus, den M… als Verbrecher der zweiten Klasse darstellt. Wir sagen das, weil seine päderastischen Anwandlungen von besonderen Umständen hervorgerufen und vorübergehend waren, und nicht zu anderen sexuellen Scheußlichkeiten sich entwickelten, die sonst den Sexualperversen eigen sind. Auch die Fälschung, die er einmal beging, kann man nicht als dem Diebestypus zuzuzählen bezeichnen, denn die Absicht, in der er sie beging, war vielmehr der Ausdruck eines Mangels an moralischem Gefühl, als eine Tendenz zu den Verbrechen, zu welchen Verstellung, Vorbereitung, Zähigkeit und gemeiner Charakter gehören. Der Umstand, daß M… sich auch in seiner Straf- und Dienstzeit wiederholt über Geldmangel beklagt, ohne daß er, wenigstens soviel wir wissen, sich zum Stehlen hat hinreißen lassen, zeigt, wie sehr der besondere und unbezwingliche Hang zum Verbrechen der natürliche Effekt seiner Konstitution und nicht außerhalb seines Organismus wirkender Bedingungen war. M… zeigt, abgesehen von einer besonderen Hartnäckigkeit und einer raschen Auffassungsgabe, die ihn unter seinen Gefährten hervorragen läßt und ihm leicht die Mittel zum Verbrechen und zur Verteidigung in die Hand giebt, eine der gewöhnlichen Intelligenz der Verbrecher überlegene Intelligenz, welche seinen Geist zu Urteilen allgemeinerer Art führt, so daß er den Rohstoff zu einem Schriftsteller und Philosophen in sich trägt.
  4. M… war und ist auch besonderer Affekte des Hasses und der Liebe fähig, die an Intensität, Art und Färbung sich sehr von denen unterscheiden, welche bisweilen einen weniger unedlen Zug des gewöhnlichen Verbrechers bilden, bei dem es schon viel ist, wenn er inmitten der vielen Beweise für einen weitgehenden Mangel an moralischem Gefühl irgend eine zärtliche Neigung oder eine anscheinende Edelmütigkeit entwickelt, wenn er Personen oder Umständen sich gegenüber befindet, die sein Gelüst oder sein Interesse nicht reizen.
  5. Man weiß, in welche Übertreibung eine gewisse Bewunderung für die Affekte und den Großmut der Verbrecher, besonders der Briganten, ausgeartet ist. M… ist ein geborener Verbrecher, bei dem die Perioden, wo er wild, grausam, heftig, falsch, verworfen, zornig, hochmütig, argwöhnisch &c. &c. ist, mit anderen abwechseln, wo er weniger wild gewesen und sogar teilweise edelmütig und liebevoll ist. Deshalb muß man festhalten, daß M… als Verbrecher nicht von der Geburt allein den ganzen Umfang seiner krankhaften moralischen Disposition habe. Der geborene Verbrecher hat als krankhafte Individualität seine Analogien mit stark nervenkranken und seelenkranken Personen, bei denen die Krankheit eine Folge von Entwickelungsanomalien infolge ererbter Ursachen oder eine Folge von Einflüssen degenerierender Art ist, die sich im Verlauf des Lebens geltend machen. Insbesondere hat der geborene Verbrecher Analogie mit dem Epileptiker und dem moralisch Irren. Wir wollen sehen, worin bei M… diese Analogien bestehen.
  6. Anzeichen epileptischer Natur. Diese finden sich überall in M…'s Leben, und es genügt ganz allgemein, auf die exzessiven Zustände hinzuweisen, die immer die Handlungen und Gedanken des M… begleiteten.
  7. M… hat alle moralischen Eigenschaften der Epileptiker – er ist cholerisch, aufbrausend, ausschweifend, grausam, verleumderisch, argwöhnisch, neidisch, eitel und übertrieben im Haß und in der Liebe. Man kann sagen, daß jede gute That und jedes Verbrechen aus der einen oder der anderen krankhaften Eigenschaft seines Temperaments hergeleitet werden kann. Und wenn M… ein geborener Verbrecher ist, weil bei ihm das Verbrechen nicht nur gewohnheitsmäßig und unwiderstehlich und durch unverhältnismäßige Anlässe hervorgerufen erscheint, sondern auch, weil die Neigung zum Verbrechen mit der Entwickelung seiner physischen und psychischen Persönlichkeit wuchs, und er sie erblich überkommen hatte als Ausdruck einer unstäten und krankhaften Naturanlage, so kann man sagen, daß sein Verbrechertum sich in seinen einzelnen Zügen immer durch den Mechanismus epileptischer Momente manifestierte: M… ist ein geborener Verbrecher, der regelmäßig unter der Wirkung epileptischer Anfälle Verbrechen begeht. Er stellt mit einem Wort die Form des gewohnheitsmäßigen epileptischen Verbrechertums dar.
    1. Leicht henkelförmige Ohren.
    2. Spuren von Darwin'schem Höcker.
    3. Kurzschädel.
    4. Unterbrochene Zähne.
  8. Ein Beweis für die epileptische Natur des M… ist die Periodizität, in welcher sich sein krankhaftes Temperament äußert, indem die Zeiten, wo er ganz Zorn, Haß und Rachsucht ist, mit solchen abwechseln, wo er sanft, freundlich, milde, verliebt &c. ist.
    1. Subanästhesie des Tastgefühls am ganzen Körper, aber mehr auf der rechten Seite, mit Ausnahme der Zunge, wo sie auf der linken Seite größer ist.
    2. Verringerte Sehkraft auf dem rechten Auge.
    3. Fehlen des Gehörs auf der rechten und sehr schwaches Gehör auf der linken Seite.
    4. Sehr schwaches Geschmacksvermögen.
  9. Aber nicht nur auf Ausdrücke des Temperaments beschränkte sich die psychische Epilepsie des M…, um diese psychische Epilepsie zu bestätigen, hatte er auch zuweilen wirkliche heftige Anfälle einer epileptischen Verrücktheit. Einmal, zur Zeit der Cholera, hatte M… einen Augenblick des Deliriums, das man als eine vorübergehende Verrücktheit epileptischer Natur bezeichnen kann. Ein ander Mal wurde er zu Hause in seinem Zimmer aufgefunden als Opfer einer geistigen Störung, die bald nachher sich entfernte.
  10. In meiner Anstalt litt er dreimal an Anfällen weitergehender Verrücktheit, die heftig auftraten und sich als Störungen des Gedankenganges, Wutausbrüche, schreckhafte Hallucinationen des Gefühls und des Gehörs, Mordgelüste charakterisierten, denen Schlafsucht, Abgespanntheit, Niedergeschlagenheit und Kopfschmerz folgten.
  11. Diese Anfälle waren unzweifelhaft epileptischer Natur, weil sie sich mehrere Male wiederholten und auf der Basis eines epileptischen Temperaments und ererbter krankhafter Anlagen sich entwickelten. Abgesehen davon, daß sie im wesentlichen in schreckhaften Fiebern und Gefühlshallucinationen bestanden.
    1. Schwachen Reflex der Pupillen;
    2. Zittern der Hände;
    3. geringe dynamometrische Kraft.
