Anmerkungen zur Transkription

Die nicht sehr häufigen typografischen und Fehler bei der Zeichensetzung sind stillschweigend bereinigt.

Das Deckblatt ist vom Einband des Originals übernommen; es geht damit in die "public domain".

1. Haupt der h. Christina von Stommeln.

Die selige Christina
von Stommeln.

Von

Dr. Arnold Steffens,

Domkapitular.

1912.

Druck und Kommissionsverlag der Fuldaer Actiendruckerei
in Fulda.

Imprimatur.

Fuldae, 29. Okt. 1912.

Dr. Arenhold,
Vic. gen.

Vorwort.
______

Die selige Christina von Stommeln, die vielgenannte und vielfach verkannte hervorragendste Vertreterin des beschaulichen Lebens im Cölner Erzbistum aus dem dreizehnten Jahrhundert, ist in letzter Zeit infolge der seitens des h. apostolischen Stuhles erfolgten Bestätigung ihrer unvordenklichen Verehrung Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit geworden. Die Nachfragen nach einer eingehenden Darstellung ihres Lebens mehrten sich. Das im Jahre 1859 über sie erschienene Buch von Pfarrer Theodor Wollersheim ist längst im Buchhandel vergriffen. Eine Neuauflage desselben empfahl sich nicht, weil es mehr eine Uebersetzung der Materialien zur Geschichte Christinas ist, und zudem noch eine vielfach ungenaue und irrtümliche, als eine durchgearbeitete Darstellung ihres Lebens.

Da der Verfasser gegenwärtiger Arbeit im kirchlichen Prozeß der Bestätigung der Verehrung Christinas als Antragsteller das Beweismaterial beizubringen hatte und sich deshalb mit allem, was auf die Dienerin Gottes Bezug hatte, vertraut machen mußte, wurde er von verschiedenen Seiten ersucht, eine neue Darstellung ihres Lebens zu bearbeiten, zumal am 6. November dieses Jahres die sechste Jahrhundertfeier ihres Todes eintrifft.

Die Aufgabe hat ihr Verlockendes, aber auch ihr Schwieriges.

Verlockend ist sie, weil es sich darum handelt, eine innige, gottliebende, durch das Feuer der Trübsale erprobte starkmütige Frauengestalt der an Heiligen jederzeit fruchtbaren Cölner Kirche zu schildern.

Schwierig ist sie, weil Christina zu jenen zählt, die auf dem Wege der innigsten Gottvereinigung, die ein Ausfluß der Gaben des h. Geistes ist und gewöhnlich als mystische bezeichnet wird, zur beseligenden Anschauung Gottes im himmlischen Vaterlande geführt wurde. Solche Seelen aber sind regelmäßig durch Gottes Zulassung Gegenstand außergewöhnlicher Anfechtungen und Quälereien seitens der bösen Geister. Auch in Christinas Leben treten sie in die Erscheinung, sind jedoch beschränkt auf die Bußzeiten des Kirchenjahres und finden sich auch nur in den beiden mittleren Jahrzehnten ihrer siebenzigjährigen Lebensdauer. Da alles Dämonische stets seine dunklen Seiten hat, eine eingehende Nachprüfung der vielgestaltigen, stets neuen Arten der angeblichen teuflischen Quälereien, die über sechshundert Jahre zurückliegen, im Einzelnen kaum möglich ist, auch ermüdend wirken würde, erschien es dem Verfasser am zweckmäßigsten, Christina so zu schildern, wie sie sich selbst gibt, und den Ideenkreis ihrer Zeit getreu wiederzugeben. Einzelne der berichteten Vorgänge lassen sich freilich als Krankheitserscheinungen erklären; allein die meisten haben mit Krankheitserscheinungen nicht den mindesten Zusammenhang, sie sind einfach körperliche Mißhandlungen, die von unsichtbarer Hand ausgeführt wurden.

Selbstverständlich bleibt es einem jeden überlassen, sich über diese Vorgänge sein Urteil zu bilden. Die Verehrungswürdigkeit Christinas hängt nicht davon ab, ob ihre Leiden natürlichen oder teuflischen Ursprunges waren. Sie hat dieselben mit heldenmütiger Geduld ertragen. Auch für solche, die geneigt sind, Christinas Leiden und Anfechtungen auf natürliche Gründe zurückzuführen, gilt sie als eine fromme und heilige Person.