  12. Veränderungen des moralischen Gefühls. Das Leben des M… ist übervoll von Verstößen gegen die Gefühle der Menschlichkeit, der Verwandtschaftlichkeit und der Gerechtigkeit. Alle seine Verbrechen stehen in keinem Verhältnis zu der Schuld des Opfers, in jedem Fall zeigte er einen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl und Mitleid. Er haßte seinen Bruder und seine Schwägerin, ohne daß er in seinen Schriften auch nur einen einzigen Grund dafür angeben kann und nur, weil er neidisch auf sie ist, die frei und ruhig leben können; während der Bruder nie seine verwandtschaftlichen Pflichten versäumt zu haben scheint. Sein Benehmen gegen seine Genossen im Gefängnis und im Heer, seine Zugehörigkeit zur Camorra zeigen seine Perversität zur Genüge. Aber auch hier greift dieselbe Ausnahme statt wie bei der verbrecherischen Natur des M…; nicht in allen Fällen und nicht allen Dingen gegenüber zeigte er den Mangel an moralischem Gefühl. Unter gewissen Umständen war er menschlich, anständig, edelmütig, und gewissen Personen zeigte er lebhafte und andauernde Zärtlichkeit. In Foggia, wo er in enger Freundschaft mit den Camorristen lebte, rettete er einen Gefährten vor der Rache der Camorra, er liebte und bewunderte den Hauptmann der Strafkompagnie, war im allgemeinen ein guter Kamerad und liebte sein Weib und seine Kinder mit seltener Kraft. Dies zeigt einerseits, daß M… nicht an einem vollständigen Mangel moralischer Gefühlt litt, der Blödsinn gewesen wäre, und andererseits beweist es zur Evidenz, daß die Veränderungen des moralischen Gefühls an die Bedingungen geknüpft waren, die ich als epileptische bezeichnet habe und die bisweilen die ganze Persönlichkeit des M… nach der einen oder anderen Richtung hin verändern. Deshalb stützen auch die Änderungen des moralischen Gefühls die Ansicht, daß der gewohnheitsmäßige Hang zum Verbrechen, der stets in ihm lebendig war, das Produkt bestimmter krankhafter Konditionen gewesen sei, die sich auf die Manifestation der epileptischen Art beziehen, welche intensive periodische Änderungen der Persönlichkeit bewirken und besondere Arten zu empfinden, zu wollen und zu handeln hervorbringen. M… ist demnach nicht der geborene Verbrecher, der Verwandtschaft mit dem Epileptiker und dem moralisch Irren hat, er ist vielmehr im wesentlichen ein Epileptiker, welcher gewohnheitsmäßig kraft der Anreizungen und der krankhaften Empfindungsart seiner epileptischen Natur Verbrechen begeht.
  13. Mit anderen Worten, in seinem Fall sind es nicht die Epilepsie oder der moralische Irrsinn, welche das angeborene Verbrechertum vervollständigen, sondern umgekehrt, das Verbrechertum und der moralische Irrsinn sind Ausdrucksweisen seiner Epilepsie.
  14. Geniale Momente. Die Lektüre der umfangreichen Schrift M…'s läßt erkennen, daß er eine lebhafte Intelligenz besitzt, die über das Mittelmaß hinausgeht und von Zeit zu Zeit zu Geistesprodukten gelangt, die genial genannt werden können. Das zeigt sich in seiner wirkungsvollen, präzisen, energischen Schreibweise, in der glücklichen Wiedergabe einer Situation durch ein einziges Wort, in einzelnen Dichtungen, in denen die kräftige und glühende Auffassung geradezu wunderbar ist. Auch darin zeigt sich wieder sein Temperament, welches in jedem Fall excessiv, gigantisch ist, und welches sich gelegentlich zu dem erhebt, was man gewöhnlich Augenblicke der Inspiration nennt.
  15. Verfolgungs- und Größenwahnideen. M… war ein Individuum, das die Dinge von hervorragend subjektivem Standpunkt ansah. Er hatte seltene Augenblicke der Ruhe, wo er bis zu einem gewissen Grad von seiner eigenen Individualität zu abstrahieren und die Dinge gerecht und billig zu beurteilen vermochte.
  16. Alle Personen, so uninteressant und unwichtig sie für sein Leben auch gewesen sein mögen, er beurteilte sie immer als Freunde oder Feinde seines Ichs. Die Vorgesetzten, Gefährten, Beamten, Wächter waren entweder sehr schlechte oder sehr gute Leute. Entweder thaten sie ihm Unbill an, oder sie erwiesen ihm Höflichkeiten. Eine solche Art zu denken und zu urteilen ist den Personen eigen, die wir erblich belastet nennen, und die nicht genügend Mäßigung und Halt besitzen, sodaß sie automatischen Handlungen und Reflexen leicht unterworfen sind. Es sind Individuen, bei denen, wenn man so sagen darf, der Wille durch eine besondere Art zu empfinden beherrscht wird, wodurch alle ihre Handlungen eine gewisse Widerstandslosigkeit bekommen. Das klare Bewußtsein läßt sie oft im Stich, wenn auch sonst Intelligenz und Urteilskraft vorhanden ist, und sie urteilen über eine Fülle von Eindrücken, die durch ihre vorschnelle, übertriebene und irrige Art zu empfinden gefälscht werden. In diesen Fällen hat das den Dingen gegenübergestellte »Ich« das ausschließliche Übergewicht, und die Dinge sind oder sind nicht, je nachdem wie dieser oder jener Empfindungsmodus in dem Individuum es bestimmt. Je nachdem, ob sie entschlossen sind, die Dinge schmerzlich oder angenehm zu erfassen, schaffen sie sich eine systematische Disposition von größerer oder geringerer Intensität, um von schwierigem oder leichtem Temperament zu sein und sich verfolgt oder befriedigt zu fühlen. Im allgemeinen wird jedoch aus der eben beschriebenen Hyperästhesie eine Gemütslage geschaffen, welche je nach den Augenblicken oder den Dingen wechselt, und so folgen sich abwechselnd angenehme und unangenehme Dispositionen. Der Exzessive, der von Natur argwöhnisch ist, ist gewöhnlich auch hochmütig, der Verfolgte ist auch stolz. Abgesehen von der Abnormität des Geistes wäre die Logik vollkommen. M… hatte, gleichzeitig mit dem Glauben, überall verfolgt oder geachtet, verraten oder geliebt zu werden, immer eine hohe Meinung von seinem Wert und seinen Verdiensten, und eine Art selbstherrlicher Gerechtigkeit, welches ihm oft das Verbrechen, welches er begeht, als eine gerechte That erscheinen läßt. Zuweilen erreicht seine Disposition zum Argwohn und zum Hochmut den Grad eines wirklichen Deliriums. Der Haß gegen den Bruder und die Schwägerin ist nicht mehr und nicht weniger als ein Verfolgungswahn, denn er wuchs ohne einen Schatten genügenden Grunds und nährte sich von rein imaginären Ansichten. Der Zorn gegen den zweiten Hauptmann der Strafkompagnie steigerte sich zur wahnsinnigen Heftigkeit. Seine Beredsamkeit in der Verteidigungsrede vor dem Militärgericht und dem Gerichtshof zu Monteleone zeigte krankhafte Selbstüberhebung. Welche Beziehungen hat nun diese Disposition zur Verfolgungs- und Selbstüberhebungswahnidee mit der epileptischen Natur, dem gewohnheitsmäßigen Verbrechertum und dem moralischen Irrsinn des M…? Wir haben gezeigt, daß die Epilepsie nicht jene gewöhnliche unverhüllte war, die sich in konvulsivischer Manifestation äußert, sondern daß sie sich vielmehr darauf beschränkt, eine sogenannte psychische Epilepsie zu sein, die sich in gelegentlichen psychischen Störungen äußert.
  17. Anstatt der Konvulsionen ist sie vorwiegend eine auf den Ausdruck des epileptischen Temperaments beschränkte Epilepsie. Sie ist eine, wie ich es nenne, diffuse Epilepsie, will sagen, die Wirkung eines Moments unvollständiger Entwicklung der Epilepsie selbst, welche durch eine Serie epileptischer Individualitäten hindurch sich ausgestaltet, bis sie den Gipfel der selbstthätigen Impulsion erreicht hat, die auf einen beschränkten Zeitraum (epileptischer Anfall) und einen bestimmten Sitz im Gehirn beschränkt ist; anderenteils ist sie bei M… auf der Staffel der Ausgestaltung nicht mehr soweit zurück, daß sie nicht in gewissen epileptischen Anfällen zum Ausdruck gelangt, die als Zeichen ihrer Unreife die Möglichkeit zeitlicher Beschränkung und die rasche und leichte Veränderlichkeit des Temperaments aufweisen. Daher die seltsame Wandelbarkeit des M…, unmoralisch, grausam, sanft und poetisch. Der argwöhnische und selbstgefällige Habitus des M… ist nichts anderes als der rudimentäre Ausdruck jener psychischen Manifestationen, die während des epileptischen Anfalls hyperbolische Wahnsinnsformen annehmen und neue und akute Bewußtseinszustände und Handlungen schaffen.
  18. Auch die Thatsache, daß M…'s Dispositionen zum Delirieren nicht in einem gewöhnlichen Anfall ihren Ursprung hatten, sondern im Laufe der Entwickelung seiner Person wuchsen und hierbei Gestalt und Intensität aus den Konditionen der anderen krankhaften Anzeichen gewannen, zusammen mit der Erwägung, daß die beiden Formen des Deliriums nicht wie bei der gewöhnlichen Entwickelung der Paranoia auf einander folgten, sondern ohne logische Beziehung neben einander aufwuchsen als Äußerungen der besonderen Disposition zur Reaktion, beweist, daß sie nur Äußerungen der degenerierten erblich überkommenen konstitutionellen Natur des M… sind.
  19. Dieser M… leidet demnach, um unser Urteil zusammen zu fassen, soweit die historischen und psychologischen Beweise ergeben, an nervös-psychischer Degeneration, welche sich durch dunkle, rudimentäre und vielfältige Manifestationen äußert. Wenn die Epilepsie des M… sich in der einen oder der anderen Weise mit großer Intensität geäußert hätte, so würde sie eine geringere Mannigfaltigkeit der Äußerungen und sich als isolierte Form gezeigt haben. So ist zu schließen, daß M…, der im Grunde und hauptsächlich Epileptiker ist, auch ein Verbrecher, ein moralisch Irrsinniger, ein Genie und ein an Verfolgungs- und Größenwahn Leidender ist.
  20. Vielleicht würden, wenn die degenerierte Natur des M… weniger ausgesprochen wäre, als sie es wirklich ist, die einzelnen krankhaften Erscheinungen von der Epilepsie weniger in Abhängigkeit gestanden haben, und würden anstatt die Schwestern, vielmehr die Töchter einer krankhaften Gesamterscheinung sein, die wegen der Differenzierung und Entwicklung der einzelnen Symptome sich aufgelöst hätte, ohne uns zur Erkenntnis zu gelangen. In dem Grade, wie die Epilepsie bei M… herrschte, konnte sie, wenn nicht als die Wurzel, so doch als der Stamm erscheinen, um den die krankhaften Erscheinungen hervortreten. Daher die wichtige Erwägung, daß die Disposition zum Verfolgungs- und Größenwahn mächtig dazu beitrug, den epileptischen Mechanismus in Bewegung zu setzen, durch den das Verbrechen ihm entsprang, insofern als diese Disposition in ihm den Boden schuf für die falsche Abschätzung, der die Reaktion entsprach, die ihrerseits mit der Größe der Beleidigung in keinem Verhältnis stand.
  21. Wir wollen sehen, ob unser Urteil durch die physische Untersuchung gestützt wird, die wir wiederholt an M… angestellt haben.
  22. Anomalien im Körperbau. Unsere sorgfältigen Untersuchungen haben zunächst einige Anomalien im Körperbau entdeckt, welche zwar keinen hohen Grad erreichen, die dennoch nicht übersehen werden dürfen. Es liegen vor:
  23. Diese Anomalien sind hervorragend atavistischer Natur, sie enthüllen ein Zurückbleiben in der körperlichen Entwicklung und erinnern an anatomische Gebilde, die bei den Tieren ersichtlich sind, mit denen der Mensch möglicherweise gleichen Ursprung hat. Der Kurzschädel würde an und für sich wenig Bedeutung haben, aber sie gewinnt, weil M… Kalabreser ist, wo der Langschädel die Regel ist, so daß das Gegenteil eine gewisse Rassendegeneration andeutet.
  24. Anomalien in der Sinnesempfindung. Hier finden wir die größten Anomalien. M… hat:
  25. Diese Anomalien der Sinnesempfindungen haben Wert als funktionelle Anomalien, die oft mit der Epilepsie verbunden sind.
  26. Tätowierungen. Die Tätowierung ist bei M… ein klinisches Phänomen, und hat einen hervorragenden psychologischen, soziologischen und pathologischen Wert. Die Tätowierung erscheint bei den Gefängnisinsassen, selten bei den Soldaten, welche Rachepläne und Erkennungszeichen unter der verbrecherischen Gesellschaft verabreden. Für den Schmerz, den die Tätowierung mit sich bringt und der gesunde Personen davon zurückhält, zeigen die Verbrecher eine gewisse Unempfindlichkeit und setzen sich demselben freiwillig aus. Die Tätowierung zeigt deutlich die Leichtfertigkeit und die Eitelkeit, die dem gewohnheitsmäßigen Verbrecher eigen sind, und die in ihm Gewissensbisse nicht aufkommen lassen und ihm eine Empfindung des eitlen Ruhms und der Überlegenheit verleihen.
  27. Subjektive Empfindungsstörungen. Er leidet an Schwindel, heftigen Kopfschmerzen, glaubt, daß das Haar sich ihm sträubt, und empfindet nervöse Abspannung in mehr oder minder naher Beziehung mit epileptischen Vorkommnissen.
  28. Anomalien der Bewegung. Unter dieser Rubrik verzeichnen wir:
  29. Alle diese Eigentümlichkeiten sind den Familien der erblich Degenerierten mit ungenügender Entwickelung gemeinsam, von denen die Blödsinnigen, die Nervösen, die Verbrecher, die moralisch Irrsinnigen und die, welche leicht in frühzeitige Paranoia verfallen, herstammen.