Quelle der Darstellung ist vor allem der handschriftliche Kodex des Pfarrarchivs zu Jülich, der den Titel führt: Legenda et passio sancte christine virginis. Er ist auf Pergament geschrieben, in Holz und Leder gebunden und besteht aus drei Büchern. Das erste Buch hat die Ueberschrift: Incipit liber primus de virtutibus sponsae Cristi Cristinae compilatus a fratre Petro de ordine predicatorum. Es zählte 39 Blätter, von denen jedoch 22 fehlen. Im Anschluß an 43 Hexameter handelt es von den Tugenden, die Christina besonders zierten, ohne daß jedoch ihr Name genannt wird. Abgesehen von den Hexametern ist dasselbe noch nicht veröffentlicht. Das zweite Buch hat die Aufschrift: Incipit liber secundus de vita benedicte virginis Cristi Cristine. Es zählt 55 Blätter. Dasselbe wurde auf Kosten der schwedischen Staatsregierung in mustergültiger Weise herausgegeben im Jahre 1896 durch Professor Johannes Paulson in Gotenburg (Wettergren und Kerber). Das dritte Buch ist überschrieben: Incipit liber tertius de passionibus sepe benedicte virginis cristi cristine, quem compilavit magister Johannes capellanus virginis. Es zählte gleichfalls 55 Blätter; die Zählung schließt sich jedoch an die des zweiten Buches an. Das vorletzte Blatt fehlt. Es ist veröffentlicht bei den Bollandisten unter dem 22. Juni, und auch Professor Paulson hat im Appendix seiner Schrift: In tertiam partem libri Juliacensis annotationes, Blatt 66-72 und 110 aus demselben abgedruckt. Verfaßt ist der Kodex zur Zeit, als Christina und Petrus noch lebten, also noch vor 1288. Der Kodex, wie er jetzt ist, wurde zusammengestellt und geschrieben um das Jahr 1340, wahrscheinlich auf Veranlassung des Grafen Dietrich von Cleve.

Das dritte Buch enthält ausgesprochenermaßen Berichte über Vorgänge visionärer Natur und kommt daher für die Geschichte wenig in Betracht.

Die bei den Bollandisten unter dem 22. Juni abgedruckte Vita anonyma ist eine bald nach Christinas Tode aus dem im Jülicher Kodex vorhandenen Material zusammengestellte Lebensbeschreibung Christinas, die wohl zur Einleitung ihrer Heiligsprechung dienen sollte. Sie kommt nebst einer Nachschrift zum zweiten Buch der Jülicher Handschrift in Betracht für das Lebensende Christinas und den Beginn ihrer kirchlichen Verehrung.

Unsere Darstellung fußt, was Christinas Leben anbelangt, im Wesentlichen auf dem zweiten Buch der Jülicher Handschrift, das Petrus von Dazien als Augenzeuge der Vorgänge geschrieben und sein Landsmann, Professor Johannes Paulson im Jahre 1896 herausgegeben hat.

Petrus von Dazien war ein gewissenhafter Schriftsteller, der außerordentlich sorgfältig arbeitete. Die ungemein zahlreichen, in dem Buch vorkommenden Orts- und Zeitangaben, desgleichen die Angaben über Persönlichkeiten und Zeitverhältnisse, überhaupt alle Angaben, die eben nachgeprüft werden können, erweisen sich als zutreffend, sodaß kein Grund, Dingen, die sich der Nachprüfung entziehen, die Glaubwürdigkeit abzusprechen. Er berichtet getreulich und umständlich, was er gesehen und gehört. Ob er die Natur der außergewöhnlichen Vorgänge im Leben Christinas richtig erfaßt und beurteilt hat, bleibt dahingestellt. Man tut ihm jedoch Unrecht, wenn man sagt, er habe alles Außergewöhnliche gleich für Teufelswerk gehalten. Im Gegenteil forschte er mitunter nach, ob nicht äußere Ursachen, etwa mutwillige Menschen, die Vorgänge bewirkt hätten. Daß auch innere Ursachen im Spiel sein konnten und einzelne Vorgänge als Krankheitserscheinungen sich deuten lassen, scheint ihm freilich nicht in den Sinn gekommen zu sein, weil eben Christina nicht krankhaft veranlagt war.

Der Verfasser dieser Schrift hat seinen persönlichen Anschauungen rückhaltlos Ausdruck gegeben. Er will aber dadurch andere nicht verpflichten und unterwirft dieselben ebenso rückhaltlos dem Urteile der Kirche.

Cöln, den 24. Juli 1912.

Dr. Arnold Steffens.

Literatur.
______