Alle diese Anomalien vervollständigen das Bild, welches die historisch-psychische Betrachtung des M… ergab. Sie beweisen, daß der Körper des M… eine Verzögerung und Ungleichheit der Entwickelung erfahren hat, aber diese Anomalien sind im einzelnen nicht genügend entwickelt, um eine derselben besonders hervortreten zu lassen. Auch hier hat sich die reversive Degeneration des M… auf einen rudimentären Grad beschränkt; daher das gleichzeitige Auftreten so vieler funktioneller Manifestationen verschiedener oder unentwickelter Natur.

Das pathologische Fundament der nervös-psychischen Anomalien des M… haben wir hauptsächlich in der Epilepsie gefunden, um welche sich als symptomatische oder coordinierte Erscheinungen alle anderen reihen: Verbrechertum, moralischer Irrsinn, Genialität, Verfolgungs- und Größenwahn. Das pathologisch-anatomische Fundament der Anomalie des Körperbaues, der Sinnesempfindungen und der Bewegungen tritt nicht so evident hervor, aber es ist ohne Zweifel die gehemmte Entwickelung der morphologischen Konstitution der Nervenzentren. Wie die psychische Epilepsie nicht bis zu den konvulsivischen Störungen vorschritt, so sind auch die Störungen des anatomischen Baues rudimentär, auch mit Beziehung zur Epilepsie, da sie nicht so weit gehen, dem Schädel die sonst bei den anderen Formen der Epilepsie gewöhnliche Form des Plattkopfes zu geben. Das Benehmen des M… in dem Irrenhause war ein solches, wie man es nach Kenntnis und Schätzung seiner Antecedentien erwarten konnte. M… war intelligent, vielleicht glaubte er, daß das Irrenhaus und das Urteil der Irrenärzte allein ihn der Justiz entziehen könnte. Zuversichtlich und selbstvertrauend hatte er den festen Vorsatz, zum Ziel zu gelangen. Auch er hatte seine Periode gewöhnlichen Simulantentums, worin sich die Eile, das gewünschte Urteil zu erlangen, äußerte. Aber sein scharfer Verstand mag ihm gesagt haben, daß er seine Position verdarb, und daß in den Augen der Psychiater die Simulation lächerlich und unwirksam ist. Deshalb wechselte er seine Taktik und suchte durch sein Benehmen das Wohlwollen und das Mitleid derer, die direkt oder indirekt einen Einfluß auf sein Urteil üben könnten, für sich zu gewinnen.

Aber sein Leiden enthüllte sich uns ohnehin, weil wir in den unnachahmlichen und physischen Anomalien die volle Übereinstimmung mit den psychischen Anomalien fanden. Jeder begreift, wie sehr seine Manuskripte Zeugnisse sind, die unser volles Vertrauen verdienen. In ihnen zeigt sich, ohne daß der Schreiber es gewollt hatte, die ganze krankhafte Anlage seines Temperaments, und sie sind eine treue Wiedergabe seines Charakters und eine genaue Formel der ganzen Dynamik, die ihn immer wieder zum Verbrechen hintrieb.

Gesamturteil.

Wir halten es für voll erwiesen, daß M… ein durch erbliche Veranlagung degenerierter Mensch ist, welcher Zeichen einer leichten anatomischen und funktionellen Entwickelungshemmung und atavistische und pathologische Zeichen aufweist, welche auf das Gebiet der nicht zur vollen Reife gelangten Entwickelung gehören.

Genau gesprochen halten wir ihn befallen von Formen des instinktiven Verbrechertums, des moralischen Irrsinns, des Verfolgungs- und Größenwahns, welche alle, obgleich ursprünglich die Erzeugnisse der reversiven Degeneration, von der Epilepsie beherrscht werden, an der M… auch leidet, und auch diese ist, wie die anderen krankhaften Erscheinungen, im rudimentären Zustande vorhanden.

Wir haben vorher gesagt, wie aus der Gesamtheit der krankhaften Natur des M… die Beweggründe zu seinen verbrecherischen Thaten entspringen mußten, denn er empfand und urteilte exzessiv, wie er auch subjektiv im Handeln und Reagieren war. Er tötete, verwundete und beleidigte, weil er sich beleidigt und verfolgt glaubte. Er tötete, verwundete und beleidigte ohne Erregung und ohne Mitleid, weil er keine normale Empfindung für Moral und Mitleid hatte. Er tötete, verwundete und beleidigte, wo kein genügender Grund dazu vorlag, denn in seinem heftigen impulsiven Charakter kamen die hemmenden und mäßigenden Faktoren nicht genügend zur Geltung. Der Fall des versuchten Brudermordes wird durch unsere Definierung des M… vollständig erklärt. Er haßte seinen Bruder infolge seiner Verfolgungswahnidee und der mangelhaften Art, verwandtschaftliche Liebe, Dankbarkeit und Verträglichkeit zu empfinden. Er bereitete das Verbrechen zähe und umsichtig vor, infolge seines exzessiv reizbaren und rachsüchtigen Temperaments. Er schoß den unschuldigen Bruder mitten in die Brust, weil in ihm Zorn und Haß blind, die Empfindungen verworren waren und jedes Maß fehlte. Er bereitete seine Verteidigung mit Zähigkeit und Verlogenheit vor, weil in ihm das ursprüngliche Gefühl der Selbsterhaltung riesenhaft überwog, jenes riesenhafte Gefühl, welches alle anderen sozialen Gefühle in ihm verdrängt, soweit sie nicht seiner, dem bürgerlichen Leben widerstrebenden Natur sich anpassen. Er handelte stets zum augenfälligen Nachteil für sich und die andern, oft auch unter der Illusion des unmittelbaren eigenen Nutzens. Er war kein Verbrecher aus Dummheit, denn er war intelligent; er war ein Verbrecher aus Instinkt, in ihm war ein Charakter der Unordnung, des Schadens, des sozialen Umsturzes personifiziert.

Er ist der Typus des Verbrechers, den die Gesellschaft bösartig nennt, jener Typus, den die Lombrososche Doktrin zu leugnen drohte, und welcher der gewöhnlichen Ansicht von der Geißel entspricht, die Gott entsendet, um die sündige Gesellschaft zu strafen.

In meinen Augen ist das in Wirklichkeit der Fall, denn wissenschaftlich gesprochen ist er einer der Faktoren des sozialen Gleichgewichts, und er blüht und gedeiht in der Gesellschaft, wo sich die biologische Notwendigkeit der Beschränkung der Bevölkerung geltend macht. Die flüchtigen und seltenen Anzeichen des Genies in ihm deuten darauf hin, daß die Natur von demselben Stoff wie für die abnormale Entwickelung die Elemente jedes für die Erhaltung des Gleichgewichts in der menschlichen Gesellschaft bestimmten Instruments nimmt. M…, in dem die Charakteristik des Verbrechers vorherrscht, wurde ein vorwiegend negatives Element.

War M…, als er den Brudermord versuchte, in einem Zustand, daß er nicht das vom Gesetz erforderliche Bewußtsein seiner strafbaren Handlung hatte? Das würde außer Zweifel sein, wenn er die That während einer den epileptischen Anfällen vorausgehenden Verrücktheit begangen hätte. Aber er gebrauchte lange Vorbereitungen dazu, und in dieser Zeit wußte er, was er thun wollte und was er auch gethan hat, er wußte es bis auf den Tag und die Minute.

Aber war es wirkliches Bewußtsein von seiner That, das M… hatte?

Wir unterscheiden zwei Bewußtseinsformen, eine intellektuelle und eine moralische. Daß er die erstere hatte, ist klar – aber die zweite? Hier muß man das sogenannte moralische Bewußtsein in der Erkenntnis der Immoralität einer Handlung und in der Empfindung dieser Immoralität unterscheiden.

Bei der ersten weiß ein Individuum, daß eine gewisse Handlung nicht nur andern schädlich ist, sondern auch, daß sie in der Gesellschaft, in der er lebt, für tadelnswert und verdammungswürdig gehalten wird; bei der zweiten empfindet er einen instinktiven Schauder, die That zu begehen, welche die Gesellschaft tadelt und verdammt. In der Regel existieren bei der bürgerlichen Erziehung beide Formen gleichzeitig neben einander. Aber es ist möglich, daß die Erkenntnis der Immoralität vorhanden und die Empfindung derselben nicht zur Ausbildung gelangt ist. Dies ist der Fall bei dem Zustande der Anomalie in der Formation der geistigen Persönlichkeit; bei den entgegengesetzten Zuständen der Dekadenz kann das moralische Empfinden vorhanden sein, während die Erkenntnis verschwunden oder verändert oder verdunkelt ist – oder umgekehrt; diese kann bleiben, während die Empfindung der Moralität verloren, abgeschwächt oder verändert sein kann. Auch können beide nicht gebildet, oder schlecht gebildet, oder verfallen oder verändert sein.[3]

Von grundlegender Bedeutung für die strafgesetzliche Verantwortlichkeit ist die Erkenntnis der Handlung; demgemäß muß diese Verantwortlichkeit die Erkenntnis der Immoralität voraussetzen und der Empfindung der Immoralität allmählich näher kommen.

Hatte nun M… in dem Augenblick, wo er den Brudermord versuchte, die Erkenntnis der Immoralität seiner Handlung? Gewiß, aber nicht entsprechend der Erkenntnis, welche in der Gesellschaft, in der er lebte, gewöhnlich ist. Er wußte, daß die Gesellschaft seine Handlung tadeln würde, aber er wußte bei sich selbst, daß die anderen und nicht er Unrecht hatten, und daß er natürlicher Weise das Recht habe, das zu thun, was er that. Ein Mensch von seinem Charakter hatte sich eine eigene Welt gestaltet, die seinen eigenen Gedanken entspricht, und er handelte in der Ueberzeugung, etwas zu thun, was von den andern getadelt werden würde, aber nicht von den Gesetzen der Gerechtigkeit, wie er sie auffaßte. Er hatte, um es so auszudrücken, das intellektuelle Bewußtsein der juristischen Immoralität seines Verbrechens, aber nicht die eigentliche Überzeugung der Immoralität der That selbst. Es ist genau die Sache wie mit einem Menschenfresser, der hier zu Lande einen Menschen verzehren würde: Er weiß, daß dies für schändlich gehalten wird, aber er selbst findet es in der Ordnung. Und da dieser Wilde nicht von der Immoralität überzeugt ist, als welche die andern seine Handlung erklären, so kann sich in ihm, so lange diese seine Meinung andauert, nicht eine Empfindung festsetzen, welche ihn spontan von seiner Handlung zurückschrecken lassen würde.

Das moralische Empfinden des M… wurde sicherlich nach dem Muster des speziellen Begriffs der Moralität, die er in sich trug, gebildet.

Heutzutage will das Gesetz, daß nur die im intellektuellen Bewußtsein begangenen Handlungen bestraft werden, oder meint es mit dem allgemeinen Wort »Bewußtsein« auch das moralische Bewußtsein? Wenn es auch dieses fordert, so ist klar, daß es dasselbe nach dem Muster desjenigen verlangt, wie es das Erbteil der gesunden und normalen Gesellschaft ist, und nicht wie es als Produkt irgend welcher krankhaften Geisteszustände erscheinen kann, und ohne Zweifel soll das Gesetz auch die Existenz des moralischen Bewußtseins fordern; denn das natürliche Fundament eines jeden Gesetzes ist bei einem freien Volke die allgemeine Überzeugung von seiner moralischen Nützlichkeit.

Hatte nun M…, als er die That beging, die volle Freiheit des Handelns?

Man kann sagen, er hatte sie weder ganz, noch fehlte sie ihm vollständig. Die freiwillige Handlung ist nicht ein freies Produkt des Geistes. Sie ist das Resultat vorhergehender psychologischer Motive, deren Intensität einen analogen freiwilligen Akt als Resultat giebt, und die Intensität der psychologischen Motive und der darauf folgenden Handlung steht in Beziehung mit der gewöhnlichen Art zu empfinden und zu urteilen und entspricht der Persönlichkeit.

Wir haben gesagt, daß M… durch seine epileptische Anlage exzessiv, heftig und impulsiv war. Daraus geht hervor, daß die Freiheit, über welche M… anscheinend verfügte, keine eigentliche, sondern durch sein Temperament beeinflußt war. Es ist bekannt, daß die Epileptiker leicht zu übertriebener Reaktion hingerissen werden.

Der Wille ist der Ausdruck einer kordialen Funktion, er ist das Produkt einer langsamen Evolutionsarbeit, welche als entfernte Antecedentien die automatischen Bewegungen und als Vermittler die Reflexhandlungen hat. Das, was automatisch und reflexiv ist, ist eine Nervenkraft, die noch nicht so weit ausgestaltet ist, daß sie ein Ausdruck bewußter Funktion ist. Das, was in den Willensakten exzessiv ist, ist eine Nervenkraft, die unter dem Impuls automatischer oder reflexiver Aktionen handelt. Zwischen dem Willensakt und dem Urteil, das ihm vorhergeht, besteht bei normalen Bedingungen ein Äquivalent der Intensität; der Exzeß des Willens stellt ein Gewicht dar, welches von außen dem Gleichgewicht hinzugefügt ist, ebenso wie das Gegenteil bei der Willenlosigkeit der Fall ist.

Die Epilepsie ist an sich selbst eine krankhafte Thatsache, welche einen Zustand der ungenügenden Willensentwickelung darstellt; sie ist der Ausdruck der Permanenz automatischer oder halbreflexiver Einflüsse. Um so eher mischt sie sich in diejenigen Willensakte, die von dem Urteil oder der Empfindung hervorgerufen sind, je weniger sie voll entwickelt, d. h. je mehr sie diffus ist.

M… leidet an dem, was ich diffuse Epilepsie nenne, und was gewöhnlich epileptisches Temperament genannt wird, und deshalb können seine Willensakte niemals richtig an der Intensität der logischen Motive, die sie hervorrufen, gemessen werden. Wenn er gegen seinen Bruder gerechten Grund zum Haß zu haben glaubte, und wenn seine Vernunft ihm das Urteil eingegeben hatte, sich zu rächen, so ging sein Wille außerordentlich über die Vorschriften der Vernunft hinaus, bis zum Mord.

Und deshalb war M… am Tage des Verbrechens nicht freier Herr seiner Handlungen.

Demnach würde M… im Sinne des Gesetzes nicht für das begangene Verbrechen verantwortlich gewesen sein, sondern entweder unverantwortlich oder halb verantwortlich.

Ist er unverantwortlich oder halb verantwortlich?

Das sind Fragen, die gewöhnlich dem Richter vorgelegt werden, der sie löst, indem er die Umstände, Thatsachen und Folgerungen sich in seiner Weise zurechtlegt.

Der Irrenarzt hat nicht die subtilen und endlosen Unterscheidungen des Rhetorikers oder Metaphysikers zur Verfügung, die ihm gestatten, die Schuld oder das Verdienst an einer gegebenen Handlung zum Teil auf die Seele und zum Teil auf den Körper zu verteilen.

Als ich mich dem dunklen Abgrund näherte, wo die Seelenthätigkeit sich vollzieht, da hat mir die schwache Leuchte der Wissenschaft flüchtig einige der Faktoren enthüllt, welche die gröbsten Äußerungen des Geistes bestimmen. Und dieses geringe Ergebnis genügte, um mich zu überzeugen, daß auch in der Thätigkeit des Geistes ein unabänderlicher Determinismus herrscht, daß unter gegebenen Umständen besondere Aktionen bestimmte notwendige Wirkungen hervorrufen. Aber in der langen Kette von Reizen, welche jede Bewegung des Geistes bestimmt, vermag man nicht zu sagen, wie weit eine Aktion durch eine andere aufgehoben oder beeinflußt werden kann.

Wenn in M… beim Begehen seines Verbrechens der Einfluß realer äußerer Motive die Reaktion bestimmt, so wissen wir nicht, einerseits inwieweit diese Motive Unterstützung oder Widerstand in seinem habituellen Charakter fanden (d. h. in seiner gewöhnlichen Art zu denken und zu reagieren, die durch erbliche und erworbene Neigungen, welche allmählich aus der Erfahrung hergenommen werden, bewirkt ist), und inwieweit andererseits die realen Motive einen Antrieb oder eine mehr oder minder starke Färbung durch jenes Mittelmaß empfangen haben, welches gewöhnlichen Menschen zukommen würde, die ungefähr in seiner Lage und seinen Verhältnissen sich befinden. Wenn man also sagen wollte, daß M… bis zu dem oder jenem Grade die moralische Verantwortung für sein Verbrechen trage, so hieße das glauben machen, daß man den Vorgang, der sich in der Seele bis zum Zustandekommen eines bestimmten Willensaktes abspielt, genau übersieht.

Der Wissenschaft soll man solche Fragen nicht vorlegen, sie gehören den Metaphysikern und den Theologen, welche den Fuß auf den festen Boden setzen, der ihnen durch ein Axiom oder ein Dogma gegeben wird, und von wo aus sie durch Syllogismen weiter schließen. Uns fehlen beide Prämissen.

Was heißt verantwortlich oder unverantwortlich für den Gelehrten?

Wir können bezüglich des M… nur die Erklärung abgeben: das Verbrechen erfolgte als Reaktion auf Motive, die zum großen Teil delirienartiger Natur waren, und die in dem krankhaften Temperament des M… günstige Konditionen gefunden haben, um exzessive und unmoralische Wirkungen hervorzubringen.

Ist M… strafbar oder nicht?

Auch auf diese Frage hat der Irrenarzt nicht zu antworten.

Der Begriff der Strafe, wie er vom Gesetzbuch verstanden wird, ist eine soziale Konvention, welche, um angenommen zu werden, als notwendige Voraussetzung die allgemeinen und besonderen Bedingungen hat, unter welchen im allgemeinen Verträge als giltig anerkannt werden. Dazu gehört in erster Linie die geistige Gesundheit des Kontrahenten.

In unserm Fall ist M… nicht gesund; folglich hat man mit Bezug auf ihn nicht von einer »Strafe« zu sprechen. Vielmehr hat der Irrenarzt sich zu fragen: Ist es möglich und wahrscheinlich, daß er unter denselben oder ähnlichen Umständen die That wiederholt, und glaubt die Behörde eventuell ein Mittel zu finden, ihn für die Gesellschaft unschädlich zu machen?

Auf diese Frage antworten wir: M… wird nie von seiner Krankheit gesunden und wird deshalb immer geneigt sein, die Verbrechen zu wiederholen, von denen seine Existenz bis heute voll ist. Und deshalb hat die Behörde, in der Ueberzeugung, daß in dem vorliegenden Fall den M… keine Schuld trifft und ihn darum keine Strafe treffen kann, dafür zu sorgen, daß er unschädlich gemacht werde.

Soll sie ihn in die Verbrecherirrenanstalt schicken?

Er müßte an einen sicheren Ort gebracht werden, den er nicht eher verlassen dürfte, bis er unschädlich ist.

Wird das nie eintreten?

Man wird im Ernst nicht glauben, daß das vermittelst der Heilkunst geschehen kann, aber vielleicht könnte in dem Laufe der organischen Entwicklung des M… ein Moment kommen, wo M… für die Gesellschaft unschädlich ist. Vielleicht könnte das Alter das herbeiführen.

Der erfahrene Mann, der mit der Überwachung des M… vertraut ist, könnte seiner Zeit beurteilen, ob der Fall eingetreten ist.

Und ohne den Makel der Schuld und ohne irgend eine Form der Strafe müßte M… der Öffentlichkeit die Sicherheit bieten, daß von ihm jetzt keine den Mitmenschen nachteilige Handlung mehr ausgehen wird.

Wenn übrigens der Gerichtshof die Sache anders auffaßt und M… zu einer langen Kerkerstrafe verurteilt, so würde der Irrenarzt sich dabei beruhigen, daß dem gefährlichen Menschen, wenn auch vermittelst des Gefängnisses, die Gelegenheit, weitere Verbrechen zu begehen, entzogen wird.

Wenn über der Kerkerthür nicht das Wort »Strafe« geschrieben stände, oder wenn, besser noch, diesem Wort eine vernünftigere Bedeutung beigelegt würde, wie etwa Besserung oder Abwehr, wieviel besser würde dann dieser Kerker sein als die Verbrecherirrenanstalt, aus der ein gefälliger Richter nach einem unqualifizierbaren Artikel des gegenwärtigen Gesetzbuchs die gefährlichen Menschen entlassen kann, welche Mittel haben, sich ihm zu empfehlen.

Girifalco, Juli 1891.

Prof. Silvio Venturi,
Direktor des Provinzial-Irrenhauses.